[GWR:] Die Marseiller Commune von 1870–71

Die Pari­ser Com­mu­ne von 1871 ist weit­hin bekannt, weil es eine lan­ge Lis­te Lite­ra­tur dazu gibt. Weni­ge Men­schen haben jedoch von den wei­te­ren Com­mu­ne-Bewe­gun­gen in ande­ren Regio­nen Frank­reichs gehört. Ja, Paris wird oft dem rest­li­chen Frank­reich gegen­über­ge­stellt, das länd­lich geprägt gewe­sen sei und sich in die­ser Zeit nicht von der Stel­le bewegt habe. Doch hat es in ver­schie­de­nen Städ­ten Frank­reichs Ver­su­che gege­ben, eine Com­mu­ne zu ver­wirk­li­chen: in Lyon, Mar­seil­le, Tou­lou­se, Nar­bon­ne, St.-Étienne, Le Creusot und anders­wo. Und es gab Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen mit die­sen Com­mu­ne-Ver­su­chen in zahl­rei­chen wei­te­ren Städ­ten. Die­se Bewe­gun­gen haben weni­ger lang gedau­ert als in Paris, weil sie sehr schnell nie­der­ge­schla­gen wur­den.

Die drei Pha­sen der Mar­seil­ler Com­mu­ne 1870–71

In Mar­seil­le kann­te das Com­mu­ne-Expe­ri­ment drei Pha­sen und zwei Com­mu­ne-Ver­su­che. Am 7. und 8. August 1870 gab es dort einen ers­ten Auf­stand. Danach, vom 4. Sep­tem­ber bis zum 4. Novem­ber 1870, wur­de in Mar­seil­le eine direk­te Demo­kra­tie und an deren Ende eine drei­tä­gi­ge ers­te Com­mu­ne prak­ti­ziert. Die eigent­li­che, zwei­te Com­mu­ne fand dann vom 23. März bis 4. April 1871 statt.
Inner­halb der Bewe­gung gab es min­des­tens vier Strö­mun­gen: Die Radi­ka­len um Gas­ton Cré­mieux (1836–1871) und Émi­le Bou­chet (1840–1918), die soge­nann­te „Natio­nal­gar­de“, die Sozialist*innen, die zumeist gleich­zei­tig Mit­glie­der der I. Inter­na­tio­nal waren, und die Republikaner*innen, die kei­nem beson­ders defi­nier­ten Poli­tik­block zuge­rech­net wer­den kön­nen.

Mar­seil­le vor der Com­mu­ne

In der Zeit des Zwei­ten Kai­ser­reichs (1852–1870) stieg die Bevöl­ke­rungs­zahl von Mar­seil­le von 195.000 auf 313.000 Einwohner*innen. Der Kolo­ni­al­han­del mit Alge­ri­en war auf­ge­blüht. Gro­ße Indus­trie­be­trie­be ent­stan­den und mit ihnen ein Pro­le­ta­ri­at. Es kam zu ers­ten Streiks, beson­ders im Berg­bau­re­vier von Gard­an­ne (öst­lich von Mar­seil­le) von Ende 1867 bis Anfang 1868. Mar­seil­le war bereits eine Hoch­burg repu­bli­ka­ni­schen Den­kens. Im Janu­ar 1870 erschoss der Ade­li­ge Prinz Pierre Bona­par­te, ein Nef­fe Napo­le­ons, den Jour­na­lis­ten Vic­tor Noir bei einem Duell in Paris. In Mar­seil­le kam es dar­auf zu einer Demons­tra­ti­on von 1200 Leu­ten, die das Ende des Kai­ser­reichs for­der­ten und rote Fah­nen schwenk­ten. Im Mai 1870 orga­ni­sier­te der Kai­ser ein Ple­bis­zit für die Fort­set­zung des Kai­ser­reichs. Nur die Städ­te Paris und Mar­seil­le stimm­ten mit „Nein“. Es kam zu Ver­haf­tun­gen von Leu­ten aus der Inter­na­tio­na­le und der Mar­seil­ler Akti­vist André Bas­te­li­ca (1845–1884) muss­te nach Spa­ni­en flie­hen.

Eine Fol­ge der Nie­der­la­ge im preu­ßisch-fran­zö­si­schen Krieg 1870

Die Mar­seil­ler Bür­ger hat­ten den fran­zö­si­schen Krieg gegen Preu­ßen unter­stützt. Nach den ers­ten Nie­der­la­gen, vor allem der Nie­der­la­ge in For­bach (Nord­ost-Frank­reich), woll­ten sie den Krieg nicht mehr nur der kai­ser­li­chen Armee über­las­sen. Am 7. August 1870 ver­sam­mel­ten sich zahl­rei­che Demonstrant*innen vor der Mar­seil­ler Prä­fek­tur (Depar­te­ments­re­gie­rung). Sie sand­ten eine Dele­ga­ti­on an den Prä­fek­ten Charles Levert und for­der­ten die Bewaff­nung des Vol­kes. Der Prä­fekt wei­ger­te sich, die Dele­ga­ti­on zu emp­fan­gen. Die Demonstrant*innen ver­such­ten dar­auf, das Gebäu­de zu beset­zen, schei­ter­ten aber. Am sel­ben Abend grün­de­ten Radi­ka­le und Sozialist*innen ein revo­lu­tio­nä­res Akti­ons­ko­mi­tee. Am nächs­ten Tag stürm­ten sie das Rat­haus der Stadt. Sie konn­ten es nur eini­ge Stun­den hal­ten. Dabei waren der Anwalt Gas­ton Cré­mieux, das Mit­glied der I. Inter­na­tio­na­le, Charles Aleri­ni (1842–1901), sowie der Dich­ter Clo­vis Hugues (1851–1907). Rund 30 Rädels­füh­rer wur­den ver­haf­tet und in die Ker­ker des Forts Saint-Jean, angeb­lich zum Schutz der Hafen­ein­fahrt errich­tet, gewor­fen. Am 27. August 1870 wur­den sie zu leich­ten Gefäng­nis­stra­fen ver­ur­teilt.
Am 4. Sep­tem­ber 1870 erlitt die fran­zö­si­sche Armee in Sedan ihre Nie­der­la­ge gegen Preu­ßen. Der Kai­ser wur­de von den Deut­schen gefan­gen genom­men. Die Bevöl­ke­rung Frank­reichs pro­kla­mier­te dar­auf die Repu­blik. In Mar­seil­le wur­den die Gefan­ge­nen befreit und die Prä­fek­tur besetzt. Der Prä­fekt Levert muss­te das Gebäu­de ver­las­sen. 1200 Geweh­re wur­den von den Auf­stän­di­schen beschlag­nahmt. Der neue Innen­mi­nis­ter Léon Gam­bet­ta ernann­te einen neu­en Prä­fek­ten, Alp­hons Esqui­ros, der am 7. Sep­tem­ber 1870 in Mar­seil­le ein­traf. In der Zwi­schen­zeit hat­te sich eine „Zivil­gar­de“ aus Mit­glie­dern der I. Inter­na­tio­na­le gebil­det und die Funk­tio­nen von Poli­zei und Armee über­nom­men. Die rote Fah­ne wur­de auf der Prä­fek­tur gehisst – was die Gemä­ßig­ten scho­ckier­te. Esqui­ros stütz­te sich auf die Zivil­gar­de und lei­te­te ers­te Maß­nah­men ein: einen Acht-Stun­den-Tag für die Berg­ar­bei­ter von Gard­an­ne sowie die Säu­be­rung der Ver­wal­tung, der Armee und der gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaft von noch ver­blie­be­nen Anhän­gern des Kai­ser­reichs.

9. Sep­tem­ber 1870: Das liber­tä­re Pro­gramm Bas­te­li­cas und die „Liga des Südens“

Am 9. Sep­tem­ber 1870 fand im gro­ßen Varie­té­lo­kal von Mar­seil­le, der „Alham­bra“, eine Volks­ver­samm­lung statt. Vor 2000 Per­so­nen ver­kün­de­te Bas­te­li­ca, der aus sei­nem spa­ni­schen Exil zurück­ge­kehrt war, sein Sofort­pro­gramm: Abschaf­fung des Staa­tes; Schaf­fung sowohl eines inter­na­tio­na­lis­tisch wie auch regio­na­lis­tisch (Pro­ven­çe) gesinn­ten Direk­to­ri­ums, Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung sowie Rei­chen­steu­er, um die Sol­da­ten zu bewaff­nen.
Nun wur­de die „Liga des Südens“ gegrün­det. Deren anfäng­li­ches Ziel war es noch gewe­sen, das Land gegen die Preu­ßen zu ver­tei­di­gen. Aber sie wur­de schnell eine revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung, die die Güter­re­qui­rie­rung von Ver­rä­tern, die Tren­nung von Kir­che und Staat, die Abschaf­fung der reli­giö­sen Schu­len, die Ein­füh­rung der Pres­se­frei­heit, die Abbe­ru­fung aller vom Kai­ser­reich ein­ge­setz­ten Bür­ger­meis­ter sowie den Föde­ra­lis­mus anstel­le des bis­he­ri­gen Pari­ser Zen­tra­lis­mus ein­for­der­te.

Der Auf­stand vom 31. Okto­ber 1870 und die Aus­ru­fung der
revo­lu­tio­nä­ren Com­mu­ne

Im Lau­fe der fol­gen­den Mona­te setz­te die bür­ger­li­che Zen­tral­re­gie­rung den noch von ihr ein­ge­setz­ten Esqui­ros ab. Denn der hat­te tat­säch­lich damit begon­nen, sein Depart­ment zu säku­la­ri­sie­ren. Er sperr­te den Ver­trieb einer kle­ri­ka­len und reak­tio­nä­ren Zei­tung, lös­te die Klös­ter auf und ver­frach­te­te die Jesui­ten über die Lan­des­gren­ze.
Nun wur­de Esqui­ros zum Rück­tritt gezwun­gen. Er wur­de am 30. Okto­ber 1870 durch Adol­phe Gent ersetzt. Der wur­de von der Bevöl­ke­rung abge­lehnt. Dar­auf wur­de für die Stadt der Bela­ge­rungs­zu­stand ver­hängt. Gent stütz­te sich auf den Stadt­rat und die „Natio­nal­gar­de“, die aus Mit­glie­dern der Bour­geoi­sie bestückt war – im Gegen­satz zur Zivil­gar­de, die aus Arbei­tern bestand. An die­sem Tag erhielt die Mar­seil­ler Bevöl­ke­rung die Nach­richt von der Kapi­tu­la­ti­on des Kom­man­dan­ten der fran­zö­si­schen Rhein­ar­mee, Bazi­ne, und ca. 180.000 fran­zö­si­scher Sol­da­ten in Metz.
Am 31. Okto­ber 1870 kam es dar­auf­hin erneut zum Auf­stand. Das Rat­haus wur­de kampf­los besetzt und die Natio­nal­gar­de wei­ger­te sich, dage­gen zu inter­ve­nie­ren. Die revo­lu­tio­nä­re Com­mu­ne wur­de aus­ge­ru­fen. Sie bestand aus Republikaner*innen, Internationalist*innen und Sozialist*innen, unter ihnen Bas­te­li­ca, Esqui­ros, Clo­vis Hugues, Gust­ave Clu­se­ret, Adol­phe Car­cas­son­ne. Die­se ers­te Ver­si­on der Mar­seil­ler Com­mu­ne dau­er­te nur drei Tage. Esqui­ros erlitt einen psy­chi­schen Schick­sals­schlag durch den Tod sei­nes Soh­nes, der dem Typhus erlag. Ein Atten­tats­ver­such gegen den Prä­fek­ten Gent schei­ter­te. Letz­te­rer über­nahm somit ohne Pro­ble­me erneut die Macht. Er ver­mied es, dadurch dass er kei­ne Ver­haf­tun­gen vor­nahm, sich die Bevöl­ke­rung erneut zum Feind zu machen. Am 13. Novem­ber 1870 konn­te Gent der bür­ger­li­chen Regie­rung nach Tours zu deren pro­vi­so­ri­schem Regie­rungs­sitz tele­gra­phie­ren, dass die bür­ger­li­che Ord­nung in Mar­seil­le erneut her­ge­stellt sei.

Der Mar­seil­ler Streik vom 10. März 1871

Der Kriegs­zu­stand Frank­reichs mit Preu­ßen wur­de am 28. Janu­ar 1871 offi­zi­ell been­det. Die Regie­rung zur Ver­tei­di­gung Frank­reichs muss­te abtre­ten. Es folg­ten zunächst Kom­mu­nal­wah­len, dann am 8. Febru­ar 1871 Par­la­ments­wah­len. Im natio­na­len Par­la­ment erhiel­ten die Kon­ser­va­ti­ven die Mehr­heit. In Mar­seil­le gewan­nen die Republikaner*innen mit mehr als 20.000 Stim­men vor der Lin­ken (Blan­quis­ten, Radi­ka­le, Inter­na­tio­na­lis­ten) mit weni­ger als 9.000. Die Zivil­gar­de lös­te sich in die Natio­nal­gar­de auf. Die „Liga des Südens“ wur­de durch Léon Gam­bet­ta für ille­gal erklärt.
Um ihre Kampf­kraft auf­recht­zu­er­hal­ten, setz­te die Mar­seil­ler Sek­ti­on der I. Inter­na­tio­na­le das Mit­tel des Streiks ein. Ab dem 10. März stell­ten zunächst die Ange­stell­ten im Hafen die Arbeit ein, dar­auf folg­ten die Stra­ßen­keh­rer, die Hei­zer von Zügen, die Bäcker, die Hafen­ar­bei­ter und die berufs­tä­ti­gen Frau­en.

Der 18. März in Paris
und in Mar­seil­le

Die Pari­ser Com­mu­ne begann am 18. März 1871 mit einer Frau­en­ak­ti­on (sie­he Kas­ten). Der Ver­sail­ler Adol­phe Thiers woll­te Paris ent­waff­nen, dage­gen wur­den die Offi­zie­re des Kai­ser­reichs mit Nach­sicht behan­delt. Das brach­te auch in Mar­seil­le das Fass zum Über­lau­fen. Gas­ton Cré­mieux rief bei einer Ver­samm­lung am 22. März im Mar­seil­ler Eldo­ra­do die Men­ge dazu auf, die Pari­ser Com­mu­ne zu unter­stüt­zen und mit allen Mit­teln zu ver­tei­di­gen. Am nächs­ten Mor­gen wur­de die Prä­fek­tur in Mar­seil­le von Zivil­gar­den, Natio­nal­gar­den, Frei­schär­lern und auch von ita­lie­ni­schen Natio­na­lis­ten um Gari­bal­di, die im Herbst 1870 nach Mar­seil­le gekom­men waren, besetzt. Eine Kom­mis­si­on aus 12 Mit­glie­dern wur­de geschaf­fen, unter ihnen Radi­ka­le und Inter­na­tio­na­lis­ten wie Cré­mieux, Alé­ri­ni oder Bou­chet. Bas­te­li­ca war zu der Zeit nicht in Mar­seil­le, weil er nach Paris gegan­gen war. Cré­mieux ersetz­te die rote Flag­ge durch eine schwar­ze, jedoch nicht als Zei­chen des Anar­chis­mus, son­dern als „Trau­er­zei­chen für das Vater­land“.
Die Pari­ser Com­mu­ne ent­sand­te drei Dele­gier­te nach Mar­seil­le, die jedoch kei­nen Ein­fluss auf die Abläu­fe hat­ten. Der Mar­seil­ler Stadt­rat erklär­te die Kom­mis­si­on in der Prä­fek­tur sofort für ille­gal. Die Kom­mis­si­on wie­der­um erklär­te den Stadt­rat für auf­ge­löst und rief zu Neu­wah­len auf. Dies empör­te den Gene­ral de La Vil­les­boi­nest und die Armee. Am 4. April 1871 erhiel­ten die Land­streit­kräf­te und die Mari­ne den Befehl, das Stadt­zen­trum von Mar­seil­le zu beset­zen. Die Armee hat­te sich bis dahin ins nahe gele­ge­ne Auba­gne zurück­ge­zo­gen, ähn­lich der Rol­le, die Ver­sailles bei der Pari­ser Com­mu­ne spiel­te. Der Gene­ral Estiv­ent in Auba­gne hat­te noch nie im Leben einen Preu­ßen bekämpft, träum­te jetzt aber davon, „die Roten“ zu zer­tre­ten. Trotz eini­ger Fra­ter­ni­sie­rungs­ver­su­che bom­bar­dier­te die Armee die Prä­fek­tur von einem am Ein­gang des Hafens gele­ge­nen Fort aus sowie von der Anhö­he der Kir­che Not­re-Dame-de-la-Gar­de. Bilanz: 150 Tote unter den Kom­mu­nar­den (eini­ge wur­den ohne Pro­zess hin­ge­rich­tet) und rund 30 tote Sol­da­ten. Zahl­rei­che Gebäu­de wur­den beschä­digt. Die Prä­fek­tur erhielt 300 Gra­na­ten­tref­fer. Am 5. April ließ Estiv­ent sei­ne Trup­pen in der Stadt defi­lie­ren, unter dem katho­li­schen Gejoh­le „Es lebe Jesus!“ und „Hei­ligs­tes Herz Jesu!“ Die zwei­te, eigent­li­che Mar­seil­ler Com­mu­ne hat ins­ge­samt nur 13 Tage lang gedau­ert.
„Gesetz und Ord­nung“ wur­den in Mar­seil­le wie­der her­ge­stellt: Ver­samm­lungs­räu­me wur­den geschlos­sen; die Zen­sur ein­ge­führt; die Natio­nal­gar­de auf­ge­löst. Eine Wel­le von Ver­haf­tun­gen und Pro­zes­sen folg­te, die bis 1875 andau­er­te! Allein vom 12. bis 28. Juni 1871 ver­häng­ten Kriegs­ge­rich­te 3 Todes­ur­tei­le und ver­ur­teil­ten Hun­der­te zur Zwangs­ar­beit. Man muss­te wohl ein Exem­pel sta­tu­ie­ren. Spä­ter, am 30. Novem­ber 1871, wur­de Gas­ton Cré­mieux in den städ­ti­schen Gär­ten des Pha­ro erschos­sen. Er reprä­sen­tier­te alles, was die Bour­geoi­sie hass­te: Er war Repu­bli­ka­ner, Jude und Frei­mau­rer.

Die Rol­le der Frau­en

Wäh­rend bei der Pari­ser Com­mu­ne Frau­en als maß­geb­li­che Aktivist*innen auf­fie­len, stel­len die bekann­ten Erzäh­lun­gen über die Mar­seil­ler Com­mu­ne kei­ne Frau­en in den Vor­der­grund. Das „Lexi­kon der Mar­seil­ler Com­mu­ne“ von Roger Vignaud aus dem Jahr 2005 stellt 650 Aktivist*innen die­ser Bewe­gung vor. Er hat immer­hin die Archi­ve der Jus­tiz und des Kriegs­ge­richts durch­forscht. Die Anzahl der Frau­en, die in die­sem Lexi­kon auf­tau­chen, beschränkt sich jedoch auf neun. Für sie­ben von ihnen sind Beru­fe ver­merkt: das Dienst­mäd­chen Vic­to­ri­ne Dulac, die Pro­sti­tu­ier­te Léo­nie Dumas, die Mar­ke­ten­de­rin Marie Balt­ha­zar, die Pro­sti­tu­ier­te Natha­lie Rey, die Bor­dell­be­sit­ze­rin Eli­sa Roche, die Klein­krä­me­rin für Wein, Jean­ne Bar­rus, die Bor­dellan­ge­stell­te Marie Tho­mas.

Baku­nin in Mar­seil­le

Baku­nin hat­te zu jener Zeit geschrie­ben: „Wenn sich die Arbei­ter in Lyon und Mar­seil­le nicht sofort erhe­ben, sind Frank­reich und der euro­päi­sche Sozia­lis­mus ver­lo­ren.“ Seit 1867 hat­te er im Innern der I. Inter­na­tio­na­le sei­ne „Alli­anz der sozia­lis­ti­schen Demo­kra­tie“ geschaf­fen. Albert Richard in Lyon und André Bas­te­li­ca in Mar­seil­le waren dort Mit­glie­der. Die Grup­pen der Inter­na­tio­na­le in Lyon und in Mar­seil­le waren bei­de baku­nis­tisch geprägt. Als die Com­mu­ne in Lyon schei­ter­te, wur­de Baku­nin im 28. Sep­tem­ber 1870 kurz­zei­tig ver­haf­tet, aber von sei­nem Freund Wla­di­mir Oze­row befreit. Er konn­te in einem Men­schen­ge­wühl unter­tau­chen und nach Mar­seil­le flüch­ten. Dort kam er mit Hil­fe sei­nes Freun­des Bas­te­li­ca und des­sen Frau in einem Haus im Pha­ro-Vier­tel unter. Wäh­rend die­ses Auf­ent­halts in Mar­seil­le schrieb er in Fran­zö­sisch sei­nen Klas­si­ker „Das knu­to­ger­ma­ni­sche Kai­ser­reich und die sozia­le Revo­lu­ti­on“ (1870). Er konn­te sogar Brief­post emp­fan­gen, wenn sie in einem Umschlag an Mme. Bas­te­li­ca, 32 Bou­le­vard des Dames gerich­tet war. Am 24. Okto­ber 1870 gelang es ihm dank dem Hafen­meis­ter Antoi­ne Lom­bard, der eben­falls Mit­glied der I. Inter­na­tio­na­le war, ein Schiff nach Genua zu bestei­gen. Von dort erreich­te er am 27. Okto­ber die Schweiz.
Die Frau­en­ak­ti­on vom 18. März 1871 und die Ver­wei­ge­rung der Trup­pe: Geburt der Com­mu­ne
„Die Frau­en gin­gen zuerst vor. (…) Die Frau­en vom 18. März waren durch die Bela­ge­rung gestählt – sie hat­ten die dop­pel­te Last des Elends getra­gen – und war­te­ten nicht auf ihre Män­ner. Sie umring­ten das Mili­tär und rede­ten auf den Geschütz­füh­rer ein: ‚Das ist eine Schan­de, was du da machst!’ (…) Plötz­lich stürm­ten eine gro­ße Anzahl Natio­nal­gar­dis­ten mit erho­be­nen Gewehr­kol­ben sowie vie­le Frau­en und Kin­der auf der ande­ren Sei­te von der Rue des Rosiers her­bei. Gene­ral Lecomte sah sich umzin­gelt, er befahl drei­mal, das Feu­er zu eröff­nen. Sei­ne Leu­te blie­ben regungs­los Gewehr bei Fuß; die Men­ge näher­te sich, ver­brü­der­te sich, Lecomte und sei­ne Offi­zie­re wur­den ver­haf­tet.“ ((1))
Bernd Kra­mer (Hg.): Loui­se Michel und die Pari­ser Kom­mu­ne von 1871. Leben, Ideen, Kampf. Karin Kra­mer Ver­lag, Ber­lin 2001, S. 33, Rezen­si­on sie­he: https://​www​.gras​wur​zel​.net/​g​w​r​/​2​0​0​1​/​1​0​/​l​o​u​i​s​e​-​m​i​c​h​e​l​-​u​n​d​-​d​i​e​-​p​a​r​i​s​e​r​-​k​o​m​m​u​ne/ .

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