[GAM:] Mahle: Hunderte im Warnstreik

Mat­tis Mol­de und Kol­le­gIn­nen der Betriebs­grup­pe Mah­le-Soli, Info­mail 1142, 12. März 2021

Bei Mah­le brennt die Bude! Vor einem hal­ben Jahr ließ das Manage­ment die Kat­ze aus der Sack und ver­kün­de­te die Zer­stö­rung von 7.600 Arbeits­plät­zen, davon 2.000 in Deutsch­land. 800 wären das in Stutt­gart, wo vor allem die Zen­tra­len des Kon­zerns und der gro­ßen Geschäfts­be­rei­che lie­gen. Es war klar, dass das The­ma Arbeits­plät­ze auch die Tarif­run­de bei Mah­le beherr­schen wür­de.

Am Diens­tag, den 2.3., ver­sam­mel­ten sich Hun­der­te in Feu­er­bach. Von die­sem Sitz von Mah­le Behr kamen auch die meis­ten Strei­ken­den, dazu Beschäf­tig­te aus Bad Cann­statt, dem Kon­zern­sitz, den Wer­ken 2 und Werk 3 (Fell­bach) und von Mah­le After­mar­ket in Schorn­dorf, Dele­ga­tio­nen von Mah­le Behr Mühlacker/​Vaihingen, vom Maschi­nen­bau­er Cope­ri­on, von Bosch AS aus Bie­tig­heim und Gäs­te von Mer­ce­des Unter­türk­heim. Die Poli­zei spricht von 650 Teil­neh­men­den, die IG Metall Stutt­gart von über 650.

Nach den zahl­rei­chen Red­ne­rIn­nen gab es einen Rund­gang in Form einer Men­schen­ket­te um das Werks­ge­län­de, dann war Fei­er­abend: „Nach der Kund­ge­bung kehr­ten die Beschäf­tig­ten nicht mehr an ihre Arbeits­plät­ze zurück“, schreibt die IG Metall Stutt­gart. Da blei­ben Fra­gen offen: Wie geht es wei­ter mit der Tarif­run­de? Wie geht es wei­ter bei Mah­le? Wird die­ser gute Start genutzt oder wie­der ver­spielt wie schon in so vie­len Tarif­run­den und in vie­len Kämp­fen um Arbeits­plät­ze?

Arbeitsplätze

Wie kann die Zer­stö­rung von über 800 Arbeits­plät­zen ver­hin­dert wer­den? Dass Mah­le-Boss Strat­mann es ernst meint, kann nie­mand mehr in Fra­ge stel­len. Die meis­ten Red­ne­rIn­nen erwähn­ten, dass über die Vor­schlä­ge der Betriebs­rä­te noch nicht ein­mal gere­det wer­de, son­dern die Plä­ne des Manage­ments als „alter­na­tiv­los“ bezeich­net wür­den. Aber die „Alter­na­ti­ven“ der Betriebs­rä­te sind nicht wirk­lich über­zeu­gend: Gesamt­be­triebs­rats­chef Kalm­bach mein­te, dass das Manage­ment „10 Jah­re geschla­fen“ habe und mahn­te eine viel stär­ke­re Digi­ta­li­sie­rung an – was letzt­lich heißt, das Manage­ment dafür zu kri­ti­sie­ren, dass der Kahl­schlag nicht schon vor 10 Jah­ren begon­nen hat.

Vie­le Mah­le-Betriebs­rä­te beschwö­ren die „Brü­der­lich­keit im Wirt­schafts­le­ben“, die die Fir­men­grün­der vor Jahr­zehn­ten mal pro­pa­giert haben, die aber schon damals mit der kapi­ta­lis­ti­schen Rea­li­tät nichts zu tun hat­te. Mit sol­chen Träu­men und mit Appel­len las­sen sich Mana­ge­rIn­nen nicht rüh­ren genau­so wenig wie mit der Auf­for­de­rung der stell­ver­tre­ten­den Gesamt­be­triebs­rats­chefin Chris­tidou, dass Strat­mann gehen sol­le. Das klingt zwar kämp­fe­ri­scher als das Gebet­tel eines Kalm­bach, aber genau­so hilf­los: Wie soll er abge­setzt wer­den und wer soll Strat­mann erset­zen?

Die IG Metall sagt dazu nur vage: „Beschäf­ti­gung sichern“. Wie aber, bit­te schön? Neue Beschäftigungs-„Sicherungen“, bei denen dem Abbau zuge­stimmt wird, um die rest­li­chen Arbeits­plät­ze für kurz Zeit zu „sichern“? Das Gan­ze mit Lohn­ver­zicht oder Aus­deh­nung der Arbeits­zeit gar­niert? Noch ein­mal die Rezep­te auf­wär­men, die seit Jah­ren nichts sichern, son­dern nur den Mana­ge­rIn­nen einen Frei­brief für neue Angrif­fe aus­stel­len?

Spontane Aktion

Gut hun­dert Beschäf­tig­te bei Mah­le Behr hat­ten in der Vor­wo­che weni­ger Hilf­lo­sig­keit gezeigt: Die Per­so­nal­ab­tei­lung hat­te eine Ver­samm­lung ver­bo­ten, die Betriebs­rat und Beleg­schaft in der Ent­wick­lung ange­setzt hat­ten. Begrün­dung: Coro­na. Dik­ta­tur im Namen der Gesund­heit: Arbei­ten ist erlaubt, Infor­ma­ti­on über die Zukunft der Arbeits­plät­ze ver­bo­ten. Die Betriebs­rats­vor­sit­zen­de Cul­jak berich­te­te auf dem Warn­streik, dass sich dies die Arbei­te­rIn­nen nicht gefal­len lie­ßen. Sie gin­gen zur Per­so­nal­ab­tei­lung und war­te­ten pan­de­mie­ge­recht ent­lang allen Flu­ren dort­hin, bis die Per­so­na­le­rIn­nen sich aus dem Home­of­fice auf­ge­macht hat­ten. Die­se ver­wei­ger­ten wei­ter die Ant­wor­ten, aber der Betriebs­rat orga­ni­sier­te eine Ver­samm­lung in einer gro­ßen Hal­le. Die Wut hat in der Beleg­schaft zuge­nom­men, der Mut auch.

Alternativen

Die auf der Hand lie­gen­de For­de­rung für Betrie­be wie Mah­le, eine Arbeits­zeit­ver­kür­zung bei vol­lem Lohn­aus­gleich, wur­de übri­gens von keiner/​m der Red­ne­rIn­nen auf­ge­stellt, auch nicht den Red­ne­rIn­nen der IG Metall, Röll und Hen­schel, und noch nicht ein­mal in der ver­krüp­pel­ten Form, in der sie die IG Metall offi­zi­ell als Tarif­for­de­rung auf­ge­stellt hat: mit Teil­lohn­aus­gleich und beschränkt auf ein­zel­ne Betrie­be. Haben die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tIn­nen Angst davor, dass die Leu­te dann fra­gen, war­um sie weni­ger ver­die­nen sol­len, wenn sich die Che­fIn­nen bei Mah­le vor 2 Jah­ren 70 % mehr geneh­migt haben? Und war­um nicht alle in der Metall­in­dus­trie kür­zer arbei­ten sol­len, um in der gan­zen Bran­che die Arbeit auf alle zu ver­tei­len?

Eben­falls gab es kei­ne Per­spek­ti­ve in der Fra­ge, was eigent­lich pro­du­ziert wer­den soll. Die Stra­te­gie von Mah­le wie der gan­zen Auto­in­dus­trie besteht dar­in, kei­ner­lei Ent­wick­lung am Ver­bren­ner auf­recht­zu­er­hal­ten und alles auf die E‑Mobilität zu wer­fen. Kalm­bach kri­ti­sier­te zu Recht die Mana­ge­rIn­nen, die in dem fina­len Kon­kur­renz­kampf um die letz­ten Pro­fi­te aus dem Ver­bren­ner mas­siv die Pro­duk­ti­on ver­la­gern. Nur: Pro­fi­te sind der Zweck die­ses kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems, Men­schen zäh­len nur als Arbeits­kräf­te. Die Beschwö­rung des Mah­le-Kon­zerns als „Stif­tungs­un­ter­neh­men“ ist ein hilf­lo­ses und uto­pi­sches Ritu­al.

Der ein­zi­ge rea­lis­ti­sche Weg, die Arbeits­plät­ze und die Kom­pe­tenz der Beleg­schaft zu sichern, liegt dar­in, die­se vom Zwang des Pro­fits für weni­ge zu befrei­en: Ent­eig­nung der Auto- und Zulie­fer­indus­trie, Umstel­lung der Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on auf effi­zi­en­te und umwelt­freund­li­che Ver­kehrs­sys­te­me. Die in die­ser Bran­che Beschäf­tig­ten – auch die Betriebs­rä­te – wis­sen sehr wohl, was alles in die­ser Rich­tung mög­lich wäre und auch, was die E‑Mobilität für Pro­ble­me bringt. Die Auf­ga­be der IG Metall wäre es, end­lich eine Debat­te in der gesam­ten Gesell­schaft dar­über zu eröff­nen und zugleich dafür zu kämp­fen, dass eine sol­che wirk­li­che Kon­ver­si­on unter Kon­trol­le der Beschäf­tig­ten durch­ge­setzt wird.

Kampf

Die Tarif­run­de ist die gute Gele­gen­heit, ers­tens die Kämp­fe in der gan­zen Bran­che zu ver­bin­den und zwei­tens den Kampf um Arbeits­plät­ze mit dem um Löh­ne und gegen die Angrif­fe von Gesamt­me­tall zu ver­bin­den. Der Warn­streik in Feu­er­bach hat gezeigt, dass das geht, und das ist ein Fort­schritt gegen­über sol­chen Ver­an­stal­tun­gen wie der Warn­streik 3 Tage spä­ter bei Mah­le Behr in Mühl­acker: Jede Schicht soll­te da je eine Stun­de frü­her nach­hau­se gehen, genau­so wie die Beschäf­tig­ten in Gleit­zeit und Home­of­fice: Kei­ne Ver­an­stal­tung, kein Inhalt, kein Wofür und War­um, kein Gefühl von Gemein­sam­keit … Kein Ver­such, das Feu­er, das bei den Kol­le­gIn­nen in Feu­er­bach brennt, auch nach Mühl­acker zu tra­gen …

Die Feu­er­ba­cher Beschäf­tig­ten, die sich ange­sichts der Angrif­fe selbst und mit ihren Ver­trau­ens­leu­ten mobi­li­siert haben, die 100 Leu­te, die das Per­so­nal­bü­ro besetzt haben, oder die Kan­ti­nen­be­schäf­tig­ten aus Cann­statt, denen alle­samt Qut­sour­cing droht, sind ein Vor­bild für alle. Sie sind auch ein Hin­weis dar­auf, was in die­ser Tarif­run­de mög­lich wäre, wenn die IG Metall, die Betriebs­rä­te und Ver­trau­ens­leu­te die­se Tarif­run­de nicht als das übli­che Ritu­al durch­zie­hen, son­dern den Unmut und den Pro­test in wirk­sa­men Wider­stand ver­wan­deln.

Die Tarif­run­de bie­tet aber nicht nur die Mög­lich­keit, den Kampf um die Arbeits­plät­ze mit dem um Löh­ne und Arbeits­zeit zu ver­bin­den, sie bie­tet auch die Chan­ce, den Kampf wirk­sa­mer zu gestal­ten: nicht nur Warn­streiks, son­dern Streik. Das Wort Streik nahm auch in Feu­er­bach keine/​r in den Mund. Aber dar­an wird sich die IG Metall-Spit­ze mes­sen las­sen müs­sen: Ist die­se wil­lens und in der Lage, die drän­gen­den Pro­ble­me zu ver­bin­den und über­all die Kämp­fe zu ent­fal­ten, Aktio­nen wie in Feu­er­bach zu nut­zen, um die Zögern­den mit­zu­zie­hen, oder öff­net sie nur ein­zel­ne Ven­ti­le und setzt ansons­ten den Deckel drauf, hält Pflicht­ver­an­stal­tun­gen nach bekann­tem Ritu­al ab? Und wird sie inner­halb ihrer Orga­ni­sa­ti­on Vor­be­rei­tun­gen tref­fen, einen Streik durch­zu­füh­ren? Und dies als Signal in die nächs­ten Tarif­ver­hand­lun­gen ein­zu­brin­gen? Die Ent­schlos­sen­heit der Metallarbeit„geber“Innen läßt kei­ne Zwei­fel, sie wol­len alles: Arbeits­plät­ze ver­nich­ten, kei­ne Lohn­er­hö­hun­gen und tarif­li­che Errun­gen­schaf­ten wie die Alters­si­che­rung angrei­fen. Sie wol­len den Klas­sen­kampf, den die Gewerk­schafts­füh­re­rIn­nen scheu­en!

Der Warn­streik in Feu­er­bach zeig­te: Es geht bes­ser und mehr, sobald sich die Beleg­schaf­ten selbst ein­mi­schen und Ver­trau­ens­leu­te und Betriebs­rä­te mit­zie­hen. Für eine erfolg­rei­che Tarif­run­de ist es aber nötig, sich nicht nur auf ein­zel­ne Betrie­be zu beschrän­ken, son­dern dar­aus eine Bewe­gung zu bil­den, die die gan­ze Bran­che erfasst. Die IG Metall-Büro­kra­tie wird dies nicht von selbst tun und schon gar nicht will sie, dass wirk­sa­me For­de­run­gen gegen die Kapi­ta­lis­tIn­nen auf­ge­stellt wer­den, die der Bewe­gung eine Per­spek­ti­ve ver­lei­hen! Alle Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die mit der Halb­her­zig­keit ihrer Betriebs­rä­te und der Gewerk­schaft unzu­frie­den sind, alle kri­ti­schen Gewerk­schaf­te­rIn­nen und alle Lin­ken sind gefor­dert, in die­ser Tarif­run­de zusam­men­zu­ar­bei­ten, sich zu ver­net­zen und einen Schritt in Rich­tung einer klas­sen­kämp­fe­ri­schen Basis­be­we­gung zu gehen: damit die Kraft, die wir als Werk­tä­ti­ge aus­üben kön­nen, gegen die Pro­fi­teu­rIn­nen ein­ge­setzt wird!

Nach­trag: Am 9. März 2021 ging die Mel­dung durch die Medi­en, dass Herr Strat­mann tat­säch­lich Ende März sei­nen Pos­ten räu­men wird. Es waren nicht die Betriebs­rä­te oder die Beleg­schaf­ten, die das durch­ge­setzt haben, son­dern Auf­sichts­rats­chef Jun­ker. Es gibt von ihm genau­so wenig zu erhof­fen oder zu erbet­teln wie von einem/​r Nach­fol­ge­rIn. Ein/​e solche/​r wur­de noch nicht bekannt­ge­ge­ben.

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