[ISO:] Eine kleine Etappe zur modernen linken Massenpartei

Als Kat­ja Kip­ping und Bernd Riex­in­ger auf
dem Göt­tin­ger Par­tei­tag 2012 zu den Par­tei­vor­sit­zen­den der LINKEN gewählt
wur­den, stand die Par­tei vor einer Spal­tung. 

Der im Zuge der welt­wei­ten Finanz- und
Über­pro­duk­ti­ons­kri­se des Kapi­ta­lis­mus 2007 – 2009 bei der Bun­des­tags­wahl 2009
ein­ge­fah­re­ne größ­te Wahl­er­folg in der Geschich­te der LINKEN als ein­zi­ger anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher
Par­tei bei der Bun­des­tags­wahl und die danach statt­fin­den Lan­des und Kom­mu­nal­wah­len
hat­ten zu einem gro­ßen Anstieg der par­la­men­ta­risch ein­ge­bun­de­nen Kräf­te der LINKEN
geführt. Gleich­zei­tig ver­lor die Par­tei Mit­glie­der aus ihrer
Grün­dungs­ge­nera­ti­on und Neu­ein­trit­te blie­ben aus, so dass das für eine lin­ke
Par­tei lebens­wich­ti­ge Ver­hält­nis von par­la­men­ta­ri­scher und
außer­par­la­men­ta­ri­scher Arbeit gefähr­lich in Schief­la­ge geriet. 

Im Bun­des­tag gab es eine nume­ri­sche
Mehr­heit aus SPD, GRÜNEN und LINKE, die damals schon drei Jah­re lang
uner­müd­lich die Träu­me der Regierungssozialist*innen in der LINKEN, bald auch
mal in den Minis­te­ri­en zu sit­zen, befeu­er­te. Trotz aller sprö­den
Zurück­wei­sun­gen von Sei­ten der SPD und trotz der par­la­men­ta­risch schwa­chen
GRÜNEN, die damals in der LINKEN noch ihre Kon­kur­renz sahen (nicht so wie heu­te
in der CDU, im Kampf um die Aner­ken­nung als moder­ne Ver­tre­te­rin der Bour­geoi­sie),
und die seit März 2011 – aus Anlass des Atom­kraf­t­un­glücks in Fuku­shi­ma – von Wahl­er­folg
zu Wahl­er­folg eil­ten. 

Bit­te lächeln – obwohl es nichts zu lachen gibt…

Partei gegen Fraktion 

In die­ser Situa­ti­on woll­te der
par­la­men­ta­risch, am Gestal­ten und Mit­re­gie­ren inter­es­sier­te und durch zahl­rei­che
beruf­li­che Kar­rie­ren fest­ge­zurr­te Flü­gel in der Par­tei die Macht über­neh­men.
Gesi­cher­te Gerüch­te sagen, dass ein sepa­ra­ter Ver­samm­lungs­saal schon gebucht
war. Gre­gor Gysi hielt eine fürch­ter­li­che, die Spal­tung hei­lig­spre­chen­de Rede
und Oskar Lafon­tai­ne don­ner­te mit der viel­leicht bes­ten Rede als Mit­glied der
LINKEN dage­gen, dass eine Spal­tung ohne gra­vie­ren­de pro­gram­ma­ti­sche und vor
allem Dif­fe­ren­zen in der poli­ti­schen Pra­xis ein prin­zi­pi­en­lo­ses Aben­teu­er wäre,
bei dem alle Betei­lig­ten ver­lö­ren. 

Die lin­ke am Par­tei­auf­bau inter­es­sier­te
Basis mobi­li­sier­te in die­ser Situa­ti­on die Par­tei zu einer Schlacht gegen die
Parlamentarist*innen und Regierungssozialist*innen. Auch damals stand ein Duo aus
zwei jun­gen Frau­en zur Wahl als Par­tei­vor­sit­zen­de: Kat­ja Kip­ping und Katha­ri­na
Schwa­be­dis­sen aus NRW. In der Schlamm­schlacht gegen die
Regierungssozialist*innen wur­de – auch durch nicht gera­de ruhm­rei­ches Agie­ren
von Kat­ja Kip­ping – zuerst Katha­ri­na Schwa­be­dis­sen geop­fert, die vie­len als zu
links schien und Bernd Riex­in­ger wur­de als spon­tan her­bei­ge­ru­fe­ner Anti-Bartsch
Kan­di­dat ins Ren­nen geschickt. Er gewann knapp gegen Diet­mar Bartsch und
stell­te fort­an mit Kat­ja Kip­ping das neue Füh­rungs­duo. 

Die theo­re­ti­schen Schnitt­men­gen zwi­schen
Bernd und Kat­ja waren gar nicht so klein. Bei­de hat­ten eine poli­ti­sche
Ori­en­tie­rung auf außer­par­la­men­ta­ri­sche Bewe­gun­gen. Bernds soli­de, an den theo­re­ti­schen
Posi­tio­nen der alten (rech­ten) Oppo­si­ti­on in der KPD geschul­tes, mar­xis­ti­sches Bewusst­sein
kam auch den post-mar­xis­ti­schen, dekon­struk­ti­vis­ti­schen Theo­rien von Kat­ja
meis­tens gut ent­ge­gen. Kat­ja war zudem die ein­zi­ge aus dem alten „PDS-Stall“,
die im Wes­ten und bei den von der WASG ange­zo­ge­nen poli­ti­schen Kräf­ten
eini­ger­ma­ßen akzep­tiert wur­de. 

Die LINKE kann nicht Krise 

Die bei­den Vor­sit­zen­den tra­ten ihr Amt in
einer Zeit an, als die tie­fe kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se, die unter dem Namen
Finanz­markt­kri­se in die Geschich­te ein­geht, aber natür­lich viel mehr als das
war, schon fast wie­der ver­ges­sen war, obwohl alle wirk­li­chen
Wirt­schafts­fak­to­ren immer noch auf Kri­sen­mo­dus gestellt waren. 

In den Mona­ten vor 2012 wur­de aber auch
erst­mals klar, dass die LINKE nicht „Kri­se kann“. Obwohl die gesam­te
Öffent­lich­keit vom „bösen Kapi­ta­lis­mus“ sprach, obwohl der Staat mas­siv als
Ret­ter vor der Anar­chie des Mark­tes geru­fen wur­de und auch ent­spre­chend
han­del­te, obwohl die ideo­lo­gi­schen Kulis­sen des Neo­li­be­ra­lis­mus – vom Pro­fes­sor
Sinn bis zum geschei­ter­ten Spar­kas­sen­di­rek­tor Peer Stein­brück – eine nach der
ande­ren zusam­men­bra­chen, fand die LINKE nicht zu einer cha­ris­ma­ti­schen und
radi­ka­len Sys­tem­kri­tik. Wich­ti­ge Spit­zen­kräf­te, die Regierungssozialist*innen vor­an,
schlüpf­ten statt­des­sen in die bekann­te sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Rol­le vom Arzt und
Ärz­tin am Kran­ken­bett des Kapi­ta­lis­mus. Erst sol­le „die Wirt­schaft“ geret­tet,
erst das „Ver­sa­gen des Staa­tes“ beho­ben wer­den, dann kön­ne von radi­ka­lem
Sys­tem­wech­sel gespro­chen wer­den. Das übli­che Trau­er­spiel. 

Eine Zeit, die vom Klas­sen­kampf von Oben bestimmt ist, ruft nach Klas­sen­kampf von Unten – und der ist das Gegen­teil der Appel­le vom Staats­ver­sa­gen und zur Ret­tung „der Wirt­schaft“.

Die grund­sätz­li­che Ent­schei­dung der neu­en
Par­tei­füh­rung war vom Ansatz rich­tig. Im Mit­tel­punkt stand die Ent­wick­lung
einer akti­ven und akti­vie­ren­den Par­tei, deren Mit­glied­schaft inter­ven­ti­ons­fä­hig
in die zen­tra­len gesell­schaft­li­chen Kon­flikt­fel­der ist. Aber die Durch­set­zung gegen­über
dem regie­rungs­so­zia­lis­ti­schen Flü­gel der LINKEN in den Par­la­men­ten, auch und
beson­ders in den kom­mu­nal­par­la­men­ta­ri­schen Struk­tu­ren in den Län­dern, geriet
immer wie­der zu halb­her­zig. Kat­ja und Bernd tra­fen sich in klu­gen Kon­zep­ten,
die unter den Namen „Par­tei in Bewe­gung“ und „Ver­bin­den­de Klas­sen­po­li­tik“ bis
heu­te wich­ti­ge Impul­se set­zen. Es ent­stan­den in die­ser Zeit auch eini­ge
theo­re­tisch gut aus­ge­ar­bei­te­te Papie­re. Sie waren immer sehr instruk­tiv, wenn
nur die Namen der bei­den Vor­sit­zen­den drun­ter stan­den. Ich habe sie meis­tens
auch kri­ti­siert, aber sie waren zur Kri­tik geeig­net. Lei­der wur­den sie immer
wie­der durch haar­sträu­ben­de Unsinns­tex­te „ergänzt“, unter dem dann noch die
Namen der Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den stan­den. Par­tei in Bewe­gung und „regie­ren­des Mit­ge­stal­ten“
oder sogar nur Träu­men vom Mit­ge­stal­ten pas­sen halt nicht zusam­men. Eine Zeit,
die vom Klas­sen­kampf von Oben bestimmt ist, ruft nach Klas­sen­kampf von Unten –
und der ist das Gegen­teil der Appel­le vom Staats­ver­sa­gen und zur Ret­tung „der
Wirt­schaft“. 

Verbindende Klassenpolitik 

Kat­ja und Bernd öff­ne­ten die LINKE, die
auf­grund der nicht gera­de per­fekt durch­ge­führ­ten Fusi­on von PDS und WASG eine
viel zu gro­ße Por­ti­on an Behä­big­keit und Struk­tur­kon­ser­va­tis­mus mit­schleppt,
für die Jahr­hun­dert­the­men Öko­lo­gie und Kli­ma­ge­rech­tig­keit, ohne die heut­zu­ta­ge
kei­ne Betriebs­ver­samm­lung oder Pau­sen­ge­sprä­che in der Kan­ti­ne mehr statt­fin­den.
 

Sie haben das The­ma unteil­ba­re
Soli­da­ri­tät und prak­ti­sche Unter­stüt­zung der Geflüch­te­ten gegen mas­si­ve
Angrif­fe von natio­nal-sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Posi­tio­nen ver­tei­digt. Der Preis war
aller­dings, dass ein nicht unbe­trächt­li­cher Teil der Mit­glied­schaft ihnen dar­in
nicht folg­te. 

Ange­sichts des Auf­schwungs der AfD und
ande­rer Rech­ter haben Kat­ja und Bernd rich­ti­ger­wei­se die öko­no­mis­ti­schen
Theo­rien, das sei­en alles Resul­ta­te fal­scher Sozi­al­po­li­tik und die AfD-Wähler*innen
sei­en im Grun­de Protestwähler*innen, zurück­ge­wie­sen und die LINKE an die Sei­te
der gro­ßen anti­ras­sis­ti­schen Mobi­li­sie­run­gen geführt. 

Im Gegen­satz zu den in den letz­ten Tagen
etwas schräg hoch­ge­koch­ten Behaup­tun­gen und Kri­tik an Kat­ja und Bernd, kam zu
kei­nem Anlass von ihnen der Ver­such, die frie­dens­po­li­ti­schen Posi­tio­nen der Par­tei
auf­zu­wei­chen. Alle Ver­su­che die­ser Art haben ihren Aus­gangs­punkt in den Par­la­ments­frak­tio­nen
und der Par­tei­vor­stand hat sie stets zurück­wei­sen müs­sen. 

Kat­ja und Bernd und die von ihnen
auf­ge­bau­te Par­tei­füh­rung schu­fen eine Rei­he von For­ma­ten zur Ein­be­zie­hung und
Akti­vie­rung der Mit­glied­schaft und brach­ten die Par­tei auch in den – meis­tens stark
über­schätz­ten, aber den­noch uner­läss­li­chen – digi­ta­len Akti­ons­fel­dern gut
vor­an. Sogar die schon hef­tig in wis­sen­schaft­li­chen Elfen­bein­tür­men iso­lier­te
Rosa-Luxem­burg-Stif­tung fand in den Jah­ren der Par­tei­füh­rung von Kat­ja und Bern
zu eini­gen Auf­trit­ten und Ange­bo­ten zurück, die unmit­tel­ba­ren Nut­zen für eine
akti­ve und inter­ven­tio­nis­ti­sche Lin­ke brach­ten. 

Die Par­tei gewann neue, vor allem jun­ge
Mit­glie­der. Sie wuchs in ers­ter Linie in den alten west­li­chen Bun­des­län­dern und
schrumpf­te im Osten, aber auch die abso­lu­te Zahl der Mit­glie­der nahm wie­der zu.
 

Es gibt keine „progressives
Lager“ 

Die LINKE hat in allen Wah­len seit 2009,
die meis­ten davon in der Amts­zeit von Kat­ja und Bernd nicht über­zeu­gend
abge­schnit­ten. Die bei­den Vor­sit­zen­den und der Par­tei­vor­stand waren dafür nicht
oder kaum ver­ant­wort­lich. In allen Wah­len ope­rier­te die LINKE mal mehr mal
weni­ger mit der Paro­le, es gäbe in die­sem Land ein „pro­gres­si­ves“, ein „rot-rot-grü­nes“
oder ein Lager „links von der CDU“. Die­se The­se ist par­tei­schä­di­gend. Es gibt
die­ses Lager nicht. Jedes Kind weiß, dass SPD und GRÜNE heu­te nicht nur
glei­cher­ma­ßen ver­ant­wort­lich sind für die pro-kapi­ta­lis­ti­sche Poli­tik und die
Fol­gen für die Vie­len in der Gesell­schaft, son­dern dass sie oft genug die
trei­ben­den Kräf­te bei die­ser Poli­tik sind. 

Die LINKE hat des­halb bei allen Wah­len
nicht das mobi­li­sie­ren kön­nen, was mög­lich wäre, weil sie sich nicht hart als
die ein­zi­ge nicht neo­li­be­ra­le und nicht pro-kapi­ta­lis­ti­sche Par­tei prä­sen­tiert
hat. Die Wähler*innen der LINKEN blie­ben und blei­ben zuhau­se, nur zu einem ganz
klei­nen Teil sind sie auch zur AfD wei­ter­ge­zo­gen. 

Wer, wie die LINKE, und zurecht wie die
LINKE im 21. Jahr­hun­dert, den Mund voll nimmt an har­ter, radi­ka­ler Kri­tik am
Kapi­ta­lis­mus, der oder die dür­fen dann im Wahl­kampf nicht daher­kom­men und so tun,
als ob alles nicht so schlimm sei und man mit der Hälf­te der ande­ren Par­tei­en
auch ganz gut ins Geschäft kom­men kön­ne. 

Es ist eher das Ver­dienst der
Par­tei­füh­rung um Kat­ja und Bernd, dass sie noch schlim­me­re Abstür­ze ange­sichts
sol­cher tra­gi­schen Wahl­kämp­fe ver­hin­dert hat. Sie waren ein wenig dafür ver­ant­wort­lich,
dass die LINKE ihre Wahl­er­geb­nis­se trotz und nicht wegen der ver­korks­ten
Wahl­kämp­fe ein­fuhr. Dafür sorg­ten auch die zwi­schen den Wahl­kämp­fen und in der
Regel mit radi­ka­le­ren Inhal­ten als die Wahl­kämp­fe orga­ni­sier­ten Kam­pa­gnen zur
Pfle­ge, zur Mie­te, zum öko­so­zia­len Umbau u.a. Mit einer Aus­nah­me: Bei den
Wah­len zum Euro­pa­par­la­ment 2014 und ver­stärkt noch ein­mal 2019 hat die
Par­tei­füh­rung um Kat­ja und Bernd ver­hin­dert, dass ein pro­gram­ma­ti­scher und wahl­kämp­fen­der
har­ter Anti-EU-Kurs ein­ge­schla­gen wur­de. Das wäre aber die ein­zig ange­mes­se­ne Ant­wort
auf die tief­grei­fen­de und inner­halb des Bestehen­den unauf­lös­ba­re Kri­se der EU
gewe­sen. So hat­te die LINKE bei den Euro­pa­wah­len buch­stäb­lich zu der ein­zig
wich­ti­gen bei die­sen Wah­len gestell­ten Fra­ge „Wie stehst du zur EU“ nichts zu
sagen. Da blei­ben die Wähler*innen dann nicht nur zuhau­se, son­dern sie wer­den gera­de­zu
auf­ge­for­dert zuhau­se zu blei­ben. 

Der größte Fehler von Bernd
Riexinger 

Zur Bun­des­tags­wahl 2017 mach­te Bernd
Riex­in­ger den größ­ten Feh­ler sei­ner Amts­zeit: Er kan­di­dier­te selbst zum
Bun­des­tag und wur­de gewählt. Dadurch ver­lor er sei­nen wich­tigs­ten Ansatz­punkt,
die Par­tei gegen­über den Regierungssozialist*inne zu ver­tei­di­gen. Er wur­de
selbst in das Räder­werk der Frak­ti­on ein­ge­baut und zyni­scher­wei­se als klei­ner
Hin­ter­bänk­ler, dem auch mal demons­tra­tiv das Mikro­fon aus der Hand genom­men
wer­den darf, wenn „die Frak­ti­on“ was sagen möch­te. 

Die­ser Feh­ler blieb lei­der nicht nur an
Bernd haf­ten. Schon am Abend der Wahl von 2017 begann der größ­te poli­ti­sche
Angriff auf die LINKE – nicht von Armee, Poli­zei, Geheim­diens­ten, Unter­neh­mer­ver­bän­den,
son­dern aus den Rei­hen der Par­la­ments­frak­ti­on selbst. 

Trotz eines respek­ta­blen Wahl­er­geb­nis­ses
woll­te ein Teil der Frak­ti­ons­spit­ze und der Frak­ti­on ins­ge­samt, der vom ande­ren
Teil dabei nicht nen­nens­wert gestört wur­de, die sich in rea­len sozia­len Bewe­gun­gen
auf­bau­en­de Par­tei kom­plett ent­mach­ten. Es wur­de ein syn­the­ti­sches Modell einer neu­en
„vor­par­la­men­ta­ri­schen Mas­sen­be­we­gung“ ent­wi­ckelt, das unter dem Namen „auf­ste­hen“
das angeb­li­che rot-rot-grü­ne Lager neu auf­mi­schen und durch­mi­schen, und die
zukünf­ti­ge Wähler*innenbasis der Regierungssozialist*innen begrün­den soll­te. 

An die­sem Pro­jekt war so gut wie alles
falsch: Ziel­set­zung, Pro­gramm, hand­werk­li­che Durch­füh­rung und per­so­nel­le
Beset­zung. Es war so zum Schei­tern ver­ur­teilt, dass zu Ver­schwö­rungs­theo­rien Nei­gen­de
schon auf die Idee kom­men kön­nen, hier woll­te jemand die Par­tei schä­di­gen. Ich
bin aus­drück­lich kein Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, aber das Resul­tat von „auf­ste­hen“
bleibt trotz­dem: Die LINKE und nur die LINKE, nicht SPD, GRÜNE oder all­ge­mein „die
Lin­ke“, wur­de nach­hal­tig beschä­digt. Die gera­de anwach­sen­de Auto­ri­tät der
LINKEN in rea­len sozia­len Bewe­gun­gen wur­de durch die­se irrea­le Bewe­gung wie­der
pul­ve­ri­siert. Heu­te hat die LINKE kaum als Par­tei Ein­fluss in den sozia­len
Bewe­gun­gen, son­dern nur noch durch enga­gier­te Einzelkämpfer*innen, die zufäl­lig
auch gleich­zei­tig in der LINKEN sind. 

War­um ein Teil von Frak­ti­ons­spit­ze und
Frak­ti­on die­sen Hara­ki­ri­kurs ein­schlug und war­um der Rest der Frak­ti­on ihn
dar­an nicht hin­der­te, ist nur durch das fort­ge­schrit­te­ne Sta­di­um einer par­la­men­ta­ri­schen
Ver­blö­dung zu erklä­ren, die – so ist die aus­nahms­lo­se Leh­re der Geschich­te
lin­ker Par­tei­en – immer dann ein­tritt wenn das Füh­rungs­per­so­nal der lin­ken
Par­tei zehn und mehr Jah­re in der Schein­welt des Par­la­men­ta­ris­mus gefan­gen ist
und den Rest der Welt nur mit einer sol­cher­ma­ßen ver­eng­ten Per­spek­ti­ve sieht. 

Lei­der waren Kat­ja und eben dann auch
Bernd völ­lig in die­ses par­la­men­ta­ri­sche Eigen­le­ben ein­ge­bun­den, so dass das
abseh­bar kata­stro­pha­le „auf­ste­hen“

Pro­jekt weder ver­hin­dert, noch spä­ter blo­ckiert
und kri­tisch auf­ge­ar­bei­tet wer­den konn­te. 

Und nun? 

Die LINKE steht 2021 mit dem Ende der
Amts­zeit von Kat­ja und Bernd vor einer sehr ähn­li­chen Lage wie 2012 in Göt­tin­gen.
Die Auf­ga­be der Stun­de besteht ein­mal mehr in der har­ten Mobi­li­sie­rung der Par­tei­mit­glie­der
und ihrer Gre­mi­en gegen die wach­sen­de Ver­sump­fung im Par­la­men­ta­ris­mus und den
Illu­sio­nen des Mit­re­gie­rens. In die­sem Sin­ne waren – zumin­dest die ers­ten sechs
Jah­re – der Amts­zeit von Kat­ja und Bernd eine klei­ne Etap­pe im Auf­bau einer
moder­nen lin­ken Mas­sen­par­tei. Dem muss die nächs­te Etap­pe fol­gen. 

Es muss ein neu­er Vor­stand gewählt wer­den, der weni­ger Mandatsträger*innen und deren Mitarbeiter*innen in Dop­pel­funk­ti­on hat als der alte. Weder Jani­ne Wis­ser noch Susan­ne Hen­nig-Well­sow soll­ten für den Bun­des­tag kan­di­die­ren, son­dern voll­stän­dig im Dienst der Par­tei sein. Die Par­la­ments­ar­beit soll­te unbe­dingt ana­log zu den Par­tei­äm­tern befris­tet wer­den.

Die LINKE wird nur zu neu­er Kraft und
Aus­strah­lung kom­men, wenn eine selbst­be­wuss­te, prin­zi­pi­en­treue,
anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Par­tei ist, die zum Main­strem der herr­schen­den Poli­tik nein
sagt und mit aller Macht anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Kämp­fe und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on
stärkt. Ver­än­de­rung beginnt mit Oppo­si­ti­on – das betrifft im Übri­gen auch die
per­sön­li­chen Ver­än­de­run­gen, die der eine oder die ande­re Genos­sin viel­leicht
noch vor­hat. 

Ich per­sön­lich habe die ers­te Zeit des
Vor­sit­zes von Bernd und Kat­ja als Mit­glied des Lan­des­vor­stand NRW, die letz­ten
6 Jah­re als Mit­glied des Par­tei­vor­stan­des mit­er­lebt. Ich fand ihre Art immer
sehr zuvor­kom­mend und soli­da­risch. Ich bedan­ke mich bei bei­den für die Zusam­men­ar­beit.
 

Kat­ja kann ich nur raten, ganz schnell
das Par­la­ment zu ver­las­sen, damit sie mehr Mut zum Anecken und weni­ger Angst
vor schlech­ter Pres­se in ihrer poli­ti­schen Arbeit lernt. Bernd hat merk­wür­di­ger­wei­se
auch heu­te, in der nächs­ten gro­ßen Kri­se des Kapi­ta­lis­mus, wo die LINKE wie­der mal
radi­kal und sys­tem­spren­gend auf­tre­ten müss­te, den glei­chen stra­te­gi­schen
Pes­si­mis­mus, den auch die KPO in den zwan­zi­ger Jah­ren hat­te. Dabei wäre gera­de
ein stra­te­gi­scher Opti­mis­mus gepaart mit tak­ti­schem Pes­si­mis­mus das Gebot der
Stun­de für lin­ke Poli­tik. 

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