[GWR:] Kämpfen heißt Erinnern

Wer in Müns­ter zu Fuß unter­wegs ist, kann Paul Wulf heu­te immer noch begeg­nen: Mit sei­nem offe­nen Blick steht er zen­tral auf dem Ser­va­tii­platz. Über­le­bens­groß! Das macht Sinn, denn Paul soll­te zwei Mal aus­ge­löscht wer­den. Es ist sein lie­bens­wer­ter, zuge­wand­ter und inten­si­ver Blick, der uns alle zum Gespräch, zur Kom­mu­ni­ka­ti­on und zur Aus­ein­an­der­set­zung ein­lädt. Über Paul und sei­ne Geschich­te. So haben bei­de über­lebt. Viel­leicht auch, weil Paul sein Leben lang wider­stän­dig geblie­ben ist und weil er Freun­de und Freun­din­nen hat, die an ihn, sei­ne Kämp­fe und sei­ne Geschich­te erin­nern und sie fort­set­zen. Wie die Künst­le­rin Sil­ke Wag­ner, die für die Skulp­tur Pro­jek­te Müns­ter 2007 gemein­sam mit dem Umwelt­zen­trum-Archiv-Ver­ein die wun­der­ba­re 3,4‑Meter-Figur von Paul Wulf geschaf­fen hat. Oder Men­schen wie Bernd Drü­cke und ande­re Mit­glie­der des Freun­des­krei­ses Paul Wulf, die den Kör­per der Plas­tik, der als Lit­faß­säu­le dient, monat­lich mit Tex­ten von und über Paul und sei­ne Geschich­te neu tape­zie­ren.
Ich habe Paul Wulf nie per­sön­lich getrof­fen. Aber ich durf­te ihn durch die Erzäh­lun­gen sei­ner Freun­de und Freun­din­nen ken­nen ler­nen. Und durch sei­ne Gedich­te und Gedan­ken. Und ich durf­te für den dau­er­haf­ten Ver­bleib von „Paul“ in Müns­ter mit vie­len ande­ren gemein­sam strei­ten, als kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ker die Skulp­tur ein­fach weg­ha­ben woll­ten. Haben sie dabei ein­mal dar­an gedacht, dass die ver­ant­wort­li­chen NS-Ärz­te Men­schen wie Paul auch „weg­ha­ben“ woll­ten?
Mei­ne „Begeg­nun­gen“ mit Paul waren und sind ein gro­ßes Geschenk für mich. Denn Paul war ein beson­de­rer Mensch. Das konn­te ich dank der Erzäh­lun­gen sei­ner Freun­de spü­ren. Paul war aber auch ein wich­ti­ger Mensch für uns alle, die nicht auf­hö­ren wol­len zu träu­men von einer herr­schafts­frei­en Welt. Ich bin mir sicher, wir hät­ten uns gut ver­stan­den. Zumal ich mich aus ver­schie­de­nen Grün­den sehr ver­bun­den mit Paul füh­le. Allein schon wegen unse­rer gemein­sa­men Lie­be für die Gedich­te und den Men­schen Erich Müh­sam. Die Nazis woll­ten die­sen groß­ar­ti­gen Dich­ter und Revo­lu­tio­när sowie sein lite­ra­ri­sches und poli­ti­sches Werk eben­falls aus­lö­schen – als Rache für sei­ne Rol­le bei der Revo­lu­ti­on am 7. Novem­ber 1918 und in der Baye­ri­schen Räte­re­pu­blik 1919. Kurz nach der Macht­über­ga­be an die Nazis 1933 ver­haf­te­te die SA Erich Müh­sam und die SS ermor­de­te ihn nach 16-mona­ti­ger KZ-Haft und Fol­ter am 10. Juli 1934 im KZ Ora­ni­en­burg. Aber sein Wir­ken und sein Werk konn­ten sie nicht aus­lö­schen. In Anleh­nung an ein Gedicht die­ses von Paul und mir so ver­ehr­ten und bewun­der­ten Revo­lu­tio­närs, Anar­chis­ten und Pazi­fis­ten habe ich 1982 das Lied „Revo­luz­zer“ geschrie­ben. Dar­in heißt es unter ande­rem: „A Revo­luz­zer müaßt ma sei, dann war der Ärger schnei vor­bei, aba wer macht si scho di Plog und revo­luz­zt den ganzn Dog.“*
Paul war defi­ni­tiv ein sol­cher Revo­luz­zer. Er wur­de schon als Kind stig­ma­ti­siert und 1938 als 16-Jäh­ri­ger von den Nazis zwangs­ste­ri­li­siert. „Von mei­nem sieb­ten Lebens­jahr an war mein Leben nur noch der Heim­erzie­hung unter­wor­fen, was mich zu einem ande­ren Men­schen mach­te. Ich lern­te kri­tisch den­ken und ließ nicht alles wil­len­los über mich erge­hen“, erin­ner­te sich Paul an jene Zeit. Paul mach­te „si scho di Plog“ und vor allem „sei Mei auf, wenn a mog“ und trau­te „sich mögen, wos a mog.“ * Den Anstalts­lei­ter und NS-Arzt haben Paul und die ande­ren Kin­der „Men­schen­metz­ger“ genannt. Sie haben die töd­li­che Gefahr des deut­schen Faschis­mus von Anfang an gespürt und begrif­fen. Die meis­ten „Nor­ma­len“ haben wei­ter „Heil“ geschrien.
In der NS-Zeit haben Ärz­te 400.000 Men­schen wie Paul zwangs­ste­ri­li­siert. Dahin­ter stand ein mör­de­ri­sches Men­schen­bild: Wer damals nicht als „nor­mal“ und „gesund“ gegol­ten hat, leb­te in stän­di­ger Lebens­ge­fahr. Das muss­te Paul am eige­nen Leib erlei­den. Men­schen mit tat­säch­li­chen oder angeb­li­chen „Behin­de­run­gen“ ver­lo­ren zunächst ihre Men­schen­rech­te und dann ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung: Ab Janu­ar 1940 töte­ten Ärz­te und NS-Büro­kra­ten rund 200.000 Pati­en­ten im Rah­men der NS-Eutha­na­sie-Akti­on T4. Nach 1945 haben die Ver­ant­wort­li­chen geschwie­gen und wei­ter „Kar­rie­re“ gemacht wie zum Bei­spiel der Psych­ia­ter Juli­us Hal­ler­vor­den. Er war in der NS-Zeit Hirn­for­scher beim Kai­ser-Wil­helm-Insti­tut in Ber­lin und seit 1933 för­dern­des Mit­glied der SS. Er unter­such­te min­des­tens 700 Gehir­ne von Kin­dern, die im Rah­men der NS-Eutha­na­sie ermor­det wur­den. Nach 1945 arbei­te­te er als Arzt am Max-Planck-Insti­tut für Hirn­for­schung in Gie­ßen und erhielt 1956 das Gro­ße Bun­des­ver­dienst­kreuz.
Paul Wulf schwieg nicht. Sein Leben lang kämpf­te er als Anti­fa­schist gegen das Ver­ges­sen und für die Aner­ken­nung aller Zwangs­ste­ri­li­sier­ten als NS-Ver­folg­te. Er hat den Mund auf­ge­macht, recher­chiert, auf­ge­klärt, ange­klagt, ist vor Gericht gegan­gen, hat Aus­stel­lun­gen orga­ni­siert. „Erin­ne­rung war lan­ge kein The­ma. Die Über­le­ben­den wur­den aus­ge­grenzt, gleich­zei­tig kamen ehe­ma­li­ge Nazis wie­der frei. Das gehört zu den betrüb­lichs­ten Kapi­teln unse­rer Geschich­te: Der Umgang mit den ehe­ma­li­gen Ver­folg­ten. Sie muss­ten sehr, sehr schnell erken­nen, dass sie nicht gefragt waren“, sagt der Münch­ner Anti­fa­schist Fried­bert Mühl­dor­fer in dem Radio-Fea­ture „Der lan­ge Kampf um die Erin­ne­rung“ von 2020, in dem die Geschich­te der KZ-Gedenk­stät­te Dach­au aus der Sicht der Ver­folg­ten erzählt wird.
Mensch­lich­keit braucht Reni­tenz, Ver­än­de­rung braucht Hart­nä­ckig­keit, Pro­test und Wider­stand. Immer wie­der und stets von Neu­em. Dafür brau­chen wir die Erin­ne­rung an und das Wis­sen über die Mecha­nis­men gesell­schaft­li­cher und staat­li­cher Aus­gren­zung, Stig­ma­ti­sie­rung, Dis­kri­mi­nie­rung, Ver­fol­gung und Aus­lö­schung. Paul Wulf hat dazu sehr viel bei­getra­gen. Auch des­halb haben sein lebens­lan­ges Enga­ge­ment und der gemein­sa­me Kampf gegen die Besei­ti­gung der Paul-Skulp­tur eine sehr gro­ße Bedeu­tung. Kämp­fen heißt Erin­ne­rung. Wir brau­chen Men­schen wie Paul Wulf und wir brau­chen die Erin­ne­rung an und die Begeg­nung mit sol­chen Men­schen. Sie sind unend­lich wert­voll. Denn Erin­nern kann uns Kraft geben für unse­re aktu­el­len Kämp­fe für eine gerech­te­re Welt. Sie kann uns Mut machen, über­all und immer, wenn es nötig ist, „Nein“ zu sagen.
Die Erfas­sung, Kate­go­ri­sie­rung und Über­wa­chung von Men­schen bzw. defi­nier­ter Grup­pen ist und war schon immer die Vor­aus­set­zung staat­li­cher Repres­si­on und Ver­fol­gung. Dar­an soll­ten wir uns immer erin­nern, um stets wach­sam und kri­tisch zu blei­ben. Im Jahr 2018 wur­de ein Gesetz­ent­wurf der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung für ein „Psy­chisch-Kran­ken-Hil­fe-Gesetz“ bekannt. Bei Betrof­fe­nen, Akti­vis­tIn­nen, kri­ti­schen The­ra­peu­tIn­nen, Ärz­tIn­nen und Jour­na­lis­tIn­nen schrill­ten recht­zei­tig die Alarm­glo­cken. Auch das haben wir Men­schen wie Paul Wulf zu ver­dan­ken, die sich nach 1945 für die Aner­ken­nung und die Rech­te von ver­ges­se­nen NS-Ver­folg­ten öffent­lich ein­ge­setzt haben. Heri­bert Prantl schrieb am 16. April 2018 in der SZ: „Depres­si­ve Men­schen sol­len in Bay­ern künf­tig regis­triert wer­den – und behan­delt, als wären sie Straf­tä­ter. Das ist kein Hilfe‑, son­dern ein Poli­zei­ge­setz.“ Es konn­te in die­ser Form vor­erst ver­hin­dert wer­den.
Nicht ver­hin­dert haben die Men­schen 1933 das „Gesetz zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“, das zum 1. Janu­ar 1934 in Kraft trat, um angeb­lich „erb­kran­ke“ Men­schen „unfrucht­bar“ zu machen. Die­ses Ver­bre­chen, das Paul ange­tan wur­de, ver­bin­det mich bis heu­te in mei­nen Gedan­ken mit ihm. Wer von Ärz­ten damals zum Bei­spiel als „schi­zo­phren“ oder „manisch-depres­siv“ dia­gnos­ti­ziert wur­de, aber auch, wer „an schwe­rem Alko­ho­lis­mus lei­det“ konn­te zwangs­ste­ri­li­siert wer­den. Als Süch­ti­ger wur­de ich bereits ins Gefäng­nis gesperrt. Was wäre damals mit mir gesche­hen?
Ich bin sehr dank­bar, dass ich Men­schen ken­nen ler­nen durf­te, die ihr Leben lang anti­fa­schis­tisch gehan­delt haben: Ich durf­te in einem Eltern­haus auf­wach­sen mit einem Vater, der in der Nazi­zeit den Kriegs­dienst ver­wei­gert hat­te, und einer Mut­ter, die mit mir gemein­sam bis kurz vor ihrem Tod auf vie­len Demons­tra­tio­nen gegen Ras­sis­mus, Krieg sowie alte und neue Nazis war. Und ich durf­te den Wider­stands­kämp­fer und Über­le­ben­den Mar­tin Löwen­berg über 20 Jah­re lang ken­nen und immer wie­der tref­fen, der Zwangs­ar­bei­te­rIn­nen mit Lebens­mit­tel­mar­ken und Infor­ma­tio­nen über den Front­ver­lauf ver­sorgt hat­te, bevor er selbst ins KZ kam. Er hat uns sein Leben lang dar­an erin­nert, „dass Faschis­mus kei­ne Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen ist“, das wir bis heu­te gemein­sam immer und über­all ver­hin­dern müs­sen.
Die Begeg­nung und Erin­ne­rung an sol­che beson­de­ren Men­schen wie Paul kön­nen unser Leben nach­hal­tig ver­än­dern, wenn wir es zulas­sen. Als ob ein Teil ihrer wider­stän­di­gen Ener­gie auf uns über­geht. Des­halb brau­chen wir Men­schen wie Paul Wulf. Und wir brau­chen Men­schen und Initia­ti­ven, die uns durch ihre akti­ve Erin­ne­rungs­ar­beit die Mög­lich­keit geben, Men­schen wie Paul Wulf ken­nen zu ler­nen. Die­ses groß­ar­ti­ge Erin­ne­rungs­buch, das zum 100. Geburts­tag von Paul Wulf erscheint, ist mit sei­nen berüh­ren­den und beein­dru­cken­den Tex­ten ein gro­ßes Geschenk. Ein Geschenk für uns alle, die Paul bereits ken­nen ler­nen durf­ten und für alle, die Men­schen wie Paul ken­nen ler­nen wol­len, weil sie spü­ren, dass wir alle sol­che Men­schen wie Paul sein soll­ten.

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