[GWR:] „Auf dem rechten Auge blind“

Das im Okto­ber 2020 von Tho­mas Bill­stein her­aus­ge­ge­be­ne Buch gibt den Toten seit 1970 nicht nur ein Gesicht, son­dern führt die Umstän­de ihres Todes, soweit bekannt, aus. Letz­te­res ist genau der Knack­punkt, um den sich das Buch dreht – so sind von eini­gen Opfern nicht ein­mal die Namen bekannt, vor allem im Fall der rech­ten Mor­de, bei denen sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Moti­ve im Vor­der­grund ste­hen. Der gemein­sa­me Nen­ner: Der Groß­teil der Mor­de ist nicht als ras­sis­ti­sche und faschis­ti­sche Tat aner­kannt. Das hat nicht nur Fol­gen für das Umfeld und die Hin­ter­blie­be­nen. Es sen­det auch an vie­le Men­schen die Bot­schaft „auf dem rech­ten Auge blind“.

Nach der zum gro­ßen Teil für empa­thi­sche Men­schen bedrü­cken­den und schwie­ri­gen Lek­tü­re der ein­zel­nen Fäl­le erhär­tet sich die Ein­schät­zung, dass der Feind für den Staat nach wie vor links steht. Ganz gleich, wie vie­le Opfer Faschis­ten seit Ende des Faschis­mus und der Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik auf dem Kerb­holz haben; ganz gleich, ob mit Poli­ti­kern wie Wal­ter Lüb­cke oder Poli­zis­tIn­nen auch Ver­tre­te­rIn­nen des Staa­tes ermor­det wur­den.

Ein Hin­ter­grund, der nicht erst seit dem Mord­an­schlag mit spä­te­rer Todes­fol­ge an dem Spre­cher der APO, Rudi Dutsch­ke, und der wochen­lan­gen Het­ze der Sprin­ger- und sons­ti­gen Pres­se gegen die Stu­den­tIn­nen­be­we­gung der 60er Jah­re für ein gesell­schaft­li­ches Kli­ma sorg­te, das den rech­ten Tätern eine Recht­fer­ti­gung für ihre Taten lie­fer­te. Ein Kli­ma, in dem rech­te Ban­den wie die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann, in denen Täter ihre prak­ti­sche Aus­bil­dung durch­lie­fen, ihre Fäden bis weit hin­ein in die „bür­ger­li­che Mit­te“ spin­nen konn­ten.

Der akri­bi­schen Befas­sung des Autors mit den Unter­su­chungs­me­tho­den ist zu ver­dan­ken, dass der staat­li­cher­seits belieb­ten, reflex­ar­tig behaup­te­ten Ein­zel­tä­ter­theo­rie deut­lich wider­spro­chen wird: Im Gegen­teil sind, so Tho­mas Bill­stein: „Fäl­le, in denen nur eine Per­son allei­ne die Tat aus­führt und für den Tod von Men­schen ver­ant­wort­lich ist, [… ] die Aus­nah­me“. Von den 225 bekann­ten Angrif­fen mit einem oder meh­re­ren Todes­fäl­len ergibt sich nach dem Kennt­nis­stand des Autoren in etwas mehr als der Hälf­te der Fäl­le ein Hin­ter­grund mit Grup­pen als Unter­stüt­ze­rIn­nen; bei wei­te­ren 18 Pro­zent wird eine wei­te­re tat­be­tei­lig­te Per­son ver­däch­tigt. Bei den 71 erfass­ten Allein­tä­te­rIn­nen sind jedoch auch sol­che, die wei­te­re even­tu­el­le Tat­be­tei­lig­te ver­schwie­gen haben.

Es ist der­sel­be Geist, der Gerald Braun­ber­ger, einen der Her­aus­ge­ber der FAZ, am 7. Janu­ar 2021 ange­sichts rech­ter Mas­sen­kra­wal­le am und im Kapi­tol in Washing­ton von „Rabau­ken“ schwa­feln lässt und der sich auf der ande­ren Sei­te, wie Tho­mas Bill­stein her­aus­ar­bei­tet, in büro­kra­ti­schen Mecha­nis­men bei der Erfas­sung des Motivs und des Hin­ter­grun­des rech­ter Mör­der aus­drückt: So wis­sen wohl nur weni­ge Men­schen, dass es sich bei dem Mel­de­sys­tem für „poli­tisch moti­vier­te Kri­mi­na­li­tät“ (PMK) um eine Ein­gangs­sta­tis­tik han­delt. Das bedeu­tet, dass die Erfas­sung unmit­tel­bar nach Bekannt­wer­den durch die Poli­zei erfol­gen soll, zu einem Zeit­punkt, bei dem das Motiv gera­de bei Mord­fäl­len nicht unbe­dingt auf der Hand liegt. Dass die­se Sta­tis­tik der Öffent­lich­keit nicht zugäng­lich ist, ist da kon­se­quent.

Das Buch macht dage­gen deut­lich: In den meis­ten Fäl­len war es der Hart­nä­ckig­keit Hin­ter­blie­be­ner und ihrer Anwäl­tIn­nen, von Zeu­gIn­nen und anti­fa­schis­ti­schen Grup­pen zu ver­dan­ken, dass die rech­ten Taten als sol­che offi­zi­ell aner­kannt wur­den. Allein schon die Tat­sa­che, dass es zur Zahl der Opfer – je nach Erhe­bung – so vie­le Zähl­wei­sen wie Ergeb­nis­se gibt, ist bit­ter: Staat­li­che Stel­len spre­chen von 106 Todes­op­fern rech­ter Gewalt seit 1990, Tho­mas Bill­stein stellt dage­gen 168 wei­te­re sowie 41 Ver­dachts­fäl­le fest.

Hin­ter den nack­ten Zah­len ste­hen jedoch vor allem auch die Fol­gen für die Hin­ter­blie­be­nen. Die­se sind oft ver­hee­rend – müs­sen sie sich doch gegen zum Teil jahr­zehn­te­lan­ge Ver­däch­ti­gun­gen zur Wehr set­zen, die Opfer sei­en selbst in Dro­gen- oder Ban­den­kri­mi­na­li­tät ver­strickt und die Tat das Ergeb­nis des­sen, wie bei ver­schie­de­nen Opfern des NSU kol­por­tiert wur­de. Von der Aner­ken­nung hängt zudem meist auch die wei­te­re finan­zi­el­le Exis­tenz ab.

Die Hoff­nung des Autoren, dass nie wie­der wei­te­re Todes­op­fer zur Lis­te rech­ter Gewalt hin­zu­ge­fügt wer­den müs­sen, ist zu unter­stüt­zen. Das Buch, das zum Hand­werks­zeug jedes anti­fa­schis­tisch ein­ge­stell­ten Men­schen gehört, ist nicht nur ein­zig­ar­tig, son­dern bringt vor allem Licht ins Dun­kel des Umfangs, den der rech­te Ter­ror in Deutsch­land kon­ti­nu­ier­lich auf­weist. Seit 1984 ver­ging kein Jahr ohne Todes­op­fer rech­ter Gewalt.

Read More