[contraste:] Land und Höfe als Commons

Ende Okto­ber haben zehn Men­schen aus dem Netz­werk Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft und dem Miets­häu­ser Syn­di­kat den neu­en Ver­ein »Acker­syn­di­kat« gegrün­det. Ihr Ziel ist es, einen dezen­tra­len und soli­da­ri­schen Ver­bund auf­zu­bau­en, der Höfe und land­wirt­schaft­li­che Flä­chen als unver­käuf­li­ches kol­lek­ti­ves Eigen­tum sichert. Wie das genau funk­tio­niert und war­um es dafür einen Ver­ein braucht, erklärt Jost Bur­hop im Inter­view mit CON­TRAS­TE-Redak­teu­rin Regi­ne Beyß.

CONTRASTE: Die Idee für das Acker­syn­di­kat hat ihren Ursprung in der erfolg­rei­chen Geschich­te des Miets­häu­ser Syn­di­kats, kurz MHS. Das MHS wird euch auch als Mit­glied und Kapi­tal­ge­ber unter­stüt­zen. Wie lässt sich die­se Struk­tur auf die Land­wirt­schaft über­tra­gen?

Jost Bur­hop: Im Prin­zip ist die Struk­tur des MHS eine recht­li­che Struk­tur für einen Soli­dar­ver­bund von selbst­or­ga­ni­sier­ten Haus­pro­jek­ten, die ihre Immo­bi­li­en in Gemein­ei­gen­tum über­füh­ren wol­len. Die­ser Kern­ge­dan­ke ist nicht weit ent­fernt von der Ent­pri­va­ti­sie­rung land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen. Es gibt auch bereits Pro­jek­te im MHS, die land­wirt­schaft­li­che Flä­chen gekauft haben, aller­dings hat dies nur in Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen wie der Kul­tur­land­ge­nos­sen­schaft funk­tio­niert. Daher haben wir mit dem Acker­syn­di­kat eine Ergän­zung zum MHS gegrün­det, um die Grund­ideen und Struk­tu­ren des MHS auch für land­wirt­schaft­li­che Flä­che zu nut­zen. An sich ist die Über­tra­gung des Kon­zep­tes nicht son­der­lich schwie­rig. Wir kopie­ren eigent­lich die Struk­tu­ren des MHS und kön­nen sehr viel Wis­sen und wei­te­re Res­sour­cen des MHS ver­wen­den, was uns die Arbeit an vie­len Stel­len erleich­tert.

Struk­tur­gra­fik des Acker­syn­di­kat e.V.

Kom­plett über­neh­men kön­nen wir die­se aber nicht, denn das MHS ist auf Miets­häu­ser zuge­schnit­ten und die Rah­men­be­din­gun­gen der Land­wirt­schaft sind ande­re. Mit dem Grund­stück­ver­kehrs­ge­setz gibt es bei­spiels­wei­se beson­de­re Bedin­gun­gen, wel­che die Land­käu­fe­rin erfül­len muss, um land­wirt­schaft­li­che Flä­chen kau­fen zu kön­nen. Ein ande­res eher vor­teil­haf­tes Bei­spiel ist, dass mit sozi­al-öko­lo­gi­scher Land­wirt­schaft eini­ge aner­kann­te Grün­de für Gemein­nüt­zig­keit vor­lie­gen, wes­halb der Acker­syn­di­kat e.V. gemein­nüt­zig sein wird. Beim MHS geht das lei­der nicht, da güns­ti­ger Miet­raum absur­der­wei­se nicht (mehr) als Grund für aner­kann­te Gemein­nüt­zig­keit gilt.

Spielt der Wohn­raum auf den Höfen dabei auch eine Rol­le?

Auf jeden Fall. Das Ziel des Acker­syn­di­kats ist es ja, selbst­or­ga­ni­sier­te Höfe zu ermög­li­chen, die sich dau­er­haft selbst tra­gen. Das ist theo­re­tisch auch ohne Wohn­raum mög­lich, wir gehen aber davon aus, dass es für die Leben­dig­keit der Höfe not­wen­dig ist, auch dau­er­haft ent­pri­va­ti­sier­ten Wohn­raum für die Landwirt*innen zur Ver­fü­gung zu stel­len. Das kann über die glei­che Struk­tur lau­fen wie bei den land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen: Die Hof-GmbH kann all die­se Immo­bi­li­en kau­fen. Dar­über wird auch unnö­ti­ge Büro­kra­tie ver­mie­den.

Wel­che Pro­ble­me gibt es in der Land­wirt­schaft, für die das Acker­syn­di­kat eine Lösung anbie­ten könn­te?

Heut­zu­ta­ge wer­den frucht­ba­re Böden oft­mals als Kapi­tal­an­la­ge gese­hen. Sie wer­den ver­sie­gelt oder für indus­tri­el­le Land­wirt­schaft ver­wen­det und damit zer­stört. Durch die Spe­ku­la­ti­on sind land­wirt­schaft­li­che Flä­chen mitt­ler­wei­le so teu­er, dass der Kauf von Flä­chen mit umwelt- und sozi­al­ver­träg­li­cher land­wirt­schaft­li­cher Tätig­keit kaum noch refi­nan­ziert wer­den kann. Hier set­zen wir an und schaf­fen als Soli­dar­ver­bund eine Struk­tur, über die land­wirt­schaft­li­che Flä­chen dem Kapi­tal­markt ent­zo­gen wer­den und dau­er­haft ent­pri­va­ti­siert erhal­ten blei­ben kön­nen. Wir sehen uns damit auch als Teil der sozi­al-öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­ti­on »von unten« und schaf­fen eine dezen­tra­le Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur für soli­da­ri­sche, selbst­or­ga­ni­sier­te Kol­lek­ti­ve. Auch dem Höfester­ben tre­ten wir damit ent­ge­gen und unter­stüt­zen Landwirt*innen bei der Hof­über­ga­be.

Was ist der beson­de­re Anreiz für Sola­wis, sich dem Acker­syn­di­kat anzu­schlie­ßen?

Mei­ner Mei­nung nach ist das Acker­syn­di­kat die kon­se­quen­te Wei­ter­füh­rung der Grund­ideen soli­da­ri­scher Land­wirt­schaft. Die­se wer­den hier nicht nur auf den land­wirt­schaft­li­chen Betrieb, son­dern auch auf die Orga­ni­sa­ti­on des Flä­chen­ei­gen­tums ange­wen­det. Die Kom­bi­na­ti­on von Sola­wi und Acker­syn­di­kat führt zu Höfen, auf denen Pri­vat­ei­gen­tum qua­si kei­ne Rol­le mehr spielt, Ent­schei­dun­gen gemein­sam getrof­fen wer­den und Soli­da­ri­tät gelebt wird. Hier­ar­chien, die in Eigen­tums­ver­hält­nis­sen fest­ge­schrie­ben sind, wer­den auf­ge­bro­chen, das Hof­ei­gen­tum wird unter Ein­be­zug der Sola­wi-Mit­glie­der ver­wal­tet. Dar­über wer­den zudem Ein­zel­per­so­nen ent­las­tet und Ver­ant­wor­tung demo­kra­tisch und breit geteilt. Die Sola­wi wird über ein­zel­ne Landwirt*innen hin­aus gesi­chert und der Soli­dar­ver­bund hilft den ein­zel­nen Pro­jek­ten zum Bei­spiel bei der Hof­über­ga­be, aber auch mit finan­zi­el­len Hil­fen und Wis­sens­wei­ter­ga­be. Und natür­lich sichert er auch die Unver­käuf­lich­keit der land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen der Sola­wi.

In wel­chen Ent­schei­dun­gen und Berei­chen blei­ben die Höfe auto­nom?

Eigent­lich in allen, mit nur ganz weni­gen Aus­nah­men. Die Pro­jekt­au­to­no­mie ist einer der Grund­pfei­ler des Acker­syn­di­kats, genau­so wie es auch beim MHS der Fall ist. Zustim­mung von Sei­ten des Acker­syn­di­kats wird nur für den Ver­kauf von Flä­chen benö­tigt – die­se Zustim­mung wird vom Acker­syn­di­kat aller­dings nicht gege­ben, wodurch die Unver­käuf­lich­keit der Flä­chen garan­tiert ist. Zudem muss bei der Ände­rung der Bewirt­schaf­tungs­wei­se die Zustim­mung des Acker­syn­di­kats ange­fragt wer­den. So wird garan­tiert, dass die Flä­chen auch dau­er­haft sozi­al-öko­lo­gisch bewirt­schaf­tet wer­den und nicht ein­fach für kon­ven­tio­nel­le Land­wirt­schaft ver­wen­det wer­den. Zudem kön­nen Höfe dafür sor­gen, dass spe­zi­el­le Bewirt­schaf­tungs­wei­sen wie bei­spiels­wei­se Agro­fo­res­try oder bio­zy­klisch-vega­ne Land­wirt­schaft lang­fris­tig fest­ge­schrie­ben wer­den. Die Auto­no­mie der Höfe wird also nur soweit ein­ge­schränkt, wie es für den lang­fris­ti­gen Erhalt der Zie­le der Hofnutzer*innen not­wen­dig ist. Ansons­ten ist eigent­lich alles der Selbst­ver­wal­tung über­las­sen. Vom all­täg­li­chen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb über Ent­schei­dun­gen zu Flä­chen­zu­käu­fen bis hin zur Buch­hal­tung. Das Acker­syn­di­kat über­nimmt hier nur eine akti­ve Rol­le, wenn es vom Hof­pro­jekt dar­um gebe­ten wird.

Inwie­fern unter­schei­det sich das Acker­syn­di­kat von Genos­sen­schaf­ten wie zum Bei­spiel Kul­tur­land oder Bio­Bo­den?

Die genann­ten Genos­sen­schaf­ten sind sozu­sa­gen »gute« Investor*innengesellschaften. Bei ihnen ist das Kapi­tal zen­tral gebün­delt in der Genos­sen­schaft, in der auch alle Kapitalgeber*innen mit Stimm­recht betei­ligt sind. Das ist für uns kei­ne Selbst­ver­wal­tung. Das Sagen haben dort letzt­lich größ­ten­teils Men­schen, die nicht auf den Höfen leben. Zudem leis­ten sie kei­ne Siche­rung des Lan­des als unver­käuf­li­che Com­mons. Denn das Eigen­tum an den Höfen liegt ent­we­der kom­plett bei der Genos­sen­schaft oder aber bei Kom­man­dit­ge­sell­schaf­ten, deren gan­zes Kapi­tal der Genos­sen­schaft gehört. Das ist struk­tu­rell nicht anders als bei den »bösen« Investor*innen. Die Kern­in­no­va­ti­on des Miets­häu­ser Syn­di­kats ist die Schaf­fung einer loka­len Immo­bi­li­en­be­sitz-Kör­per­schaft, in der die loka­len Nutzer*innen weit­ge­hend auto­nom sind und nur in der Fra­ge der Repri­va­ti­sie­rung beschränkt sind. So eine Struk­tur gibt es für die Land­wirt­schaft nur beim Acker­syn­di­kat, und damit auch das höchs­te mög­li­che Maß an Siche­rung vor Ver­käu­fen. Bei der Kul­tur­land­ge­nos­sen­schaft schreibt die Sat­zung hin­ge­gen noch nicht mal eine Zustim­mung der Mit­glie­der­ver­samm­lung für einen Ver­kauf von Immo­bi­li­en oder Geschäfts­an­tei­len vor. Zudem erzeu­gen bei­de Genos­sen­schaf­ten eini­ges an Orga­ni­sa­ti­ons­kos­ten, die dazu füh­ren, dass die von den Pro­jek­ten selbst ein­ge­wor­be­ne Umfeld­fi­nan­zie­rung dem Hof nicht voll zugu­te­kommt. Wir set­zen dage­gen auf ein Kon­zept von ehren­amt­li­cher Hil­fe zur Selbst­er­mäch­ti­gung, wie auch beim MHS üblich. Damit ist das Acker­syn­di­kat auch finan­zi­ell attrak­tiv für Höfe, deren Umfeld in der Lage ist, Selbst­ver­wal­tungs­kom­pe­tenz auf­zu­bau­en. Wie bei der Öko­lo­gie ist aber auch bei unse­ren Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren eine Viel­falt schön und manch­mal über­le­bens­wich­tig.

Die Arbeits­be­las­tung in der Land­wirt­schaft ist ten­den­zi­ell ja schon sehr hoch. Hal­tet ihr es für rea­lis­tisch, dass sich Landwirt*innen noch zusätz­lich in einer sol­chen Struk­tur enga­gie­ren?

Naja, einer­seits beinhal­tet Land­wirt­schaft ja heu­te bereits einen guten Anteil an Büro­kra­tie. Und das Rum­schla­gen mit der pro­fit­ori­en­tier­ten Vermieter*in kann auch sehr viel Zeit und Ener­gie in Anspruch neh­men. Nichts­des­to­trotz bedeu­tet die Selbst­organisation eines Hof­pro­jek­tes natür­lich eine Men­ge Arbeit, wes­halb das sicher­lich nicht unbe­dingt was für ein oder zwei Men­schen ist. Sobald aber ein soli­da­ri­sches Kol­lek­tiv hin­ter dem Pro­jekt steht, sich die Auf­ga­ben gut auf­teilt und der Über­las­tung von Ein­zel­per­so­nen ent­ge­gen­wirkt, hal­ten wir das für durch­aus mach­bar. Men­schen, die zum Bei­spiel in MHS-Pro­jek­ten aktiv sind, sind dar­über hin­aus ja auch nicht untä­tig und schaf­fen es trotz­dem, die Häu­ser gemein­sam zu ver­wal­ten. Außer­dem ist die Arbeits­be­las­tung in der Land­wirt­schaft ja meis­tens sai­so­nal unter­schied­lich. So kön­nen zum Bei­spiel im ruhi­ge­ren Win­ter der GmbH-Jah­res­ab­schluss und Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen erle­digt wer­den.

Was sind eure nächs­ten Schrit­te? Wel­che Fra­gen müs­sen noch beant­wor­tet wer­den?

Als nächs­tes wer­den wir die Sat­zungs­vor­la­gen für Hof­ver­ein und Hof-GmbH erstel­len und ein Leit­bild sowie Kri­te­ri­en für die Auf­nah­me von Pro­jek­ten erar­bei­ten. Im Som­mer soll dann die ers­te Betei­li­gung an einem Hof­pro­jekt statt­fin­den. Das Pro­jekt ist auch bereits in die Aus­ar­bei­tung der Acker­syn­di­kats­struk­tu­ren invol­viert. Ein paar Fra­gen sind aber noch offen, zum Bei­spiel wie genau ein Soli­dar­trans­fer von Alt­pro­jek­ten zu Neu­pro­jek­ten statt­fin­den kann.

Wenn Men­schen bei euch mit­wir­ken oder euch unter­stüt­zen wol­len – was kön­nen sie tun?

Wir freu­en uns sehr über Unter­stüt­zung und kön­nen davon aller­hand gebrau­chen! Einer­seits, indem sich Men­schen aktiv in den Soli­dar­ver­bund ein­brin­gen, zum Bei­spiel in der Bera­tung von Pro­jek­ten, in der Aus­ar­bei­tung wei­te­rer Details der recht­li­chen Struk­tur oder in der Öffent­lich­keits­ar­beit. Auch finan­zi­el­le Unter­stüt­zung kön­nen wir sehr gebrau­chen. Sowohl durch regel­mä­ßi­ge oder ein­ma­li­ge Spen­den als auch durch Direkt­kre­di­te. Und auch Anfra­gen von Pro­jek­ten und Initia­ti­ven, die Teil des Acker­syn­di­kats wer­den wol­len, sind bei uns immer gern gese­hen.

Link: https://​acker​syn​di​kat​.org/

Mail: kontakt@​ackersyndikat.​org

Jost Bur­hop ist seit Juli 2020 im Acker­syn­di­kat aktiv. In die­ser Zeit hat er vor allem an der Sat­zung und der Web­sei­te gebas­telt, Kon­takt mit inter­es­sier­ten Hof­pro­jek­ten gepflegt und exter­ne Anfra­gen beant­wor­tet.

Titel­bild: Grün­dungs­tref­fen unterm Apfel­baum. Foto: Acker­syn­di­kat e.V.

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