[gfp:] Europäisches Roulette

Wirksamkeit: 91,6 Prozent

In den Kon­flik­ten, die das Ver­sa­gen der EU bei der Impf­stoff­be­schaf­fung aus­ge­löst hat, ist in den ver­gan­ge­nen Tagen beson­ders der rus­si­sche Impf­stoff Sput­nik V in die Schuss­li­nie gera­ten. Sput­nik V, ent­wi­ckelt vom renom­mier­ten Mos­kau­er Gama­le­ja-Insti­tut und finan­ziert vom Staats­fonds RDIF (Rus­si­an Direct Invest­ment Fund), war als eines der ers­ten Covid-19-Vak­zi­ne über­haupt bereits im Som­mer 2020 per Not­fall­zu­las­sung einer grö­ße­ren Zahl an Men­schen ver­ab­reicht wor­den. Sei­ne im Wes­ten all­ge­mein ver­brei­te­te abschät­zi­ge Beur­tei­lung ist kürz­lich von der welt­weit aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Fach­zeit­schrift The Lan­cet revi­diert wor­den; eine prä­zi­se Ana­ly­se sei­ner Tests zei­ge, dass Sput­nik V „eine durch­gän­gi­ge star­ke Schutz­wir­kung in allen teil­neh­men­den Alters­grup­pen“ ent­fal­te, stell­te The Lan­cet Anfang Febru­ar fest und bezif­fer­te die Wirk­sam­keit auf 91,6 Prozent.[1] Nach wochen­lan­ger Unklar­heit hat in der ver­gan­ge­nen Woche die EU-Zulas­sungs­be­hör­de EMA (Euro­pean Medi­ci­nes Agen­cy) bestä­tigt, dass sie den Impf­stoff mitt­ler­wei­le im soge­nann­ten rol­ling review-Ver­fah­ren über­prüft; dem könn­te das offi­zi­el­le Zulas­sungs­ver­fah­ren fol­gen. Der Antrag ist von R‑Pharm Ger­ma­ny gestellt wor­den, einem Tra­di­ti­ons­werk in Iller­tis­sen bei Ulm, das einst Pfi­zer gehör­te und 2014 in den Besitz der rus­si­schen R‑Pharm überging.[2]

Produktionsstätten in aller Welt

Sput­nik V, schon jetzt in mehr als 40 Län­dern offi­zi­ell zuge­las­sen, wird inzwi­schen auch in ers­ten EU-Staa­ten genutzt. Ungarn hat bereits Mit­te Febru­ar begon­nen, den Impf­stoff zu ver­ab­rei­chen; es hat von ihm zwei Mil­lio­nen Dosen – plus fünf Mil­lio­nen Dosen eines Vak­zins von Sino­pharm – bestellt.[3] Ins­ge­samt konn­te Ungarn inzwi­schen knapp 1,5 Mil­lio­nen Dosen ver­imp­fen. Damit hat das Land eine Quo­te von 14,8 pro 100 Ein­woh­ner erreicht; Deutsch­land liegt bei 9,7. Mitt­ler­wei­le hat auch die Slo­wa­kei zwei Mil­lio­nen Sput­nik V‑Dosen bestellt; eine ers­te Lie­fe­rung ist bereits ein­ge­trof­fen, sie soll in Kür­ze ver­impft wer­den. Als drit­ter EU-Staat bemüht sich jetzt Tsche­chi­en um Sput­nik V und um einen Impf­stoff von Sino­pharm. Sput­nik V soll dar­über hin­aus in der EU pro­du­ziert wer­den. Der RDIF hat dazu zu Anfang der Woche eine Ver­ein­ba­rung mit der Schwei­zer Fir­ma Adi­en­ne getrof­fen, die das Vak­zin in Ita­li­en her­stel­len will; wei­te­re Pro­duk­ti­ons­stät­ten in Deutsch­land, Spa­ni­en und Frank­reich sind im Gespräch – vor­aus­ge­setzt, die Behör­den geneh­mi­gen dies, was aller­dings kei­nes­wegs als gesi­chert gilt.[4] Sput­nik V soll in Zukunft zudem vom Tor­lak Insti­tut in Bel­grad und außer­halb Euro­pas von Unter­neh­men in Bra­si­li­en, Indi­en, Chi­na und Süd­ko­rea pro­du­ziert wer­den. Zuletzt hat Mos­kau auch Malay­sia ange­bo­ten, es beim Auf­bau eines eige­nen Werks zur Sput­nik V‑Lizenzproduktion zu unter­stüt­zen: Mit rus­si­schem Know-how, wird sein Bot­schaf­ter in Kua­la Lum­pur zitiert, kön­ne es „Impf­stoff-Unab­hän­gig­keit“ erreichen.[5]

Kalte Impfstoffkrieger

Obwohl die EU wei­ter einen ekla­tan­ten Man­gel an Impf­stof­fen beklagt, erschwe­ren Poli­ti­ker und Behör­den­ver­tre­ter die begin­nen­de Nut­zung von Sput­nik V – aus macht­po­li­ti­schen Grün­den: Mit der Lie­fe­rung des Impf­stoffs und der Lizen­zie­rung sei­ner aus­wär­ti­gen Pro­duk­ti­on ist für Mos­kau der Auf­bau neu­er Koope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten ver­bun­den; das läuft dem Bemü­hen Ber­lins und Brüs­sels zuwi­der, Russ­lands Ein­fluss zurück­zu­drän­gen. Hat­te die EU zunächst mas­siv Druck auf Ungarn aus­ge­übt, Sput­nik V nicht zu bestel­len, so such­te Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en anschlie­ßend wenigs­tens Zwei­fel zu säen: Sie „wun­de­re sich“, dass Mos­kau „theo­re­tisch Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen Dosen“ anbie­te, wäh­rend es bei der Imp­fung der eige­nen Bevöl­ke­rung „nicht aus­rei­chend Fort­schrit­te“ erzie­le, monier­te sie Mit­te Februar.[6] Ärme­ren Staa­ten Vak­zi­ne zur Ver­fü­gung zu stel­len, auch wenn die eige­ne Bevöl­ke­rung noch nicht voll­stän­dig geimpft ist, ist eine zen­tra­le For­de­rung inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen. Am Sonn­tag erklär­te die Vor­sit­zen­de des EMA-Manage­ment Boards, Chris­ta Wir­thu­mer-Hoche, sie rate „drin­gend“ von einer Not­fall­zu­las­sung für Sput­nik V ab: Das Mit­tel zu nut­zen sei wie „rus­si­sches Roulette“.[7] In der Slo­wa­kei hat die Bestel­lung des Vak­zins sogar zu einer Regie­rungs­kri­se geführt: Es hand­le sich um „ein Instru­ment des hybri­den Kriegs“, wird Außen­mi­nis­ter Ivan Korčok zitiert.[8] Korčok, der die Nut­zung des Impf­stoffs ablehnt, ist dem­nach bereit, Men­schen­le­ben zu opfern, nur um Mos­kau etwai­ge Koope­ra­ti­ons­chan­cen mit euro­päi­schen Län­dern zu neh­men.

Vorwürfe aus Brüssel

Zusätz­lich zu den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Sput­nik V ent­facht Brüs­sel sei­nen nächs­ten Kon­flikt mit Groß­bri­tan­ni­en. Hin­ter­grund ist die welt­wei­te Kri­tik an den EU-Export­kon­trol­len für Vak­zi­ne, die die Uni­on auf deut­schen Druck ein­ge­führt hat, und vor allem an dem Export­stopp, das Ita­li­en und die EU in der ver­gan­ge­nen Woche für eine Lie­fe­rung von 250.000 Astra­Ze­ne­ca-Dosen aus Ita­li­en nach Aus­tra­li­en ver­häng­ten (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]). EU-Rats­prä­si­dent Charles Michel hat­te, um von der Kri­tik an Brüs­sel abzu­len­ken, behaup­tet, das Ver­ei­nig­te König­reich habe „ein kom­plet­tes Ver­bot des Exports von Impf­stof­fen oder Impf­stoff­be­stand­tei­len“ verhängt.[10] Die Behaup­tung war schon zuvor in der EU kur­siert. Bele­ge dafür lie­gen nicht vor; der bri­ti­sche Außen­mi­nis­ter Domi­nic Raab bezeich­net die Aus­sa­ge als „voll­stän­dig falsch“ und hat ges­tern den EU-Ver­tre­ter in Lon­don in das bri­ti­sche Außen­mi­nis­te­ri­um ein­be­stellt. Bereits am Diens­tag waren EU-Stel­len dazu über­ge­gan­gen, nur noch von einem angeb­li­chen „vor­läu­fi­gen de fac­to-Export­ver­bot“ zu sprechen.[11] Ges­tern hat sich Michel dar­auf ver­legt, recht nebu­lös zu insi­nu­ie­ren, es gebe „ver­schie­de­ne Wege, um Sper­ren oder Beschrän­kun­gen für Impf­stof­fe“ einzuführen.[12] Schon im Streit um Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen bei Astra­Ze­ne­ca hat­te die Kom­mis­si­on mit Falsch­aus­sa­gen über den Lie­fer­ver­trag ope­riert, um ihre Ver­säum­nis­se bei der Beschaf­fung der Impf­stof­fe für ihre eige­ne Bevöl­ke­rung zu kaschieren.[13]

America first

Ver­hand­lun­gen auf­ge­nom­men hat Brüs­sel inzwi­schen mit dem ein­zi­gen Land, das – neben der EU – tat­säch­lich Export­be­schrän­kun­gen ver­hängt hat: mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. US-Prä­si­dent Joe Biden hat – anders, als man­che sich erhofft hat­ten – die Exe­cu­ti­ve Order nicht auf­ge­ho­ben, die sein Amts­vor­gän­ger Donald Trump am 8. Dezem­ber 2020 erlas­sen hat­te. Sie sieht vor, dass Vak­zi­ne nur dann expor­tiert wer­den dür­fen, wenn alle US-Bür­ger umfas­send ver­sorgt sind. Zu den Opfern gehört Kana­da, das etwa einen Lie­fer­ver­trag mit einem Pfi­zer-Werk im US-Bun­des­staat Michi­gan geschlos­sen hat­te; von dort erhält es nun nichts.[14] Vor einer Woche wies der Chef des Serum Insti­tu­te of India (SII), das in den ver­gan­ge­nen zwei Mona­ten nach eige­nen Anga­ben 90 Mil­lio­nen Astra­Ze­ne­ca-Dosen in ins­ge­samt 51 Län­der gelie­fert hat, dar­auf hin, dass jetzt zusätz­lich ein glo­ba­ler Man­gel an Vor­pro­duk­ten droht, die für die Impf­stoff­her­stel­lung unver­zicht­bar sind – und vor allem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten her­ge­stellt wer­den. Grund ist, dass die Biden-Admi­nis­tra­ti­on Bestim­mun­gen des Defen­se Pro­duc­tion Act aus dem Jahr 1950, der Zeit des Korea-Krie­ges, nutzt, um sämt­li­che ver­füg­ba­ren Res­sour­cen in die Pro­duk­ti­on eige­ner Impf­stof­fe – vor allem bei Pfi­zer – zu kana­li­sie­ren. Ent­spre­chend rech­net unter ande­rem das SII damit, schon in Kür­ze mit erns­ten Eng­päs­sen bei kri­ti­schen Roh­ma­te­ria­li­en, Fil­tern und ande­rem zu kämp­fen zu haben.[15] Brüs­sel will, wie am Wochen­en­de bekannt wur­de, mit Washing­ton in Ver­hand­lun­gen tre­ten, um bevor­zug­te Lie­fe­run­gen zu erhal­ten: USA und EU zuerst – der Rest der Welt dann, wenn die trans­at­lan­ti­schen Haupt­mäch­te sich satt­ge­impft haben.

Mehr zum The­ma: Im Aus­nah­me­zu­stand.

[1] Ian Jones, Pol­ly Roy: Sput­nik V COVID-19 vac­ci­ne can­di­da­te appears safe and effec­ti­ve. thel​an​cet​.com 02.02.2021.

[2] EMA starts rol­ling review of the Sput­nik V COVID-19 vac­ci­ne. ema​.euro​pa​.eu 04.03.2021.

[3] Geor­gi Gotev: Russia’s Sput­nik V vac­ci­ne gets all-clear in Hun­ga­ry. eurac​tiv​.com 08.02.2021.

[4] Hen­ry Foy, Max Sed­don, Sil­via Scio­ril­li Bor­rel­li: Rus­sia seeks to make Sput­nik V in Ita­ly as over­seas demand sur­ges. ft​.com 10.03.2021.

[5] Syed Jay­mal Zahiid: Rus­sia offers to share Sput­nik V vac­ci­ne pro­duc­tion know-how with Malay­sia, offe­ring chan­ce at vac­ci­ne inde­pen­dence. malay​mail​.com 10.03.2021.

[6] Niko­laj Niel­sen, Esz­ter Zalan: EU Com­mis­si­on cas­ts doubt on Rus­si­an Sput­nik vac­ci­ne. euob​ser​ver​.com 18.02.2021.

[7] Russ­land kri­ti­siert Arz­nei­mit­tel­agen­tur wegen Sput­nik-V-Äuße­rung. aerz​te​blatt​.de 09.03.2021.

[8] Tho­mas Gutsch­ker, Ste­phan Löwen­stein, Fried­rich Schmidt: Spal­ten mit Sput­nik V. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 10.03.2021.

[9] S. dazu Euro­pa zuerst.

[10] A Word from the Pre­si­dent. nsl​.con​si​li​um​.euro​pa​.eu 09.03.2021.

[11] Micha­el Peel, Sam Fle­ming, Geor­ge Par­ker: UK slams EU over ‚com­ple­te­ly fal­se’ claim of ban on vac­ci­ne exports. ft​.com 09.03.2021.

[12] Der Ton im Impf­streit wird schär­fer. tages​schau​.de 10.03.2021.

[13] S. dazu Die Impf­stoff­knapp­heit der EU (II).

[14] Adri­an Mor­row, Marie­ke Walsh: Biden upholds U.S.-first vac­ci­ne poli­cy, shut­ting door on Cana­da, for now. theglo​be​and​mail​.com 05.02.2021.

[15] Chris Kay: Lar­gest Vac­ci­ne Maker Warns of Delays as U.S. Prio­ri­ti­zes Pfi­zer. bloom​berg​.com 04.03.2021.

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