[LCM:] Autoritarismus: Erziehung prägt Gesinnung

Der Autor Her­bert Renz-Pols­ter geht in sei­nem neu­es­ten Buch „Erzie­hung prägt Gesin­nung“ der Fra­ge nach, was die Anhän­ger rechts­po­pu­lis­ti­scher Par­tei­en eint. Es sei weder wie viel­fach ver­mu­tet das Bil­dungs­ni­veau, noch die öko­no­mi­sche Lage, son­dern viel­mehr ihr schon in der Kind­heit ent­ste­hen­der stär­ke­rer Hang zum Auto­ri­ta­ris­mus. Unser Autor Fre­de­rik Kun­ert fasst die Erkennt­nis­se des Buches zusam­men.

Der ehe­ma­li­ge Kin­der­arzt und Autor zwei­er päd­ago­gi­scher Best­sel­ler hält vie­le Erklä­rungs­mus­ter für das Erstar­ken des Rechts­po­pu­lis­mus für zu ein­fach. So ist z.B. die The­se, AFD-Anhän­ger zähl­ten zu den „Abge­häng­ten“ der Gesell­schaft nicht halt­bar. Vier von fünf AFD-Anhänger*innen bezeich­nen ihre wirt­schaft­li­che Lage als gut bis sehr gut, die Mehr­heit der AFD-Wähler*innen kam aus bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen, die Sozio­lo­gin Cor­ne­lia Kop­petsch nennt es gar den „Auf­stand der Eta­blier­ten“, so sehr sieht sie die AFD in der Mit­tel­schicht ver­wur­zelt. Auch Donald Trump hat­te bei den Wah­len 2016 in allen Ein­kom­mens­schich­ten eine Mehr­heit, nur nicht bei den Ärms­ten. Auch das feh­len­de Bil­dungs­ni­veau taugt nicht als Erklä­rung. Die AFD fin­det nicht uner­heb­li­chen Anklang in aka­de­mi­schen Krei­sen, eine Par­tei der „Bil­dungs­ver­sa­ger“ ist sie nicht. Durch Fra­gen nach der rea­len Lebens­si­tua­ti­on las­sen sich Anhänger*innen des Rechts­po­pu­lis­mus nicht iden­ti­fi­zie­ren. Erst durch Fra­gen nach den kon­kre­ten Ängs­ten bekommt das rech­te Lager lang­sam Kon­tur: 90 bis 95% der AFD-Wähler*innen fürch­ten bei­spiels­wei­se die Bedro­hung der „deut­schen Spra­che und Kul­tur“, hät­ten „Angst vor dem Islam und vor Kri­mi­na­li­tät“. Die Ber­li­ner Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin Nai­ka Forou­tan bestä­tigt, dass es oft gar nicht um die viel­be­schwo­re­nen Ver­lust- oder gar Exis­tenz­ängs­te geht, sie spricht hier­bei von „einer Sehn­sucht nach Ein­deu­tig­kei­ten“: der Hang zu Recht und Ord­nung, die Angst vor Über­frem­dung oder davor, die eige­ne Bedeu­tung ver­lie­ren zu kön­nen, all das sind Gefüh­le, die die Rechts­po­pu­lis­ten einen. Kurz gesagt: Was sie eint, ist der Hang zum Auto­ri­ta­ris­mus.

Im Fol­gen­den ver­sucht der Autor dies zu bele­gen. So ver­gleicht er bei­spiels­wei­se anhand der USA die Befun­de von Stu­di­en zum The­ma Gewalt in der Erzie­hung mit den Zustim­mungs­wer­ten für Donald Trump in einer Regi­on. Auch wenn Gewalt in der Erzie­hung in den USA all­ge­mein weit ver­brei­tet ist (etwa 70% stim­men der Aus­sa­ge zu, manch­mal sei es nötig Kin­der mit ein paar guten, har­ten Schlä­gen zu dis­zi­pli­nie­ren) und die Erzie­hung durch­schnitt­lich auto­ri­tä­rer gestal­tet wird, so zeigt sich: Dort wo die Zustim­mung zu Gewalt in der Erzie­hung am höchs­ten ist, ist auch die Zustim­mung für Donald Trump am größ­ten. Die ers­ten 22 Staa­ten mit den höchs­ten Zustim­mungs­wer­ten zu der Fra­ge „Ist es okay, Kin­der zu schla­gen?“ gin­gen alle­samt an Trump. Anders­rum sieht es ähn­lich aus, wie die von der Kin­der­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Save the Child­ren zusam­men­ge­tra­ge­nen Daten zei­gen: Von den zehn best­plat­zier­ten Bun­des­staa­ten in ihrer Lis­te, also denen, in denen Kin­der am sichers­ten auf­wach­sen kön­nen, ging kein ein­zi­ger an Trump.

In Deutsch­land wird die Stär­ke der rech­ten Sze­ne in der ehe­ma­li­gen DDR oft damit erklärt, sie sei die Ant­wort auf schwie­ri­ge Lebens­be­din­gun­gen und eige­ne Aus­gren­zungs­er­fah­run­gen nach der Wen­de. Die Auto­ri­ta­ris­mus­for­sche­rin Prof. Ger­da Lede­rer unter­such­te jedoch kurz vor dem Fall der Mau­er Kin­der und Jugend­li­che in der DDR und kam zu dem Befund, dass die­se in allen unter­such­ten Domä­nen höhe­re Auto­ri­ta­ris­mus-Wer­te auf­wie­sen als die Kin­der und Jugend­li­chen in der BRD, dazu zähl­ten Ableh­nung von Aus­län­dern sowie Gehor­sam gegen­über Auto­ri­tä­ten und den Eltern. Die Erfah­run­gen der Wen­de kön­nen also nicht die Ursa­che gewe­sen sein. Viel­mehr scheint die Art der Erzie­hung eine ent­schei­den­de Rol­le zu spie­len, wenn es um die Ent­wick­lung von auto­ri­tä­ren Ansich­ten geht.Kurz gesagt: Stren­ge Kind­hei­ten schei­nen mit „stren­gen“ poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen ein­her­zu­ge­hen.

Renz-Pols­ter stellt zwei grund­le­gen­de Sicht­wei­sen bzw. Welt­bil­der gegen­über: eine Welt­sicht der Ver­bun­den­heit, in der die Welt als ein guter Ort gese­hen wird, dem man mit Zuver­sicht und Ver­trau­en begeg­nen kann und die ande­re Welt­sicht, die die Welt als gefähr­li­chen Ort wahr­nimmt, der chao­tisch und unsi­cher ist und den es zu kon­trol­lie­ren gel­te. Er nennt sie „Ver­trau­en“ und „Kon­trol­le“ und beschreibt, wie die meis­ten Men­schen zwi­schen den bei­den Welt­sich­ten schwan­ken, wäh­rend die Auto­ri­tä­ren die Welt aus­schließ­lich als bedroh­lich sehen und sie des­halb kon­trol­lie­ren wol­len, ob mit Gewalt, Erobe­rung, Unter­jo­chung, Stär­ke oder Kampf. Die Unter­schie­de zwi­schen bei­den Welt­bil­dern prä­gen dann auch das Bild vom Kind und damit die Erzie­hung, die man die­sem Kind zuteil wer­den lässt, ob die Bezie­hung zum Kind von Ver­bun­den­heit und Gemein­sam­keit oder von Kon­trol­le und Distanz, von Ver­trau­en oder Gehor­sam betont ist, ob es um die Ein­gren­zung oder die Ermäch­ti­gung des Kin­des geht. Da die Aus­hand­lungs­pro­zes­se inner­halb der Fami­lie im Grun­de Poli­tik sind, ist eigent­lich klar, war­um die­se frü­hen Erfah­run­gen mit Hier­ar­chien und Kon­for­mi­tät in unse­re spä­te­re poli­ti­sche Welt­sicht ein­ge­hen. „Als Kind erfah­ren wir zum ers­ten Mal, was es heißt, regiert zu wer­den“, so fasst es die Lin­gu­is­tin Eli­sa­beth Weh­ling zusam­men. Und wer in der Fami­lie Für­sor­ge und Ver­bun­den­heit erlebt hat, wird sich auch spä­ter eher für Für­sor­ge und Ver­bun­den­heit ein­set­zen und nicht für Aus­gren­zung und Hass.

Auch die psy­cho­ana­ly­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft konn­te empi­risch nach­wei­sen, dass „Kin­der, die eine auf Unter­drü­ckung und Unter­wer­fung beru­hen­de Erzie­hung erfah­ren haben, als Erwach­se­ne zur gewalt­sa­men Unter­drü­ckung ande­rer nei­gen.“ Der Auto­ri­ta­ris­mus­for­scher Det­lef Oes­ter­reich sagt hier­zu: „Rechts­au­to­ri­ta­ris­mus ist das Ergeb­nis einer das Kind über­for­dern­den Sozia­li­sa­ti­on. Kin­der, die in ihrer Kind­heit einer sozia­len Rea­li­tät gegen­über­ste­hen, die sie nicht bewäl­ti­gen kön­nen, sind gezwun­gen, sich in den Schutz und die Sicher­heit von Auto­ri­tä­ten zu flüch­ten.“ Die in der Päd­ago­gik mitt­ler­wei­le all­ge­mein aner­kann­te Bin­dungs­theo­rie von John Bowl­by bestä­tigt eben­falls: „Fai­re, hilfs­be­rei­te, zuge­wand­te Erzie­hung för­dert fai­res, hilfs­be­rei­tes, zuge­wand­tes Ver­hal­ten.“ Renz-Pols­ter zieht wei­te­re psy­cho­lo­gi­sche Befun­de (bspw. zur „theo­ry of mind“) zur Stüt­zung sei­ner The­se her­an.

Betrach­tet man nun die Erzie­hungs- und Bil­dungs­sys­te­me in die­sem Land, kann einem angst und ban­ge wer­den. So sind z.B. in der NUB­BEK-Stu­die nur 7% der Kin­der­ta­ges­stät­ten als „gut“ oder „sehr gut“ bewer­tet wor­den, wäh­rend 10% als „schlecht“ bewer­tet wur­den und der Rest dazwi­schen liegt. Die For­schung zeigt aber, dass Kin­der von einer Kin­der­gar­ten­be­treu­ung nur dann pro­fi­tie­ren, wenn die­se Ein­rich­tun­gen „gut“ oder „sehr gut“ sind. Die Kri­tik an der Situa­ti­on der Schu­len des Lan­des wür­de ver­mut­lich den Rah­men des Tex­tes spren­gen. Dass in Ihnen noch immer Ord­nung, Gehor­sam und Dis­zi­plin die obers­ten Gebo­te sind und sie des­halb selbst eine auto­ri­tä­re Insti­tu­ti­on sind, dürf­te unstrit­tig sein.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Befund, der im Buch ange­führt wird, ist fol­gen­der: „Je unglei­cher Ein­kom­men und Chan­cen in einem Land ver­teilt sind, des­to auto­ri­tä­rer den­ken und emp­fin­den sei­ne Bür­ger.“ Das bes­te Bei­spiel hier­für sind die USA: ein rei­ches Land, das bei sozia­len Mess­wer­ten wie Früh­ge­burt­lich­keit, Kin­des­miss­hand­lung, Säug­lings­sterb­lich­keit, Schul­ab­bruchs­ra­ten, sexu­el­lem Miss­brauch, sowie Teen­ager­schwan­ger­schaf­ten und Dro­gen­kon­sum von Jugend­li­chen mise­ra­bel abschnei­det.

Ins­ge­samt ist das Buch ein Auf­ruf dar­über nach­zu­den­ken, wie wir mit unse­ren Kin­dern umge­hen und wel­che Erfah­run­gen wir ihnen mit auf den Weg geben wol­len, wie wir also die Ent­wick­lung auto­ri­tä­rer Per­sön­lich­kei­ten unter­bin­den kön­nen, bevor es zu spät ist. Poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen und der Hang zum Auto­ri­ta­ris­mus las­sen sich mit zuneh­men­dem Alter immer schwe­rer bekämp­fen, vor allem nicht mit „sinn­vol­len“ Argu­men­ten. Als Lin­ke sind wir auf­ge­for­dert, die Kleins­ten in unse­rer Gesell­schaft wie­der stär­ker in den Blick zu neh­men, dazu gehört nicht nur eine all­ge­mei­ne Kri­tik am Erzie­hungs- und Schul­sys­tem und sei­ner kon­stan­ten Unter­fi­nan­zie­rung und feh­ler­haf­ten Kon­zep­ti­on, son­dern auch die Unter­stüt­zung aller in der sozia­len Arbeit Täti­gen in ihren Kämp­fen für bes­se­re Bedin­gun­gen und der Auf­bau eige­ner Struk­tu­ren der Erzie­hung. Die „Kin­der­la­den-Bewe­gung“ kann hier ein Bezugs­punkt sein, von dem wir ler­nen kön­nen. Es könn­te eine Chan­ce sein, den Rech­ten nicht mehr bloß „Hin­ter­her­zu­ren­nen“, son­dern lang­fris­ti­ge Pro­jek­te auf den Weg zu brin­gen und wie­der selbst Initia­ti­ve zu ergrei­fen.

# Titel­bild: pri­vat

Der Bei­trag Auto­ri­ta­ris­mus: Erzie­hung prägt Gesin­nung erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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