[LCM:] [Deutschlands brutalste Familienclans IV] Vom Hakenkreuz zum Bundesverdienstkreuz: Das „rein arische Familienunternehmen“ der Reimanns

Ihre Anfüh­rer scheu­en oft das Licht der Öffent­lich­keit, doch sie besit­zen immense Macht. Kon­ten gefüllt mit Mil­li­ar­den aus Geschäf­ten, die in aller Her­ren Län­der ver­rich­tet wer­den; tau­sen­de Unter­ge­be­ne, die auf Gedeih und Ver­derb dem Rich­ter­spruch der Män­ner und Frau­en an der Spit­ze aus­ge­lie­fert sind; sie bli­cken oft auf eine mehr als hun­dert­jäh­ri­ge Geschich­te kri­mi­nel­ler Machen­schaf­ten zurück, sind für Mil­lio­nen Tote mit­ver­ant­wort­lich: Deut­sche Kapi­ta­lis­ten-Clans.

Die­se Rei­he wid­met sich den Super­rei­chen der Bun­des­re­pu­blik, die den tra­di­ti­ons­rei­chen „Fami­li­en­un­ter­neh­men“ vor­ste­hen, von der Poli­tik jeder Cou­leur hofiert wer­den und so gut wie nie zum Gegen­stand wut­bür­ger­li­chen Auf­be­geh­rens wer­den. Teil eins der Serie wid­me­te sich der Fami­lie Quandt/​Klatten, Teil zwei dreh­te sich um das Scha­eff­ler-Impe­ri­um; in Teil drei ging es um die Bro­se Fahr­zeug­tei­le SE & Co. KG.

Wer sich auf Spu­ren­su­che nach den reichs­ten Deut­schen begibt, der muss ein paar Klip­pen umschif­fen. Die Rei­manns haben in die­sem Jahr mit einem Fami­li­en­ver­mö­gen von 32 Mil­li­ar­den Euro die Spit­zen­po­si­ti­on im Mil­li­ar­därs-Ran­king des Mana­ger-Maga­zins erobert und sind trotz­dem nur schwer zu fin­den. Kei­ne Fotos. Kei­ne Vide­os. Kei­ne nähe­ren Anga­ben zu den Per­so­nen hin­ter den Mil­li­ar­den. Statt­des­sen „Die Rei­manns“ eine deut­sche Aus­wan­de­rer­fa­mi­lie in Texas und Per­so­nal einer Vor­abend­se­rie auf RTL II. Was? Das sol­len die reichs­ten Deut­schen sein? Natür­lich nicht. Erst mit dem Zusatz „Unter­neh­mer­fa­mi­lie“ kommt man der Sache näher und stößt in die­sem Zusam­men­hang dann auch auf die JAB Hol­ding Com­pa­ny s.à r.l., die laut Wiki­pe­dia die Ver­mö­gens­wer­te der deut­schen Unter­neh­mer­fa­mi­lie Rei­mann ver­wal­tet.

Zu die­sem Fir­men­kon­glo­me­rat gehö­ren unter ande­rem Mehr­heits­be­tei­li­gun­gen am Par­füm­haus Coty und dem Kaf­fee­her­stel­ler Jacobs Dou­we Egberts, Antei­le an Reckitt Ben­cki­ser – einem Groß­kon­zern, der Rei­ni­gungs­mit­tel her­stellt -, sowie zahl­rei­che wei­te­re Betei­li­gun­gen, die so gut wie alles umfas­sen, was man in einer gut sor­tier­ten Dro­ge­rie­ab­tei­lung so kau­fen kann plus noch mehr Kaf­fee – und Tee­mar­ken.

Gegrün­det wur­de das Unter­neh­men, aus dem die spä­te­re Hol­ding her­vor­ge­gan­gen ist, im Jahr 1851 als sich der Sal­mi­ak­hüt­ten­be­sit­zer Joh. A. Ben­cki­ser mit dem Che­mi­ker Lud­wig Rei­mann zusam­men­tat und bei­de eine gemein­sa­me GmbH mit Sitz in Lud­wigs­ha­fen aus der Tau­fe hoben.

Mit Hit­ler zur Markt­macht

Rich­tig Fahrt auf­ge­nom­men hat die Fir­ma aller­dings erst in den 1930 Jah­ren als Albert Rei­mann seni­or, der Enkel von Lud­wig Rei­mann, die Lei­tung des mit­tel­stän­di­schen Che­mie­un­ter­neh­mens über­nahm. Er und sein Sohn Albert Rei­mann juni­or waren beken­nen­de Natio­nal­so­zia­lis­ten und stell­ten ihr Unter­neh­men schon im Jahr 1933, direkt nach Hit­lers Macht­über­nah­me, als NS-Mus­ter­be­trieb auf. Durch den Ein­satz von meh­re­ren hun­dert Zwangsarbeiter:innen gelang der Fir­ma ein wirt­schaft­li­cher Auf­stieg, der selbst­ver­ständ­lich in die jun­ge Bun­des­re­pu­blik hin­über geret­tet wer­den konn­te.

Albert Rei­mann juni­or, der für sei­ne Grau­sam­keit ins­be­son­de­re gegen­über Zwangs­ar­bei­te­rin­nen bekannt war, gelang sogar das Kunst­stück, sich als Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus aus­zu­ge­ben, obwohl er nach Anga­ben der New York Times gute Kon­tak­te zu den Grö­ßen des Nazi-Regimes unter­hielt. So schrieb er im Jahr 1937 an Hein­rich Himm­ler per­sön­lich: „Wir sind ein über hun­dert­jäh­ri­ges, rein ari­sches Fami­li­en­un­ter­neh­men. Die Inha­ber sind unbe­ding­te Anhän­ger der Ras­sen­leh­re.“

Dar­über hin­aus war der Jurist und Rich­ter Rei­mann seni­or von 1937 bis 1941 Prä­si­dent der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer für die Pfalz, die eben­falls ihren Anteil an der Ari­sie­rung von jüdi­schem Eigen­tum hat­te, was einer spä­te­ren Mit­glied­schaft im Bei­rat der Wirt­schafts­kam­mer Lud­wigs­ha­fen nicht im Wege stand – plus zahl­rei­cher Ehrun­gen für sei­nen Sohn. Die­ser erhielt zum Bei­spiel im Jahr 1963 das gro­ße Bun­des­ver­dienst­kreuz und im Jahr 1973 das gro­ße Bun­des­ver­dienst­kreuz mit Stern.

Nach all dem muss man aller­dings ein biss­chen gra­ben, denn was an Arti­keln über die Rei­manns auf den Sei­ten der Wirt­schafts­jour­nail­le zu fin­den ist, strotzt nur so vor Bewun­de­rung gegen­über der unfass­ba­ren Kapi­tal-Akku­mu­la­ti­on. Und selbst das Main­stream-Maga­zin Gali­leo ist sich nicht zu scha­de, ein Pro­pa­gan­da­vi­deo über die Rei­manns zu pro­du­zie­ren, in dem die unter­neh­me­ri­sche Spit­zen­leis­tung der Che­mie­fa­bri­kan­ten aus der Pfalz gewür­digt wird, die selbst­re­dend alle­samt natür­lich gar nicht mehr in der Pfalz woh­nen – doch dazu spä­ter mehr.

Kein Wort in die­sem Schmie­ren­stück der Hof­be­richt­erstat­tung über die Zwangsarbeiter:innen oder ari­sche Mus­ter­be­triebs­lö­sun­gen. Kein Wort zu den ganz per­sön­li­chen Aus­ras­tern von Opa und sei­nen Lügen, statt­des­sen das Mär­chen vom ehr­ba­ren, deut­schen, mit­tel­stän­di­schen Betrieb, der Anfang der 1980er Jah­re fast plei­te gegan­gen wäre und bei­na­he von der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz von Nest­lé, Uni­le­ver, Proc­ter Gam­ble und Kon­sor­ten geschluckt wor­den wäre.

Peter ohne Socken und Sak­ko

Doch dann tritt er auf, der Mann, der seit den 1980ern die Rei­manns in der Öffent­lich­keit reprä­sen­tiert. Das Gesicht der Fami­lie. Der Mana­ger. Der Ret­ter. Peter Harf betritt die Bild­flä­che oder wie er den Repor­ter von Gali­leo wis­sen lässt: „Sie kön­nen ruhig Peter zu mir sagen.“

Soviel Unge­zwun­gen­heit beein­druckt die bür­ger­li­che Pres­se und auch die Wirt­schafts­wo­che kriegt sich in einem Por­trait über den Top­ma­na­ger ob des­sen unkon­ven­tio­nel­ler Locker­heit kaum ein: „Kein Sak­ko, kei­ne Socken: Der obers­te Rei­mann-Ver­mö­gens­ver­wal­ter Harf pfeift auf Kon­ven­tio­nen. Der Kunst­stoff­bo­den vor dem Auf­zug wirkt blass und abge­tre­ten. Das Büro im Lon­do­ner Stadt­teil Bel­gra­via ist offen wie ein Loft, das Par­kett stammt aus dem Bau­markt, und die lan­gen Schreib­tisch­plat­ten aus wei­ßem Acryl sehen aus wie vom Möbel­dis­coun­ter Ikea. Wenn dann der Chef zur Begrü­ßung Sak­ko-frei und in Slip­pern ohne Socken daher­kommt und per­sön­lich den Kaf­fee holt, gin­ge JAB glatt als jun­ge Inter­net-Bude durch.“ Hach, wenn man da nicht mit­ma­chen will.

Schaut man sich das Geschäfts­ge­ba­ren des Peter Harf aller­dings näher an, so erkennt man schnell, dass die­ser Typ kei­ne Gefan­ge­nen macht, oder wie die Welt im Jahr 2014 vol­ler Bewun­de­rung schreibt: „Der­zeit ist der 68-Jäh­ri­ge dabei, mit der von ihm geführ­ten JAB Hol­ding einen der größ­ten Kaf­fee­kon­zer­ne der Welt aus dem Boden zu stamp­fen. Jacobs Dou­we Egberts, so der Name der neu­en glo­ba­len Num­mer zwei nach Nest­lé, wird vom Start weg mehr als fünf Mil­li­ar­den Euro umset­zen. Mit Sen­seo gehört der Erfin­der von Kaf­fee­pads dazu, mit Tas­si­mo einer der schärfs­ten Riva­len von Nest­lé im Kap­sel­ge­schäft.“ Müll hat einen Namen – Nest­lé; und seit ein paar Jah­ren eben auch Jakobs Dou­we Egberts.

Da das Kaf­fee­ge­schäft zum dama­li­gen Zeit­punkt kei­nen Markt­füh­rer hat­te, auf der ande­ren Sei­te aber ein Markt ist, der nicht von heu­te auf mor­gen ein­bricht, hat sich JAB, ver­stärkt durch Mil­li­ar­den­kre­di­te, dar­an gemacht das Feld auf­zu­rol­len. Denn, das weiß ja schließ­lich jeder – mit der grö­ße­ren Markt­macht kriegt man auch die bes­se­ren Kon­di­tio­nen und man kann bil­li­ger ein­kau­fen. Die Kaf­fee­bau­ern und Bäue­rin­nen wer­den Luft­sprün­ge gemacht haben, als sie das gehört haben.

Und so geht das mit jedem Markt, den der Peter ins Visier nimmt. Ob Luxus­gü­ter wie die Schuh­mar­ke Jim­my Choo, den Par­fum­her­stel­ler Coty oder auch phar­ma­zeu­ti­sche Pro­duk­te. Das Prin­zip ist immer das glei­che. JAB mischt mit, steigt ein, kauft auf und kon­so­li­diert.

Kein Wun­der des­halb, dass die Hol­ding mit ihrem Stamm­haus Reckitt Ben­cki­ser auch in den US-ame­ri­ka­ni­schen Opio­id-Skan­dal ver­wi­ckelt war. Eine Mel­dung, die man übri­gens nicht unbe­dingt in den ein­schlä­gi­gen Wirt­schafts­blät­tern fin­den konn­te, son­dern ledig­lich in der Tages­zei­tung jun­ge welt. Am 25.10.2019 schrieb das Blatt: „Der bri­ti­sche Kon­sum­gü­ter­kon­zern »Reckitt Ben­cki­ser«, zu dem bis 2014 laut Han­dels­blatt (Don­ners­tag­aus­ga­be) die Phar­ma­fir­ma »Indi­vi­or« gehör­te, hat sich im Streit mit US-Bun­des­staa­ten um das unsach­ge­mäß ver­mark­te­te opio­id­hal­ti­ge Medi­ka­ment »Sub­oxo­ne« auf einen Ver­gleich geei­nigt. Das Unter­neh­men habe im Rah­men des Kom­pro­mis­ses eine Zah­lung von 700 Mil­lio­nen Dol­lar (629 Mil­lio­nen Euro) akzep­tiert, teil­te New Yorks Gene­ral­staats­an­wäl­tin Leti­tia James am Mitt­woch mit. In den USA sind zwi­schen 1999 und 2017 fast 400.000 Men­schen an den Fol­gen von Opio­id­miss­brauch gestor­ben.“

Zu Coro­na-Zei­ten ver­die­nen die Rei­manns übri­gens auch präch­tig an ihren diver­sen Hygie­ne Arti­keln wie Sagrotan und dar­über hin­aus wird gera­de in den Bereich Tier­kli­ni­ken und Tier­me­di­zin inves­tiert. Ein Markt, der Ana­lys­ten zufol­ge jähr­lich um vier bis fünf Pro­zent wächst und zudem weni­ger regu­liert ist als ande­re Seg­men­te des Gesund­heits­be­reichs. Den Dienst­leis­tun­gen und damit auch den Ein­nah­men von Pri­vat­kli­ni­ken und Pri­vat­ärz­ten sind kaum Gren­zen gesetzt, der For­schung eben­falls. Gro­ße Kon­zer­ne wol­len davon pro­fi­tie­ren und kön­nen den Markt zudem als Test­feld für wei­te­re Expan­sio­nen in Rich­tung Human­me­di­zin nut­zen. Mal schau­en, was da noch auf uns zukommt.

Über­ra­schend bei die­sen gan­zen, welt­um­span­nen­den Trans­ak­tio­nen ist eigent­lich nur, dass man die Leu­te, die dahin­ter ste­cken tat­säch­lich kaum kennt und dass sie es geschafft haben, die Fas­sa­de des klein­bür­ger­li­chen Fami­li­en­un­ter­neh­mens auf­recht zu erhal­ten. Auch Peter Harf wird im natio­na­len Ran­king der Super­ma­na­ger auf eini­ge Hun­dert Mil­lio­nen geschätzt, schließ­lich ist er Teil­ha­ber an den von ihm gelei­te­ten Unter­neh­men. Im Gespräch mit der Welt ant­wor­tet er auf die Fra­ge, ob das Ver­mö­gen der Rei­manns rich­tig ein­ge­schätzt wird, aber ganz beschei­den: „Es geht uns gut.“

Die­se vor sich her getra­ge­ne Boden­stän­dig­keit ist es wahr­schein­lich, was die Rei­manns so unsicht­bar erschei­nen lässt. Dabei lässt Harf kei­nen Zwei­fel dar­an, dass sein gro­ßes Vor­bild weder der „ehr­li­che Kauf­mann“ noch die Tüft­le­rin aus dem deut­schen Mit­tel­stand ist. Sein Vor­bild heißt War­ren Buf­fet, den er bei der „Schlacht um Avon“ ken­nen gelernt hat, wie sich „die Welt“ aus­zu­drü­cken pflegt. „War­ren Buf­fett ist für mich ein Vor­bild“, sagt Harf, „der sich durch die Wucht sei­nes enor­men Ver­mö­gens nicht ver­bie­gen hat las­sen und es den­noch – oder gera­de des­we­gen – ste­tig ver­meh­re.“ Der Mann, der den „Klas­sen­kampf von oben“ führt, als unbeug­sa­mer und cha­rak­ter­fes­ter Geld­ver­meh­rer mit Augen­maß – damit iden­ti­fi­zie­ren sie sich gern, die Rei­manns und Peters die­ser Welt.

Güns­tig auf­ge­ar­bei­tet

Dass es mit der ver­meint­li­che Boden­stän­dig­keit aber gar nicht so weit her ist, ver­steht sich in die­sem Uni­ver­sum fast von selbst. Ent­ge­gen der Legen­de der hei­mat­ver­bun­de­nen Chemiefabrikant:innen aus der Pfalz leben die Erben heu­te in der Schweiz, in Öster­reich oder Ita­li­en. War­um? Na weil sich dort Erb­schaft- und Unter­neh­mens­steu­ern bes­ser opti­mie­ren las­sen als hier­zu­lan­de – nor­ma­ler Move.

Eben­so nor­mal in die­sem Zusam­men­hang erscheint dann letzt­end­lich auch, dass sich Fami­lie Rei­mann sage und schrei­be gan­ze 70 Jah­re lang Zeit gelas­sen hat, um die eige­ne Fami­li­en­ge­schich­te auf­zu­ar­bei­ten. Doch auch hier sucht der Clan den Schul­ter­schluss mit der deut­schen Otto-Nor­mal-Fami­lie. Wie ande­re Unter­neh­mer­dy­nas­tien auch, die eben­falls von Skla­ven­sys­tem der Zwangs­ar­beit im NS-Regime pro­fi­tiert haben, behaup­tet man ganz ein­fach, dass man von nichts gewusst habe und lässt die beru­fe­nen Akademiker:innen bal­sa­mi­sche Wor­te fin­den. So sagt der von der Unter­neh­mer­fa­mi­lie Quandt beauf­trag­te His­to­ri­ker Joa­chim Schol­tyseck in einem Bei­trag des Deutsch­land­funks: „Man kann sich eben vor­stel­len, in einer Fami­lie ist es schmerz­haft, sich von so einem Bild zu lösen, dass der Groß­va­ter eben doch ein ganz gro­ßer Held gewe­sen sei. Und ein sol­cher Ablö­sungs­pro­zess ist nie­mals ganz ein­fach und kann auch nicht ganz ein­fach sein. Ich weiß das aus mei­ner eige­nen Fami­lie. Und es gibt eben sicher­lich genü­gend ande­re Bei­spie­le.“ Ver­ständ­nis für die Täter, selbst wenn die­se als Fabrik­be­sit­zer Zwangs­ar­bei­te­rin­nen nackt vor ihren Bara­cken haben stramm ste­hen las­sen, sie bei Wider­stand sexu­ell miss­brauch­ten, sie in ihren eige­nen Pri­vat­vil­len miss­han­delt haben oder Kriegs­ge­fan­ge­ne wäh­rend der Bom­ben­näch­te aus den Bun­kern jagen haben las­sen. Dass der Opa dann auch noch nach oder wäh­rend dem Krieg eine Affä­re mit einer jun­gen Frau begin­nen konn­te, deren Vater als Jude depor­tiert und ver­mut­lich in einem KZ ermor­det wur­de und aus die­ser Ver­bin­dung dann auch noch drei unehe­li­che Kin­der her­vor­gin­gen, macht die Geschich­te in den Augen der bür­ger­li­chen Pres­se zu einer „beson­ders tra­gi­schen Geschich­te“, weil sich da Opfer und Täter ver­mi­schen. Dass Opa Albert auch noch Jahr­zehn­te spä­ter erzäh­len konn­te, die fran­zö­si­schen und bel­gi­schen Zwangs­ar­bei­ter hät­ten bei ihm immer Wein bekom­men und geweint, als sie gegen Kriegs­en­de die Fir­ma ver­las­sen muss­ten – das ist eine Far­ce.

“Wir waren sprach­los und weiß wie eine Wand”, so schil­dert Peter Harf in einem Stern-Inter­view die Situa­ti­on, als die von der Fami­lie bestell­ten Historiker:innen 2019 die Ergeb­nis­se der Ahnen­for­schung prä­sen­tier­ten. Nicht ohne anzu­mer­ken, dass man dann nun doch sehr erleich­tert sei, „dass es jetzt raus ist.” Umge­hend wur­de dann auch ange­kün­digt, dass man 10 Mil­lio­nen Euro an eine ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­ti­on spen­den wol­le, um ehe­ma­li­ge Zwangs­ar­bei­ter zu ent­schä­di­gen und außer­dem hat man die fami­li­en­ei­ge­ne Ben­cki­ser Stif­tung in Alfred Lan­de­cker Stif­tung umbe­nannt, nach dem ver­schwun­de­nen jüdi­schen Vater von Emi­lie Lan­de­cker, der Gelieb­ten von Albert Rei­mann juni­or. Die­se soll sich der Erfor­schung von Ursa­chen und Fol­gen der Shoa wid­men sowie dem Kampf für libe­ra­le, demo­kra­ti­sche Grund­wer­te und in den nächs­ten 10 Jah­ren mit jähr­lich 25 Mil­lio­nen Euro aus dem Fami­li­en­ver­mö­gen aus­ge­stat­tet wer­den. Das ist immer­hin mehr als die fünf Mil­lio­nen, die die Quandts und Flicks die­ser Welt für ihre White­wa­shing-Kam­pa­gnen aus­ge­ge­ben haben, ange­sichts des Rie­sen­ver­mö­gens aber immer noch Pean­tus.

Zur Ver­deut­li­chung des Wahn­sinns an Reich­tum, den Peter Harf im Namen der Fami­lie Rei­mann ange­häuft hat, muss man sich nur vor­stel­len, was unser­ei­ner in der Regel an Ver­mö­gen besitzt. Die meis­ten von uns so gut wie nichts, aber ange­nom­men wir hät­ten 1.000 Euro zur frei­en Ver­fü­gung und das wür­de einem Back­stein in der Höhe von 10 cm ent­spre­chen, dann hät­te ein Mensch mit dem Ver­mö­gen von einer Mil­li­on einen Turm in der Höhe von zehn Metern. Das ent­spricht einem zwei- bis drei­stö­cki­ges Haus. Mit drei Mil­lio­nen kom­men wir in die Regi­on eines Ber­li­ner Miets­hau­ses und bei 10 Mil­li­on sind wir schon bei einem Hoch­haus von 100 Metern. Bei 33 Mil­li­ar­den aller­dings bewe­gen wir uns in einer Höhe von 330 Kilo­me­tern. Wir befin­den und dann in der soge­nann­ten Ther­mo­sphä­re und die Erde unter uns ist nur noch ein klei­ner blau­er Ball. Die Ein­mal­zah­lung von 10 Mil­lio­nen ist aus die­ser Ent­fer­nung über­haupt nicht zu sehen und die 250 Mil­lio­nen in der Höhe eines Ber­ges von 2.500 Metern viel­leicht.

Her­vor­ge­bracht wird die­ser Reich­tum heu­te, wie könn­te es anders sein, durch eine Armee von Arbeiter:innen ver­teilt auf dem gan­zen Glo­bus. Wer ein Durex-Kon­dom kauft, beschert den Rei­manns Pro­fit, die Mar­ke ist Teil von Reckitt Ben­cki­ser. Der Roh­stoff – bei Durex dezi­diert kein Fair-Tra­de-Natur­kau­tschuk, son­dern der bil­li­ge Indus­trie­kau­tschuk – ist berüch­tigt für sei­ne für Mensch und Natur kata­stro­pha­len Her­stel­lungs­be­din­gun­gen. Dann geht‘s ab in die Megafa­brik im chi­ne­si­schen Qing­dao. Und von da aus in den Han­del und zum Kon­su­men­ten. Bil­lig­lohn und Miss­ach­tung der Natur sind inte­gra­ler Teil die­ser Pro­duk­ti­ons­ket­te – und ähn­lich könn­te man das für dut­zen­de ande­re Pro­duk­te aus dem Hau­se Rei­mann auf­lis­ten.

Social Busi­ness

Kein Wun­der, dass für Harf und Kon­sor­ten das sozia­le Enga­ge­ment in die­sem Zusam­men­hang dann auch nur noch ein „Busi­ness“ wie jedes ande­re ist. In dem Gespräch mit der Wirt­schafts­wo­che, das aller­dings noch vor der Auf­de­ckung der Nazi­ver­gan­gen­heit statt­ge­fun­den hat, erklärt er den Ansatz und Ablauf für kari­ta­ti­ve Pro­jek­te im Hau­se Rei­mann fol­gen­der­ma­ßen. Da sitzt die Fami­lie bei ihren wech­seln­den Fami­li­en­tref­fen in irgend­wel­chen Hotels in Ita­li­en, Lon­don, Luxem­burg oder Ams­ter­dam zusam­men und macht sich Gedan­ken, wie man mit dem Geld auch mal was Gutes tun kann. Der Peter, dem man ver­traut, geht dann los und setzt um, wor­über man am Kamin so sin­niert hat und so mach­te er zum Bei­spiel aus der Deut­schen Kno­chen­mark­spen­der­da­tei (DKMS) eine der effi­zi­en­tes­ten Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen.

„Nach den glei­chen unter­neh­me­ri­schen Prin­zi­pi­en erneu­ert er nun die kari­ta­ti­ve Arbeit der Rei­manns“, heißt es in der Wirt­schafts­wo­che und wei­ter: „Wir nen­nen es nicht Wohl­tä­tig­keit, son­dern Social Busi­ness, weil wir wie ein Unter­neh­men mit unse­ren Mit­teln größt­mög­li­chen Erfolg haben wol­len.“ Dabei ver­knüpft die Orga­ni­sa­ti­on Rei­mann-Gel­der mit Mit­teln der öffent­li­chen Hand und ande­ren Wohl­tä­tern, „Denn so wich­tig Effi­zi­enz im Geschäfts­le­ben ist“, sagt Harf, „im sozia­len Bereich ist sie am Ende noch viel wich­ti­ger.“

Wenn dein gan­zes Leben nur aus Gewinn­stre­ben besteht, dann ist das wohl so. Ein Leben ohne Skan­da­le und Luxus­yach­ten im ganz nor­ma­len kapi­ta­lis­ti­schen Exzess, auf­ge­baut auf Zwangs­ar­beit und Ver­bre­chen. Dass man damit durch­kommt, das ist das eigent­lich Erschre­cken­de an die­sen Rei­manns. Und den zahl­rei­chen ande­ren.

#Titel­bild: Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum NS-Zwangs­ar­bei­t/­di­ver­se Gemeinfreilizensen/​Mon­ta­ge LCM

Der Bei­trag [Deutsch­lands bru­tals­te Fami­li­en­clans IV] Vom Haken­kreuz zum Bun­des­ver­dienst­kreuz: Das „rein ari­sche Fami­li­en­un­ter­neh­men“ der Rei­manns erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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