[LCM:] Boris Herrmann: Anker lichten fürs Kapital

„Ham­burgs neu­er Held“ jubel­te das Ham­bur­ger Abend­blatt und harf­te: „Boris Herr­mann ist ein Seg­ler, der allein die Welt umrun­den woll­te, und dabei unfass­bar vie­le Men­schen berühr­te und beweg­te.“ Als der Segel­sport­ler und Wahl-Ham­bur­ger Boris Herr­mann am 27. Janu­ar mit sei­ner Yacht „Sea­ex­plo­rer“ in die fran­zö­si­sche Hafen­stadt Les Sables‑d’Olonne ein­lief, gab es end­gül­tig kein Hal­ten mehr bei den Lohn­schrei­bern der Medi­en. Obwohl er kurz zuvor trotz aller Tech­nik an Bord des Boo­tes mit einem Fisch­traw­ler zusam­men­ge­sto­ßen war und damit die Chan­ce auf den Sieg bei der Regat­ta Ven­dée Glo­be ein­ge­büßt hat­te, wur­de der bär­ti­ge Hips­ter mit dem Dau­er­g­rin­sen auf allen Kanä­len geprie­sen, als habe er eben als ers­ter Deut­scher den Mond betre­ten oder das Gegen­mit­tel gegen Covid-19 ent­deckt. Der Ham­bur­ger Sozi­al­de­mo­krat Nils Annen, Staats­mi­nis­ter im Aus­wär­ti­gen Amt, schlug allen Erns­tes vor, dem Seg­ler das Bun­des­ver­dienst­kreuz zu ver­lei­hen, mit dem sei­ne „her­aus­ra­gen­de sport­li­che Leis­tung und zugleich sei­ne gesell­schaft­li­chen Anlie­gen“ gewür­digt wer­den soll­ten.

Der Hype um Herr­mann ist tat­säch­lich durch nichts gerecht­fer­tigt und ein gutes Bei­spiel dafür, wie das Bür­ger­tum einen der Sei­nen zum Vor­bild und zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur erklärt und ver­klärt, weil es sich in ihm wie­der­fin­det und er zugleich als Bestä­ti­gung und Über­hö­hung des eige­nen Lebens­stils dient. Mit sei­nem groß her­aus­ge­stell­ten Enga­ge­ment für den Kli­ma­schutz kann der Seg­ler gera­de­zu als Pro­to­typ des sich als libe­ral und fort­schritt­lich wäh­nen­den Bour­geois gese­hen wer­den. Ver­mut­lich wird er nur des­halb so gehy­pet, weil er wie kaum ein ande­rer die Hoff­nung der Ober- und Mit­tel­schicht ver­kör­pert, alle Annehm­lich­kei­ten, die der Kapi­ta­lis­mus ihnen garan­tiert, bei­be­hal­ten zu kön­nen und den­noch den Kli­ma­wan­del zu stop­pen, also das Kli­ma ohne Ver­zicht auf Wachs­tum und Wohl­stand zu ret­ten. „No cli­ma­te chan­ge, no sys­tem chan­ge“, ist das heim­li­che Mot­to die­ser Leu­te.

Wie echt und wie effek­tiv der Ein­satz von Boris Herr­mann für den Kli­ma­schutz wirk­lich ist, lässt sich nicht ohne wei­te­res beant­wor­ten. Dass er sein sport­li­ches Talent aber bereits in jun­gen Jah­ren zu ver­mark­ten wuss­te und sich früh in den Dienst des gro­ßen Gel­des gestellt hat – das lässt sich nicht bestrei­ten. Der Segel­sport ist, zumin­dest ab einer bestimm­ten Boots­klas­se, ein Hob­by für Rei­che und Super­rei­che respek­ti­ve deren Lauf­bur­schen. Dass das Han­dels­blatt kürz­lich einen lan­gen Bericht über Herr­mann brach­te, ist kein Zufall. Da gehört das The­ma näm­lich hin, in ein Wirt­schafts­blatt.

Mit Sport haben Regat­ten die­ser Preis­klas­se wenig zu tun, sie sind vor allem Medi­en­er­eig­nis­se, die von gro­ßen Kon­zer­nen für PR genutzt wer­den zum Bei­spiel von der fran­zö­si­schen Ban­que Popu­lai­re, dem japa­ni­schen Maschi­nen­bau­er DMG Mori oder dem Luxus­schnei­der Hugo Boss. Wie das Han­dels­blatt weiß, nutz­ten auch der Was­ser- und Ener­gie­kon­zern Véo­lia oder die Ver­si­che­rungs­grup­pe Gene­ra­li die Ven­dée Glo­be in der Ver­gan­gen­heit „zur image­träch­ti­gen Prä­sen­ta­ti­on des eige­nen Fir­men­na­mens“. Die Teil­nah­me an der Ven­dée Glo­be ist auch wegen des gro­ßen Auf­wands, der dafür nötig ist, ohne Spon­so­ren nicht mög­lich. Das Han­dels­blatt zitiert eine Schät­zung des Fach­ma­ga­zins Yach­t­ing World, es wür­den zehn bis 15 Mil­lio­nen Euro gebraucht, um bei der Regat­ta „vor­ne mit­zu­se­geln“. Wenn man nicht gera­de aus einem rei­chen Eltern­haus kommt, muss man sich also an Mil­lio­nä­re und Kon­zer­ne ver­kau­fen, um als Seg­ler ganz nach oben zu kom­men. Herr­manns Vater aus Olden­burg war, wie zu lesen ist, zwar auch Seg­ler und hat den Sohn für die­se Akti­vi­tät begeis­tert, war aber als Leh­rer ver­mut­lich nicht wirk­lich begü­tert. Bei Wiki­pe­dia wer­den herz­er­wär­men­de Geschich­ten aus sei­ner Kind­heit dar­ge­bo­ten. Der klei­ne Boris sei schon mit drei Jah­ren wegen Atem­wegs­pro­ble­men auf ärzt­li­chen Rat hin oft aufs elter­li­che Boot mit­ge­nom­men wor­den und habe auf Sand­bän­ken in der Nord­see gespielt. Sol­che Anek­do­ten sind für eine Hel­den­bio­gra­phie natür­lich unver­zicht­bar.

Wel­chen Kon­zern­her­ren sich Boris Herr­mann ange­dient hat, um „ganz oben“ mit­zu­se­geln, ist kein Geheim­nis und mit ein wenig Inter­net­re­cher­che her­aus­zu­fin­den. In einem Por­trät in der Fach­zeit­schrift Yacht aus dem Jahr 2008 ist nach­zu­le­sen, dass der Seg­ler sich als jun­ger Mann einen Namen bei Regat­ten der 505er-Boots­klas­se gemacht hat. Dadurch sei Has­so Platt­ner, Mit­be­grün­der des IT-Kon­zerns SAP, selbst Seg­ler und Spon­sor des Sports, auf Herr­mann auf­merk­sam gewor­den, habe ihn und sei­nen Part­ner zu Trai­nings­ein­hei­ten ein­ge­la­den. „Aus dem Held vom Mit­tel­feld wird ein Sie­ger. Kata­ly­sa­tor ist Has­so Platt­ner“, schreibt Yacht. Platt­ner ist ein Mil­li­ar­där, er wird unter die 20 reichs­ten Deut­schen gezählt. Sei­ne sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Ein­stel­lung hat er mehr­fach deut­lich gemacht. Zum Bei­spiel als er 2017 Kri­tik an zu hohen Bonus­zah­lun­gen für Mana­ger zurück­wies oder Ende 2019 die Ver­mö­gens­steu­er ablehn­te und damit droh­te, das Land zu ver­las­sen, wenn sie Wirk­lich­keit wer­den soll­te.

Wer glaubt, dass Segel­sport­ler nur das Geld von ihren Spon­so­ren neh­men, um in Ruhe ihren Sport aus­üben zu kön­nen, wei­ter aber nichts mit die­sen zu tun haben, muss gren­zen­los naiv sein. „Wes’ Brot ich ess, dess Lied ich sing“ gilt hier wie über­all im real exis­tie­ren­den Kapi­ta­lis­mus. Für Boris Herr­mann, der Betriebs­wirt­schaft stu­diert hat, ist das ver­mut­lich nicht mal ein Pro­blem. Zumal mit dem Auf­stieg in die obe­ren Eta­gen des Segel­sports ja auch Annehm­lich­kei­ten ver­bun­den sind. „Per Pri­vat­jet geht es auf die Ber­mu­das, nach San Fran­cis­co und Anna­po­lis“, heißt es in der Yacht über Herr­manns Start in Platt­ners Team. Und wei­ter: „Die Nähe zu Platt­ner, mit dem er über Stu­di­en­in­hal­te fach­sim­pelt, prägt Boris Herr­mann.“ Dass der Olden­bur­ger „so schnell das Ver­trau­en eines Geld­ge­bers gefun­den hat“, begrün­det das Fach­blatt so: „Die Mischung aus stra­te­gi­schem BWL-Wis­sen, grund­le­gen­der Hoch­see-Erfah­rung, authen­ti­scher Lie­be zum Meer und über­durch­schnitt­li­chen Jol­len-Erfol­gen dürf­ten genau die Zuta­ten sein, die in der Ein­hand­sze­ne gefragt sind.“

Nach dem Ent­de­cker Platt­ner fand sich auch noch ein ande­rer stein­rei­cher Unter­neh­mer, der Herr­mann unter sei­ne Fit­ti­che nahm: Niels Stol­berg, Grün­der und Eig­ner der auf Pro­jekt­la­dungs- und Schwer­gut­trans­port spe­zia­li­sier­ten Belu­ga-Ree­de­rei, damals gern als „Vor­zei­ge­un­ter­neh­mer“ der Stadt Bre­men bezeich­net, in der Herr­mann sein BWL-Stu­di­um absol­viert hat­te. „Stol­berg ist begeis­tert von Moti­va­ti­on und Ehr­geiz sei­nes Schütz­lings“, heißt es im Yacht-Por­trät von 2008. Wenig spä­ter war Stol­berg kein Vor­zei­ge­un­ter­neh­mer mehr, da her­aus­ge­kom­men war, dass er in Betrü­ge­rei­en und dubio­se Waf­fen­ge­schäf­te ver­wi­ckelt war. Im März 2018 wur­de Stol­berg wegen gemein­schaft­li­chen Kre­dit­be­trugs in 18 Fäl­len sowie Untreue in einem beson­ders schwe­rem Fall zu drei­ein­halb Jah­ren Haft ver­ur­teilt.

Boris Herr­mann kann das alles egal sein. Er ist ja Sport­ler und kann sich immer damit her­aus­re­den, er kön­ne schließ­lich nicht wis­sen, aus wel­chen schmut­zi­gen Geschäf­ten das Geld kommt, mit dem er finan­ziert wird. Inzwi­schen ver­kehrt er ohne­hin in Krei­sen, die unan­tast­bar sind. Im Janu­ar 2014 lern­te er in Kap­stadt einen Mann ken­nen, gegen den Stol­berg ein armer Schlu­cker ist: Pierre Casi­raghi, Sohn von Caro­li­ne von Mona­co und Mit­glied der mone­gas­si­schen Fürs­ten­fa­mi­lie, die so reich ist, dass sie die Stra­ßen von Mona­co ver­mut­lich auf eige­ne Kos­ten mit Gold pflas­tern könn­te. Über Pierre Casi­raghi ist zu lesen, er sei Mehr­heits­ei­gen­tü­mer der Bau­fir­ma Enge­co, die sein Vater Ste­fa­no Casi­raghi vor sei­nem Tod grün­de­te. Die­ser sei wie­der­um „mehr als ein­mal der Kol­la­bo­ra­ti­on mit der Mafia bezich­tigt“ wor­den. Aber wie gesagt, wer fragt unter Seg­lern danach, wo das Geld her­kommt. Pierre Casi­raghi ist auch Seg­ler und Prä­si­dent des „Yacht Clubs von Mona­co“. Er grün­det mit Boris Herr­mann das Yacht­syn­di­kat „Team Mali­zia“, die bei­den sind Betrei­ber des Boots, mit dem Herr­mann die Ven­dée Glo­be bestrit­ten hat.

Aller­dings wur­de das Boot dafür von „Mali­zia II“ in „Sea­ex­plo­rer“ umbe­nannt, weil der neue Spon­sor, der für die Teil­nah­me an der Regat­ta gewon­nen wur­de, dies so woll­te. Es han­delt sich um den Ham­bur­ger Logis­tik­kon­zern Küh­ne + Nagel, der dem Mil­li­ar­där Klaus-Micha­el Küh­ne gehört, bekannt vor allem durch sein Spon­so­ring des Ham­bur­ger SV. Küh­ne muss­te bis­her zwar anders als Stol­berg noch nicht in den Knast, sein Geba­ren ist aber zumin­dest mora­lisch frag­wür­dig. Vor Jah­ren hat er bereits sei­nen Wohn­sitz in ein Schwei­zer Steu­er­pa­ra­dies für Super­rei­che ver­legt. Im Mai 2019 gab es Berich­te, dass sein Unter­neh­men, wie es damals hieß, die eta­blier­ten Kon­zern­steu­er­oa­sen Luxem­burg, Schweiz und Ber­mu­da mit­ein­an­der zu einem „hoch­kom­ple­xen Finan­zie­rungs­mo­dell“ ver­quickt hat­te, des­sen Wir­kung „nur in einer aggres­si­ven Ver­mei­dung von Steu­ern“ bestehen kön­ne.

All das wird natür­lich in den zahl­rei­chen aktu­el­len Medi­en­be­rich­ten über den deut­schen Star­seg­ler nicht erwähnt. Viel lie­ber rufen die Medi­en in Erin­ne­rung, dass Herr­mann im August 2019 die schwe­di­sche Kli­ma­ak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg in einer zwei­wö­chi­gen Rei­se über den Atlan­tik nach New York zum Kli­ma­gip­fel wäh­rend der UN-Gene­ral­ver­samm­lung segel­te. Doch auch die­se Akti­on war zumin­dest frag­wür­dig und es ging, wie bei Boris Herr­mann offen­bar üblich, wohl mehr um den PR-Effekt. Medi­en­be­rich­ten zufol­ge ver­ur­sach­te die Rei­se einen deut­lich grö­ße­ren Treib­haus­gas­aus­stoß, als wenn Gre­ta Thun­berg mit ihrem Vater in die USA geflo­gen wäre.

Noch ein Wort zum sport­li­chen Aspekt des The­mas: Auch hier fragt es sich, wo die gro­ße Leis­tung von Herr­mann lie­gen soll, die ihn zum Hel­den macht, der mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz aus­zu­zeich­nen wäre. Die Boo­te, die an der Ven­dée Glo­be teil­ge­nom­men haben, sind mit High tech voll­ge­stopft. Bei Golem​.de heißt es dazu, die Yacht wer­de von einem Auto­pi­lo­ten gesteu­ert, habe eine Daten­ver­bin­dung per Satel­lit zum Sen­den und Emp­fan­gen, sei „gespickt mit Sen­so­ren, deren Daten ein Bord­com­pu­ter aus­wer­tet“. Man habe gar kei­ne Zeit, das Boot zu steu­ern, wird ein Skip­per zitiert. Mit Sport oder einer See­fahrt, wie man sie sich so all­ge­mein vor­stellt, hat die­se Form des Segelns mit­hin wenig zu tun. Als eine Leis­tung Herr­manns lie­ße sich höchs­tens aner­ken­nen, dass er mona­te­lang allein auf dem Boot aus­ge­harrt und zwi­schen­durch immer wie­der die­sel­ben dümm­li­che Fra­gen von Medi­en­ver­tre­tern beant­wor­tet hat.

Es gibt wahr­lich genug Men­schen, die zu Hel­den oder Vor­bil­dern erklärt wer­den könn­ten. Zum Bei­spiel die See­leu­te und Akti­vis­ten, die Tag für Tag auf dem Mit­tel­meer unter­wegs sind, um Geflüch­te­te aus See­not zu ret­ten. Aber ein Mann wie Boris Herr­mann, ein Lauf­bur­sche der Super­rei­chen, der Mil­li­ar­dä­ren und Kon­zer­nen hilft, sich mit Sport und ver­meint­li­chem Kli­ma­schutz-Enga­ge­ment einen wei­ßen Fuß zu machen – der muss es wirk­lich nicht sein.

# Titebild: Clau­dia Somm, J70 Batt­le 2017, CC BY 2.0

Der Bei­trag Boris Herr­mann: Anker lich­ten fürs Kapi­tal erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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