[ISO:] „Vor allem was für die lesenden Arbeiter*innen“

Der Mit­grün­der der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens (PCI) Anto­nio Gram­sci hät­te heu­te sei­nen 130. Geburts­tag gefei­ert. Inzwi­schen wird er viel zu sel­ten gele­sen, fin­det unser Autor – dabei hel­fen sei­ne Wer­ke nicht nur beim Ver­ständ­nis unse­rer Gesell­schaft, son­dern auch auf der Suche nach Zukunfts­vi­sio­nen.

Am 22. Janu­ar wäre Anto­nio Gram­sci 130 Jah­re alt gewor­den, Mit­be­grün­der der Par­ti­to Comu­nis­ta Ita­lia­no (PCI), mili­tan­ter Intel­lek­tu­el­ler, Anti­fa­schist. Einer der Klas­si­ker, die wir uns aneig­nen müs­sen, immer wie­der, wenn wir wei­ter­kom­men wol­len. Für mich jeden­falls war die Ent­de­ckung des „Gram­scia­nis­mus“ (wenns sowas über­haupt gibt) jeden­falls ziem­lich wich­tig.

Als ich mit 20 an die Uni gekom­men bin, war ich lebens­welt­lich schon ziem­lich links, aber ein theo­re­ti­sches Fun­da­ment hat­te ich nicht und war ganz schön wirr (noch wir­rer als heu­te). Ich lief von einer lin­ken Grup­pe zur ande­ren (ange­fan­gen bei der Grü­nen lin­ken Lis­te, dann zu einer Grup­pe namens Tau­ben­schlag und schließ­lich zur Auto­no­men Lis­te) und dach­te dann schließ­lich „Dan­ke nein“. Wenn ich mich rich­tig ent­sin­ne, habe ich dann mit Bas­ti­an San­ders zusam­men eine PDS-nahe Hoch­schul­grup­pe gegrün­det.

Aha, was schreibt der jetzt hier Memoi­ren, was hat das mit Gram­sci zu tun? Erst­mal nicht unmit­tel­bar was, und dann doch. Ich kam aus einer Arbei­ter­fa­mi­lie an die Uni und fand die links­grü­nen und alter­na­ti­ven Grup­pen ziem­lich spoo­ky, wenn auch total nett und für den Frei­zeit­um­gang sehr geeig­net. Im Kon­takt mit Leu­ten, die ich im Umfeld der PDS, aber der Hoch­schul­grup­pe ken­nen­lern­te, stieß ich dann auf die kom­mu­nis­ti­schen Tra­di­ti­ons­be­zü­ge. Ich erin­ne­re mich noch, wie mir der Rats­herr der PDS (Hans Hen­ning Adler) damals zuraun­te, „unser Leh­rer Abend­roth“ hät­te das doch … Rat­los in die Biblio­thek, wer war das gleich noch. Okay, Abend­roth. Das war schon viel. Und dann immer wie­der die­ser Gram­sci, eben so ver­satz­stück­haft. Ich glau­be, dass es Bas­ti­an war, der immer so Poe­sie­al­ben­zi­ta­te von Gram­sci brach­te. Klang gut, also auch ange­fan­gen nach­zu­le­sen. In der Semi­nar­welt an der Uni kam das natür­lich nicht vor, Gram­sci höchs­tens als Fuß­no­te zu irgend­ei­nem Text über Tex­te über Tex­te über Post­mo­der­ne. Erschlos­sen habe ich mir Gram­sci über die Sekun­där­li­te­ra­tur, also ins Deut­sche über­setz­te Sachen und über Sabi­ne Kebir, natür­lich über „Das Argu­ment“. Das hat für mich in Olden­burg null Unter­schied gemacht. In den Gefäng­nis­hef­ten habe ich dann immer wie­der gele­sen, aber auch die frü­he­ren Schrif­ten, die zum Teil bei Dietz und Suhr­kamp erschie­nen sind.

Ich erzäh­le dies nicht, um zu erzäh­len, was ich so alles gele­sen habe. Son­dern weil mir Gram­sci wirk­lich gehol­fen hat, bes­ser zu ver­ste­hen, was pas­siert. Wo ich her­kam und wie­so es dort so war, wie es war (Klas­sen­kul­tur), was das mit Klas­sen- und Klas­sen­herr­schaft (Hege­mo­nie) zu tun hat, was eine erwei­ter­te Auf­ga­ben­stel­lung inner­halb einer kom­plex struk­tu­rier­ten Gesell­schaft sein kann für eine Par­tei (über­haupt: war­um es immer noch Par­tei braucht, da waren mei­ne links­ra­di­ka­len Freund*innen ja ganz ande­rer Mei­nung), wie­so Hege­mo­nie von links etwas damit zu tun hat, dass Arbeiter*innen poli­tisch zu füh­ren­den Kräf­ten wer­den müs­sen; war­um Füh­rung nichts Mili­tä­ri­sches sein muss etc.

Graf­fi­ti mit Gesicht von Gram­sci. Foto: Ric­car­do Cup­pi­ni, Pro­le­ta­ri­at, CC BY-NC-ND 2.0

Mir ist das damals gar nicht so bewusst gewe­sen, aber wenn ich heu­te poli­tisch den­ke und argu­men­tie­re, dann in der Regel (aus­ge­spro­chen oder nicht) mit Begrif­fen und Ori­en­tie­run­gen, die ich mei­ne (immer ganz sicher bin ich mir dann auch nicht) von Gram­sci so zu haben. Z.B. die Auf­ga­be, ein Klas­sen­bünd­nis her­aus­zu­ar­bei­ten, die Vor­stel­lung, dass sowas etwas mit Inhal­ten und For­de­run­gen zu tun hat, aber eben auch mit der gro­ßen sozi­al-mora­li­schen Reform, eine Visi­on davon, dass unse­re neue Welt auf ande­ren ethi­schen Prin­zi­pi­en beru­hen wird. Oder die Vor­stel­lung, dass die Lin­ke zwin­gend natio­nal und popu­lar sein muss, nicht im natio­nal­be­sof­fe­nen Sin­ne, son­dern dass sie an die natio­na­le Geschich­te der Kämp­fe anknüp­fen muss und so wei­ter…. Für mich selbst, also uni­ver­si­täts­frem­der Stu­dent, war Gram­sci auch in der Sinn­stif­tung wich­tig. Was mache ich da jetzt eigent­lich an der Uni und nach der Uni?
Immer­hin spie­len Intel­lek­tu­el­le (der orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le vs. der tra­di­tio­nel­le Intel­lek­tu­el­le) ja eine wich­ti­ge Rol­le für Gram­sci, wenn­gleich der orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le in mei­nem Ver­ständ­nis kein Aka­de­mi­ker ist, son­dern ent­we­der sich intel­lek­tu­ell und poli­tisch wei­ter­bil­den­de Arbeiter*innenintellektuelle oder aka­de­misch Qua­li­fi­zier­te, die sich orga­nisch mit der wirk­li­chen Bewe­gung der Arbeiter*innen ver­bin­den, ob nun Gewerk­schaf­ten, Kul­tur­or­ga­ni­sa­tio­nen oder, oder, oder (ich weiß, schon allein über die­ses Ver­ständ­nis kann man lan­ge strei­ten). Das hat mir Mut gemacht und ich habe – glau­be ich, jeden­falls, man belügt sich im Lau­fe der Zeit ja auch ger­ne mal – mich an die­ser Vor­stel­lung seit­her ori­en­tiert.

In einem Film­schnip­sel über Gram­sci hör­te ich dann mal den Schau­spie­ler sagen, orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le soll­ten wie Hüh­ner­ka­cke sein. Ihre Auf­ga­be sei es, vor allen Din­gen ande­ren dabei zu hel­fen, stark und poli­tisch füh­rend zu wer­den. Kei­ne Ahnung, ob der alte Sar­de das je gesagt hat, aber ich fand es einen schö­nen Merk­satz. Ich woll­te also spä­ter mal orga­ni­scher Intel­lek­tu­el­ler wer­den, könn­te man die Rol­len­fin­dung zusam­men­fas­sen. Und es wäre frei­lich gut, wenn an den Mas­sen­u­nis die­se Schluss­fol­ge­rung häu­fi­ger gezo­gen wür­de.

Kei­ne Ahnung, ob das so gekom­men ist. Von Gram­sci mit­ge­nom­men habe ich jeden­falls die Vor­stel­lung, dass ich als Intel­lek­tu­el­ler da eine durch­aus wich­ti­ge Rol­le spie­len könn­te, wenn ich mir immer wie­der klar mache (gegen die Berufs­krank­hei­ten, die man an der Uni so ent­wi­ckelt: Gel­tungs­sucht, Drang zum Spre­chen, Drang zur eige­nen „Beson­de­rung“), dass ich eine „die­nen­de Rol­le“ spie­len muss (nicht: Anti-Intel­lek­tua­lis­mus etc., im Gegen­teil): näm­lich z.B. hel­fen „Arbeiter*innenintellektuelle“ zu stär­ken (was das 2021 bedeu­tet, wäre eine eige­ne Dis­kus­sio­nen). Ich weiß, es gibt ein biss­chen einen Gram­sci-Kult, einen sehr klei­nen, und dann wird aus­ge­blen­det, dass Gram­sci in einer Linie steht und es ähn­li­che Gedan­ken etc. auch andern­orts gibt. Lenin und Gram­sci, Gram­sci und Bau­er z.B. Oder noch bes­ser: Fra­gen des All­tags­le­bens von Trotz­ki (oder Schrif­ten über Kunst) lesen und Gram­sci. Ist aber nicht so wich­tig gera­de. Ich woll­te am Tag sei­nes Geburts­tags eigent­lich nur dafür wer­ben: Gram­sci lesen. Es ist nütz­lich. Mei­ne Erfah­rung ist näm­lich, dass es außer­halb der Uni­ver­si­täts­lin­ken kaum getan wird. Dort wer­den ande­re Klas­si­ker gele­sen, Gram­sci aber nicht. Ich erin­ne­re mich, dass ein Freund mit mal in einem sehr guten Stadt­teil­la­den in Kas­sel sag­te, die­ser Gram­sci sei doch nur was für Stu­dier­te (der und Pou­lant­z­as). Ich glau­be dage­gen: Gram­sci ist vor allem was für die lesen­den Arbeiter*innen.

Tho­mas Eilt Goes (* 3. Juni 1980 in Aurich) ist ein deut­scher Sozi­al­wis­sen­schaft­ler und Autor.

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