[Autonomie Mag.:] 40 Jahre irisch-republikanischer Hungerstreik: Vorgeschichte

Am 1. März 1981 begann Bob­by Sands, als ers­ter einer Rei­he inhaf­tier­ter repu­bli­ka­ni­scher Gefan­ge­ner, einen Hun­ger­streik in den berühm­ten H‑Blocks. Das Maze Pri­son, so der offi­zi­el­le Name, bil­de­te für die repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung sowohl eine Lebens­schu­le als auch ein immer wie­der­keh­ren­der Ort, um die Mas­sen zu mobi­li­sie­ren und rekru­tie­ren.

Der Hun­ger­streik von 1981 im Nor­den Irlands ist der welt­weit wohl bekann­tes­te, jedoch bei wei­tem nicht der ein­zi­ge. Der Hun­ger­streik als poli­ti­sches (Druck-) Mit­tel wur­de in Irland schon früh ange­wandt. Die moder­ne repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung hat die­sen auch schon früh als Mobi­li­sie­rungs­mög­lich­keit ent­deckt. Bereits vor dem Oster­auf­stand von 1916 wur­de der Hun­ger­streik von repu­bli­ka­ni­schen aber auch von Suf­fra­get­ten Aktivisti*innen im Knast ange­wandt. Wel­che Mobi­li­sie­rungs­ef­fek­te der Hun­ger­streik für die Bewe­gung haben kann, erfuh­ren die iri­schen Revo­lu­tio­nä­re bereits kurz nach dem Auf­stand von 1916. Die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung der Revo­lu­ti­on in Ver­bun­den­heit mit der Exe­ku­ti­on bei­na­he aller Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten sorg­te inner­halb der iri­schen Bevöl­ke­rung nach­träg­lich für gros­se Sym­pa­thien für den Auf­stand. Tei­le der bis dahin eher zurück­hal­ten­de Bevöl­ke­rung wand­ten sich nun gegen die Brit*innen und unter­stütz­ten die repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung. Daher soll­te der zwei­te Hun­ger­streik von Tho­mas Ashe, die Todes­stra­fe wur­de bei ihm in lebens­läng­li­che Haft umge­wan­delt, im Jahr 1917 auch nicht zu einem erneu­ten Tod eines Anfüh­rers der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung füh­ren. Ashe wur­de daher bewusst zwangs­er­nährt, um sei­nen Tod zu ver­mei­den, tra­gi­scher­wei­se führ­te jedoch genau die­se Zwangs­er­näh­rung am 25. Sep­tem­ber zu sei­nem Able­ben. Sei­ne Beer­di­gung wur­de von 30‘000 Leu­ten besucht. Der Tod von Ashe führ­te wie­der­um zahl­rei­che Men­schen in die Arme(e) der repu­bli­ka­ni­schen Bewe­gung. Acht Aktivist*innen der poli­ti­schen Par­tei der IRA, Sinn Fein (irisch für wir Selbst), tra­ten 1919 in einen gemein­sa­men Hun­ger­streik. Sie for­der­ten von den Bri­ten eine Behand­lung als Kriegs­ge­fan­ge­ne. Die Gefäng­nis­lei­tung ent­schied sich in Sor­ge vor mög­li­chen poli­ti­schen Kon­se­quen­zen zu einer dras­ti­schen Mass­nah­me und ent­liess alle acht Gefan­ge­nen. Die­ser und ande­re erfolg­rei­che Hun­ger­streiks sorg­ten für die Erkennt­nis, dass For­de­run­gen mit dem Hun­ger­streik als Druck­mit­tel durch­aus erreicht wer­den kön­nen. Das Kampf­mit­tel Hun­ger­streik muss­te den­noch immer mit den schlimmst­mög­li­chen Kon­se­quen­zen ver­bun­den wer­den. Terence MacS­wi­ney, wel­cher zum Zeit­punkt sei­ner Ver­haf­tung immer­hin Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Cork war, ver­starb 1920 in Brixton am 74. Tag sei­nes Hun­ger­streiks. Die­ser lan­ge Hun­ger­streik, zusam­men mit neun ande­ren Gefan­ge­nen, sorg­te welt­weit für Auf­merk­sam­keit und Empö­rung. Die Fra­ge der iri­schen Unab­hän­gig­keit wur­de damit weit über die gewöhn­li­chen Adressat*innen zum The­ma einer inter­es­sier­ten Welt­öf­fent­lich­keit.

Die iri­sche Unab­hän­gig­keits­be­we­gung von 1916 und 1981 sind natür­lich nicht eins zu eins zu ver­glei­chen. Den­noch steht die repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung in der Tra­di­ti­on des Oster­auf­stan­des von 1916 bzw. den Auf­stän­den davor. Eini­ge Veteran*innen der Anfän­ge der IRA waren bei der Reor­ga­ni­sie­rung zu Beginn der Trou­bles durch­aus aktiv dabei. Der Süden Irlands erlang­te sei­ne Frei­heit nur durch die bewaff­ne­te Gue­ril­la-Kam­pa­gne der IRA in den Jah­ren 1919 – 1922. Hier­bei ver­wen­det der iri­sche Frei­staat ger­ne den Begriff „Old IRA“, also die alte IRA. Die­ser wird durch­aus Legi­ti­ma­ti­on und Berech­ti­gung zuge­spro­chen, da die­se Irland von der eng­li­schen Herr­schaft befreit hat. Der bewaff­ne­te Kampf gilt dabei als not­wen­di­ges Übel und Blut­ta­ten der eng­li­schen Besatzer*innen als plau­si­ble Erklä­rung der mili­tan­ten Kam­pa­gne. Die offi­zi­el­le Armee des Frei­staa­tes ver­wen­det heu­te noch den irisch-gäli­schen Namen der IRA (Oglai­gh na hEi­reann). Nach dem Frie­dens­ab­kom­men mit dem eng­li­schen Staat, wel­ches eine Tei­lung Irland zur Fol­ge hat­te, kam es inner­halb der repu­bli­ka­ni­schen Bewe­gung zu einer Spal­tung. Ein Teil der Bewe­gung akzep­tier­te, dass sechs Graf­schaf­ten in der Pro­vinz Uls­ter (his­to­risch bestehend aus neun Graf­schaf­ten) in der Hand der eng­li­schen Kro­ne blei­ben soll­ten. Der ande­re Teil der Bewe­gung woll­te kei­ne hal­ben Sachen und erst einen Frie­den, nach­dem sich Eng­land von der gan­zen Insel abge­zo­gen hät­te. Der Bür­ger­krieg ende­te mit einer Nie­der­la­ge der Teilungsgegner*innen. Die­se wur­de von ehe­ma­li­gen Kampfgefährt*innen mas­siv mit Repres­si­on über­zo­gen. Als berühm­tes Bei­spiel sei erwähnt, dass Mary MacS­wi­ney, die Schwes­ter vom oben erwähn­ten Terence MacS­wi­ney, auf­grund von Reden gegen das Frie­dens­ab­kom­men, ohne Gerichts­ver­fah­ren inhaf­tiert wur­de. Mary begann nach der Inhaf­tie­rung einen Hun­ger­streik gegen die Poli­tik des Frei­staa­tes. Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen von hun­der­ten von Frau­en vor dem Knast wur­den mit Was­ser­schläu­chen und Schüs­sen ver­trie­ben. Mary MacS­wi­ney wur­de erst frei­ge­las­sen, nach­dem sie bereits die letz­te Ölung erhal­ten hat. Dem Frei­staat wäre ein Tod von ihr dann doch zu hei­kel gewor­den. Die repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung und die IRA ver­lo­ren zwar vie­le Unterstüzter*innen, wel­che die Tei­lung akzep­tier­ten, konn­ten aber auf eine gefes­tig­te Anzahl Unterstützer*innen zäh­len . Die Bewe­gung hat­te ihren Mas­sen­cha­rak­ter nach Ende des Bür­ger­krie­ges def­in­tiv ver­lo­ren, blieb aber in Fami­li­en über Genera­tio­nen ver­an­kert und gewann auch immer wie­der neue Mit­glie­der aus nicht repu­bli­ka­ni­schen Krei­sen. Die IRA blieb auch nach dem Bür­ger­krieg exis­tent, auch wenn die Anzahl von Vol­un­te­ers und Unterstützer*innen mas­siv zurück­ging. In den sechs Graf­schaf­ten, wel­che wei­ter­hin zum eng­li­schen König­reich gehö­ren soll­ten, war die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung pro­tes­tan­tisch und loy­al zur eng­li­schen Kro­ne. Die­se wur­den in vor­he­ri­gen Jahr­hun­der­ten bewusst ange­sie­delt. Eng­land konn­te sich nach der Abtren­nung der 26 Graf­schaf­ten sicher sein, dass die sechs ver­blie­be­nen loy­al zur Kro­ne ste­hen wür­den. Die katho­li­sche Min­der­heit, wel­che im Gegen­satz mehr­heit­lich zu einem ver­ein­ten unab­hän­gi­gen Irland ten­dier­te, wur­de im Nor­den als Bürger*innen zwei­ter Klas­se behan­delt.

Ein­heit der “anti-trea­ty” IRA auf Patrouil­le wäh­rend des Bür­ger­kriegs, Dub­lin Graft­on­street, 1922.

Der iri­sche Frei­staat brach­te im Süden eine gewis­se Unab­hän­gig­keit von der eng­li­schen Kro­ne, ein Ende der Dis­kri­mi­nie­rung der katho­li­schen Mehr­heits­be­völ­ke­rung, aber kei­ne wirk­li­chen Ver­än­de­run­gen in der sozia­len Situa­ti­on für die Mehr­heit. Es traf ein, wovor James Con­nol­ly immer gewarnt hat­te;

If you remo­ve the Eng­lish Army tomor­row and hoist the green flag over Dub­lin Cast­le., unless you set about the orga­niz­a­ti­on of the Socia­list Repu­blic your efforts will be in vain. Eng­land will still rule you. She would rule you through her capi­ta­lists, through her landlords, through her finan­ciers, through the who­le array of com­mer­cial and indi­vi­dua­list insti­tu­ti­ons she has plan­ted in this coun­try and wate­red with the tears of our mothers and the blood of our mar­tyrs.”

Con­nol­ly, einer der Exe­ku­tier­ten von 1916, sah den Kampf für ein unab­hän­gi­ges Irland immer auch mit der Ände­rung der herr­schen­den Ver­hält­nis­se ver­eint. Alles ande­re wür­de sei­ner Ansicht nach kei­ne Frei­heit für die Bevöl­ke­rung Irlands brin­gen. Er sah den Kampf für die Unab­hän­gig­keit immer mit dem Kampf für den Sozia­lis­mus gleich­auf. Die iri­sche Unab­hän­gig­keits­be­we­gung sieht sich zu Tei­len bis heu­te in sei­ner Tra­di­ti­on. Inner­halb der Bewe­gung gab und gibt es aber auch immer kon­ser­va­ti­ve, gläu­bi­ge katho­li­sche und pro­tes­tan­ti­sche Mit­glie­der. Die IRA soll­te 50 Jah­re nach Con­nol­ly auch auf­grund von die­sem bun­ten Mix an Mit­glie­dern eine fol­gen­schwe­re Spal­tung erle­ben.

Die Jah­re nach dem Bür­ger­krieg führ­ten die IRA ver­stärkt in Rich­tung Mar­xis­mus und Sozia­lis­mus. Die bis­he­ri­gen kon­ser­va­ti­ven Mit­glie­der gin­gen mehr­heit­lich im Frei­staat auf. Die IRA ver­füg­te über eini­ge akti­ve Mit­glie­der der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Im spa­ni­schen Bür­ger­krieg kämpf­ten auch vie­le ehe­ma­li­ge IRA-Mit­glie­der in einer inter­na­tio­na­len Bri­ga­de gegen Fran­co. Den­noch gab es in repu­bli­ka­ni­schen Krei­sen auch Stim­men, wel­che eine Alli­anz mit den Nazis gegen die Bri­ten vor­schlu­gen. So war auch der dama­li­ge IRA-Chef Sean Rus­sel im Jah­re 1940 in Deutsch­land um Gesprä­che mit den Nazis über Waf­fen­lie­fe­run­gen zu füh­ren. Ab 1939 gab es abge­se­hen davon eini­ge Anschlä­ge und Aktio­nen in Eng­land. Doch die IRA und die Repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung ver­lo­ren in den Jah­res des Zwei­ten Welt­krie­ges an Rele­vanz und all­ge­mein an Bedeu­tung. Im Jah­re 1945 wird die IRA sogar einen Waf­fen­still­stand ver­kün­den. Gefan­ge­ne blei­ben aber den­noch in den Gefäng­nis­sen des Frei­staa­tes. Über 1500 Inhaf­tier­te in ganz Bri­tan­ni­en waren die Fol­ge der Repres­si­on. Dies wirk­te auch über die fol­gen­den Jah­re hin­aus. Im Jah­re 1949 wird die iri­sche Repu­blik aus­ge­ru­fen und die Tei­lung der Insel gefes­tigt. Der Frei­staat ist ab sofort unab­hän­gig vom bri­ti­schen Staat. Der Unab­hän­gig­keits­kampf ist somit offi­zi­ell been­det, den­noch bean­sprucht die Ver­fas­sung den Nor­den noch für sich. Micha­el Ryan, ein Vete­ran der IRA seit den 1950-Jah­ren, beschreibt die Zeit ab 1949 in sei­nem Buch ein­drück­lich. Ryan meint, in der Gross­stadt Dub­lin kann­te sich damals der Kreis von Unterstüzter*innen und Aktivist*innen qua­si gesamt­haft. Die Vol­un­te­ers ver­füg­ten zum einen über eine schlech­te Moral und Dis­zi­plin und zum ande­ren über eine noch schlech­te­re Bewaff­nung. Die IRA wur­de inner­halb der iri­schen Gesell­schaft prak­tisch irrele­vant. Die Armee­füh­rung ver­such­te dies mit der Ope­ra­ti­on Har­vest (auch bekannt als Grenz­kam­pa­gne /​Bor­der Cam­pain) zu ändern. Mit­tels Aktio­nen in den sechs Graf­schaf­ten oder in Grenz­nä­he die­ser soll­te wie­der eine Auf­merk­sam­keit auf die immer noch bestehen­de Tei­lung Irlands gelenkt wer­den. Frei­wil­li­ge, mög­lichst wohn­haft aus­ser­halb der sechs Graf­schaf­ten, wur­den rekru­tiert. In den sechs Graf­schaf­ten bie­tet ein klei­ner Kreis von bekann­ten Sympathistant*innen die nöti­ge Infra­struk­tur und Logis­tik. Die Poli­zei des Nor­dens ist sich den Namen der Unterstüzter*innen durch­aus bewusst und Safe­houses wer­den regel­mäs­sig durch­sucht. Die IRA stand am Ende der Bor­der Cam­pain prak­tisch vor der Auf­lö­sung. Die weni­gen Waf­fen, wur­den am Ende der Kam­pa­gne ver­gra­ben. Die noch funk­tio­nie­ren­den Struk­tu­ren bei­na­he auf­ge­löst. Im Jah­re 1962 war die IRA damit fak­tisch besiegt bzw. auf­ge­löst. Die Nie­der­la­ge oblag nicht vor­der­grün­dig einer phy­si­schen Zer­stö­rung, son­dern eine mora­li­schen. Vie­le über­zeug­te Aktivist*innen fie­len einer schlech­ten Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur zum Opfer, die­se fie­len zahl­reich in eine ideo­lo­gi­sche Kri­se. Im Nor­den wie­der­um über­nah­men über­zeug­te kom­mu­nis­ti­sche und mar­xis­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten die Füh­rung der IRA.

Angriff der IRA wäh­rend der Bor­der Cama­pign (Ope­ra­ti­on Har­vest) auf das Poli­zei­quar­tier in Lis­nas­kea (Lios na Scéithe), 14. Dezem­ber 1956.

Inner­halb der sich anbah­nen­den Trou­bles schien eine bewaff­ne­te Gue­ril­la­grup­pe die logi­sche Kon­se­quent zu sein, aber das Gegen­teil war der Fall. Füh­ren­de Köp­fe der Bewe­gung betrach­te­ten den bewaff­ne­ten Kampf als sinn­los und rück­stän­dig. Die Orga­ni­sie­rung soll­te über Arbeits­kämp­fe statt­fin­den. Die­se posi­ti­ven Über­le­gun­gen wur­den, wie so vie­le ande­ren, eben­falls Opfer von sek­tie­re­ri­schen Vor­be­hal­ten. Einem gemein­sa­men Agie­ren der Arbei­ter­klas­se wur­den jeweils, sowohl von pro­tes­tan­ti­scher als auch katho­li­scher Sei­te, alle Stei­ne in die Wege gelei­tet. Den­noch beginnt zu Ende der 60er-Jah­re eine Wel­le der Empö­rung ihren Lauf zu neh­men. Zivilrechtsaktivist*innen bei­der Kon­fes­sio­nen begin­nen sich zu orga­ni­sie­ren und for­dern eine Gleich­stel­lung in allen Berei­chen. Unionist*innen und Loyalist*innen wird dies jedoch zu bunt und eine Wel­le von Vier­tel­säu­be­run­gen beginnt. Häu­ser bren­nen und Dro­hun­gen wer­den all­täg­lich. Gezielt wer­den katho­li­sche Fami­li­en zu Umzü­gen gezwun­gen, Fami­li­en, wel­che nicht Fol­ge leis­ten, wer­den mit mili­tan­ten Inter­ven­tio­nen dazu gebracht. Loya­lis­ti­sche Feu­er­teu­fel wer­den von Poli­zei und Para­mi­li­tärs unter­stützt.

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