[gfp:] Mit Bomben gegen Teheran

Hegemonialkonflikt am Golf

Kern der erbit­ter­ten Macht­kämp­fe im Nahen und Mitt­le­ren Osten ist, wie es in einem aktu­el­len „Arbeits­pa­pier“ der Bun­des­aka­de­mie für Sicher­heits­po­li­tik (BAKS) heißt, der Kon­flikt zwi­schen Sau­di-Ara­bi­en und Iran – „die zen­tra­le macht­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung“ der Region.[1] Ursa­che ist, dass bei­de Staa­ten einen Hege­mo­ni­al­an­spruch am Per­si­schen Golf erhe­ben; Iran kann sich dabei nicht nur auf eine im regio­na­len Ver­gleich alt­ge­wach­se­ne indus­tri­el­le Grund­struk­tur, son­dern auch auf eine zah­len­star­ke, rela­tiv gut aus­ge­bil­de­te Bevöl­ke­rung stüt­zen. Macht­po­li­tisch pro­fi­tiert Tehe­ran zudem von der west­li­chen Gewalt­po­li­tik der ver­gan­ge­nen bei­den Jahr­zehn­te. So ist sein tra­di­tio­nel­ler Riva­le Irak im Jahr 2003 nicht nur von den USA macht­po­li­tisch aus­ge­schal­tet wor­den; die schii­ti­sche Bevöl­ke­rungs­mehr­heit in dem Land stellt seit­her zudem sicher, dass Iran über wach­sen­den Ein­fluss in Bag­dad ver­fügt. In Syri­en hat der Wes­ten mit dem Ver­such, die Regie­rung von Prä­si­dent Bas­har al Assad zu stür­zen, die­se zuneh­mend an die Sei­te nicht nur Mos­kaus, son­dern auch Tehe­rans getrie­ben und pro­ira­ni­schen Mili­zen Türen geöff­net. Im Jemen haben sich die Hou­thi-Mili­zen, seit Sau­di-Ara­bi­en 2015 den Krieg gegen sie begann, eben­falls immer mehr Iran ange­nä­hert. Von der geschei­ter­ten Poli­tik sei­ner Fein­de pro­fi­tiert Tehe­ran.

Architekten des Atomabkommens

Aktu­ell ist in der Iran­po­li­tik des Wes­tens und sei­ner Ver­bün­de­ten eine dop­pel­te Ent­wick­lung zu ver­zeich­nen. Zum einen lässt der künf­ti­ge US-Prä­si­dent Joe Biden die Absicht erken­nen, sich von der geschei­ter­ten Poli­tik „maxi­ma­len Drucks“, wie sie die Trump-Admi­nis­tra­ti­on ver­folgt hat­te, zu distan­zie­ren und ein neu­es Abkom­men mit Tehe­ran anzu­stre­ben. Der künf­ti­ge US-Außen­mi­nis­ter Ant­o­ny Blin­ken gilt als einer der Archi­tek­ten des Atom­ab­kom­mens mit Tehe­ran und hat des­sen Bruch durch den schei­den­den US-Prä­si­den­ten mehr­fach hef­tig kri­ti­siert. Der desi­gnier­te CIA-Chef Wil­liam Burns hat­te bereits 2008 ers­te, damals noch gehei­me Gesprächs­kon­tak­te nach Tehe­ran auf­ge­baut und ab 2013 dann einen eben­falls zunächst gehei­men Ver­hand­lungs­ka­nal instal­liert, dies gemein­sam mit Jake Sul­li­van, der künf­tig den Natio­na­len Sicher­heits­rat lei­ten wird.[2] Frei­lich wer­de die Biden-Admi­nis­tra­ti­on nicht ein­fach das Atom­ab­kom­men von 2015 wie­der akti­vie­ren wol­len, heißt es in dem BAKS-Arbeits­pa­pier: Iran habe sei­ne Stel­lung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren unge­ach­tet der US-Sank­tio­nen punk­tu­ell stär­ken kön­nen; so habe das Land erfolg­reich nicht nur sein Rake­ten­pro­gramm vor­an­ge­trie­ben, son­dern auch die Posi­ti­on mit ihm ver­bün­de­ter Mili­zen in meh­re­ren Län­dern der Regi­on – vom Irak über den Liba­non bis zum Jemen – eben­falls erfolg­reich unter­stützt. In künf­ti­gen Ver­hand­lun­gen sol­le Iran sei­ne Ein­fluss­ge­win­ne wie­der preis­ge­ben.

Schulterschluss gegen Teheran

Zum ande­ren ist es den regio­na­len Geg­nern Irans in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten gelun­gen, sich enger denn je zuvor zusam­men­zu­schlie­ßen. So hat nicht nur der Gulf Coope­ra­ti­on Coun­cil (GCC), der Zusam­men­schluss Sau­di-Ara­bi­ens mit den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, Qatar, Bah­rain, Kuwait und Oman, mit der jüngst ver­kün­de­ten Been­di­gung der Blo­cka­de Qatars durch Riad und Abu Dha­bi wie­der die Fähig­keit zu abge­stimm­tem Han­deln erlangt. Ins­be­son­de­re aber trägt die Nor­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen Isra­el auf der einen, den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten sowie Bah­rain auf der ande­ren Sei­te dazu bei, die Rei­hen im Nahen und Mitt­le­ren Osten gegen Tehe­ran zu schlie­ßen. Sau­di-Ara­bi­en hat zwar sei­ne Bezie­hun­gen zu Isra­el noch nicht for­mell nor­ma­li­siert; infor­mell steu­ert es aller­dings längst dar­auf zu.[3] Wie Gui­do Stein­berg, Autor des BAKS-Arbeits­pa­piers sowie Mit­tel­ost­ex­per­te der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP), urteilt, sei Isra­el für die Golf­staa­ten nicht zuletzt des­halb „attrak­tiv“, weil es „mit Aktio­nen wie der geziel­ten Tötung von Gene­ral Moh­sen Fakhriz­adeh“, der „Schlüs­sel­fi­gur im ira­ni­schen Atom­pro­gramm“, im Novem­ber 2020 gezeigt habe, „dass es bereit und in der Lage ist, alles sei­ne Res­sour­cen zu mobi­li­sie­ren“, um die „ato­ma­re Bewaff­nung Irans zu verhindern“.[4]

„Das letzte Zeitfenster“

Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas dringt seit Joe Bidens Wahl­sieg ver­stärkt dar­auf, das Atom­ab­kom­men mit Iran wie­der regu­lär umzu­set­zen. „Die Chan­ce, die sich jetzt bie­tet“, sei das „letz­te Zeit­fens­ter“, erklär­te der Minis­ter im Dezem­ber; es dür­fe „nicht ver­spielt werden“.[5] Frei­lich hat der Mord an Fakhriz­adeh die Aus­sich­ten ver­schlech­tert; Tehe­ran hat in Reak­ti­on dar­auf, dass Irans Bür­ger fak­tisch als fol­gen­los exe­ku­tier­ba­res Frei­wild behan­delt wer­den, begon­nen, die Anrei­che­rung des Urans in sei­nen Anla­gen teil­wei­se auf 20 Pro­zent anzuheben.[6] Hin­zu kommt, dass Iran nicht davon aus­ge­hen kann, dass eine erneu­te Eini­gung auf das Atom­ab­kom­men nach der nächs­ten US-Wahl im Jahr 2024 Bestand haben wird; wider­sprä­che dies den Lau­nen des Wahl­sie­gers, könn­te er die Ver­ein­ba­rung – wie Trump – ohne wei­te­res erneut bre­chen. Damit wer­de es „noch schwie­ri­ger“, Tehe­ran zu ver­an­las­sen, „sub­stan­ti­el­le Zuge­ständ­nis­se zu machen“, urteilt die BAKS.[7]

Deutsche Interessen

In die­ser Situa­ti­on dringt die BAKS nicht nur dar­auf, Ber­lin sol­le sich bei etwai­gen Ver­hand­lun­gen in Sachen Atom­ab­kom­men umstands­los „hin­ter die Regie­rung Biden stellen“.[8] Sie for­dert zudem, die Bun­des­re­gie­rung sol­le sich auch „auf die wahr­schein­li­che­ren Sze­na­ri­en vor­be­rei­ten, in denen es zu kei­ner oder kei­ner bal­di­gen Ver­hand­lungs­lö­sung kommt“. In die­sem Fall gel­te es „eine Stra­te­gie der lang­fris­ti­gen Ein­däm­mung Irans [zu] ent­wi­ckeln, die nur funk­tio­nie­ren kann, wenn die USA, ihre euro­päi­schen Ver­bün­de­ten und die pro­west­li­chen Regio­nal­staa­ten eng zusam­men­ar­bei­ten“. Zur Zusam­men­ar­beit aber gehör­ten auch die „oft kri­ti­sier­ten Waf­fen­lie­fe­run­gen an pro­ble­ma­ti­sche Staa­ten wie Sau­di-Ara­bi­en oder die VAE“. Eine Ein­stel­lung die­ser Lie­fe­run­gen hat­ten erst kürz­lich SWP-Exper­ten gefor­dert (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]). Dar­über hin­aus heißt es bei der BAKS, zen­tra­les „Inter­es­se der Bun­des­re­pu­blik“ müs­se es sein, die ato­ma­re Bewaf­fung der Staa­ten des Mitt­le­ren Ostens zu ver­hin­dern. „Not­wen­di­ge Kon­se­quenz die­ser Inter­es­sen­de­fi­ni­ti­on“ kön­ne es „im Extrem­fall sein, auch einen Mili­tär­schlag der USA und/​oder Isra­els gegen Iran zu unterstützen“.[10] Iran wäre dann das vier­te Land inner­halb von weni­ger als zwei Jahr­zehn­ten, das der Wes­ten ent­we­der per Krieg (Irak, Liby­en) oder per mili­tä­ri­scher Sub­ver­si­on (Syri­en) zer­stört.

[1] Gui­do Stein­berg: Kal­ter Krieg im Nahen Osten. Der ira­nisch-sau­di­sche Kon­flikt domi­niert die Regi­on. BAKS-Arbeits­pa­pier 1/​21. Ber­lin, Janu­ar 2021.

[2] Majid Sattar: Diplo­ma­ti­sche Geheim­waf­fe. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 13.01.2021.

[3] Gud­run Har­rer: Sau­dis rech­nen mit dem toten Ara­fat ab. der​stan​dard​.de 15.10.2020.

[4] Gui­do Stein­berg: Kal­ter Krieg im Nahen Osten. Der ira­nisch-sau­di­sche Kon­flikt domi­niert die Regi­on. BAKS-Arbeits­pa­pier 1/​21. Ber­lin, Janu­ar 2021.

[5] Maas sieht „letz­tes Zeit­fens­ter“ für Atom­ab­kom­men mit Iran. dw​.com 21.12.2020. S. auch Die nächs­te Run­de im Atom­streit mit Iran.

[6] Iran rei­chert Uran höher an. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 05.01.2021.

[7], [8] Gui­do Stein­berg: Kal­ter Krieg im Nahen Osten. Der ira­nisch-sau­di­sche Kon­flikt domi­niert die Regi­on. BAKS-Arbeits­pa­pier 1/​21. Ber­lin, Janu­ar 2021.

[9] S. dazu Die Mili­ta­ri­sie­rung der ara­bi­schen Außen­po­li­tik.

[10] S. dazu Gui­do Stein­berg: Kal­ter Krieg im Nahen Osten. Der ira­nisch-sau­di­sche Kon­flikt domi­niert die Regi­on. BAKS-Arbeits­pa­pier 1/​21. Ber­lin, Janu­ar 2021.

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