[ISO:] Vom Sohn einer armen Bäuerin zum Revolutionär

Zum Tod des Revo­lu­tio­närs Pierre Lou­is, der sei­ne Kind­heit in Nord­viet­nam ver­brach­te, bevor er in den fran­zö­si­schen Auf­stän­den von 1968 zum Revo­lu­tio­när wur­de. Als sol­cher war er lan­ge in Gewerk­schaf­ten aktiv und streik­te oft als ein­zi­ger der bes­ser­ge­stell­ten Tech­ni­ker sei­nes Betriebs.

Unser Genos­se Pierre Lou­is, der auch unter dem
Orga­ni­sa­ti­ons­pseud­onym Che­ni­er bekannt war, hat uns im Alter von 86 Jah­ren ver­las­sen.
Er hat bei Renault in Bil­lan­court gear­bei­tet und war von 1968 bis 2012 als
Mit­glied der Ligue com­mu­nis­te, dann der LCR und der NPA poli­tisch aktiv. Obwohl
er nicht mehr Mit­glied war, kan­di­dier­te er 2014 auf einer Lis­te „Front de
gauche/​NPA“ bei einer Kom­mu­nal­wahl.

Er war das Kind einer armen Bäue­rin und eines „unbe­kann­ten“
Vaters, eines Sol­da­ten des fran­zö­si­schen Expe­di­ti­ons­korps in Indo­chi­na; sei­ne
Mut­ter gab ihm den Namen Phan van Thanh. Als er 6 Jah­re alt war, kam er in ein
katho­li­sches Wai­sen­haus in Bac Ninh im Nor­den von Viet­nam; 1947 wur­de er ohne
Zustim­mung sei­ner Mut­ter im Alter von 12 Jah­ren in die Metro­po­le gebracht.
Zugleich erhielt er die fran­zö­si­sche Staats­bür­ger­schaft und den Namen „Pierre
Lou­is“.

In sei­nem Buch Enfan­ce
d’un petit eura­si­en
(Kind­heit eines klei­nen Eura­siers), das uns alle sehr
bewegt hat und das unter sei­nem ursprüng­li­chen Namen in dem viet­na­me­si­schen
Ver­lag Thé Gioi erschie­nen ist, hat er über sei­ne Kind­heit und Jugend erzählt,
die von den Unge­rech­tig­kei­ten der fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­macht in Indo­chi­na
geprägt waren.

Er kam in ver­schie­de­ne Inter­na­te und
Aus­bil­dungs­zen­tren, 1953 erwarb einen Abschluss als Dre­her, gefolgt von einem
Berufs­ab­schluss als Mon­teur 1954. Von 1955 bis 1965 arbei­te­te er in der Regi­on
Paris in ver­schie­de­nen Inge­nieur­bü­ros. Von 1965 bis März 1969 war er als
Indus­trie­zeich­ner in dem For­schungs­zen­trum des „Com­mis­sa­ri­at à l’éner­gie ato­mi­que“
(CEA) in Saclay (Dépar­te­ment Esso­ne, Ile de Fran­ce) ange­stellt. Zu die­ser Zeit hat­te
er sei­ne katho­li­sche Erzie­hung und Gläu­big­keit hin­ter sich gelas­sen und war er
poli­tisch mehr oder min­der Anhän­ger des Prä­si­den­ten, von Gene­ral de Gaul­le; der
Streik im Mai/​Juni 1968 in Saclay brach­te eine Wen­de in sei­nem Leben. Als
Reprä­sen­tant der „intéri­ma­i­res“ (Zeit­ar­bei­ter) kam er in das zen­tra­le
Streik­ko­mi­tee in Saclay; in dem „Con­seil ouvri­er“ (Arbei­ter­rat) des von den
Beschäf­tig­ten besetz­ten For­schungs­zen­trums des CEA waren auch vie­le, sogar
hoch­ge­stell­te Tech­ni­ker ver­tre­ten. In die­sem Streik­ko­mi­tee war auch Jac­ques
Pes­quet, ein Mit­glied der Sek­ti­on der IV. Inter­na­tio­na­le, der noch im sel­ben
Jahr ein klei­nes Buch über die „Sowjets in Saclay“ ver­öf­fent­lich­te.[i]
Jac­ques Pes­quet war es auch, der Pierre Lou­is in eines der „Comi­tés rouges“
brach­te, die im Herbst 1968 nach dem Ver­bot der Sek­ti­on und der „Jeu­nesses
com­mu­nis­tes révo­lu­ti­onn­aires“ (JCR) gebil­det und zu Keim­zel­len der „Ligue
com­mu­nis­te“ wur­den, die im April 1969 gegrün­det wur­de. Einen Monat vor­her war
der Ver­trag von Pierre Lou­is als „inté­rim“ nicht ver­län­gert wor­den.

Nach­dem er 1969 bei Renault-Bil­lan­court anfing, wo er
den größ­ten Teil sei­nes Berufs­le­bens ver­brach­te, wur­den wir bis zu sei­ner
Pen­sio­nie­rung im Jahr 1990 Teil sei­nes Lebens als poli­tisch Akti­ver und als Freund.

Der einzige Techniker, der mitgestreikt hat

Er war zunächst Mit­glied des Gewerk­schafts­ver­bands CGT und wur­de Sekre­tär der Betriebs­grup­pe der Tech­nik­erfö­de­ra­ti­on UGICT/​ETDA; er trat aus, weil er mit der Hal­tung der CGT nach der Ermor­dung von Pierre Over­ney durch die Werks­po­li­zei von Renault im Febru­ar 1972 nicht ein­ver­stan­den war (die damals noch eng an die Fran­zö­si­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei PCF gekop­pel­te CGT distan­zier­te sich ent­schie­den von den „gau­chis­tes“ wie Pierre Over­ney, einem „mao-spon­tex“). Pierre trat danach der CFDT bei und wur­de für die­sen Ver­band zwei­mal zum Dele­gier­ten des Per­so­nals gewählt. Er wur­de aus dem Gewerk­schafts­rat der CFDT aus­ge­schlos­sen und sei­ner Funk­ti­on als Sekre­tär der Betriebs­grup­pe ent­ho­ben, weil er sich gegen die Wen­de die­ses Ver­bands ab 1985 stell­te, der sich dann auch mit der Schlie­ßung des Werks ein­ver­stan­den erklä­ren soll­te.[ii] Von 1988 bis 1990 war er wie­der Mit­glied der CGT. Er erin­ner­te sich vol­ler Rüh­rung an die ver­schie­de­nen Streiks, die in den 1970er Jah­ren bei Renault statt­fan­den, und an die Näch­te, die er dann in den Werks­hal­len zubrach­te, als ein­zi­ger Tech­ni­ker in Bil­lan­court, der mit­ge­streikt hat. Er erin­ner­te sich auch dar­an, wie schwie­rig es für ihn war, wenn er allei­ne vor zahl­lo­sen Lei­tungs­leu­ten und den Mit­glie­dern von CGT und der PCF dastand.

Pierre war der Vor­sit­zen­de der Ver­ei­ni­gung „Oran­ge
fleurs d’e­spoir“, die sich für die Opfer von Agent Oran­ge wäh­rend des
Viet­nam­kriegs ein­setz­te, und Mit­glied der „Uni­on des Viet­na­mi­ens en Fran­ce“.
Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung arbei­te­te er als ehren­amt­li­cher Mode­ra­tor und
Psy­cho­the­ra­pie­be­treu­er (nach­dem er die ent­spre­chen­den Diplo­me bestan­den hat­te).

In den letz­ten Jah­ren leb­te er in Tours; wegen gesund­heit­li­cher Pro­ble­me ist er vor kur­zem in ein Alten­heim ver­legt wor­den. Er ist meh­re­re Male ver­hei­ra­tet gewe­sen. Wir, sei­ne ehe­ma­li­gen Genoss*innen bei Renault-Bil­lan­court, haben einen der Unse­ren ver­lo­ren und tei­len die Trau­er sei­ner Fami­lie, sei­ner Part­ne­rin und sei­ner Kin­der. Pierre ist bis zum Schluss sei­nen Über­zeu­gun­gen und sei­ner Orga­ni­sa­ti­on treu geblie­ben.

Emma­nu­el­le, Janet­te, Jean, Jean-Clau­de, Patrick, Ramon, Roland
‒ sei­ne Genoss*innen in Bil­lan­court

Die­ser Arti­kel ist am 10. März 2021 auf der Web­site von l’Anticapitaliste, der Wochen­zei­tung der
fran­zö­si­schen Neu­en Anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Par­tei, ver­öf­fent­licht wor­den (https://​lan​ti​ca​pi​ta​lis​te​.org/​a​c​t​u​a​l​i​t​e​/​v​i​e​-​i​n​t​e​r​n​e​/​p​i​e​r​r​e​-​l​o​uis).

Eine umfang­rei­che­re bio­gra­phi­sche
Notiz ist in dem Nach­schla­ge­werk „Mai­tron“ erschie­nen: https://​mai​tron​.fr/​s​p​i​p​.​p​h​p​?​a​r​t​i​c​l​e​1​5​8​688.

Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt, bear­bei­tet und mit
Anmer­kun­gen von Wil­fried


[i]
Jac­ques Pes­quet, Des soviets à Saclay? Pre­mier bilan d’u­ne expé­ri­ence de
con­seils ouvri­ers au Com­mis­sa­ri­at à l’Ener­gie Ato­mi­que, Paris: Maspe­ro, 1968.
Auf Deutsch, zusam­men mit einem Essay von Anto­nio Gram­sci: Jac­ques Pes­quet, Räte
in Saclay?
Räte in Turin,
Mün­chen: Ver­lags­ko­ope­ra­ti­ve Tri­kont, 1969, (Schrif­ten zum Klas­sen­kampf,
Bd. 9).
Zu Jac­ques Pes­quet (1937‒1996), Mit­glied der PSU, der PCI und von 1969 bis 1981
der Ligue com­mu­nis­te bzw. LCR, der 1975 den Aus­bau der Dru­cke­rei der LCR für
die Her­stel­lung von Rouge als Tages­zei­tung (1976 bis 1979) lei­te­te und
ihr ers­ter Geschäfts­füh­rer war, sie­he eine aus­führ­li­che bio­gra­phi­sche Notiz: https://​mai​tron​.fr/​s​p​i​p​.​p​h​p​?​a​r​t​i​c​l​e​1​6​0​666.

[ii] In der Gemein­de Bou­lo­gne-Bil­lan­court, die im Dépar­te­ment Hauts-de Sei­ne süd­west­lich von Paris und süd­lich vom Bois de Bou­lo­gne liegt und sowohl als einer vor­nehms­ten Vor­or­te von Paris gilt als auch durch Indus­trie­be­trie­be geprägt war, bau­te Lou­is Renault 1898 in einem Schup­pen sein ers­tes Auto­mo­bil und ent­stand Anfang des 20. Jahr­hun­derts das Stamm­werk des spä­te­ren Renault-Kon­zerns. Auf der Île de Ségu­in in einer gro­ßen Fluss­schlei­fe der Sei­ne wur­de von 1929 bis 1934 das Werk gebaut, damals der größ­te Indus­trie­be­trieb Frank­reichs mit rund 30 000 Beschäf­tig­ten. Die Fir­ma wur­de im Janu­ar 1945 ver­staat­licht, ihre Wer­ke, beson­ders Bil­lan­court, waren jahr­zehn­te­lang Bas­tio­nen der Gewerk­schafts­be­we­gung, vor allem der CGT, und der Fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei.

1989 gab die Fir­men­lei­tung die Schlie­ßung des Werks Bil­lan­court bekannt, 1992 roll­te der letz­te Pkw vom Band, der Abriss der Werks­hal­len war im März 2005 abge­schlos­sen.

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