[gfp:] Globaler Führungskampf in der Elektroautobranche

„Gigafactories“ für Europa

Beob­ach­ter sehen die Bun­des­re­pu­blik auf dem Weg zu einem Markt­füh­rer bei der Elek­tro­mo­bi­li­tät. Dem­nach wer­de Deutsch­land zum „mit Abstand“ wich­tigs­ten Zen­trum der Bat­te­rie­zel­len­pro­duk­ti­on in Euro­pa auf­stei­gen, heißt es unter Ver­weis auf jüngst publi­zier­te Wirtschaftsstudien.[1] Die auf­wen­dig und ener­gie­in­ten­siv zu pro­du­zie­ren­den Bat­te­rien für Elek­tro­au­tos stell­ten eine „Schlüs­sel­kom­po­nen­te“ auf dem rasch expan­die­ren­den Markt dar; auf sie ent­fie­len rund „40 Pro­zent der gesam­ten Wert­schöp­fung“ bei der Her­stel­lung von Elek­tro­fahr­zeu­gen. Bis­lang sei­en Unter­neh­men in Euro­pa „fast voll­stän­dig auf Lie­fe­run­gen aus asia­ti­schen Bat­te­rie­zel­len­fa­bri­ken ange­wie­sen“; dies sol­le sich aber „schnel­ler als bis­lang ange­nom­men ändern“: Noch in die­sem Jahr wer­de Euro­pa über aus­rei­chen­de hei­mi­sche Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten ver­fü­gen, „um sei­nen Bedarf zu decken“. Die EU pumpt der­zeit Mil­li­ar­den in den neu­en Indus­trie­sek­tor, um sei­nen Rück­stand bei der Bat­te­rie­her­stel­lung auf­zu­ho­len. Dem­nach ist bis 2030 der Auf­bau von rund 22 gro­ßen Fer­ti­gungs­stät­ten für Fahr­zeug­a­k­ku­mu­la­to­ren („Giga­fac­to­ries“) geplant; von rund 100.000 neu­en Arbeits­plät­zen ist die Rede.

„Klar dominierender Standort“

Der Auf­bau von Fer­ti­gungs­ka­pa­zi­tä­ten in der Akku­her­stel­lung wer­de die bevor­ste­hen­den Arbeits­platz­ver­lus­te in der Fer­ti­gung von Ver­bren­nungs­mo­to­ren „zumin­dest teil­wei­se wett­ma­chen“, urtei­len die Autoren einer Stu­die des Brüs­se­ler Kli­ma­schutz­ver­bands Trans­port & Envi­ron­ment (T&E).[2] Die Kapa­zi­tä­ten des neu­en Indus­trie­zwei­ges sol­len sich dem­nach bin­nen einer hal­ben Deka­de nahe­zu ver­zehn­fa­chen – von 49 Giga­watt­stun­den im Jahr 2020 auf 460 Giga­watt­stun­den 2025. Rund die Hälf­te die­ser Kapa­zi­tä­ten wer­de in der Bun­des­re­pu­blik ent­ste­hen, sodass die größ­te Volks­wirt­schaft der EU auch in der Bat­te­rie­zel­len­fer­ti­gung „der klar domi­nie­ren­de Stand­ort“ sein wer­de, heißt es – dies vor „Polen, Ungarn, Nor­we­gen, Schwe­den und Frank­reich“. Neben der Tes­la-Fabrik in Bran­den­burg pla­nen Volks­wa­gen und North­volt eine Pro­duk­ti­ons­stät­te bei Salz­git­ter, Opel eine wei­te­re in Kai­sers­lau­tern. Über­dies bau­en die chi­ne­si­schen Kon­zer­ne CATL und SVOLT in Thü­rin­gen und im Saar­land Akku­mu­la­to­ren­wer­ke auf, um von dort aus den euro­päi­schen Markt zu belie­fern.

Vor der Aufholjagd?

Auch jüngs­te Zah­len zur Zulas­sung von Elek­tro­au­tos und von soge­nann­ten Plug-in-Hybrid­fahr­zeu­gen, die mit Ver­bren­nungs- und Elek­tro­mo­to­ren aus­ge­stat­tet sind, schei­nen auf den ers­ten Blick eine rasche Auf­hol­jagd der Bun­des­re­pu­blik auf die­sem Zukunfts­markt zu bestä­ti­gen. Dem­nach hat Deutsch­land im ver­gan­ge­nen Jahr bei den Zulas­sun­gen für Strom- und Hybrid­fahr­zeu­ge erst­mals die USA über­holt: Käu­fer sei­en mit „Prä­mi­en von bis zu 9.000 Euro“ gelockt wor­den, heißt es in Wirtschaftsmedien.[3] Kon­kret sei­en auf­grund die­ser Sub­ven­tio­nen im Jahr 2020 in der Bun­des­re­pu­blik die Neu­zu­las­sun­gen von Elek­tro­au­tos und Plug-in-Hybri­den um 264 Pro­zent auf 395.000 Fahr­zeu­ge in die Höhe geschnellt, wäh­rend die USA nur 322.000 Neu­zu­las­sun­gen ver­zeich­net hät­ten. Den zweit­größ­ten Markt für E‑Pkw in der EU bil­de­te dem­nach Frank­reich, wo 2020 immer­hin 195.000 die­ser Fahr­zeu­ge abge­setzt wer­den konn­ten. Den mit wei­tem Abstand größ­ten natio­na­len Markt für Elek­tro­au­tos bil­det aller­dings Chi­na: Dort konn­ten im ver­gan­ge­nen Jahr sogar 1,25 Mil­lio­nen Neu­zu­las­sun­gen regis­triert wer­den. Nur die EU zusam­men­ge­nom­men wies im ver­gan­ge­nen Jahr mit 1,37 Mil­lio­nen Neu­zu­las­sun­gen ein höhe­res Wachs­tum in der Elek­tro­mo­bi­li­tät als die Volks­re­pu­blik auf.

Volkswagen vs. Tesla

Eine ähn­li­che Auf­hol­jagd lässt sich bei den Pro­du­zen­ten von Hybri­den und Elek­tro­au­tos fest­stel­len, wobei der US-Her­stel­ler Tes­la sei­ne Füh­rungs­po­si­ti­on knapp hal­ten konn­te. Ins­be­son­de­re Volks­wa­gen zieht nach und treibt den US-Elek­tro­au­to­kon­zern vor sich her: Tes­la hat 2020 rund 500.000 Elek­tro­fahr­zeu­ge abset­zen kön­nen, doch kommt Volks­wa­gen inzwi­schen bereits auf 422.000 Hybrid- und Elektroautos.[4] Bei BMW lag der letzt­jäh­ri­ge Absatz in die­ser Fahr­zeug­grup­pe bei 193.000 Fahr­zeu­gen, bei Daim­ler waren es 163.000. Chi­ne­si­sche Elek­tro­au­to­her­stel­ler bele­gen inzwi­schen aller­dings bereits die Rän­ge drei und fünf – knapp hin­ter Tes­la und VW. Dass es sich bei der Bun­des­re­pu­blik um einen Spät­star­ter in die Elek­tro­mo­bi­li­tät han­delt, des­sen domi­nan­te Auto­in­dus­trie jahr­zehn­te­lang die Kli­ma­po­li­tik sabo­tier­te [5], machen Anga­ben zur Gesamt­zahl der Elek­tro­fahr­zeu­ge deut­lich: Sie ist in Chi­na mit rund fünf Mil­lio­nen Fahr­zeu­gen mit wei­tem Abstand am höchs­ten; in den USA sind immer­hin 1,77 Mil­lio­nen E‑Autos unter­wegs, wäh­rend es in der Bun­des­re­pu­blik bei einem Rekord­wert von 48,25 Mil­lio­nen zuge­las­se­nen Pkw nur 570.000 E‑Autos und Hybri­de waren.[6]

Chinesische Konkurrenz

Über­schat­tet wird die deut­sche Debat­te über Elek­tro­mo­bi­li­tät von einer aus­ge­präg­ten Angst vor der chi­ne­si­schen Kon­kur­renz, die sich weit­aus frü­her auf dem Elek­tro­an­trieb kon­zen­triert hat. Für die deut­schen Auto­bau­er gehe es bei der „Wen­de“ zum E‑Auto „ums Gan­ze“, war­nen Bran­chen­in­si­der und machen neben Tes­la vor allem chi­ne­si­sche Kon­zer­ne als Haupt­kon­kur­ren­ten aus.[7] Der chi­ne­si­sche Staat, heißt es, för­de­re vie­le inno­va­ti­ve Unter­neh­men, die auf den Finanz­märk­ten gigan­ti­sche Finanz­sprit­zen erhiel­ten und schon längst in Euro­pa prä­sent sei­en – etwa bei Vol­vo. In deut­schen Wirt­schafts­me­di­en wer­den über­dies Befürch­tun­gen vor einer geziel­ten Export­för­de­rung für chi­ne­si­sche Elek­tro­au­tos genährt.[8] Dem­nach wol­le Bei­jing im Rah­men eines 15-Jah­re-Plans nicht nur die Her­stel­lung von Autos mit neu­ar­ti­gen Antrie­ben för­dern, son­dern auch deren Ver­mark­tung im Aus­land – etwa durch Unter­stüt­zung „der Ent­wick­lung von Mar­ke­ting-Plä­nen zur Erobe­rung aus­län­di­scher Märk­te“. Die rasch vor­an­schrei­ten­de Ent­wick­lung neu­er Elek­tro­fahr­zeu­ge in der Volks­re­pu­blik, die neu­ar­ti­ge Bat­te­rien mit gro­ßer Reich­wei­te auf­wei­sen, wird in deut­schen Leit­me­di­en auf­merk­sam verfolgt.[9]

Selbstbetrug der Autoindustrie

Hin­ter­grund ist der wei­ter­hin vor­han­de­ne tech­no­lo­gi­sche Rück­stand deut­scher Her­stel­ler gegen­über der US-ame­ri­ka­ni­schen und der chi­ne­si­schen Kon­kur­renz. Im ver­gan­ge­nen Jahr ver­öf­fent­lich­te Stu­di­en haben klar­ge­stellt, dass der schö­ne Schein einer Auf­hol­jagd der deut­schen Kfz-Bran­che bei den Elek­tro­an­trie­ben trügt. Dem­nach pro­du­zie­ren Deutsch­lands Auto­bau­er vor­wie­gend tech­no­lo­gisch eta­blier­te Hybrid­fahr­zeu­ge, die einen Ver­bren­nungs­mo­tor und eine klei­ne, kon­ven­tio­nel­le Bat­te­rie auf­wei­sen. BMW etwa bie­tet nur ein ein­zi­ges rei­nes Elek­tro­fahr­zeug an, den i3, wäh­rend die zehn Hybrid­fahr­zeu­ge im Ange­bot des Kon­zerns vor allem dazu dien­ten, „die CO2-Flot­ten­grenz­wer­te der EU ein­zu­hal­ten“, heißt es.[10] Wäh­rend welt­weit der Trend hin zu rei­nen Elek­tro­fahr­zeu­gen gehe, wür­den die­ses Jahr „min­des­tens die Hälf­te der pro­du­zier­ten deut­schen Elek­tro­fahr­zeu­ge Plug-in-Hybri­de sein“, warnt eine Stu­die der Unter­neh­mens­be­ra­tung McK­in­sey. Dem­nach sei es „irre­füh­rend“, die Bun­des­re­pu­blik auf der Basis ihrer Plug-in-Hybri­de zu einem „Elek­tro­land“ zu erklä­ren: In Chi­na etwa stün­den Hybrid­fahr­zeu­ge nur noch für 20 Pro­zent der Neu­zu­las­sun­gen bei Elek­tro­au­tos. Deut­sche Auto­bau­er hin­ge­gen sper­ren sich immer noch gegen ein bal­di­ges Ende des Ver­bren­nungs­mo­tors, wie es auf euro­päi­scher Ebe­ne inzwi­schen von meh­re­ren Län­dern gefor­dert wird.[11] Wäh­rend Ford, Vol­vo und Jagu­ar Land Rover ange­kün­digt haben, den Ver­bren­nungs­mo­tor schon bald aus­zu­mus­tern, erklär­te Daim­ler-Vor­stands­chef Ola Käl­le­ni­us, ihn nicht „vor­zei­tig“ auf­ge­ben zu wol­len, da sich mit dem „Ver­bren­ner … wei­ter viel Geld ver­die­nen“ lasse.[12]

Ein klimapolitischer Holzweg

Dabei gel­ten gera­de die Plug-in-Hybri­de, auf die Deutsch­lands tech­no­lo­gisch zurück­blei­ben­de Auto­in­dus­trie setzt, als beson­ders kli­ma­schäd­lich. Medi­en­be­rich­te bezeich­nen die­se Autos, die häu­fig als Fir­men­wa­gen zum Ein­satz kom­men, als „öko­lo­gi­sches Feigenblatt“.[13] Laut Stu­di­en wie­sen sie anstatt der ver­spro­che­nen zwei Liter einen durch­schnitt­li­chen Ver­brauch von sechs Litern pro hun­dert Kilo­me­ter auf, heißt es. Hin­ter­grund sei, dass die Fah­rer der Hybrid-Fir­men­wa­gen, die aus steu­er­li­chen Grün­den ange­schafft wür­den, kaum das lang­wie­ri­ge Strom­la­den nutz­ten und statt­des­sen über­wie­gend Ben­zin tank­ten. Über­dies ver­zeich­nen Elek­tro­au­tos gene­rell einen viel höhe­ren Ener­gie­ver­bauch in der Her­stel­lung – dies vor allem wegen der auf­wen­di­gen Bat­te­rie­pro­duk­ti­on, wes­halb sie erst nach län­ge­rer Betriebs­dau­er weni­ger kli­ma­schäd­lich sind als Ben­zin- oder Die­sel­fahr­zeu­ge. Mit dem der­zeit übli­chen Strom­mix auf­ge­la­den, wei­sen laut Unter­su­chun­gen selbst rei­ne Strom­fahr­zeu­ge erst nach 63.000 zurück­ge­leg­ten Kilo­me­tern einen gerin­ge­ren CO2-Gesamt­ver­brauch auf als Autos mit Ben­zin­mo­to­ren. Bei Die­sel­fahr­zeu­gen ist dies sogar erst ab 80.000 Kilo­me­tern der Fall.[14]

[1], [2] Mar­cus Theu­rer: Deutsch­land wird zur Bat­te­rie­zel­len­fa­brik Euro­pas. faz​.net 01.03.2021.

[3], [4] Deutsch­land über­holt die USA bei Stro­mer-Neu­zu­las­sun­gen. mana​ger​-maga​zin​.de 09.03.2021.

[5] Tomasz Konicz: Kli­ma­po­li­ti­scher Schwin­del für Fort­ge­schrit­te­ne. hei​se​.de/tp 04.11.2018.

[6] Deut­sche E‑Autobauer holen auf. tages​schau​.de 09.03.2021.

[7] „Die Chi­ne­sen sind schon längst da“. zdf​.de 16.02.2021.

[8] „Anlei­tung zur Erobe­rung aus­län­di­scher Märk­te“: So aggres­siv will Chi­na jetzt mit E‑Autos VW, Daim­ler & Co. angrei­fen. busi​ness​in​si​der​.de 06.01.2021.

[9] Stef­fen Wur­zel: Tes­la-Jäger aus Chi­na. tages​schau​.de 13.01.2021.

[10] Deutsch­land könn­te 2021 zum Elek­tro­au­to-Markt­füh­rer wer­den. spie​gel​.de 04.03.2020.

[11] Hen­drik Kaf­sack: Neun EU-Staa­ten for­dern End­da­tum für Ver­bren­nungs­mo­tor. faz​.net 10.03.2021.

[12] Mar­cus Theu­rer: Deutsch­land wird zur Bat­te­rie­zel­len­fa­brik Euro­pas. faz​.net 01.03.2021.

[13] Der Boom der Plug-in-Hybri­de ist eine schlech­te Nach­richt für das Kli­ma. spie​gel​.de 08.01.2020.

[14] Öko­bi­lanz Elek­tro­au­to: So umwelt­freund­lich sind Elek­tro­au­tos wirk­lich. polar​stern​-ener​gie​.de 25.01.2021.

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