[KgK:] Trotzki, Gramsci und der Aufstieg der Arbeiter:innenklasse als hegemoniales Subjekt

In die­sen Zei­len ana­ly­sie­ren wir anhand von Trotz­kis und Gram­scis Aus­ar­bei­tun­gen eini­ge Ele­men­te zur Ent­wick­lung der Arbeiter:innenklasse als sozia­les und poli­ti­sches Sub­jekt in „west­li­chen“ Län­dern mit kom­ple­xen sozio-poli­ti­schen Struk­tu­ren. Ent­ge­gen der Idee der Erobe­rung von Räu­men inner­halb des Regimes und der fried­li­chen Koexis­tenz mit den Büro­kra­tien der Mas­sen­be­we­gung, aber auch ent­ge­gen der Anpas­sung an die Ver­wal­tung von Sozi­al­plä­nen des Staa­tes oder der Anpas­sung an den Sta­tus Quo der Struk­tur der Gewerk­schaf­ten, beschäf­ti­gen wir uns mit Trotz­kis ori­gi­nel­ler Kon­zep­ti­on der Arti­ku­la­ti­on der Avant­gar­de und der Mas­sen­sek­to­ren. Dabei gehen wir von der Errich­tung von Insti­tu­tio­nen zur Ver­ei­ni­gung und Koor­di­na­ti­on der Kämp­fe aus, die er in sei­nen Schrif­ten über Frank­reich unter dem Namen „Akti­ons­ko­mi­tees“ zum Aus­druck brach­te. Eine Fra­ge von gro­ßer Aktua­li­tät, die wir im Rah­men der Debat­ten zum nächs­ten Kon­gress der PTS ver­tie­fen wer­den.

Unter lin­ken Intel­lek­tu­el­len im All­ge­mei­nen und selbst unter denen, die Trotz­kis wich­ti­ge Bei­trä­ge zur mar­xis­ti­schen Theo­rie aner­ken­nen, wur­de der Hin­weis zu einem Gemein­platz, dass es Trotz­ki im Gegen­satz zu Gram­sci nicht gelun­gen sei, das Pro­blem des Pro­le­ta­ri­ats im Wes­ten anzu­ge­hen: ange­fan­gen bei Micha­el Bura­woy, der dar­auf hin­weist, dass „Trotz­kis Ana­ly­sen immer wie­der am Fel­sen des west­li­chen Pro­le­ta­ri­ats Schiff­bruch erlit­ten“ hät­ten und dass „es ein ande­rer Mar­xist, Anto­nio Gram­sci, sein soll­te, der eine brei­te­re Inter­pre­ta­ti­on ent­wi­ckeln wür­de“1; oder Razmig Keu­cheyan, der argu­men­tiert, dass Trotz­kis Feh­ler dar­in bestehe, „an einer Kon­zep­ti­on der sozia­len Welt und damit der revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie aus einer Zeit vor den von Gram­sci beschrie­be­nen struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen fest­ge­hal­ten zu haben“, ins­be­son­de­re bezüg­lich der Unter­schei­dung „zwi­schen der ‚Ost­front‘ und der ‚West­front‘, d.h. zwi­schen den öst­li­chen Gesell­schaf­ten, die noch flüs­sig sind, und den west­li­chen Gesell­schaf­ten, in denen die Zivil­ge­sell­schaft und der Staat fest ver­schmol­zen sind“2; oder selbst Per­ry Ander­son, der einer­seits beton­te, dass Trotz­kis Schrif­ten „über die drei wich­tigs­ten Sozi­al­for­ma­tio­nen West­eu­ro­pas [Deutsch­land, Eng­land und Frank­reich] in der Zeit zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen […] den Gefäng­nis­hef­ten ent­spre­chend über­le­gen“ sei­en, aber ande­rer­seits hin­zu­füg­te, dass Trotz­ki „[d]ie Pro­ble­me einer, auf die sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on in die­sen Län­dern aus­ge­rich­te­ten, […] fest­ge­leg­ten Stra­te­gie […] nie­mals mit der der­sel­ben Sor­ge und Klar­heit [auf­warf] wie Gram­sci.“3

Wie wir in unse­rem Buch „Sozia­lis­ti­sche Stra­te­gie und Mili­tär­kunst“4 aus­ge­führt haben, wider­spricht die Ana­ly­se von Trotz­kis theo­re­ti­schem und prak­ti­schem Werk nicht nur weit­ge­hend jenen Gemein­plät­zen, son­dern lie­fert auch eine soli­de Grund­la­ge für eine – in ihrer Kom­ple­xi­tät kaum erforsch­te – poli­ti­sche Theo­rie über die Ent­ste­hung der Arbeiter:innenklasse als revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt. In die­sem Arti­kel wer­den wir uns beson­ders auf einen sei­ner Aspek­te kon­zen­trie­ren, aus­ge­hend von einer Rei­he von Schrif­ten, die unter dem Titel „Wohin geht Frank­reich?“ bekannt wur­den. Wir bezie­hen uns auf die Idee von „Akti­ons­ko­mi­tees“ als Mit­tel zur Samm­lung der Avant­gar­de und der Mas­sen­sek­to­ren, um die Kräf­te der Revolutionär:innen zu stär­ken, den Wider­stand der büro­kra­ti­schen Appa­ra­te zu „bre­chen“ und die Macht der Arbeiter:innenbewegung zu ent­fal­ten.

Das politische Terrain im „Westen“

Es waren Trotz­ki und Gram­sci, die die Pro­ble­ma­tik der west­li­chen kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien am gründ­lichs­ten ana­ly­sier­ten. Sie waren Teil der­je­ni­gen Revolutionär:innen der Drit­ten Inter­na­tio­na­le, die sich mit der Kom­ple­xi­tät der Revo­lu­ti­on in Euro­pa aus­ein­an­der­setz­ten. Dort war der Ein­fluss der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie und des Par­la­men­ta­ris­mus als Ideo­lo­gie unter den Mas­sen mehr­heit­lich, und es hat­ten sich gro­ße refor­mis­ti­sche Appa­ra­te mit ihren jewei­li­gen poli­ti­schen und gewerk­schaft­li­chen Büro­kra­tien ent­wi­ckelt; im Gegen­satz zum „gal­lertar­ti­gen“ und pre­kä­ren Cha­rak­ter der Insti­tu­tio­nen im Russ­land vor 1917, das als Bei­spiel für eine „öst­li­che“ sozio-poli­ti­sche Struk­tur dien­te.

Gram­sci ent­wi­ckelt den Begriff des „inte­gra­len“ oder „erwei­ter­ten Staa­tes“ und sei­ne For­mel vom Staat „in inte­gra­ler Bedeu­tung: Dik­ta­tur + Hege­mo­nie“, mit der er die Tat­sa­che erklä­ren will, dass die Bour­geoi­sie weit über das „pas­si­ve War­ten“ auf den Kon­sens hin­aus­geht und eine gan­ze Rei­he von Mecha­nis­men ent­wi­ckelt, um ihn zu orga­ni­sie­ren. Die „Erwei­te­rung“ des Staa­tes war eine Ant­wort auf den Auf­stieg der Arbeiter:innenbewegung zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts.5 Die Ver­staat­li­chung der Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen und die Aus­deh­nung der Büro­kra­tien in ihnen waren grund­le­gen­de Ele­men­te des­sen, mit ihrer dop­pel­ten Funk­ti­on der „Inte­gra­ti­on“ in den Staat und der Frag­men­tie­rung der Arbeiter:innenklasse.6

Die Arbeiter:innenbürokratie war (und ist) das Vor­aus­kom­man­do, um die bür­ger­li­che Hege­mo­nie in den Orga­ni­sa­tio­nen des Pro­le­ta­ri­ats zu „orga­ni­sie­ren“. Die­ses Ziel wird sowohl mit Mit­teln der Ideo­lo­gie als auch des Zwangs ver­folgt, je nach Fall in unter­schied­li­cher Kom­bi­na­ti­on. In die­sem Sin­ne wies Trotz­ki dar­auf hin, dass der Kapi­ta­lis­mus „immer weni­ger gewillt [ist], sich mit der Unab­hän­gig­keit der Gewerk­schaf­ten abzu­fin­den. Er ver­langt von der refor­mis­ti­schen Büro­kra­tie und der Arbei­ter­aris­to­kra­tie, wel­che die Bro­sa­men von sei­ner Fest­ta­fel auf­le­sen, daß sie sich vor den Augen der Arbei­ter­klas­se in sei­ne poli­ti­sche Poli­zei ver­wan­deln.“ Gram­sci näher­te sich der Fra­ge in ähn­li­cher Wei­se, als er bemerk­te, dass es der Bour­geoi­sie gelun­gen sei, eine „Gesamt­heit der vom Staat und den Pri­vat­leu­ten orga­ni­sier­ten Kräf­te für den Schutz der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Herr­schaft der füh­ren­den Klas­sen“ zu orga­ni­sie­ren, und hin­zu­füg­te, dass des­halb „gan­ze ‚poli­ti­sche‘ Par­tei­en und ande­re Orga­ni­sa­tio­nen wirt­schaft­li­cher oder ande­rer Art als Orga­nis­men poli­ti­scher Poli­zei mit Unter­su­chungs- und Vor­beu­gungs­cha­rak­ter ange­se­hen wer­den“ müs­sen.7

Die Bürokratie, die „Volksfront“ und die Frage des Subjekts

Es gab wich­ti­ge Berüh­rungs­punk­te zwi­schen Trotz­ki und Gram­sci hin­sicht­lich der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Rol­le der Büro­kra­tie. Dazu reicht es, eini­ge der bes­ten Sei­ten der Gefäng­nis­hef­te mit Trotz­kis Ana­ly­se der Ein­heits­front in Deutsch­land ange­sichts des Auf­stiegs des Faschis­mus in den frü­hen 1930er Jah­ren zu ver­glei­chen.8 Es war jedoch Trotz­ki, der den Über­gang von der defen­si­ven zur offen­si­ven Ein­heits­front klar ent­wi­ckel­te und in die­sem Rah­men die Wege zur Über­win­dung und Bezwin­gung der in den Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­wur­zel­ten Büro­kra­tien auf­zeig­te. Er schlug eine Lösung für die Fra­ge des Auf­stiegs der Arbeiter:innenklasse als poli­ti­schem Sub­jekt in „west­li­chen“ Gesell­schaf­ten vor.

Im All­ge­mei­nen wer­den Trotz­kis Schrif­ten über den Auf­stieg des Faschis­mus in Deutsch­land viel mehr gele­sen und zitiert als die über Frank­reich. Das ist kein Zufall, denn in letz­te­ren stellt er sich offen gegen die Poli­tik der Klas­sen­kol­la­bo­ra­ti­on der „Volks­front“, die Gram­sci – ein­ge­sperrt in Mus­so­li­nis Ker­ker – nicht zu ana­ly­sie­ren ver­moch­te. Es ist jedoch in „Wohin geht Frank­reich?“, wo Trotz­ki das vol­le Aus­maß sei­ner Kon­zep­ti­on der revo­lu­tio­nä­ren Poli­tik auf­zeig­te. Trotz­ki schenk­te der fran­zö­si­schen Situa­ti­on beson­de­re Auf­merk­sam­keit, mit dem zusätz­li­chen Vor­teil, dass er sich in die­sem Land – wenn auch unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen – von 1933 bis Juni 1935 auf­hielt, bis er aus­ge­wie­sen wur­de. Er erleb­te die Ver­än­de­rung der Situa­ti­on im Jahr 1934 mit den Auf­stän­den der faschis­ti­schen Ligen am 6. Febru­ar und der wich­ti­gen Ant­wort der Arbeiter:innen am 12. Febru­ar haut­nah mit. Die Akti­on der Arbeiter:innenbewegung war für die büro­kra­ti­schen Appa­ra­te der Sozia­lis­ti­schen Par­tei (SFIO) und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei wie ein Schlag ins Gesicht und gaben der trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on, die über eini­ge hun­dert Aktivist:innen ver­füg­te, einen neu­en Impuls. Ab Sep­tem­ber 1934 führ­ten sie die Tak­tik des „Ent­ris­mus“9 in der Sozia­lis­ti­schen Par­tei durch, um sich mit den sich radi­ka­li­sie­ren­den sozia­lis­ti­schen Arbeiter:innen zu ver­bin­den. Ab 1935 bil­de­ten Sozialdemokrat:innen und Stalinist:innen zusam­men mit der Radi­ka­len Par­tei – einer Par­tei, die mit der fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­un­ter­drü­ckung ver­bun­den war (mit ihrer tra­di­tio­nel­len Basis im städ­ti­schen und länd­li­chen Kleinbürger:innentum) – die „Volks­front“ und unter­stütz­ten die Poli­tik der „natio­na­len Ver­tei­di­gung“ der fran­zö­si­schen Regie­rung.

Wie kann sich ange­sichts der rela­ti­ven Stär­ke der refor­mis­ti­schen Appa­ra­te und der Schwä­che der Revolutionär:innen die Macht der Arbeiter:innenklasse als revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt ent­fal­ten? Dies war die Fra­ge, die Trotz­ki in „Wohin geht Frank­reich?“ in den Mit­tel­punkt sei­ner Über­le­gun­gen stell­te und in des­sen Rah­men er die Debat­te über die „Akti­ons­ko­mi­tees“ ent­wi­ckel­te. In ihnen sah Trotz­ki die Mög­lich­keit, dass die Revolutionär:innen, die damals über sehr gerin­ge Kräf­te ver­füg­ten, sich stär­ken, indem sie den Auf­bau der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei mit der Ver­ei­ni­gung und Umgrup­pie­rung der Avant­gar­de und der Mas­sen im Kampf ver­ban­den.

Trotz­ki schlug vor, die Reso­lu­ti­on des VII. Kon­gres­ses der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (1935) über den Auf­ruf zur Bil­dung von „Akti­ons­ko­mi­tees der Volks­front“ „beim Wort zu neh­men“. Wäh­rend Trotz­ki in sei­ner Kri­tik am ver­söhn­le­ri­schen Cha­rak­ter der Volks­front uner­bitt­lich war, mach­te er sich die­sen Vor­schlag zu eigen, den er als den ein­zig rich­ti­gen unter allen Reso­lu­tio­nen des Kon­gres­ses defi­nier­te und der, wie zu erwar­ten war, von der büro­kra­ti­sier­ten Fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei nicht umge­setzt wer­den wür­de. Trotz­ki sah dar­in einen Weg, die Unter­ord­nung unter die Bour­geoi­sie zu bre­chen und das Gewicht der Avant­gar­de durch die Ent­wick­lung der Akti­ons­ko­mi­tees, die direkt mit dem Klas­sen­kampf ver­bun­den sind, zu stär­ken. Das wür­de die Ver­trei­bung der „bür­ger­li­chen Schie­ber“ aus der Radi­ka­len Par­tei und die Nie­der­la­ge der „von Mos­kau“ dik­tier­ten Poli­tik der Klas­sen­ver­söh­nung erleich­tern.

Institutionen der Vereinheitlichung und Koordinierung der Kämpfe, um den Widerstand der Bürokratie zu brechen

Trotz­ki ent­wi­ckel­te die­sen anfäng­li­chen Ansatz wei­ter, bis er zu einem Schlüs­sel­ele­ment des­sen wur­de, was wir als eine Theo­rie über die Kon­sti­tu­ie­rung der Arbeiter:innenklasse als Sub­jekt in einem Sze­na­rio der „Sät­ti­gung“ mit büro­kra­ti­schen Appa­ra­ten defi­nie­ren könn­ten, das für west­li­che sozio­po­li­ti­sche Struk­tu­ren typisch ist.

In sei­nem berühm­ten Arti­kel „Volks­front und Akti­ons­ko­mi­tees“ vom 28. Novem­ber 1935 gab Trotz­ki einen Über­blick, in dem er sich den Komi­tees aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln näher­te, aus­ge­hend von unter­schied­li­chen Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen. Das ers­te Bei­spiel, das er anführ­te, bezieht sich auf die Kämp­fe der Hafenarbeiter:innen von Tou­lon und Brest Mit­te 1935 gegen die von der Regie­rung der Radi­ka­len Par­tei ver­füg­ten Lohn­kür­zun­gen. Die Füh­run­gen der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und der Sozia­lis­ti­schen Par­tei pro­tes­tier­ten, taten aber nichts. Doch die Arbeiter:innen nah­men den Kampf auf, hiss­ten die rote Fah­ne bei der Prä­fek­tur von Brest und errich­te­ten in Tou­lon Bar­ri­ka­den gegen die Repres­si­on. Bei den Zusam­men­stö­ßen gab es drei Tote und dut­zen­de Ver­letz­ten, und es kam zu einem gro­ßen Soli­da­ri­täts­streik, ange­sichts des­sen die offi­zi­el­le Füh­rung zur Ruhe auf­rief und die Anwe­sen­heit von „Pro­vo­ka­teu­ren“ anpran­ger­te.10 Trotz­ki erklär­te sei­ne Posi­ti­on mit Bei­spie­len und argu­men­tier­te: „Wäh­rend der Kämp­fe in Tou­lon und Brest wür­den die Arbei­ter ohne zu zögern eine loka­le Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on geschaf­fen haben, hät­te man sie nur dazu auf­ge­ru­fen.“

Er ver­wies im Anschluss auf die Kämp­fe in Limo­ges Mit­te Novem­ber des­sel­ben Jah­res, die einen ähn­li­chen Cha­rak­ter wie die der Hafenarbeiter:innen hät­ten und unter der Pro­pa­gan­da der Sozia­lis­ti­schen Par­tei und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei gegen die „Pro­vo­ka­teu­re“ und den Auf­ru­fen an die Regie­rung zum Vor­ge­hen gegen die „Auf­rüh­rer“ lei­den wür­den. Dage­gen benann­te Trotz­ki ein ande­res Bei­spiel für die Poli­tik der Komi­tees: „Am Tage nach den blu­ti­gen Ereig­nis­sen in Limo­ges wären die Arbei­ter und ein beträcht­li­cher Teil des Klein­bür­ger­tums ohne Zwei­fel bereit gewe­sen, zur Unter­su­chung der blu­ti­gen Gescheh­nis­se und zu ihrer Ver­hin­de­rung in Zukunft ein gewähl­tes Komi­tee zu bil­den.“ Er sah auch das Poten­ti­al der „Akti­ons­ko­mi­tees“ unter den Sol­da­ten und erklär­te: „Wäh­rend der Bewe­gung in den Kaser­nen im Som­mer die­ses Jah­res gegen den ‚rabi­ot‘ (Ver­län­ge­rung der Dienst­pflicht) wür­den die Sol­da­ten ohne zu zögern Kompanie‑, Regi­ments- und Gar­ni­sons­ak­ti­ons­ko­mi­tees gewählt haben, wenn man ihnen nur die­sen Weg gewie­sen hät­te.“

Das heißt, im Pro­zess von Tou­lon und Brest sah Trotz­ki die Akti­ons­ko­mi­tees als „loka­le Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on“, in Limo­ges als Komi­tees „zur Unter­su­chung der blu­ti­gen Gescheh­nis­se und zu ihrer Ver­hin­de­rung in Zukunft“, in den Kaser­nen als Komi­tees gegen die Ver­län­ge­rung des Mili­tär­diens­tes. Die Schluss­fol­ge­rung, die er zog, war, dass sich mit der Ent­wick­lung der revo­lu­tio­nä­ren Ele­men­te der Situa­ti­on „sol­che Gele­gen­hei­ten […] auf Schritt und Tritt“ bie­ten wür­den: an jedem Ort, der mit den Kon­flik­ten und Pro­zes­sen ver­bun­den war, die ver­schie­de­ne Regio­nen durch­quer­ten und die Gele­gen­hei­ten waren, Insti­tu­tio­nen der Sek­to­ren im Kampf auf loka­ler Ebe­ne und, wenn mög­lich, auf natio­na­ler Ebe­ne zu errich­ten. Die Auf­ga­be der Revolutionär:innen, so Trotz­ki, besteht dar­in, „kei­ne ein­zi­ge sol­che Gele­gen­heit zu ver­pas­sen“, die Avant­gar­de und die Mas­sen­sek­to­ren, die in den Kampf zie­hen, in stän­di­gen Insti­tu­tio­nen vom Typ „Akti­ons­ko­mi­tee“ zu orga­ni­sie­ren.

Auf die­se Wei­se skiz­zier­te Trotz­ki eine all­ge­mei­ne­re Kon­zep­ti­on, die von der Not­wen­dig­keit aus­geht, „klar sel­ber die Bedeu­tung der Akti­ons­ko­mi­tees [zu] begrei­fen als das ein­zi­ge Mit­tel, den anti­re­vo­lu­tio­nä­ren Wider­stand der Par­tei- und Gewerk­schafts­ap­pa­ra­te zu bre­chen“. Sein Aus­gangs­punkt war es, die­se Not­wen­dig­keit, den „Wider­stand“ der Büro­kra­tien zu bre­chen, mit der enor­men Gefahr zu ver­bin­den, dass Teil­kon­flik­te iso­liert blei­ben und die Ener­gie der Mas­sen in iso­lier­ten Explo­sio­nen ver­geu­det wird und in Apa­thie endet. Des­halb wies er dar­auf hin, dass ange­sichts von Streiks, Demons­tra­tio­nen, Stra­ßen­schar­müt­zeln oder direk­ten Auf­stän­den, die in einer sich revo­lu­tio­när ent­wi­ckeln­den Situa­ti­on unver­meid­lich sind, die Haupt­auf­ga­be der Revolutionär:innen dar­in besteht, „den Abwehr­kampf der werk­tä­ti­gen Mas­sen […] zusam­men­zu­fas­sen und ihnen so das Bewusst­sein ihrer eige­nen Kraft für den künf­ti­gen Angriff zu ver­mit­teln.“

Wie stell­te sich Trotz­ki nun die Bil­dung die­ser Komi­tees vor? Er wies dar­auf hin, dass es nicht dar­um geht, „an einem bestimm­ten Tag und zu einer bestimm­ten Stun­de die pro­le­ta­ri­schen und klein­bür­ger­li­chen Mas­sen zur Wahl von Akti­ons­ko­mi­tees auf Grund eines bestimm­ten Sta­tuts auf[zu]rufen“. Dies wäre eine büro­kra­ti­sche Art, das Pro­blem anzu­ge­hen. Hin­ge­gen müss­ten die Komi­tees direkt mit der Akti­on ver­bun­den sein:

Akti­ons­ko­mi­tees kön­nen die Arbei­ter nur dann wäh­len, wenn sie selbst an irgend­ei­ner Akti­on teil­neh­men und das Bedürf­nis nach einer revo­lu­tio­nä­ren Füh­rung emp­fin­den. Es han­delt sich nicht um die for­mell-demo­kra­ti­sche Ver­tre­tung aller und jeder Mas­sen, son­dern um die revo­lu­tio­nä­re Ver­tre­tung der kämp­fen­den Mas­sen. Das Akti­ons­ko­mi­tee ist der Appa­rat des Kamp­fes. Es ist nicht nötig, im vor­aus zu erra­ten, wel­che Schich­ten der Werk­tä­ti­gen nun gera­de an der Schaf­fung der Akti­ons­ko­mi­tees betei­ligt sein wer­den: die Gren­zen der kämp­fen­den Mas­sen wer­den sich im Kampf von selbst erge­hen.

Es geht aber auch nicht dar­um, dass die­se „Akti­ons­ko­mi­tees“ die Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten erset­zen:

Die Mas­sen tre­ten in den Kampf mit all ihren Ideen, Grup­pie­run­gen, Tra­di­tio­nen und Orga­ni­sa­tio­nen. […] Bei den Wah­len zu den Akti­ons­ko­mi­tees wird jede Par­tei natür­lich danach trach­ten, ihre Anhän­ger durch­zu­set­zen. Beschlie­ßen wer­den die Akti­ons­ko­mi­tees nach Stim­men­mehr­heit (bei Vor­han­den­sein völ­li­ger Frei­heit der Par­tei­en- und Frak­ti­ons­grup­pie­run­gen). Im Hin­blick auf die Par­tei­en kann man die Akti­ons­ko­mi­tees ein revo­lu­tio­nä­res Par­la­ment nen­nen: die Par­tei­en sind nicht aus­ge­schlos­sen, son­dern im Gegen­teil not­wen­dig vor­aus­ge­setzt: gleich­zei­tig wer­den sie in der Akti­on geprüft, und die Mas­sen ler­nen sich von dem Ein­fluss der ver­rot­te­ten Par­tei­en zu befrei­en.

Auf die­se Wei­se ging Trotz­ki von der Betrach­tung des Akti­ons­ko­mi­tees im Beson­de­ren zu einer umfas­sen­de­ren For­mu­lie­rung über, in der die­se Art von Orga­nis­men dazu die­nen kön­nen, die Poli­tik der Klas­sen­kol­la­bo­ra­ti­on der Büro­kra­tie zu bekämp­fen. Die­ser stellt Trotz­ki gegen­über: „Die Regel des Bol­sche­wis­mus in der Fra­ge der Blocks lau­te­te: getrennt mar­schie­ren, ver­eint schla­gen! Die Regel der heu­ti­gen Kom­in­tern­füh­rer ist: ver­eint mar­schie­ren, um getrennt geschla­gen zu wer­den. Die Büro­kra­tien der Sozia­lis­ti­schen Par­tei und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei beab­sich­tig­ten mit der Poli­tik der „Volks­front“ also, das Pro­le­ta­ri­at ver­mit­tels der Radi­ka­len Par­tei und der Unter­stüt­zung der „natio­na­len Ver­tei­di­gung“ mit der Bour­geoi­sie „ver­eint mar­schie­ren“ zu las­sen. Dies spie­gel­te sich in den ver­schie­de­nen Kon­flik­ten und Auf­stän­den des Pro­le­ta­ri­ats wider, die iso­liert gelas­sen wur­den. So konn­te die Bour­geoi­sie die Avant­gar­de und die Mas­sen ein­zeln besie­gen und ver­hin­dern, dass die Kämp­fe immer revo­lu­tio­nä­rer wur­den.

Trotz­ki schlug im Gegen­teil dazu vor, die Kräf­te der kämp­fen­den Sek­to­ren in den Akti­ons­ko­mi­tees zu sam­meln, die somit die ein­zel­nen punk­tu­el­len Kon­flik­te über­schrei­ten und die kämp­fe­ri­schen Sek­to­ren ver­bin­den soll­ten. Auf die­se Wei­se wür­de sich die Kraft der Revolutionär:innen für die Arbeit in der Gewerk­schafts­ba­sis ver­viel­fa­chen. Die­se Arbeit besteht dar­in, die drin­gends­ten For­de­run­gen mit einem Über­gangs­pro­gramm (in die­sem kon­kre­ten Fall in „Ein Akti­ons­pro­gramm für Frank­reich“ dar­ge­stellt) zu ver­bin­den, das eine Brü­cke von den refor­mis­ti­schen Illu­sio­nen der Mas­sen­be­we­gung zum Kampf um die Macht schlägt. Das Ziel ist es, eine revo­lu­tio­nä­re Grup­pe – selbst eine klei­ne –, in die Lage zu ver­set­zen, einen aus­rei­chen­den Teil der Arbeiter:innenklasse zu errei­chen, damit die Tak­tik der Arbeiter:innen-Einheitsfront des „getrennt mar­schie­ren, ver­eint schla­gen“ nicht nur eine ohn­mäch­ti­ge For­de­rung gegen­über der Büro­kra­tie bleibt, son­dern effek­tiv durch­ge­setzt wird.

Wie wir sehen, waren die „Akti­ons­ko­mi­tees“ nicht mit den „Sowjets“ zu ver­glei­chen, die genau genom­men Orga­ne der Ein­heits­front der Mas­sen sind. Son­dern die „Akti­ons­ko­mi­tees“ waren ein Werk­zeug, um Ent­wick­lung der „Sowjets“ und das Wachs­tum der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei in einer Situa­ti­on wie der fran­zö­si­schen von 1935 vor­zu­be­rei­ten. Denn die Situa­ti­on war noch nicht offen revo­lu­tio­när, auch wenn es radi­ka­li­sier­te Kon­flik­te gab, wel­che aber getrennt von­ein­an­der statt­fan­den und nicht von einem ver­all­ge­mei­ner­ten Auf­schwung des Klas­sen­kamp­fes beglei­tet wur­den. In die­sem Sin­ne bemerk­te Trotz­ki, dass die „Sowjets“ in der öffent­li­chen Debat­te mit der bereits erober­ten Macht in Ver­bin­dung gesetzt wur­den, was in die­sem Fall jedoch nicht bevor­stand. Tat­säch­lich kri­ti­sier­te er damals die sta­li­nis­ti­sche Füh­rung der KPF, die als Über­bleib­sel der „Drit­ten Peri­ode“11 die Losung „Sowjets über­all!“ erhob, was Trotz­ki für eine aus der Zeit gefal­le­ne For­de­rung und eine Vul­ga­ri­sie­rung der Losung hielt. Erst mit der Ver­all­ge­mei­ne­rung der Streiks mit Fabrik­be­set­zun­gen im Jahr 1936 wies er auf die Aktua­li­tät des Auf­rufs zum Auf­bau von „Sowjets“ als Akti­ons­pa­ro­le hin; ein The­ma, das er in sei­nem Arti­kel „Die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on hat begon­nen“ aus­führt.

Wie war das Ver­hält­nis zwi­schen den Akti­ons­ko­mi­tees und der zukünf­ti­gen Ent­wick­lung von Räten oder Sowjets? Trotz­ki selbst erklär­te es in die­sem Arti­kel wie folgt: „Unter gewis­sen Umstän­den kön­nen die Akti­ons­ko­mi­tees Sowjets wer­den.“ Aber er wies dar­auf hin, dass sie in der Situa­ti­on Frank­reichs 1935, die er als „vor­re­vo­lu­tio­när“ oder „so revo­lu­tio­när, wie es bei dem nicht­re­vo­lu­tio­nä­ren Cha­rak­ter der Füh­run­gen der Arbei­ter­be­we­gung sein kann“ defi­nier­te, noch weit davon ent­fernt sei­en. Außer­dem stell­te er gegen eine mys­ti­fi­zie­ren­de Sicht auf die rus­si­schen Sowjets klar, dass die­se in ihren ers­ten Schrit­ten „durch­aus nicht das [waren], was sie spä­ter wur­den, und […] damals sogar oft den beschei­de­nen Namen Arbei­ter- oder Streik­ko­mi­tees [tru­gen]“. In die­sem Sin­ne hat­ten die „Akti­ons­ko­mi­tees“ damals in ers­ter Linie die Auf­ga­be, „den Abwehr­kampf der werk­tä­ti­gen Mas­sen Frank­reichs zusam­men­zu­fas­sen und ihnen so das Bewusst­sein ihrer eige­nen Kraft für den künf­ti­gen Angriff zu ver­mit­teln.“ Ob sie in die­sem letz­ten Sin­ne vor­an­kom­men konn­ten oder nicht, hing nicht nur von der Akti­on der Avant­gar­de ab, son­dern auch von der Ent­wick­lung der objek­ti­ven Bedin­gun­gen der Situa­ti­on selbst.

Die Wege zum revolutionären Aufstieg der Arbeiter:innenklasse

All die­se Ele­men­te, die wir skiz­ziert haben, sind inte­gra­ler Bestand­teil von Trotz­kis Über­le­gun­gen zum Pro­blem des Auf­stiegs der Arbeiter:innenklasse zum revo­lu­tio­nä­ren Sub­jekt in einem „west­li­chen“ Sze­na­rio. In jüngs­ter Zeit sind vie­le Kari­ka­tu­ren des Mar­xis­mus auf­ge­blüht, die die­se Fra­ge auf ein rein „onto­lo­gi­sches“ Pro­blem beschränkt haben. Doch im Gegen­satz dazu han­delt es sich um kon­kre­te Fra­gen der Poli­tik und der Stra­te­gie. Die Akti­ons­ko­mi­tees als Insti­tu­tio­nen der Ver­ein­heit­li­chung und Koor­di­nie­rung der kämp­fen­den Sek­to­ren – noch weit vor der Ent­ste­hung von Sowjets – sind für Trotz­ki das ein­zi­ge Mit­tel, den Wider­stand der büro­kra­ti­schen Appa­ra­te zu bre­chen, die Ein­heits­front wirk­sam durch­zu­set­zen und so die Stra­te­gie der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on in der Per­spek­ti­ve der Kon­sti­tu­ie­rung von Räten oder Sowjets vor­an­zu­trei­ben, die die Grund­la­ge einer alter­na­ti­ven Macht bil­den kön­nen. Zugleich kön­nen sie eine fun­da­men­ta­le Kraft zum Auf­bau der revo­lu­tio­nä­ren Par­tei sein. Trotz­ki setz­te auf die Stär­kung der Revolutionär:innen, wel­che die Kraft der fort­ge­schrit­tens­ten Sek­to­ren der Arbeiter:innen- und Mas­sen­be­we­gung orga­ni­sie­ren, und stell­te die­se Per­spek­ti­ve der von den Bedürf­nis­sen des Kamp­fes los­ge­lös­ten „Ein­heit der Appa­ra­te“ ent­ge­gen, die von der – links­zen­tris­ti­schen – Grup­pe der „Revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken“ unter der Füh­rung von Mar­ceau Pivert ver­tre­ten wur­de.12

Auf die­se Wei­se gibt Trotz­ki eine Ant­wort auf eines der Haupt­pro­ble­me der Arbeiter:innenklasse, zu einem hege­mo­nia­len Sub­jekt im Rah­men der „massive[n] Struk­tur der moder­nen Demo­kra­tien“13 zu wer­den, wie Gram­sci sie nann­te. Die­se zeich­nen sich durch ihre staat­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen und einen Kom­plex von Asso­zia­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft aus, die das Ter­rain der poli­ti­schen Inter­ven­ti­on beein­flus­sen. Hier­bei han­delt es sich um eine alter­na­ti­ve Kon­zep­ti­on, die den „togliat­tia­ni­schen“14 Inter­pre­ta­tio­nen von Gram­scis Aus­ar­bei­tun­gen ent­ge­gen­steht. Die­se iden­ti­fi­zie­ren – aus­ge­hend von den Beson­der­hei­ten und der Kom­ple­xi­tät „west­li­cher“ sozio­po­li­ti­scher Struk­tu­ren – die Aus­sa­gen des sar­di­schen Revo­lu­tio­närs zum „Stel­lungs­krieg“ ent­we­der mit einem Kampf um die Hege­mo­nie im rein kul­tu­rel­len Sin­ne, oder mit der Mög­lich­keit der Ver­wand­lung der Arbeiter:innenklasse in ein revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt aus der schritt­wei­sen Ent­wick­lung bestimm­ter Appa­ra­te her­aus („hege­mo­nia­le Appa­ra­te“, wie Peter Tho­mas es aus­drück­te15), mehr oder weni­ger außer­halb des Klas­sen­kamp­fes und des Kamp­fes gegen die ver­schie­de­nen Büro­kra­tien, die in den Orga­ni­sa­tio­nen der Mas­sen­be­we­gung ver­an­kert sind.16 Ganz zu schwei­gen von jenen Inter­pre­ta­tio­nen, die im Sin­ne Nicos Pou­lant­z­as der Mei­nung sind, dass der Staat in sei­nem wei­ten Sin­ne (über den „phy­si­schen Raum des Staa­tes“ hin­aus) als „das Ter­rain eines stra­te­gi­schen Fel­des“17 betrach­tet wer­den könn­te, das umkämpft wäre.

Aber Trotz­kis Kon­zep­ti­on ist sogar inner­halb des Trotz­kis­mus miss­ver­stan­den wor­den. Ernest Man­del kri­ti­sier­te Trotz­ki dafür, dass er die Situa­ti­on in Frank­reich Mit­te der 1930er Jah­re angeb­lich über­trie­ben cha­rak­te­ri­sier­te. Man­del bekun­de­te, dass Trotz­ki fälsch­li­cher­wei­se davon aus­ge­gan­gen sei, dass es in „west­li­chen“ Gesell­schaf­ten eine revo­lu­tio­nä­re Kri­se geben kön­ne, ohne dass die Mas­sen ihre Illu­sio­nen in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie ver­lo­ren hät­ten.18 Auf die­se Wei­se redu­zier­te Man­del das Pro­blem der Revo­lu­ti­on auf eine Fra­ge der demo­kra­ti­schen Legi­ti­mi­tät, ohne auf die zen­tra­le Rol­le der Büro­kra­tien ein­zu­ge­hen. Er erkann­te also nicht, dass es sich nicht nur um ein ideo­lo­gi­sches Pro­blem, son­dern um ein Pro­blem der mate­ri­el­len Kräf­te han­delt. Trotz­kis Ein­schät­zung von Frank­reich ist ganz anders:

Die Volks­front-Koali­ti­on, die abso­lut macht­los gegen Faschis­mus, Krieg, Reak­ti­on usw. ist, erwies sich als eine gewal­ti­ge kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Brem­se für die Mas­sen­be­we­gung, unver­gleich­lich mäch­ti­ger als die Febru­ar­ko­ali­ti­on in Russ­land, weil (a) wir kei­ne all­mäch­ti­ge Arbei­ter­bü­ro­kra­tie hat­ten, ein­schließ­lich der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie; (b) wir eine bol­sche­wis­ti­sche Par­tei hat­ten.

Tat­säch­lich ent­wi­ckel­te sich nach der Macht­über­nah­me der Volks­front im Mai 1936 eine enor­me Streik­be­we­gung, in der sich mehr als zwei Mil­lio­nen Arbeiter:innen an Fabrik­be­set­zun­gen betei­lig­ten. Die Streiks war­fen die Macht­fra­ge auf, doch die Sozia­lis­ti­sche Par­tei und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei woll­ten sie im Gegen­zug für eine Rei­he von Zuge­ständ­nis­sen wie Lohn­er­hö­hun­gen, 40-Stun­den-Woche usw. been­den. Die­se Ope­ra­ti­on wur­de als Mati­gnon-Abkom­men bekannt. Danach folg­ten zwei Jah­re der Wäh­rungs­ab­wer­tung, Ent­las­sun­gen und Repres­si­on, die die­se Errun­gen­schaf­ten in Luft auf­lös­ten. Wäh­rend die­ser Zeit zer­stör­te die Bour­geoi­sie mit Hil­fe der Arbeiter:innenbürokratie die unter­schied­li­chen Wider­stands­her­de einen nach dem ande­ren und ver­hin­der­te auf die­se Wei­se eine zwei­te ver­all­ge­mei­ner­te Wel­le nach 1936. Schließ­lich ver­ließ die Volks­front die Büh­ne und mach­te der Regie­rung von Édouard Dala­di­er Platz, der die Münch­ner Abkom­men mit Hit­ler unter­zeich­ne­te. Die Streik­be­we­gung, die die Gren­zen des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staa­tes zu über­schrei­ten droh­te, stieß mit dem Vor­ge­hen der Volks­front­re­gie­rung zusam­men.

Viel näher an Trotz­kis Erklä­rung als an der von Man­del gelang­te Dani­el Gué­rin, der 1936 Mit­glied der Grup­pe von Pivert war, als er Jah­re spä­ter zu einer kri­ti­schen Bilanz die­ses Pro­zes­ses zurück­kehr­te und die Bedeu­tung der Trotz­ki auf­ge­wor­fe­nen Per­spek­ti­ve her­vor­hob. Er wies dar­auf hin:

Trotz­kis bewun­derns­wer­ter Arti­kel ‚Die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on hat begon­nen‘, der in der beschlag­nahm­ten Aus­ga­be von La Lut­te Ouvrie­re erschien, wur­de nur von weni­gen Ein­ge­weih­ten gele­sen. Hät­ten wir unse­ren Auf­trag inner­halb der Mas­sen­be­we­gung wirk­lich erfüllt, hät­ten wir ande­re wirk­sa­me Mit­tel gehabt, um uns Gehör zu ver­schaf­fen. Der Sta­li­nis­mus hat­te sei­ne Herr­schaft über die Mil­lio­nen neu gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ter Men­schen noch nicht gefes­tigt und wir hät­ten mit ihm kon­kur­rie­ren kön­nen. Die strei­ken­den Mas­sen waren sicher­lich nicht bewusst revo­lu­tio­när. Sie wur­den von unmit­tel­ba­ren Moti­ven ange­trie­ben: Brot und Men­schen­wür­de. […] Aber selbst blind oder zumin­dest ver­wirrt, so war das Ver­hal­ten der Mas­sen sicher revo­lu­tio­när, wenn auch nicht ganz bewusst, weil es mit der eta­blier­ten Ord­nung brach.

Und ange­sichts des­sen zieht er das bit­te­re Fazit: „Im Juni 1936 haben wir das Boot der Geschich­te ver­passt“19.

Das Pro­blem ist, dass sich in den „west­li­chen“ oder „ver­west­lich­ten“ For­ma­tio­nen die Ent­ste­hung der Dop­pel­macht von dem klas­si­schen Bei­spiel der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on unter­schei­det. Wie Juan Dal Maso her­vor­hebt, kämpft in letz­te­rer die Macht der Sowjets oder Räte direkt um die Über­nah­me der öffent­li­chen Funk­tio­nen, wäh­rend der Kampf in den „west­li­chen“ For­ma­tio­nen in ers­ter Linie über die Erobe­rung der Mas­sen läuft:

[D]ie Kon­zep­tua­li­sie­rung des inte­gra­len Staa­tes von Gram­sci (oder Trotz­kis Ana­ly­sen des Bona­par­tis­mus und der Ver­staat­li­chung der Gewerk­schaf­ten) machen deut­lich, dass der Kampf – in dem Maße, wie sie die Unter­schei­dung zwi­schen öffent­li­cher und pri­va­ter Sphä­re ver­wischt – in einem Rah­men statt­fin­det, in dem der Staat dazu ten­diert, die tra­di­tio­nel­len Arbeiter:innenorganisationen ein­zu­be­zie­hen, wes­halb die Ent­wick­lung von Instan­zen wie den Räten oder Sowjets einem Staat gegen­über­steht, der weit­ge­hend auf der Büro­kra­ti­sie­rung der Arbeiter:innenbewegung basiert.

Daher hat „die Ent­wick­lung von Orga­nen der Arbeiter:innenmacht die Auf­ga­be, die Ver­staat­li­chung zu bre­chen und auf die­ser Grund­la­ge die Hege­mo­nie auf­zu­bau­en, um die Macht zu erobern und einen Arbeiter:innenstaat zu schaf­fen, indem der bür­ger­li­che Staats­ap­pa­rat zer­stört wird.“20

Für die­ses Pro­blems for­mu­lier­te Trotz­ki eine Ant­wort, indem er die Idee der „Akti­ons­ko­mi­tees“ ver­all­ge­mei­ner­te und so Wege vor­schlug, wie selbst klei­ne Grup­pen einen Weg fin­den kön­nen, um Tei­le der Mas­sen zu beein­flus­sen. Dies kann gelin­gen, indem sie sich als Organisator:innen der Kraft aller kämp­fen­den Sek­to­ren bewei­sen. Ange­sichts der Büro­kra­tien, die den fran­zö­si­schen poli­ti­schen Raum beherrsch­ten, und der Schwä­che der Revolutionär:innen, erklär­te Trotz­ki 1935 in die­sem Sin­ne:

Es wäre absurd zu glau­ben, dass wir genug Zeit haben, um eine sehr mäch­ti­ge Par­tei zu schaf­fen, die alle ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen vor den ent­schei­den­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Faschis­mus oder vor dem Aus­bruch des Krie­ges aus­schal­ten könn­te. Aber es ist durch­aus mög­lich, in kur­zer Zeit – die Ereig­nis­se hel­fen – die brei­ten Mas­sen zwar nicht für unser Pro­gramm, nicht für die Vier­te Inter­na­tio­na­le, aber für die­se Akti­ons­ko­mi­tees zu gewin­nen. Aber sobald die­se Akti­ons­ko­mi­tees geschaf­fen sind, wür­den sie zu einem groß­ar­ti­gen Sprung­brett für eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei wer­den. In einem Akti­ons­ko­mi­tee wird Pivert zum Bei­spiel gezwun­gen sein, eine ganz ande­re Spra­che zu spre­chen als das Gestam­mel der Revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken. Die Auto­ri­tät und der Ein­fluss der muti­gen, ent­schlos­se­nen und weit­sich­ti­gen Ele­men­te wür­de sich sofort ver­zehn­facht. Das ist nicht ein­fach nur eine ande­re Ange­le­gen­heit, es ist eine Fra­ge von Leben und Tod.21

Und so war es dann auch.

Eine sehr aktuelle Diskussion

Die Situa­ti­on der Arbeiter:innenbewegung in den west­li­chen Län­dern hat sich seit dem von Trotz­ki ana­ly­sier­ten fran­zö­si­schen Pro­zess in den 1930er Jah­ren stark ver­än­dert. Selbst in jenem fran­zö­si­schen Mai 1968, wo – um Marx‘ Aus­spruch in Anleh­nung an Hegel auf­zu­neh­men, dass die gro­ßen Ereig­nis­se und Gestal­ten der Welt­ge­schich­te erst als Tra­gö­die und dann als Far­ce erschei­nen – die Hand­lung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei die Far­ce von 1936 war. Es han­delt sich jedoch nicht nur um eine Fra­ge des his­to­ri­schen Inter­es­ses.

Seit­dem haben sich die Cha­rak­te­ris­ti­ka der „west­li­chen“ sozio­po­li­ti­schen For­ma­tio­nen, die zu Trotz­kis und Gram­scis Zei­ten typisch für Euro­pa und eine Hand­voll zen­tra­ler Län­der waren, heu­te enorm auf die ver­schie­dens­ten Brei­ten­gra­de aus­ge­brei­tet. Obwohl in den letz­ten Jahr­zehn­ten mit dem Rück­zug und dem Sprung der Ver­staat­li­chung der Gewerk­schaf­ten die Funk­ti­on der Büro­kra­tien als Garan­tin­nen des Zer­split­te­rung der Klas­se in den Vor­der­grund trat, fand damit nicht die Liqui­die­rung des „inte­gra­len Staa­tes“ statt. Zusam­men mit der Neu­for­mu­lie­rung der Rol­le der tra­di­tio­nel­len Arbeiter:innenbürokratien haben sich par­al­lel „neue“ Büro­kra­tien ent­wi­ckelt, ange­sichts des Auf­stiegs der so genann­ten „neu­en sozia­len Bewe­gun­gen“. Auch die­se haben sich anschlie­ßend ver­staat­licht, ent­we­der durch die Ver­bin­dun­gen der so genann­ten NGOs mit dem Staat oder durch spe­zi­fi­sche staat­li­che „Abtei­lun­gen“ (Minis­te­ri­en, Sekre­ta­ria­te, Agen­tu­ren), die die Auf­ga­ben der Koop­tie­rung und Regle­men­tie­rung inner­halb der „Bewe­gun­gen“ erfül­len. Die einen und die ande­ren inter­agie­ren auf kom­ple­men­tä­re Wei­se. Ers­te­re beschrän­ken die gewerk­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen auf die am bes­ten gestell­ten Sek­to­ren der Arbeiter:innenklasse und legen einen Kor­po­ra­ti­vis­mus an den Tag, der sich gegen die Mas­sen wen­det. Letz­te­re agie­ren, indem sie den Kampf für bür­ger­li­che oder „sozia­le“ Rech­te von den For­de­run­gen der Arbeiter:innenklasse als Gan­zes tren­nen.

Wenn es in der Lin­ken heu­te eine Gefahr gibt, dann dem Druck des Staa­tes durch die Ver­wal­tung der Sozi­al­hil­fe in der Arbeits­lo­sen­be­we­gung nach­zu­ge­ben, oder sich an den Sta­tus Quo der Struk­tur der Gewerk­schaf­ten, an die stu­den­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on von Dienst­leis­tun­gen, an die „NGO-isie­rung“ und Ver­staat­li­chung von Bewe­gun­gen wie der Frauen‑, Umwelt- oder ande­ren Bewe­gun­gen oder an den Par­la­men­ta­ris­mus durch vom Klas­sen­kampf getrenn­te Par­la­ments­sit­ze anzu­pas­sen. Das heißt, die eige­ne Tätig­keit an die Struk­tu­ren des „erwei­ter­ten Staa­tes“ anzu­pas­sen. Erst recht in Situa­tio­nen wie der, die wir in Argen­ti­ni­en zu durch­lau­fen begin­nen, wo sich ein (noch begin­nen­des) vor­re­vo­lu­tio­nä­res Sta­di­um auf­tut.

In die­sem Rah­men gehen die von Trotz­ki skiz­zier­ten theo­re­ti­schen Ent­wick­lun­gen um die „Akti­ons­ko­mi­tees“ weit über die­se Komi­tees und ihre spe­zi­fi­sche For­mu­lie­rung für Frank­reich in den 1930er Jah­ren hin­aus. Sie wer­fen zum Einen das all­ge­mei­ne­re Pro­blem auf, dass „Sowjets“ oder „Räte“ nie aus dem Nichts kom­men, und schon gar nicht in kom­ple­xen „west­li­chen“ Gesell­schaf­ten, die durch die Aus­brei­tung von Büro­kra­tien in Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen gekenn­zeich­net sind. Obwohl wir uns hier nicht damit befas­sen kön­nen, wäre es nicht schwer, die­se Fra­ge im Arbeiter:innenaufstand der 1970er Jah­re in Argen­ti­ni­en und den vor­an­ge­gan­ge­nen Pro­zes­sen ab den 1960er Jah­ren nach­zu­zeich­nen, die schließ­lich zur Kon­sti­tu­ie­rung der Fabrik­ko­or­di­na­tio­nen im Jahr 1975 führ­ten.22 Und zum Ande­ren offen­ba­ren sie das Poten­zi­al die­ser poli­ti­schen Logik als Weg für revo­lu­tio­nä­re Par­tei­en, sich mit eini­gen tau­send Mit­glie­dern, die mit die­sen Pro­zes­sen ver­bun­den sind, einen Weg zu den Mas­sen zu eröff­nen und die Ein­heits­front effek­tiv durch­zu­set­zen. Was Trotz­kis Aus­ar­bei­tung zeigt, ist die Not­wen­dig­keit stän­di­ger Insti­tu­tio­nen der Sek­to­ren im Kampf, in die die Revolutionär:innen ihre gan­ze Ener­gie ste­cken, um kei­ne Gele­gen­heit zu ver­lie­ren, sie zu ent­wi­ckeln. Dies ist ein grund­le­gen­des Ele­ment, um zu ver­hin­dern, dass die Ener­gie der Mas­sen­be­we­gung in iso­lier­ten Kämp­fen ohne Kon­ti­nui­tät ver­wäs­sert wird. Sie die­nen der Her­aus­bil­dung der Arbeiter:innenklasse als Sub­jekt, indem sie die büro­kra­ti­sche Struk­tur spren­gen, die über der Arbeiter:innen- und Mas­sen­be­we­gung steht. Das ist die Quel­le, aus der die enor­me Kraft ent­sprin­gen kann, die für den Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei, die die­sen Namen ver­dient, not­wen­dig ist.

In Argen­ti­ni­en ist dies eine sehr aktu­el­le Debat­te, wo wir nach den Land­be­set­zun­gen von 2020, die ihr Epi­zen­trum in Guer­ni­ca hat­ten, bereits eine neue Wel­le von Kämp­fen in prak­tisch allen Pro­vin­zen erle­ben, die im Kon­trast zur Kom­pli­zen­schaft der Gewerk­schafts­füh­run­gen ange­sichts der Kri­se steht. Sek­to­ren von Arbeiter:innen haben ihre Unter­neh­men besetzt oder Blo­cka­den und Zelt­la­ger gegen die Schlie­ßun­gen und Mas­sen­ent­las­sun­gen errich­tet: in Kon­flik­ten wie in der Fleisch­ver­pa­ckungs­fa­brik Arre­beef, Hey Latam in Rosa­rio, Ter­ni­um Can­ning, usw. Die Kämp­fe rei­chen von klei­nen Betrie­ben über Mobi­li­sie­run­gen der Arbeits­lo­sen bis hin zu Streiks der gro­ßen Gewerk­schaf­ten wie der Lehrer:innengewerkschaften in Men­do­za, Tucu­mán, Neu­quén, Río Negro und ande­ren. Eini­ge die­ser Aktio­nen wer­den beglei­tet, oft durch die Auf­for­de­rung der Basis an ihre Gewerk­schafts­füh­run­gen, aber vie­le Kon­flik­te sind das Pro­dukt ech­ter anti­bü­ro­kra­ti­scher „Rebel­lio­nen“, die über die­se Füh­run­gen hin­aus­ge­hen, zum Bei­spiel im Gesund­heits­sek­tor in Neu­quén.

Alle Aspek­te, die wir in die­sem Arti­kel ent­wi­ckelt haben, sind ein wei­te­rer Beweis dafür, dass das Argu­ment, dass Trotz­ki nicht in der Lage gewe­sen sei, poli­ti­sche Struk­tu­ren und Stra­te­gien für den „Wes­ten“ zu erklä­ren, auf einer ober­fläch­li­chen Lek­tü­re sei­ner Theo­rie im All­ge­mei­nen und sei­ner Kon­zep­ti­on der Stra­te­gie im Beson­de­ren beruht. Sowohl vul­gä­re als auch aka­de­mi­sche Her­an­ge­hens­wei­sen an Gram­scis und Trotz­kis Wer­ke, die sie außer­halb der Geschich­te plat­zie­ren – mit ihren kon­kre­ten Kämp­fen und den Pro­ble­men, die sie zu beant­wor­ten such­ten –, las­sen bei­sei­te, was für revo­lu­tio­nä­re Marxist:innen ein unschätz­ba­res Gut ist, wenn sie über den Mar­xis­mus als Anlei­tung zum Han­deln nach­den­ken. Und genau dort erhal­ten die Aus­ar­bei­tun­gen, mit denen wir uns beschäf­tigt haben – sowohl die von Gram­sci über den Staat als auch die von Trotz­ki als Theo­re­ti­ker und Stra­te­ge nicht nur der Revo­lu­ti­on im Osten, son­dern auch im Wes­ten – ihre vol­le Dimen­si­on.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst auf Spa­nisch bei Ide­as de Izquier­da.

Fuß­no­ten

1. Micha­el Bura­woy, „Two methods in search of sci­ence. Skoc­pol ver­sus Trot­s­ky“, in: Theo­ry and Socie­ty 18 (1989), S. 759–805, hier: S. 789, online abruf­bar unter: http://burawoy.berkeley.edu/Methodology/Two%20Methods.T&S.pdf. Eige­ne Über­set­zung.

2. Razmig Keu­cheyan, „Machia­vel, la poli­tique, le prince moder­ne et les clas­ses sub­al­ter­nes“, in: Anto­nio Gram­sci, Guer­re de mou­ve­ment et guer­re de posi­ti­on, París, La fab­ri­que, 2011, S. 163. Eige­ne Über­set­zung.

3. Per­ry Ander­son, Anto­nio Gram­sci: Eine kri­ti­sche Wür­di­gung, Ber­lin, Olle und Wol­ter, 1979, S. 105.

4. Emi­lio Alb­a­mon­te und Matí­as Mai­el­lo, Est­ra­te­gia socia­lis­ta y arte mili­tar, Bue­nos Aires, Edi­cio­nes IPS, 2017.

5. Dazu bemerkt Gram­sci, dass „die sozia­len Ele­men­te die­ser neu­en For­ma­ti­on, die zuvor kei­ne Rol­le spiel­ten, […] durch den blo­ßen Fakt ihrer Ver­ei­ni­gung die poli­ti­sche Struk­tur der Gesell­schaft ver­än­dern“. „Der moder­ne Staat ersetzt den mecha­ni­schen Block der gesell­schaft­li­chen Grup­pen durch ihre Unter­ord­nung unter die akti­ve Hege­mo­nie der füh­ren­den und herr­schen­den Grup­pe, besei­tigt folg­lich eini­ge Selb­stän­dig­kei­ten, die jedoch in ande­ren For­men, als Par­tei­en, Gewerk­schaf­ten, Bil­dungs­ver­ei­ne wie­der­erste­hen.“ (Anto­nio Gram­sci, „Eini­ge all­ge­mei­ne Noti­zen zur geschicht­li­chen Ent­wick­lung der sub­al­ter­nen gesell­schaft­li­chen Grup­pen im Mit­tel­al­ter in Rom“, H25, §4, Gefäng­nis­hef­te, 10 Bde., Ham­burg, Argu­ment, S. 2191ff.). In dem­sel­ben Sinn haben wir in „Trotz­ki, Gram­sci und die kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie“ geschrie­ben, dass Trotz­ki in die­sen Insti­tu­tio­nen „Ele­men­te der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie“ sah, die die Arbeiter:innenklasse in ihrem Kampf in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ent­wi­ckelt (Leo Trotz­ki, „Gespräch mit einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter“).

6. Vgl. Emi­lio Alb­a­mon­te und Matí­as Mai­el­lo, Est­ra­te­gia socia­lis­ta y arte mili­tar, a.a.O., Kapi­tel 9; und Juan Dal Maso, El mar­xis­mo de Gram­sci, Bue­nos Aires, Edi­cio­nes IPS, 2017.

7. Anto­nio Gram­sci, „Der Cäsa­ris­mus“ (H13, §27), in: Gefäng­nis­hef­te, a.a.O., S. 1592ff.

9. Die Kom­mu­nis­ti­sche Liga, die trotz­kis­ti­sche Grup­pe in Frank­reich, benann­te sich in Bol­sche­wis­tisch-Leni­nis­ti­sche Grup­pe um und trat der SFIO bei. Die­se Poli­tik wur­de als „fran­zö­si­sche Wen­de“ bekannt und bestand in dem tak­ti­schen Schritt des „Ent­ris­mus“ in die sozia­lis­ti­schen Par­tei­en mit dem Ziel, sich mit den Sek­to­ren der Arbeiter:innenbewegung zu ver­bin­den, die sich radi­ka­li­sier­ten und die­sen Par­tei­en bei­tra­ten, und auf die­ser Grund­la­ge den Auf­bau unab­hän­gi­ger revo­lu­tio­nä­rer Par­tei­en zu stär­ken.

10. Vgl. Jean-Paul Jou­bert, „Trot­s­ky y el Fren­te Popu­lar“.

11. Laut dem Sta­li­nis­mus eröff­ne­te sich ab 1928 die „drit­te Peri­ode“, die letz­te des Kapi­ta­lis­mus, in der die­ser bald ver­schwin­den wür­de. Des­halb ist die Poli­tik der Drit­ten Inter­na­tio­na­le zwi­schen 1928 und 1934, die von Sta­lin ange­führt wur­de und die durch Ultra­links­tum und die Wei­ge­rung, Ein­heits­fron­ten mit ande­ren Arbeiter:innenorganisationen auf­zu­bau­en, cha­rak­te­ri­siert war, unter die­sem Namen bekannt.

12. Mar­ceau Pivert (1895–1958) hat­te sich der Sozia­lis­ti­schen Par­tei nach der Spal­tung von Tours ange­schlos­sen. Er war Anfüh­rer der „Einheits“-Tendenz Sozia­lis­ti­scher Kampf und einer der Anfüh­rer der Sei­ne-Föde­ra­ti­on. Im Sep­tem­ber 1935 grün­de­te er die Revo­lu­tio­nä­re Lin­ke der Sozia­lis­ti­schen Par­tei.

13. Gram­sci, Anto­nio, „Fra­ge des ‚Kol­lek­tiv­men­schen‘ oder des ‚gesell­schaft­li­chen Kon­for­mis­mus’“, H13, §7, Gefäng­nis­hef­te, a.a.O., S. 1544f.

14. Pal­mi­ro Togliat­ti war Anfüh­rer der Ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und Vor­den­ker der „Wen­de von Saler­no“, wel­che mit dem Pakt mit Mar­schall Bado­glio, der „natio­na­len Ein­heit“ und der Ent­waff­nung der Partisan:innen eine zen­tra­le Rol­le in der Ret­tung des ita­lie­ni­schen Kapi­ta­lis­mus am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs spiel­te. Die Par­tei ver­wan­del­te sich in einen Stütz­pfei­ler für die Bour­geoi­sie in der gesam­ten fol­gen­den Peri­ode.

15. Vgl. Emi­lio Alb­a­mon­te und Matí­as Mai­el­lo, „Trotz­ki, Gram­sci und die kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie“.

16. Eine beson­de­re Erwäh­nung ver­die­nen gewis­se Strö­mun­gen der Lin­ken, die die PTS für ihre Annä­he­rung an Gram­scis Den­ken kri­ti­siert haben, wel­che dazu geführt hät­te, die Theo­rie des mar­xis­ti­schen Staa­tes und des Kamp­fes um die Revo­lu­ti­on auf­zu­ge­ben und durch einen „Kampf um die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie“ zu erset­zen. Damit haben die­se Kritiker:innen nur bewie­sen, dass ihre Lek­tü­re von Gram­sci nie über die – wenn über­haupt – ers­ten paar Sei­ten einer von Togliat­tis Zusam­men­stel­lun­gen hin­aus­ge­kom­men ist. Gram­sci hat sei­ne Stär­ken und sei­ne Zwei­deu­tig­kei­ten, aber wie Juan Dal Maso in sei­nen Büchern („El mar­xis­mo de Gram­sci“ und „Hege­monía y lucha de cla­ses“) zeigt, ist die Gleich­set­zung des Den­kens des Autors der Gefäng­nis­hef­te mit Togliat­tis refor­mis­ti­scher Inter­pre­ta­ti­on eben­so lächer­lich wie die ober­fläch­li­che Wie­der­ho­lung von Gram­scis Fehl­cha­rak­te­ri­sie­run­gen von Trotz­kis Den­ken, wie es vie­le „Gram­scia­ner“ tun.

17. Vgl. das Inter­view mit Nicos Pou­lant­z­as von Hen­ri Weber, „L’État et la tran­si­ti­on au socia­lisme“, in: Cri­tique Com­mu­nis­te Nr. 16, Juni 1977.

18. Vgl. Ernest Man­del, „Con­si­der­a­cio­nes sob­re est­ra­te­gia revo­lu­cio­na­ria“ (Inter­view von Hen­ry Weber), in: Crí­ti­ca de la eco­nomía polí­ti­ca Nr. 26, Mexi­ko, El Cabal­li­to, 1984, S. 114.

19. Dani­el Gué­rin, Front Popu­lai­re, révo­lu­ti­on man­quée, Mar­seil­le, Ago­ne, 2013. Eige­ne Über­set­zung. Wir dan­ken Juan Dal Maso, uns auf die­se inter­es­san­ten Schluss­fol­ge­run­gen von Gué­rin auf­merk­sam gemacht zu haben, und ins­ge­samt sowohl ihm als auch Fre­dy Lizar­ra­gue für ihre Mei­nun­gen und Bei­trä­ge, die zur End­fas­sung die­ses Art­kels bei­getra­gen haben.

20. Juan Dal Maso, Hege­monía y lucha de cla­ses, Bue­nos Aires, Edi­cio­nes IPS, 2018, S. 83. Eige­ne Über­set­zung.

21. Brief von Trotz­ki an Jean Rous, 13. Novem­ber 1935. Eige­ne Über­set­zung

22. Vgl. Ruth Wer­ner und Facun­do Aguir­re, Insur­gen­cia Obre­ra en la Argen­ti­na 1969–1976, Bue­nos Aires, Edi­cio­nes IPS, 2009.

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