[LCM:] Gare: Guerilla schlägt türkische Armee zurück

Mit­te Febru­ar star­te­te der tür­ki­sche Staat eine erneu­te Mili­tär­ope­ra­ti­on in Gare, einem Gebiet in Südkurdistan/​Nordirak. Das Ziel: Die Ver­nich­tung der Arbei­ter­par­tei Kur­di­stans (PKK). Bereits weni­ge Tage danach erklär­te Anka­ra aller­dings die Ope­ra­ti­on für been­det. Hin­ter­grund: Die tür­ki­sche Armee konn­te gegen die Gue­ril­la der PKK nicht ankom­men. Nun ver­sucht sie, den Krieg medi­al wei­ter­zu­füh­ren. Ein Gespräch mit Women Defend Roja­va Deutsch­land.

Die Mel­dun­gen über die geplan­te Inva­si­on in Süd­kur­di­stan über­schlu­gen sich vor­ver­gan­ge­ne Woche. Könnt ihr noch­mal erläu­tern, was genau eigent­lich in Gare pas­siert ist?

In der Nacht vom 9. auf den 10. Febru­ar star­te­te der tür­ki­sche Staat eine erneu­te Ope­ra­ti­on mit dem Namen “Adler­klaue 2” auf die befrei­ten Gebie­te Süd­kur­di­stans, kon­kret die Regi­on Gare. Die­se Angrif­fe waren lan­ge vor­her und mit gro­ßen Wor­ten in der Tür­kei ange­kün­digt wor­den. Das Ziel des AKP/MHP-Regimes war es, Gare zu beset­zen, die Ope­ra­ti­on von dort aus auf Qen­dîl und wei­te­re Regio­nen aus­zu­wei­ten und dadurch die kur­di­sche Frei­heits­be­we­gung zu ver­nich­ten. All die­se Zie­le wur­den offen vom tür­ki­schen Regime kom­mu­ni­ziert.

Aber nicht erfüllt?

Nein, ganz im Gegen­teil. Die tür­ki­sche Armee war der Gue­ril­la in Gare nicht gewach­sen. Die­se Ope­ra­ti­on hat sich im End­ef­fekt als enor­me Nie­der­la­ge für den tür­ki­schen Staat her­aus­ge­stellt. Trotz mas­si­ver tage­lan­ger Bom­bar­die­run­gen durch zahl­rei­che Flug­zeu­ge und Heli­ko­pter, war die tür­ki­sche Armee nicht, bezie­hungs­wei­se kaum in der Lage ihre Sol­da­ten am Boden abzu­set­zen. Vide­os der Volks­ver­tei­di­gungs­ein­hei­ten HPG zei­gen, wie tür­ki­sche Hub­schrau­ber wegen mas­si­ver Gegen­wehr der Gue­ril­la umdre­hen und abzie­hen muss­ten.

Für den tür­ki­schen Staat ist das Ergeb­nis die­ser Angrif­fe abso­lut pein­lich. Ihre Ankün­di­gun­gen, die PKK zu ver­nich­ten, erwie­sen sich erneut als nichts wei­ter als hei­ße Luft. Die­se Nie­der­la­ge reiht sich ein in vie­le wei­te­re. Ver­gan­ge­nes Jahr ver­such­te die tür­ki­sche Armee erfolg­los die befrei­ten Gebie­te in Heft­anîn zu beset­zen. Dar­über hin­aus gleicht die Ope­ra­ti­on in Gare den Angrif­fen auf die Zap-Regi­on 2008, die eben­falls am 10. Febru­ar begann. Auch damals hat­te der tür­ki­sche Staat mit gro­ßen Tönen die Ver­nich­tung der Gue­ril­la ange­kün­digt und muss­te im End­ef­fekt eine enor­me Nie­der­la­ge ein­ste­cken, weil sie den Wider­stand der Volks­ver­tei­di­gungs­ein­hei­ten unter­schätzt hat­ten und ihnen unter­le­gen waren.

Bedeu­tet das, der befürch­te­te Groß­an­griff ist damit abge­wen­det?

Nein. Die Inva­si­on in Gare konn­te zwar durch die muti­ge Gegen­wehr der Gue­ril­la ver­hin­dert wer­den, den­noch ist es nicht aus­ge­schlos­sen, dass es in den kom­men­den Tagen und Wochen zu erneu­ten Angrif­fen kommt. Erdoğan kün­digt bereits seit eini­ger Zeit öffent­lich eine Inva­si­on in der Jesi­den­re­gi­on Şen­gal an. Auch Dêrik, eine Stadt in Roja­va, die stra­te­gisch wich­tig sowohl an der tür­ki­schen als auch ira­ki­schen Staats­gren­ze liegt, könn­te ein mög­li­ches Ziel für eine Ope­ra­ti­on der tür­ki­schen Armee sein. Wann und wo neue Angrif­fe star­ten wer­den, wis­sen wir nicht. Aber es ist wich­tig, aus der enor­men Nie­der­la­ge des tür­ki­schen Staats in Gare nicht zu schluss­fol­gern, dass Erdoğan sei­nen Völ­ker­mord an den Kurd_​innen stop­pen wird. Es ist schließ­lich auch ein ideo­lo­gi­scher Kampf.

Das bedeu­tet auch für uns, die hier in Deutsch­land soli­da­risch mit der kur­di­schen Frei­heits­be­we­gung sind, dass wir wei­ter aktiv auf die Stra­ße gehen müs­sen, um eine Öffent­lich­keit für die Kriegs­si­tua­ti­on zu schaf­fen und Wider­stand zu leis­ten – egal wo wir sind.

Eine Sache, die – ver­gleichs­wei­se – viel Auf­merk­sam­keit in den Medi­en bekom­men hat, ist die Tötung von 13 tür­ki­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen, die in Gare fest­ge­hal­ten wur­den. Könnt ihr dazu was sagen?

Es ist gut, dass du von “ver­gleichs­wei­se viel Auf­merk­sam­keit in den Medi­en” sprichst. Es ist wirk­lich jedes Mal wie­der erschre­ckend, wie wenig Öffent­lich­keit die grö­ße­ren deut­schen Medi­en für die völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angrif­fe des tür­ki­schen Staats schaf­fen. Auch die­ses Mal gab es viel zu wenig Bericht­erstat­tung – und wenn es sie gab, war sie sehr ein­sei­tig.

Die 13 ermor­de­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen, auf die du anspielst, sind Opfer ihres eige­nen Staa­tes gewor­den. Sie sind bei einem Luft­an­griff der tür­ki­schen Armee ums Leben gekom­men. Nach­dem die Besat­zungs­kräf­te zunächst von der Gue­ril­la zurück­ge­drängt wer­den konn­ten, bom­bar­dier­te die tür­ki­sche Luft­waf­fe das Camp, in dem sich neben den Guerillakämpfer_​innen auch die Kriegs­ge­fan­ge­nen auf­hiel­ten, inten­siv. Es muss den Ver­ant­wort­li­chen voll­kom­men klar gewe­sen sein, dass bei einem sol­chen Angriff nie­mand, auch nicht die Gefan­ge­nen über­le­ben konn­ten. Der tür­ki­sche Staat hat damit den Tod sei­ner eige­nen ehe­ma­li­gen Sicher­heits­kräf­te und Mit­glie­der des Geheim­diens­tes MIT mut­wil­lig in Kauf genom­men. Es ist auch nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die umfas­sen­den Aus­sa­gen von eini­gen Kriegs­ge­fan­ge­nen zum Bei­spiel zu den Hin­ter­grün­den der Mor­de an Saki­ne Can­siz, Fidan Dogan und Ley­la Sey­lemez, dazu füh­ren, dass der tür­ki­sche Staat kei­ner­lei Inter­es­se dar­an hat, das wei­te­re Aus­sa­gen über­haupt gemacht wer­den könn­ten. Die­se Umstän­de zei­gen die men­schen­ver­ach­ten­de Hal­tung des tür­ki­schen Regimes sehr deut­lich.

Wie kann es über­haupt dazu kom­men, dass die Tür­kei Angrif­fe auf die Auto­no­mie­re­gi­on Kur­di­stan fliegt? Es ist ja in einer Form ira­ki­sches Staats­ge­biet und gleich­zei­tig auch in der Auto­no­mie­re­gi­on Kur­di­stan. Stel­len sich z.B. die ande­ren kur­di­schen Par­tei­en in Süd­kur­di­stan gar nicht dage­gen?

Einer­seits ist es kein neu­es Phä­no­men, dass die kur­di­schen Par­tei­en in Başûr inhalt­lich kla­re Dif­fe­ren­zen mit den basis­de­mo­kra­ti­schen Vor­schlä­gen der kur­di­schen Befrei­ungs­be­we­gung haben. Es ist eine natio­na­lis­tisch und auch kapi­ta­lis­tisch aus­ge­rich­te­te Regie­rung der PDK, die sich seit jeher eher an der Tür­kei ori­en­tiert als an einer gemein­sa­men kur­di­schen und frei­heit­li­chen Per­spek­ti­ve. Ande­rer­seits ist es durch­aus eine neue Qua­li­tät, dass die Regio­nal­re­gie­rung zulässt, dass die Angrif­fe von Mili­tär­ba­sen in Süd­kur­di­stan selbst geflo­gen wer­den. Was das an Hal­tung, bzw. man­geln­der mensch­li­cher Hal­tung, zeigt, erklärt sich von selbst.

Nach den Angrif­fen auf Gare, fan­den in ver­schie­dens­ten Städ­ten Deutsch­lands Kund­ge­bun­gen und Demons­tra­tio­nen statt, die von Women Defend Roja­va orga­ni­siert wur­den. Dabei liegt Gare gar nicht in Roja­va (West­kur­di­stan) son­dern Başûr (Süd­kur­di­stan) …

Ja das stimmt. Gare ist geo­gra­phisch kein Teil Roja­vas. Den­noch ist der Wider­stand der Gue­ril­la in Gare, genau­so wie in ganz Süd‑, Nord‑, und Ost­kur­di­stan, untrenn­bar mit der Revo­lu­ti­on in Roja­va ver­bun­den. Die Gue­ril­la ist das ideo­lo­gi­sche Herz der kur­di­schen Frei­heits­be­we­gung. Ein Angriff auf sie, egal ob in Gare, Şen­gal, Wan oder Roja­va, stellt einen Angriff auf alle Errun­gen­schaf­ten der kur­di­schen Frei­heits­be­we­gung dar. Das Ko-Vor­sit­zen­den­prin­zip, die Frau­en­be­frei­ung, Basis­de­mo­kra­tie oder Öko­lo­gie sind Errun­gen­schaf­ten, die nicht unab­hän­gig von der Gue­ril­la gese­hen wer­den kön­nen. Und auch geo­gra­phisch ist es falsch, sich an den Staats­gren­zen zu ori­en­tie­ren. Alle vier Tei­le Kur­di­stans, egal ob auf tür­ki­schem, syri­schen, ira­ki­schen oder ira­ni­schen Staats­ge­biet, hän­gen untrenn­bar zusam­men. Soli­da­ri­tät mit Roja­va bedeu­tet damit immer auch Soli­da­ri­tät mit der Gue­ril­la in Süd­kur­di­stan – und die haben wir ver­gan­ge­ne Woche gemein­sam auf die Stra­ße getra­gen.

Ihr macht ja auch noch ande­re Aktio­nen, z.B. hat­tet ihr am soge­nann­ten Valen­tins­tag auch einen Akti­ons­tag gegen Femi­ni­zi­de aus­ge­ru­fen. Habt ihr schon Plä­ne, wie es nach den ver­gan­ge­nen Pro­tes­ten wei­ter­ge­hen soll?

Ja, der Akti­ons­tag fand unter ande­rem auf Grund der „100-Gründe“-Kampagne der Kur­di­schen Frau­en­be­we­gung in Euro­pa statt. Bis zum 8. März rufen wir dazu auf, die Kam­pa­gne zu unter­stüt­zen und Unter­schrif­ten zu sam­meln, um den tür­ki­schen Staat für sei­ne femi­ni­zi­da­le Poli­tik zu ver­ur­tei­len. Die Kam­pa­gne lohnt sich für eine Arbeit an der Basis, da sie eine gute Bewusst­seins­ar­beit über Femi­ni­zi­de und die sys­te­ma­ti­sche Gewalt ermög­licht.

All­ge­mein glau­ben wir, dass wir der Bevöl­ke­rung in Deutsch­land ver­mit­teln müs­sen, dass die vier Tei­le Kur­di­stans, der Wider­stand in den Ber­gen und die Frau­en­re­vo­lu­ti­on in Roja­va zusam­men­hän­gen und dass das eine ohne das ande­re nicht exis­tie­ren kann. Gleich­zei­tig auch, dass die Rea­li­tät dort nicht unab­hän­gig ist von Din­gen, die hier in Deutsch­land pas­sie­ren. Woher kom­men zum Bei­spiel all die Waf­fen? Was sind hier die Mas­ken des Patri­ar­chats? Um die­se The­men deut­lich zu machen, pla­nen wir vor allem Ver­an­stal­tun­gen und Inter­views.

Ansons­ten ist es für uns wich­tig, lang­fris­tig zu den­ken, denn neben Aktio­nen und guter Öffent­lich­keits­ar­beit ist es vor allem wich­tig, dass wir uns orga­ni­sie­ren und dem mit einer Ver­bind­lich­keit und Ver­ant­wort­lich­keit nach­ge­hen. Unter dem Dach von Women Defend Roja­va Deutsch­land orga­ni­sie­ren sich zum Teil seit Ende des Jah­res 2019 Komi­tees in ver­schie­de­nen For­men in unter­schied­li­chen Städ­ten, wir rufen dazu auf, gemein­sam wei­te­re Komi­tees auf­zu­bau­en und unse­re Orga­ni­sie­rung zu ver­grö­ßern. Letzt­lich sagen wir: “Schaf­fen wir an den Orten, wo wir leben, kon­fö­de­ra­le Struk­tu­ren, Wer­te und Prin­zi­pi­en nach denen wir uns orga­ni­sie­ren und ver­tei­di­gen wir gemein­sam die Errun­gen­schaf­ten der Frau­en­re­vo­lu­ti­on.”

Bild­quel­le: ANF

Der Bei­trag Gare: Gue­ril­la schlägt tür­ki­sche Armee zurück erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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