[UG-Blättle:]Die Stadt übernehmen: Der Kampf der Arbeiter*innenklasse in Italien in ihren Gemeinden (Lotta Continua)

Aus­führ­li­che Doku­men­ta­ti­on über den Häu­ser- und Klas­sen­kampf in Ita­li­en der 70er Jah­re.

Bild: Demons­tra­ti­on der Lot­ta Con­ti­nua Bewe­gung, 1973. /​Unknown aut­hor (PD)

Der fol­gen­den Text von ‘Lot­ta Con­ti­nua’ über den pro­le­ta­ri­schen Kampf in Ita­li­en Anfang der 1970er um Wohn­raum, men­schen­wür­di­ge­re Wohn­ver­hält­nis­se, die Bewe­gun­gen zu Beset­zung und Miet­streik, den Zusam­men­hang von Fabrik und Sied­lung, den gros­sen Anteil der Frau­en an die­sen Bewe­gun­gen, den Kampf im Süder des Lan­des dar­um, dass die eige­nen Kin­der über­haupt über die Grund­schu­le hin­aus Bil­dung erhal­ten, erschien 1973 in einer eng­lisch­spra­chi­gen Ver­si­on in ‘Radi­cal Ame­ri­ca’ und wur­de 2006 von den Genoss*innen von lib­com online gestellt.

Mailand

Mai­land ist die gröss­te Indus­trie­stadt Ita­li­ens. Neben einer gros­sen Anzahl mit­tel­gros­ser Fabri­ken gibt es meh­re­re rie­si­ge Indus­trie­an­la­gen – OM (Last­wa­gen), Pirel­li (Rei­fen), Sit Sie­mens (Elek­tro­ge­rä­te), Alfa-Romeo (Autos). Zusam­men mit Turin „zieht“ es jeden Monat 2.000 Arbei­ter aus dem Süden an. Wäh­rend der Kämp­fe des „Heis­sen Herbs­tes“ 1969 waren die­se Wan­der­ar­bei­ter sehr mili­tant. Der wich­tigs­te Aspekt die­ser Kämp­fe war die Lek­ti­on, die sie den Men­schen ver­mit­tel­ten, wie sie sich in ihrem eige­nen Namen und auf ihre eige­ne Wei­se orga­ni­sie­ren kön­nen. Bei Pirel­li zum Bei­spiel wur­de der Kampf durch die “Ver­ei­nig­ten Basis Komi­tees” orga­ni­siert, die mit der Unter­stüt­zung von Stu­den­ten gegrün­det wur­den. Es war die­se Art von Erfah­rung, die die Vor­be­din­gung für die all­ge­mei­ne­ren Kämp­fe war, die sich aus­ser­halb der Fabri­ken ent­wi­ckeln soll­ten.

Mai­land kann in vier Berei­che unter­teilt wer­den:

(a) Das Stadt­zen­trum: Ban­ken, Geschäf­te, Läden, Hotels und Luxus­woh­nun­gen.

(b) Alte Arbei­ter­vier­tel, aus denen die Arbei­te­rIn­nen ver­drängt wer­den. Die­se Gebie­te wer­den von der tra­di­tio­nel­len Mai­län­der Arbei­ter­klas­se, Rent­nern, klei­nen Laden­be­sit­zern und Nach­kriegs­mi­gran­ten aus dem Süden bewohnt. Die meis­ten die­ser Men­schen ste­hen auf der War­te­lis­te der städ­ti­schen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten. Die Woh­nun­gen in die­sen Vier­teln sind eine Mischung aus frü­hen, kom­mu­na­len Vor­krieg­zeits­woh­nun­gen und sehr alten Häu­sern in Pri­vat­be­sitz, die kei­ner­lei Kom­fort bie­ten. Die pri­va­ten Eigen­tü­mer – der gröss­te ist Ceschi­ni – kas­sie­ren Mil­lio­nen an Mie­te. Die­se alten Arbei­ter­vier­tel haben Tra­di­tio­nen, Geschich­te und ein loka­les Gemein­schafts­le­ben, das sie zu ganz ande­ren Orten zum Leben macht als die neu­en Arbei­ter­vier­tel. In den älte­ren Vier­teln hat sich der Kampf um Wohn­raum so ent­wi­ckelt, dass es dar­um geht, die alten Woh­nun­gen bewohn­bar zu machen, die Mie­te zu sen­ken und gegen die Zwangs­räu­mung von Mie­tern zu kämp­fen, was die Ver­mie­ter ger­ne ver­su­chen, um die Woh­nun­gen zu reno­vie­ren und sie an jeman­den mit Geld zu ver­kau­fen. In ande­ren Fäl­len kas­sie­ren Ver­mie­ter jah­re­lang Mie­ten und Neben­kos­ten ein, ohne Repa­ra­tu­ren vor­zu­neh­men. Sie las­sen Woh­nun­gen so her­un­ter­kom­men, dass sie die Erlaub­nis bekom­men, sie abzu­reis­sen und an ihrer Stel­le Luxus­woh­nun­gen zu bau­en.

(c) Kom­mu­na­le Wohn­ge­bie­te, in denen die aus dem inner­städ­ti­schen Bereich ver­trie­be­nen Arbei­ter­klas­sen unter­ge­bracht wer­den – Quar­to Oggi­a­ro, Gala­ra­te­se, Rod­za­no und so wei­ter. In die­sen Sied­lun­gen leben auch Wan­der­ar­bei­ter mit Kin­dern, die in Mai­land gebo­ren sind, und eine Grup­pe von Streik­bre­chern – Klein­bür­ger, Poli­zis­ten, Beam­te, Stadt­wa­chen -, die dort ein­ge­setzt wer­den, um mili­tan­te Mie­ter aus­zu­spio­nie­ren und die Soli­da­ri­tät der Mie­ter zu bre­chen. Die städ­ti­schen Wohn­ge­bie­te sind das Herz der Woh­nungs­kämp­fe in Mai­land.

(d) Aus­sen­be­zir­ke: Das sind Orte wie Bol­la­ge, Nova­te, Desio, Ses­to und Cini­s­el­la, die um Fabri­ken wie Snia, Auto­bi­an­ci, Alfa, Inno­cen­ti her­um ent­stan­den sind. Sie exis­tie­ren nur, um den Fabrik­ar­bei­tern einen Platz zum Schla­fen zu bie­ten. Selbst hier sind die Mie­ten hoch (12,50 $ pro Woche für eine Ein-Zim­mer-Woh­nung, 15,50 $ pro Woche für eine Zwei-Zim­mer-Woh­nung), und es gibt kei­ne Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Geschäf­te oder öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel. Die Woh­nun­gen hier sind ent­we­der Genos­sen­schafts­woh­nun­gen oder Bara­cken, die meist die ein­zi­ge Unter­kunft für neu zuge­zo­ge­ne Süd­staat­ler sind.

Der Kampf um Wohnraum

Die Woh­nungs­kämp­fe in Mai­land kon­zen­trie­ren sich auf den kom­mu­na­len Woh­nungs­bau. Um eine kom­mu­na­le Woh­nung zu bekom­men, muss man einen fes­ten Arbeits­platz nach­wei­sen, und die War­te­zeit beträgt min­des­tens fünf Jah­re. Ein Jahr Wohn­sitz in Mai­land ist auch erfor­der­lich, bevor man auf die War­te­lis­te kommt. Das schliesst neu zuge­zo­ge­ne Süd­län­der, Arbei­ter, die nur sai­so­nal arbei­ten (z.B. Bau­ar­bei­ter), Teil­zeit­be­schäf­tig­te, Arbeits­lo­se und die Tau­sen­den, die nicht wis­sen, wie man die For­mu­la­re aus­füllt, sofort aus.

1964 waren 5 % der Fami­li­en in städ­ti­schen Woh­nun­gen mit der Mie­te im Rück­stand. Bis 1971 war die­ser Anteil auf 18% gestie­gen. In die­sem Zeit­raum ver­lo­ren die Woh­nungs­be­hör­den 8.750.000 $. Zehn­tau­send Fami­li­en erhiel­ten Mah­nun­gen, und es gab 750 Zwangs­räu­mun­gen. Auf dem Höhe­punkt des Kamp­fes waren 25% der Fami­li­en in Gala­ra­te­se mit der Mie­te im Rück­stand, 45% der Fami­li­en in Quar­to Oggi­a­ro und 50% der Fami­li­en in Rod­za­no.

Der Kampf begann im Jahr 1968. In Quar­to Oggi­a­ro, als 30.000 Fami­li­en in städ­ti­schen Woh­nun­gen mit einer 30%igen Miet­erhö­hung kon­fron­tiert wur­den, ent­stand eine ers­te Mie­ter­or­ga­ni­sa­ti­on. In die­sem Jahr gin­gen sie von Tür zu Tür und orga­ni­sier­ten öffent­li­che Ver­samm­lun­gen. Bis Juni 1968 befan­den sich 700 Fami­li­en im tota­len Miet­streik. Die Ten­ants’ Uni­on ver­brei­te­te den Kampf mit der For­de­rung, dass die Mie­te nicht mehr als 10 % des Lohns betra­gen soll­te. Im Sep­tem­ber 1968 wur­den vier Men­schen bei einer Zwangs­räu­mung ver­haf­tet. Kin­der grif­fen Poli­zei­au­tos an, und Frau­en blo­ckier­ten die Trep­pen, die zu den Woh­nun­gen führ­ten. Die Mie­ter­ge­werk­schaft wuchs, und die Bru­ta­li­tät der Poli­zei mach­te die Men­schen noch wüten­der. Im April 1970 wur­den 500 Poli­zis­ten benö­tigt, um eine ein­zi­ge Fami­lie zu räu­men.

Mietstreik

Am 1. Mai 1970 demons­trier­ten etwa 2.000 Men­schen in den Stras­sen von Quar­to Oggi­a­ro. Dies war ein defi­ni­ti­ver Bruch mit der Tra­di­ti­on der „öffent­li­chen Umzü­ge“, die von den poli­ti­schen Par­tei­en und den Gewerk­schaf­ten orga­ni­siert wur­den. Die Men­schen gin­gen auf die Stras­sen ihrer eige­nen Gemein­de. Der Marsch war eine Gele­gen­heit für die Men­schen, ihre wach­sen­de Stär­ke und Ein­heit zu erken­nen und ihren Kampf wei­ter zu ent­wi­ckeln. Er gip­fel­te in einer Mas­sen­ver­samm­lung, die auf einem Platz im Zen­trum des Vier­tels statt­fand, wo eine gros­se Anzahl von Men­schen über ihre Erfah­run­gen sprach.

„Was die Mie­ter­ge­werk­schaft anstrebt, ist die Ver­knüp­fung der Kämp­fe in den loka­len Fabri­ken mit denen in der Gemein­de. Aber obwohl eine sol­che Ver­knüp­fung uns unschlag­bar machen wür­de, wird sie von den Gewerk­schaf­ten auf gan­zer Linie behin­dert. Weil sie Angst haben, die Kon­trol­le über das Volk zu ver­lie­ren – Angst, dass sie den Vor­stoss der Aus­ge­beu­te­ten zur Ent­fal­tung ihrer eige­nen Macht nicht kon­trol­lie­ren kön­nen.”

Eine älte­re Frau aus dem Vier­tel: „Wir Mie­ter began­nen unse­ren Kampf im Janu­ar 1968. Ich war eine der ers­ten Frau­en, die auf­hör­te, Mie­te zu zah­len. Trotz der vie­len Schwie­rig­kei­ten hat sich unser Kampf ent­wi­ckelt. Die jun­gen Leu­te aus der Gegend haben viel Ärger gehabt, Tag und Nacht. Aber wir sind fest ent­schlos­sen. Wenn jemand in den Miet­streik tritt, wird ihn nie­mand ver­trei­ben kön­nen. Jedes Mal, wenn die Poli­zei kommt, wer­den wir da sein, alle zusam­men, vor der Tür, um sie dar­an zu hin­dern.”

„Vor nicht all­zu lan­ger Zeit wur­den 500 Poli­zis­ten von der Via­le Roma­gna her­un­ter­ge­schickt – 500 Poli­zis­ten, um die Fami­lie eines armen Arbei­ters auf die Stras­se zu wer­fen. Wie kommt es, dass, wenn frü­her Hun­der­te von Räu­mun­gen mit nur einem Beam­ten durch­ge­führt wur­den, es jetzt eine gan­ze Armee braucht?“

„Weil sich hier in Quar­to Oggi­a­ro Men­schen zusam­men­ge­tan haben, um zu kämp­fen. Denn hier in Quar­to Oggi­a­ro gibt es die Mie­ter­ge­werk­schaft. Wir benut­zen eine neue Art von Waf­fe, um gegen die stei­gen­den Lebens­hal­tungs­kos­ten zu kämp­fen, gegen die die Aus­beu­tung durch die Bos­se durch unse­ren eige­nen Woh­nun­gen. Es ist etwas wirk­lich Effek­ti­ves – ein Miet­streik.”

„Ich spre­che jetzt nicht zu den jun­gen Leu­ten, zu den Jugend­li­chen in der Gegend, die an der Spit­ze unse­res Kamp­fes ste­hen. Ich möch­te etwas zu den Frau­en sagen, die hier leben. Vie­le von ihnen sind immer noch nicht invol­viert und haben die Bedeu­tung die­ses Streiks nicht erkannt.”

„In den zwei Jah­ren und fünf Mona­ten, in denen ich gestreikt habe, habe ich eine Men­ge Geld gespart. Ich füh­le mich gesün­der. Ich hat­te mehr Geld, um es den Kin­dern zu geben, denen, die es wirk­lich brau­chen. Ich hat­te etwas Geld, um es ein paar Rent­nern zu geben. Ich sage das alles nicht, um Ihnen gros­se Illu­sio­nen über mich zu ver­mit­teln. Aber den­ken Sie mal kurz nach. Anstatt Ihr Geld den Bos­sen zu geben, behal­ten Sie es für sich selbst. Geben Sie es den Kin­dern. Geben Sie es den Arbei­tern, die sich in den Fabri­ken abmü­hen und jahr­ein, jahr­aus aus­ge­beu­tet wer­den.

„Die Leu­te reden über die Fabrik­ver­trä­ge im Heis­sen Herbst. Was haben die Arbei­ter gewon­nen? Nichts – abso­lut nichts! Ich weiss, wie es um die Finan­zen mei­ner Fami­lie bestellt ist. Wenn Sie ein­kau­fen gehen, sehen Sie, dass die Prei­se jeden Tag stei­gen. Ich wür­de sagen, wir haben schlecht abge­schnit­ten. Sie kön­nen lachen – die Klu­gen, die Refor­mer, all die­se männ­li­chen Poli­ti­ker. Aber wir nähern uns der Wahl­zeit, und wir wer­den unse­re Stim­me denen geben, die sie ver­die­nen – und das ist kei­ner von ihnen!”

„Essen Sie Filetsteaks … geben Sie Ihr hart ver­dien­tes Geld nicht den Die­ben in der Via­le Roma­gna!”

„Nach­dem die­se 500 Poli­zis­ten nach Quar­to Oggi­a­ro kamen, wei­te­te sich unser Kampf auf das Hun­dert­fa­che aus. Sogar noch am nächs­ten Tag. Jeder, der noch Mie­te zahlt, soll sich das mer­ken: Ihr wer­det kei­nen Pfen­nig davon von den Behör­den zurück­be­kom­men. Nehmt euch ein Bei­spiel an den jun­gen Leu­ten – auch wenn ihr ihnen oft kei­ne Ver­ant­wor­tung gebt, da sie noch so jung sind. Sie sind viel zäher und muti­ger als wir, denn nach 50 Jah­ren Kampf kön­nen wir nicht mehr die glei­chen Ergeb­nis­se erzie­len wie frü­her.”

„Per­sön­lich kann ich fol­gen­des sagen. Seit ich zum ers­ten Mal in den Miet­streik getre­ten bin, ist es für mich bes­ser gelau­fen. Lang lebe die Arbei­ter­klas­se! Und es lebe der Kampf der Mie­te­rin­nen und Mie­ter!“

Eine Arbei­te­rin von Fiar: „Nach vier Mona­ten Streik in den Fabri­ken hat­te ich Schwie­rig­kei­ten, von einem Lohn zu leben, der ein­fach nicht aus­reich­te. Ich habe drei Kin­der, die alle sehr jung sind und mir sehr am Her­zen lie­gen. Und ich konn­te mir die Mie­te, die ich an die­sen pri­va­ten Ver­mie­ter zahl­te, ein­fach nicht leis­ten. Also lies­sen sie mich raus­wer­fen. Ich habe von nie­man­dem Hil­fe bekom­men.”

„Dann hör­te ich, dass in Quar­to Oggi­a­ro eine Woh­nung leer steht, und ich beschloss, sie zu beset­zen. Jetzt haben mir die Behör­den gesagt, dass ich in zehn Tagen wie­der raus muss. Nun, die Behör­den soll­ten das bes­ser ler­nen: Ich lie­be mei­ne Kin­der und ich wer­de dafür sor­gen, dass sie ein Dach über dem Kopf haben. Und ich kann ihnen eini­ges bei­brin­gen.

„Ein Zuhau­se ist ein Recht, und im Namen die­ses Rechts habe ich mir eins genom­men!“

Ein Arbei­ter aus Quar­to Oggi­a­ro: „Kame­ra­den, die Frau von Fiar, die gera­de gespro­chen hat… Ich glau­be, das Wesent­li­che von dem, was sie gesagt hat, ist ganz klar. Hier in Quar­to Oggi­a­ro gibt es Dut­zen­de von Fami­li­en, abge­se­hen von denen, die im Miet­streik sind, die eine Woh­nung brauch­ten und ange­fan­gen haben, sie zu beset­zen, ohne zu wei­nen oder zu bet­teln. Jetzt hat der Gemein­de­rat, die­se Män­ner mit Bür­ger­sinn, die Fami­li­en ins Rat­haus geru­fen, um ihnen zu sagen, dass sie in den nächs­ten 10 Tagen raus müs­sen. Wir sind nicht nur hier­her gekom­men, um einen Marsch zur Fei­er des 1. Mai zu ver­an­stal­ten. Die Schwes­ter, die gera­de gespro­chen hat, darf nicht aus ihrem Haus ver­trie­ben wer­den. Denn wenn wir heu­te so zahl­reich hier­her kom­men kön­nen, dann wer­den wir beim nächs­ten Mal mehr sein. Und wir wer­den uns vor die­ses Haus stel­len. Die Poli­zei wird sie nicht raus­schmeis­sen, weil sie nicht die Kraft dazu haben wird.”

„Der heu­ti­ge 1. Mai ist von den bür­ger­li­chen Poli­ti­kern als ein Tag ver­ord­net wor­den, der gefei­ert wer­den soll. Aber für uns gibt es kei­nen Grund zum Fei­ern, weil wir immer noch aus­ge­beu­tet wer­den, weil sie uns immer noch aus unse­ren Häu­sern raus­schmeis­sen, und weil wir ein Fest wol­len, das wirk­lich uns gehört. Alle Leu­te hier wis­sen, was ich sagen will, von wel­chem Fes­ti­val ich spre­che.”

„Wir sind die­je­ni­gen, die die Häu­ser bau­en. Wir sind die­je­ni­gen, die in den Fabri­ken arbei­ten. Ohne die Arbei­ter­klas­se gäbe es nichts. Wer ist es, der die Waren her­stellt? Wer ist es, der die gan­ze Arbeit macht? Wer ist es, der es mög­lich macht, dass alle davon pro­fi­tie­ren? Wir!”

„Die Häu­ser gehö­ren uns, weil wir sie bau­en und brau­chen, und des­halb neh­men wir sie uns auch!“

Ein Spre­cher der Mie­ter­ge­werk­schaft: „Im Juni fin­den die Wah­len statt. Bald wird das gan­ze par­la­men­ta­ri­sche Gesin­del eine Show ver­an­stal­ten, auch in die­ser Gegend. Sie wer­den kom­men, einen Hau­fen Ver­spre­chun­gen machen und ver­su­chen, unse­re Stim­men zu kau­fen! Auch wenn sie uns in nor­ma­len Zei­ten wie Bür­ger zwei­ter Klas­se behan­deln und die Poli­zei auf uns het­zen, wenn unse­re Stim­me so viel wert ist wie die von Big Boss Pirel­li und sie sie brau­chen, um ihre Macht zu stär­ken, sie­he da, dann kom­men sie per­sön­lich hier­her. Was für eine Frech­heit, dass die­se Her­ren hier­her kom­men und nach Stim­men suchen! Schau­en Sie ihnen direkt ins Gesicht und Sie wer­den sehen, dass es die­sel­ben sind, die die Räu­mun­gen anord­nen und so tun, als wären sie empört, wenn die Räu­mun­gen tat­säch­lich statt­fin­den.”

„In unse­rer Gegend gibt es Hun­der­te von Men­schen, denen die Mie­te gemin­dert wur­de, nur weil sie auf den Zug die­ser oder jener poli­ti­schen Par­tei auf­ge­sprun­gen sind. Müs­sen wir das auch tun? Nein! Wir sagen, dass Woh­nen ein Recht ist, gebaut mit unse­rem Geld und Schweiss. Also wer­den wir den Miet­streik fort­set­zen, bis wir die Bos­se und die fal­schen Freun­de, die ver­su­chen, unse­ren Kampf zu rui­nie­ren, besiegt haben. Die Bos­se tun alles, was in ihrer Macht steht, um unse­ren Kamp­fes­wil­len zu bre­chen – Ein­schüch­te­rung, Kor­rup­ti­ons­ver­su­che, Gewalt. Es gibt nichts, zu dem sie sich nicht her­ab­las­sen wür­den, um zu ver­su­chen, die Kon­trol­le wie­der­zu­er­lan­gen. Sie haben sogar Miet­re­du­zie­run­gen und Miet­nach­läs­se für Häu­ser, die nach 1963 gebaut wur­den, gewährt. Aber kein ein­zi­ges die­ser Manö­ver hat funk­tio­niert. Unser Kampf ist immer noch unge­bro­chen.”

„Was die Mie­ter­ge­werk­schaft anstrebt, ist die Ver­knüp­fung der Kämp­fe in den loka­len Fabri­ken mit denen in der Gemein­de. Aber obwohl eine sol­che Ver­knüp­fung uns unschlag­bar machen wür­de, wird sie von den Gewerk­schaf­ten auf gan­zer Linie behin­dert. Weil sie Angst haben, die Kon­trol­le über das Volk zu ver­lie­ren – Angst, dass sie den Vor­stoss der Aus­ge­beu­te­ten zur Ent­fal­tung ihrer eige­nen Macht nicht kon­trol­lie­ren kön­nen.”

„Um das zu ver­deut­li­chen, schau­en wir uns ein ganz kon­kre­tes Bei­spiel an. Im Febru­ar nutz­te das Ord­nungs­amt zusam­men mit der Poli­zei die Abwe­sen­heit eines Mie­ters aus, um sei­ne Möbel auf die Stras­se zu wer­fen. Eini­ge Frau­en aus dem Ort erzähl­ten es meh­re­ren Genos­sen, die dar­auf­hin began­nen, sich zu mobi­li­sie­ren. Sie sag­ten es den Arbei­tern in einer nahe­ge­le­ge­nen Fabrik, die sofort die Werk­zeu­ge nie­der­leg­ten und die Fabrik ver­lies­sen, um das Recht die­ses Man­nes auf ein Haus zu schüt­zen. Inner­halb einer Stun­de wur­den alle Möbel des Arbei­ters wie­der an ihren Platz gestellt, die Tür wur­de wie­der ver­schlos­sen und ein neu­es Vor­hän­ge­schloss ange­bracht, direkt vor den Augen des Offi­ziers.”

„Bis jetzt ist mit Aus­nah­me des letz­ten Mal, als 500 Poli­zis­ten vor Ort waren, noch kei­ne ein­zi­ge Räu­mung gelun­gen. Denn die Men­schen hier sind mobi­li­siert und ver­eint. Mor­gens, wenn der Mann vom Ord­nungs­amt vor­bei­kommt und die meis­ten Arbei­ter bei der Arbeit sind, spie­len die Frau­en und Kin­der die Haupt­rol­le. Ein­mal haben sie die Rei­fen eines Poli­zei­au­tos auf­ge­schlitzt, und die Poli­zis­ten muss­ten zu Fuss nach Hau­se gehen!

„Genos­sen, lasst uns die Bot­schaft des Miet­streiks in die Fabri­ken tra­gen; lasst uns den Kampf in der Fabrik und den Kampf in der Gemein­de zusam­men­brin­gen. Auf die­se Wei­se wer­den wir in der Lage sein, unse­re Stär­ke und unse­re Macht zu rea­li­sie­ren – die Macht des Vol­kes!“

Besetzungen

Es wur­de nun not­wen­dig, den Kampf in Quar­to Oggi­a­ro als Teil des gesam­ten Kamp­fes der Arbei­ter­klas­se zu sehen und ihn auf alle ande­ren Aspek­te der sozia­len Unter­drü­ckung aus­zu­wei­ten – Prei­se, Gesund­heit, Bil­dung, Trans­port. Dies führ­te zu den Streik­pos­ten in den ört­li­chen Super­märk­ten (der UPIM) und dem Streik der Schü­ler der Sekun­dar­stu­fe über den Preis der Bücher.

Die Men­schen von Quar­to Oggi­a­ro haben sich gewei­gert, ihren Kampf von poli­ti­schen Par­tei­en oder ande­ren soge­nann­ten „Ver­tre­tern“ der Arbei­ter­klas­se ver­ein­nah­men oder beein­flus­sen zu las­sen. Die Mie­ter­ge­werk­schaft ist eine Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on, die unab­hän­gig von jeder Par­tei oder Gewerk­schaft ist. Die KP, die eine Peti­ti­on an das Par­la­ment schi­cken woll­te, wur­de als Kari­ka­tur gese­hen. Dar­über hin­aus haben die Men­schen erkannt, dass der Kampf um Wohn­raum nicht auf den Kampf der Mie­ter und die Miet­fra­ge beschränkt wer­den kann. Aus eige­ner Initia­ti­ve haben sie Men­schen im Miet­streik, von Zwangs­räu­mung bedroh­te Men­schen, Haus­be­set­zer und obdach­lo­se Fami­li­en zusam­men­ge­bracht. Nach eini­gen ver­ein­zel­ten Haus­be­set­zun­gen in Quar­to Oggi­a­ro und im nahe­ge­le­ge­nen Gala­ra­te­se, wo 10 Fami­li­en im Sep­tem­ber 1970 ein Gebäu­de besetz­ten, began­nen die Leu­te, sich über die Mie­ter­ver­ei­ni­gung auf die Mas­sen­be­set­zun­gen vor­zu­be­rei­ten, die Anfang 1971 ent­stan­den.

Am Frei­tag, dem 22. Janu­ar 1971, besetz­ten 25 Fami­li­en einen moder­nen Wohn­block in der Via Mac Mahon, der der IACP gehör­te und leer stand. Sie waren alle Opfer frü­he­rer Räu­mun­gen und leb­ten in spe­zi­el­len Zen­tren, die für „obdach­lo­se Fami­li­en“ ein­ge­rich­tet wor­den waren. In den Zen­tren leben, schla­fen und kochen zwi­schen 5 und 11 Per­so­nen in einem oder zwei Zim­mern. Die Toi­let­ten bestehen aus beeng­ten Schrän­ken, in denen man nicht ein­mal auf­ste­hen kann. Unge­zie­fer und Krank­hei­ten sind all­ge­gen­wär­tig. Weil die Men­schen in den Zen­tren von den ört­li­chen Chefs als „unzu­ver­läs­sig“ ange­se­hen wer­den, ist die Arbeits­lo­sen­quo­te sehr hoch. Die­je­ni­gen, die Arbeit haben, müs­sen kilo­me­ter­weit fah­ren, um sie zu errei­chen.

Die Woh­nun­gen, in die die Fami­li­en ein­ge­zo­gen sind, wur­den angeb­lich für die Arbei­ter­klas­se gebaut. Sie kos­te­ten 14.000.000 Lira (23.330 $) in bar oder 22.000.000 Lira (36.660 $) in Raten (5800 $ Anzah­lung und knapp 120 $ monat­lich) – offen­sicht­lich weit jen­seits der Mög­lich­kei­ten eines jeden Arbei­ters, ob beschäf­tigt oder nicht.

In den Woh­nun­gen ange­kom­men, began­nen die Fami­li­en, Bar­ri­ka­den zu errich­ten, rote Fah­nen auf­zu­hän­gen und Trans­pa­ren­te auf­zu­span­nen. Am ande­ren Ende der Stras­se hing ein Trans­pa­rent mit der Auf­schrift „Alle Macht dem Volk“. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis Grup­pen von Jour­na­lis­ten am Ort des Gesche­hens ein­tra­fen, und es kam zu lan­gen Debat­ten zwi­schen ihnen und den Haus­be­set­zern. Am nächs­ten Mor­gen tra­fen wei­te­re Fami­li­en ein. Es wur­den Samm­lun­gen orga­ni­siert, um das Nötigs­te zu kau­fen. Ande­re Leu­te mach­ten sich auf den Weg, um in der Gegend Unter­stüt­zung zu gewin­nen, fuh­ren mit Laut­spre­cher­wa­gen durch die Gegend und hiel­ten an Stras­sen­ecken Ver­samm­lun­gen ab.

Um 14:30 Uhr traf die Poli­zei ein – etwa 2.000 von ihnen, bis an die Zäh­ne bewaff­net. Sie umstell­ten sofort das Gebäu­de und began­nen, es von hin­ten anzu­grei­fen, um von der Stras­se aus nicht gese­hen zu wer­den. Sie waren sehr bös­ar­tig. Kanis­ter mit Trä­nen­gas wur­den direkt auf die Haus­be­set­zer abge­feu­ert. (Das ist heut­zu­ta­ge eine übli­che Poli­zei­pra­xis.) Etwa 65 Leu­te wur­den schliess­lich zum Ver­hör mit­ge­nom­men, und 25 von ihnen wur­den ver­haf­tet. Den­je­ni­gen, die blie­ben, wur­de ange­bo­ten, sie zurück in das Zen­trum für obdach­lo­se Fami­li­en“ zu brin­gen. Dies lehn­ten sie ver­ächt­lich ab: „Ich bin zu Fuss gekom­men und ich wer­de zu Fuss gehen.“

Draus­sen begann sich eine gros­se Men­schen­men­ge zu ver­sam­meln. Die Men­schen for­mier­ten sich zum Pro­test­marsch, als die Poli­zei erneut angriff und noch mehr Trä­nen­gas ein­setz­te. Trotz­dem schaff­te es der Marsch, sich zu for­mie­ren, und die Leu­te mach­ten sich auf den Weg durch die Nach­bar­schaft zum ört­li­chen Markt. Hier beschlos­sen die Fami­li­en, das Sozi­al­zen­trum in Quar­to Oggi­a­ro zu beset­zen, anstatt in das Zen­trum der „Obdach­lo­sen­fa­mi­li­en“ zurück­zu­keh­ren. „Lasst die Chefs gehen und im Zen­trum woh­nen, wir gehen nicht zurück.“

In den nächs­ten Wochen bot der Rat den Fami­li­en eini­ge Häu­ser sofort und den Rest so schnell wie mög­lich an. Die Fami­li­en lehn­ten die­ses Ange­bot ab und hiel­ten zusam­men, bis sie alle umge­sie­delt waren. Als die Leu­te, die wäh­rend der Räu­mung ver­haf­tet wur­den, vor Gericht kamen, war der Gerichts­saal voll und der „Fall“ gegen sie wur­de ein­fach weg­ge­lacht.

Via Tibaldi

Die Beset­zung in der Via Tibal­di war ein gros­ser Schritt nach vorn. Ein gan­zes Vier­tel war dar­an betei­ligt: Fabri­ken, Schu­len, Wohn­pro­jek­te nah­men an der Orga­ni­sie­rung des Kamp­fes teil. In der Via Tibal­di wur­de ein Sieg errun­gen, weil sich dort alle des The­mas bewusst waren: Es gab 70 Migran­ten­fa­mi­li­en, denen der Rat einen Platz ver­spro­chen hat­te und die umge­sie­delt wer­den muss­ten.

Als es zur Kon­fron­ta­ti­on kam, war klar, wer auf wel­cher Sei­te stand: Es waren obdach­lo­se Fami­li­en, Arbei­ter und Stu­den­ten gegen die Bos­se, die Gewerk­schaf­ten, die Woh­nungs­ver­wal­tung und die Poli­zei. In den sechs Tagen der Gewalt besetz­ten die Men­schen alles – Häu­ser, die Stras­sen, das Rat­haus, Poli­zei­wa­gen und die Archi­tek­tur­fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät. Tau­sen­de von Poli­zis­ten wur­den gegen die an den Beset­zun­gen Betei­lig­ten mobi­li­siert. An einem Tag gab es zwei Ver­su­che, alle zu räu­men. Die Repres­si­ons­kräf­te grif­fen mit Trä­nen­gas an und schlu­gen auf jeden ein, der sich ihnen in den Weg stell­te. Zwei­mal wur­den sie zurück­ge­schla­gen. Nach dem drit­ten Ver­such, sie zu ver­trei­ben, stimm­ten die Beset­ze­rIn­nen zu, vor­über­ge­hend von einer Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­ti­on unter­ge­bracht zu wer­den.

Dies war ein tak­ti­scher Rück­zug.

Der Bür­ger­meis­ter und sein Mob waren gezwun­gen, ein­zu­len­ken. Den besetz­ten Fami­li­en und 140 wei­te­ren Fami­li­en, die geräumt wor­den waren und in Wohn­hei­men auf ihre Umsied­lung war­te­ten, wur­den Häu­ser zuge­wie­sen. Das Bünd­nis von Arbei­tern, Stu­den­ten und Mie­tern, das vor und wäh­rend der „Ein­nah­me der Via Tibal­di“ geschmie­det wur­de, zeigt, wie stark die Arbei­ter­klas­se ist, wenn sie gemein­sam kämpft. Mit die­sem Bünd­nis ging die Arbei­ter­klas­se in die Offen­si­ve und errang im Juni 1971 einen ful­mi­nan­ten Sieg.

Die Beset­zung beginnt am Diens­tag­mor­gen. Die Beset­zer sind fast alle aus dem Süden – Arbei­ter bei Pirel­li und ande­ren, klei­ne­ren Fabri­ken, Bau­ar­bei­ter und Arbeits­lo­se. Eini­ge der Leu­te waren schon an ande­ren Kämp­fen betei­ligt: Vor die­ser Beset­zung waren die Fami­li­en aus Cre­scenz­a­go im Miet­streik.

Die Beset­zung wird durch ein stän­di­ges Kom­men und Gehen von Arbei­tern (vie­le von ihnen von OM, einer gros­sen Fabrik nur 150 Meter ent­fernt), Stu­den­ten und Ein­hei­mi­schen, die die Akti­on unter­stüt­zen, ver­stärkt. Sie bie­ten Hil­fe an, brin­gen nütz­li­che Mate­ria­li­en und arbei­ten an der Sei­te der Beset­zer. Auch die Arbei­ter, die mit dem Bau die­ses Wohn­blocks beschäf­tigt sind, sym­pa­thi­sie­ren. Die Fir­ma, für die sie arbei­ten, steht kurz vor der Schlies­sung.

Durch die zwei­mo­na­ti­ge Orga­ni­sa­ti­on, die der Beset­zung vor­aus­ge­gan­gen war, weiss ganz Mai­land davon. Auch Ania­si, der Bür­ger­meis­ter, und die Beam­ten der IACP (der staat­li­chen Bau­be­hör­de) wis­sen Bescheid. Fast gleich­zei­tig begin­nen bei­de, die Ver­ant­wor­tung zu leug­nen.

Auf den Stras­sen wer­den Bar­ri­ka­den errich­tet, vor allem von den Frau­en und Kin­dern.

Mitt­woch. Eine Demons­tra­ti­on wird orga­ni­siert, um zur Por­ta Tici­ne­se zu gehen. Es ist das Fest des Naviglio, und die Leu­te glau­ben, dass Ania­si dort sein wird. Die Fami­li­en wol­len ein paar Wor­te mit ihm wech­seln und ihn wis­sen las­sen, dass sie zu allem bereit sind. Ange­führt wird der Marsch von einem Trans­pa­rent mit der Auf­schrift „Häu­ser beset­zen!“ Es gibt Dut­zen­de von roten Fah­nen. Die Demons­tran­ten zie­hen los und rufen „Wir wol­len Häu­ser JETZT!“, “ Kos­ten­lo­se Häu­ser für Arbei­ter!“ und „Es lebe der Kom­mu­nis­mus!“ Als sie die Por­ta Tici­ne­se errei­chen, stel­len sie fest, dass Ania­si gegan­gen ist. Also klet­tern alle auf die Tri­bü­ne und beset­zen sie für eine Wei­le. Dann, als immer mehr Leu­te dazu­kom­men, machen sie sich auf den Weg zurück zum Wohn­haus.

Don­ners­tag. Die Fami­li­en beschlies­sen, dass der Kampf mili­tan­ter wer­den muss. Etwa zwan­zig Leu­te gehen zum Mari­no-Palast, zu einer Sit­zung des Rates. Wie­der ein­mal wei­gern sie sich, zuzu­hö­ren. Ein Raum im Rat­haus ist von 17 Uhr bis Mit­ter­nacht besetzt. Als sie zurück in die Via Tibal­di kom­men, gibt es eine Ver­samm­lung der Fami­li­en­ober­häup­ter, die beschliesst, dass der Kampf bis zum bit­te­ren Ende wei­ter­ge­hen muss. Nie­mand erwähnt auch nur die Idee, das Gebäu­de auf­zu­ge­ben. Inzwi­schen weiss ganz Mai­land, dass wir in der Via Tibal­di sind, und es kom­men immer wie­der neue Fami­li­en hin­zu. Die Leu­te, die die Woh­nun­gen im Mac Mahon besetzt und gewon­nen haben, kom­men, um uns zu unter­stüt­zen. Es gibt auch vie­le Dis­kus­sio­nen über neue For­men des Kamp­fes. In den nächs­ten Tagen wird eine gros­se Demons­tra­ti­on orga­ni­siert, um zu zei­gen, dass wir nicht die Absicht haben, nach­zu­ge­ben.

Frei­tag Nach­mit­tag. Cata­la­no trifft ein, geschickt von der Stadt­ver­wal­tung und der IACP. Die­ser Beam­te hat den Ruf, Arbei­ter in Bara­cken­sied­lun­gen zu pfer­chen, nach­dem er ihnen Woh­nun­gen ver­spro­chen hat. Cata­la­no will eine Lis­te der betrof­fe­nen Fami­li­en. Er bekommt sie, aber er wird auch von einem ech­ten Volks­tri­bu­nal ver­ur­teilt. Die Leu­te sagen ihm, was sie von ihm hal­ten – dass er nichts als ein Lakai der Bos­se ist, eine Rat­te und ein Aus­beu­ter. Eine Men­ge von Arbei­tern umringt ihn und schreit: „Wir krie­gen die Woh­nun­gen, und ihr könnt euch für die Mie­ten voll­lau­fen las­sen!“ Als er ankam, war er sehr stolz, aber als er eini­ge Stun­den spä­ter geht, ist er blass und zit­tert. Und er muss­te den Haus­be­set­zern ein paar fes­te Zusa­gen machen.

Sams­tag. Die Mobi­li­sie­rung geht wei­ter. Am Nach­mit­tag wird eine wei­te­re Bar­ri­ka­de auf den Stras­sen errich­tet.

Sonn­tag­mor­gen;. Zwei­tau­send Poli­zis­ten tref­fen ein, um die Via Tibal­di zu räu­men. Das Rat­haus und die Bos­se haben beschlos­sen, dass sie die­se Leu­te aus­schal­ten müs­sen, die in sechs Tagen des Kamp­fes zu einem Bezugs­punkt und einem Orga­ni­sa­ti­ons­zen­trum für die gesam­te Arbei­ter­klas­se von Mai­land gewor­den sind. Alle Haus­be­set­zer wis­sen, dass sie das Recht haben, das zu ver­tei­di­gen, was sie genom­men haben und was ihnen recht­mäs­sig gehört. Aber es geht mehr dar­um, unse­re Stär­ke auf­zu­bau­en und sie zum rich­ti­gen Zeit­punkt ein­zu­set­zen. Am Sonn­tag­mor­gen sind wir noch zu schwach. Nach lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Poli­zei beschlies­sen die Beset­zer, das Gebäu­de zu ver­las­sen und in die Archi­tek­tur­fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät zu zie­hen, auf Ein­la­dung der Stu­den­ten.

Am Sonn­tag­abend tref­fen 3.000 Poli­zis­ten ein, um alle aus der Archi­tek­tur­fa­kul­tät zu ver­trei­ben. Sie den­ken, dass es genau­so ein­fach sein wird wie am Mor­gen. Sie könn­ten sich nicht mehr irren. Wäh­rend die Poli­zei­kom­man­dos ihre Posi­tio­nen ein­neh­men, beschliesst eine Ver­samm­lung aller Fami­li­en, dass sie sich die­ses Mal selbst ver­tei­di­gen müs­sen und dass sie stark genug sind, das zu tun. Und die Poli­zis­ten wer­den für die Räu­mung der Via Tibal­di bezah­len.

Wie­der ein­mal geht die gan­ze Orga­ni­sa­ti­on von den beset­zen­den Fami­li­en aus. Frau­en und Kin­der in den obe­ren Eta­gen, alle Män­ner unten hin­ter den Toren, dem Über­fall­kom­man­do zuge­wandt. Um 23 Uhr stür­men die Bul­len. Aber sie ver­bren­nen sich die Fin­ger. Sie hat­ten nicht mit der hef­ti­gen und kraft­vol­len Reak­ti­on der Men­schen im Inne­ren des Gebäu­des gerech­net, auch nicht mit dem Angriff von hin­ten durch Men­schen, die es nicht geschafft haben, ins Inne­re zu gelan­gen. Als sie es schliess­lich schaf­fen, in das Gebäu­de ein­zu­drin­gen, fin­det die Poli­zei dort nie­man­den vor. Alle haben es geschafft, das Gebäu­de zu ver­las­sen und grup­pie­ren sich auf den Stras­sen, bereit, den Kampf fort­zu­set­zen. Nach­dem das Trä­nen­gas aus­ge­gan­gen ist, zieht sich das Ein­satz­kom­man­do zurück, völ­lig des­ori­en­tiert, ange­grif­fen von den Beset­zern. Wir kön­nen nicht mehr zäh­len, wie vie­le Jeeps mit Stei­nen demo­liert wur­den. Die gan­ze Sache dau­ert bis zwei Uhr mor­gens.

Mon­tag­mor­gen. Ange­hö­ri­ge aller Fami­li­en tref­fen sich auf dem Uni­ver­si­täts­ge­län­de. Sie sind alle da. Man beschliesst, mit zu einem Tref­fen der Archi­tek­tur­stu­den­ten zu gehen. Hier, am Nach­mit­tag, wer­den eini­ge der Beset­zer aus­ge­wählt, um den Kampf in der Via Tibal­di zu erklä­ren. Es wird der Vor­schlag gemacht, den Kampf der Stu­den­ten enger mit dem der „Obdach­lo­sen“ zu ver­bin­den. Auf der Grund­la­ge die­ses Vor­schlags beschliesst die Ver­samm­lung, dass die Fami­li­en spä­ter am Tag die Archi­tek­tur­fa­kul­tät erneut beset­zen sol­len. Der Fakul­täts­rat beschliesst, ein stän­di­ges Semi­nar über das Woh­nungs­pro­blem mit den Leu­ten aus der Via Tibal­di, die „Exper­ten“ für die­ses The­ma sind, zu initi­ie­ren.

An der Archi­tek­tur­fa­kul­tät wer­den Ent­schei­dun­gen über die Fort­set­zung des Kamp­fes wie immer allein von der Fami­li­en­ver­samm­lung getrof­fen, die sich zwei­mal täg­lich trifft. Wäh­rend einer die­ser Ver­samm­lun­gen wird eine gros­se Demons­tra­ti­on für den fol­gen­den Sams­tag vor­ge­schla­gen. Das wird hel­fen, den­je­ni­gen, die nicht direkt betei­ligt sind, die Bedeu­tung des Kamp­fes nahe zu brin­gen. Die­se Demons­tra­ti­on soll 30.000 Men­schen mobi­li­sie­ren! https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​H​V​j​d​K​4​4​z​Vw0 Mitt­woch – fünf Uhr mor­gens. Die Poli­zei umstellt das gesam­te Uni­ver­si­täts­ge­län­de in drei gros­sen Rin­gen. Der Ver­kehr ist völ­lig zum Erlie­gen gekom­men. Es ist ein Kräf­te­mes­sen. 250 Stu­den­ten wer­den ver­haf­tet, dazu ein Dut­zend Dozen­ten und sogar der Dekan der Fakul­tät! Die Fami­li­en wer­den wie­der in Poli­zei­wa­gen abtrans­por­tiert. Ein paar Stun­den spä­ter wird eine Gene­ral­ver­samm­lung im Poly­tech­ni­kum eben­falls von der Poli­zei auf­ge­löst. Vit­to­ria, der Poli­zei­chef, De Pep­po, der Gene­ral­pro­ku­ra­tor der Repu­blik, und Ania­si, der Bür­ger­meis­ter, den­ken, sie hät­ten end­lich besiegt, was ursprüng­lich nicht mehr als ein paar Dut­zend Fami­li­en war, aber zum Sym­bol der Mai­län­der Arbei­ter­klas­se wur­de. Sie hät­ten sich nicht mehr irren kön­nen!

Mitt­wochs ist Abend­essens­zeit. Alle Fami­li­en essen in der Kan­ti­ne der ACLI (Akti­ons­grup­pe der katho­li­schen Arbei­ter Ita­li­ens), wo man ihnen Unter­schlupf gewährt hat. Von nun an kann sich nie­mand mehr dem Kampf in der Via Tibal­di ent­zie­hen. Die herr­schen­de Klas­se ist in enor­men Wider­sprü­chen gefan­gen und ver­sucht, die For­de­run­gen unter einen Hut zu brin­gen, die aus allen Rich­tun­gen kom­men – von einem Teil der PSI und den Gemein­de­rä­ten; von der KP und der ACLI, von denen sie immer dach­ten, sie stün­den unter ihrer Fuch­tel; von der FIM (eine der Metall­ar­bei­ter­ge­werk­schaf­ten, deren Mit­glie­der beson­ders mili­tant sind).

Eini­ge Befeh­le kom­men aus Rom, ande­re von den loka­len Arbeit­ge­bern. Die gröss­te Gefahr ist, dass sich der Kampf aus­brei­tet. Das ist es, was ihnen Alp­träu­me berei­tet. Und die Fami­li­en tun alles, was in ihrer Macht steht, um das zu errei­chen – indem sie die Demons­tra­ti­on am Sams­tag orga­ni­sie­ren, indem sie mit Pla­ka­ten und Flug­blät­tern vor die Fabrik­to­re gehen, indem sie eine Dele­ga­ti­on zum Kon­gress der ACLI und zur Gene­ral­ver­samm­lung der Stu­den­ten­be­we­gung schi­cken, wo sie einen stür­mi­schen Emp­fang erfah­ren. Und vor jeder Akti­on ent­schei­det die Ver­samm­lung der Fami­li­en, was gesagt wer­den soll, wel­che Linie zu ver­fol­gen ist und wel­che Vor­schlä­ge ein­zu­brin­gen sind.

Für Ania­si und Co. ist die Sache gelau­fen. Cata­la­no, der­sel­be Boten­jun­ge, der so arro­gant in die Via Tibal­di gekom­men war, eilt nun mit einem Ange­bot zu den ACLI. „Zu vage“, sagen die Fami­li­en. „Ihre Wor­te und Ver­spre­chun­gen wer­den nicht aus­rei­chen, um das Woh­nungs­pro­blem jetzt zu lösen. Wir wol­len eine schrift­li­che Ver­ein­ba­rung, die von Ania­si und dem Stadt­rat unter­schrie­ben wird.“ Zwei Stun­den spä­ter ist die Ver­ein­ba­rung da!

Bis zum 31. Juli wird der Rat 200 Woh­nun­gen ver­ge­ben, nicht nur an die Fami­li­en aus der Via Tibal­di, son­dern auch an 140 ande­re, die sich in einer ähn­li­chen Situa­ti­on befin­den. Jede Fami­lie wird 100.000 Lira (1.665 Dol­lar) Ent­schä­di­gung erhal­ten, plus 15.000 Lira (250 Dol­lar) für jedes Fami­li­en­mit­glied. Eine drei­mo­na­ti­ge Kau­ti­on vor dem Ein­zug in die Woh­nun­gen ist nicht vor­ge­schrie­ben. Alle Zwangs­räu­mun­gen und alle Miet­rück­stän­de wer­den vom Rat ein­ge­fro­ren.

Wäh­rend die­ser vier­zehn Tage des Kamp­fes hat sich kei­ner der Beset­zer vor­stel­len kön­nen, dass der Kampf der Arbei­ter um Wohn­raum in der Via Tibal­di enden wür­de, noch dass das ein­zi­ge Pro­blem dar­in besteht, eine neue Woh­nung zu bekom­men. Die­ser Kampf ist nur ein Anfang. Jetzt wol­len die Fami­li­en hel­fen, den Kampf gegen Mie­ten, Fahr­prei­se und Prei­se zu orga­ni­sie­ren. Es muss viel Arbeit geleis­tet wer­den, um Infor­ma­tio­nen in den loka­len Fabri­ken zu ver­brei­ten. Aus die­sem Grund ist die Ver­samm­lung der Fami­li­en aus der Via Tibal­di zu einer stän­di­gen Ein­rich­tung gewor­den, an der Men­schen aus allen Stadt­tei­len Mai­lands teil­neh­men.

ROM

Rom ist eine der ers­ten Sta­tio­nen auf der Rou­te, die die vom Land im Süden ver­trie­be­nen Men­schen in die Indus­trie­städ­te des Nor­dens bringt. Zwi­schen 1951 und 1969 wuchs die Bevöl­ke­rung der Stadt um durch­schnitt­lich 60.000 pro Jahr. Es gibt nur weni­ge regu­lä­re Arbeits­plät­ze für die­se Migran­ten, denn abge­se­hen von Dienst­leis­tungs­be­trie­ben und dem Bau­ge­wer­be ist die meis­te Arbeit dort Büro­ar­beit und wird als „Gefäl­lig­keit“ auf Geheiss der loka­len Poli­ti­ker ver­ge­ben. Es gibt 40.000 Arbeits­lo­se, vie­le von ihnen sind jun­ge Leu­te.

Da es die Poli­tik der herr­schen­den Klas­se ist, die Arbei­ter dazu zu zwingt, zu den Indus­trie­ar­beits­plät­zen im Nor­den zu zie­hen, wer­den in Rom kaum miet­güns­ti­ge Sozi­al­woh­nun­gen gebaut. In den ent­le­ge­nen Slums leben 100.000 Fami­li­en. Bau­ar­bei­ter, neu zuge­zo­ge­ne Immi­gran­ten, Arbeits­lo­se, Rent­ner; sie leben ent­we­der in Bara­cken­sied­lun­gen oder in Woh­nun­gen, die von meh­re­ren Fami­li­en gemein­sam genutzt wer­den. Wei­te­re 62.000 Fami­li­en leben in pri­va­ten Unter­künf­ten und zah­len Mie­ten zwi­schen 40.000 und 80.000 Lira (650 bis 1300 Dol­lar pro Monat).

Der Kampf um bil­li­ge­ren Wohn­raum begann 1969, als die Men­schen began­nen, Luxus­woh­nun­gen im Stadt­zen­trum zu beset­zen, die von Spe­ku­lan­ten leer ste­hen gelas­sen wur­den (Tufel­lo: 125 Fami­li­en; Celio: 225 Fami­li­en; Via Piga­fetta: 155 Fami­li­en; Via Pra­ti: 290 Fami­li­en). Der Kampf wei­te­te sich bald auf die in Miets­ka­ser­nen leben­den Fami­li­en aus, die in den Miet­streik tra­ten und kol­lek­ti­ve Wege des Kamp­fes gegen Zwangs­räu­mun­gen ent­wi­ckel­ten. Da die Men­schen aus den Bara­cken­sied­lun­gen nichts zu ver­lie­ren haben, sind ihre Kämp­fe oft direkt und gewalt­tä­tig gewe­sen. Bevor sie ihre Hüt­ten ver­lies­sen, haben sie sie oft nie­der­ge­brannt und waren ent­schlos­sen, nie wie­der zurück­zu­keh­ren. In den jüngs­ten Kämp­fen haben Bau­ar­bei­ter eine wich­ti­ge Rol­le gespielt. In der Via Alboc­cio­ne schlos­sen sich Bau­ar­bei­ter 205 Fami­li­en an, um die Häu­ser zu beset­zen, die sie gera­de gebaut hat­ten.

Die Klinik des Volkes – Juni 1971

In San Basi­lio, einem der abge­le­ge­nen Ghet­to­ge­bie­te Roms, hat sich eine Bewe­gung von Men­schen ent­wi­ckelt, die gegen ihre mise­ra­blen, unmensch­li­chen Lebens­be­din­gun­gen kämp­fen. In die­sem Elends­vier­tel sind 40.000 Men­schen gefan­gen. In den letz­ten Mona­ten waren etwa 100 Fami­li­en im Miet­streik. Das begann als spon­ta­ner Pro­test, und jetzt wird es immer orga­ni­sier­ter. Es bahnt sich eine regel­rech­te Kon­fron­ta­ti­on mit der IACP wegen über­höh­ter Mie­ten, Zah­lungs­rück­stän­den und Räu­mungs­dro­hun­gen an. Der Miet­streik wird zu einem wich­ti­gen The­ma für die gan­ze Gemein­de, mit Mas­sen­ver­samm­lun­gen, Pro­test­mär­schen und Demons­tra­tio­nen.

Letz­tes Wochen­en­de gab es ein Tref­fen, um die Ergeb­nis­se einer gros­sen Anzahl von Trep­pen­haus­ver­samm­lun­gen zu inte­grie­ren. Unge­fähr 800 Fami­li­en waren an die­sen Tref­fen betei­ligt, die vom San Basi­lio Collec­ti­ve, einer Grup­pe von Frau­en und Arbei­tern aus der Gegend, zusam­men mit einer Rei­he von Stu­den­ten orga­ni­siert wur­den.

Bei die­sem zen­tra­len Tref­fen wur­den neue Akti­ons­plä­ne und Ideen dis­ku­tiert, die von den Men­schen vor Ort ein­ge­bracht wor­den waren. Es gab sehr hef­ti­ge Kri­tik an den feh­len­den medi­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen in der Gegend – kei­ne Ers­te-Hil­fe-Sta­ti­on und kei­ne Kli­nik, wobei das nächst­ge­le­ge­ne medi­zi­ni­sche Zen­trum die Kli­nik im Kran­ken­haus in Rom ist. Es wur­de beschlos­sen, einen Kampf zu begin­nen, um eine Kli­nik und ein anstän­di­ges medi­zi­ni­sches Zen­trum in der Gegend zu errich­ten.

Am Mitt­woch, nach­dem eine Depu­ta­ti­on zum x‑ten Mal zum Rat gegan­gen und immer noch nicht emp­fan­gen wor­den war, wur­de beschlos­sen, das benach­bar­te Ises Cen­ter zu beset­zen. Die Beset­zung fand nach einem Tref­fen und einer Demons­tra­ti­on statt, die quer durch das Vier­tel ging. Die Betei­li­gung von Frau­en, Arbei­tern und Jugend­li­chen und die Unter­stüt­zung durch die Anwoh­ner ver­hin­der­ten jeg­li­che Akti­on oder Ein­schüch­te­rungs­ver­su­che der Poli­zei.

Die Leu­te, die das Zen­trum über­nah­men, for­mier­ten sich zu einer stän­di­gen Ver­samm­lung, die die gan­ze Nacht dort blieb. Sie ver­schick­ten einen Auf­ruf an alle lin­ken Ärz­te, sich mit ihnen in Ver­bin­dung zu set­zen. In der Zwi­schen­zeit spra­chen die Leu­te über die unmensch­li­chen Bedin­gun­gen, unter denen sie leben und die die Ursa­che für vie­le ihrer Krank­hei­ten sind. Sie erkann­ten, dass man die Aus­beu­tung in den Fabri­ken, wo die Men­schen Smog ein­at­men und sich an den Fliess­bän­dern den Rücken bre­chen, und auf den Bau­stel­len, wo die Men­schen in Regen, Staub und Schlamm arbei­ten, abschaf­fen muss, wenn man die Krank­hei­ten los­wer­den will. Seit Jah­ren ste­hen die Men­schen in den Kli­ni­ken der Kran­ken­kas­sen Schlan­ge, um die übli­che Pil­le zu bekom­men und dann zu sagen, dass sie kei­ne Pla­ge sein sol­len. Sie haben es satt, Pil­len und Medi­ka­men­te zu schlu­cken, die nichts ande­res bewir­ken, als die Medi­ka­men­ten­her­stel­ler reich zu machen. Sie haben die Nase voll von Ärz­ten und ande­ren, die von ihren Krank­hei­ten leben. Sie haben es satt, zusam­men­ge­flickt zu wer­den, damit sie wei­ter­ar­bei­ten und für den Chef pro­du­zie­ren kön­nen, um dann wie­der krank zu wer­den und für wei­te­re Ope­ra­tio­nen wie­der­kom­men zu müs­sen.

Die Men­schen wol­len auch anstän­di­ge Orte zum Leben, an denen Typhus und Hepa­ti­tis nicht wegen schlech­ter Ent­wäs­se­rung und Kana­li­sa­ti­on gras­sie­ren. Und sie wol­len genug Geld haben, um anstän­di­ges Essen zu kau­fen. Es gibt nicht genug Grün­flä­chen in der Gegend, und wie jemand sag­te: „Die­se Woh­nun­gen wur­den gebaut, um dar­in krank zu wer­den, nicht um dar­in zu leben.“ San Basi­lio wur­de nicht gebaut, um die Bedürf­nis­se der Men­schen zu befrie­di­gen, son­dern um die Plä­ne der Bos­se zu erfül­len. „San Basi­lio ist wie die Bara­cken­sied­lun­gen von FIAT in Turin“, sag­te ein Bau­ar­bei­ter. „Zumin­dest hat es die glei­che Funk­ti­on – die Arbei­ter aus dem Weg zu räu­men.“

Am Sonn­tag gab es ein gros­ses Tref­fen aller Men­schen in San Basi­lio und ein Fest zur Ein­wei­hung der „Volks­kli­nik“, die inzwi­schen voll funk­ti­ons­fä­hig ist. Acht­zig Arbei­ter, Frau­en und Jugend­li­che tra­fen sich mit den Ärz­ten in der Haupt­hal­le des Zen­trums. Ein lan­ges Trans­pa­rent wur­de auf­ge­hängt mit dem Slo­gan, der die Gefüh­le der Men­schen zusam­men­fasst: „Der ein­zi­ge Weg, etwas zu bekom­men, ist durch Kampf.“

Bei die­sem Tref­fen wur­de die Rol­le der Kli­nik defi­niert. Eine Frau sag­te: „Die­se Kli­nik ist mehr als etwas, das auf die wirk­li­chen Bedürf­nis­se der Men­schen hier reagiert. Sie ist ein ers­ter Schritt zur Been­di­gung unse­rer Aus­beu­tung.“

Die “Volks­kli­nik” wird von Ärz­ten betrie­ben, die ihre Diens­te kos­ten­los zur Ver­fü­gung stel­len und vor allem den Kin­dern, die gezwun­gen sind, auf den Stras­sen zu spie­len, die vol­ler Glas­scher­ben und Müll sind, kos­ten­lo­se Medi­ka­men­te und medi­zi­ni­sche Hil­fe geben. Die Kli­nik ist auch ein Zen­trum für poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen und für die Orga­ni­sa­ti­on ande­rer Kämp­fe, die in der Gegend geführt wer­den – sei es der Kampf gegen die Faschis­ten und die Poli­zei, oder die Durch­füh­rung des Miet­streiks und der Haus­be­set­zun­gen. Die Auf­ga­be der Ärz­te beschränkt sich näm­lich nicht nur dar­auf, ihre „Diens­te“ zur Ver­fü­gung zu stel­len, son­dern erstreckt sich auf die Teil­nah­me an allen Kämp­fen in der Gegend und auf die Wei­ter­ga­be ihres Fach­wis­sens, damit die Leu­te anfan­gen kön­nen, ihre Gesund­heit selbst zu kon­trol­lie­ren.

San Basilio

San Basi­lio ist eine klei­ne Arbei­ter­stadt aus­ser­halb Roms. Hier begann im April 1971 eine Wel­le von Kämp­fen um Wohn­raum. Die loka­len Poli­ti­ker ver­such­ten, den Kampf ein­zu­däm­men, indem sie ihn in siche­re Bah­nen lenk­ten: anste­hen­de Wah­len.

Am Diens­tag, dem 6. Mai, kam es zum ers­ten Zusam­men­stoss zwi­schen beset­zen­den Mie­tern und Poli­ti­kern. Von 21 Uhr bis Mit­ter­nacht wur­de die Bevöl­ke­rung von San Basi­lio gegen eine Wahl­ver­samm­lung mobi­li­siert, die der christ­de­mo­kra­ti­sche Bür­ger­meis­ter Dari­da abhielt. Die Ver­samm­lung war uner­war­tet ein­be­ru­fen wor­den, ohne dass auch nur ein ein­zi­ges Pla­kat an der Wand hing. Offen­sicht­lich woll­te man alles in einer hal­ben Stun­de unter Dach und Fach brin­gen. Nur ein Besuch, ein Auf­tritt und dann eine schnel­le Flucht aus die­ser Gegend, von der man sicher nicht erwar­ten konn­te, dass sie einem Gewerk­schaf­ter freund­lich gesinnt war, der nur ein paar Tage zuvor dem Füh­rer der Faschis­ten, Almi­ran­te, die Hand geschüt­telt hat­te.

Zum fest­ge­setz­ten Zeit­punkt der Ver­samm­lung befan­den sich bereits 100 bis 150 Per­so­nen auf dem Markt­platz. Die enor­me Anzahl von Poli­zis­ten, die her­um­stan­den, war ein siche­res Zei­chen dafür, dass die Christ­de­mo­kra­ten, die zu Wort kom­men woll­ten, feind­lich gesinnt waren.

Also geschah Fol­gen­des: Unter dem Red­ner­pult, einer rie­si­gen und pom­pö­sen Ange­le­gen­heit, stan­den etwa 15 Wahl­hel­fer. Gleich dahin­ter waren alle ande­ren – alle Arbei­ter, Frau­en und jun­gen Leu­te der Gegend, sowie ein paar Leu­te von der KP. Es bil­de­ten sich Grup­pen, und die Leu­te fin­gen an, über die Ver­spre­chen der letz­ten 20 Jah­re zu spre­chen … die Ver­spre­chen aller Bür­ger­meis­ter … die Ver­spre­chen die­ses Bür­ger­meis­ters.

Die Leu­te beschlos­sen, die Rede zu unter­bre­chen und eine Frau und einen Arbei­ter aus der Gegend zu Wort kom­men zu las­sen. End­lich kam etwas in Gang. Aber der Bür­ger­meis­ter hat­te sich nicht getraut zu kom­men. Statt­des­sen war es Medi, der Pro­fes­sor, der­je­ni­ge, der so aktiv in der Anti-Schei­dungs­kam­pa­gne war, der Typ, den ganz Ita­li­en auf den Fern­seh­bild­schir­men als bril­lan­ten Kom­men­ta­tor der Welt­raum­ta­ten der Ame­ri­ka­ner „bewun­dern“ konn­te.

Gleich zu Beginn fing er an, einen Hau­fen Schwach­sinn zu erzäh­len: „Wie glück­lich ihr euch schät­zen könnt, aus­ser­halb der Stadt zu leben, in einer unver­schmutz­ten Atmo­sphä­re.“ Sofort hagel­te es Buh­ru­fe und Paro­len, die laut­hals gebrüllt wur­den. Medi reagier­te dümm­lich vor die­ser Grup­pe von Arbei­tern: „Ihr seid alle Bar­ba­ren, und die Stadt Rom wird euch aus­lö­schen.… Ihr habt kei­nen Ver­stand und könnt nicht ver­ste­hen, was ich euch zu sagen ver­su­che.“

So ging es eine Stun­de lang wei­ter, bis 22 Uhr, mit Frau­en, die sich gegen das Podi­um dräng­ten, und der Poli­zei, die nicht wuss­te, wie sie Dut­zen­de von Kin­dern kon­trol­lie­ren soll­te, die in einer Rei­he um den Red­ner her­um gin­gen, in Mar­me­la­den­glä­ser johl­ten und einen Höl­len­lärm mach­ten. Und der Pro­fes­sor? Er war immer noch dabei und brüll­te Belei­di­gun­gen: „Ihr seid wie Esel … es ist leicht zu sehen, dass ihr nie in der Schu­le gewe­sen seid.“ Auf die­se Bemer­kung folg­te eine Sal­ve von Eiern. Medi wand­te sich an die Poli­zei und for­der­te sie auf, die Situa­ti­on unter Kon­trol­le zu brin­gen. Die Poli­zis­ten setz­ten ihre Gas­mas­ken auf. Die Leu­te zogen sich zurück. Die Poli­zei warf das ers­te Trä­nen­gas. Die Ver­samm­lung ende­te. „Rom wird mit euch fer­tig, ihr Bar­ba­ren; wir wer­den sie­gen, kei­ne Sor­ge.“

Die Leu­te kamen von den Wohn­blocks her­un­ter. Inzwi­schen waren es mehr als tau­send Men­schen. Die Poli­zei war in Grup­pen auf dem Markt­platz geblie­ben und schleu­der­te wei­ter­hin Trä­nen­gas gegen die Fens­ter und auf Frau­en. In einem Moment sahen die Leu­te einen Poli­zis­ten auf einem Fahr­rad weg­fah­ren, im nächs­ten war die Ver­stär­kung ein­ge­trof­fen. Etwa 40 Last­wa­gen­la­dun­gen, mehr als 700 Poli­zis­ten in Ein­satz­klei­dung. Auch Pro­venza, der Vize-Poli­zei­prä­si­dent, traf ein, um das Kom­man­do über den Ein­satz zu über­neh­men. Das Gebiet wur­de bela­gert. Die Poli­zei beschloss dum­mer­wei­se, in einen Wohn­block zu gehen und die Leu­te zu ver­prü­geln. Sie wur­den von einer kon­ti­nu­ier­li­chen und sehr hef­ti­gen Sal­ve von Tel­lern, Fla­schen und allem ande­ren, was die Leu­te in die Hän­de bekom­men konn­ten, getrof­fen.

Die Poli­zei zog sich zurück und ver­liess schliess­lich die Gegend. Es war kurz nach Mit­ter­nacht. Auf dem Markt­platz setz­ten die Leu­te die Tri­bü­ne in Brand. Es bil­de­ten sich Grup­pen. Man ermit­tel­te, wer ver­haf­tet wor­den war und wer ver­letzt wor­den war. Die Leu­te ver­such­ten, Neu­ig­kei­ten über die Ver­haf­te­ten in Erfah­rung zu brin­gen.

Wählt nicht – besetzt!

Im Juni 1971, als die Regio­nal­wah­len nur noch weni­ge Tage ent­fernt waren, spra­chen die poli­ti­schen Par­tei­en nur noch über „Recht und Ord­nung“. Die KP mach­te vage Ver­spre­chun­gen über Woh­nungs­re­for­men: etwas, das die Men­schen sehr beschäf­tig­te.

Nach einer Ver­samm­lung in San Basi­lio beschlos­sen 20 Fami­li­en, am Sams­tag, dem 5. Mai, einen Wohn­block zu beset­zen. Die Beset­zung war ein Fehl­schlag, da die Woh­nun­gen in Pri­vat­be­sitz sind und unmög­lich zu ver­tei­di­gen sind. Die Fami­li­en beschlos­sen, umzu­keh­ren und ein paar Tage zu war­ten.

Am Mitt­woch, dem 9. Sep­tem­ber, gab es Beset­zun­gen in Cen­to­cel­le und Pie­tralata. In Cen­to­cel­le reagier­te die Poli­zei sofort: Sie ver­such­ten, einen iso­lier­ten Genos­sen zu ver­haf­ten.

Die Beset­zer reagier­ten sofort und schaff­ten es, ihn zu befrei­en. Ein Poli­zei­au­to wur­de zer­trüm­mert, und wei­te­re sechs oder sie­ben tauch­ten mit heu­len­den Sire­nen auf. Wir weck­ten die Nach­bar­schaft mit Mega­pho­nen auf und pran­ger­ten den Angriff der Poli­zei an. Die Leu­te kamen aus ihren Häu­sern und rie­fen der Poli­zei zu: „Das ist unser Gebiet – ver­schwin­den Sie!“ Die Poli­zei wur­de gezwun­gen zu gehen.

In der Zwi­schen­zeit war die Beset­zung in Pie­tralata erfolg­reich ver­lau­fen, also beschlos­sen wir, dort­hin zu gehen und ein gros­ses besetz­tes Haus zu haben. Am Anfang waren es 70 Fami­li­en. Im Lau­fe der Nacht kamen 30 wei­te­re hin­zu. Die Beset­zung wur­de immer orga­ni­sier­ter. Es wur­den Ärz­te gefun­den. Trep­pen­haus­ver­samm­lun­gen wur­den arran­giert und Leu­te wur­den ernannt, die die Ver­ant­wor­tung für jedes Trep­pen­haus über­nah­men.

Wäh­rend der Nacht beschloss unse­re Ver­samm­lung, dass wir alle zusam­men­blei­ben und uns woan­ders neu grup­pie­ren wür­den, um den Kampf fort­zu­set­zen, falls die Poli­zei käme, um uns zu ver­trei­ben.

Früh am Mor­gen des 10. kamen die Offi­zi­el­len der KP an. Zuerst ver­such­ten sie, uns zu über­re­den, wie­der nach Hau­se zu gehen. (Wohin?) Dann gin­gen sie dazu über, uns zu belei­di­gen, indem sie sag­ten, wir sei­en Zigeu­ner und Die­be. In der Zwi­schen­zeit war die Poli­zei ein­ge­trof­fen und umstell­te den Block. Als sie den Hof betra­ten, kamen wir alle her­un­ter und ver­such­ten, zusam­men zu blei­ben. Aber 12 von uns wur­den abge­son­dert und mit Ver­haf­tung bedroht. An die­sem Punkt grif­fen die Frau­en wütend an. Sie began­nen, gegen die Poli­zei­ab­sper­run­gen zu drän­gen und for­der­ten die sofor­ti­ge Frei­las­sung aller. Es war ein gros­ser Moment. Die Poli­zis­ten wuss­ten nicht, wie sie reagie­ren soll­ten; sie wur­den von Frau­en und Kin­dern ange­grif­fen. Zuerst ver­such­ten sie, sie gewalt­sam weg­zu­schie­ben, aber am Ende waren sie gezwun­gen, alle frei­zu­las­sen. Wir haben alle laut geschrien und geju­belt.

Bei einer Ver­samm­lung am Nach­mit­tag wur­de auf die KP und alle ande­ren Refor­mis­ten geschimpft. Wir beschlos­sen, wie­der zu beset­zen, damit der Kampf sei­nen Schwung nicht ver­liert. Am Abend besetz­ten wir im Stadt­teil Maglia­na – 70 Fami­li­en und ihre Freun­de. Ein Poli­zei­au­to, das sich in den Weg stell­te, wur­de zer­trüm­mert die Poli­zei schoss in die Luft, ein Poli­zei­au­to, das uns ent­ge­gen­kam, wur­de gestei­nigt. Um drei Uhr mor­gens war das gan­ze Gebiet von Bereit­schafts­po­li­zei umstellt. Wir hiel­ten eine Ver­samm­lung im Hof ab und beschlos­sen, von den Häu­sern in Rich­tung der Poli­zei­li­ni­en zu mar­schie­ren. Die­se Ent­schei­dung war nicht ein­stim­mig. Eini­ge von uns woll­ten blei­ben und die Woh­nun­gen ver­tei­di­gen. Am Ende mar­schier­ten wir alle hin­aus und rie­fen Slo­gans. Die Leu­te kamen zu den Fens­tern. Als wir die Via Maglia­na erreich­ten, griff die Poli­zei an. Die Kämp­fe waren hef­tig. Es gab 60 Ver­haf­tun­gen. Vie­le von uns wur­den stun­den­lang im Gefäng­nis fest­ge­hal­ten.

Nach die­ser Räu­mung beschlos­sen wir, Ver­samm­lun­gen in ver­schie­de­nen Vier­teln der Stadt abzu­hal­ten. Vie­le Leu­te beschlos­sen, nicht an den Wah­len teil­zu­neh­men und dafür zu sor­gen, dass der Kampf wei­ter­geht.

DER SÜDEN

Seit sei­ner Grün­dung war die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung Ita­li­ens ungleich­mäs­sig – der Nor­den ent­wi­ckel­te sich schnel­ler als der Süden. Hohe Arbeits­lo­sig­keit und nied­ri­ge Löh­ne haben Mil­lio­nen zur Migra­ti­on gezwun­gen. In den Boom­jah­ren, 1959 bis 1963, wan­der­ten fast eine Mil­li­on Men­schen nach Nor­den. Die­ser Pro­zess wur­de durch die Mecha­ni­sie­rung der Land­wirt­schaft beschleu­nigt. Zwi­schen 1951 und 1970 sank die Zahl der Men­schen, die auf dem Land arbei­te­ten, von 7.200.000 auf 3.800.000 – bei einer nahe­zu kon­stant blei­ben­den Zahl von Arbeits­kräf­ten um die 20.000.000. Wie in ande­ren Län­dern des Euro­päi­schen Bin­nen­mark­tes pro­spe­rier­ten nur die grös­se­ren Bau­ern.

Um die­se Abwan­de­rung zu stop­pen, grün­de­te die Regie­rung die „Cas­sa del Mez­zo­gior­no“ (Bank des Südens). Ihre Auf­ga­be bestand zunächst dar­in, die Land­wirt­schaft zu sub­ven­tio­nie­ren und bei der Schaf­fung sozia­ler Infra­struk­tu­ren (Häu­ser, Stras­sen, Schu­len, Kran­ken­häu­ser) zu hel­fen. Da sie sich nicht wesent­lich ver­än­der­te, wur­de ihre Rol­le mehr und mehr zu einer der Bereit­stel­lung von Inves­ti­tio­nen für Fabri­ken. Die Fabri­ken, die gebaut wur­den, waren alle in Staats­be­sitz: Alfa-Romeo in Nea­pel, Itals­i­der (Stahl) in Tarent und Nea­pel, Che­mie­wer­ke in Bari und Por­to Tor­res auf Sar­di­ni­en. Der Bau die­ser Fabri­ken bot für vie­le der vom Land kom­men­den Arbei­ter den ers­ten Arbeits­platz. Aber da es viel weni­ger Arbei­ter braucht, um die­se hoch­mo­der­nen Fabri­ken zu betrei­ben, als sie zu bau­en, ist die Arbeits­lo­sig­keit in die­sen süd­li­chen Städ­ten in den letz­ten Jah­ren schnell gestie­gen und wird hoch blei­ben, da sich kei­ne ande­ren Indus­trien ent­wi­ckeln kön­nen, um die weni­gen bestehen­den Fabri­ken zu ergän­zen.

Es wur­de sehr wenig getan, um genü­gend Schu­len, Häu­ser und Kran­ken­häu­ser zu bau­en, um mit der wach­sen­den Bevöl­ke­rung die­ser Städ­te fer­tig zu wer­den. Die Arbei­ter­klas­se wird durch eine Mischung aus offe­ner Unter­drü­ckung und poli­ti­scher Kor­rup­ti­on kon­trol­liert, und die ein­zi­ge Hoff­nung auf einen Platz zum Leben liegt dar­in, Mit­glied einer poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on zu wer­den. Die Frus­tra­ti­on ent­lädt sich in wüten­den, gewalt­tä­ti­gen Aus­brü­chen – zum Bei­spiel in Bat­ti­paglia, wo es nach der Schlies­sung einer loka­len Fabrik zu tage­lan­gen Aus­schrei­tun­gen kam.

In den letz­ten Jah­ren gab es eine wach­sen­de Zahl von Haus­be­set­zun­gen (Saler­no: 80 Fami­li­en; Tor­re del Gre­co; Mes­si­na: 328 Fami­li­en; Car­bo­nia : 130 Fami­li­en). In Syra­kus, wo Häu­ser in der Regel an die „Kun­den“ der loka­len poli­ti­schen Bos­se ver­ge­ben wer­den, wur­de die Wut der Men­schen so gross, dass die neu­en Mie­ter ihre Woh­nun­gen unter star­kem Poli­zei­schutz in Besitz neh­men muss­ten. Bei ande­ren Pro­jek­ten, die vor ihrer Fer­tig­stel­lung zuge­mau­ert wor­den waren, wur­den die Ein­gän­ge von gewalt­tä­ti­gen Demons­tran­ten gesprengt.

TARANTO

Im Dezem­ber 1970 besetz­ten 200 Fami­li­en Woh­nun­gen der GESCAL (der staat­li­chen Woh­nungs­bau­be­hör­de) im Arbei­ter­vier­tel Tam­bu­ri. Sie hat­ten in den Slum­woh­nun­gen in der Via Lisip­po gelebt. Die Dro­hun­gen der Poli­zei und die vagen Ver­spre­chun­gen der Stadt­ver­wal­tung hat­ten kei­ne Wir­kung auf sie. Die Leu­te hat­ten es sich in den Kopf gesetzt, direkt zu han­deln. Sie ergrif­fen selbst die Initia­ti­ve, zogen von Miets­haus zu Miets­haus, orga­ni­sier­ten und brach­ten die Leu­te zusam­men.

Einer der Akti­vis­ten sag­te: „Wir haben jeg­li­ches Ver­trau­en in die Poli­ti­ker auf­ge­ge­ben, in Leu­te, die alle fünf Jah­re vor­bei­kom­men und uns bit­ten, sie zu wäh­len. Sie sagen, dass sie uns Arbeit und Woh­nun­gen geben wer­den, aber jedes Mal las­sen sie uns ein­fach da, wo wir sind, in der Käl­te und Feuch­tig­keit. Wir has­sen sie alle, weil sie von unse­rer Skla­ve­rei leben. Und sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um sicher­zu­stel­len, dass die Men­schen nicht rebel­lie­ren und sich neh­men, was ihnen zusteht.”

„Weil wir uns benom­men haben, weil wir auf ihre Ver­spre­chen gehört haben, sind in den Slums, in denen wir leben, Dut­zen­de von Kin­dern gestor­ben. Wir haben alle Krank­hei­ten gehabt und wir haben alle gelit­ten. Wir wer­den die­se Spu­ren für immer in uns tra­gen. Die Men­schen, die unser Lei­den auf dem Gewis­sen haben, wer­den dafür teu­er bezah­len müs­sen – den gan­zen Preis bezah­len.””

„Wir orga­ni­sier­ten die Beset­zung am Abend des 2. Dezem­ber. Inner­halb von ein paar Stun­den waren die Slums leer, aber die GESCAL-Woh­nun­gen waren voll. Jetzt sind die Woh­nun­gen UNSER. Wir haben noch kein Was­ser und kei­nen Strom, aber wir bekom­men schon Was­ser von unten im Hof, und wir ver­su­chen, die Ver­sor­gung für jede Woh­nung zu orga­ni­sie­ren. Und was die Elek­tri­zi­tät betrifft, das wer­den wir auch noch sehen.

“In der Zwi­schen­zeit haben wir begon­nen, die Woh­nung auf­zu­räu­men. Es ist nie schön, sich mit die­ser Art von Arbeit abzu­nut­zen, aber zumin­dest ist es ein biss­chen befrie­di­gen­der als das Aus­fe­gen der Rat­ten­lö­cher, in denen wir vor­her gelebt haben. Wir sind glück­lich. Wir haben Ver­trau­en in uns und unse­re eige­ne Stär­ke. Wir haben uns in jedem Gebäu­de orga­ni­siert und Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Gebäu­den geschaf­fen. Wir beab­sich­ti­gen, die­se Woh­nun­gen zu behal­ten, und wir müs­sen uns orga­ni­sie­ren, um die Poli­zei fern­zu­hal­ten.”

“Wir haben jeden Tag ein paar Tref­fen gehabt, um alle Pro­ble­me zu bespre­chen, unse­re Ideen zu klä­ren und zu ent­schei­den, was zu tun ist. Wir blei­ben in Kon­takt mit ande­ren Leu­ten in der Gegend und ver­su­chen, die Leu­te in den Fabri­ken zu infor­mie­ren. Am Sonn­tag, dem 6. Dezem­ber, hat­ten wir unse­re ers­te Voll­ver­samm­lung. Das war wich­tig, denn es bedeu­te­te, dass wir alle zusam­men­kom­men konn­ten, und wir konn­ten auch mit Arbei­tern, Frau­en und Kin­dern und Arbeits­lo­sen aus ver­schie­de­nen Tei­len der Stadt spre­chen.”

Es waren nicht nur die Leu­te aus den Slums, die die­se Beset­zung orga­ni­sier­ten. Die Initia­ti­ve ging von dort aus, aber sie brei­te­te sich schnell auf ande­re Tei­le der Stadt aus. Vor allem die Men­schen in der Alt­stadt – die Stras­sen­rei­ni­ger, die Fischer und die Arbeits­lo­sen – haben schnell gehan­delt. Heu­te steht in all die­sen Häu­sern kei­ne ein­zi­ge Woh­nung mehr leer. Aber wir wis­sen, dass es noch vie­le ande­re Gebäu­de gibt, die hier und in ande­ren Tei­len der Stadt leer ste­hen. Wir müs­sen her­aus­fin­den, wo sie sind, denn die gan­ze Stadt ist in Auf­ruhr, und alle Arbei­ter wol­len die Häu­ser beset­zen.“

PALERMO

Die NEZ (Nörd­li­che Expan­si­ons­zo­ne) ist eine IACP-Sied­lung etwa 10 Mei­len aus­ser­halb Paler­mos. Etwa tau­send Fami­li­en leben dort, meist arbeits­lo­se Bau­ar­bei­ter, Büro­an­ge­stell­te, die gele­gent­lich auf dem Land arbei­ten, und Fischer. Die­se Fami­li­en sind gröss­ten­teils Erd­be­ben­op­fer aus der Erd­be­ben­ka­ta­stro­phe von West­si­zi­li­en im Juni 1968. Sie haben die Häu­ser in Besitz genom­men, nach­dem sie vom Prä­fek­ten beschlag­nahmt wor­den waren. Vie­le haben sich ein­fach in ihnen ver­schanzt. Natür­lich betrach­tet die IACP die­se Beset­zung als „ille­gal“ und hat begon­nen, Mah­nun­gen für die Zah­lung von Rück­stän­den zu ver­schi­cken: 30.000 Lira (500 Dol­lar) pro Woh­nung.

Am Don­ners­tag, den 27. März, gab es eine Beset­zung eines Wohn­blocks, der noch im Bau war. Die Poli­zei kam, um die Leu­te zu ver­trei­ben, aber die Häu­ser wur­den erneut besetzt, und die­ses Mal blie­ben die Leu­te dort.

Da das Gebäu­de immer noch nicht fer­tig war, orga­ni­sier­ten sich die Beset­zer selbst, um die Abflüs­se in Gang zu brin­gen und elek­tri­sche Anschlüs­se zu instal­lie­ren und so wei­ter. Am Sonn­tag gab es eine Mas­sen­ver­samm­lung, um das Pro­blem der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung zu dis­ku­tie­ren. Es waren 300 Leu­te da – haupt­säch­lich Frau­en, die die aktivs­ten und ent­schlos­sens­ten Leu­te in die­sem Kampf sind. Für den nächs­ten Tag wur­de ein Streik für das gesam­te Gebiet ange­setzt, und es wur­de eine Platt­form ver­ab­schie­det, die unter ande­rem vor­sieht, dass allen Men­schen offi­zi­ell Woh­nun­gen zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, dass alle Miet­rück­stän­de gestri­chen wer­den, dass Stras­sen, Schu­len und alle Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen gebaut wer­den, an denen es in die­sem Gebiet völ­lig man­gelt, und dass die Abga­ben selbst bestimmt wer­den kön­nen. Die Bewoh­ner des NEZ-Gebie­tes wol­len nicht in Begrif­fen von Mie­te spre­chen, weil sie mit der Idee, Mie­te zu zah­len, nicht ein­ver­stan­den sind. Aber sie sind bereit, einen klei­nen Bei­trag, je nach­dem, was sie sich leis­ten kön­nen, für den Bau neu­er Woh­nun­gen zu leis­ten.

Am nächs­ten Tag (Mon­tag), begin­nend um 4:30 Uhr mor­gens, war die gan­ze Gegend still­ge­legt. Es gab Mahn­wa­chen an den Stras­sen­ecken und ein gros­ses Poli­zei­auf­ge­bot. Die Men­schen ver­sam­mel­ten sich auf dem zen­tra­len Platz, und um 8:30 Uhr setz­te sich ein Marsch in Rich­tung Paler­mo in Bewe­gung. Frau­en und Kin­der fuh­ren in Autos und Last­wa­gen mit, und Män­ner gin­gen zu Fuss. Wäh­rend des gesam­ten Mar­sches pro­vo­zier­te die Poli­zei stän­dig die Men­schen. Die Mar­schie­rer erreich­ten die IACP-Büros in Paler­mo. Die Poli­zei errich­te­te eine Absper­rung über die Stras­se, aber die Demons­tran­ten durch­bra­chen die Lini­en und etwa 50 Demons­tran­ten schaff­ten es, in das Gebäu­de zu gelan­gen. Ande­re stie­gen über die Bal­ko­ne und durch die Fens­ter ein. Im Inne­ren der IACP gab es einen rie­si­gen Auf­ruhr: End­lich ein­mal wur­de der Spiess umge­dreht gegen die Leu­te, die unser Leben bestim­men.

Als die Frau­en das Gebäu­de betra­ten, ergrif­fen alle Offi­zi­el­len flucht­ar­tig die Flucht. Der Prä­si­dent der IACP erschien, blass und zit­ternd, und erklär­te sich bereit, mit einer Art „Dele­ga­ti­on“ zu spre­chen. Er ver­such­te, ihren Fra­gen aus­zu­wei­chen und nichts preis­zu­ge­ben. Aber die Demons­tran­ten beschlos­sen, das Insti­tut zu beset­zen. Wäh­rend­des­sen began­nen die Leu­te, die draus­sen geblie­ben waren, ande­re Leu­te in Paler­mo zu mobi­li­sie­ren. Das Basis­ko­mi­tee aus den Werf­ten kam, und auch eine Rei­he von Arbei­tern aus ande­ren Stadt­tei­len.

Die­ser Kampf wur­de ein Bezugs­punkt für alle. Für die Bos­se und Büro­kra­ten wur­de die Sache zu heiss. Zwei Stun­den spä­ter kam der Prä­si­dent zurück und ver­kün­de­te, dass er die Ver­fü­gun­gen wegen Miet­rück­stän­den zurück­zie­hen wer­de. Die Leu­te beschlos­sen, das Insti­tut vor­erst zu ver­las­sen (inzwi­schen war es 18 Uhr), aber der Kampf für die­se Zie­le soll­te wei­ter­ge­hen.

Am aktivs­ten von allen waren die Frau­en – die wah­ren Kämp­fe­rin­nen an die­sem Tag des Kamp­fes und der Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Poli­zei. Unter ande­rem gelang es ihnen, einen Genos­sen zu befrei­en, der von der Poli­zei ver­haf­tet wor­den war.

NEAPEL

Die loka­len Kapi­ta­lis­ten haben kaum in die Indus­trie inves­tiert, da sie es pro­fi­ta­bler fan­den, mit Immo­bi­li­en und Tou­ris­mus sowie durch von der Mafia betrie­be­ne Wirt­schafts­zwei­ge wie Pro­sti­tu­ti­on und Schmug­gel Geld zu ver­die­nen. Die Haupt­be­schäf­ti­gungs­quel­len sind ver­schie­de­ne For­men des Stri­cher­hand­werks. Kin­der, die dabei beson­ders erfolg­reich sind, spie­len eine wich­ti­ge Rol­le inner­halb der Fami­li­en­öko­no­mie. Im Gegen­satz zu ande­ren Städ­ten, in denen die Schu­len Orte sind, an denen die Kin­der an die Dis­zi­plin der Arbeit gewöhnt wer­den, wer­den in Nea­pel die Kin­der der Arbei­ter­klas­se sys­te­ma­tisch vom Schul­be­such abge­hal­ten. In die­ser Situa­ti­on nimmt der Kampf um den Erhalt der Schu­le eine ganz ande­re Dimen­si­on an: Die Eltern weh­ren sich dage­gen, dass das Sys­tem ihre Kin­der auf die Stras­se setzt.

Febru­ar 1970. Secon­diglio ist eine Ina-Casa-Sied­lung am Ran­de von Nea­pel. Es ist eine der vie­len Wohn­heim­sied­lun­gen, in die die Bos­se all die Leu­te schie­ben, die sie im Stadt­zen­trum nicht haben wol­len. Wenn man 10 Jah­re zurück­geht, war es nicht so schlimm… zumin­dest auf dem Papier. Aber es dau­er­te nicht lan­ge, bis klar wur­de, dass das Papier nur zur Show dien­te. Nie­mand hat­te die Absicht, die Gegend zu einem Wohn­ver­gnü­gen zu machen. Eine Bruch­bu­de war genug – es gab kei­ne anstän­di­gen Stras­sen, kei­ne Dienst­leis­tun­gen, kei­ne Schu­len, kei­ne Parks.… (Die­se Din­ge sind nicht pro­fi­ta­bel für die Inves­to­ren.)

Es gibt dort etwa 14.000 Men­schen. Etwa 2.000 davon sind Men­schen, die nach 10, 20 oder sogar 30 Jah­ren in Bruch­bu­den nun in Woh­nun­gen ohne ange­mes­se­ne Fens­ter, ohne Was­ser, ohne Abflüs­se, ohne Möbel, ohne Licht umge­sie­delt wor­den sind.

Der ers­te Kampf in Secon­diglio war für eine Grund­schu­le. Die Men­schen woll­ten ein Fer­tig­haus für tau­send Kin­der und das Ver­spre­chen, bald ein rich­ti­ges Gebäu­de zu bekom­men. Etwa 40% der Kin­der, die die Schu­le besu­chen, sind min­des­tens ein Jahr hin­ter der Norm zurück. Wei­te­re 30% sind zwei Jah­re hin­ter der Norm zurück. Etwa drei Mona­te nach Beginn des Schul­jah­res ist min­des­tens ein Zehn­tel der Kin­der demo­ra­li­siert und hört auf zu kom­men. Und dann kommt der „müt­ter­li­che“ Rat der Leh­re­rin: „Die Schu­le ist nichts für dich. War­um suchst du dir nicht einen Job?“

Das schlimms­te Ver­bre­chen ist die Art und Wei­se, wie den Kin­dern vor­ge­gau­kelt wird, dass die Schu­le nur bis zur sechs­ten Klas­se (Grund­schu­le) geht. Die loka­le Indus­trie könn­te sich sonst nicht mit bil­li­gen Arbeits­kräf­ten ver­sor­gen. Das Ergeb­nis ist, dass 90% der „Gebil­de­ten“ nur einen Grund­schul­ab­schluss haben und 30% Analpha­be­ten sind. Hin­zu kommt, dass die Kin­der sehr anfäl­lig für alle mög­li­chen Krank­hei­ten sind. Eine gros­se Anzahl von Kin­dern hat rheu­ma­ti­sches Fie­ber, Herz­krank­hei­ten, Bron­chi­al­p­neu­mo­nien und so wei­ter. Die Schu­le ist ein Ort, an dem man sich Krank­hei­ten ein­fan­gen kann – nur ein wei­te­rer Grund, nicht hin­zu­ge­hen.

Die Kin­der ver­brin­gen den gan­zen Tag damit, in einem aus­ge­flipp­ten Zustand in der Gegend her­um­zu­hän­gen. Aber sie sind noch nicht zu jung, um zu ler­nen, wie man schuf­tet… so haben vie­le Fami­li­en jeman­den im Gefäng­nis von Pog­gio­ra­le oder im Jugend­ge­fäng­nis von Fil­an­ge­ri.

Nach neun Jah­ren der For­de­run­gen wur­de eine Minia­tur­schu­le eröff­net. Von aus­sen sah sie schön aus, aber innen gab es weder Strom noch Hei­zung, und die Kin­der zit­ter­ten vor Käl­te. Sie muss­ten mit Müt­zen und Schals zur Schu­le gehen. Nach zwei Wochen wur­de die neue Schu­le geschlos­sen, und die Kin­der gin­gen zurück in ihre alte Hüt­te einer Schu­le. Aber jetzt waren es zu vie­le, so dass die Schu­le in zwei Schich­ten betrie­ben wer­den muss­te. Die Ergeb­nis­se sind genau die glei­chen wie vor­her. Weni­ge Kin­der gehen zur Schu­le, es gibt eine hohe Fluk­tua­ti­on bei den Leh­rern, und nie­mand lernt. Kei­ner macht irgend­et­was.

Es dau­er­te nicht lan­ge, bis die Leu­te genug hat­ten. Also began­nen sie, sich zu orga­ni­sie­ren und sich auf einen Kampf vor­zu­be­rei­ten. Sie hiel­ten eine Ver­samm­lung ab und orga­ni­sier­ten Mär­sche in der Nach­bar­schaft. Die Kin­der tra­ten in den Streik. Sie spür­ten, dass sie den Kampf über die Gegend hin­aus tra­gen muss­ten. Also gin­gen Grup­pen von Eltern ins Zen­trum von Nea­pel, zum Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um und zum Rat­haus. Sie rüt­tel­ten die Büro­kra­tie auf: „Wir haben genug von Gum­mistem­peln und Ver­spre­chun­gen. Wir wol­len, dass die Schu­le sofort wie­der geöff­net wird und der Strom wie­der ein­ge­schal­tet wird.“

Die ver­schie­de­nen ver­ant­wort­li­chen Beam­ten waren wirk­lich erschro­cken … aber es war immer noch nicht genug, um sie von ihrem Hin­tern zu bewe­gen und sie dazu zu brin­gen, das Gebäu­de fer­tig­zu­stel­len. Die Leu­te merk­ten, dass sie wie­der betro­gen wur­den, und began­nen sofort, sich zu orga­ni­sie­ren.

Sie sperr­ten die Schu­le mit Ket­ten ab, und eine gros­se Anzahl von Men­schen ging zum Rat­haus, um Druck auf die Beam­ten aus­zu­üben. Sie zwan­gen die Behör­den, am nächs­ten Tag auf das Gelän­de zu kom­men, damit sie sich selbst ein Bild von den Zustän­den machen konn­ten. Der Schul­lei­ter und die Leh­rer schlos­sen sich dem Gesche­hen an, obwohl sie jah­re­lang eine schä­bi­ge Behand­lung hin­ge­nom­men hat­ten. Von nun an wird die Schu­le nach ande­ren Regeln geführt, denn die Gemein­de über­nimmt die direk­te Kon­trol­le über jeden Aspekt des Schul­be­triebs.

Über­set­zung von Sūn­zǐ Bīng­fǎ

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