[KgK:] Die marxistische Methode und die Aktualität der Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen

Wir ver­öf­fent­li­chen die Eröff­nungs­re­de von Emi­lio Alb­a­mon­te für die Kon­fe­renz der PTS vom 11. bis 13. Dezem­ber 2020 als drei­tei­li­ge Serie. Er behan­delt eine Rei­he theo­re­ti­scher und his­to­ri­scher Grund­la­gen für das Ver­ständ­nis der inter­na­tio­na­len Situa­ti­on, dar­un­ter die Defi­ni­ti­on der Epo­che von Kri­sen, Krie­gen und Revo­lu­tio­nen als stra­te­gi­schem Rah­men der aktu­el­len Kri­se, sowie die Nütz­lich­keit des Kon­zepts des „kapi­ta­lis­ti­schen Gleich­ge­wichts“ zur Ana­ly­se der Bezie­hun­gen zwi­schen Öko­no­mie, Geo­po­li­tik und Klas­sen­kampf. Er debat­tiert auch mit ver­schie­de­nen Ant­wor­ten auf die Kri­se und eini­gen der Schei­de­we­ge, vor denen der revo­lu­tio­nä­re Mar­xis­mus in der gegen­wär­ti­gen Etap­pe steht.

Der ers­te Teil han­delt von der his­to­ri­schen Bedeu­tung der neo­li­be­ra­len Offen­si­ve sowie der mar­xis­ti­schen Metho­de zur Betrach­tung der aktu­el­len Welt­la­ge, die den Klas­sen­kampf nicht aus­klam­mert, son­dern – ganz im Gegen­teil – ihr eine ent­schei­den­de Rol­le zuweist. Im zwei­ten Teil wid­men wir uns der Strö­mun­gen des soge­nann­ten „Post-Kapi­ta­lis­mus“, die vor allem in der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung eine Mög­lich­keit sehen, der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­k­zur­renz zu ent­kom­men. Teil davon ist auch die Idee eines bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens. Der drit­te und letz­te Teil dreht sich um die Epo­che von Kri­se, Krieg und Revo­lu­tio­nen, sowie wie und war­um wir kämp­fen. Dies umfasst eben­so eine Bilanz des Nach­kriegs­trotz­kis­mus.

Ich möch­te mit drei Punk­ten die Dis­kus­sio­nen der Kon­fe­renz eröff­nen. Der ers­te behan­delt die aktu­el­le Welt­la­ge und die mar­xis­ti­sche Metho­de, sie anzu­ge­hen. Ich wer­de die wich­tigs­ten stra­te­gi­schen Pro­ble­me und die struk­tu­rel­le­ren Ten­den­zen beleuch­ten – das Doku­ment von Clau­dia Cin­at­ti ana­ly­siert die poli­ti­schen Pro­ble­me und die Aktua­li­sie­rung der Ten­den­zen, die die heu­ti­ge Kon­junk­tur kenn­zeich­nen.

Die zwei­te Fra­ge besteht dar­in, eini­ge Ant­wor­ten auf die­se Situa­ti­on zu ana­ly­sie­ren. Wir wer­den mit eini­gen Strö­mun­gen theo­re­tisch dis­ku­tie­ren: aka­de­mi­sche Strö­mun­gen, die im All­ge­mei­nen klein­bür­ger­lich und anti­so­zia­lis­tisch sind – wäh­rend sozia­lis­ti­sche und revo­lu­tio­nä­re mar­xis­ti­sche Strö­mun­gen in der Uni­ver­si­tät ent­we­der gar kei­ne oder nur eine Min­des­heits­po­si­ti­on dar­stel­len. Zuerst muss man ver­ste­hen, was sie sagen, mit ihnen dann theo­re­tisch von einem mar­xis­ti­schen Stand­punkt aus dis­ku­tie­ren, und schließ­lich ihr Pro­gramm dis­ku­tie­ren (falls sie über­haupt ein poli­ti­sches Pro­gramm ent­wi­ckeln, denn nicht alle tun das expli­zit). Zu denen, die wir heu­te ana­ly­sie­ren wer­den, gehö­ren die soge­nann­ten post­ka­pi­ta­lis­ti­schen Strö­mun­gen. Die Genos­sin Pau­la Bach hat die­se Strö­mun­gen stu­diert und schreibt aktu­ell an einem Buch, von dem wir ein Kapi­tel in in der Zeit­schrift Ide­as de Izquier­da vor­ab ver­öf­fent­licht haben.

Zum Schluss wer­de ich auf die Lage des Pro­le­ta­ri­ats ein­ge­hen und dar­auf, in wel­cher Situa­ti­on wir uns all­ge­mein, jen­seits der poli­ti­schen Kon­junk­tur, vom his­to­ri­schen Stand­punkt aus befin­den. Ich wer­de erklä­ren, war­um von unse­rem Stand­punkt aus die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on, bei allen enor­men Schwie­rig­kei­ten, die sie hat, der ein­zi­ge rea­lis­ti­sche Aus­weg aus der Kri­se des Kapi­ta­lis­mus ist. Nicht in Bezug auf die aktu­el­le Kri­se im Beson­de­ren, son­dern auf die wie­der­keh­ren­den Kri­sen, die der Kapi­ta­lis­mus hat­te und mit­tel- und lang­fris­tig wie­der haben kann, ein­ge­hen. Das heißt, eine Ant­wort auf die grund­le­gen­den Ten­den­zen des Kapi­ta­lis­mus, für die refor­mis­ti­sche Strö­mun­gen ver­schie­de­ner Art kei­nen Aus­weg bie­ten kön­nen. Die­se Kri­sen kön­nen eine kon­junk­tu­rel­le Lösung haben, wie bereits vie­le kapi­ta­lis­ti­sche Kri­sen zuvor, aber wir müs­sen die inter­na­tio­na­le Situa­ti­on von einem mar­xis­ti­schen Stand­punkt aus ana­ly­sie­ren, wie es Trotz­ki tat, auf des­sen Metho­de ich mich bezie­hen wer­de.

Die aktuelle Etappe und die Reaktionen auf die Krise

Zu Beginn die­ses Jahr­hun­derts sag­te der bri­ti­sche Mar­xist Per­ry Ander­son, dass der Neo­li­be­ra­lis­mus mit sei­ner Poli­tik der Markt­öff­nung und Glo­ba­li­sie­rung die erfolg­reichs­te Ideo­lo­gie der Welt­ge­schich­te sei. Aus Sicht der poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Theo­rien, des durch den Neo­li­be­ra­lis­mus tat­säch­lich durch­ge­setz­ten „gesun­den Men­schen­ver­stands“, schien Ander­son durch­aus Recht zu haben. Jede:r dach­te in Begrif­fen des Neo­li­be­ra­lis­mus, sowohl die per­sön­li­chen Per­spek­ti­ven als auch die Per­spek­ti­ven und Gren­zen der Aus­rich­tung, die ein Land in der Wirt­schaft, in der Poli­tik und in sozia­len Fra­gen ein­schla­gen konn­te.

Heu­te, nach der Kri­se von 2008, hat sich das geän­dert. Für die­je­ni­gen, die jün­ger sind und die Geschich­te weni­ger ken­nen: Dies war eine der gro­ßen Kri­sen des Kapi­ta­lis­mus, die ihn enorm dis­kre­di­tiert hat. Zunächst bra­chen eini­ge Kre­dit­in­sti­tu­te zusam­men, wodurch ein „Domi­no­ef­fekt“ zu ent­ste­hen droh­te. Die Kri­se hat­te mit Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten und Finanz­in­stru­men­ten zu tun. Unter der Füh­rung von Oba­ma (För­de­rer des jet­zi­gen Prä­si­den­ten Joe Biden) wur­den Ban­ken und Kon­zer­ne geret­tet, die welt­weit Bil­lio­nen von Dol­lar in die Hand nah­men, wäh­rend Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen von Men­schen, die jah­re­lang gear­bei­tet hat­ten, um sich ein Haus zu kau­fen, gesagt wur­de, dass sie ihr Haus ver­lie­ren wür­den, wenn sie die Kre­di­te nicht zurück­zah­len könn­ten. Und genau­so geschah es. So hat der Kapi­ta­lis­mus die Kri­se gelöst. Danach erhol­te sich die Wirt­schaft in rela­ti­vem Maße, erreich­te aber bei vie­len Indi­ka­to­ren nie wie­der das Vor­kri­sen­ni­veau. Schon vor der Pan­de­mie waren das Wachs­tum der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät, die Pro­fi­tra­te usw. im Kapi­ta­lis­mus welt­weit rück­läu­fig. Micha­el Roberts, ein bri­ti­scher Mar­xist, ana­ly­siert in einem Inter­view, das wir kürz­lich mit ihm geführt haben, wie schon vor der Pan­de­mie die wirt­schaft­li­che Erho­lung rück­läu­fig war, die nach 2008 erreicht wor­den war. Damals wur­den in einer ers­ten Pha­se die Kern­län­der hart getrof­fen, und einer zwei­ten Pha­se kop­pel­te sich Chi­na prak­tisch vom Abwärts­kurs der Welt­wirt­schaft ab, was eine schlim­me­re Kata­stro­phe ver­hin­der­te. Die­ses Ele­ment ver­hin­der­te – zusam­men mit den mas­si­ven Ret­tungs­pa­ke­ten – ein Kri­sen­sze­na­rio wie in den 1930er Jah­ren, als zum Bei­spiel in weni­gen Jah­ren mehr als acht­tau­send Ban­ken plei­te gin­gen.

Im Jahr 2008 wur­den die Ban­ken geret­tet und ein sol­ches Sze­na­rio ver­mie­den. Jedoch geschah dies auf Kos­ten der Ver­län­ge­rung einer schlei­chen­de Kri­se, die sich spä­ter beim Her­un­ter­fah­ren der Wirt­schaft im Zuge der Pan­de­mie ver­schärf­te. Das hat­te nicht nur wirt­schaft­li­che, son­dern auch sozia­le und poli­ti­sche Fol­gen und Fol­gen im Klas­sen­kampf, wie wir sehen wer­den. Das ist die Kri­se des Neo­li­be­ra­lis­mus, jener von Ander­son beschrie­be­nen erfolg­rei­chen Ideo­lo­gie, die fast das gesam­te poli­ti­sche Spek­trum von Rechts bis Mit­te-links durch­drin­gen konn­te.

Mit der Dis­kre­di­tie­rung sowohl die­ser Ideo­lo­gie als auch der Idee der Glo­ba­li­sie­rung sind Phä­no­me­ne ent­stan­den, wie z.B. die Wahl von Donald Trump zum Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Er kam mit dem Ver­spre­chen an die Regie­rung, alle Arbeits­plät­ze zurück­zu­ho­len, die durch inter­na­tio­na­le Frei­han­dels- und Glo­ba­li­sie­rungs­ab­kom­men ver­lo­ren gegan­gen waren. Dafür bekam er vie­le Stim­men von arbeits­lo­sen Arbeiter:innen im Mitt­le­ren Wes­ten der USA. Dies ist ein Phä­no­men, das sich bereits in den euro­päi­schen Län­dern und ande­ren Län­dern der Welt gezeigt hat­te und als „Rechts­po­pu­lis­mus“ bezeich­net wird: Er basiert auf dem Vor­schlag der Rück­kehr zur alten „ver­lo­re­nen Domi­nanz“ der Natio­nal­staa­ten und dar­auf, dass die inter­na­tio­na­len Gre­mi­en und gro­ßen Kon­zer­ne, die über die Natio­nal­staa­ten hin­aus­ge­wach­sen sei­en, auf natio­na­ler Ebe­ne kon­trol­liert wer­den könn­ten. Trump hat­te am Ende nur eine Amts­zeit, und jetzt hat Biden gewon­nen, weil die­ses Ver­spre­chen nicht erfüllt wur­de und nicht erfüllt wer­den konn­te; hin­zu kommt zusätz­lich die sich ver­schlech­tern­de Situa­ti­on durch das Coro­na­vi­rus. Die­ses Pan­ora­ma ist Aus­druck der Schwä­chen der bei­den Strö­mun­gen, die es heu­te im welt­wei­ten Neo­li­be­ra­lis­mus gibt: der „Rechts­po­pu­lis­mus“, der nicht mit den Bedin­gun­gen des Neo­li­be­ra­lis­mus bricht, son­dern bes­se­re Bedin­gun­gen ver­han­deln will, und der tra­di­tio­nel­le­re Neo­li­be­ra­lis­mus, der in der US-ame­ri­ka­ni­schen Demo­kra­ti­schen Par­tei, bei Macron in Frank­reich, bei Mer­kel in Deutsch­land und sogar in Chi­na usw. zum Aus­druck kommt, die in unter­schied­li­chem Maße Verteidiger:innen der neo­li­be­ra­len The­sen sind.

Die Dis­kre­di­tie­rung des Neo­li­be­ra­lis­mus und bis zu einem gewis­sen Grad des Kapi­ta­lis­mus selbst ist weit ver­brei­tet, als Resul­tat der enor­men Ungleich­hei­ten, die die neo­li­be­ra­le Offen­si­ve, die welt­weit die Arbeiter:innenlöhne, die Arbeits­plät­ze usw. angriff, geschaf­fen hat. Die aktu­el­le Kri­se im Rah­men des Coro­na­vi­rus hat die Situa­ti­on wei­ter ver­schärft. Für 2020hat der IWF pro­gnos­ti­ziert, dass das welt­wei­te Brut­to­so­zi­al­pro­dukt um 4,4 Pro­zent sinkt– das sind enor­me Zah­len. Das bedeu­tet nicht, dass es sich im nächs­ten Jahr nicht wie­der erho­len kann, aber in Län­dern wie Argen­ti­ni­en, in denen die Wirt­schafts­leis­tung um 10 bis 12 Pro­zent fal­len wird, wird es meh­re­re Jah­re dau­ern, bis das Vor­kri­sen­ni­veau wie­der erreicht ist. Mit ande­ren Wor­ten ste­hen wir vor einer Kata­stro­phe für gro­ße Tei­le der Mas­sen. Von die­ser Situa­ti­on müs­sen wir aus­ge­hen, um zu ver­ste­hen, in wel­cher Lage, an wel­chem Schei­de­weg sich der welt­wei­te Kapi­ta­lis­mus befin­det.

Das Grund­pro­blem des heu­ti­gen Kapi­ta­lis­mus ist, dass er sich als unfä­hig erwie­sen hat, neue Moto­ren der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on her­vor­zu­brin­gen. Nach­dem die Büro­kra­tien der ehe­ma­li­gen büro­kra­ti­schen Arbeiter:innenstaaten den Kapi­ta­lis­mus restau­rier­ten, fand das Kapi­tal einen neu­en „Urwald“, d.h. einen neu­en Ort zur Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on. Es war die Restau­ra­ti­on in Chi­na, die es jah­re­lang ermög­lich­te, bil­li­ge Arbeits­kraft zu gene­rie­ren, die den Lohn­preis welt­weit senk­te. Jetzt läuft die­se Gegen­ten­denz aus, nicht nur weil die Löh­ne in Chi­na stei­gen, son­dern weil Chi­na mit den USA, mit Deutsch­land, mit den Groß­mäch­ten kon­kur­riert. Es hat sich von einer armen Nati­on, die ein Ziel für die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on der impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te war, in eine Nati­on ver­wan­delt, die auf dem Welt­markt um die Mög­lich­kei­ten der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on kon­kur­riert. Daher die Zoll- und Han­dels­krie­ge, die wir in letz­ter Zeit ver­stärkt sehen.

Um zusam­men zu fas­sen: Es war dem Kapi­ta­lis­mus gelun­gen, jene tri­um­pha­le Ideo­lo­gie durch­zu­set­zen, von der Per­ry Ander­son sprach, die bei vie­len Men­schen zum Com­mon Sen­se wur­de – nicht nur als Resul­tat einer all­ge­mei­nen Offen­si­ve und der Nie­der­la­ge des Pro­le­ta­ri­ats im Wes­ten, son­dern auch durch die Besei­ti­gung von Errun­gen­schaf­ten wie denen, die wir als – dege­ne­rier­te und defor­mier­te – Arbeiter:innenstaaten bezeich­nen, indem er sie auf das Ter­rain der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on zurück­führ­te, was im Zwei­ten Welt­krieg nicht der Fall war. Der Kapi­ta­lis­mus hat­te dadurch einen neu­en Auf­schwung, aber die­ser läuft nun aus. Die Kri­se von 2008 hat die­se Erschöp­fung gezeigt, und jetzt ist sie erneut zu beob­ach­ten.

Trotzkis Methode

Um die Situa­ti­on zu ana­ly­sie­ren und uns von den Reformist:innen ver­schie­de­ner Art abzu­gren­zen, soll­ten wir beden­ken, wie Trotz­ki die inter­na­tio­na­le Situa­ti­on ana­ly­sier­te: nicht als eine Sum­me von Fak­to­ren, son­dern als eine Struk­tur, in der das Gan­ze mehr ist als die Sum­me sei­ner Tei­le. Das bedeu­tet, dass wir in unse­re Ana­ly­se sowohl den Zustand der Welt­wirt­schaft als auch der Geo­po­li­tik und des Klas­sen­kamp­fes ein­be­zie­hen müs­sen. Und das nicht als Auf­zäh­lung, son­dern immer unter der Berück­sich­ti­gung, dass der Klas­sen­kampf das bestim­men­de Ele­ment ist.

Trotz­ki wies dar­auf hin, dass man, um die inter­na­tio­na­le Situa­ti­on zu ana­ly­sie­ren, von der Öko­no­mie aus­ge­hen müs­se, das heißt, davon, wel­che Bezie­hun­gen die Wirt­schaft zur Poli­tik hat. Wir sagen zum Bei­spiel, dass das Kapi­tal ein Akku­mu­la­ti­ons­pro­blem hat – die Finan­zia­li­sie­rung der Wirt­schaft ist die ande­re Sei­te davon. Aber hier gibt es neben dem öko­no­mi­schen Pro­blem auch ein poli­ti­sches Pro­blem, denn damit begin­nen die Strei­tig­kei­ten zwi­schen Staa­ten, wie wir sie zwi­schen den USA und Chi­na beob­ach­ten. Die­se geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen sind für Trotz­ki von zen­tra­ler Bedeu­tung, denn wir müs­sen nicht nur die Kon­zer­ne ana­ly­sie­ren, son­dern auch die Staa­ten, auf die sich die­se Kon­zer­ne stüt­zen, und die geo­po­li­ti­schen Kämp­fe, die die Wirt­schaft her­vor­bringt. Die Wirt­schaft hat also Pro­ble­me bei der Ver­wer­tung von Kapi­tal1, was sich in geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen zwi­schen Staa­ten aus­drückt. Daher Trumps per­ma­nen­ter Dis­kurs gegen Chi­na, der unab­hän­gig von der Form und bestimm­ter tak­ti­scher Optio­nen den bereits wäh­rend der Oba­ma-Prä­si­dent­schaft ent­wi­ckel­ten stra­te­gi­schen Wett­be­werb mit Chi­na fort­setzt, der als „asia­ti­sche Wen­de“ zur Umzin­ge­lung Chi­nas bezeich­net wur­de. Oba­mas Linie war es, sich vor­zu­be­rei­ten und von Süden her mit Indi­en, Indo­ne­si­en, Süd­ko­rea bis Aus­tra­li­en eine Art Blo­cka­de gegen Chi­na zu errich­ten, die man manch­mal sieht und manch­mal nicht. Chi­na, des­sen Stel­lung in der Süd­see sich eher frü­her als spä­ter stra­te­gisch ver­kom­pli­zie­ren könn­te, erbaut dem­ge­gen­über künst­li­che Inseln und rüs­tet sie mit Waf­fen aus, mit dem Ziel, einen even­tu­el­len mili­tä­ri­schen Angriff zu ver­hin­dern.

Die­se geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen tre­ten nicht not­wen­di­ger­wei­se von Anfang an als mili­tä­ri­sche Kon­fron­ta­tio­nen auf; sie tre­ten manch­mal, wie Trotz­ki sag­te, als „Zoll­krie­ge“ auf. Das ist es, was Trump gegen Chi­na getan hat, gegen bil­li­ge chi­ne­si­sche Waren: Die USA akzep­tie­ren sie nur unter der Bedin­gung, dass Chi­na sei­ne Käu­fe bestimm­ter von den USA pro­du­zier­ter Waren um 200 Mil­li­ar­den Dol­lar erhöht. Die­se geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen sind oft die Grund­la­ge für ech­te Krie­ge, nicht nur zwi­schen den Groß­mäch­ten, son­dern auch zwi­schen klei­ne­ren oder regio­na­len Mäch­ten. So wird in dem Arti­kel von Clau­dia Cin­at­ti die Rol­le von Zwi­schen­mäch­ten wie dem NATO-Mit­glieds­land Tür­kei, das einen Vor­pos­ten des Wes­tens bil­det, her­aus­ge­ar­bei­tet. Durch die Kon­flik­te im Nahen Osten und den Rück­zug der USA ist die Tür­kei zu einer Regio­nal­macht gewor­den. Im Fall des Krie­ges, der vor kur­zem in einem Gebiet des ehe­ma­li­gen Ter­ri­to­ri­ums der Sowjet­uni­on zwi­schen Aser­bai­dschan und Arme­ni­en geführt wur­de, war die Tür­kei der Schlüs­sel, um das Gleich­ge­wicht zu Guns­ten der Ers­te­ren zu kip­pen. Krie­ge wie die­se kön­nen Situa­tio­nen eröff­nen, deren Fol­gen oft unvor­her­seh­bar sind.

Trotz­ki syn­the­ti­siert die­se Metho­de für die Ana­ly­se der Welt­la­ge in den 1920er Jah­ren. Mit der glo­ba­len Aus­deh­nung des Kapi­ta­lis­mus und dem Beginn der impe­ria­lis­ti­schen Epo­che ver­schärf­te sich der Wider­spruch zwi­schen den zuneh­mend inter­na­tio­na­li­sier­ten Pro­duk­tiv­kräf­ten mit ihren Kon­zer­nen und dem Natio­nal­staat als der Raum, in dem sich die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se arti­ku­lie­ren. Ein Kon­zern wie Ama­zon hat zum Bei­spiel 1,2 Mil­lio­nen Beschäf­tig­te welt­weit. Die­se Art von mul­ti­na­tio­na­len Unter­neh­men muss um die Beherr­schung des Welt­mark­tes kon­kur­rie­ren und den Staa­ten eine Poli­tik auf­zwin­gen, gegen die sie sich oft stel­len. Sie waren gegen Trump, weil sie das Gefühl hat­ten, dass er sie bei den Han­dels­be­zie­hun­gen stört. Aber sie sind für einen Plan – sei es mit den Repu­bli­ka­nern oder den Demo­kra­ten –, um Chi­na dar­an zu hin­dern, Spit­zen­tech­no­lo­gien wie 5G zu ent­wi­ckeln und aus­zu­bau­en, und um Chi­na dar­an zu hin­dern, sich als Groß­macht zu ent­fal­ten und sei­ne impe­ria­lis­tischs­ten Züge zu ent­wi­ckeln. Denn das könn­te sich als Kon­kur­renz für die gro­ßen mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne wie Goog­le, Face­book usw. erwei­sen, denen Chi­na das Ein­drin­gen in sein Ter­ri­to­ri­um ver­bo­ten hat oder kon­trol­liert. Das Pro­blem ist, dass dies ein inter­na­tio­na­ler Kampf dar­um ist, wel­ches Mono­pol sich durch­set­zen wird und wel­che Staa­ten sich inner­halb die­ser Situa­ti­on durch­set­zen wer­den. Gleich­zei­tig gibt es einen inter­nen wirt­schaft­li­chen Wider­spruch: dass die Kon­zer­ne eines Lan­des in bestimm­ten Fäl­len über die Staa­ten hin­aus­wach­sen. Es sind Kon­zer­ne, die von ihren Staa­ten Steu­er­sen­kun­gen for­dern, aber gleich­zei­tig die enor­men Gewin­ne, die sie im Aus­land mit Hun­dert­tau­sen­den von Beschäf­tig­ten haben, nicht in ihren Kern­län­dern reinves­tie­ren. Dar­aus ergibt sich für die kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten selbst das Pro­blem, wie sie das Land mit schwa­cher Hege­mo­nie füh­ren kön­nen, um Min­dest­be­din­gun­gen zu schaf­fen, die den Aus­bruch von Revol­ten und per­spek­ti­visch von Revo­lu­tio­nen ver­hin­dern.

Trotz­ki sag­te also, dass es not­wen­dig sei, drei Ele­men­te zu ana­ly­sie­ren: die öko­no­mi­sche Basis; wie sich die geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen – Zöl­le, Han­del usw. –zu jedem Zeit­punkt aus­drü­cken und wann sie dro­hen, sich in einen mili­tä­ri­schen Kampf ver­wan­deln; und den Klas­sen­kampf. Mit ande­ren Wor­ten: Es konn­te kei­ne mar­xis­ti­sche Ana­ly­se geben, die nicht alle drei Ele­men­te ent­hielt. In Ver­bin­dung mit die­ser Metho­de ent­wi­ckelt Trotz­ki das Kon­zept des „kapi­ta­lis­ti­schen Gleich­ge­wichts“, um der mecha­nis­ti­schen Vor­stel­lung ent­ge­gen­zu­tre­ten, dass sich der Kapi­ta­lis­mus per­ma­nent in einer Welt­kri­se befin­det, die sich immer mehr ver­tieft. Trotz­ki defi­niert die­ses Kon­zept 1921 wie folgt:

Das Gleich­ge­wicht des Kapi­ta­lis­mus ist eine sehr kom­pli­zier­te Erschei­nung: der Kapi­ta­lis­mus erzeugt die­ses Gleich­ge­wicht, stört es, stellt es wie­der her und stört es von Neu­em, indem er zugleich den Rah­men sei­ner Herr­schaft erwei­tert. Auf dem Wirt­schafts­ge­bie­te bil­den sol­che bestän­di­gen Stö­run­gen und Wie­der­her­stel­lun­gen die Kri­sen- und Pro­spe­ri­täts­pe­ri­oden. In den Bezie­hun­gen zwi­schen den Klas­sen nimmt die Stö­rung des Gleich­ge­wich­tes die Form von Streiks, Aus­sper­run­gen, revo­lu­tio­nä­rem Kamp­fe an. In den Bezie­hun­gen zwi­schen den Staa­ten sind die Gleich­ge­wichts­stö­run­gen: Krieg oder in schwä­che­rer Form wirt­schaft­li­cher Zoll­krieg oder Blo­cka­de. Der Kapi­ta­lis­mus hat also ein beweg­li­ches Gleich­ge­wicht, das stets ent­we­der gestört oder wie­der­her­ge­stellt wird. Zugleich aber besitzt die­ses Gleich­ge­wicht eine gro­ße Wider­stands­kraft; der bes­te Beweis dafür ist die Tat­sa­che, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Welt bis jetzt nicht zusam­men­ge­bro­chen ist. (Leo Trotz­ki: Die Welt­la­ge, 1921)

Ohne die­se drei Ele­men­te wer­den wir kei­ne mar­xis­ti­schen Ana­ly­sen haben, son­dern eher unzu­sam­men­hän­gen­de Ana­ly­sen, die uns kei­ne Vor­her­sa­ge erlau­ben. Trotz­ki sag­te, anfüh­ren heißt vor­aus­se­hen, aber das bedeu­tet nicht, ein Wahr­sa­ger zu sein, son­dern die Fähig­keit zu beob­ach­ten, was die tief­grün­di­gen Ten­den­zen sind: Gibt es Ten­den­zen zur Sta­bi­li­sie­rung des kapi­ta­lis­ti­schen Gleich­ge­wichts in der Welt? Das ist dann eine Art­Si­tua­ti­on. Gibt es Ten­den­zen, das Gleich­ge­wicht zu bre­chen? Das ist eine ande­re Situa­ti­on. Was kann das Gleich­ge­wicht bre­chen, die Wirt­schaft, der zwi­schen­staat­li­che Kampf, der Klas­sen­kampf, alle drei Ele­men­te? Das zu ana­ly­sie­ren, führt uns, all­ge­mein gesagt, aus der kon­junk­tu­rel­len Dis­kus­si­on her­aus. Es ist ein Ord­nungs­sche­ma, um das Gesche­hen in der Welt zu ana­ly­sie­ren und uns zu erlau­ben, die Pro­ble­me und Span­nun­gen zu ver­ste­hen. Vie­le von uns ver­wen­den die­se Metho­de, aber wir müs­sen sie den neu­en Rei­hen von Aktivist:innen erklä­ren, die begin­nen, sich mit uns am Klas­sen­kampf zu betei­li­gen.

Der bestimmende Charakter der Ergebnisse des Klassenkampfes

Was mei­nen wir damit, dass es not­wen­dig ist, die­sen Wider­spruch zwi­schen Klas­sen­kampf, Öko­no­mie und zwi­schen­staat­li­chen Kämp­fen dia­lek­tisch zu sehen, um nicht in ver­ein­fa­chen­de Visio­nen zu ver­fal­len, die uns dar­an hin­dern, die Rea­li­tät zu ver­ste­hen? Zum Bei­spiel sah die Par­tei, aus der wir in Argen­ti­ni­en her­vor­ge­gan­gen sind, die alte MAS („Bewe­gung zum Sozia­lis­mus“), die Land­kar­te der Welt­la­ge zwi­schen den 1920er und 1940er Jah­ren in „dunk­len“ Far­ben: chi­ne­si­sche Nie­der­la­ge, spa­ni­sche Nie­der­la­ge, Faschis­mus in Deutsch­land usw. Und ab 1945 sah sie eine rote Land­kar­te: Ent­eig­nung der Bour­geoi­sie in Chi­na, Jugo­sla­wi­en, Ungarn usw. Aber gab es wirk­lich eine „dunk­le Land­kar­te“ zwi­schen den 1920er und 1940er Jah­ren und eine „rote“ Land­kar­te in der Nach­kriegs­zeit? Schau­en wir mal.

In der Tat gab es zwi­schen den 1920er und 1940er Jah­ren gro­ße revo­lu­tio­nä­re Kämp­fe und gro­ße Nie­der­la­gen. In den Jah­ren 1925–27 gab es die Revo­lu­ti­on in Chi­na, wo die Arbeiter:innen und Bäuer:innen nach Nor­den zogen, um die Feu­dal­her­ren zu liqui­die­ren. Dabei folg­ten dem bür­ger­li­chen Gene­ral Chiang Kai-shek. An einem gewis­sen Punkt hat­ten sie die War­lords besiegt, und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, die Chiang Kai-shek dis­kus­si­ons­los beglei­tet hat­te, war für ihn nicht mehr von Nut­zen. Also ließ Chiang Kai-shek Tau­sen­de von Arbeiter:innen der Avant­gar­de erschie­ßen und die bür­ger­li­che Regie­rung über­nahm einen Teil Nord­chi­nas. In dem Roman So lebt der Mensch(frz. La Con­di­ti­on humaine)erzählt Mal­raux, wie die Arbeiter:innen in die Kes­sel der Loko­mo­ti­ven gewor­fen wur­den. Mit ande­ren Wor­ten: Es war ein gro­ßer Kampf und eine gro­ße Nie­der­la­ge.

1931 beginnt die Spa­ni­sche Revo­lu­ti­on: Die Regie­rung der Bour­bo­nen­mon­ar­chie stürzt und die Republikaner:innen gewin­nen die Wah­len. Die Anarchist:innen, die eine gro­ße Bewe­gung waren, wel­che Mas­sen­sek­to­ren orga­ni­sier­te, began­nen einen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zess, der 1934 zu einem Auf­stand in Astu­ri­en im Nor­den Spa­ni­ens führ­te. Die Regie­rung der Repu­blik war rechts­ge­rich­tet und töte­te Tau­sen­de und sperr­te Zehn­tau­sen­de ein, was eine Reak­ti­on her­vor­rief, die zum Wahl­sieg einer klas­sen-kol­la­bo­ra­tio­nis­ti­schen Regie­rung führ­te, die soge­nann­te Volks­front. Dann brach ein Bürger:innenkrieg aus, in dem die Kräf­te von Gene­ral Fran­co sich auf­lehn­ten und die Regie­rung der Repu­blik stür­zen woll­ten. Anarchist:innen, Kommunist:innen – die nur weni­ge waren – und Sozialist:innen gin­gen in den­je­ni­gen Städ­ten, in denen sie mehr Kraft hat­ten, dar­un­ter Bar­ce­lo­na und Madrid, mit Mes­sern und Geweh­ren bewaff­net auf die Stra­ße, kon­fron­tier­ten die Armee und besieg­ten sie an vie­len Orten. Es war ein rie­si­ger revo­lu­tio­nä­rer Kampf. Aber anstatt bis zum Ende zu gehen und die Macht für die Arbeiter:innen zu ergrei­fen, unter­stütz­te der Sta­li­nis­mus die repu­bli­ka­ni­sche Regie­rung und kroch hin­ter der Bour­geoi­sie her, was zum Sieg Fran­cos und zur Nie­der­la­ge der spa­ni­schen Arbeiter:innenklasse führ­te. Das heißt, es gab eine vier- bzw. fünf­jäh­ri­ge Revo­lu­ti­on und einen drei­jäh­ri­gen Bürger:innenkrieg, der mit einer gro­ßen Nie­der­la­ge ende­te.

Das waren nur eini­ge Bei­spie­le, ganz zu schwei­gen vom Auf­stieg des Faschis­mus. In Deutsch­land hat­te es bereits Nie­der­la­gen der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung in den Jah­ren 1919, 1921 und 1923 gege­ben, und nach der Kri­se der 1930er Jah­re waren die Faschist:innen stark gewor­den. Die Linie des Sta­li­nis­mus in Deutsch­land war nicht, für die Ein­heit der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Arbeiter:innen zu kämp­fen, um gemein­sam gegen die faschis­ti­sche Gefahr zu kämp­fen. Die­se woll­te die Gewerk­schaf­ten, die Arbeiter:innenvereine, die Genos­sen­schaf­ten usw. zer­stö­ren, d.h. die Arbeiter:innenklasse auf eine amor­phe Mas­se redu­zie­ren, die kei­ne Mög­lich­keit hat, sich zu ver­tei­di­gen. Der Sta­li­nis­mus jedoch behaup­te­te, dass die Sozialdemokrat:innen genau­so sehr Fein­de sind wie die Faschist:innen, und das ermög­lich­te Hit­ler zu sie­gen. Nicht nur das, son­dern es schuf die Bedin­gun­gen für ein viel grö­ße­res Gemet­zel, näm­lich den Zwei­ten Welt­krieg, den ers­ten wirk­lich pla­ne­ta­ri­schen Krieg, in dem von der UdSSR, Chi­na, Japan, Euro­pa bis nach Afri­ka gekämpft wur­de; sogar Bra­si­li­en betei­lig­te sich mit 20.000 Sol­da­ten, die an den Küs­ten Sizi­li­ens lan­de­ten. Die USA rich­te­ten ihre gesam­te Pro­duk­ti­on auf den Krieg aus, um die deut­schen, japa­ni­schen und ita­lie­ni­schen Imperialist:innen zu schla­gen, die die Welt­ord­nung in Fra­ge stel­len.

So sehen wir die Land­kar­te der Jah­re von 1920 bis 1940: geprägt von gro­ßen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­sen und gro­ßen Nie­der­la­gen, die von den Füh­run­gen der Mas­sen­be­we­gung ver­ur­sacht wur­den, und dies alles gekrönt von einem Welt­krieg. Wir kön­nen jedoch nicht nur dies ana­ly­sie­ren und uns damit zufrie­den geben, die Kar­te schwarz zu malen. Als ers­tes müss­ten wir uns fra­gen, war­um in die­sem Sze­na­rio nicht die gesam­te Welt nach dem Welt­krieg in der Ver­skla­vung gelan­det ist. Der Grund dafür ist der Auf­stieg der Sowjet­uni­on; ihre Errun­gen­schaf­ten waren zurück­ge­dreht wor­den, aber die USA muss­ten, um die geg­ne­ri­schen Imperialist:innen zu schla­gen, die UdSSR tak­tisch unter­stüt­zen. Also stell­ten die USA ihre gesam­te Pro­duk­ti­on um und began­nen mit der Her­stel­lung von Waf­fen. Die Flug­zeug­pro­duk­ti­on stieg von 3.000 pro Jahr im Jahr 1939 auf über 300.000 in fünf Jah­ren. Die­se Flug­zeu­ge wur­den an die Front geschickt, um ihre bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Ver­bün­de­ten –mit einem besetz­ten Frank­reich – und die Sowjet­uni­on zu unter­stüt­zen, denn „wer der Feind mei­nes Fein­des ist, ist am Ende mein Freund“, zumin­dest für ein paar Jah­re. Also unter­stütz­ten sie die Sowjet­uni­on, und der Welt­krieg ende­te damit, dass die UdSSR sich behaup­ten konn­te – trotz des Desas­ters, das Sta­lin ange­rich­tet hat­te, wel­cher die Ver­tei­di­gung gegen die Nazi-Inva­si­on nicht vor­be­rei­tet, son­dern viel­mehr boy­kot­tiert hat­te, was 20 Mil­lio­nen Tote kos­te­te – und am Ende Ost­eu­ro­pa und einen Teil Deutsch­lands beset­ze. Aber nicht nur die Sowjet­uni­on behaup­te­te sich, son­dern an ihrer Sei­te stand auch Chi­na, des­sen impe­ria­lis­ti­sche Unter­drü­ckung einer der Grün­de für den Welt­krieg gewe­sen war, mit dem Sieg der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on. Die Bäue­rin­nen, die wäh­rend des Krie­ges schreck­li­che Hun­gers­nö­te erlit­ten hat­ten, erho­ben sich und unter­stütz­ten dann die Linie von Mao Tse Tung. Sie führ­ten die Land­re­form durch, bei der sie nicht nur die Kriegs­her­ren, die Großgrundbesitzer:innen, töte­ten, son­dern auch die Kre­dit­haie, die ihre Schul­den in den Rech­nungs­bü­chern auf­schrei­ben lie­ßen. Eine unkon­trol­lier­ba­re Wel­le, die Mao Tse Tung an die Macht brach­te. Mao woll­te nichts wei­ter als eine Koali­ti­ons­re­gie­rung mit Chiang Kai-shek, aber die Mas­sen dräng­ten ihn, die Macht zu über­neh­men.

Um all dies zu ver­ste­hen, ist es not­wen­dig, alle Wider­sprü­che der Welt­la­ge dia­lek­tisch zu inte­grie­ren. Wenn wir nur die Wirt­schaft oder die zwi­schen­staat­li­chen Kon­flik­te ana­ly­sie­ren und die ent­schei­den­de Rol­le des Klas­sen­kamp­fes nicht sehen, wer­den wir von Sie­gen über­rascht sein, die zu Nie­der­la­gen wer­den – wie die Erfah­rung jener gro­ßen Revo­lu­tio­nen der 20er und 30er Jah­re zeigt, die am Pro­blem der Füh­rung der Arbeiter:innenklasse schei­ter­ten -. Und wir wer­den über­rascht sein, dass sich erschre­cken­de Nie­der­la­gen durch die Akti­on der Mas­sen, durch die Lei­den, die ein Krieg schafft, in enor­me Revo­lu­tio­nen ver­wan­deln. Des­halb sag­te Lenin den berühm­ten Satz, dass revo­lu­tio­nä­re Situa­tio­nen – im All­ge­mei­nen, und da reden wir nicht ein­mal von Krie­gen – dann ein­tre­ten, wenn das Lei­den grö­ßer ist als gewöhn­lich; dies wirkt sich auf die Sub­jek­ti­vi­tät der Mas­sen aus, die in Akti­on tre­ten. Manch­mal drän­gen sie die Büro­kra­tie dazu, Auf­ga­ben aus­zu­füh­ren, die sie nicht tun will, und manch­mal gelingt es ihnen, sie zu über­win­den, wie in der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, wo die Mas­sen die Bol­sche­wi­ki an die Macht brach­ten.

Wenn wir uns dann der Welt­la­ge nähern, indem wir Öko­no­mie, Geo­po­li­tik und Klas­sen­kampf ver­bin­den, sehen wir zwi­schen 1920 und 1940: in der Öko­no­mie die Kri­se der 1930er Jah­re; was die Geo­po­li­tik betrifft, so stell­te das nach dem Ers­ten Welt­krieg zer­stör­te Deutsch­land die Welt­ord­nung in Fra­ge –genau­so Japan und Ita­li­en –, Span­nun­gen, die zum Krieg füh­ren. Mit ande­ren Wor­ten: wirt­schaft­li­che Pro­ble­me, geo­po­li­ti­sche Pro­ble­me. Und die Arbeiter:innenbewegung, die schein­bar besiegt wor­den war, ging mit einem noch viel wider­sprüch­li­che­ren Ergeb­nis aus dem Krieg her­vor. Die UdSSR behaup­te­te nicht nur ihr Ter­ri­to­ri­um, son­dern stieß auf den Bal­kan und nach Ost­eu­ro­pa vor, bis sie das hal­be kapi­ta­lis­ti­sche Deutsch­land besetz­te, ein für die gan­ze Welt uner­war­te­tes Ergeb­nis. In Chi­nafand eine gro­ße Revo­lu­ti­on statt. Die USA konn­te also einen gro­ßen Sieg im Wes­ten für sich ver­bu­chen, aber mit dem Wider­spruch, dass am Ende des Krie­ges – der ja geführt wur­de, um mehr Räu­me für die Ver­wer­tung des Kapi­tals zu erobern – die Plan­wirt­schaf­ten (obwohl sie büro­kra­tisch waren) die Kapitalist:innen ent­eig­net hat­ten. Die büro­kra­tisch defor­mier­ten und dege­ne­rier­ten Arbeiter:innenstaaten hat­ten ein Drit­tel der Mensch­heit der Ver­wer­tung des Kapi­tals ent­zo­gen.

Bedeu­te­te dies nun, dass die Kar­te mehr und mehr rot ange­malt wur­de? Betrach­tet man die Welt­la­ge aus dem Blick­win­kel der Geo­po­li­tik, der zwi­schen­staat­li­chen Kon­kur­renz zwei­er Sys­te­me, dann gab es die „rote Land­kar­te“. Aber der Sozia­lis­mus „in einem Land“ auf der Grund­la­ge ver­schie­de­ner natio­na­ler sta­li­nis­ti­scher Vari­an­ten konn­te sich in die­sen Län­dern nicht ent­wi­ckeln. Denn das ist letzt­lich das Gegen­teil der Per­spek­ti­ve der Zusam­men­füh­rung der Pro­duk­tiv­kräf­te auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, die eine radi­ka­le Ver­kür­zung der Arbeits­zeit und den Fort­schritt zu einer Gesell­schaft frei­er asso­zi­ier­ter Produzent:innen ermög­li­chen wür­de, um es mit Marx zu sagen. All die­se Ideo­lo­gien der Klas­sen­ver­söh­nung – nicht nur der Refor­mis­mus, son­dern auch der Com­mon Sen­se von Par­tei­en, die sich kom­mu­nis­tisch nen­nen – gin­gen in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung davon, die Land­kar­te rot zu malen. Denn die Kar­te war zwar voll von Staa­ten, die sich sozia­lis­tisch nann­ten – sogar afri­ka­ni­sche Staa­ten, die sich als natio­na­le Sozia­lis­men bezeich­ne­ten –, aber vom Stand­punkt des Klas­sen­kamp­fes aus berei­te­ten sie die Kata­stro­phe vor, die in Gestalt des Neo­li­be­ra­lis­mus kam: All die Büro­kra­tien, die die­se Staa­ten lei­te­ten, eig­ne­ten sich die öffent­li­chen Güter an und wur­den zu Olig­ar­chen, die das arbei­ten­de Volk zer­schlu­gen. Die Restau­ra­ti­on des Kapi­ta­lis­mus in Russ­land zum Bei­spiel führ­te zu einem Rück­gang der Lebens­er­war­tung der Arbeiter:innen um gan­ze 10 Jah­re – ein kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Vor­gang, den nur Krie­ge bewir­ken kön­nen. Dort wur­de sie ohne jeden Krieg erreicht, allein durch die Kapi­tu­la­ti­on der Büro­kra­tie, die damals die UdSSR lei­te­te.

Wenn wir die ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen und die ent­schei­den­de Rol­le des Klas­sen­kamp­fes nicht in die Ana­ly­se ein­be­zie­hen, kön­nen wir nicht ver­ste­hen, was pas­siert ist. Trotz­ki war sogar der Mei­nung, dass Sta­lin in der Hit­ze des Zwei­ten Welt­kriegs gestürzt wer­den könn­te, wegen all der Kata­stro­phen, die er in Bezug auf die Vor­be­rei­tung des Krie­ges selbst ange­rich­tet hat­te. Er wur­de nicht gestürzt; Sta­lin ging sieg­reich aus dem Krieg her­vor und bau­te das Pres­ti­ge die­ser büro­kra­tisch defor­mier­ten Plan­wirt­schaft aus, und die Wirt­schaft der Sowjet­uni­on wuchs ste­tig. Mit Chi­na ver­bün­det, began­nen sie zu wach­sen und die Welt­ord­nung her­aus­zu­for­dern. Wer den Klas­sen­kampf nicht ana­ly­siert, hät­te zum Bei­spiel auch die Wen­de der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Frank­reichs nicht gese­hen: Am Anfang des Krie­ges wei­ger­te sie sich, den Nazis Wider­stand zu leis­ten, weil sie den Krieg gegen die Sowjet­uni­on stop­pen woll­te. Doch sobald die Nazis auch gegen die Sowjet­uni­on vor­gin­gen, rief sie die maquis ins Leben: ein Wider­stands­netz, das um die Jah­re 1943–44herum einen Mas­sen­cha­rak­ter annimmt, als Arbeiter:innen sich in klan­des­ti­nen Zel­len orga­ni­sie­ren, um gegen die Nazis zu kämp­fen. Wer also den Klas­sen­kampf und sei­ne Aus­wir­kun­gen nicht sieht, und wer nicht ver­steht, dass er in letz­ter Instanz bestimmt, kann nicht ver­ste­hen, dass nach 20 Jah­ren furcht­ba­rer Nie­der­la­gen und dem größ­ten Gemet­zel in der Geschich­te der Mensch­heit der Klas­sen­kampf trotz­dem ganz ande­re Resul­ta­te her­vor­brin­gen kann: Die chi­ne­si­schen Bäuer:innen und Arbeiter:innen nutz­ten die Situa­ti­on aus, um die Macht zu ergrei­fen und im Janu­ar 1949 in Peking ein­zu­mar­schie­ren, wäh­rend die UdSSR ihr Ter­ri­to­ri­um aus­deh­nen und ganz Ost­eu­ro­pa beset­zen konn­te. Aber zur glei­chen Zeit wur­de der Sta­li­nis­mus dank des Pres­ti­ge­ge­winns der Roten Armee, die die Nazis besiegt hat­te, im Wes­ten zu einem Mas­sen­phä­no­men, mit rie­si­gen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en, die eine Schlüs­sel­rol­le in der Ablen­kung oder Nie­der­la­ge der gro­ßen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­se ein­nah­men, die am Ende des Krie­ges in Frank­reich, Ita­li­en und Grie­chen­land statt­fan­den.

Hat also das Pro­le­ta­ri­at im Welt­krieg gesiegt oder ver­lo­ren? In dem Sin­ne, dass es nicht besiegt wur­de, war es defi­ni­tiv erfolg­reich: Auch eine kom­plet­te Eli­mi­nie­rung wäre mög­lich gewe­sen. Es ist ein Sieg, dass jene Insti­tu­tio­nen, die die Arbeiter:innenbewegung mit Revo­lu­tio­nen – auch mit defor­mier­ten Revo­lu­tio­nen – geschaf­fen hat­te, stand­hiel­ten. Aber hat die Arbeiter:innenklasse gesiegt oder wur­de sie geschla­gen? Die Ant­wort ist, dass die end­gül­ti­ge Ant­wort ver­scho­ben wur­de. Das Ergeb­nis war die soge­nann­te „Jal­ta-Ord­nung“. In Jal­ta einig­ten sich der Impe­ria­list Chur­chill, der Impe­ria­list Roo­se­velt und der „Füh­rer des Pro­le­ta­ri­ats“ der gan­zen Welt, Sta­lin, die Welt in Ein­fluss­zo­nen auf­zu­tei­len und nicht in einen neu­en Krieg zu zie­hen. Zu kon­kur­rie­ren, aber fried­lich; das, was die Stalinist:innen „fried­li­che Koexis­tenz“ mit dem Impe­ria­lis­mus nann­ten. Gleich­zei­tig gewan­nen die Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en im Wes­ten dank der Sowjet­uni­on an Anse­hen und wur­den in den Dienst gestellt, sämt­li­che revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­se zu brem­sen.

Die historische Bedeutung der neoliberalen Offensive

Mit dem Ende des Welt­krie­ges unter die­sen Bedin­gun­gen schlu­gen die USA, aber vor allem der Bri­te Win­s­ton Chur­chill die Poli­tik der „Ein­däm­mung“ vor. Das Ziel war, einen „kal­ten Krieg“ zu füh­ren und das kom­mu­nis­ti­sche Sys­tem zu dis­kre­di­tie­ren. Der Impe­ria­lis­mus muss­te den­noch, um die Welt­ord­nung zu sichern, wei­ter kämp­fen, um die Rän­der der Jal­ta-Ord­nung mit Teil­krie­gen wie dem Korea­krieg, dem Viet­nam­krieg usw. zu defi­nie­ren. 40 Jah­re lang wur­de die Mög­lich­keit eines Atom­krie­ges zwi­schen den USA und der Sowjet­uni­on dis­ku­tiert. Es war ein „kal­ter Krieg“, der sich in einen „hei­ßen Krieg“ ver­wan­delt konn­te. Im Jahr 1962, rund um die Rake­ten­kri­se auf Kuba, stand die Welt am Ran­de eines Atom­krie­ges. Wir sag­ten, dass ein Drit­tel der Mensch­heit den Raum der Kapi­tal­ver­wer­tung ver­las­sen hat­te; also mach­ten sich die Ver­ei­nig­ten Staa­ten dar­an, die besieg­ten Mäch­te wie Deutsch­land und Japan wie­der auf­zu­bau­en, die spä­ter, ab den 1970er Jah­ren, mit­ein­an­der zu kon­kur­rie­ren began­nen und die Grund­la­ge für den Beginn die­ser wie­der­keh­ren­den Kri­sen schu­fen, die wir heu­te erle­ben.

Um 1973–74 kam es im Kapi­ta­lis­mus zu einer gro­ßen Wirt­schafts­kri­se, die sich mit der so genann­ten Ölkri­se aus­wei­te­te. Die ara­bi­schen Staa­ten – von denen eini­ge Ver­bün­de­te der USA waren – woll­ten nicht mehr Öl an die USA ver­kau­fen. Es gibt vie­le Ver­schwö­rungs­theo­rien über die Grün­de dafür, wahr ist aber, dass eine Treib­stoff­kri­se ent­stand, die furcht­bar teu­er wur­de und eine ver­all­ge­mei­ner­te Kri­se des welt­wei­ten Kapi­ta­lis­mus ver­ur­sach­te.

Gleich­zei­tig begann das Ende eines seit den 1960er Jah­ren andau­ern­den Auf­wärts­zy­klus des Klas­sen­kamp­fes. Die­ser war in Latein­ame­ri­ka durch die kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on von 1959 ein­ge­lei­tet wor­den, wo der Gue­va­ris­mus einen gro­ßen Ein­fluss hat­te. In Euro­pa, wo die Arbeiter:innenklasse mehr Gewicht hat­te, gab es enor­me pro­le­ta­ri­sche Aktio­nen wie den fran­zö­si­schen Mai 1968 oder die Streiks in Ita­li­en von 1968 bis 1973. Dort orga­ni­sier­te sich das Pro­le­ta­ri­at zu einem gro­ßen Teil unter der Füh­rung der so genann­ten „Operaist:innen“, weil die aus dem Süden kom­men­den Arbeiter:innen von der dor­ti­gen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei – wie bei allen Büro­kra­tien – im Ver­gleich zu denen aus dem Nor­den, die wohl­ha­ben­der waren, als „zweit­klas­sig“ ange­se­hen wur­den. Also führ­ten die Operaist:innen rie­si­ge Aktio­nen mit der For­de­rung durch, dass die Arbeiter:innen des Südens den glei­chen Lohn wie die des Nor­dens bekom­menf soll­ten. Der Kapi­ta­lis­mus war in der Lage, dies zu ver­ei­teln, weil die Füh­rung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, die am Ende des Krie­ges Mil­lio­nen von Stim­men hat­te und vie­le Gewerk­schaf­ten lei­te­te, die Poli­tik des „his­to­ri­schen Kom­pro­mis­ses“ mit der Sozia­lis­ti­schen Par­tei und der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Par­tei beschlos­sen hat­te. Damit woll­te sie sehen, ob sie ihnen erlau­ben wür­den, in die Regie­rung ein­zu­tre­ten – denn da sie als „Agen­ten“ des UdSSR-Regimes betrach­tet wur­den, lie­ßen sie sie nicht hin­ein. Als Reak­ti­on auf die­se Poli­tik der KP haben sich dann mili­ta­ris­ti­sche Stra­te­gien ent­wi­ckelt. Die­se stell­ten für das Kapi­tal einen leich­ter zu schla­gen­den Feind dar, um die­sen Auf­stieg der Arbeiter:innen in den 1970er Jah­ren zu besie­gen. In Latein­ame­ri­ka wur­den die Nie­der­la­gen die­ser Peri­ode von den Mili­tär­dik­ta­tu­ren der Pino­chets und Vide­las erzwun­gen, die Zehn­tau­sen­de von Men­schen töte­ten und auf denen der Neo­li­be­ra­lis­mus auf­ge­baut wur­de. So begann der Neo­li­be­ra­lis­mus; sie schlu­gen den Mas­sen vor: „Ihr woll­tet den Sozia­lis­mus mit fried­li­chen Mit­teln machen, wie in Chi­le… Nun, hier ist die Ant­wort“: Staats­ter­ro­ris­mus, Angriff auf die Lebens­be­din­gun­gen der Arbeiter:innen, usw. Es gelang ihnen, die­se enor­men Pro­zes­se zu stop­pen – nicht wegen der man­geln­den Kampf­be­reit­schaft der Arbeiter:innen, son­dern wegen der ent­stan­de­nen Par­tei­en und ihrer Poli­tik. Spä­ter wer­den wir auf die­ses Pro­blem, näm­lich das des Refor­mis­mus, zurück­kom­men.

Nun, was hat­te der Impe­ria­lis­mus aus dem Zwei­ten Welt­krieg gelernt, in dem er gro­ße Gebie­te für die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on ver­lo­ren hat­te? Er hat­te gelernt, dass es das Bes­te war, neben der mili­tä­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Kon­kur­renz die Idee des Kaufs der Anführer:innen der geg­ne­ri­schen Klas­se wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Die­se Fra­ge war im Mar­xis­mus bereits mit Kon­zep­ten wie Gram­scis „Trans­for­mis­mus“ dis­ku­tiert wor­den. Die Koop­tie­rung und Kor­rup­ti­on der Anführer:innen ver­all­ge­mei­ner­te sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg; die gro­ßen kom­mu­nis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Par­tei­en, der bür­ger­li­che Natio­na­lis­mus wie der Pero­nis­mus in Argen­ti­ni­en, ent­wi­ckel­ten eng­ma­schi­ge Orga­ni­sa­tio­nen, um die Arbeiter:innenklasse zu spal­ten. Was kann die Bour­geoi­sie mehr wol­len, als wenn die Arbeiter:innen in „denen da unten“ einen Feind erken­nen und sich mit den Inter­es­sen von „denen da oben“ iden­ti­fi­zie­ren! So funk­tio­niert die bür­ger­li­che Demo­kra­tie, die sich auf die Mit­tel­schich­ten stützt und durch die­se Ideo­lo­gie – die sich im Neo­li­be­ra­lis­mus stark ver­tief­te– erreicht, dass die ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen der Büro­kra­tie, der sozia­len Bewe­gun­gen, der Kir­che usw. die arbei­ten­den Mas­sen in eine Viel­zahl von Sek­to­ren auf­spal­tet, die mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren müs­sen.

Die „Jal­ta-Ord­nung“ war zum Einen vom Sieg der Sowjet­uni­on und der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on geprägt, zum Ande­ren von einer kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung, der­die Akku­mu­la­ti­on in einem Drit­tel des Pla­ne­ten ver­wehrt war. Das begann sich in den 1970er Jah­ren zu ändern. Mit der „Ölkri­se“ begann eine Rei­he von Kri­sen, die mit einer ver­all­ge­mei­ner­ten Reak­ti­on „gelöst“ wur­den, bei der der Impe­ria­lis­mus gegen­über den büro­kra­ti­schen Arbeiter:innenstaaten in die Offen­si­ve ging und sag­te: „Wenn es die­se Anführer:innen in Chi­na gibt, die sta­li­nis­ti­sche Bürokrat:innen sind, war­um dro­hen wir ihnen nur mit Krieg… kau­fen wir sie auch“. So nutz­te der Impe­ria­lis­mus genau die Kri­sen aus, die durch die Büro­kra­tie ent­stan­den, wel­che die Grund­la­gen des defor­mier­ten chi­ne­si­schen Arbeiter:innenstaates unter­grub, und bot Inves­ti­tio­nen im Aus­tausch für die Wie­der­auf­nah­me der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­plün­de­rung an. Zuerst waren es „Son­der­wirt­schafts­zo­nen“, die dem Kapi­ta­lis­mus offen stan­den, und dann führ­te die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­na in einen bru­ta­len „Staats­ka­pi­ta­lis­mus“. Mil­lio­nen Arbeiter:innen in Chi­na leben heu­te von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang unter Bedin­gun­gen, die an Skla­ve­rei gren­zen. Wer voll­brach­te die­ses „Wun­der“, Men­schen in Sklav:innen zu ver­wan­deln? Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas. In der ers­ten Etap­pe mit dem Sieg der Revo­lu­ti­on war es ihr gelun­gen, die Hun­gers­not in Chi­na mit der Plan­wirt­schaft zu über­win­den, mit der Auf­tei­lung der Arbeits­zeit, damit jede:r ihre:seine Schüs­sel Reis bekam und die Bäuer:innen nicht ver­hun­ger­ten. Dann nutz­ten sie die­ses Pres­ti­ge, um den Kapi­ta­lis­mus zu restau­rie­ren. Heu­te hat Chi­na die größ­te Anzahl von Milliardär:innen in der Welt, mehr als die USA. Die­ser phä­no­me­na­le „Erfolg“ konn­te nur von einer Büro­kra­tie wie der chi­ne­si­schen KP erreicht wer­den, die den Staat kon­trol­liert.

Des­halb haben wir viel über die Bezie­hung zwi­schen Trotz­ki und Gram­sci dis­ku­tiert –dazu kann man die Schrif­ten von Juan Dal Maso lesen –, und wir haben die Mecha­nis­men hin­ter dem „Kon­sens“ dis­ku­tiert: Wenn es manch­mal so aus­sieht, als ob sich nichts bewegt, nichts pas­siert, dann ste­cken die Büro­kra­tien dahin­ter, die zu kei­ner Kampf­ak­ti­on auf­ru­fen und nichts tun, wenn Arbeiter:innen raus­ge­schmis­sen oder die Löh­ne gesenkt wer­den. Die­se gro­ßen Büro­kra­tien errei­chen den „sozia­len Frie­den“, aber trotz­dem wächst oft von unten die Unzu­frie­den­heit. Der Kon­sens ist nicht spon­tan; es ist nicht so, dass die Leu­te sagen: „Ich lie­be es, aus­ge­beu­tet zu wer­den“. Son­dern die meis­ten Arbeiter:innen sind dage­gen, dass ihre Löh­ne gesenkt wer­den, dass ihre Arbeits­be­din­gun­gen ver­schlech­tert wer­den. Aber die Gewerk­schaf­ten, wie in Argen­ti­ni­en wäh­rend der Ära von Menem, bekom­men Geld für Sozi­al­leis­tun­gen, um eine rie­si­ge Schicht an Bürokrat:innen zu hal­ten und so die eige­nen Mit­glie­der und ihre eige­ne sozia­le Basis zu ver­ra­ten.

Der Neo­li­be­ra­lis­mus war eine reak­tio­nä­re Lösung für jenes unge­klär­te Kräf­te­ver­hält­nis, das sich aus dem wider­sprüch­li­chen Aus­gang des Zwei­ten Welt­kriegs ergab und des­sen Lösung die „Jalta-Ordnung“nur auf­ge­scho­ben hat­te. Daher rührt sei­ne his­to­ri­sche Bedeu­tung. Die­se Ord­nung wur­de von den Dik­ta­tu­ren in Latein­ame­ri­ka, in Chi­le, Boli­vi­en, Argen­ti­ni­en usw. durch­ge­setzt, die als „Bei­spie­le“ dar­ge­stellt wur­den. Sie wur­de durch den Sieg über sehr star­ke Streiks wie den der eng­li­schen Bergarbeiter:innen durch­ge­setzt, die Streiks in Ita­li­en, den Streik der Fluglots:innen in den USA unter der Rea­gan-Regie­rung, der die US-ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft lahm­ge­legt hat­te. Mit der Nie­der­la­ge die­ser und vie­ler ande­rer Pro­zes­se und mit der anschlie­ßen­den Aus­deh­nung auf Chi­na und ande­re wur­de die wich­ti­ge Peri­ode der rela­ti­ven Sta­bi­li­tät erreicht, die als Neo­li­be­ra­lis­mus bezeich­net wur­de, und in der jene Ideo­lo­gie durch­ge­setzt wur­de, die die „erfolg­reichs­te in der Geschich­te“ sein soll­te, wie Per­ry Ander­son sag­te. Das ist das, was sich 2008 erschöpf­te.

Die gesam­te neo­li­be­ra­le Peri­ode war auch von wie­der­keh­ren­den Kri­sen grö­ße­ren Aus­ma­ßes geprägt, wie z.B. die Tequi­la-Kri­se 1994, die Asi­en­kri­se 1997 und der rus­si­sche Staats­bank­rott 1998. Dann kam die Dot­com-Bla­se, die schließ­lich 2001–2002 mit einer neu­en Kri­se platz­te. Es folg­ten die „Immo­bi­li­en­bla­se“ und die bei­spiel­lo­se Aus­wei­tung der Finanz­ak­ti­va, die in der Kri­se 2008 platz­ten. Dann kam die mas­si­ve staat­li­che Ret­tung von Ban­ken und Kon­zer­nen, und so wei­ter bis zur aktu­el­len Kri­se.

Der Kapi­ta­lis­mus war in der Lage, ange­sichts der Schwie­rig­kei­ten, auf die er bei der Ver­wer­tung des Kapi­tals stieß, Gegen­ten­den­zen zu arti­ku­lie­ren. Aber was wir heu­te sehen, ist, dass alle Gegen­ten­den­zen, die wäh­rend der neo­li­be­ra­len Pha­se imple­men­tiert wur­den, sich erschöp­fen oder prak­tisch schon erschöpft sind. Der Neo­li­be­ra­lis­mus basier­te, wie wir sag­ten, auf der Erobe­rung neu­er Räu­me dank der kapi­ta­lis­ti­schen Restau­ra­ti­on in den ehe­ma­li­gen büro­kra­ti­schen Arbeiter:innenstaaten, aber dies führ­te zum Auf­stieg Chi­nas, das nun um die inter­na­tio­na­len Märk­te kon­kur­riert. Der Neo­li­be­ra­lis­mus nutz­te die Ein­glie­de­rung von Hun­der­ten von Mil­lio­nen Arbeiter:inen aus Chi­na, Indi­en und ande­ren Län­dern in einen glo­ba­len Arbeits­markt, um die Real­löh­ne auf der gan­zen Welt zu sen­ken und die Pro­fi­te zu stei­gern, aber all das ver­hin­dert nicht, dass dem Kapi­ta­lis­mus genü­gend pro­fi­ta­ble Inves­ti­ti­ons­mög­lich­kei­ten feh­len.

Die­se und ande­re Ele­men­te zei­gen uns, dass es trotz all die­ser Errun­gen­schaf­ten des Neo­li­be­ra­lis­mus immer schwie­ri­ger wird, das Kapi­tal zu ver­wer­ten. Und wenn die Wirt­schaft abstürzt, wenn das Kapi­tal nicht genü­gend bil­li­ge Arbeits­kräf­te fin­det, wenn es immer grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten hat, es zu ver­wer­ten, dann müs­sen tief­grün­di­ge­re Lösun­gen durch­ge­setzt wer­den. Wir wer­den spä­ter dar­auf zurück­kom­men.
Zusam­men­fas­send soll das, was ich ent­wi­ckelt habe, zei­gen, dass die Welt­si­tua­ti­on eine Struk­tur ist, bei der das Ergeb­nis mehr ist als die Sum­me der Tei­le von Wirt­schaft, zwi­schen­staat­li­chem Kampf und Klas­sen­kampf; die end­gül­ti­ge Defi­ni­ti­on wird durch den Klas­sen­kampf gege­ben. Der preu­ßi­scher Gene­ral Carl von Clau­se­witz, ein Theo­re­ti­ker des Krie­ges – den Matí­as Mai­el­lo und ich stu­diert haben –, sagt, dass der Krieg beginnt, wenn der Schwä­che­re sich ent­schei­det, die Her­aus­for­de­rung anzu­neh­men. Und das stimmt. Über­tra­gen auf den Klas­sen­kampf könn­te man sagen: Wenn die Werk­tä­ti­gen davon über­zeugt sind, dass der Sieg unmög­lich ist– und das ist es, was die refor­mis­ti­schen Büro­kra­tien und Füh­run­gen des welt­wei­ten Pro­le­ta­ri­ats errei­chen wol­len–, gibt es oft kei­nen Klas­sen­kampf. Aber wenn das Pro­le­ta­ri­at glaubt, dass es eine Chan­ce hat, kann es Wun­der bewir­ken. Dies ist ein Schlüs­sel­ele­ment der trotz­kis­ti­schen Theo­rie: dass das Pro­le­ta­ri­at Wun­der bewir­ken kann, wenn es in die Schlacht geht.

Dar­aus ergibt sich die Bedeu­tung der von Trotz­ki vor­ge­schla­ge­nen Metho­de. Es ist ein Feh­ler, nur die zwi­schen­staat­li­chen Bezie­hun­gen anzu­se­hen, oder nur die Wirt­schaft. Es ist auch ein Feh­ler, nur den Klas­sen­kampf anzu­se­hen, ohne die objek­ti­ven Bedin­gun­gen zu beach­ten. Es ist immer not­wen­dig, die gesam­te Struk­tur mit Vor­herr­schaft des Klas­sen­kamp­fes zu ana­ly­sie­ren. Die­se Metho­de ist sehr wich­tig, um die Situa­ti­on welt­weit, aber auch auf natio­na­ler Ebe­ne ana­ly­sie­ren zu kön­nen, wie wir es in den für die­se Kon­fe­renz der PTS ver­fass­ten Doku­men­ten ver­sucht haben.

Teil 2 die­ses Vor­trags erscheint am 21.3., Teil 3 am 28.3.2021.

Fuß­no­ten

1. Das Kapi­tal wird von Karl Marx als „Wert im Pro­zess“ defi­niert, d.h. es befin­det sich in stän­di­gem Wachs­tum auf der Grund­la­ge der Abschöp­fung von Mehr­wert aus der von ihm aus­ge­beu­te­ten Arbeits­kraft (der ein­zi­gen Quel­le allen Pro­fits). Nur dies ermög­licht, den ursprüng­li­chen Wert zu ver­wer­ten (und sei­nen Betrag dank des Mehr­werts, den es aus der Arbeits­kraft extra­hiert, zu erhö­hen). Das Kapi­tal ist auch ein Wert im Pro­zess, weil es gezwun­gen ist, den Maß­stab, auf dem es ope­riert, dank der Reinves­ti­ti­on des Mehr­werts zu ver­grö­ßern. Die­se Reinves­ti­ti­on, die Marx als „Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on“ bezeich­ne­te, setzt vor­aus, dass immer eine aus­rei­chen­de Mas­se an zusätz­li­cher Arbeits­kraft und Märk­te für die pro­du­zier­ten Waren zur Ver­fü­gung ste­hen. Aber selbst wenn die­se Bedin­gun­gen erfüllt sind, spielt die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on selbst gegen die Ermög­li­chung der Kon­ti­nui­tät der Ver­wer­tung: Für Marx ist eines der Ergeb­nis­se einer sol­chen Akku­mu­la­ti­on der ten­den­zi­el­le Fall der Pro­fi­tra­te.

Klas­se Gegen Klas­se