[UG-Blättle:]Italien: Autopilot und Chaos

War­um hat die Pan­de­mie so tief ins gesell­schaft­li­che Leben ein­ge­grif­fen? Weil seit vier­zig Jah­ren das Gesund­heits­we­sen unter­fi­nan­ziert ist, die Grund­la­gen­me­di­zin ent­mu­tigt und die For­schung pri­va­ti­siert wur­de.

Bild: Giu­sep­pe Con­te und Mario Draghi bei der tra­di­tio­nel­len Über­ga­be des Minis­ter­rats­glöck­chens am 13. Febru­ar 2021 im Palaz­zo Chi­gi. /​Gover­no Ita­lia­no (CC BY-SA 3.0 unpor­ted – crop­ped)

Seit das vira­le Cha­os in die bereits durch die Erschüt­te­run­gen des Herbs­tes 2019 ordent­lich zer­rüt­te­te Welt­ord­nung ein­ge­bro­chen ist, haben die­je­ni­gen mit emp­find­sa­men Gehör­sinn begon­nen, dort unten, dort hin­ten, den Klang einer unauf­halt­sa­men Des­in­te­gra­ti­on wahr­zu­neh­men, das unter­ir­di­sche Don­nern der Aus­he­be­lung aller Ord­nun­gen: der wirt­schaft­li­chen, der geo­po­li­ti­schen und vor allem der psy­chi­schen Ord­nung.

Kei­ner die­ser Orders war jemals in Auf­trag gege­ben wor­den, das ist rich­tig. Aber die Schar­nie­re hiel­ten mehr oder weni­ger. Inmit­ten von uner­mess­li­chem Leid, uner­träg­li­cher Gewalt und plötz­li­chen Zusam­men­brü­chen hiel­ten die Schar­nie­re: Das Gesetz, das Geld, die super-kako­pho­nisch säu­seln­de Mas­se der Medi­en­land­schaft hielt eine altern­de und ver­zwei­fel­te Welt zusam­men. Als die unsicht­ba­ren Par­ti­kel began­nen, sich zu ver­meh­ren und die Anste­ckung sich mani­fes­tier­te, als die Nähe zwi­schen den Kör­pern unter­bun­den wur­de, an die­sem Punkt spür­ten wir, dass die Schar­nie­re nicht hal­ten wür­den.

Seit jenen ers­ten Tagen haben wir gesagt: Die Syn­de­mie (1), eine Ver­ket­tung ver­schie­de­ner Zusam­men­brü­che (Zusam­men­bruch der Umwelt, der Geo­po­li­tik, der Gesell­schaft und des kol­lek­ti­ven Bewusst­seins) ist dazu bestimmt, als Apo­ka­lyp­se zu wir­ken. Wenn wir es ver­ste­hen, die Lek­ti­on zu ler­nen, wenn wir in der Lage sind, die Pro­duk­ti­ons­wei­se und vor allem die Erwar­tun­gen an den Kon­sum zu ver­än­dern, wird der Mensch viel­leicht eine neue Zeit erle­ben. Wenn wir hin­ge­gen vor­ge­ben, die Maschi­ne der Nor­ma­li­tät neu zu star­ten, wenn wir dar­auf abzie­len, das Wirt­schafts­wachs­tum durch die Gewin­nung von Res­sour­cen für die Akku­mu­la­ti­on zu reak­ti­vie­ren, dann soll­ten wir uns vor­be­rei­ten: Die Apo­ka­lyp­se berei­tet das Aus­ster­ben vor.

Las­sen wir das Trau­ma wir­ken, die Ver­ar­bei­tung des Trau­mas wird sehr lan­ge dau­ern, weil auf das Trau­ma wei­te­re ver­wand­te Trau­ma­ta fol­gen wer­den (Pan­de­mie erzeugt Rezes­si­on, Rezes­si­on Arbeits­lo­sig­keit, Arbeits­lo­sig­keit Migra­tio­nen, Migra­tio­nen Natio­na­lis­mus und Natio­na­lis­mus Krieg und so wei­ter)…

Was uns betrifft, kön­nen wir nichts ande­res tun, als dem Trau­ma zuzu­se­hen und win­zi­ge Hilfs­mit­tel für ein genüg­sa­mes, ega­li­tä­res Leben zu bau­en, das auf Pro­fit statt auf Geld aus­ge­rich­tet ist.

Die Hüter der Akku­mu­la­ti­on han­del­ten schnell: Sie lies­sen die ver­gan­ge­nen aus­teri­täts­po­li­ti­schen Unken­ru­fe, die vor zehn Jah­ren die Stran­gu­lie­rung der euro­päi­schen Gesell­schaf­ten, Ver­ar­mung und Pre­ka­ri­tät ver­ur­sach­ten, hin­ter sich und ver­spra­chen Lawi­nen von Geld.

Aber wie? War die Rück­erstat­tung von Schul­den nicht eine natür­li­che Not­wen­dig­keit, ein gött­li­ches Gebot, das man nicht über­tre­ten darf, wenn man nicht wie die ver­rä­te­ri­schen Grie­chen enden will, die mit Demü­ti­gung, öffent­li­cher Aus­peit­schung und schliess­lich mit Armut bestraft wur­den? Nicht mehr: Der Virus hat uns die Lek­ti­on erteilt, dass es kei­ne natür­li­chen Wahr­hei­ten gibt, son­dern nur Kräf­te­ver­hält­nis­se. Im Jahr 2015 das stren­ge Gesicht der Troi­ka, im Jahr 2020 die Geld­bör­sen, die sich öff­nen, um einen immensen Strom von Geld flies­sen zu las­sen.

Aber wie? Haben wir nicht gesagt, dass die Schul­den nicht wei­ter stei­gen dür­fen, weil sonst die Enkel und Uren­kel die­ses Him­mel­reichs unter den Fol­gen unse­rer Ver­schwen­dungs­sucht lei­den wer­den? Aber der Virus hat uns gelehrt, dass Geld ein rei­ner fla­tus vocis ist, eine sprach­li­che Aus­sa­ge, die das Ver­trau­en der Gesell­schaft geniesst (wenn sie es geniesst). Manch­mal tut sie das nicht: Das Ver­trau­en sinkt, die Nach­fra­ge sta­gniert, und Depres­sio­nen machen sich breit.

Aber: Die Maschine beschleunigt weiter

Die Schar­nie­re der glo­ba­len Maschi­ne began­nen sicht­bar sich aus den Angeln zu heben, aber wie klapp­rig die glo­ba­le Maschi­ne auch sein mag, sie läuft wei­ter, zumin­dest so lan­ge sie es ver­mag.

Da die Poli­tik die Aus­übung des Wil­lens ist, der den sozia­len Pro­zess steu­ert, ver­lor sie ihre Macht, als der Virus auf­tauch­te: Die Poli­tik kann nichts gegen das unend­lich Klei­ne, das unend­lich Gros­se und das irre­du­zi­bel Kom­ple­xe tun. Die Ver­brei­tung von Mikro­plas­tik, von nuklea­rer Radio­ak­ti­vi­tät oder des anste­cken­den Virus ent­zie­hen sich dem Wir­ken der Poli­tik, weil sie sich zual­ler­erst ihrem Ver­ständ­nis ent­zie­hen. Genau­so ent­zie­hen sich das Abschmel­zen der Glet­scher, die Aus­brei­tung von Wald­brän­den und der Anstieg des Was­sers in den Ozea­nen der Poli­tik, denn gegen das Unum­kehr­ba­re kann die Poli­tik nichts tun.

Die Poli­ti­ker teil­ten sich dar­auf­hin in zwei Par­tei­en: die Berufs­kil­ler, die sich wenig um Krank­heit und Tod küm­mer­ten, solan­ge das Geschäft nicht tan­giert wur­de, und die­je­ni­gen, die sich vor dem Unre­gier­ba­ren fürch­te­ten und schnell zur Sei­te tra­ten und der Gesund­heits­dis­zi­plin um den Preis der Unter­bre­chung des täg­li­chen Han­dels mit Repro­duk­ti­on und Akku­mu­la­ti­on nach­ga­ben. Die Gesund­heits­dis­zi­plin trat an die Stel­le der poli­ti­schen Wahl. Selbst die­je­ni­gen, die ihr Leben der Bilan­zie­rung gewid­met hat­ten, die dar­auf spe­zia­li­siert waren, das Kon­kre­te von Arbeit und Wis­sen in die abs­trak­ten Zah­len des Kapi­tals zu ver­wan­deln, sahen sich gezwun­gen, ihr tra­di­tio­nel­les Reser­vat zu ver­las­sen und nah­men den Platz von Poli­ti­kern ein, deren Kunst ihre Wirk­sam­keit ver­lo­ren hat­te.

Dies geschah in Ita­li­en nach den spe­zi­fi­schen Stil­merk­ma­len der Commedia dell’arte, wo dra­ma­ti­sche The­men von komi­schen Figu­ren insze­niert wer­den: der unwis­sen­de, gewalt­tä­ti­ge Ange­ber, der alle Ein­wan­de­rer erträn­ken will, der Aus­sen­mi­nis­ter, der nicht weiss, in wel­chem Land Pino­chets Staats­streich statt­fand, der wit­zi­ge Flo­ren­ti­ner, der Kunst­ge­schich­te aus einer Bro­schü­re des Frem­den­ver­kehrs­bü­ros auf der Piaz­za del­la Signo­ria gelernt hat, und im Hin­ter­grund der alte Mam­ma­san­tis­si­ma (2), der ein wenig begriffs­stut­zig, aber immer sehr auf­ge­schlos­sen gegen­über dem Schick­sal sei­ner Unter­neh­men ist.

Die glo­ba­le Finanz­welt muss­te sich die Kon­trol­le über die enor­men Geld­sum­men sichern, die die Euro­päi­sche Uni­on Ita­li­en zuge­wie­sen hat­te, damit das Land nicht unter­ging und die Wirt­schaft des Kon­ti­nents mit sich in den Abgrund zog. Man kann nicht das gan­ze Geld in den Hän­den der Fünf Ster­ne las­sen, die im letz­ten Jahr gelernt haben, wie man sich benimmt, aber man weiss ja nie. Hier also, dass der wit­zi­ge Flo­ren­ti­ner alles zer­stört.

Die glo­ba­le Finanz­welt kann sich auf ihn ver­las­sen: Bei einem kürz­li­chen Tref­fen mit einem illus­tren ara­bi­schen Demo­kra­ten, Beschüt­zer der Kunst und Auf­wieg­ler der Jour­na­lis­ten, äus­ser­te er einen Satz, der ihn mit der Con­fin­dus­tria (3), dem Wäh­rungs­fonds und Gold­man Sachs in Ein­klang bringt. Mit dem schwach­sin­ni­gen Lächeln eines Lakai­en, der gestrei­chelt wird, weil er einen sehr fet­ten Arsch leckt, erklär­te er, dass sein Traum nied­ri­ge Löh­ne sind, wie sie die ara­bi­schen Poten­ta­ten, die Leucht­feu­er der Zivi­li­sa­ti­on, an paki­sta­ni­sche, korea­ni­sche und paläs­ti­nen­si­sche Skla­ven zah­len. Die Skla­ve­rei ist kei­nes­wegs ein schmerz­haf­tes Über­bleib­sel der Ver­gan­gen­heit. In der Land­wirt­schaft im ita­lie­ni­schen und spa­ni­schen Süden, in der Logis­tik in ganz Euro­pa und in immer grös­se­ren Sek­to­ren der pre­kä­ren Arbeit wird die Skla­ve­rei ten­den­zi­ell zur domi­nie­ren­den Form der Arbeit nach der Pan­de­mie.

Es sei denn, es bricht alles zusam­men, dann wer­den wir dar­über dis­ku­tie­ren.

Aber für den Moment wird sie nicht zusam­men­bre­chen, denn der Witz­bold hat den Weg für Draghi geeb­net, der den schwa­feln­den Witz durch iro­ni­schen Zynis­mus ersetzt.

Die Aufgabe von Herrn Mario Draghi

Wer ist Draghi? Draghi ist ein gebil­de­ter Mensch, der die Prin­zi­pi­en bei Feder­i­co Caf­fè (4) und die Anwen­dung der Prin­zi­pi­en bei Gold­man Sachs stu­diert hat.

Er ist sich wahr­schein­lich der mora­li­schen Unwür­dig­keit sei­ner Auf­ga­be bewusst, die dar­in besteht, das gesell­schaft­li­che Leben den rech­ne­ri­schen Vor­ga­ben zu unter­wer­fen. Aber er ist über­zeugt, dass es zur Herr­schaft des pri­va­ten Pro­fits kei­ne Alter­na­ti­ve gibt.

War­um hat die Pan­de­mie so tief ins gesell­schaft­li­che Leben ein­ge­grif­fen? Weil seit vier­zig Jah­ren das Gesund­heits­we­sen unter­fi­nan­ziert ist, die Grund­la­gen­me­di­zin ent­mu­tigt und die For­schung pri­va­ti­siert wur­de. Pri­va­tes Inter­es­se, wirt­schaft­li­cher Wett­be­werb als ulti­ma­ti­ves Kri­te­ri­um der Wahr­heit, als das erkennt­nis­lei­ten­de Kri­te­ri­um, das das gesell­schaft­li­che Wis­sen regu­liert. Das ist das Krebs­ge­schwür, das die Gesell­schaft ver­armt und vira­len Stür­men aus­ge­setzt hat.

Die Ver­brei­tung des Impf­stoffs wirft die­ses The­ma heu­te neu auf: Wenn die Regel, die regiert, die des Pro­fits ist, wird der Süden der Welt vie­le Jah­re war­ten müs­sen, bevor die Bevöl­ke­rung geimpft wird. Der­zeit sind nur 5 % des Impf­stoffs in die Län­der des Südens gegan­gen, wie z. B. nach Indi­en, das eines der am stärks­ten betrof­fe­nen Län­der ist und das den Impf­stoff auf sei­nem Ter­ri­to­ri­um pro­du­ziert, ihn aber nicht ver­wen­den darf, weil er ame­ri­ka­ni­schen Fir­men gehört. Nur die sys­te­ma­ti­sche Ver­let­zung der Pri­vat­wirt­schafts­re­geln könn­te Lizen­zen und Paten­te öffent­lich machen, könn­te armen Län­dern erlau­ben, ihren eige­nen Impf­stoff direkt zu pro­du­zie­ren.

Aber die­se Nor­men dür­fen nicht über­tre­ten wer­den.

Draghi wur­de von einem lächer­li­chen und hete­ro­ge­nen Chor von Höf­lin­gen beju­belt, von denen ich glau­be, dass er sie zutiefst ver­ach­tet: Er hat die Kul­tur des gros­sen Zyni­kers, der in der Lage ist, die kogni­ti­ve Dis­so­nanz derer zu akzep­tie­ren, die dem Bösen bewusst die­nen, weil sie erken­nen, dass die Welt nichts ande­res ist als der Ort des Bösen. Hat er nicht an der Jesui­ten­schu­le stu­diert, ist er nicht ein Anhän­ger von Igna­ti­us von Loyo­la, des­sen Theo­lo­gie uns rät, uns von dem Grund­satz Supe­rio­re perin­de ac cada­ver lei­ten zu las­sen?

…in der Über­zeu­gung, dass der­je­ni­ge, der im Gehor­sam lebt, sich von der Vor­se­hung durch den Obe­ren füh­ren und tra­gen las­sen muss, als wäre er ein toter Kör­per („perin­de ac cada­ver“), der sich über­all hin tra­gen und nach Belie­ben behan­deln lässt.

Ein ande­rer gros­ser Mario, il Ber­go­glio (5), den wir alle lie­ben, ver­dankt sei­ne Aus­bil­dung Loyo­la (6). Ita­li­en wird von Gott und vom Auto­pi­lo­ten beschützt.

Der Autopilot

Im Jahr 2011 pro­tes­tier­ten vie­le Men­schen gegen die finan­zi­el­le Aus­teri­tät, die im Namen des höhe­ren Prin­zips der haus­halts­po­li­ti­schen Aus­ge­gli­chen­heit und der Schul­den­til­gung Mit­tel für Schu­len, das öffent­li­che Gesund­heits­we­sen, Löh­ne und Ren­ten kürz­te, und Draghi kom­men­tier­te mit dem Lächeln des gros­sen Zyni­kers, dass es kei­nen Grund gäbe, sich über die­sen Auf­ruhr Sor­gen zu machen, da die Finanz­wirt­schaft ohne­hin auf Auto­pi­lot gefah­ren wer­de. https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​J​n​-​B​5​T​G​P​9go Der Auto­pi­lot ist eine post­mo­der­ne Dekli­na­ti­on des höhe­ren Prin­zips, zu dem uns der Grün­der des Jesui­ten­or­dens perin­de ac cada­ver auf­for­dert. Die Finanz­theo­lo­gie ist eine erns­te Ange­le­gen­heit: Wie die Jesui­ten­theo­lo­gie erkennt sie an, dass die Welt ein Ort ist, der vom Bösen beherrscht wird, und dass das Böse sei­ne eige­ne uner­gründ­li­che Logik hat, der wir uns beu­gen müs­sen, um das Gute zu errei­chen.

Draghi soll­te nicht das Gleich­nis von Mario Mon­ti wie­der­ho­len, der sein Amt als Minis­ter­prä­si­dent nach einem fried­li­chen Putsch unter der Füh­rung von Napo­li­ta­no im Auf­trag des Finanz­sek­tors über­nahm, das den pein­li­chen Ber­lus­co­ni los­wer­den woll­te. Mon­ti, der arme Mann, muss­te den Geld­hahn zudre­hen, die Ren­ten kür­zen, die Mit­tel für Schu­len und das Gesund­heits­we­sen kür­zen, mit den Ergeb­nis­sen, die wir heu­te sehen. Draghi hat die Auf­ga­be, die euro­päi­sche Wohl­fahrt zu ver­tei­len, und er kann es mit einer gewis­sen Mäs­si­gung tun. Wir wer­den bald sehen, wie er sich bei The­men wie dem Bür­ger­geld, dem Aus­set­zen von Ent­las­sun­gen und so wei­ter ver­hält. Aber ich den­ke, er wird eine leich­te Hand haben und die par­la­men­ta­ri­sche Schlag­kraft sei­ner neu­en Fünf-Ster­ne-Ver­eh­rer in Betracht zie­hen. Sei­ne Auf­ga­be ist stra­te­gisch und wird nicht an den nächs­ten sechs Mona­ten gemes­sen.

Draghis Auf­ga­be ist es, dem Auto­pi­lo­ten (das Regime des finan­zi­el­len Pro­fits) wie­der zur Herr­schaft über die gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on zu ver­hel­fen und zu ver­hin­dern, dass aus dem Cha­os neue For­men der gesell­schaft­li­chen Soli­da­ri­tät auf­kei­men, die eine Umver­tei­lung des Reich­tums ein­for­dern, und gleich­zei­tig wie­der den Vor­rang des Gewinns vor dem Geld zu eta­blie­ren. Kurz- bis mit­tel­fris­tig wird es gelin­gen.

Und weil die Haupt­ur­sa­che der sozia­len Ver­ar­mung die sys­te­ma­ti­sche Pri­va­ti­sie­rung von Res­sour­cen war, wird Draghi – der einer der ein­fluss­reichs­ten Pri­va­ti­sie­rer der neo­li­be­ra­len Ära war – dafür sor­gen, dass das kol­lek­ti­ve Inter­es­se dem pri­va­ten Inter­es­se unter­ge­ord­net bleibt.

Ist das Spiel also vor­bei? Nicht ganz. Neben dem Auto­pi­lo­ten gibt es noch eine wei­te­re Kraft auf dem Feld, und die­se Kraft ist das Cha­os.

Die pan­de­mi­sche Apo­ka­lyp­se hat einen Zer­falls­pro­zess ein­ge­lei­tet, den kei­ne finan­zi­el­le Inter­ven­ti­on auf­hal­ten kann. Glau­ben wir, dass das Geld aus dem Kon­junk­tur­fonds inves­tiert wird, um ein Ein­kom­men für alle zu garan­tie­ren, um gemein­sa­me Güter wie Was­ser, Trans­port, Schu­len und Gesund­heit zu depri­va­ti­sie­ren?

Draghi ist dazu da, dies zu ver­hin­dern, um das Wachs­tum „wha­te­ver it takes“ wie­der­zu­be­le­ben.

Im Chaos können bessere Lebensformen entstehen

Finan­zi­el­le Inter­ven­tio­nen mögen dazu die­nen, die Unter­neh­mens­ge­win­ne zu stei­gern und die Infra­struk­tur für die Roh­stoff­ge­win­nung und Aus­beu­tung zu errich­ten, aber sie wer­den weder die Aus­brei­tung des Virus stop­pen, noch die Epi­de­mie der Depres­si­on hei­len, noch die Wel­le der Migra­ti­on und des demo­gra­phi­schen Nie­der­gangs und der ohn­mäch­ti­gen Wut auf­hal­ten. Dadurch wird das Cha­os nicht auf­ge­hal­ten.

Das Cha­os ist ein Feind, aber es kann auch ein Ver­bün­de­ter sein. Es ist ver­hee­rend, aber es kann auf mag­ma­ti­sche Wei­se die For­men eines bes­se­ren Lebens ent­hal­ten. Aus dem Cha­os kann, muss eine Sub­jek­ti­vi­tät gebo­ren wer­den, die in der Lage ist, die Erwar­tun­gen an die Welt, die Bedürf­nis­se, die Lebens­for­men, die Aus­rich­tun­gen der For­schung zu ver­än­dern. Die sozia­le Sub­jek­ti­vi­tät befin­det sich im Moment in einem Zustand der ima­gi­na­ti­ven Läh­mung, so scheint es mir. Es muss ein Trau­ma ver­ar­bei­tet wer­den, über das wir noch nicht genau im Bil­de sind.

Der Auto­pi­lot wird ver­su­chen, die sozia­le Maschi­ne nach der alten Regel von Akku­mu­la­ti­on und Ungleich­heit in Gang zu set­zen. Es wird eine Zeit lang gelin­gen, aber nicht lan­ge, denn das Cha­os wird ver­hin­dern, dass die aus den Angeln geho­be­nen Men­schen wie­der in die Balan­ce kom­men.

Dann gilt es, dem Cha­os zu lau­schen, ohne sich vom Getö­se der Höf­lin­ge ablen­ken zu las­sen, auch nicht vom stren­gen Lächeln des Auto­pi­lo­ten.

Fran­co “Bifo” Berar­di

Die­ser Text erschien auf com­mu­ne info, Sūn­zǐ Bīng­fǎ hat ihn aus dem ita­lie­ni­schen über­setzt.

Fuss­no­ten Über­set­zer:

1) “Viel­leicht kommt der rich­ti­ge Schlüs­sel zu unse­rer Her­an­ge­hens­wei­se an Covid-19 vom Her­aus­ge­ber der wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrift The Lan­cet, Richard Hor­ton, der in einem Leit­ar­ti­kel Ende Sep­tem­ber Covid nicht als Pan­de­mie, son­dern als Syn­de­mie defi­niert, mit den Wor­ten Syn­er­gie, Epi­de­mie, Pan­de­mie, Ende­mie. Sein Ansatz erforscht die syn­er­gis­ti­sche Inter­ak­ti­on zwi­schen zwei oder meh­re­ren Krank­hei­ten und den sozia­len Situa­tio­nen, in denen patho­lo­gi­sche Zustän­de auf­tre­ten, wobei er nicht nur die klas­si­sche bio­me­di­zi­ni­sche Defi­ni­ti­on von Komor­bi­di­täts­zu­stän­den, son­dern auch die Inter­ak­ti­on zwi­schen gene­ti­schen, Umwelt- und Lebens­stil­fak­to­ren berück­sich­tigt… Die wich­tigs­te Kon­se­quenz der Ein­stu­fung von Covid als Syn­de­mie besteht dar­in, sei­ne sozia­len Ursprün­ge her­vor­zu­he­ben.” https://​coro​na​kri​se​-euro​pa​.net/​2​0​2​0​/​1​2​/​0​1​/​d​a​s​-​s​y​s​t​e​m​-​d​e​r​-​p​a​n​d​e​m​ie/

2) Ita­lie­ni­sche Begriff­lich­keit, die man am bes­ten mit einer grau­en Emi­nenz im Hin­ter­grund ver­glei­chen kann, oft auch im Kon­text von Mafia und Camor­ra ver­wen­det.

3) Ita­lie­ni­scher Unter­neh­mer­ver­band der Gross­in­dus­trie

4) Ita­lie­ni­scher Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, der in der Zeit sei­nes Wir­kens den Keyne­sia­nis­mus gepre­digt hat.

5) Der Papst

6) Grün­der des Jesui­ten­or­dens

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