[GAM:] Frankreich: Macrons Krieg gegen den „Separatismus“

Kady Tait/​Dave Stock­ton, Info­mail 1136, 25. Janu­ar 2021

Am 9. Dezem­ber hielt Frank­reichs Pre­mier­mi­nis­ter Jean Castex eine Pres­se­kon­fe­renz ab, um die Ver­öf­fent­li­chung eines „Gesetz­ent­wurfs zur Stär­kung der repu­bli­ka­ni­schen Wer­te“ anzu­kün­di­gen, der angeb­lich dar­auf abzielt, den Lai­zis­mus (Tren­nung von Reli­gi­on und Staat) und die Mei­nungs­frei­heit zu ver­tei­di­gen, die angeb­lich von der „ruch­lo­sen Ideo­lo­gie des radi­ka­len Isla­mis­mus“ ange­grif­fen wer­den.

In der Vor­wo­che hat­te Innen­mi­nis­ter Gérald Darma­nin ein har­tes Durch­grei­fen gegen 76 Moscheen ange­kün­digt, die beschul­digt wer­den, „isla­mis­ti­schen Sepa­ra­tis­mus“ zu för­dern. Die Moscheen wer­den von der Poli­zei unter­sucht und die­je­ni­gen, die als „Brut­stät­ten des Ter­ro­ris­mus“ gel­ten, wer­den unter dem neu­en Gesetz, das ursprüng­lich den Titel „gegen Sepa­ra­tis­mus“ trug, geschlos­sen. Darma­nin hat sogar gefor­dert, Halal (nach isla­mi­scher Leh­re erlaubte)-Lebensmittel aus den Super­märk­ten zu ent­fer­nen, weil sie angeb­lich anti­fran­zö­sisch sei­en.

Frank­reich, das mit 5,7 Mil­lio­nen, das sind 8,8 Pro­zent der Bevöl­ke­rung, die größ­te mus­li­mi­sche Gemein­schaft Euro­pas beher­bergt, war auch Schau­platz einer Rei­he blu­ti­ger Ter­ror­an­schlä­ge, die ent­we­der von Ein­zel­per­so­nen oder klei­nen Grup­pen ver­übt wur­den, die von dschi­ha­dis­ti­schen Ter­ror­grup­pen wie ISIS oder al-Qai­da und ihren Able­ge­rIn­nen inspi­riert wur­den oder mit ihnen in Ver­bin­dung stan­den.

Die Serie begann mit den Mor­den an 16 Men­schen bei der Sati­re­zeit­schrift Char­lie Heb­do am 7. Janu­ar 2015. Es folg­ten die Mas­sen­mor­de an 130 Men­schen und 350 Ver­letz­ten in der Kon­zert­hal­le Bata­clan, im Sta­de de Fran­ce und in Bars und Restau­rants im Zen­trum von Paris am 13. Novem­ber 2015. Dann kam das Mas­sen­ge­met­zel an unschul­di­gen Men­schen, die den Bas­til­le-Tag in Niz­za am 14. Juli 2016 fei­er­ten, mit 86 Toten.

Das neue Gesetz wur­de bereits im Som­mer vor­be­rei­tet, aber die schreck­li­che Ent­haup­tung eines Leh­rers, Samu­el Paty, am 16. Okto­ber, dicht gefolgt von der Ermor­dung von drei Men­schen in der Kir­che Not­re Dame in Niz­za am 29. Okto­ber, ent­fach­te nicht nur in der Bevöl­ke­rung Gefüh­le des berech­tig­ten Ent­set­zens und der Empö­rung gegen die Täte­rIn­nen, son­dern heiz­te auch die Kam­pa­gne der Regie­rung gegen den „Sepa­ra­tis­mus“ an. Dies wie­der­um hat die Debat­te dar­über neu ent­facht, was der ers­te Arti­kel der fran­zö­si­schen Ver­fas­sung bedeu­tet, wenn er die Repu­blik als „unteil­bar, lai­zis­tisch, demo­kra­tisch und sozi­al“ dekla­riert.

Schiefe Begründung

Natür­lich haben sich die revo­lu­tio­nä­ren Sozia­lis­tIn­nen immer gegen jede Form der Ein-Per­so­nen-Herr­schaft gewandt, sei es eines/​r Mon­ar­chIn oder eines/​r Prä­si­den­tIn, und sie haben in ihrem Pro­gramm die For­de­rung nach der Tren­nung zwi­schen Staat und Kir­che oder jeder ande­ren reli­giö­sen Kör­per­schaft erho­ben. Wenn Macron jedoch ver­sucht, sein neu­es Gesetz mit dem Ver­weis auf das von 1905 zu recht­fer­ti­gen, das die Laï­ci­té, den Lai­zis­mus, in der Drit­ten Repu­blik ver­an­ker­te, ver­gleicht er nicht Glei­ches mit Glei­chem.

Die­ses Gesetz hat die zen­tra­le Bas­ti­on der Reak­ti­on, die katho­li­sche Kir­che, ihres Ein­flus­ses in Schu­len, öffent­li­chen Ämtern und in der Armee beraubt. Da Mus­li­mIn­nen in Frank­reich über wenig oder gar kei­ne insti­tu­tio­nel­le Macht ver­fü­gen, anders als die katho­li­sche Kir­che, die immer noch 15 % der Grund­schu­len und 20 % der wei­ter­füh­ren­den Schu­len betreibt, stel­len sie kei­ne Bedro­hung für Demo­kra­tie und Frei­heit dar. Die Bedro­hung für sie geht von einer Regie­rung und poli­ti­schen Par­tei­en aus, die Gemein­schaf­ten angrei­fen, die sich nicht in eine natio­na­le, bür­ger­li­che poli­ti­sche Kul­tur inte­grie­ren wol­len oder denen die­se Inte­gra­ti­on fak­tisch ver­wei­gert wird.

Unse­re Ver­tei­di­gung der Rede- und Pres­se­frei­heit bedeu­tet kei­ne Dul­dung von Auf­sta­che­lung zu Hass oder Gewalt gegen Min­der­hei­ten und Ein­zel­per­so­nen. Es sind kei­ne neu­en Geset­ze erfor­der­lich, um sol­ches Ver­hal­ten zu unter­bin­den. Was „radi­ka­le“ Pre­di­ge­rIn­nen oder poli­tisch-isla­mis­ti­sche Grup­pen betrifft, so ist die sichers­te Grund­la­ge für die Kon­trol­le sol­cher Ele­men­te die Ein­be­zie­hung einer Gemein­schaft, deren Mit­glie­der das vol­le Recht genie­ßen, ihre Reli­gi­on aus­zu­üben, und deren Gefüh­le in einer Gesell­schaft respek­tiert wer­den, die ihnen und ihren Kin­dern die glei­chen Mög­lich­kei­ten wie allen ande­ren Bür­ge­rIn­nen bie­tet.

In Wirk­lich­keit haben das neue Gesetz und sein Inspi­ra­tor, Prä­si­dent Emma­nu­el Macron, ganz ande­re Zie­le im Sinn: einen „Auf­klä­rungs­is­lam“ mit fran­zö­si­schen, säku­la­ren, repu­bli­ka­ni­schen Wer­ten zu schaf­fen. Dahin­ter ver­birgt sich jedoch ein noch nie­de­rer Wunsch: ras­sis­ti­sche Stim­men von Mari­ne Le Pen und dem Ras­sem­ble­ment Natio­nal (ehe­mals FN) abzu­zie­hen. Schlim­mer noch, die von den Medi­en ver­brei­te­ten Reden von Macron und sei­nen Minis­te­rIn­nen in den letz­ten Wochen und Mona­ten haben zwei­fel­los zu den Angrif­fen auf Frau­en, die den Hid­schab (Kopf­tuch, ‑schlei­er) oder Nikab (Gesichts­schlei­er) tra­gen, in Paris bei­getra­gen, sowie zu den Schän­dun­gen von Moscheen in Mon­té­li­mar, Bor­deaux, Béziers und ande­ren Städ­ten.

Die Regie­rung hat auch das Kol­lek­tiv gegen Isla­mo­pho­bie in Frank­reich (CCIF) auf­ge­löst, indem sie Ver­bin­dun­gen zu „radi­ka­len“ Netz­wer­ken behaup­te­te und es als „Feind der Repu­blik“ bezeich­ne­te. Tat­säch­lich wur­de das CCIF gegrün­det, um Mus­li­mIn­nen zu ver­tei­di­gen, die Angrif­fen aus­ge­setzt sind, und wird von lin­ken Kam­pa­gnen wie S.O.S Racisme unter­stützt. Das Ver­bot ist ledig­lich ein Ver­such, Kri­tik am isla­mo­pho­ben Ras­sis­mus zu ver­hin­dern.

Ein „französischer“ Islam?

Macron ver­spricht eine „Rück­kehr der Repu­blik“ in Gebie­te in Frank­reichs Städ­ten, aus denen sie, wie er behaup­tet, aus­ge­schlos­sen wur­de. Er ver­spricht Mit­tel für das Bil­dungs- und Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, um „eine repu­bli­ka­ni­sche Prä­senz in jeder Stra­ße, in jedem Gebäu­de“ zu gewähr­leis­ten.

Das neue Gesetz stellt Moscheen nicht nur unter ver­stärk­te Über­wa­chung und Auf­sicht, son­dern ver­langt auch, dass ihre Ima­me in Frank­reich aus­ge­bil­det und zer­ti­fi­ziert wer­den. Indem es den Fluss aus­län­di­scher (haupt­säch­lich tür­ki­scher und sau­di­scher) Finan­zie­rung und Aus­bil­dung dras­tisch behin­dert, hat das neue Gesetz sein Ziel erklärt, einen staat­lich sank­tio­nier­ten Islam zu schaf­fen. Isla­mi­sche Orga­ni­sa­tio­nen, die Gel­der vom fran­zö­si­schen Staat erhal­ten, müs­sen eine „säku­la­re Char­ta“ unter­zeich­nen. Die Gesetz­ge­bung umfasst mehr Mit­tel für die Hoch­schul­bil­dung und die Leh­re der isla­mi­schen Kul­tur, Zivi­li­sa­ti­on und Geschich­te … aus fran­zö­si­scher Sicht.

In einer Rede, die dem neu­en Gesetz folg­te, nahm Macron am 2. Okto­ber wie­der­holt Bezug auf das, was er „Sepa­ra­tis­mus“ nann­te, ein Kon­zept, das er defi­nier­te als, „ein … poli­tisch-reli­giö­ses Pro­jekt, das sich durch wie­der­hol­te Dis­kre­pan­zen mit den Wer­ten der Repu­blik mate­ria­li­siert, was oft dazu führt, dass … sport­li­che, kul­tu­rel­le und kom­mu­na­le Prak­ti­ken ent­wi­ckelt wer­den, die als Vor­wand für die Leh­re von Prin­zi­pi­en die­nen, die nicht mit den Geset­zen der Repu­blik über­ein­stim­men“.

In letz­ter Zeit hat die­ser Begriff den „Kom­mu­ni­ta­ris­mus“ abge­löst, den der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent Nico­las Sar­ko­zy ver­wen­det hat. Er mach­te sich berüch­tigt, als er als Innen­mi­nis­ter zur Zeit der Unru­hen 2005 in den Wohn­sied­lun­gen der Außen­be­zir­ke sag­te, er wür­de die Poli­zei als Hoch­druck­rei­ni­ger ein­set­zen (kärche­ri­sie­ren), um den „Abschaum“ aus den Ban­lieues zu ent­fer­nen. Sar­ko­zy, der sich auf eine Kan­di­da­tur für die Prä­si­dent­schaft vor­be­rei­te­te, spiel­te die anti­im­mi­gran­ti­sche Kar­te aus, um der Her­aus­for­de­rung durch Jean-Marie Le Pens FN den Wind aus den Segeln zu neh­men. Macron, der sich im April 2022 zur Wie­der­wahl stellt und des­sen Umfra­ge­wer­te ihn bei 26 % gegen Mari­ne Le Pens 25 % sehen, hofft, die­sen dem­ago­gi­schen Trick wie­der anwen­den zu kön­nen.

In den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten hat eine gan­ze Rei­he islam­feind­li­cher Geset­ze und kom­mu­na­ler Ver­ord­nun­gen, die sich als Ver­tei­di­gung des Säku­la­ris­mus tar­nen, die Poli­tik ver­gif­tet. Einem Gesetz von 2004, das den Hid­schab an staat­li­chen Schu­len ver­bot, folg­te 2010 eines, das das Tra­gen der vol­len Gesichts­ver­hül­lung auf der Stra­ße bann­te. Der Senat ver­bot sogar ver­schlei­er­ten Müt­tern, mit ihren Kin­dern auf Klas­sen­fahr­ten zu gehen.

Ein Maß für die anti­mus­li­mi­sche Hys­te­rie, die das Land erfasst hat, zeig­te sich, als eini­ge loka­le Behör­den ver­such­ten, Alter­na­ti­ven ohne Schwei­ne­fleisch in Schul­kan­ti­nen zu ver­bie­ten. Im Jahr 2013 rich­te­te der Prä­si­dent der Sozia­lis­ti­schen Par­tei, Fran­çois Hol­lan­de, eine Lai­zi­tät-Beob­ach­tungs­stel­le ein, um das Gesetz von 1905 anzu­wen­den und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. 2016 ver­such­te die Poli­zei, Frau­en in soge­nann­ten Bur­ki­nis an einem Strand in Süd­frank­reich zu zwin­gen, die­se aus­zu­zie­hen. Nichts könn­te bes­ser kal­ku­liert sein, um dafür zu sor­gen, dass fran­zö­si­sche Mus­li­mIn­nen auf radi­ka­le Pre­di­ge­rIn­nen hören, wenn sie behaup­ten, die fran­zö­si­sche Gesell­schaft sei von Natur aus anti­mus­li­misch.

In einer Gesell­schaft, die mit die­ser Art von reak­tio­nä­ren Vor­ur­tei­len gesät­tigt ist, über­rascht es nicht, dass Macron eine Rei­he von pseu­do­aka­de­mi­schen Recht­fer­ti­gun­gen auf­greift, um den mus­li­mi­schen Gemein­schaf­ten die­se demü­ti­gen­den Ein­schrän­kun­gen auf­zu­er­le­gen, weil sie sich nicht an die Wer­te der säku­la­ren Repu­blik anpas­sen.

Macrons Rede ent­lehn­te ihr Haupt­the­ma aus den Wer­ken einer Rei­he von Intel­lek­tu­el­len. Ein Para­de­bei­spiel dafür bil­det der His­to­ri­ker und Phi­lo­soph Geor­ges Ben­sous­san. Er schrieb 2002 das Buch „Die ver­lo­re­nen Ter­ri­to­ri­en der Repu­blik“ und 2017 „Ein unter­wür­fi­ges Frank­reich: die Stim­men der Ableh­nung“ (Une Fran­ce sou­mi­se: Les voix du refus).

In einem Vor­wort zu Ben­souss­ans Buch schrieb die pro­mi­nen­te Phi­lo­so­phin und Femi­nis­tin Éli­sa­beth Bad­in­ter, dass „eine zwei­te Gesell­schaft ver­sucht, sich heim­tü­ckisch inner­halb unse­rer Repu­blik durch­zu­set­zen, ihr den Rücken zu keh­ren, und expli­zit auf Sepa­ra­tis­mus und sogar Sezes­si­on abzielt“.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass Femi­nis­tin­nen, ob libe­ral oder „sozia­lis­tisch“, ein gefähr­li­ches Spiel mit dem Säku­la­ris­mus und den mus­li­mi­schen Gemein­schaf­ten trei­ben. Vie­le fran­zö­si­sche Femi­nis­tin­nen unter­stütz­ten das staat­li­che Ver­bot des Hid­schab, weil sie dar­aus den Schluss zogen, dies sei Teil des Kamp­fes gegen patri­ar­cha­le und sexis­ti­sche isla­mi­sche Prak­ti­ken. Noch ein­mal Bad­in­ter: „Wenn wir Frau­en das Tra­gen von Kopf­tü­chern in staat­li­chen Schu­len erlau­ben, dann haben die Repu­blik und die fran­zö­si­sche Demo­kra­tie ihre reli­giö­se Tole­ranz deut­lich gemacht, aber sie haben jede Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter in unse­rem Land auf­ge­ge­ben.“

Natür­lich muss die Lin­ke die Frau­en in den mus­li­mi­schen Gemein­schaf­ten im Wes­ten unter­stüt­zen, die gegen die Unter­drü­ckung der Geschlech­ter in ihren Gemein­schaf­ten und ihren Fami­li­en kämp­fen. Eben­so müs­sen wir die hel­den­haf­ten Kämp­fe von Femi­nis­tin­nen und Sozia­lis­tin­nen, die in mus­li­mi­schen Län­dern wie Afgha­ni­stan, Iran, Ägyp­ten, der Tür­kei, Paki­stan oder Sau­di-Ara­bi­en für die Rech­te der Frau­en kämp­fen, bekannt machen und unter­stüt­zen. Wir müs­sen die Behaup­tun­gen von „Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen“, Dritt­welt­le­rIn­nen und Post­mo­der­nis­tIn­nen zurück­wei­sen, dass wir damit west­li­che, ras­sis­ti­sche Wer­te auf­zwin­gen wür­den. Die Unter­stüt­zung der mili­tä­ri­schen Inter­ven­tio­nen eines impe­ria­lis­ti­schen Staa­tes und sei­ner ras­sis­ti­schen Maß­nah­men im eige­nen Land ist jedoch ein ver­lo­ge­ner und reak­tio­nä­rer Femi­nis­mus.

Ganz im Gegen­teil zur Befrei­ung ver­leiht sie reak­tio­nä­ren Pre­di­ge­rIn­nen ein fal­sches Mär­ty­re­rIn­nen­tum und schürt ras­sis­ti­sche Isla­mo­pho­bie in der Mehr­heits­be­völ­ke­rung. Sie igno­riert auch die Tat­sa­che, dass es mus­li­mi­sche Frau­en sind, die oft in vor­ders­ter Front Opfer islam­feind­li­cher Angrif­fe wer­den. In jedem Fall kön­nen sie nicht gegen ihren Wil­len von patri­ar­cha­len Struk­tu­ren „befreit“ wer­den.

Hier soll­ten wir uns an die Wor­te des iri­schen Mar­xis­ten James Con­nol­ly aus dem Jahr 1915 über den Kampf der Frau­en erin­nern: „Nie­mand ist so geeig­net, die Ket­ten zu spren­gen, wie die, die sie tra­gen, nie­mand ist so gut aus­ge­stat­tet, um zu ent­schei­den, was eine Fes­sel ist.“

Imperialismus

Frank­reich ist nicht nur das Vor­bild und der Arche­typ der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on. Neben Groß­bri­tan­ni­en war es von der Mit­te des 18. bis zur Mit­te des 19. Jahr­hun­derts die erfolg­reichs­te kolo­ni­sie­ren­de und impe­ria­lis­ti­sche Macht. Es war auch die­je­ni­ge, die den längs­ten und wil­des­ten Wider­stand gegen den Ver­lust die­ses Impe­ri­ums leis­te­te, nicht zuletzt, weil sie ihre ehe­ma­li­gen Sied­le­rIn­nen­ko­lo­nien, vor allem Alge­ri­en, als fran­zö­sisch betrach­te­te.

Indo­chi­na und Alge­ri­en hin­ter­lie­ßen tie­fe Nar­ben im fran­zö­si­schen Natio­nal­be­wusst­sein und, in Form von De Gaulles Fünf­ter Repu­blik, auch in den staat­li­chen Insti­tu­tio­nen. Die­se Geschich­te zog, wie die des bri­ti­schen Empi­res, ein demo­gra­phi­sches Erbe nach sich: Mil­lio­nen von Men­schen, deren fami­liä­res Erbe in die­sen Kolo­nien liegt. Was das Erbe von „afri­ka­ni­schem Frank­reich“ und „fran­zö­si­schem Alge­ri­en“ anbe­langt, so erstreckt sich die­ses Erbe auf die domi­nie­ren­de Reli­gi­on und die Spra­chen die­ser Gemein­schaf­ten.

Ein wei­te­res Erbe ist die unver­schäm­te For­de­rung fran­zö­si­scher Poli­ti­ke­rIn­nen, sowohl der soge­nann­ten Lin­ken als auch der Rech­ten, dass die­se Men­schen ihre Kul­tur nicht aus­üben oder bewah­ren oder ihre Reli­gi­on öffent­lich zum Aus­druck brin­gen sol­len. Wenn sie es doch tun, wer­den sie des Kom­mu­ni­ta­ris­mus oder Sepa­ra­tis­mus bezich­tigt. Aus die­sem Grund haben sich fran­zö­si­sche Aka­de­mi­ke­rIn­nen und Prä­si­den­ten oft in Ankla­gen über den „angel­säch­si­schen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“ ergan­gen. Kurz gesagt, der fran­zö­si­sche bür­ger­li­che Säku­la­ris­mus ist untrenn­bar mit dem fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus ver­bun­den, der auch kei­ne tote Geschich­te ver­kör­pert, son­dern eine leben­di­ge, bru­ta­le Rea­li­tät in einem gro­ßen Teil Afri­kas.

Nicht nur Le Pen spielt auf die­ses The­ma an, son­dern auch die Prä­si­den­ten Sar­ko­zy und Macron. Selbst der „sozia­lis­ti­sche“ Prä­si­dent Fran­çois Hol­lan­de, der zwar bestrei­tet, dass der Repu­bli­ka­nis­mus eine riva­li­sie­ren­de Reli­gi­on ist, konn­te 2016 sagen: „Was wir brau­chen, um gemein­sam erfolg­reich zu sein, ist die Schaf­fung eines Islams von Frank­reich“. Ob es nun bru­tal oder höf­lich aus­ge­drückt wird, dies ist eine For­de­rung nach Zwangs­as­si­mi­la­ti­on. Sie wird den gegen­tei­li­gen Effekt haben, wie immer, die „natür­li­che“ Ver­mi­schung der Kul­tu­ren der Bevöl­ke­run­gen zur Berei­che­rung aller zu ver­lang­sa­men oder umzu­keh­ren.

So beschritt Macron einen aus­ge­tre­te­nen Pfad, als er das The­ma eines „Rück­zugs der Repu­blik“ in den 1.500 öffent­li­chen Wohn­sied­lun­gen der inne­ren Vor­or­te von Paris und ande­ren fran­zö­si­schen Städ­ten mit ihrer Jugend nord­afri­ka­ni­scher und sub­sa­ha­ri­scher mus­li­mi­scher Her­kunft auf­griff. Er behaup­te­te: „Wir haben unse­ren eige­nen Sepa­ra­tis­mus in eini­gen unse­rer Vier­tel geschaf­fen, wo die Ver­spre­chen der Repu­blik nicht mehr ein­ge­hal­ten wer­den. Wir haben Bevöl­ke­rungs­grup­pen mit der­sel­ben Her­kunft und der­sel­ben Reli­gi­on kon­zen­triert.“

Er beschrieb die dort vor­herr­schen­de Kul­tur als „eine sys­te­ma­ti­sche Art und Wei­se, die Din­ge zu orga­ni­sie­ren, um gegen die Geset­ze der Repu­blik zu ver­sto­ßen und eine par­al­le­le Ord­nung zu schaf­fen, ande­re Wer­te zu eta­blie­ren, eine ande­re Art und Wei­se zu ent­wi­ckeln, die Gesell­schaft zu orga­ni­sie­ren, die zunächst sepa­ra­tis­tisch ist, aber deren ulti­ma­ti­ves Ziel es ist, sie voll­stän­dig zu über­neh­men.“

Ange­sichts der fran­zö­si­schen Bilanz von Mas­sen­mor­den und Fol­ter wäh­rend des alge­ri­schen Unab­hän­gig­keits­krie­ges (1954–62) ist es kaum ver­wun­der­lich, dass selbst die Jugend­li­chen, deren Fami­li­en sich vor 50 Jah­ren in Frank­reich nie­der­lie­ßen, die Tri­ko­lo­re nicht als Flag­ge der „Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit“ sehen, son­dern als eine der Armut, des Kolo­nia­lis­mus und der Grau­sam­keit. Auch war die Bru­ta­li­tät nicht auf Alge­ri­en beschränkt. Als Alge­rie­rIn­nen am 17. Okto­ber 1961 trotz einer Aus­gangs­sper­re in Paris fried­lich gegen die fran­zö­si­sche Unter­drü­ckung demons­trier­ten, eröff­ne­te die Poli­zei das Feu­er, töte­te 300 Men­schen und warf ihre Lei­chen in die Sei­ne. Der berüch­tig­te Prä­fekt der Pari­ser Poli­zei, der Nazi-Kol­la­bo­ra­teur Mau­rice Papon, wur­de nie vor Gericht gestellt, und eine lan­ge Kar­rie­re, die auch die Hin­rich­tung von Wider­stands­kämp­fe­rIn­nen unter dem Vichy-Regime umfass­te, ende­te 1981 im „ehren­vol­len“ Ruhe­stand.

Auch die Fra­ge des fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus in Afri­ka gehört nicht der Ver­gan­gen­heit an. Indem er den isla­mis­ti­schen Radi­ka­lis­mus stig­ma­ti­sier­te, brach­te Macron die­sen direkt mit den Inter­es­sen­sphä­ren des fran­zö­si­schen Staa­tes im Nahen Osten und in Afri­ka in Ver­bin­dung:

„Also über­all gibt es eine Kri­se des Islam, der von die­sen radi­ka­len Erschei­nungs­for­men, die­sen radi­ka­len Impul­sen und dem Wunsch nach einem neu erfun­de­nen Dschi­had, der die Zer­stö­rung des Ande­ren bedeu­tet, infi­ziert wird: Das Pro­jekt für ein ter­ri­to­ria­les Kali­fat, das wir in der Levan­te bekämpft haben, das wir in der Sahel­zo­ne bekämp­fen, und über­all die radi­kals­ten, mehr oder weni­ger heim­tü­cki­schen For­men davon.“

Offen­sicht­lich geht es ihm um die Sphä­ren der mili­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten Frank­reichs in den ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Kolo­nien in Afri­ka süd­lich der Saha­ra. Etwa 4.500 Mili­tär­an­ge­hö­ri­ge koor­di­nie­ren den Ein­satz gegen dschi­ha­dis­ti­sche Grup­pen in Mali, Mau­re­ta­ni­en, Niger, Bur­ki­na Faso und Tschad. Die­se ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Kolo­nien haben in der Tat nie auf­ge­hört, unter fran­zö­si­scher Vor­mund­schaft zu ste­hen.

Die Linke und der Laizismus

Die fran­zö­si­sche Lin­ke neigt dazu, sich in den Kul­tur­kampf um Repu­bli­ka­nis­mus und Lai­zis­mus zu ver­stri­cken, obwohl sie Macrons dra­ko­ni­sche Angrif­fe auf die Bür­ger­rech­te und sei­nen offen­sicht­li­chen Ras­sis­mus ver­ur­teilt.

Es gibt kei­ne glaub­wür­di­ge Bedro­hung des Lai­zis­mus durch Frank­reichs mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rung, weder durch Hid­schab oder Nikab tra­gen­de Frau­en in Schu­len, auf den Stra­ßen oder an den Strän­den, noch durch Halal-Essens­an­ge­bo­te in Restau­rants. Die rea­le Bedro­hung liegt viel­mehr im repres­si­ven und into­le­ran­ten Vor­ge­hen des Staa­tes und sei­ner Ver­brei­tung einer staat­li­chen Zwangs­ideo­lo­gie als in einer angst­in­du­zier­ten Selbst­zen­sur.

Was von Macrons Gesetz und sei­nem Wett­be­werb mit Mari­ne Le Pen um die ras­sis­ti­schen Stim­men ange­grif­fen wird, sind demo­kra­ti­sche Rech­te, und dazu gehö­ren die reli­giö­ser Min­der­hei­ten, nicht mut­wil­lig von Anti­kle­ri­ka­len pro­vo­ziert zu wer­den.

Die genu­in mar­xis­ti­sche Posi­ti­on ist, dass Reli­gi­on eine pri­va­te Ange­le­gen­heit sein soll­te, soweit es den Staat betrifft. Dazu gehört sicher­lich die Ver­tei­di­gung der Frei­heit der Kri­tik und der Wider­stand gegen staat­li­che oder kom­mer­zi­el­le Medi­en­zen­sur, aber sie ver­mei­det Aktio­nen gegen oder für eine bestimm­te Reli­gi­on. In die­sem Zusam­men­hang ist es falsch, Leh­re­rIn­nen zu Front­kämp­fe­rIn­nen in einem Kul­tur­krieg gegen eine Reli­gi­on zu machen, selbst unter edlen Losun­gen wie der Rede­frei­heit.

Auf jeden Fall ist eine sol­che Frei­heit nie als „abso­lu­tes Recht“ ver­stan­den wor­den (in einem Kino „Feu­er!“ zu rufen, ras­sis­ti­sche Belei­di­gun­gen zu schrei­en, um eine Men­schen­men­ge gegen Migran­tIn­nen auf­zu­het­zen). Abso­lu­te Rede­frei­heit wür­de bedeu­ten, die Rech­te ande­rer Men­schen zu ver­let­zen. Die Auf­sta­che­lung zu ras­sis­ti­schen Kon­flik­ten ist kei­nes­wegs das­sel­be wie die Frei­heit, eine Reli­gi­on zu kri­ti­sie­ren (oder den Athe­is­mus oder den Säku­la­ris­mus, was das betrifft).

Die fran­zö­si­sche Lin­ke muss eine unab­hän­gi­ge Rol­le spie­len. Die Auf­ga­be besteht dar­in, die mus­li­mi­schen Jugend­li­chen und Arbei­te­rIn­nen in die fran­zö­si­sche Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung ein­zu­bin­den, und das geht nicht, indem wir uns in die Fah­ne und Ideo­lo­gie der Bour­geoi­sie hül­len. Wenn wir das täten, wür­den wir uns gegen­über dem Kul­tur­krieg, der gegen die fran­zö­si­schen Mus­li­mIn­nen geführt wird, auf die fal­sche Sei­te der Bar­ri­ka­den stel­len. Ech­te Tole­ranz muss auf Ver­ständ­nis und gemein­sa­mem Kampf beru­hen, anstatt eine Reli­gi­on zu ver­spot­ten und zu ver­höh­nen, als ob dies sie ver­ban­nen wür­de.

Macrons Stra­te­gie besteht dar­in, einen Teil der mus­li­mi­schen Bevöl­ke­rung zu „repu­bli­ka­ni­sie­ren“, indem er sie ent­lang von Klas­sen­li­ni­en spal­tet. Wenn der Angriff auf den reli­giö­sen Obsku­ran­tis­mus und die Argu­men­te für den Säku­la­ris­mus nicht von links kom­men, auf einer Klas­sen­ba­sis, wer­den sie den gegen­tei­li­gen Effekt zei­ti­gen.

Die fran­zö­si­sche Lin­ke muss ler­nen, dass sie einen aus­sichts­lo­sen Kampf füh­ren wird, wenn sie sich nicht gegen die Atta­cken des fran­zö­si­schen Staa­tes auf Min­der­hei­ten stellt. Die­se Angrif­fe trei­ben die Men­schen der Mehr­heits­ge­sell­schaft in die Arme der klein­bür­ger­li­chen und natio­na­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, ob die­se nun die ras­sis­ti­schen Popu­lis­tIn­nen der RN/​FN oder die aus­ge­spro­che­nen Faschis­tIn­nen sind. Unter der mus­li­mi­schen Min­der­heit wer­den sie den „Radi­ka­lis­mus“ und sogar den Dschi­had-Ter­ro­ris­mus för­dern.

Das Echo auf die Paro­len und For­de­run­gen des bür­ger­li­chen Säku­la­ris­mus igno­riert die reak­tio­nä­ren Zwe­cke, für die sie benutzt wer­den. Rede­frei­heit, Ver­samm­lungs­frei­heit und Säku­la­ris­mus wer­den lee­re Abs­trak­tio­nen blei­ben, wie Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit, wenn sie nicht durch Wer­te der Arbei­te­rIn­nen­klas­se wie Soli­da­ri­tät und kol­lek­ti­ves Han­deln zur Ver­tei­di­gung der Unter­drück­ten unter­mau­ert wer­den. Der eine Weg führt zu Isla­mo­pho­bie, der ande­re zu einem mili­tan­ten Klas­sen­kampf gegen das Sys­tem, das auf ras­si­scher, natio­na­ler und sexu­ell-geschlecht­li­cher Unter­ord­nung und der dar­auf basie­ren­den För­de­rung aller Arten von Ungleich­heit beruht.

Read More