[ISO:] Die revolutionäre Aktualität von Rosa Luxemburg

Wenn man das cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­mal von Rosa Luxem­burgs
Leben und Den­ken aus­wäh­len soll­te, dann wäre viel­leicht ihr revo­lu­tio­nä­rer Huma­nis­mus an ers­ter Stel­le
zu nen­nen. Ob in ihrer Kri­tik des Kapi­ta­lis­mus als einem unmensch­li­chen Sys­tem,
in ihrem Kampf gegen Mili­ta­ris­mus, Kolo­nia­lis­mus, Impe­ria­lis­mus oder in ihrer
Visi­on einer eman­zi­pier­ten Gesell­schaft, ihrer Uto­pie einer Welt ohne
Aus­beu­tung, ohne Ent­frem­dung und ohne Gren­zen ‒ die­ser sozia­lis­ti­sche
Huma­nis­mus zieht sich wie ein roter Faden durch alle ihre poli­ti­schen Schrif­ten,
aber auch durch ihre Kor­re­spon­denz, ihre bewe­gen­den Gefäng­nis­brie­fe, die immer
wie­der von auf­ein­an­der­fol­gen­den Genera­tio­nen jun­ger Akti­vis­ten und
Akti­vis­tin­nen der Arbei­ter­be­we­gung gele­sen wor­den sind.

Wor­in liegt die erstaun­li­che Aktua­li­tät ihres Den­kens, gera­de heu­te, zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts?

War­um hat uns die­se Frau­en­gestalt ‒ Jüdin und Polin, Mar­xis­tin
und Revo­lu­tio­nä­rin, zärt­lich und kom­pro­miss­los, die poli­tisch Akti­ve und die Intel­lek­tu­el­le
– nach wie vor etwas zu sagen? Wie kommt es, dass sie uns auch 80 Jah­re nach
ihrem Tod noch so nahe ist? Wor­in liegt die erstaun­li­che
Aktua­li­tät ihres Den­kens, gera­de heu­te, zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts?

Dafür sehe ich min­des­tens drei Grün­de:

Ers­tens ist in einer Zeit der kapi­ta­lis­ti­schen
Glo­ba­li­sie­rung, des welt­wei­ten Neo­li­be­ra­lis­mus, der Vor­herr­schaft des gro­ßen
Finanz­ka­pi­tals auf dem gesam­ten Pla­ne­ten, der Inter­na­tio­na­li­sie­rung der
Wirt­schaft im Diens­te des Pro­fits, der Spe­ku­la­ti­on und der Akku­mu­la­ti­on die
Not­wen­dig­keit einer inter­na­tio­na­len Ant­wort, einer Glo­ba­li­sie­rung des
Wider­stands, kurz gesagt, eines neu­en Inter­na­tio­na­lis­mus, mehr denn je das
Gebot der Stun­de. Nur weni­ge Per­sön­lich­kei­ten in der Arbei­ter­be­we­gung haben auf
so radi­ka­le Wei­se wie Rosa Luxem­burg die inter­na­tio­na­lis­ti­sche Idee, den
kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv der Ein­heit, der Ver­ei­ni­gung, der Zusam­men­ar­beit, der Geschwis­ter­lich­keit
der Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten aller Län­der und aller Kon­ti­nen­te
ver­kör­pert. Bekannt­lich war sie zusam­men mit Karl Lieb­knecht eine der weni­gen
füh­ren­den Köp­fe des deut­schen Sozia­lis­mus, die sich 1914 gegen den Burg­frie­den und
die Zustim­mung zu den Kriegs­kre­di­ten aus­spra­chen. Die deut­schen kai­ser­li­chen
Behör­den lie­ßen sie ‒ mit Unter­stüt­zung der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Rech­ten ‒ für
ihre inter­na­tio­na­lis­ti­sche Oppo­si­ti­on gegen den Krieg teu­er bezah­len, indem sie
sie wäh­rend des größ­ten Teils die­ser Jah­re hin­ter Git­ter sperr­ten. In Anbe­tracht
des dra­ma­ti­schen Schei­terns der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le träum­te sie von der
Schaf­fung einer neu­en Welt­ar­bei­ter­as­so­zia­ti­on und nur der Tod ‒ d. h. ihre
Ermor­dung im Janu­ar 1919 durch die Frei­korps, die von dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen
Minis­ter Noske zur Nie­der­schla­gung der Erhe­bung des Spar­ta­kus­bun­des nach Ber­lin
geholt wor­den waren ‒ hin­der­te sie dar­an, an der Grün­dung der Kom­mu­nis­ti­schen
Inter­na­tio­na­le gemein­sam mit Lenin und Trotz­ki teil­zu­neh­men.

Ein Pro­phe­tin ist die­je­ni­ge, die das Volk vor den Kata­stro­phen warnt, die ein­tre­ten wer­den, wenn es nicht einen ande­ren Weg ein­schlägt.

Nur weni­ge haben wie sie die töd­li­che Gefahr ver­stan­den, die Natio­na­lis­mus, Chau­vi­nis­mus, Ras­sis­mus, Frem­den­feind­lich­keit, Mili­ta­ris­mus und kolo­nia­ler oder impe­ria­ler Expan­sio­nis­mus für die arbei­ten­den Men­schen dar­stel­len. Man kann die­sen oder jenen Aspekt ihrer Über­le­gun­gen zur natio­na­len Fra­ge kri­ti­sie­ren, aber die pro­phe­ti­sche Kraft ihrer War­nun­gen lässt sich nicht in Zwei­fel zie­hen. Ich ver­wen­de das Wort „pro­phe­tisch“ im ursprüng­li­chen bibli­schen Sinn (wie Dani­el Ben­saïd ihn in sei­nen letz­ten Schrif­ten so gut defi­niert hat): Ein Pro­phet ist nicht, wer vor­gibt, er kön­ne „die Zukunft vor­aus­se­hen“, son­dern der­je­ni­ge, der eine beding­te Anti­zi­pa­ti­on vor­nimmt, der­je­ni­ge, die das Volk vor den Kata­stro­phen warnt, die ein­tre­ten wer­den, wenn es nicht einen ande­ren Weg ein­schlägt.

Zwei­tens kommt man nach dem Ende eines Jahr­hun­derts,
das nicht nur ein „Jahr­hun­dert der Extre­me“ (Eric Hobs­bawm), son­dern der
bru­tals­ten Mani­fes­ta­tio­nen der Bar­ba­rei in der Geschich­te der Mensch­heit war,
nicht umhin, revo­lu­tio­nä­res Den­ken wie das von Rosa Luxem­burg zu bewun­dern, die
in der Lage war, die beque­me und kon­for­mis­ti­sche Ideo­lo­gie des linea­ren
Fort­schritts, den opti­mis­ti­schen Fata­lis­mus und pas­si­ven Evo­lu­tio­nis­mus der
Sozi­al­de­mo­kra­tie, die gefähr­li­che Illu­si­on zurück­zu­wei­sen, es genü­ge, „mit dem
Strom zu schwim­men“ und die „objek­ti­ven Bedin­gun­gen“ schon machen zu las­sen
(davon spricht Wal­ter Ben­ja­min in sei­nen „The­sen“ aus dem Jahr 1940). Dadurch
dass sie in ihrer Bro­schü­re über Die
Kri­se der Sozi­al­de­mo­kra­tie
von 1915 (die sie mit dem Pseud­onym „Juni­us“ zeich­ne­te)
die Losung „Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei“ aus­gab, brach Rosa Luxem­burg mit der
Vor­stel­lung von der Geschich­te als unwi­der­steh­li­chem, unver­meid­li­chem
Fort­schritt, der durch „objek­ti­ve“ Geset­ze der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung
oder der gesell­schaft­li­chen Evo­lu­ti­on „garan­tiert“ wird, eine Vor­stel­lung, die bür­ger­li­chen
Ursprungs, aber von der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le über­nom­men wur­de. Geor­gi
Walen­ti­no­witsch Ple­ch­a­now hat sie wun­der­bar zusam­men­ge­fasst, als er Fol­gen­des
schrieb: „Der Sieg unse­res Pro­gramms ist so unaus­weich­lich wie der mor­gi­ge Son­nen­auf­gang.“
Die poli­ti­sche Kon­se­quenz die­ser „pro­gres­si­ven“ Ideo­lo­gie konn­te nur Pas­si­vi­tät
sein: Nie­mand käme auf die alber­ne Idee, sich dafür zu schla­gen, sein Leben zu
ris­kie­ren, dafür dass die Son­ne am nächs­ten Mor­gen auch wirk­lich auf­geht …

Gehen wir für eini­ge Augen­bli­cke auf die poli­ti­sche
und „phi­lo­so­phi­sche“ Bedeu­tung der Paro­le „Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei“ zurück. In
bestimm­ten Tex­ten von Marx oder Engels fin­den sich dafür Andeu­tun­gen, aber Rosa
Luxem­burg gibt ihr die­se expli­zi­te und scharf umris­se­ne For­mu­lie­rung. Sie
impli­ziert eine Wahr­neh­mung der Geschich­te als einen offe­nen Pro­zess, als eine
Rei­he von „Weg­schei­den“, an denen der „sub­jek­ti­ve Fak­tor“ ‒ Bewusst­sein,
Orga­ni­sa­ti­on, Initia­ti­ve ‒ der Unter­drück­ten ent­schei­dend wird. Es geht nicht
mehr dar­um, dar­auf zu war­ten, dass die Früch­te gemäß den „Natur­ge­set­zen“ der Öko­no­mie
oder der Geschich­te „reif“ gewor­den sind, son­dern zu han­deln, bevor es zu spät
ist. Denn der ande­re Zweig der Alter­na­ti­ve ist eine unheim­li­che Gefahr: die
Bar­ba­rei. Rosa Luxem­burg ver­wen­det die­sen Begriff nicht, um eine unmög­li­che
„Regres­si­on“ in eine stam­mes­ge­schicht­li­che, pri­mi­ti­ve oder „wil­de“
Ver­gan­gen­heit zu beschrei­ben: Für sie ist es eine emi­nent moder­ne Bar­ba­rei, für
die der Ers­te Welt­krieg ein ekla­tan­tes Bei­spiel war, in ihrer mör­de­ri­schen
Unmensch­lich­keit weit schlim­mer als die krie­ge­ri­schen Prak­ti­ken der „bar­ba­ri­schen“
Erobe­rer am Ende des Impe­ri­um Roma­num. Noch nie in der Ver­gan­gen­heit wur­den so
moder­ne Tech­no­lo­gien ‒ Pan­zer, Gift­gas, Mili­tär­flug­zeu­ge ‒ in einem solch
immensen Aus­maß in den Dienst einer impe­ria­lis­ti­schen Poli­tik des Mas­sa­kers und
der Aggres­si­on gestellt.

Auch aus der Sicht der Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts
hat sich Rosa Luxem­burgs Mot­to als pro­phe­tisch erwie­sen: Die Nie­der­la­ge des
Sozia­lis­mus in Deutsch­land ebne­te den Weg für den Sieg des Hit­ler­fa­schis­mus und
in der Fol­ge für den Zwei­ten Welt­krieg und für die mons­trö­ses­ten For­men der
moder­nen Bar­ba­rei, die die Mensch­heit je gekannt hat und für die der Name
„Ausch­witz“ zum Sym­bol gewor­den ist.

Es ist kein Zufall, dass der Aus­druck „Sozia­lis­mus
oder Bar­ba­rei“ einer der krea­tivs­ten Grup­pen der mar­xis­ti­schen Lin­ken der
Nach­kriegs­zeit in Frank­reich als Fah­ne und Erken­nungs­zei­chen gedient hat: die
Grup­pe um die Zeit­schrift Socia­lisme ou
Bar­ba­rie
, die Cor­ne­li­us Cas­to­ria­dis und Clau­de Lefort in den 1950er und 1960er
Jah­ren her­aus­ge­ge­ben haben.

Die Alter­na­ti­ve, die mit Rosa Luxem­burgs Mot­to
auf­ge­zeigt wird, und ihre War­nung ste­hen auch heu­te auf der Tages­ord­nung der
Stun­de. Die lan­ge Peri­ode, in der die revo­lu­tio­nä­ren Kräf­te rück­läu­fig waren
(und aus der wir all­mäh­lich her­aus­zu­kom­men begin­nen), war von zahl­rei­chen
Krie­gen und Mas­sa­kern zwecks „eth­ni­scher Säu­be­rung“ ‒, vom Bal­kan bis Afri­ka ‒,
dem Auf­stieg von Ras­sis­mus, Chau­vi­nis­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus aller Art
beglei­tet, auch im Her­zen des „zivi­li­sier­ten“ Euro­pas.

Neue Gefah­ren kom­men auf….

Aber es kommt eine neue Gefahr auf, die Rosa Luxem­burg
nicht vor­aus­ge­se­hen hat­te. Ernest Man­del hat in sei­nen letz­ten Schrif­ten
betont, dass die Alter­na­ti­ve im 21. Jahr­hun­derts für die Mensch­heit nicht mehr
„Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei“ lau­tet wie 1915, son­dern „Sozia­lis­mus oder Tod“.
Damit mein­te er die Gefahr einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe, die aus der glo­ba­len
kapi­ta­lis­ti­schen Expan­si­on mit ihrer umwelt­zer­stö­re­ri­schen Logik resul­tiert.
Wenn der Sozia­lis­mus die­sen schwin­del­erre­gen­den Wett­lauf in den Abgrund ‒ der
Anstieg der Tem­pe­ra­tur des Pla­ne­ten, Arten­ster­ben oder Plas­tik­müll­tep­pi­che in
den Ozea­nen sind die sicht­bars­ten Zei­chen dafür ‒ nicht unter­bricht, ist das
Über­le­ben der mensch­li­chen Spe­zi­es bedroht.

Drit­tens: Ange­sichts des his­to­ri­schen Schei­terns der
domi­nie­ren­den Strö­mun­gen der Arbei­ter­be­we­gung, d. h. einer­seits des
unrühm­li­chen Zusam­men­bruchs des vor­geb­lich „rea­len Sozia­lis­mus“ ‒ dem Erbe von
sech­zig Jah­ren Sta­li­nis­mus ‒ und ande­rer­seits der pas­si­ven Unter­wer­fung (wenn
nicht akti­ven Zustim­mung) der Sozi­al­de­mo­kra­tie unter die neo­li­be­ra­len
Spiel­re­geln des kapi­ta­lis­ti­schen Gesche­hens welt­weit erscheint die Alter­na­ti­ve,
für die Rosa Luxem­burg steht, rele­van­ter denn je, d. h. ein Sozia­lis­mus,
der sowohl genu­in revo­lu­tio­när als auch radi­kal demo­kra­tisch ist.

Sie war in der Arbei­ter­be­we­gung des zaris­ti­schen Reichs
aktiv ‒ sie hat­te die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei des König­reichs Polens und
Litau­ens (SDK­PiL) mit­ge­grün­det, die der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei
Russ­lands (SDAPR) ange­schlos­sen war ‒ und kri­ti­sier­te die ihrer Mei­nung nach zu
auto­ri­tä­ren und zen­tra­lis­ti­schen Ten­den­zen der The­sen, die Lenin vor 1905
ver­trat. Ihre Kri­tik deck­te sich in die­sem Punkt mit der des jun­gen Trotz­ki in Unse­re poli­ti­schen Auf­ga­ben (1904).

Zugleich kämpf­te sie als füh­ren­de Spre­che­rin des
lin­ken Flü­gels der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie gegen die Ten­denz der Gewerk­schafts-
und Par­tei­bü­ro­kra­tie oder der Par­la­ments­frak­tio­nen, die poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen
sich sel­ber vor­zu­be­hal­ten. Der rus­si­sche Gene­ral­streik von 1905 schien ihr ein
Bei­spiel auch für Deutsch­land zu sein: Sie ver­trau­te mehr der Initia­ti­ve der
Arbei­ter­ba­sis als den wei­sen Ent­schei­dun­gen der Lei­tungs­gre­mi­en der deut­schen
Arbei­ter­be­we­gung.

Als sie im Gefäng­nis von den Ereig­nis­sen des Okto­ber
1917 erfuhr, soli­da­ri­sier­te sie sich sofort mit den rus­si­schen Revo­lu­tio­nä­ren.
In einer Bro­schü­re über die rus­si­sche Revo­lu­ti­on, die sie 1918 im Gefäng­nis ver­fass­te
und die erst nach ihrem Tod ver­öf­fent­licht wur­de (1922), begrüß­te sie die­sen
gro­ßen his­to­ri­schen eman­zi­pa­to­ri­schen Akt begeis­tert, und wür­dig­te sie die
füh­ren­den Köp­fe der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on herz­lich:

Was eine Par­tei in geschicht­li­cher Stun­de an Mut, Tat­kraft,
revo­lu­tio­nä­rem Weit­blick und Kon­se­quenz auf­zu­brin­gen ver­mag, das haben Lenin,
Trotz­ki und Genos­sen voll­auf geleis­tet. Die gan­ze revo­lu­tio­nä­re Ehre und
Akti­ons­fä­hig­keit, die der Sozi­al­de­mo­kra­tie im Wes­ten gebrach, war in den
Bol­sche­wi­ki ver­tre­ten. Ihr Okto­ber-Auf­stand war nicht nur eine tat­säch­li­che
Ret­tung für die rus­si­sche Revo­lu­ti­on, son­dern auch eine Ehren­ret­tung des
inter­na­tio­na­len Sozia­lis­mus.

Die Soli­da­ri­tät hin­der­te sie nicht dar­an, an dem Kri­tik zu
üben, was sie an ihrer Poli­tik der Bol­sche­wi­ki für falsch oder gefähr­lich hielt.
Wäh­rend eini­ge ihrer Kri­tik­punk­te ‒ zur natio­na­len Selbst­be­stim­mung oder zur
Land­ver­tei­lung ‒ aus­ge­spro­chen dis­ku­ta­bel und eher unrea­lis­tisch sind, sind
ande­re, die die Fra­ge der Demo­kra­tie
berüh­ren, durch­aus rele­vant und bemer­kens­wert aktu­ell. Rosa Luxem­burg stell­te
fest, dass die Bol­sche­wi­ki unter den dra­ma­ti­schen Umstän­den des Bür­ger­kriegs
und der aus­län­di­schen Inter­ven­ti­on nicht „die schöns­te Demo­kra­tie her­vor­zau­bern“
konn­ten, den­noch mach­te sie auf die Gefahr einer gewis­sen auto­ri­tä­ren
Ver­schie­bung auf­merk­sam und bekräf­tig­te eini­ge Grund­prin­zi­pi­en der
revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­tie:

Frei­heit nur für die Anhän­ger der Regie­rung, nur für
Mit­glie­der einer Par­tei – mögen sie noch so zahl­reich sein – ist kei­ne
Frei­heit. Frei­heit ist immer nur Frei­heit des anders Den­ken­den. (…) Ohne
all­ge­mei­ne Wah­len, unge­hemm­te Pres­se- und Ver­samm­lungs­frei­heit, frei­en
Mei­nungs­kampf erstirbt das Leben in jeder der öffent­li­chen Insti­tu­ti­on, wird
zum Schein­le­ben, in der die Büro­kra­tie allein das täti­ge Ele­ment bleibt.

Es ist kaum mög­lich, die pro­phe­ti­sche Bedeu­tung die­ser
War­nung nicht zu erken­nen. Weni­ge Jah­re spä­ter ergriff die Büro­kra­tie die
tota­le Macht, sie schob die Revo­lu­tio­nä­re vom Okto­ber 1917 nach und nach bei­sei­te,
bevor sie im Lau­fe der 1930er Jah­ren erbar­mungs­los ver­nich­tet wur­den.

Eine wirk­li­che Neu­grün­dung des Kom­mu­nis­mus im 21.
Jahr­hun­dert wird nicht ohne Rosa Luxem­burgs revo­lu­tio­nä­re, mar­xis­ti­sche,
demo­kra­ti­sche, sozia­lis­ti­sche und liber­tä­re Bot­schaft aus­kom­men kön­nen.


Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt und bear­bei­tet von Wil­fried

Micha­el Löwy ist 1938 in Bra­si­li­en gebo­ren wor­den und dort auf­ge­wach­sen,
seit 1969 lebt er vor­wie­gend in Paris. Von 1961 bis 1964 stu­dier­te er in Paris
bei dem Phi­lo­so­phen und Lite­ra­tur­so­zio­lo­gen Luci­en Gold­mann (1913‒1970),
Dok­tor­va­ter sei­ner Dis­ser­ta­ti­on über die Theo­rie der Revo­lu­ti­on beim jun­gen
Marx. Er ist Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, Öko­so­zia­list, Mit­glied zugleich von „Ensem­ble!“,
der NPA und der bra­si­lia­ni­schen Par­tei für Sozia­lis­mus und Frei­heit PSOL. Auf
Deutsch erschien von ihm zuletzt ein Band mit gesam­mel­ten Essays: Rosa Luxem­burg ‒ Der zün­den­de Fun­ke der
Revo­lu­ti­on
(Ham­burg: VSA, 2020).

Auf dem Online-Sym­po­si­um der Rosa Luxem­burg Stif­tung „Rosa Luxemburg150 ‒ Eine Ermu­ti­gung in Zei­ten der Pan­de­mie und ande­rer Kata­stro­phen“ hat Micha­el Löwy einen Eröff­nungs­vor­trag mit dem Titel „Either/​or: Rosa Luxemburg’s Radi­cal Com­mit­ment to Socia­list Inter­na­tio­na­lism“ gehal­ten (https://​www​.rosa​lux​.de/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​/​e​s​_​d​e​t​a​i​l​/​B​I​V​G​F​/​r​o​s​a​-​l​u​x​e​m​b​u​r​g​-​a​t​-​1​5​0​?​c​H​a​s​h​=​5​0​8​3​2​1​d​9​c​0​b​f​0​3​1​2​d​a​9​c​6​a​c​e​b​2​d​5​f​a8e).

Dazu sein Essay „Why Socia­lism Must Be Inter­na­tio­na­list … and what Rosa Luxem­burg can teach us about it“ (https://​www​.rosa​lux​.de/​e​n​/​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​/​i​d​/​4​1​5​3​0​/​w​h​y​-​s​o​c​i​a​l​i​s​m​-​m​u​s​t​-​b​e​-​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​ist)

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