[LCM:] Kältetot trotz Hotelleerstand

In Höhe St. Pau­li Lan­dungs­brü­cken ragt auf dem Elb­hang der Turm des Hotels Hafen Ham­burg auf. Vor eini­gen Tagen ist zu Füßen des wegen der Pan­de­mie der­zeit leer­ste­hen­den Hotels ein obdach­lo­ser Mann erfro­ren, ein­sam ver­reckt bei Minus­tem­pe­ra­tu­ren. Nachts war es hier bis zu minus zehn Grad kalt. Ein Bekann­ter fand den Mann am 10. Febru­ar unter einer S‑Bahn-Brü­cke an der Hel­go­län­der Allee. Sei­ne Iden­ti­tät ist unklar, sein Alter wur­de auf 55 bis 65 Jah­re geschätzt. Klar ist dage­gen, wer für den Tod des Man­nes die Ver­ant­wor­tung trägt: Die­ser tote Obdach­lo­se – bereits der 13. auf Ham­burgs Stra­ßen seit Dezem­ber – geht auf das Kon­to des rot-grü­nen Sena­tes und vor allem auf das Kon­to der Ham­bur­ger Sozi­al­se­na­to­rin und SPD-Lan­des­chefin Mela­nie Leon­hard. Mit faden­schei­ni­gen Aus­re­den wei­gert sich der Senat, obdach­lo­se Men­schen in den wegen Coro­na weit­ge­hend leer­ste­hen­den Hotels und Pen­sio­nen der Han­se­stadt unter­zu­brin­gen.

Schon fast fle­hent­lich hat­ten Ver­tre­ter aus der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe, aus Poli­tik und Gesell­schaft in der ers­ten Febru­ar­wo­che, als sich Extrem­wet­ter mit Schnee, Sturm und zwei­stel­li­gen Minus­tem­pe­ra­tu­ren ankün­dig­te, ihren seit Wochen vor­ge­brach­ten Appell wie­der­holt, end­lich die Hotels für die auf der Stra­ße leben­den Men­schen zu öff­nen. Am 3. Febru­ar hat­te sogar ein Meteo­ro­lo­ge Alarm geschla­gen und sich – was sel­ten ist – direkt an die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen gewandt. „Eisi­ge Polar­luft und anhal­ten­der Sturm las­sen die gefühl­ten Tem­pe­ra­tu­ren in den nächs­ten Tagen auf bis zu minus 20 Grad sin­ken“, hat­te der Meteo­ro­lo­ge Alex­an­der König laut Medi­en­be­rich­ten gesagt und Ham­burgs Ers­ten Bür­ger­meis­ter Peter Tschent­scher (SPD) zum Han­deln auf­ge­for­dert. „Der Gedan­ke dar­an, dass Men­schen erfrie­ren, wäh­rend unzäh­li­ge Hotels pan­de­mie­be­dingt leer­ste­hen, ist uner­träg­lich“, wur­de König zitiert.

Auch die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Woh­nungs­lo­sen­hil­fe (BAGW) hat­te, in einer Pres­se­mit­tei­lung vom 5. Febru­ar, ein­dring­lich gewarnt. Dar­in wur­de BAGW-Geschäfts­füh­re­rin Were­na Rosen­ke mit dem Satz zitiert: „Für Betrof­fe­ne darf sich nicht die Fra­ge stel­len, ob sie sich lie­ber in über­füll­ten Not­un­ter­künf­ten mit einem lebens­be­droh­li­chen Virus infi­zie­ren oder bei Minus­gra­den auf der Stra­ße erfrie­ren. Des­we­gen muss sofort gehan­delt und müs­sen über­le­bens­si­chern­de Maß­nah­men getrof­fen wer­den!“ In der Auf­stel­lung der Arbeits­ge­mein­schaft, die seit 1991 die Käl­te­to­ten unter den Obdach­lo­sen hier­zu­lan­de zählt, sind für die­sen Win­ter bereits 20 Fäl­le auf­ge­lis­tet. „Sie erfro­ren im Frei­en, unter Brü­cken, auf Park­bän­ken, in Haus­ein­gän­gen, unter Pla­nen, in Zel­ten und sons­ti­gen not­dürf­ti­gen Unter­stän­den“, heißt es in der Mit­tei­lung. Seit dem Win­ter 2009/​2010 habe es nicht mehr so vie­le erfro­re­ne Woh­nungs­lo­se in Deutsch­land gege­ben.

In Ham­burg for­dert die Woh­nungs­lo­sen­hil­fe seit Wochen, Obdach­lo­se in den leer­ste­hen­den Hotels unter­zu­brin­gen. Die Links­frak­ti­on kämpft in der Bür­ger­schaft schon lan­ge für eine sol­che Lösung, inzwi­schen hat sich sogar die CDU-Frak­ti­on die­sem Vor­ha­ben ange­schlos­sen. Doch SPD und Grü­ne bügeln alles ab. Noch am Tag, bevor der tote Obdach­lo­se auf St. Pau­li gefun­den wur­de, hat­te Sozi­al­se­na­to­rin Leon­hard im Sozi­al­aus­schuss der Bür­ger­schaft eine Hotel­un­ter­brin­gung in der Regie der Behör­de erneut abge­lehnt. Als Stadt sei man nicht in der Lage „die­se hohe Zahl von Men­schen“ dezen­tral zu ver­sor­gen, das sei nur in den Gemein­schafts­un­ter­künf­ten – dem Win­ter­not­pro­gramm – zu gewähr­leis­ten. Die wer­den aber, was Leon­hard nicht bestritt, von vie­len Obdach­lo­sen seit Beginn der Pan­de­mie noch mehr gemie­den als zuvor schon, weil die Unter­brin­gung in Mehr­bett­zim­mern das Infek­ti­ons­ri­si­ko erhöht.

Ange­sichts der dra­ma­ti­schen Lage für Ham­burgs Obdach­lo­se kann man die Ein­las­sun­gen Leon­hards nur als eben­so kalt­her­zig wie faden­schei­nig bezeich­nen. Ande­re Städ­te wie Düs­sel­dorf haben längst bewie­sen, dass eine Unter­brin­gung obdach­lo­ser Men­schen in Hotels mach­bar ist. Im ver­gan­ge­nen Früh­jahr haben in Ham­burg die Wohl­fahrts­ver­bän­de Dia­ko­nie und Cari­tas gemein­sam mit dem Stadt­ma­ga­zin Hinz & Kunzt ein sol­ches Pro­jekt umge­setzt. Für meh­re­re Wochen konn­ten rund 250 obdach­lo­se Men­schen in Hotels und Pen­sio­nen woh­nen und erhol­ten sich in die­ser Zeit schnell. Lei­der muss­ten sie danach wie­der auf die Stra­ße zurück­keh­ren. Der­zeit haben Hinz & Kunzt und die Dia­ko­nie rund 120 Obdach­lo­se in Hotels unter­ge­bracht, pri­va­te Initia­ti­ven noch ein­mal 50.

In der Ham­bur­ger Woh­nungs­lo­sen­hil­fe nimmt die Rat­lo­sig­keit ange­sichts des Ver­hal­tens der Stadt immer mehr zu. Es ist tat­säch­lich kaum noch nach­voll­zieh­bar, dass der Senat seit Jah­ren Ver­bes­se­run­gen des Hil­fe­sys­tems blo­ckiert. So hat die Links­frak­ti­on in den ver­gan­ge­nen Win­tern immer wie­der in der Bür­ger­schaft bean­tragt, dass die Über­nach­tungs­stät­ten des Win­ter­not­pro­gramms ganz­tä­gig geöff­net blei­ben und die Men­schen nicht mor­gens hin­aus­ge­wor­fen und erst gegen Abend wie­der ein­ge­las­sen wer­den. Das wur­de von der rot-grü­nen Mehr­heit jedes Mal abge­schmet­tert. Nur in abso­lu­ten Not­la­gen, wie zuletzt ange­sichts der tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren, lässt sich die Behör­de her­ab, das Win­ter­not­pro­gramm auch tags­über offen zu hal­ten.

Wie­so in einer der reichs­ten Metro­po­len Euro­pas über­haupt etwa 2000 Men­schen auf der Stra­ße leben müs­sen, ohne aus­rei­chend ver­sorgt zu sein – das geht vie­len nicht in den Kopf. Enga­gier­te Exper­ten wie Ste­phan Kar­ren­bau­er, Sozi­al­ar­bei­ter von Hinz & Kunzt, legen immer wie­der Vor­schlä­ge vor, wie die Lage zu ver­bes­sern ist, etwa durch die Ein­rich­tung so genann­ter Ankunft­häu­ser, in denen Obdach­lo­se ver­sorgt wer­den könn­ten. Oder sie bezie­hen sich auf das Kon­zept Housing First, bei dem die Men­schen nicht diver­se Unter­brin­gungs­for­men durch­lau­fen müs­sen, um sich für eine dau­er­haf­te eige­ne Woh­nung zu „qua­li­fi­zie­ren“, son­dern sie bedin­gungs­los als ers­tes eine eige­ne Woh­nung bekom­men, um sie dort sta­bi­li­sie­ren, bera­ten und betreu­en zu kön­nen.

Dass der Senat von all dem nichts wis­sen will, lässt sich nur noch mit sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Arro­ganz – erwor­ben in den Jahr­zehn­ten, in denen die Par­tei bereits die Stadt regiert -, einem pater­na­lis­ti­schem Ansatz, bes­ser zu wis­sen, was rich­tig ist, und mit irra­tio­na­len Ängs­ten erklä­ren. So war in den ver­gan­gen Jah­ren des öfte­ren zu hören, die Stadt fürch­te sich vor einer „Sog­wir­kung“. Wenn man für die Obdach­lo­sen in Ham­burg zu vie­le Ange­bo­te bereit hal­te, wer­de sich das schnell her­um­spre­chen, und Ham­burg wer­de dann zu einer Art Mek­ka für die­se Grup­pe. Die­ser The­se wird nicht nur von Fach­leu­ten wider­spro­chen – sie ist in ihrer Kon­se­quenz natür­lich auch zynisch und grau­sam.

Dass der Kapi­ta­lis­mus über Lei­chen geht, ist nichts Neu­es. Bei den Obdach­lo­sen ist das so deut­lich zu erken­nen, wie sonst in kaum einem ande­ren Bereich. Dass die Hotels nicht bereits zu Beginn die­ses Win­ters sämt­lich für die Men­schen, die auf der Stra­ße leben, geöff­net wor­den sind, zeigt aufs Neue, wie ver­kom­men die­se „Ord­nung“ ist und wie mora­lisch ver­dor­ben ihre Prot­ago­nis­ten und Pro­fi­teu­re. Auch wenn der Win­ter sich dem Ende zuneigt, ist das ein Grund mehr, die Peti­ti­on von 13 deut­schen Stra­ßen­zei­tun­gen für die Hotel­un­ter­brin­gung auf chan​ge​.org zu unter­schrei­ben, wie das in kur­zer Zeit schon weit über 100.000 User getan haben.

#Titel­bild: Gemein­frei via Pixabay

Der Bei­trag Käl­te­tot trotz Hotel­le­er­stand erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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