[LCM:] Durstexpress: Puddingfabrikanten die Stirn bieten

Leip­zig: Oetker-Grup­pe will Stand­ort von Durst­ex­press dicht­ma­chen. Beschäf­tig­te und Gewerkschafter*innen orga­ni­sie­ren Pro­test­kund­ge­bung. Betriebs­rats­wahl bei Geträn­ke­lie­fe­rant ange­kün­digt. Ein Vor-Ort-Report, auch über schwie­ri­ge kol­le­gia­le Soli­da­ri­tät

Die ers­ten sind bereits ein­ge­trof­fen. Eini­ge tra­gen oben­rum ihr Arbeits­dress, dün­ne Über­zieh­ja­cken mit Kapu­ze, auf­fal­lend him­mel­blau. Auf dem Rücken steht »Durst­ex­press«. Geträn­ke wer­den sie an die­sem Don­ners­tag­vor­mit­tag, es ist kurz nach 9:30 Uhr, nicht aus­lie­fern. Sie pro­tes­tie­ren. Für den Erhalt ihrer Jobs, für den Stand­ort in Leip­zig. Der soll dicht­ge­macht wer­den – Stich­tag: 28. Febru­ar.

Die Gewerk­schaft Nah­rung, Genuss, Gast­stät­ten (NGG) rief des­halb zur Kund­ge­bung in den Nor­den Leip­zigs, vor das Werks­tor des Geträn­ke­lie­fer­diens­tes Fla­schen­post, unweit des Mes­se­ge­län­des. Aus gutem Grund. Etwa 450 Arbeits­plät­ze ste­hen auf dem Spiel. Nicht bei Fla­schen­post, son­dern bei Durst­ex­press. Die Oetker-Grup­pe, zu der Durst­ex­press gehört, hat­te Ende 2020 den Auf­kauf des frü­he­ren Star­tups Fla­schen­post bekannt­ge­ge­ben – und dabei tief in die Haus­halts­kas­se gegrif­fen. Bran­chen­in­for­ma­tio­nen zufol­ge soll der Fami­li­en­rat der Pud­ding­fa­bri­kan­ten rund eine Mil­li­ar­de Euro für den Ex-Kon­kur­ren­ten hin­ge­blät­tert haben. Die Fol­ge: Der Kri­sen­ge­win­ner Oetker fusio­niert bei­de Lie­fer­diens­te unter der Mar­ke »Fla­schen­post«. Auf der Stre­cke blei­ben soll der Durst­ex­press-Stand­ort in der Mes­se­stadt. Dop­pel- bezie­hungs­wei­se Mehr­fach­prä­sen­zen wird es künf­tig nicht mehr geben, heißt es aus der Fir­men­zen­tra­le – trotz coro­nabe­ding­ter Rekord­um­sät­ze für Sofort­lie­fer­ser­vices.

Oft wid­rig: Frei­luft­pro­test

Unge­müt­lich ist es vor Ort, knapp über null Grad, ab und an rie­selt Schnee­grau­pel auf die Versammlungsteilnehmer*innen. Den­noch haben sich rund 200 Beschäf­tig­te und Unterstützer*innen ein­ge­fun­den, wider­ste­hen Wind und Wet­ter. Noch geht es nicht los. Einer steht sicht­lich unter Stark­strom. Jörg Most ist Anmel­der und Haupt­or­ga­ni­sa­tor der Kund­ge­bung. Der regio­na­le NGG-Geschäfts­füh­rer – Mitt­fünzi­ger, leicht unter­setzt, grau­me­lier­tes Haar – ist heu­te dau­er­ge­fragt. »Ent­schul­di­ge, lass´ uns nach der Ver­an­stal­tung spre­chen, ger­ne aus­führ­lich«, sagt er dem Autor und checkt dabei die Redner:innenliste. Die ist lang, auch weil sich die loka­le Polit­pro­mi­nenz ange­kün­digt hat, par­tei­über­grei­fend von Lin­ke- bis CDU-Abge­ord­ne­ten.

Ein paar Minu­ten bis zum Auf­takt um zehn Uhr ver­blei­ben noch, vor allem für die letz­te Hand­grif­fe. Eine Art Info­point der NGG steht bereits. Ein Mini­pa­vil­lon, drei mal drei Meter. Dün­ne Metall­stan­gen ste­cken senk­recht im moras­ti­gen Unter­grund, bil­den ein Qua­drat, an den obe­ren Stan­ge­nen­den ver­bin­det ein ver­win­kel­tes Kunst­stoff­ge­flecht die tex­ti­le Pla­ne zu einem Spitz­dach. Das auf­ge­druck­te NGG-Logo mit der Orts­mar­ke »Regi­on Leip­zig-Hal­le-Des­sau« samt Email-Kon­takt ist gut les­bar. Wei­ßer Schrift­zug auf tief­ro­ten Lei­nen. Zwei Klapp­ti­sche in L‑Form ste­hen dar­un­ter, oben­drauf liegt, etwas unsor­tiert, Mer­chan­di­se-Nip­pes: ein hal­bes Dut­zend Ras­seln aus Plas­te, eine Tüte mit Kulis, rote und blaue – und ganz wich­tig: bun­te Auf­nah­me­an­trä­ge frisch aus dem Dru­cker. »Klar, Auf­wand ist das hier schon, aber wir sind dank unse­re Aktio­nen der ver­gan­ge­nen Mona­te geübt«, erzählt Tho­mas Ließ­ner, der das Sta­tiv mit dem iPho­ne für die Direkt­über­tra­gung über den NGG-Face­book­ac­count posi­tio­niert. Auch das gehört mitt­ler­wei­le zum Pro­test­stan­dard, sagt der Gewerk­schafts­se­kre­tär, der aktu­ell für eine Nach­fol­ge­lö­sung für das Hari­bo-Werk in Wil­kau-Haß­lau bei Zwi­ckau kämpft.

Das ist längst nicht alles, was her­an­ge­karrt wer­den muss. Halb rechts, 15 Meter Luft­li­nie vom Infopa­vil­lon ent­fernt, steht der ange­mie­te­te Prit­schen­wa­gen. Die Lade­klap­pen an der Bei­fah­rer­sei­te und am Heck sind unten, die grün­li­chen, schwe­ren Pla­nen lie­gen auf­ge­rollt auf dem Dach. Die Lade­flä­che wird zur Büh­ne. Hin­ter dem Mikro für die Redner*innen prangt auf einem Trans­pa­rent in gro­ßen Let­tern: »Stoppt die Schlie­ßung!« Davor in Hüft­hö­he auf einem zwei­ten: »Wir sind die Gewerk­schaft, NGG«. Most wirkt immer ange­spann­ter, stän­dig zupft jemand an sei­nem Ärmel, Beschäf­tig­te, Gewerkschafter*innen, Pres­se­leu­te. Er weiß: Die NGG legt sich mit einem Bran­chen­pri­mus an. Die Oetker-Grup­pe ist ein Kon­glo­me­rat von rund 400 Fir­men – vom Lebens­mit­tel­ge­schäft über Spi­ri­tuo­sen bis hin zu Luxus­ho­tels und der Pri­vat­bank Lam­pe. Rade­ber­ger gehört gleich­falls dazu, die größ­te Braue­rei­grup­pe hier­zu­lan­de ver­treibt die Mar­ken Jever, Schöf­fer­ho­fer oder Claustha­ler. Und die Fami­li­en­spit­ze ver­fügt über genug »Spiel­geld«, konn­te die Über­nah­me von Fla­schen­post locker stem­men. Ein Grund: Oetker hat­te 2017 die Ree­de­rei Ham­burg Süd für 3,7 Mil­li­ar­den Euro an den däni­schen Maer­sk-Kon­zern ver­kauft.

Ken­nen vie­le: mie­se Jobs

Einen Etap­pen­sieg konn­te Most aber schon erzie­len. Erst vor weni­gen Tagen hat­ten die Leip­zi­ger Durstexpress-Kolleg*innen mit NGG-Unter­stüt­zung den Wahl­vor­stand für eine Betriebs­rats­in­itia­ti­ve bestimmt. Unter der Auf­sicht einer sei­tens von Oetker enga­gier­ten Secu­ri­ty namens »Mili­tä­risch aus­ge­bil­de­ter Sicher­heits­ser­vice« (MASS) – übri­gens mit einem Faden­kreuz im Logo.

Plum­pe Ein­schüch­te­rungs­ver­su­che, die wir­kungs­los blie­ben. Alle sind start­klar: Es ist zwei Minu­ten nach zehn Uhr. »Test, Test, Test«, das Mikro funk­tio­niert ohne Stör­ge­räu­sche, der Live­stream läuft. »Unse­re Kund­ge­bung ist kei­ne gegen die Kol­le­gen von Fla­schen­post«, betont Most gleich zu Beginn der Ver­samm­lung. »Wir arbei­ten ja schließ­lich bald zusam­men.« Des­halb die Orts­wahl des NGG-Pro­tes­tes – zumal: »Die Gesamt­lo­gis­tik wird künf­tig auf den Busi­ness- und Ope­ra­ti­ons­pro­zes­sen von Fla­schen­post basie­ren«, wie das Unter­neh­men jüngst in einem State­ment mit­ge­teilt hat­te. Für Beschäf­tig­te bedeu­tet das nichts Gutes: »Wenn wir über­nom­men wer­den soll­ten, hät­ten wir schlech­te­re Job­be­din­gun­gen«, sagt Frie­de­mann Fröh­lich von der Betriebs­grup­pe der Basis­ge­werk­schaft Freie Arbeiter*innen Uni­on (FAU). Das heißt kon­kret: »Mehr Arbeits­ver­dich­tung, mehr Über­wa­chung, weni­ger auf dem Lohn­zet­tel«, schil­dert Fröh­lich. Aber selbst ein Job zu mie­se­ren Kon­di­tio­nen ist unge­wiss. Denn Leip­zi­ger Ex-Durstexpress-Kolleg*innen müss­ten sich zunächst neu bei Fla­schen­post bewer­ben. Nach ihrer Kün­di­gung durch Oetker, ver­steht sich.

Sol­cher­lei Plä­ne machen zahl­rei­che Beschäf­tig­te wütend, Celi­na Heim­buch etwa. »Ich habe 2018 die ers­ten Rega­le bei Durst­ex­press in die­ser Stadt mit auf­ge­baut«, erzählt sie. Am Diens­tag habe sie die Kün­di­gung erhal­ten, per Ein­schrei­ben, ohne Dank­sa­gung. »Statt des­sen mit dem Hin­weis, mich bei der Arbeits­agen­tur zu mel­den.« Ein Affront, fin­den sie und ihre Kolleg*innen. »Vom Auf- bis zum Abschlie­ßen wer­de ich also dabei gewe­sen sein«, sar­kas­tisch klingt das nicht, eher vol­ler Weh­mut. Nein, für Gewerk­schafts­ar­beit habe sie sich sonst nie inter­es­siert. »Das hat sich jetzt geän­dert«, sagt Heim­buch ent­schlos­sen.

Nicht ein­fach: Soli­da­ri­tät zei­gen

Apro­pos kol­le­gia­les Zusam­men­ar­bei­ten. Etwas fällt auf: In dem Fla­schen­post-Zen­tral­la­ger gegen­über geht der Nor­mal­be­trieb schein­bar rei­bungs­los wei­ter. In kur­zen Zeit­span­nen fah­ren Lie­fer­fahr­zeu­ge vom Betriebs­hof oder steu­ern die­sen an. Von Beschäf­tig­ten, die einen Blick auf die Kund­ge­bung wagen, ist nichts zu sehen. Nur ein­mal gibt es eine Sze­ne hör­ba­rer Zustim­mung. Ein Fla­schen­post-Fah­rer pas­siert die impro­vi­sier­te Büh­ne auf dem Prit­schen­wa­gen, hupt zwei­mal. Die Men­ge reagiert sofort, johlt, winkt.

Wie schwie­rig prak­ti­sche Soli­da­ri­tät ist, zeigt auch fol­gen­de Epi­so­de: Eini­ge Protestler*innen wer­den zuneh­mend unru­hig. Eine drei­vier­tel Stun­de haben sie Redner*innen zuge­hört, selbst Vertreter*innen diver­ser Par­tei­en. Sie haben geklatscht, wenn es etwas zu klat­schen gab. Ans Mikro auf der Lade­flä­che durf­ten sie indes nicht. Obwohl sie ihr Rede­skript dabei­ha­ben. Bis tief in die Nacht haben sie Absät­ze hin und her gescho­ben, an Halb­sät­zen gefeilt. Es sind Fröh­lichs Kolleg*innen von der FAU-Betriebs­grup­pe. Zwei, drei Kundgebungsteilnehmer*innen spre­chen NGG-Mann Most dar­auf­hin an, der kommt in Erklä­rungs­not. »Das ist eine NGG-Ver­an­stal­tung«, betont er recht barsch. Nur: Alle ande­ren, die etwas mit­zu­tei­len hat­ten, wur­den der Rei­he nach nament­lich auf die Büh­ne gebe­ten, teils vor­her extra ein­ge­la­den.

Auch Most weiß: Die FAU, so irrele­vant sie bei sons­ti­gen Arbeits­kämp­fen sein mag, war lan­ge vor der NGG bei Durst­ex­press in Leip­zig aktiv. Nicht umsonst sind etwa 20 Anhänger*innen der »kämp­fe­ri­schen Basis­ge­werk­schaft« zur Kund­ge­bung erschie­nen. Beobachter*innen mer­ken, Most ringt mit sich, ist gewis­ser­ma­ßen in der Zwick­müh­le. Er befürch­tet offen­bar Hass­ti­ra­den gegen die Oetker-Dynas­tie, einen anar­cho-syn­di­ka­lis­ti­schen Kurz­lehr­gang über direk­te Aktio­nen, viel­leicht sogar einen Auf­ruf zum sozia­len Gene­ral­streik – über sein Mikro, durch sei­ne Laut­spre­cher­bo­xen. Es kommt anders, »Ver­bal­at­ta­cken« blei­ben aus.

Der Basis­ge­werk­schaf­ter beklagt hin­ge­gen die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik des Unter­neh­mens vor und nach den Kün­di­gun­gen: »Eine boden­lo­se Frech­heit ist es, wie mit uns Mitarbeiter*innen umge­gan­gen wird.« Er ver­weist auf migran­ti­sche Kolleg*innen, die nach ihrem Job­ver­lust von Abschie­bung bedroht sein wür­den. Und er appel­liert an Oetker, sozia­le Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Um die eige­ne Kraft als Arbeiter*innen zu stär­ken, sei­en indes zuvor­derst soli­da­ri­sche Bünd­nis­se gegen die Kon­zern­po­li­tik nötig. Man ahnt es: Unter der FFP2-Mas­ke wird Most tief durch­ge­at­met haben. Kein Eklat, kein Rabatz. Aber auch das dürf­te ihm nicht ent­gan­gen sein: Der Applaus nach der FAU-Rede war am größ­ten, hielt am längs­ten an. Ein Indiz, die Stim­mung ist durch­aus kämp­fe­risch.

Das sieht Most ähn­lich. Die Ver­net­zung unter den ein­zel­nen Durst­ex­press-Stand­or­ten sei bereits in vol­lem Gan­ge, sagt er. »Des­halb sind auch klei­ne Dele­ga­tio­nen aus Ber­lin und Dres­den heu­te in Leip­zig.« Wie der Durst­ex­pres­ser Jan aus der säch­si­schen Lan­des­haupt­stadt. »Die Kund­ge­bung hat Mut gemacht«, spürt er. Nicht nur das: »Auch wir sto­ßen bei uns gera­de eine Betriebs­rats­wahl an, orga­ni­sie­ren uns.«

Hilft immer: lan­ger Atem

Für Most sind das alles posi­ti­ve Signa­le: »Es tut sich was.« Und auch die Gegen­sei­te scheint auf­grund des öffent­li­chen Drucks, auf Beschäf­tig­te und NGG zuge­hen zu müs­sen. »Ein ers­tes Gespräch mit Oetker fand vor unse­rer Kund­ge­bung statt«, so Most. Kon­struk­tiv sei die Unter­re­dung ver­lau­fen; ja, eine Begeg­nung auf Augen­hö­he, meint er. Ob er sich da nicht täu­sche? Nein, das sei sein Ein­druck gewe­sen. Über Inhal­te wol­le er sich noch nicht äußern. Zeit­nah, so der Ver­hand­lungs­füh­rer, wer­de die Run­de fort­ge­setzt. »Wir wer­den uns aber bestimmt nicht ein­lul­len las­sen«, betont Most. Die Kern­for­de­run­gen blie­ben, so oder so: »Kei­ne Stand­ort­schlie­ßung, ein regu­lä­rer Betriebs­über­gang für alle.« Und natür­lich gehe es um die schnellst­mög­li­che Betriebs­rats­grün­dung bei Durst­ex­press in Leip­zig. »Dann haben wir mehr Ver­hand­lungs­macht«, so Most.

End­lich, der Stress fällt von ihm ab, die Gesichts­zü­ge ent­span­nen sich. Kurz­um: Es ist voll­bracht. Der Anmel­der der Kund­ge­bung schiebt den lin­ken Unter­är­mel sei­ner NGG-All­wet­ter­ja­cke sechs, sie­ben Zen­ti­me­ter hoch, blickt flüch­tig auf die Uhr, 20 Minu­ten nach elf. Die letz­ten Teilnehmer*innen der Ver­samm­lung ver­las­sen das Are­al, der Abbau des Info­points und der Laut­spre­cher­an­la­ge auf und neben dem Prit­schen­wa­gen geht rasch. Schicht, fürs Ers­te – denn: Der Pro­test­zug zieht wei­ter, macht am Don­ners­tag vor dem Ber­li­ner Durst­ex­press-Lager Sta­ti­on. »Wir haben einen lan­gen Atem«, ver­si­chert Most.

# Titel­bild: Mar­co Bras dos San­tos

Der Bei­trag Durst­ex­press: Pud­ding­fa­bri­kan­ten die Stirn bie­ten erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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