[KgK:] Ist Trump ein Faschist?

Für vie­le Men­schen bringt eine rech­te Kam­pa­gne, die zu poli­ti­scher Gewalt gegen ihre Gegner:innen, auch gegen die Regie­rung, auf­ruft, ein Wort in den Sinn: Faschis­mus. Vie­le auf der lin­ken Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums, die sich von wenig mehr als Impres­sio­nis­mus lei­ten las­sen, ver­wen­den das Wort als ein Adjek­tiv. Im Lau­fe der US-ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te wur­den poli­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten wie die Sena­to­ren Joseph McCar­thy und Bar­ry Gold­wa­ter, Prä­si­dent Geor­ge W. Bush und vie­le ande­re als Faschis­ten bezeich­net. Nach den Unru­hen am Mitt­woch im US-ame­ri­ka­ni­schen Kapi­tol wur­de viel dar­über gespro­chen.

Faschis­mus und Faschist:in kön­nen jedoch nicht auf Belei­di­gun­gen oder Adjek­ti­ve redu­ziert wer­den. Die Begrif­fe haben kon­kre­te Bedeu­tun­gen – die von wich­ti­gen Marxist:innen geprägt wur­den, ins­be­son­de­re von Leo Trotz­ki. Wie er in einem Brief an einen eng­li­schen Genos­sen am 15. Novem­ber 1931 schrieb:

Wol­len wir irgend­wel­che Pro­gno­sen für die Ent­wick­lung des Faschis­mus geben, so brau­chen wir zuerst einen bestimm­ten Begriff von der Sache. Was ist Faschis­mus? Was ist sei­ne gesell­schaft­li­che Basis, sei­ne Erschei­nungs­form, was sind sei­ne Merk­ma­le? Wie wird sich sei­ne Ent­wick­lung voll­zie­hen? Man muss an die­se Fra­gen wis­sen­schaft­lich und auf mar­xis­ti­sche Art her­an­ge­hen.

Die marxistische Definition des Faschismus

Fast ein Jahr­zehnt zuvor, am 20. Juni 1923, gab Cla­ra Zet­kin dem Drit­ten Ple­num des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le einen Bericht über den Kampf gegen den Faschis­mus – der zu die­ser Zeit in Ita­li­en neu war -. Zet­kin war eine Kom­mu­nis­tin, die mit Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg im links­ex­tre­men Flü­gel der deut­schen mar­xis­ti­schen Bewe­gung gear­bei­tet hat­te und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei des Lan­des mit­be­grün­de­te. Sie war ein kom­mu­nis­ti­sches Mit­glied des Reichs­tags (Deutsch­lands Par­la­ment) von 1920 bis 1933, als Hit­ler an die Macht kam.

„Es hat gro­ße Ver­wir­rung in Bezug auf den Faschis­mus gege­ben“, sag­te sie ihren Genos­sen auf dem Ple­num, „nicht nur unter den brei­ten Mas­sen der Pro­le­ta­ri­er, son­dern auch inner­halb ihrer revo­lu­tio­nä­ren Avant­gar­de, unter den Kom­mu­nis­ten … Zunächst war die vor­herr­schen­de Ansicht, dass der Faschis­mus nichts ande­res als gewalt­tä­ti­ger bür­ger­li­cher Ter­ror sei …,“ aber

Der Faschis­mus ist ganz anders als das. Er ist ganz und gar nicht die Rache der Bour­geoi­sie gegen den kämp­fe­ri­schen Auf­stand des Pro­le­ta­ri­ats. His­to­risch gese­hen, objek­tiv betrach­tet, kommt der Faschis­mus viel mehr als Stra­fe daher … Und die Basis des Faschis­mus liegt nicht in einer klei­nen Kas­te, son­dern in brei­ten gesell­schaft­li­chen Schich­ten, brei­ten Mas­sen, die bis ins Pro­le­ta­ri­at hin­ein­rei­chen. Die­se wesent­li­chen Unter­schie­de müs­sen wir ver­ste­hen, um dem Faschis­mus erfolg­reich begeg­nen zu kön­nen. Mili­tä­ri­sche Mit­tel allein kön­nen ihn nicht besie­gen, wenn ich die­sen Begriff ver­wen­den darf; wir müs­sen ihn auch poli­tisch und ideo­lo­gisch zu Boden rin­gen.

Zet­kin mach­te einen wei­te­ren wich­ti­gen Punkt, einen, der in Trotz­kis spä­te­rer Ana­ly­se in den Vor­der­grund trat. Der Faschis­mus, erklär­te sie:

… tritt dem Pro­le­ta­ri­at als ein außer­or­dent­lich gefähr­li­cher und furcht­ba­rer Feind ent­ge­gen. Der Faschis­mus ist in die­ser Zeit der stärks­te, kon­zen­trier­tes­te und klas­si­sche Aus­druck der Gene­ral­of­fen­si­ve der Welt­bour­geoi­sie. Es ist drin­gend not­wen­dig, ihn zu Fall zu brin­gen … Es ist auch eine Fra­ge des Über­le­bens für jeden gewöhn­li­chen Arbei­ter, eine Fra­ge des Bro­tes, der Arbeits­be­din­gun­gen und der Lebens­qua­li­tät für Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen von Aus­ge­beu­te­ten.

Analyse des Faschismus in der Gegenwart

Die Unter­su­chung des Faschis­mus in sei­nen Anfän­gen wur­de durch die Tat­sa­che ver­stärkt, dass Trotz­ki das Phä­no­men nicht beschrieb, indem er auf etwas in der Geschich­te zurück­blick­te; er ana­ly­sier­te es, wie es sich in Euro­pa zu die­sem Zeit­punkt ent­fal­te­te. Wäh­rend er wie Zet­kin mit der Ana­ly­se des Phä­no­mens begann, als es mit Mus­so­li­nis Sieg in Ita­li­en 1922 erst­mals auf­trat, ver­tief­te er sei­ne Ana­ly­se bis zu Hit­lers Tri­umph in Deutsch­land 1933. Danach wand­te er sich der Ana­ly­se und der Orga­ni­sa­ti­on des Kamp­fes dage­gen zu, bis zu sei­ner Ermor­dung durch einen sta­li­nis­ti­schen Agen­ten im Jahr 1940.

Indem er erklär­te, wie der Faschis­mus ent­steht und wes­sen Inter­es­sen er die­nen soll, unter­schied sich Trotz­ki deut­lich von jener impres­sio­nis­ti­schen Ver­wen­dung der Cha­rak­te­ri­sie­rung, die sich auf rech­te Ideo­lo­gie und Auto­ri­ta­ris­mus kon­zen­triert. Er erläu­ter­te ihren Inhalt und Zweck in „Wie Mus­so­li­ni tri­um­phier­te„, [1]einem Abschnitt sei­nes 1932 erschie­ne­nen Buches „Was nun? Schick­sals­fra­gen des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats“:

In dem Moment, in dem die „nor­ma­len“ poli­zei­li­chen und mili­tä­ri­schen Mit­tel der bür­ger­li­chen Dik­ta­tur zusam­men mit ihren par­la­men­ta­ri­schen Schutz­schir­men nicht mehr aus­rei­chen, um die Gesell­schaft im Gleich­ge­wicht zu hal­ten – kommt die Wen­de des faschis­ti­schen Regimes. Durch die faschis­ti­sche Agen­tur setzt der Kapi­ta­lis­mus die Mas­sen der durch­ge­dreh­ten Klein­bour­geoi­sie und die Ban­den des deklas­sier­ten und demo­ra­li­sier­ten Lum­pen­pro­le­ta­ri­ats in Bewe­gung – all die zahl­lo­sen Men­schen, die das Finanz­ka­pi­tal selbst zur Ver­zweif­lung und Rase­rei gebracht hat.

Mit ande­ren Wor­ten: Der Faschis­mus kommt, nach­dem die herr­schen­de Klas­se als Klas­se ihre regu­lä­ren Ansät­ze zur Auf­recht­erhal­tung ihrer Kon­trol­le über die Arbeiter:innenklasse erschöpft hat. Er ist nicht nur eine schlech­te­re Ver­si­on des all­täg­li­chen Funk­tio­nie­rens des repres­si­ven Staats­ap­pa­rats – der „nor­ma­len“ Poli­zei zum Bei­spiel -, son­dern ein Ersatz für das, was die­se bewaff­ne­ten Beschützer:innen des Kapi­tals aus eige­ner Kraft nicht zu leis­ten ver­mö­gen. Es ist nicht die Ver­ab­schie­dung von mehr rech­ten, pro-bür­ger­li­chen, repres­si­ven Geset­zen, son­dern die Ableh­nung des par­la­men­ta­ri­schen Ansat­zes zuguns­ten eines direk­ten, gewalt­sa­men Angriffs auf die Arbeiter:innenklasse und ihre Orga­ni­sa­tio­nen.

Die Bour­geoi­sie ist durch die Umstän­de gezwun­gen, durch ihr Bedürf­nis, ihre para­si­tä­re Kon­trol­le über die Gesell­schaft zu schüt­zen, wenn sie auf einer exis­ten­zi­el­len Ebe­ne her­aus­ge­for­dert wird, das treibt sie zum Faschis­mus. Die­sen Schritt zu gehen, ist kei­nes­wegs die bevor­zug­te Wahl der Kapitalist:innen; die Bour­geoi­sie wür­de die rela­ti­ve Sta­bi­li­tät der bür­ger­li­chen „Demo­kra­tie“ bei wei­tem vor­zie­hen – ein weit­aus bes­se­rer Weg, um die Hege­mo­nie über die Arbeiter:innenklasse auf­recht­zu­er­hal­ten und sogar Kon­flik­te inner­halb der herr­schen­den Klas­se zu lösen. Aber in Zei­ten der Kri­se rei­chen die­se nor­ma­len Mecha­nis­men der kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft nicht aus. Wie Trotz­ki 1932 schrieb:

Die nüch­ter­ne Bour­geoi­sie sieht auch die faschis­ti­sche Art der Lösung ihrer Auf­ga­ben nicht sehr wohl­wol­lend, denn die Erschüt­te­run­gen, obwohl sie im Inter­es­se der bür­ger­li­chen Gesell­schaft her­vor­ge­bracht wer­den, sind mit Gefah­ren für sie ver­bun­den. Des­halb der Gegen­satz zwi­schen dem Faschis­mus und den bür­ger­li­chen Par­tei­en. Die Groß­bour­geoi­sie mag den Faschis­mus so wenig, wie ein Mann mit schmer­zen­den Backen­zäh­nen es mag, wenn man ihm die Zäh­ne zieht.

In „Wie Mus­so­li­ni tri­um­phier­te“, fuhr Trotz­ki fort,

Vom Faschis­mus ver­langt die Bour­geoi­sie eine gründ­li­che Arbeit … Nach dem Sieg des Faschis­mus nimmt das Finanz­ka­pi­tal direkt und sofort wie in einem stäh­ler­nen Schraub­stock alle Orga­ne und Insti­tu­tio­nen der Sou­ve­rä­ni­tät, der exe­ku­ti­ven Ver­wal­tungs- und Erzie­hungs­ge­walt des Staa­tes in sei­ne Hän­de: den gesam­ten Staats­ap­pa­rat zusam­men mit der Armee, den Gemein­den, den Uni­ver­si­tä­ten, den Schu­len, der Pres­se, den Gewerk­schaf­ten und den Genos­sen­schaf­ten. Wenn ein Staat faschis­tisch wird, bedeu­tet das nicht nur, dass die For­men und Metho­den des Regie­rens nach den von Mus­so­li­ni vor­ge­ge­be­nen Mus­tern geän­dert wer­den – die Ände­run­gen in die­sem Bereich spie­len schließ­lich eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le -, son­dern es bedeu­tet vor allem, dass die Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen zum größ­ten Teil ver­nich­tet wer­den; dass das Pro­le­ta­ri­at auf einen amor­phen Zustand redu­ziert wird; und dass ein Ver­wal­tungs­sys­tem geschaf­fen wird, das tief in die Mas­sen ein­dringt und dazu dient, die selb­stän­di­ge Kris­tal­li­sa­ti­on des Pro­le­ta­ri­ats zu ver­ei­teln. Genau dar­in liegt der Kern des Faschis­mus.

Das ist etwas ganz ande­res als das, was jene Impressionist:innen in den fast 100 Jah­ren seit dem Auf­kom­men des Faschis­mus, auch in den letz­ten Tagen, mit dem Adjek­tiv beti­telt haben. Es ist die Bour­geoi­sie – eine gan­ze (oder eine bedeu­ten­de Mehr­heit einer) gesell­schaft­li­chen Klas­se, nicht ein ein­zel­ner Ideo­lo­ge -, die den Mob in ihrem eige­nen Namen ent­fes­selt, um ihre Hege­mo­nie in einer Zeit der Kri­se zu sichern.

Spä­ter, in „Der Zusam­men­bruch der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie“ (1934), schrieb Trotz­ki über die Kri­se in Frank­reich und die Aus­sich­ten für den Faschis­mus dort. Er erklär­te: „Zwar hat man in Frank­reich lan­ge geglaubt, hier kön­ne der Faschis­mus nie­mals Anklang fin­den“, nur um dann Anfang Febru­ar des­sel­ben Jah­res mit “ eini­ge Tau­send mit Revol­vern, Gum­mi­knüp­peln und Rasier­mes­sern aus­ge­rüs­te­te Faschis­ten und Roya­lis­ten“ kon­fron­tiert zu wer­den, die die „reak­tio­nä­re Dou­m­er­gue-Regie­rung mit errich­te­ten… in deren Schutz die faschis­ti­schen Ban­den wei­ter wach­sen und rüs­ten.“ Aber selbst das war noch kein Faschis­mus, denn es fehl­te ein Ele­ment, das direkt mit den obi­gen Punk­ten zusam­men­hängt – näm­lich eine qua­li­ta­ti­ve Ver­än­de­rung der Kri­se des Kapi­ta­lis­mus. Die Bour­geoi­sie

…ist ver­ur­teilt, aus einer Kri­se in die ande­re zu tau­meln, aus Not ins Elend. In den ver­schie­de­nen Län­dern tre­ten Alters­schwä­che und Ver­fall des Kapi­ta­lis­mus in ver­schie­de­ner Form und in unglei­chem Tem­po in Erschei­nung. Doch das Wesen des Pro­zes­ses ist über­all das­sel­be. Die Bour­geoi­sie hat ihre Gesell­schaft in eine voll­stän­di­ge Plei­te hin­ein­ge­trie­ben. Sie ver­mag dem Vol­ke weder Brot noch Frie­den zu sichern. Eben dar­um kann sie die demo­kra­ti­sche Ord­nung nicht län­ger ertra­gen. Sie ist gezwun­gen die Arbei­ter mit phy­si­scher Gewalt nie­der­zu­hal­ten. Doch mit der Poli­zei allein ist der Unzu­frie­den­heit der Arbei­ter und Bau­ern unmög­lich Herr zu wer­den. Das Heer gegen das Volk mar­schie­ren las­sen, geht nur zu oft nicht an: es beginnt sich zu zer­set­zen und am Ende schlägt sich gar ein groß Teil Sol­da­ten auf die Sei­te des Volks Das Groß­ka­pi­tal ist dar­um genö­tigt, bewaff­ne­te Ban­den zu schaf­fen, spe­zi­ell gegen die Arbei­ter abge­rich­tet, wie man gewis­se Hun­de­sor­ten auf Wild dres­sier. Der geschicht­li­che Sinn des Faschis­mus ist, die Arbei­ter­klas­se nie­der­wer­fen, ihre Orga­ni­sa­tio­nen zu zer­schla­gen die poli­ti­sche Frei­heit zu erwür­gen in jener Stun­de wo die Kapi­ta­lis­ten nicht mehr imstan­de sind, mit Hil­fe der demo­kra­ti­schen Mecha­nik zu regie­ren und zu herr­schen. … Nur mit sol­chen Gangs­ter­me­tho­den eben ver­mag sich das bür­ger­li­che Regime noch zu hal­ten. Wie lan­ge? Solan­ge die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on es nicht stürzt.

Auch das ist etwas ganz ande­res als das, was wir in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten erlebt haben, trotz des wach­sen­den rechts­ex­tre­men Ter­ro­ris­mus.

Die Rolle des „Kleinbürger:innentums“

Eine kur­ze Erklä­rung, was Trotz­ki mit dem „Klein­bür­ger­tum“ und dem „Lum­pen­pro­le­ta­ri­at“ meint, ist ange­bracht. Das Kleinbürger:innentum ist nach mar­xis­ti­scher Defi­ni­ti­on eine Grup­pe inner­halb der Gesell­schaft, die zwi­schen denen, die die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besit­zen und sich den über­wäl­ti­gen­den Teil des Reich­tums anhäu­fen (die Bour­geoi­sie), und denen, die gezwun­gen sind, ihre Arbeits­kraft an die Bour­geoi­sie zu ver­kau­fen (das Pro­le­ta­ri­at), liegt. Das Kleinbürger:innentum liegt dazwi­schen: Es arbei­tet für sich selbst und besitzt eini­ge klei­ne Pro­duk­ti­ons­mit­tel (z. B. eine klei­ne Maschi­nen­werk­statt) oder eine Art von Dienst­leis­tungs- oder Ein­zel­han­dels­ge­schäft. Im wei­te­ren Sin­ne umfasst es oft Men­schen in „pro­fes­sio­nel­len“ Posi­tio­nen wie Manager:innen, Techniker:innen, Men­schen, die in der Kunst arbei­ten, und sogar eini­ge unter den Lohnempfänger:innen, die bestimm­te Pri­vi­le­gi­en haben, die sie zwi­schen den bei­den Haupt­klas­sen zu posi­tio­nie­ren schei­nen.

Vom ideo­lo­gi­schen Stand­punkt aus ist ein Mit­glied des Klein­bür­ger­tums typi­scher­wei­se dar­auf aus­ge­rich­tet, auf­zu­stei­gen, um Teil der Bour­geoi­sie zu wer­den, und fürch­tet nichts mehr, als ein:e Proletarier:in zu wer­den. Wie Trotz­ki schrieb, bevor­zugt er

die Ord­nung, solan­ge sei­ne Geschäf­te leid­lich gehen und solan­ge er hofft, dass sie mor­gen bes­ser gehen wer­den. Ist aber die­se Hoff­nung dahin, so gerät er leicht in Wut und ist bereit, auf die extrems­ten Maß­nah­men ein­zu­ge­hen. Wie hät­te er sonst in Ita­li­en und Deutsch­land den demo­kra­ti­schen Staat stür­zen und dem Faschis­mus zum Sie­ge ver­hel­fen kön­nen? Der ver­zwei­feln­de klei­ne Mann sieht im Faschis­mus vor allem eine Kampf­kraft gegen das Groß­ka­pi­tal und glaubt, zum Unter­schied von den Arbei­ter­par­tei­en, die sich nur mit dem Mund­werk betä­ti­gen, wer­de der Faschis­mus die Faust in Bewe­gung set­zen, um mehr „Gerech­tig­keit“ zu schaf­fen.

Das „Lum­pen­pro­le­ta­ri­at“ ist die unters­te Schicht der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, deren Mit­glie­der oft als arbeits­un­fä­hig und unfä­hig ange­se­hen wer­den, ihre Arbeits­kraft unter regu­lä­ren Umstän­den zu ver­kau­fen. Sie wer­den daher leicht von der Bour­geoi­sie aus­ge­beu­tet, um eine reak­tio­nä­re Rol­le zu spie­len, im Aus­tausch für einen beschei­de­nen Lebens­un­ter­halt und die Aus­sicht, etwas „Wich­ti­ges“ zu tun.

Es sind „die durch­ge­dreh­te Klein­bour­geoi­sie und die Ban­den des deklas­sier­ten und demo­ra­li­sier­ten Lum­pen­pro­le­ta­ri­ats“, wie Trotz­ki schrieb, die die Fuß­sol­da­ten sind, die den Wil­len der Bour­geoi­sie in dem Moment aus­füh­ren, in dem die herr­schen­de Klas­se den Faschis­mus auf die Tages­ord­nung setzt. Das bedeu­tet nicht, dass die gesam­te Arbeiter:innenklasse aus­ge­schlos­sen ist, aber die Arbei­te­rin, die sich auf die Sei­te des Faschis­mus stellt, kämpft gegen genau die Klas­se, die der Faschis­mus zer­stö­ren will – zusam­men mit ihren Orga­ni­sa­tio­nen sowie den Insti­tu­tio­nen des bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Staa­tes.

Kampf gegen den Faschismus

Wie bekämpft die Arbeiter:innenklasse den Faschis­mus? Trotz­ki arti­ku­lier­te eine Per­spek­ti­ve der Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung durch die Arbeiter:innen-Einheitsfront- ein gemein­sa­mer Kampf der gesam­ten Arbeiter:innenklasse, durch ihre Par­tei­en und Orga­ni­sa­tio­nen, um die Faschist:innen zu ver­nich­ten und die Arbeiter:innenklasse sogar auf einen direk­ten Kampf um die Macht vor­zu­be­rei­ten. Denn wenn der Faschis­mus auf­steigt, steht die Macht­fra­ge zur Debat­te.

Trotz­ki ent­wi­ckel­te dies ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit Hit­lers Auf­stieg in Deutsch­land, der die Ein­heits­front drin­gen­der denn je mach­te. Er warn­te, dass Hit­lers Sieg die voll­stän­di­ge Zer­schla­gung der Arbeiter:innenbewegung bedeu­ten wür­de, und ermahn­te die bei­den Haupt­par­tei­en der deut­schen Arbeiter:innenklasse, alle ande­ren Dif­fe­ren­zen bei­sei­te zu legen und sich um das gemein­sa­me Ziel der Zer­schla­gung der faschis­ti­schen Bedro­hung zu ver­ei­nen – was er im Dezem­ber 1931 Wie wird der Natio­nal­so­zia­lis­mus geschla­gen?“ dar­leg­te.

Für Trotz­ki ist zwar eine Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung erfor­der­lich, aber die Arbeiter:innen-Einheitsfront muss viel­leicht auch zu den Waf­fen grei­fen, um die Mas­sen selbst zu ver­tei­di­gen, mit „Kampf­or­ga­ni­sa­tio­nen“ und „spe­zia­li­sier­ten Kadern“. Der Kampf gegen den Faschis­mus ist kei­ne Auf­ga­be, die man dem fried­li­chen Pro­test über­las­sen kann. Er ist ein Krieg, der von der Arbeiter:innenklasse gegen einen Feind geführt wird, des­sen Ziel nichts weni­ger als sei­ne Ver­nich­tung ist.

„Nichts erhöht die Anma­ßung der Faschis­ten so sehr wie „der schlap­pe Pazi­fis­mus“ sei­tens der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen“, schrieb er in „Die Arbei­ter­mi­liz und ihre Geg­ner“ (1934):

Den unor­ga­ni­sier­ten, unvor­be­rei­te­ten, sich selbst über­las­se­nen Mas­sen die Ver­tei­di­gung gegen den Faschis­mus auf­tra­gen, hie­ße eine ungleich nied­ri­ge­re Rol­le spie­len als die des Pon­ti­us Pila­tus. … Aber ohne orga­ni­sier­te Kampf­ab­tei­lun­gen wird die hel­den­mü­tigs­te Mas­se stück­wei­se von den faschis­ti­schen Ban­den zer­bro­chen wer­den. … Die Miliz ist das Organ des Selbst­schut­zes.

Trotz­ki erklär­te, dass das War­ten auf eine „revo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on“ ein Rezept für eine Kata­stro­phe sei, ein Argu­ment, das „besagt, die Arbei­ter sol­len solan­ge auf sich ein­schla­gen las­sen, bis die Situa­ti­on revo­lu­tio­när gewor­den ist.“ Der Kampf muss von Arbeiter:innenmilizen orga­ni­siert wer­den, „Zugleich ist die Miliz das ein­zi­ge ernst­haf­te Mit­tel, den Bür­ger­krieg, den der Faschis­mus dem Pro­le­ta­ri­at auf­zwingt, auf ein Min­dest­maß her­ab­zu­drü­cken.“

Das ist nicht irgend­ei­ne Art von ultra­lin­kem Abenteuer:innentum. Trotz­ki sprach nicht von einer gehei­men Miliz. „Aber zu naiv ist der Gedan­ke, man kön­ne die Miliz unbe­merkt, heim­lich, zwi­schen vier Wän­den schaf­fen.“ Viel­mehr schrieb er:

Wir brau­chen Zehn- und spä­ter Hun­dert­tau­sen­de von Kämp­fern. Sie wer­den nur in dem Fall kom­men, wenn Mil­lio­nen Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen und in ihrem Gefol­ge auch die Bau­ern die Not­wen­dig­keit der Miliz begrei­fen und um die Frei­wil­li­gen eine Atmo­sphä­re hei­ßer Sym­pa­thie und akti­ver Unter­stüt­zung schaf­fen. Kon­spi­ra­ti­on kann und darf ledig­lich die tech­ni­sche Sei­te der Sache ver­hül­len. Was aber die poli­ti­sche Kam­pa­gne betrifft, so muss sie offen, auf den Ver­samm­lun­gen, in den Fabri­ken, auf Stra­ßen und Plät­zen geführt wer­den.

Trotz­ki stell­te sich Arbeiter:innen vor, „die durch die Arbeits­stät­te ver­bun­den sind, ein­an­der ken­nen und ihre Kampf­ab­tei­lun­gen gegen das Ein­drin­gen feind­li­cher Agen­ten viel bes­ser und wirk­sa­mer zu schüt­zen ver­mö­gen als noch so hoch ste­hen­de Büro­kra­ten.“ Und woher wür­den sie ihre Waf­fen bekom­men? Der revo­lu­tio­nä­re Opti­mist Trotz­ki leg­te es wie folgt dar:

Die Faschis­ten sind selbst­re­dend rei­cher als wir, es fällt ihnen viel leich­ter, Waf­fen zu kau­fen. Aber die Arbei­ter sind zahl­rei­cher, ent­schlos­se­ner, selbst­auf­op­fern­der, zumin­dest, wenn sie eine fes­te revo­lu­tio­nä­re Füh­rung ver­spü­ren. Neben ande­ren Quel­len kön­nen sich die Arbei­ter auf Kos­ten der Faschis­ten bewaff­nen, indem, sie sie sys­te­ma­tisch ent­waff­nen. …Wenn die Arbei­ter­ar­se­na­le sich auf Kos­ten der faschis­ti­schen Depots zu fül­len begin­nen, dann wer­den die Ban­ken und Trusts mit Spen­den für die Aus­rüs­tung ihrer Mord­ban­den vor­sich­ti­ger sein. Man kann sogar anneh­men, dass in die­sem Fal­le – doch nur in die­sem Fal­le – die unru­hig wer­den­den Macht­ha­ber wirk­lich dar­an gehen wer­den, die Bewaff­nung der Faschis­ten zu unter­bin­den, um den Arbei­tern kei­ne zusätz­li­che Waf­fen­quel­le zu lie­fern.

Die Arbeiter:innenmiliz zum Kampf gegen den Faschis­mus erfor­dert „einen Wil­le zur revo­lu­tio­nä­ren Tat“. Im Ein­klang mit und nicht im Gegen­satz zur Orga­ni­sie­rung von Kampf­kom­man­dos befür­wor­te­te Trotz­ki die mili­tan­te Mas­sen­ak­ti­on der Arbeiter:innenklasse mit Hil­fe des Streiks. Er zitier­te einen gro­ßen Stra­te­gen der Kriegs­kunst und schrieb:

Nach dem groß­ar­ti­gen Aus­spruch des Kriegs­theo­re­ti­kers Clau­se­witz ist der Krieg die Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln. Die­se Defi­ni­ti­on trifft voll­auf auch für den Bür­ger­krieg zu. Der phy­si­sche Kampf ist nur ein „ande­res Mit­tel“ des poli­ti­schen Kamp­fes. Man kann sie nicht ein­an­der gegen­über­stel­len, denn man kann nicht will­kür­lich den poli­ti­schen Kampf abstop­pen, wenn er sich kraft inne­rer Not­wen­dig­keit in phy­si­schen Kampf ver­wan­delt. …

Der revo­lu­tio­nä­re Sieg wird mög­lich nur dank lan­ger poli­ti­scher Agi­ta­ti­on, Erzie­hungs­ar­beit, Mas­sen­or­ga­ni­sie­rung.

Faschismus heute oder morgen?

Der Faschis­mus ist, zusam­men­fas­send gesagt, ein Angriff der Bour­geoi­sie, nicht gegen sie. Er wird von der Bour­geoi­sie ent­fes­selt, um sich selbst zu ret­ten, wenn ihre bestehen­den nor­ma­len Herr­schafts­me­cha­nis­men ver­sa­gen und nur ihre Zer­stö­rung und Erset­zung das Kapi­tal ret­ten kann.

Es gibt heu­te ein­deu­tig neo­fa­schis­ti­sche und pro­to­fa­schis­ti­sche Kräf­te in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, aber es gibt wenig oder kei­ne Anzei­chen dafür, dass die Kapitalist:innenklasse sich die­sen Kräf­ten zuge­wandt hat, um die Insti­tu­tio­nen der bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Herr­schaft zu zer­stö­ren und zu erset­zen und die Arbeiter:innenklasse zu zer­schla­gen. Die­se Zeit kann natür­lich kom­men, und des­halb müs­sen wir vor­be­rei­tet sein. Ein Teil die­ser Vor­be­rei­tung besteht dar­in, sich wie­der über sei­ne Bedeu­tung klar zu wer­den – was Faschis­mus ist und was er nicht ist – und ein Teil besteht dar­in, zu wis­sen, was nötig ist, um ihn zu besie­gen, wenn er sich zu erhe­ben beginnt. Das fal­sche Ver­ständ­nis und die fal­sche Vor­be­rei­tung könn­ten poten­zi­ell töd­li­che Fol­gen haben.

Die Bour­geoi­sie mag den Faschis­mus jetzt nicht wol­len, aber falls und wenn er not­wen­dig wird, wird die gesam­te herr­schen­de Klas­se – ein­schließ­lich der Demo­kra­ti­schen Par­tei und der „Libe­ra­len“ in der Bour­geoi­sie – ihn unter­stüt­zen. Wir dür­fen kei­ne Illu­sio­nen haben. Die Geschich­te hat deut­lich gezeigt, dass die­se „Ver­bün­de­ten“ dem Faschis­mus die Tür öff­nen wer­den, wenn er anklopft. Das Ein­zi­ge, was den Faschis­mus auf­hal­ten wird, ist die unab­hän­gi­ge, orga­ni­sier­te Macht der Arbeiter:innenklasse.

[1] Eige­ne Über­set­zung: Die eng­li­sche Fas­sung die­ses Arti­kel ent­hält hier zitier­ten Stel­len in einer Ein­lei­tung, die in der deut­schen Ver­si­on nicht ent­hal­ten sind.

Klas­se Gegen Klas­se