[gfp:] In der Eskalationsspirale

Die nächste Sanktionsrunde

Die EU ver­schärft ihren Druck auf Mos­kau und hat dazu am gest­ri­gen Diens­tag Sank­tio­nen gegen vier rus­si­sche Amts­trä­ger ver­hängt. Betrof­fen sind der Lei­ter des zen­tra­len Ermitt­lungs­ko­mi­tees, Alex­an­der Bas­try­kin, Gene­ral­staats­an­walt Igor Kras­now, der Befehls­ha­ber der Natio­nal­gar­de, Wik­tor Solo­tow, und der Lei­ter des Straf­voll­zugs­diens­tes, Alex­an­der Kalasch­ni­kow. Die EU wirft ihnen vor, für „schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen“ ver­ant­wort­lich zu sein, ins­be­son­de­re für „will­kür­li­che Fest­nah­men und Inhaf­tie­run­gen“ sowie für „aus­ge­dehn­te und sys­te­ma­ti­sche Unter­drü­ckung der Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit“ ins­be­son­de­re im Fall des rus­si­schen Oppo­si­tio­nel­len Ale­xej Nawal­ny und sei­ner Anhänger.[1] Den vier Amts­trä­gern wird jetzt die Ein­rei­se in die EU ver­wei­gert; soll­ten sie Ver­mö­gen in einem Mit­glied­staat der Uni­on besit­zen, wird die­ses ein­ge­fro­ren. Außer­dem ist es Per­so­nen, Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen in der EU von nun an unter­sagt, ihnen direkt oder indi­rekt Mit­tel zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die Uni­on weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass sie auf Beschluss ihrer Außen­mi­nis­ter vom 22. Febru­ar erst­mals das neue Sank­ti­ons­re­gime anwen­det, das sie am 7. Dezem­ber 2020 ein­ge­führt hat; es ist weit gefasst und rich­tet sich gegen tat­säch­li­che oder angeb­li­che Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen aller Art.[2]

Transatlantisch abgestimmt

Par­al­lel zur Ver­hän­gung der jüngs­ten EU-Sank­tio­nen haben auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten neue Zwangs­maß­nah­men gegen rus­si­sche Amts­trä­ger ange­kün­digt – im offen­kun­di­gen Bestre­ben, eine enge trans­at­lan­ti­sche Abstim­mung beim Vor­ge­hen gegen Mos­kau zu demons­trie­ren. Betrof­fen sind sie­ben Funk­tio­nä­re sowie 14 Unter­neh­men bzw. Insti­tu­tio­nen, denen vor­ge­wor­fen wird, in wel­cher Form auch immer Ver­ant­wor­tung für das staat­li­che Vor­ge­hen gegen Nawal­ny bzw. für sei­ne mut­maß­li­che Ver­gif­tung zu tragen.[3] Brüs­sel hat­te ent­spre­chen­de Sank­tio­nen bereits im Okto­ber beschlos­sen; Washing­ton zieht nun nach. Bemer­kens­wert ist, dass weder die EU noch die USA für ihren Vor­wurf, rus­si­sche Staats­stel­len hät­ten Nawal­ny zu ermor­den ver­sucht, Bewei­se vor­ge­legt haben; allen­falls wird auf angeb­li­che Geheim­dienst­in­for­ma­tio­nen ver­wie­sen. Das Mus­ter prägt die Begrün­dung außen­po­li­ti­scher Aggres­sio­nen durch die west­li­chen Staa­ten seit vie­len Jah­ren – vom angeb­li­chen „Huf­ei­sen­plan“ zur Ver­trei­bung der alba­nisch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rung des Koso­vo bis hin zu den angeb­li­chen Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen des ira­ki­schen Prä­si­den­ten Sad­dam Hus­sein. Bei­des erwies sich im Nach­hin­ein als Lüge. Für die Ver­ant­wort­li­chen in Deutsch­land wie den Ver­ei­nig­ten Staa­ten blie­ben die Lügen und die mit ihnen legi­ti­mier­ten Krie­ge fol­gen­los.

Keine Ordnungsmacht

Wäh­rend die EU – im Ges­tus angeb­li­cher mora­li­scher Über­le­gen­heit – vor­gibt, sich mit ihren Sank­tio­nen ledig­lich für Men­schen­rech­te ein­set­zen zu wol­len, bil­den macht­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen den tat­säch­li­chen Hin­ter­grund. Zum einen hat Mos­kau in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nen­nens­wer­ten bis maß­geb­li­chen Ein­fluss in gleich meh­re­ren Län­dern gewon­nen, die Ber­lin als unmit­tel­ba­res Inter­es­sen­ge­biet der EU betrach­tet – ins­be­son­de­re in Syri­en, aber auch in Liby­en sowie im Kon­flikt um Bergkarabach.[4] Zum ande­ren ist es der Bun­des­re­gie­rung nicht gelun­gen, sich im Kon­flikt in der Ost­ukrai­ne mit dem „Mins­ker Pro­zess“ zur Ord­nungs­macht öst­lich der EU auf­zu­schwin­gen; „wir sind in den letz­ten Jah­ren nicht vor­an­ge­kom­men“, räum­te Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel am 19. Febru­ar auf der Online­ver­si­on der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz ein. Des­halb sei es „ganz wich­tig, dass wir eine gemein­sa­me trans­at­lan­ti­sche Russ­land-Agen­da ent­wi­ckeln“; dies soll den Druck auf Mos­kau verstärken.[5] Nach den EU-Russ­land-Sank­tio­nen vom Herbst [6] sind die ges­tern ver­häng­ten Zwangs­maß­nah­men ein zwei­ter kon­kre­ter Schritt. Wei­te­re sind in Zukunft nicht aus­zu­schlie­ßen, solan­ge Ber­lin sein Ziel, Mos­kaus Ein­fluss zumin­dest zurück­zu­drän­gen, ver­fehlt.

Die „Generation Putin“

Dabei zie­len Ber­lin, Brüs­sel und Washing­ton mit ihren Nawal­ny-Sank­tio­nen vor allem dar­auf ab, Russ­lands jün­ge­re Genera­ti­on gegen die Regie­rung in Mos­kau zu mobi­li­sie­ren. Anders als von den west­li­chen Mäch­ten unab­läs­sig behaup­tet wird, ist Nawal­ny in Russ­land nicht wirk­lich popu­lär: Im Janu­ar ergab eine Umfra­ge des Lewa­da-Insti­tuts, dass ledig­lich 19 Pro­zent der Bevöl­ke­rung die Akti­vi­tä­ten des Oppo­si­tio­nel­len bil­lig­ten; 56 Pro­zent lehn­ten sie expli­zit ab. Ledig­lich fünf Pro­zent gaben an, Nawal­ny zu ver­trau­en; 64 Pro­zent hin­ge­gen beur­teil­ten die Akti­vi­tä­ten von Prä­si­dent Wla­di­mir Putin positiv.[7] Nur unter den 18- bis 24-Jäh­ri­gen, der „Genera­ti­on Putin“, konn­te das Lewa­da-Insti­tut eine über­wie­gend mit den Nawal­ny-Pro­tes­ten sym­pa­thi­sie­ren­de Hal­tung erken­nen: In die­ser Alters­grup­pe stuf­ten 38 Pro­zent die Pro­tes­te posi­tiv ein, wäh­rend gera­de ein­mal 22 Pro­zent sie aus­drück­lich ablehn­ten. Nawal­ny habe „über sei­ne Kanä­le in den Sozia­len Medi­en eine direk­te Ver­bin­dung“ zur jun­gen Genera­ti­on auf­ge­baut, erläu­tert ein Mit­ar­bei­ter der Hein­rich-Böll-Stif­tung (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen). Über die Stoß­rich­tung der west­li­chen Agi­ta­ti­on, die zur Zeit bei Russ­lands jün­ge­rer Genera­ti­on ansetzt, hat­te Gabri­el Fel­ber­mayr, Prä­si­dent des Kie­ler Insti­tuts für Welt­wirt­schaft, kürz­lich erklärt: „Wir wol­len … nicht weni­ger als einen Regimewandel“.[8]

Russlands Gegensanktionen

Mos­kau hat nach der Bekannt­ga­be der EU- und der US-Sank­tio­nen sofort Gegen­maß­nah­men in Aus­sicht gestellt. Es gehe Brüs­sel offen­kun­dig dar­um, „die rus­si­sche Füh­rung zu dif­fa­mie­ren“, urteil­te der ein­fluss­rei­che Vor­sit­zen­de des Aus­schus­ses für inter­na­tio­na­le Ange­le­gen­hei­ten im Föde­ra­ti­ons­rat, Kon­stan­tin Kossa­t­schow: „Russ­land wird zwei­fel­los dar­auf antworten.“[9] „Wir wer­den mit Sicher­heit ant­wor­ten“, bekräf­tig­te nach der Bekannt­ga­be der US-Sank­tio­nen auch Außen­mi­nis­ter Ser­gej Law­row und erklär­te, „Rezi­pro­zi­tät“ – „eine der Regeln der Diplo­ma­tie“ – gel­te weiterhin.[10] Schon im Dezem­ber hat­te Mos­kau – als Gegen­maß­nah­me gegen zuvor von Brüs­sel ver­häng­te Sank­tio­nen – sei­ner­seits ein Ein­rei­se­ver­bot gegen Funk­ti­ons­trä­ger aus der EU verhängt.[11] Die Eska­la­ti­ons­spi­ra­le schrei­tet vor­an.

[1] Glo­bal Human Rights Sanc­tions Regime: EU sanc­tions four peop­le respon­si­ble for serious human rights vio­la­ti­ons in Rus­sia. con​si​li​um​.euro​pa​.eu 02.03.2021.

[2] S. dazu Die Wel­ten­rich­ter (II).

[3] Biden admi­nis­tra­ti­on accu­ses Rus­si­an intel­li­gence of poi­so­ning Naval­ny, and announ­ces its first sanc­tions. nyti​mes​.com 02.03.2021.

[4] S. dazu Der deutsch-rus­si­sche Schatz und Macht­los im Süd­kau­ka­sus.

[5] S. dazu „Das Bünd­nis ist wie­der da“.

[6] S. dazu Die neue Russ­land­stra­te­gie.

[7], [8] S. dazu Im Kolo­ni­al­her­ren­stil.

[9] Rus­sia to respond to EU’s new sanc­tions over Naval­ny case, seni­or law­ma­ker says. tass​.com 02.03.2021.

[10] Rus­sia to respond to pos­si­ble US sanc­tions over Naval­ny – Lav­rov. tass​.com 02.03.2021.

[11] Rus­sia strikes back at EU over Naval­ny-fue­led sanc­tions. tass​.com 22.12.2020.

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