[LCM:] Die Lobby der türkischen Faschisten

Die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on der tür­ki­schen Regie­rungs­par­tei AKP in Deutsch­land hat einen neu­en Vor­sit­zen­den gewählt. Die Beset­zung die­ses Pos­tens steht sinn­bild­lich für die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen inner­halb des Regimes.

Die Uni­on Inter­na­tio­na­ler Demo­kra­ten (UID), zuvor bekannt als Uni­on Euro­pä­isch-Tür­ki­scher Demo­kra­ten (UETD), die sich selbst zwar als poli­tisch-neu­tral beschreibt, aber vor allem in Deutsch­land als Vor­feld­or­ga­ni­sa­ti­on der AKP tätig ist, hat einen neu­en Vor­sit­zen­den: Kök­sal Kus. Die­ser setz­te sich gegen Erdo­gans Favo­ri­ten Bülent Güven durch. Ein Hin­weis auf den wach­sen­den Ein­fluss der faschis­ti­schen Kräf­te im AKP-MHP-Bünd­nis.

Wer ist Kök­sal Kus? Selbst die Tages­schau berich­tet davon, dass der neue Kopf der AKP-Lob­by ein grau­er Wolf ist. Er war meh­re­re Jah­re lang akti­ves Mit­glied der „Föde­ra­ti­on der Tür­kisch-Demo­kra­ti­schen Idea­lis­ten­ver­ei­ne in Deutsch­land e.V.“, einem Sam­mel­be­cken für Orga­ni­sa­tio­nen und Grup­pen der Grau­en Wöl­fe. Seit 1979 lebt er in Deutsch­land, wie es heißt, weil er durch sei­ne Betei­li­gung an der faschis­ti­schen Ülkü­cu-Bewe­gung „Bekannt­schaft mit der Poli­tik“ gemacht hat. Ende der 70er Jah­re gab es vie­le Angrif­fe auf, poli­ti­sche Mor­de und Mas­sa­ker an Lin­ken, Alevit*innen, Gewerkschafter*innen und allen ande­ren, die nicht ins Welt­bild der Faschis­ten pass­ten. Vie­le der dama­li­gen Täter flo­hen nach Deutsch­land, so wie auch nach dem Mas­sa­ker in Sivas 1993, bei dem 34 ale­vi­ti­sche Künstler*innen und Intel­lek­tu­el­le ermor­det wur­den. Die Über­grif­fe gin­gen auch in Deutsch­land wei­ter, wie der Mord am tür­ki­schen Kom­mu­nis­ten Cel­alat­t­in Kesim durch graue Wöl­fe 1980 in Ber­lin zeig­te.

Über den Hit­ler-Fan und Begrün­der der Ülkü­cu-Bewe­gung Alpars­lan Tür­kes schreibt Kus auf Face­book: „Am Jah­res­tag sei­nes Todes geden­ke ich sei­ner mit Barm­her­zig­keit (…). Mil­lio­nen jun­gen Men­schen – ein­schließ­lich mei­ner selbst – hat er gehol­fen, mit natio­na­len Wer­ten und Gefüh­len auf­zu­wach­sen.” Tür­kes hat­te 1977 in einem Brief tür­ki­schen Kame­ra­den in Deutsch­land gera­ten, sie sol­len doch von den „Erfah­run­gen der NPD pro­fi­tie­ren.

Im Kampf gegen den Kom­mu­nis­mus sah man die deut­schen Nazis als Ver­bün­de­te, bevor man sich eher weni­ger radi­ka­len Par­tei­en zuwen­de­te und vor allem Mit­glie­der in der CDU unter­brach­te, um dort die eige­nen Posi­tio­nen beför­dern zu kön­nen.

Eben­so pos­te­te er zum Geden­ken ein Foto des Ver­stor­be­nen Mafio­si Abdul­lah Cat­li, der wegen Dro­gen­han­dels ver­ur­teilt war und an meh­re­ren poli­ti­schen Mor­den betei­ligt gewe­sen ist. Der Akti­vist Kerem Scham­ber­ger weist auf Face­book dar­auf­hin, dass Cat­li unter ande­rem am Mord an 7 Mitl­glie­dern der tür­ki­schen Arbei­ter­par­tei betei­ligt war, dem soge­nann­ten Bah­ce­liev­ler-Mas­sa­ker 1979. Ver­bin­dun­gen zum Papst-Atten­tä­ter und zum Anschlag auf ein arme­ni­sches Mahn­mal in Paris wer­den ihm nach­ge­sagt. In der Schweiz saß er wegen Dro­gen­han­dels im Gefäng­nis, brach jedoch aus und wur­de in der Fol­ge von Inter­pol gesucht. Eini­ge Berühmt­heit erlang­te Cat­li vor allem durch sei­nen spek­ta­ku­lä­ren Tod, den soge­nann­ten „Sus­ur­luk-Skan­dal“. Denn zu den Todes­op­fern des Auto­un­falls zähl­ten neben dem bereits erwähn­ten Mafio­si Cat­li und sei­ner Frau auch ein hoch­ran­gi­ger Poli­zei­funk­tio­när, Hüs­eyin Koca­dag. Schwer ver­letzt über­le­ben konn­te den Unfall der Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te Sedat Edip Bucak. Bei Cat­li fand man einen vom dama­li­gen Innen­mi­nis­ter unter­schrie­be­nen Pass. Meh­re­re wei­te­re Päs­se, Rausch­gift und Hand­feu­er­waf­fen mit Schall­dämp­fer wur­den eben­falls in dem Auto­wrack gefun­den. Die Ver­bin­dung von Staat, Faschis­ten und orga­ni­sier­tem Ver­bre­chen trat so ans Licht der Öffent­lich­keit. „Die­ser Unfall deck­te die Zusam­men­ar­beit und gemein­sa­men Inter­es­sen von rechts­ex­tre­men Gewalt­tä­tern, die auf­grund poli­ti­scher Ver­bre­chen gesuch­ten wur­den, in mafiö­sen Akti­vi­tä­ten invol­viert waren und die die Par­tei der Natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung (MHP) unter­stütz­ten, einer­seits, und hoch­ran­gi­gen Ver­wal­tungs­be­am­ten, Poli­zei­füh­rungs­kräf­ten, Spe­zi­al­ein­hei­ten, beken­nen­den Mili­tan­ten und Dorf­schüt­zern ande­rer­seits auf.“, hieß es im Human Rights Report von 1998 zu die­sem Vor­fall. Die Ver­bin­dung von Grau­en Wöl­fen und dem orga­ni­sier­ten Ver­bre­chen kom­men immer wie­der zum Vor­schein, wie auch vor kur­zem als ein wei­te­rer AKP-MHP-Lob­by­ist, der von Erdo­gan per­sön­lich nach Brüs­sel geschickt wur­de, an der EU-Gren­ze mit 100 Kilo­gramm Hero­in erwischt wur­de.

Mit der Wahl von Kus zum Vor­sit­zen­den der UID setzt sich eine Ten­denz fort, die sich seit eini­ger Zeit inner­halb der AKP-MHP-Koali­ti­on abzeich­ne­te. Wie ver­schie­de­ne tür­ki­sche und kur­di­sche Medi­en berich­ten, neh­men Per­so­nen des orga­ni­sier­ten Ver­bre­chens immer mehr poli­ti­sche Macht­po­si­tio­nen an. Vie­le Mafio­si wur­den erst vor kur­zem durch eine von Erdo­gan erlas­se­ne Amnes­tie aus den Gefäng­nis­sen ent­las­sen. Unnö­tig zu erwäh­nen, dass im Rah­men der Amnes­tie kei­ner­lei lin­ke oder kur­di­sche Gefan­ge­ne frei­ge­las­sen wur­den. Dr. Yekt­an Tur­ky­il­maz vom Forum für trans­re­gio­na­le Stu­di­en in Ber­lin, beschreibt, dass der Ein­fluss der tür­ki­schen Mafia auf die Poli­tik mit schwin­den­der Stär­ke des Staa­tes täg­lich zunimmt. Man kön­ne mit Sicher­heit sagen, dass die Mafia den Staat mehr nut­ze, als der Staat die Mafia, so Tur­ky­il­maz.

#Titel­bild: Gemein­frei via Pixabay

Fre­de­rik Kun­ert arbei­tet als Inte­gra­ti­ons­er­zie­her an einer Grund­schu­le in Ber­lin und beschäf­tigt sich seit eini­gen Jah­ren mit der Poli­tik in der Tür­kei und der kur­di­schen Befrei­ungs­be­we­gung.

Der Bei­trag Die Lob­by der tür­ki­schen Faschis­ten erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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