[LCM:] “Wir zielten auf die Infrastruktur großer multinationaler Konzerne ab” – Ein Europäer in der kolumbianischen Guerilla

Ein Euro­pä­er in den Tie­fen des kolum­bia­ni­schen Dschun­gels, bewaff­net, aus­ge­bil­det im Gue­ril­la­kampf und im Krieg gegen einen rück­sichts­lo­sen Feind. Wir hat­ten die Mög­lich­keit, einen Inter­na­tio­na­lis­ten aus dem kolum­bia­ni­schen Ejérci­to de Libe­r­a­ción Nacio­nal (ELN) zu inter­view­en.

Die Natio­na­le Befrei­ungs­ar­mee, die in Cas­tel­la­no das Akro­nym ELN trägt, befin­det sich seit über 50 Jah­ren im Krieg mit dem kolum­bia­ni­schen Staat und hat das Ziel, die­sen zu stür­zen. Eine mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Gue­ril­la, inspi­riert von der kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on und kom­mu­nis­ti­schen befrei­ungs­theo­lo­gi­schen Pries­tern. Wäh­rend des jahr­zehn­te­lan­gen Krie­ges mit der Armee, rech­ten Para­mi­li­tärs, Nar­co-Kar­tel­len und mul­ti­na­tio­na­len Koope­ra­tio­nen hat die ELN gelernt, fast jede poli­ti­sche Situa­ti­on zu über­le­ben, und wächst nun wie­der rasant. Die ELN ist nicht nur eine mili­tä­ri­sche Orga­ni­sa­ti­on, son­dern de fac­to eine Regie­rung für die Men­schen, die die kolum­bia­ni­sche Regie­rung ver­nach­läs­sigt hat. Nach­dem die zwei­te gro­ße kolum­bia­ni­sche Gue­ril­la FARC-EP einen „Frie­dens­ver­trag“ unter­zeich­net hat, ist die ELN nun Staats­feind Num­mer eins in Kolum­bi­en. Das süd­ame­ri­ka­ni­sche Land befin­det sich immer noch im Krieg, auch wenn die Mas­sen­me­di­en die­se Tat­sa­che ver­schwei­gen.

Wir hat­te die sel­te­ne Mög­lich­keit, einen inter­na­tio­na­lis­ti­schen Frei­wil­li­gen in der ELN zu inter­view­en. Wenn die Behör­den von sei­ner Anwe­sen­heit wüss­ten, wären sie außer sich, wie damals, als sie den Ursprung der berühm­ten FARC-EP-Gue­ril­le­ra und nie­der­län­di­schen Inter­na­tio­na­lis­tin Tan­ja auf­deck­ten. Die Sicher­heits­vor­keh­run­gen für die­ses Inter­view waren hoch, die wah­re Iden­ti­tät unse­res Inter­view­part­ners bleibt geheim. Zum ers­ten Mal gibt die­ses Gespräch einen Ein­blick in das Leben eines frei­wil­li­gen euro­päi­schen Inter­na­tio­na­lis­ten, der in der ELN dien­te.

Um anzu­fan­gen, wo in Kolum­bi­en warst Du sta­tio­niert?

Kolum­bi­ens Lla­no-Regi­on und die umlie­gen­den Gebie­te Arau­ca, Meta und Boyacá. Ich war größ­ten­teils auf dem Land und in den Ber­gen sta­tio­niert, anstatt ein „Urba­no“ zu sein – ein Stadt­gue­ril­le­ro.

Wie kam es dazu, dass Du Dich der ELN ange­schlos­sen hast? Was war Dein Ziel?

Ich hat­te Freun­de durch staat­li­che Repres­si­on in Kolum­bi­en ver­lo­ren, bevor ich über­haupt dar­an gedacht hat­te, der ELN bei­zu­tre­ten. Mei­ne Ent­schei­dung, mich anzu­schlie­ßen, beruh­te auf mei­nen Erfah­run­gen in Kolum­bi­en und wur­de natür­lich von mei­ner revo­lu­tio­nä­ren Ein­stel­lung ange­trie­ben. Der gan­ze Pro­zess ver­lief orga­nisch. Ich bin nicht aus dem Wes­ten auf­ge­bro­chen, um mich anzu­schlie­ßen. Obwohl, ich wür­de sagen, dass ich als Mar­xist-Leni­nist natür­lich mei­ne Sym­pa­thien mit den Rebel­len und auch der lega­len poli­ti­schen Bewe­gung hat­te.

Ich habe lan­ge und gründ­lich stu­diert und nach­ge­dacht, und mir war klar, dass es sehr star­ke stra­te­gi­sche Grün­de gibt, Kolum­bi­en als schwa­ches Glied in der impe­ria­lis­ti­schen Ket­te, die die gesam­te Welt erstickt, zu prio­ri­sie­ren. Kolum­bi­en ist für die Inter­es­sen der USA in Latein­ame­ri­ka von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Und das Land hat auch eine lan­ge und bedeu­ten­de Geschich­te mar­xis­ti­schen Wider­stands, die die­se Tat­sa­che bestä­tigt. Die USA betrach­ten das Land als ihre Hoch­burg, als ihren wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten auf dem Kon­ti­nent, daher wäre ein Sieg hier ein mas­si­ver Erfolg im Kampf gegen den Impe­ria­lis­mus für die gan­ze Welt. Es wäre unglaub­lich trans­for­ma­tiv – auf dem gesam­ten süd­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent wür­de nach Jahr­zehn­ten der Ein­mi­schung, die oft von Kolum­bi­en selbst aus­ge­rich­tet wur­de, ein Stie­fel vom Hals geho­ben. Aus die­sem Grund habe ich mich ent­schie­den, an die­sem Kampf teil­zu­neh­men, so beschei­den mei­ne Bei­trä­ge auch gewe­sen sein mögen.

Wie war dein täg­li­ches Leben als inter­na­tio­na­ler Gue­ril­le­ro?

Ich war Mit­glied eines offen­siv aus­ge­rich­te­ten Batail­lons. Unse­re Ope­ra­ti­ons­ba­sis war haupt­säch­lich in den Ber­gen, aber manch­mal befan­den wir uns auch in zivi­len Com­mu­nities. Unser Haupt­ziel war es, den Feind in die­ser Regi­on in klei­nen Gefech­ten anzu­grei­fen und wir ziel­ten auf die Infra­struk­tur gro­ßer mul­ti­na­tio­na­ler Kon­zer­ne ab. Unse­re Exis­tenz als Ein­heit in der Regi­on, die sich zwi­schen siche­ren Gebie­ten in den Ber­gen bewegt und die loka­len länd­li­chen Com­mu­nities schützt, zwingt den Staat dazu, viel Zeit, Geld und Arbeits­kräf­te zu inves­tie­ren. Wir betrach­ten dies als eine Errun­gen­schaft für unse­re Bewe­gung, kom­me was wol­le.

Unser Tages­ab­lauf beinhal­te­te viel Mar­schie­ren und kör­per­li­ches Trai­ning, das Auf­spü­ren des Fein­des, Waf­fen­trai­ning – im Grun­de alles, was man als Vor­be­rei­tung auf offen­si­ve Akti­vi­tä­ten in Betracht zie­hen könn­te. Jeder ver­bringt zwei Stun­den am Tag im Wach­dienst und jeder kocht und putzt, wenn er an der Rei­he ist. Wann immer mög­lich, fin­det auch poli­ti­sche Bil­dung statt.

Ich wer­de ehr­lich sein – das Leben in den Ber­gen ist sehr hart. Du bist extrem iso­liert, Hun­ger und Unter­ernäh­rung sind kei­ne Sel­ten­heit, und das kolum­bia­ni­sche Mili­tär ist stän­dig mit Droh­nen und Flug­zeu­gen über Dir und sucht nach Anzei­chen Dei­ner Anwe­sen­heit, eine Tat­sa­che, an wel­che die Armee Dich stän­dig erin­nern möch­te. Der Umgang mit die­sen Bedin­gun­gen ist selbst für die hart­ge­sot­tens­ten Vete­ra­nen in die­sem Kampf schwie­rig.

Hast Du ande­re inter­na­tio­na­le Frei­wil­li­ge in der ELN getrof­fen?

Mir sind kei­ne ande­ren west­li­chen Internationalist:innen bekannt, die der­zeit bei der ELN sind. Davon abge­se­hen gab es in der Ver­gan­gen­heit eine Rei­he von Internationalist:innen aus Spa­ni­en, dar­un­ter Manu­el Perez, der die ELN bis zu sei­nem Tod 1998 lei­te­te. Es gibt jedoch vie­le Internationalist:innen aus ver­schie­de­nen latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern, wie bei­spiels­wei­se aus Vene­zue­la und Ecua­dor. Zu Kolum­bi­ens FARC-EP gesell­te sich eine Nie­der­län­de­rin, Tan­ja Nij­mei­jer, die sich über vie­le Jah­re als gro­ße und enga­gier­te Revo­lu­tio­nä­rin bewährt hat. Ich bin sicher, Tan­ja hat sich für den kolum­bia­ni­schen Revo­lu­ti­ons­kampf als weit­aus nütz­li­cher erwie­sen, als wenn sie in den Nie­der­lan­den geblie­ben wäre.

Ich woll­te ursprüng­lich nicht der ELN bei­tre­ten. Die Gele­gen­heit ergab sich spon­tan, nach­dem ich eini­ge Zeit in Kolum­bi­en ver­bracht hat­te. Die Klan­des­t­ini­tät, die die Rebel­len auf­grund der Gewalt des kolum­bia­ni­schen Staa­tes benö­ti­gen, macht es schwie­rig, eine bewaff­ne­te Bewe­gung in Kolum­bi­en aus dem Aus­land zu kon­tak­tie­ren, ins­be­son­de­re wenn man ein Außen­sei­ter mit gerin­gen Kennt­nis­sen der loka­len Rea­li­tät ist. Dar­über hin­aus muss man von einem ver­trau­ens­wür­di­gen Mit­glied einer loka­len Com­mu­ni­ty bestä­tigt wer­den, bevor man über­haupt für eine Mit­glied­schaft in Betracht gezo­gen wird.

Die ELN sind offen für den Bei­tritt von Internationalist:innen, aber es ist kein ein­fa­cher Pro­zess.

Wenn Du an Dei­ne Zeit in Kolum­bi­en zurück­denkst, wel­che Momen­te kom­men Dir als ers­te in den Kopf?

Das ers­te Mal als ich mei­ne Uni­form trug war ein sehr wich­ti­ger Moment, auf­grund des­sen, was sie dar­stellt und impli­ziert. Die Uni­form reprä­sen­tiert die Ver­pflich­tung des Wider­stands gegen Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus, eine Akzep­tanz, dass man an einem Krieg teil­nimmt, in des­sen Ver­lauf man mög­li­cher­wei­se sein Leben ver­liert.

Die bes­ten Zei­ten waren die klei­nen Momen­te unter Genoss:innen. Ich erin­ne­re mich, wie wir zusam­men gelacht haben, eini­ge der Gesprä­che, die wir geführt haben – die ein­fa­chen Din­ge. Wir unter­hiel­ten uns zur Mit­tags­zeit oder bei einem Abend­kaf­fee. Die Bäue­rin­nen und Bau­ern (die natür­lich die gro­ße Mehr­heit der länd­li­chen Gue­ril­la-Rei­hen der ELN aus­ma­chen) haben einen bril­lan­ten Sinn für Humor und ver­su­chen, sich nicht zu ernst zu neh­men. Wäh­rend der Trai­nings­ein­hei­ten wird viel gelacht, wenn Genoss:innen dazu nei­gen, sich auf die eine oder ande­re Wei­se zu bla­mie­ren.

Es tut sehr weh, wenn dei­ne Genoss:innen getö­tet wer­den. Von Zeit zu Zeit erhal­te ich immer noch Nach­rich­ten über den Tod von Genoss:innen, mit denen ich gedient habe. Es tut noch mehr weh zu wis­sen, dass mei­ne Genoss:innen oft vom vene­zo­la­ni­schen Mili­tär getö­tet wur­den. Eini­ge der bemer­kens­wer­tes­ten Kommunist:innen, die ich je ken­nen­ge­lernt habe, wur­den vom vene­zo­la­ni­schen Mili­tär getö­tet. Ande­re haben die ELN mit Erlaub­nis und bei guter Stim­mung ver­las­sen, wie es nach einer gewis­sen Zeit der Mit­glied­schaft üblich ist.

Eine ande­re Sache, an die ich mich immer erin­nern wer­de, ist das Gefühl wah­rer Genoss:innenschaftlichkeit – eine wah­re, tie­fe und natür­li­che Wert­schät­zung für ein­an­der und jeden in ihrer Ein­heit. Sie alle brin­gen die glei­chen Opfer, sie sind Mit­glie­der des glei­chen Kamp­fes und sie sind den glei­chen Risi­ken aus­ge­setzt. Dies schafft natür­lich eine tie­fe­re Bin­dung als die, wel­che man in lega­len, städ­ti­schen poli­ti­schen Bewe­gun­gen fin­den könn­te. Wir bewei­sen uns selbst, bewei­sen unser Enga­ge­ment für­ein­an­der und den Kampf jeden Tag, an dem wir wei­ter­kämp­fen. Es ist schwie­rig, ein ver­gleich­ba­res Bei­spiel zu fin­den.

Das vene­zo­la­ni­sche Mili­tär bekämpft die ELN, obwohl die Main­stream-Medi­en argu­men­tie­ren, Vene­zue­la unter­stüt­ze die Gue­ril­la?

Es ist nicht wahr, dass das vene­zo­la­ni­sche Mili­tär die Rebel­len unter­stützt – dies ist eine Lüge, um eine Aggres­si­on gegen den vene­zo­la­ni­schen Staat zu recht­fer­ti­gen. Vene­zue­la wird von den USA als sozia­lis­ti­sches Land und Bedro­hung für den Impe­ria­lis­mus, als Feind, ange­se­hen. Die Aus­sa­ge, dass sie “Ter­ro­ris­ten” in einer frem­den Nati­on unter­stüt­zen, ist ein alter Trick im Hand­buch, um die Zustim­mung für einen mög­li­chen zukünf­ti­gen Krieg und für “Inter­ven­ti­on” her­zu­stel­len. Bewei­se für die­se Art von Hal­tung gibt es über­all – sieh Dir nur die Guia­do-Saga und die fehl­ge­schla­ge­nen Putsch­ver­su­che im letz­ten Jahr an und wie der Irak und Afgha­ni­stan 2003 als „staat­li­che Spon­so­ren des Ter­ro­ris­mus“ gal­ten.

Die Ermor­dung kolum­bia­ni­scher Kommunist:innen durch das vene­zo­la­ni­sche Mili­tär ist unter kolum­bia­ni­schen Revolutionär:innen bekannt, aber die Medi­en berich­ten nicht dar­über und es wird inter­na­tio­nal tot­ge­schwie­gen. Ich bin mir nicht ganz sicher, war­um Vene­zue­la kolum­bia­ni­schen Rebel­len feind­lich gegen­über­steht. Viel­leicht aus Angst, ech­te Bewei­se für die Behaup­tung „Spon­so­ren des Ter­rors“ zu lie­fern. Even­tu­ell ver­steht das vene­zo­la­ni­sche Mili­tär sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät auf eine rech­te und reak­tio­nä­re Wei­se und sieht in dem Tod von kolum­bia­ni­schen Kommunist:innen die Siche­rung ihrer Gren­zen gegen­über aus­län­di­schen bewaff­ne­ten Grup­pen, wel­che dort Schutz vor Luft­schlä­gen und Angrif­fen im Mor­gen­grau­en suchen.

Ich weiß jedoch nur Fol­gen­des: Das vene­zo­la­ni­sche Mili­tär tötet rou­ti­ne­mä­ßig kolum­bia­ni­sche Kommunist:innen, die es inner­halb sei­ner Gren­zen fin­det. Sie arbei­ten nicht mit der ELN zusam­men – so sehr wir uns das alle wün­schen.

Wie gefähr­lich ist das Leben als Gue­ril­la? Wie gefähr­lich war es für Dich?

Eines Nach­mit­tags, kurz bevor es völ­lig dun­kel wur­de – es wird gegen 18 Uhr in den Ber­gen pech­schwarz und man kann nichts sehen -, wur­de unse­re Ein­satz­ba­sis durch das ohren­be­täu­ben­de Geräusch meh­re­rer Arten von Mili­tär­flug­zeug­hub­schrau­bern und Sturz­kampf­flug­zeu­gen alar­miert, wel­che direkt auf uns zuka­men, als ob sie wuss­ten, dass wir da waren. Feind­li­che Boden­trup­pen mach­ten sich auf den Weg zu unse­rer pro­vi­so­ri­schen Küche, in der wir den Tag ver­bracht hat­ten (wir nutz­ten sie oft als Treff­punkt wäh­rend des Tages), aber wir hat­ten sie glück­li­cher­wei­se erst zwan­zig Minu­ten zuvor geräumt, um zu unse­ren Hän­ge­mat­ten zu gehen und dort zu schla­fen. Wir waren jedoch nicht in Sicher­heit, da das Mili­tär nur zehn Minu­ten ent­fernt war und schnell näher­kam. Die gesam­te Sound­ku­lis­se wur­de vom Dröh­nen der Moto­ren domi­niert. Wir dach­ten das wär’s mit uns.

Ich ging hin­ter einem Baum in Deckung, wie es mir bei­gebracht wor­den war, aber es schien fast sinn­los, als der Feind von allen Sei­ten auf uns zukam – sie hat­ten uns flan­kiert und ihre Ope­ra­ti­on war ein­deu­tig gut orga­ni­siert. Zum Glück haben der Anfüh­rer unse­rer 14-köp­fi­gen Grup­pe und mein engs­ter Genos­se bis zu sei­nem Tod durch das vene­zo­la­ni­sche Mili­tär beschlos­sen, uns vom Berg her­un­ter­zu­füh­ren. Man konn­te die Span­nung in der Ein­heit spü­ren, es war eine schwie­ri­ge Situa­ti­on.

Ihre Hub­schrau­ber hat­ten unse­re übli­chen Wege, Ein- und Aus­gän­ge ent­deckt. Sol­da­ten hat­ten ihre Fahr­zeu­ge in unse­rer Küche geparkt, um nach Bewei­sen für unse­re Anwe­sen­heit zu suchen, und wir wuss­ten, dass es nicht lan­ge dau­ern wür­de, bis sie unse­ren genau­en Stand­ort loka­li­siert hät­ten, es sei denn, wir über­leg­ten uns eine unbe­re­chen­ba­re Lösung. Das kolum­bia­ni­sche Mili­tär hat­te Nacht­sicht­ge­rä­te, wel­che wir nicht hat­ten, und die Nacht war pech­schwarz. Wir waren umzin­gelt und die Zeit, um zu flie­hen, wur­de knap­per. Wir beschlos­sen, dass unse­re ein­zi­ge Chan­ce dar­in bestand, den stei­len, über­wu­cher­ten Berg­hang hin­un­ter­zu­stei­gen, indem wir ihn hin­un­ter­rutsch­ten und auf unse­rem Rück­zug einen völ­lig neu­en Weg ein­schlu­gen.

Wir brauch­ten unge­fähr eine Stun­de, um von der Spit­ze des Ber­ges abzu­stei­gen, gefolgt von einem 8‑stündigen Marsch fluss­ab­wärts und einen ande­ren Berg hin­auf, um genü­gend Abstand und Deckung für etwas Schlaf zu gewin­nen. Wir haben am stei­len Hang eines wei­te­ren Ber­ges geschla­fen. Ich schlief mit mei­nen Bei­nen um einen Baum­stamm, um zu ver­hin­dern, dass ich den Berg­hang hin­un­ter­fiel. Wir brauch­ten unge­fähr zwei Tage, mit dem Mili­tär immer dicht auf den Fer­sen, um in die Ebe­ne zu gelan­gen, wo uns eine loka­le indi­ge­ne Grup­pe die Unter­stüt­zung anbot, die wir drin­gend brauch­ten.

Manch­mal konn­ten wir sogar das Geräusch ihrer Droh­nen über unse­ren Köp­fen hören. Am Ende jedoch, trotz der inten­si­ven Ope­ra­ti­on gegen uns konn­te unser Wis­sen über das Ter­rain, kom­bi­niert mit unse­rer Erfah­rung des Über­le­bens in den Ber­gen und der Umset­zung von Gue­ril­la­tak­ti­ken, uns das Leben ret­ten – und wir haben einen gut geplan­ten Hin­ter­halt zur Auf­stands­be­kämp­fung aus­ma­nö­vriert, der von dem mili­tä­risch gefähr­lichs­ten Staat finan­ziert und aus­ge­rüs­tet wur­de, den die Welt je gese­hen hat, den USA.

Was wür­dest Du zur Per­spek­ti­ve zukünf­ti­ger inter­na­tio­na­ler Frei­wil­li­ger sagen? Wie war es, der ein­zi­ge West­ler zu sein?

Als ich der ELN bei­trat, wur­de ich von meh­re­ren hoch­ran­gi­gen poli­ti­schen Kommandeur:innen begrüßt, die eine Rede hiel­ten, die ich nicht so schnell ver­ges­sen wer­de. Sie erklär­ten, dass die ELN „dem inter­na­tio­na­len Kampf gegen Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus ver­bun­den“ sei und von der inter­na­tio­na­len Unter­stüt­zung stark pro­fi­tie­ren wür­de, vor allem der aus den Län­dern des Wes­tens. Die Kommandeur:innen leg­ten gro­ßen Wert dar­auf, zwi­schen den Regie­run­gen und dem Pro­le­ta­ri­at in den impe­ria­lis­ti­schen Natio­nen zu unter­schei­den. Sie erkann­ten, dass die Arbeiter:innen im Wes­ten trotz der geo­po­li­ti­schen Stär­ke von ihrer herr­schen­den Klas­se immer noch bös­ar­tig aus­ge­beu­tet wer­den.

Es gibt eini­ge Marxist:innen, die in Bezug auf Revo­lu­ti­on über­mä­ßig dog­ma­tisch und starr sind und glau­ben, dass man als Fran­zo­se nur in Frank­reich für den Sozia­lis­mus kämp­fen muss, ein Mexi­ka­ner in Mexi­ko, ein Deut­scher in Deutsch­land und so wei­ter. Ja, jemand, der selbst aus einer Nati­on stammt, wird die Bedin­gun­gen in die­ser Nati­on bes­ser und tie­fer ver­ste­hen, aber das bedeu­tet nicht immer, dass er nur dort kämp­fen kann, wo er her­kommt. Das bedeu­tungs­vol­le Erbe von Che Gue­va­ra zeigt deut­lich den Nut­zen inter­na­tio­na­ler Frei­wil­li­ger. Ein jün­ge­res Bei­spiel ist Tan­ja Nij­mei­jer der FARC-EP. Ich ver­mu­te, dass sie im kolum­bia­ni­schen Kampf wahr­schein­lich wirk­sa­mer war als in den Nie­der­lan­den. Das Inter­na­tio­na­le Frei­heits­ba­tail­lon in Kur­di­stan war maß­geb­lich an der Befrei­ung von Min­bij und Raq­qa wäh­rend des anti­fa­schis­ti­schen Krie­ges gegen ISIS betei­ligt, und ich habe bereits Manu­el Perez von der ELN erwähnt. Obwohl Perez einst unter dem Ver­dacht gefan­gen genom­men wur­de, ein aus­län­di­scher Spi­on zu sein, stieg er zum höchs­ten poli­ti­schen Füh­rer der ELN auf und bewies sich wäh­rend meh­re­rer Jahr­zehn­te bewaff­ne­ter Kämp­fe als ein gro­ßer Revo­lu­tio­när. Vie­le ande­re Internationalist:innen in der Geschich­te haben bewie­sen, dass es manch­mal nicht immer die bes­te Stra­te­gie für Kommunist:innen ist, dort zu blei­ben, wo sie gera­de gebo­ren wur­den.

Manu­el Maru­lan­da, Grün­der der FARC-EP und ehe­ma­li­ges Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Kolum­bi­ens, argu­men­tier­te ein­mal: „Auf 100 Kommunist:innen kom­men nur etwa 30, die bereit sind, für ihre Über­zeu­gung zu ster­ben. Und von die­sen 30 wer­den nur etwa 10 bereit sein, das Opfer und den Kampf im bewaff­ne­ten Kampf zu ertra­gen.“ Es gibt immer vie­le städ­ti­sche Aktivist:innen auf der gan­zen Welt, die sich an lega­len Kämp­fen betei­li­gen, ins­be­son­de­re im Wes­ten, mit der roman­ti­schen Vor­stel­lung, eines Tages an einem glor­rei­chen bewaff­ne­ten Kampf teil­zu­neh­men – aber es gibt nor­ma­ler­wei­se einen Man­gel an Kommunist:innen, die bereit sind, wirk­lich zu kämp­fen, die bereit sind, sich für ein sol­ches Leben mit all sei­nen Schwie­rig­kei­ten zu ent­schei­den, beson­ders in Län­dern wie Kolum­bi­en, in denen der Feind auf­grund jahr­zehn­te­lan­ger Bür­ger­krie­ge sehr erfah­ren ist.

Wenn jemand wirk­lich bereit ist, die­sen Weg zu gehen, wenn jemand demü­tig akzep­tie­ren möch­te, dass viel­leicht nie­mand jemals von sei­nen Erfah­run­gen erfah­ren wird und dass er leicht sein Leben ver­lie­ren könn­te, wenn er bereit ist, die Risi­ken, Ver­ant­wort­lich­kei­ten und das stän­di­ge Ler­nen zu akzep­tie­ren und selbst­kri­tisch zu sein, wie es im Gue­ril­la-Leben ver­langt wird, dann wür­de ich sagen, dass die­se Per­son für den bewaff­ne­ten Kampf wahr­schein­lich wert­vol­ler ist als in dem städ­ti­schen, lega­len Kampf.

Der Bei­trag “Wir ziel­ten auf die Infra­struk­tur gro­ßer mul­ti­na­tio­na­ler Kon­zer­ne ab” – Ein Euro­pä­er in der kolum­bia­ni­schen Gue­ril­la erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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