[UG-Blättle:]Eine Reise in das Herz der Zukunft

Wenn mich mein Schwei­zer Freund und Kom­mi­li­to­ne Pas­cal im Juli 1963 nicht über­ra­schend ein­ge­la­den hät­te, mit ihm von Ber­lin aus mit sei­nem Motor­rad nach Lau­sanne zu fah­ren, dann wäre ich ganz gewiss in Ber­lin geblie­ben, um dort mein ange­fan­ge­nes Kunst­stu­di­um fort­zu­set­zen und mein Leben wäre über­haupt in eine völ­lig ande­re Spur gekom­men.

Bild: Lau­sanne, Rue du Grand-Chê­ne, 1960. /​FOTO:FORTEPAN – Dobóc­zi Zsolt (CC BY-SA 3.0 crop­ped)

Mon Dieu, wie auf­re­gend das Leben doch immer wie­der sein kann. Aber ich blieb nicht in Ber­lin.

Nach­dem wir ver­ein­bart hat­ten, dass ich die auf der Rei­se anfal­len­den Kos­ten über­neh­men wer­de, dafür aber gra­tis drei Wochen im Hau­se sei­ner Eltern woh­nen dürf­te, wäh­rend er nach Kor­si­ka fährt, um sich dort mit sei­ner Freun­din zu tref­fen, ver­lies­sen wir also Ber­lin (er als Fah­rer, ich als Sozi­us) und fuh­ren fro­hen Mutes nach Lau­sanne. Doch jeg­li­cher „fro­he Mut“ ent­wich frü­her als gedacht aus mir, das Schick­sal hat­te offen­sicht­lich etwas ande­res mit mir vor.

Als wir nach zwei­tä­gi­ger recht müh­sa­mer Fahrt tod­mü­de und hung­rig spät am Abend in Pas­cals schö­ner Hei­mat­stadt ange­kom­men waren, geschah etwas Unglaub­li­ches, etwas, womit ich nicht gerech­net hat­te und das wie ein töd­li­cher Blitz aus dunk­lem Nacht­him­mel in mein jun­ges Leben ein­schlug: Die Eltern mei­nes Freun­des erklär­ten mir in einer mich scho­ckie­ren­den Direkt­heit, dass sie Deut­sche nicht mögen, ich aus die­sem Grund also auch nur eine Nacht unter dem Dach ihres Hau­ses blei­ben dür­fe und auf jeden Fall am nächs­ten Mor­gen das Haus zu ver­las­sen habe.

Ich erschrak zu Tode, als ich die­se eis­kal­ten Wor­te hör­te, die sich wie schar­fe Mes­ser­spit­zen in mein damals noch hef­tig pochen­des deut­sches Herz bohr­ten. Meh­re­re Sekun­den lang (die mir wie eine Ewig­keit vor­ka­men) glaub­te ich mich gefan­gen in einem bösen Traum. Doch es war kein Traum, nein, es war nack­te, bit­ter­bö­se Wirk­lich­keit im Jah­re 1963 an einem war­men spä­ten Juli­abend in Lau­sanne. Ich ver­mu­te, dass Pas­cal sei­nen Eltern viel­leicht gar nicht gesagt hat­te, dass er mit einem deut­schen Freund kom­men wird. Aber was kön­nen Kin­der für den Cha­rak­ter und für das mit­un­ter unver­ständ­li­che Ver­hal­ten ihrer Eltern in schick­sal­haf­ten Situa­tio­nen und unge­wöhn­li­chen Kon­stel­la­tio­nen? Nichts, zumeist gar nichts, viel­leicht aber doch ein ganz klein wenig?

Ich ver­liess also am nächs­ten Mor­gen nach schlaf­lo­ser Nacht müde und ver­schreckt (und ohne Früh­stück) das in einem gros­sen blu­men­rei­chen Gar­ten gele­ge­ne schö­ne, doch so ungast­li­che Lau­san­ner Haus, des­sen Bewoh­ner Deut­sche nicht moch­ten und offen­sicht­lich so sehr hass­ten, dass sie sogar die ein­fachs­ten Regeln der Gast­freund­schaft und eines abend­län­di­schen zivi­li­sier­ten Beneh­mens auf so gro­be Art und Wei­se miss­ach­te­ten. Und ich frag­te mich, wie sich das mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren lässt: ein so schö­nes Haus und ein so unfreund­li­cher, ein so böser, ein mir so frem­der Geist dar­in. Bestürzt frag­te ich mich natür­lich auch, was ich den Eltern mei­nes Freun­des getan, was ich ihnen per­sön­lich ange­tan haben könn­te.

Nichts, aber auch gar nichts hat­te ich, Axel Micha­el Sal­low­sky, die­sen mir unbe­kann­ten Men­schen an Leid, an Ent­täu­schung, an Schmer­zen und Kum­mer zuge­fügt. Ich war mir kei­ner Schuld bewusst, hat­te es doch bis­her und auch nach­weis­bar nicht die gerings­ten Berüh­rungs­punk­te zwi­schen den Eltern mei­nes Freun­des Pas­cal und mir gege­ben. Und so fiel es mir daher auch sehr schwer, die­se für mich völ­lig absur­de Situa­ti­on so recht zu begrei­fen. Aber merk­wür­di­ger­wei­se (ratio­nal für mich abso­lut nicht nach­voll­zieh­bar) fühl­te ich mich über­ra­schend den­noch für einen Augen­blick so, als hät­te ich die­ser mir unbe­kann­ten Fami­lie tat­säch­lich etwas Schreck­li­ches ange­tan und dadurch schul­dig gemacht, ohne zu wis­sen, um wel­che Art Schuld es sich hier han­deln könn­te. In mei­nem Kop­fe rumor­te es: Ja, wor­in oder wor­aus konn­te mei­ne even­tu­el­le Schuld bestehen, war­um moch­ten die Eltern mei­nes Freun­des Deut­sche nicht, was hat­te das alles über­haupt mit mir zu tun?

Ich fand zunächst kei­ne Ant­wor­ten auf die­se mich bedrü­cken­den Fra­gen, zumal ich auch kei­ne Chan­ce hat­te, die Eltern selbst nach den Moti­ven ihres Ver­hal­tens mir gegen­über zu befra­gen, da sie (nach flüch­ti­ger Begrüs­sung am Abend unse­rer Ankunft) es ablehn­ten, mit mir zu spre­chen. Natür­lich wuss­te ich, dass der 2. Welt­krieg und die unfass­ba­ren Greu­el­ta­ten der SS und der deut­schen Wehr­macht in ganz Euro­pa, jedoch nicht auf dem Ter­ri­to­ri­um der Schweiz statt­ge­fun­den hat­ten. Was also könn­te der Grund für das feind­se­li­ge Ver­hal­ten der Eltern mir gegen­über nur gewe­sen sein? Ich stand vor einem Rät­sel.

Dann aber kam ich (zu mei­ner gros­sen Erleich­te­rung) zu dem Schluss, dass das abstru­se Ver­hal­ten der Eltern mir gegen­über kei­nes­wegs etwas mit mei­ner Per­son selbst zu tun haben muss­te, son­dern sich mög­li­cher­wei­se aus der unse­li­gen, zwölf Jah­re wäh­ren­den Geschich­te Nazi­deutsch­lands erklä­ren liess, dass es die zu erwar­ten­den hef­ti­gen Nach­we­hen der von unse­ren Vätern began­ge­nen Ver­bre­chen waren, began­gen an der gesam­ten Mensch­heit (viel­leicht also auch an den Eltern mei­nes Freun­des Pas­cal?), was ich im Juli des Jah­res 1963, acht­zehn Jah­re nach Kriegs­en­de, erst­mals und völ­lig uner­war­tet am eige­nen Lei­be auf so schmerz­haf­te Wei­se in einem schö­nen Schwei­zer Haus zu spü­ren bekam.

Ob die Deut­schen tat­säch­lich und was genau sie den Eltern mei­nes Freun­des jemals ange­tan haben, woher ihre Ableh­nung gegen und ihr Hass auf Deut­sche kom­men könn­te, all das erfuhr ich nie. Aber hät­ten sie, wenn sie Fra­gen mei­ner­seits schon nicht zulies­sen, ja, hät­ten sie dann nicht zumin­dest ein ganz klein wenig nur höf­lich und gast­freund­lich zu mir sein kön­nen, ich war doch schliess­lich der Freund ihres ein­zi­gen Soh­nes und erst 24 Jah­re alt?

Mit der­art mich quä­len­den Gedan­ken und ver­letz­ten Gefüh­len ver­liess ich also nach schlaf­lo­ser Nacht am nächs­ten Mor­gen das von Aus­sen sich präch­tig zei­gen­de Haus, in dem ich als Gast und als Deut­scher nicht will­kom­men war. Die­ses völ­lig uner­war­te­te Erleb­nis mach­te mich trau­rig. Doch als sich die Tür zu die­sem Haus, in dem ich nicht will­kom­men war, gera­de hin­ter mir geschlos­sen hat­te, da gelang mir das Kunst­stück, mich selbst von aller mir in die Schu­he gescho­be­nen Schuld nach 1945 frei zu spre­chen. Nennt man einen sol­chen Vor­gang nicht „see­li­sche Selbst­rei­ni­gung“, die ein jeder vor­neh­men kann und vor­neh­men muss, der genau weiss, dass er kei­ne Schuld auf sich gela­den hat, obwohl er des­sen beschul­digt wird?

Mei­nem Freund Pas­cal (dem ich nicht böse war) bin ich nie wie­der begeg­net, nicht weil ich es nicht woll­te, nein, es ergab sich nicht, denn nach mei­nem Abgang aus sei­nem Eltern­haus führ­te mich mein Lebens­weg auf eine lan­ge Rei­se und direkt ins Herz einer auf­re­gen­den Zukunft, doch nicht mehr zurück nach Ber­lin, wo ich ihm viel­leicht noch­mals hät­te begeg­nen kön­nen.

Da es ein herr­li­cher, heis­ser Som­mer­tag war, ging ich mit mei­nem klei­nen, uralten brau­nen Leder­kof­fer schnur­stracks an den Gen­fer See hin­un­ter, um mir nach die­sem unfrei­wil­li­gen Wech­sel­bad der Gefüh­le den­noch einen schö­nen und viel­leicht sogar sorg­lo­sen Bade-und Son­nen­tag zu gön­nen, bevor ich dann unter Ein­schal­tung mei­ner Ver­nunft beschlies­sen woll­te, was ich nun zu tun habe. Da ich in Lau­sanne kei­nen Men­schen kann­te, stand für mich fest, so rasch wie mög­lich die Heim­rei­se nach Ber­lin anzu­tre­ten, um mein dort bereits begon­ne­nes Kunst­stu­di­um fort­zu­set­zen.

Doch es dräng­te mich erst ein­mal hef­tig ans Ufer des von vie­len Son­nen­an­be­tern und Bade­gäs­ten bevöl­ker­ten Gen­fer Sees, fand dort rasch ein frei­es Lie­ge­plätz­chen und ab ging es beherzt ins küh­le Was­ser, nur von einem ein­zi­gen Gedan­ken getrie­ben, auch noch die letz­te Erin­ne­rung an die so plötz­lich über mich her­ein stür­zen­den Sze­nen rasch weg zu spü­len, ins Ver­ges­sen abzu­tau­chen, sich kräf­tig schüt­teln, noch­mals über alles nach­den­ken und viel­leicht begrei­fen, was mir da pas­siert war. Danach galt es dann zu han­deln.

Die­se Rei­hen­fol­ge mei­nes not­wen­di­gen Reagie­rens schien mir schlüs­sig und über­aus ver­nünf­tig zu sein. Daher schwamm ich also erst ein­mal (inner­lich Luft holend, mir Ruhe ver­ord­nend) weit hin­aus auf den spie­gel­glat­ten See, so wie ich es seit mei­ner Kind­heit auf der Insel Rügen immer und dann auch spä­ter stets getan habe, sobald ich ein Gewäs­ser erblick­te oder am Ufer eines Mee­res stand (schliess­lich bin ich im Zei­chen des Fisches gebo­ren und an der Ost­see auf­ge­wach­sen). Seit mei­nem drit­ten Lebens­jahr war ich mit die­ser bis­wei­len recht lau­ni­schen Ost­see auf du und du, erlern­te das Schwim­men im Alter von knapp vier Jah­ren, schwamm danach bereits meh­re­re hun­dert Meter und bis­wei­len noch viel wei­ter auf die Ost­see hin­aus, Angst nicht ken­nend, da mir alles so ver­traut war und abso­lut unge­fähr­lich vor kam.

Die Erin­ne­rung dar­an jagt mir bis­wei­len aber auch heu­te noch einen Schre­cken ein, waren wir Kin­der damals doch stets allein am Strand, so dass uns kein Erwach­se­ner hät­te ret­ten kön­nen, wenn jemals eines von uns Kin­dern in Lebens­ge­fahr gera­ten wäre. Ob ich viel­leicht dar­aus gelernt und des­halb beschlos­sen hat­te, mei­ne klei­ne Toch­ter Laris­sa vier­zig Jah­re spä­ter am Ost­see­strand in der Nähe von Grömitz auch nicht eine Sekun­de aus den Augen zu las­sen?

Bevor ich aller­dings „rich­tig schwim­men“ konn­te, tat ich zuvor das, was auch alle ande­ren Kin­der im Dorf bereits seit Genera­tio­nen zu tun pfleg­ten: wir gin­gen soweit ins Meer hin­ein, bis von uns nur noch Kopf, Hals und Brust aus dem Was­ser rag­ten. Dann duck­ten wir uns ein wenig, bis nur noch unser Kopf allein vom Ufer aus zu sehen war und beweg­ten die Arme unter Was­ser wie ein rich­ti­ger Schwim­mer, gin­gen dabei jedoch auf unse­ren Füs­sen über den san­di­gen Mee­res­grund, so dass Frem­de am Ufer glau­ben muss­ten, dass wir tat­säch­lich schwim­men. Ich ver­mag mir heu­te zwar nicht mehr so recht vor­zu­stel­len, war­um wir Kin­der uns über die­se Täu­schungs­ma­nö­ver so sehr freu­ten, aber wir waren selig bei dem Gedan­ken, dass ande­re glau­ben muss­ten, dass wir Knirp­se wirk­lich schon schwim­men kön­nen.

Die­ses Spiel­chen trieb ich bis zu jenem Tag, an dem ich allein mit vier klei­nen Hünd­chen aus der Skye-Ter­ri­er-Zucht mei­ner Mut­ter wie­der ein­mal an den West­strand gegan­gen war, damit sich die klei­nen Vier­bei­ner dort im Sand und im fla­chen Was­ser amü­sie­ren konn­ten. Als zwei der süs­sen Hun­de­ba­bies plötz­lich jedoch eini­ge Meter zu weit hin­aus geschwom­men waren und ich bereits fürch­te­te, dass sie in Lebens­ge­fahr gera­ten und ertrin­ken könn­ten, da ging ich, wie sonst auch immer in der gewohn­ten Duck-und Schwimm­hal­tung den Hünd­chen nach, um sie zu ret­ten. Als ich sie erreicht hat­te und packen woll­te, da ent­deck­te ich zu mei­nem gros­sen Erstau­nen, dass ich kei­nen Grund mehr unter den Füs­sen spür­te. Zunächst erschrak ich zu Tode, Angst fuhr in alle mei­ne Glie­der, Panik kroch kurz in mei­nen Kopf, dann aber ström­te ein gros­ses Glücks­ge­fühl in mich hin­ein, denn nun konn­te ich, jeder Zwei­fel ent­wich aus mir, wirk­lich rich­tig schwim­men.

Aber nicht allen Dorf­kin­dern gelang die­ses Schwimm-Kunst­stück und so erklärt sich auch, war­um die meis­ten alt­ein­ge­ses­se­nen Fischer in Thies­sow (und gewiss auch in all den ande­ren Dör­fern auf Rügen) bis an ihr Lebens­en­de nicht schwim­men konn­ten. Was sie aber nicht dar­an hin­der­te, auch bei stärks­tem Unwet­ter auf‚s Meer hin­aus zu rudern, um einen plötz­lich in See­not gera­te­nen Kol­le­gen zu ret­ten. Sie fuh­ren ohne Ret­tungs­rin­ge los, kann­ten kei­ne Todes­ängs­te, rie­fen kei­ne Göt­ter um Bei­stand an, sie ver­trau­ten allein ihrer kör­per­li­chen Kraft. Ich erin­ne­re mich, dass es wäh­rend mei­ner Kind­heit in Thies­sow mehr­fach zu sehr dra­ma­ti­schen Ret­tungs­ak­tio­nen gekom­men war, stets mit glück­li­chem Aus­gang. Kei­ne Ehe­frau muss­te den Tod ihres Man­nes und auch kei­ne Mut­ter den Tod ihres Soh­nes bewei­nen.

Doch nun rasch wie­der zurück an den Strand des Gen­fer Sees im Juli des Jah­res 1963 in Lau­sanne. Und wie­der tauch­te, mitt­ler­wei­le zu mei­nem „stän­di­gen Beglei­ter“ avan­ciert, das Wört­chen „wenn“ auf, die­ses Mal aller­dings und zunächst nicht zu mei­nen Guns­ten: denn wenn ich an die­sem herr­li­chen Son­nen­tag, der für mich so düs­ter begon­nen hat­te und dann plötz­lich doch noch zu strah­len begann, ja, wenn ich an die­sem Tag nicht so weit auf den spie­gel­glat­ten See hin­aus geschwom­men wäre, dann hät­te es mir viel­leicht gera­de noch gelin­gen kön­nen, den Mann zu erwi­schen, den ich aus der Fer­ne dabei beob­ach­te­te, wie er sich dreist an mei­nem alten, leder­nen Köf­fer­chen zu schaf­fen mach­te. Ich war damals ein sehr guter Schwim­mer, kraul­te mit Rie­sen­stös­sen gen Ufer. Doch ver­ge­bens, ich kam zu spät an den Ort des Ver­bre­chens, ich konn­te den nie­der­träch­ti­gen Dieb nicht mehr fas­sen, der war längst ent­eilt. Und mit ihm die noch übrig geblie­be­nen 150 deut­sche Mark, die mir mei­ne Tan­ten für die Rei­se nach Lau­sanne geschenkt hat­ten (das war im Jah­re 1963 für einen Stu­den­ten viel Geld).

Die leder­ne, mitt­ler­wei­le etwas zer­fled­der­te Brief­ta­sche, die mir mein Gross­va­ter einst geschenkt hat­te und in der sich mein Rei­se­geld befun­den hat­te, an der schien der ruch­lo­se Dieb nach Ent­nah­me des Gel­des kein Inter­es­se gehabt zu haben, also hat­te er sie zurück gelas­sen. Dafür muss­te ich dem Dieb, obwohl ich ihn ver­fluch­te, eigent­lich Dank sagen, befan­den sich in die­ser Brief­ta­sche doch auch ein hal­bes Dut­zend Foto­gra­phien, auf denen mei­ne Gross­el­tern als Braut­paar um 1890 und mei­ne Mut­ter so um 1918 als fünf­jäh­ri­ges Kind zu sehen waren, zwar bereits damals etwas ver­gilb­te Fotos, die ich aber heu­te noch besit­ze und die ich hüte wie einen Schatz. Noch schlim­mer und ver­häng­nis­vol­ler für mich war es, dass der schänd­li­che Dieb auch mei­nen Rei­se­pass mit­ge­nom­men hat­te. Das war eine Kata­stro­phe: Adieu Geld, Adieu Aus­weis, Adieu Feri­en in Lau­sanne, Adieu Hoff­nung, Adieu Schweiz. Das Leben, wohin woll­te es mich füh­ren?

Ja, da stand ich nun, böse auf den Dieb, böse zugleich aber auch auf mich, weil ich so leicht­fer­tig und unver­nünf­tig gewe­sen war, mich zu weit von mei­nem Köf­fer­chen ent­fernt zu haben, böse auf Gott, weil er den Dieb begüns­tigt und mich im Stich gelas­sen hat­te. Ich war damals kein „gläu­bi­ger Mensch“, leb­te ich doch bis 1955 in der DDR, in der es aus­ser den Par­tei-Göt­tern kei­nen ande­ren Gott zu geben hat­te. Aber ich hat­te Ver­trau­en zu den Men­schen und zum Leben, das mir bis dahin so wohl geson­nen war. Ja, da stand ich nun, immer noch fas­sungs­los, 24 Jah­re alt, dem Heu­len nahe, denn eine sol­che Erfah­rung hat­te ich bis­her nicht machen müs­sen. Doch mann­haft ver­sag­te ich mir alles Wei­nen, Jam­mern und Kla­gen, obwohl ich wahr­lich Grün­de genug gehabt hät­te, mit mir und mit mei­nem Schick­sal zu hadern. Was nun tun? Es war ein Vier­tel vor 13.00 Uhr, mei­ne Arm­band­uhr hat­te der Dieb glück­li­cher­wei­se nicht gefun­den, wahr­schein­lich hat­te er die­se in der Eile über­se­hen oder sie für wert­los gehal­ten (was sie auch war). Es war also Mit­tags­zeit, was ich am lau­ten Brum­meln in mei­nem Bauch und am hef­ti­gen Knur­ren in mei­ner Magen­ge­gend nur all­zu deut­lich spür­te, zumal (wie bereits erwähnt) die unfreund­li­chen Eltern mei­nes Freun­des mir auch kein Früh­stück ange­bo­ten hat­ten. In mei­nem wir­ren Kopf arbei­te­te es fie­ber­haft, ein Gedan­ke jag­te den ande­ren, es muss­te etwas gesche­hen.

Aber was?

Zur Poli­zei gehen und den Dieb­stahl mel­den? Es wäre doch gewiss das Ver­nünf­tigs­te in mei­ner so über­aus heik­len und mit vie­len Fra­ge­zei­chen ver­se­he­nen Situa­ti­on gewe­sen. Mei­ne Ver­nunft schien mich aber kurz­fris­tig ver­las­sen zu haben, viel­leicht auch nur der Mut und damit jede Phan­ta­sie und Ent­schluss­kraft. Zur Poli­zei, sag­te ich mir, kann ich ja auch noch spä­ter gehen.

Es arbei­te­te wei­ter in mei­nem Kopf, mei­ne zugleich mit der Ver­nunft ent­schwun­de­ne Phan­ta­sie mach­te sich plötz­lich wie­der bemerk­bar und ent­führ­te mich aus der bedrü­cken­den Wirk­lich­keit einer noch nie erleb­ten Situa­ti­on: Wie wäre es, so dach­te ich und eine Stim­me in mir schien mich dabei auch noch zu ermu­ti­gen, ja, wie wäre es, wenn ich zum Bei­spiel ein vor­neh­mes Restau­rant mit See­blick betre­ten wür­de, an einem gedeck­ten Tisch Platz neh­men, höf­lich um die Spei­se­kar­te bit­ten, sich einen Wein der Regi­on emp­feh­len las­sen, sich ein köst­li­ches Menu aus­su­chen, sich dabei viel Zeit las­sen, Ruhe, Ruhe, nur Ruhe bewah­ren, selbst­si­cher auf­tre­ten, der freund­li­chen Wein­emp­feh­lung des Obers unbe­dingt fol­gen, mit Genuss und Bedacht die Vor­spei­se und das nach­fol­gen­de Haupt­ge­richt ver­zeh­ren, dann den Käse und zum krö­nen­den Abschluss ein Des­sert, schliess­lich den obli­ga­to­ri­schen Kaf­fee und viel­leicht noch einen Kaf­fee…

Ja, so etwa könn­te es sich abspie­len. Grau aller­dings ist alle Theo­rie, bunt hin­ge­gen aber sind die Hoff­nung und alle Träu­me, auf dass sie sich glanz­voll erfül­len oder wie ein Luft­bal­lon laut plat­zen mögen. Ich setz­te auf den Erfolg und dar­auf, dass aus dem Traum kein Alb­traum wer­den möge. Also Vor­hang auf zum ers­ten Akt in einem Dra­ma mit unge­wis­sem Aus­gang. Und ich betrat dann tat­säch­lich hoch erho­be­nen Haup­tes ein sehr, ein sehr vor­neh­mes Restau­rant mit See­blick, setz­te mich an den ein­zi­gen noch frei­en und edel gedeck­ten Zwei­er­tisch und die Vor­stel­lung, ja, sie konn­te begin­nen.

Der Dra­ma­tur­gie mei­nes jetzt begon­ne­nen Auf­tritts lag kein fer­ti­ges Dreh­buch zugrun­de, nein, alles war reins­te Impro­vi­sa­ti­on, gezeugt und gebo­ren im Augen­blick höchs­ter Not und Ver­zweif­lung, ver­bun­den mit der ganz lei­sen Hoff­nung, es möge sich ein Wun­der ereig­nen. Ob ich es nun woll­te oder nicht: ehe ich mich ver­sah, da hat­te mir das Schick­sal bereits die ima­gi­nä­re Rol­le und das Schick­sal eines Men­schen über­ge­stülpt, der erst­mals in sei­nem Leben gezwun­gen wird, gegen sei­nen Wil­len über ein hoch­ge­pann­tes Draht­seil von Dach zu Dach zu balan­cie­ren, ohne die­se gefähr­li­che, stets den Tod her­aus for­dern­de Kunst auf dem Seil jemals erlernt und dann aus­pro­biert zu haben.

Da zeig­te sich plötz­lich ein mich quä­len­des Bild vor mei­nen Augen, es war der nicht her­bei­ge­sehn­te „Blick hin­ter die Din­ge“ einer mir unbe­kann­ten Welt: unter mir nichts als tiefs­ter Abgrund und Tau­sen­de run­de Men­schen­köp­fe mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen und mit schäu­men­den Mäu­lern, aus denen häss­li­che Lau­te sich einen Weg bahn­ten zu mir nach oben auf dem Seil, es waren ver­zerr­te Stim­men, die sich grö­lend mei­nen Absturz wünsch­ten, ich soll­te geop­fert wer­den. Es gab kein Netz zum Auf­fan­gen im Fal­le eines auch nur klei­nen Fehl­tritts. War ich ange­tre­ten, um mein jun­ges Leben auf so unwür­di­ge Wei­se zu ver­lie­ren und mich ins Ver­der­ben zu stür­zen? Wahr­schein­lich war es mein vor Hun­ger grum­meln­der Bauch, der mir, mei­ne Ver­nunft igno­rie­rend, die­ses schreck­li­che Sze­na­ri­um fast schon sadis­tisch in mein erhitz­tes Bewusst­sein pro­ji­zier­te und mich zwang, genau das zu tun, was mir da so fre­vel­haft in den Sinn gekom­men war, näm­lich ein Restau­rant auf­zu­su­chen.

Was ich dann auch tat.

Ein in edles Schwarz und Weiss geklei­de­ter älte­rer Ober kam an mei­nen Tisch, warf mir zunächst einen auf­fal­lend kri­ti­schen Blick zu, gera­de so, als wol­le er mit Hil­fe sei­ner in vie­len Jah­ren erwor­be­nen Men­schen­kennt­nis erst ein­mal her­aus­fin­den, ob sich ein so jun­ger Mann (und das war ich damals ja) eine Mahl­zeit in die­sem edlen Eta­blis­se­ment über­haupt leis­ten kön­ne. Er muss offen­sicht­lich zu einem posi­ti­ven Ein­druck mei­ner Erschei­nung gelangt sein, über­reich­te er mir doch mit einem freund­li­chen Lächeln die Spei­se­kar­te (ein­ge­fasst in einen edlen wein­ro­ten Leder­ein­band) und frag­te mich, zunächst auf Fran­zö­sisch, dann (als er bemerk­te, dass ich die­se Spra­che nicht spre­che) auf Deutsch, ob ich denn geneigt sei (ja, so sprach man damals), bereits ein Getränk bestel­len zu wol­len. Natür­lich war ich geneigt.

„Aber ja“, erwi­der­te ich daher eben­so freund­lich, „wel­chen Wein wür­den Sie mir denn emp­feh­len?“

„Einen Fen­dant natür­lich, einen von hier!“.

Ich tat so, dabei den vor­neh­men Ober wie ein zwar noch sehr jun­ger, aber des­halb nicht weni­ger welt­ge­wand­ter Rei­sen­der anschau­end, als wür­de ich die­sen Wein selbst­ver­ständ­lich ken­nen und schät­zen und bestell­te keck und selbst­be­wusst kein Glas, son­dern gleich eine Fla­sche Fen­dant mit der Bemer­kung: „Die­ser Wein ist in der Tat ein­fach gött­lich, sich ihm zu ver­wei­gern, das wäre Sün­de!“. Ich war erstaunt, wie leicht mir die­se noch nie zuvor gespro­che­nen Wor­te über die Lip­pen hüpf­ten. Habe ich wegen die­ser sich plötz­lich in mir gera­de in die­sem Augen­blick kurz auf­blit­zen­den Bega­bung nicht eini­ge Jah­re spä­ter ein­mal sogar Schau­spie­ler wer­den wol­len, damals aller­dings nicht ahnend, dass ich eines Tages tat­säch­lich am Thea­ter lan­den soll­te?

Wie auch immer. Mir schien, als hät­te ich den Ober mit mei­ner so posi­ti­ven Ein­schät­zung des von ihm mir wärms­tens emp­foh­le­nen Wei­nes tief beein­druckt, jeden­falls eil­te er auf­fal­lend beschwingt ins Inne­re des fei­nen Lau­san­ner Eta­blis­se­ments, dabei „Va, pen­sie­ro, sull‚ ali dora­te“ aus Ver­dis „Nabuc­co“ lei­se vor sich hin sum­mend. Ich war auf eine befremd­li­che Wei­se glück­lich. War das ein gutes oder war es ein schlech­tes Zei­chen? Nach dem auf­merk­sa­men Stu­di­um der präch­ti­gen Spei­se­kar­te ent­schied ich mich schliess­lich für Fisch, für gebra­te­nen Egli in einer gött­li­chen Senf-Sah­ne-Sos­se, umringt von klei­nen, fei­nen in But­ter gedüns­te­ten Kar­tof­feln, dazu gesell­te sich jun­ger, zart­grü­ner Blatt-Salat. Der Egli war in der Tat himm­lisch. Ich speis­te mit aller­gröss­tem Genuss und mit eben­so gros­ser Bedacht­sam­keit, liess mir unend­lich viel Zeit, führ­te jeden ein­zel­nen Bis­sen fast schon im Zeit­lu­pen­tem­po in mei­nen Mund, trank auch den Wein in klei­nen Schlu­cken, um sowohl den Genuss als auch das Prä­sen­tie­ren der Rech­nung recht lan­ge hin­aus zu zögern.

Wenn ich heu­te dar­an den­ke, wie ich das damals, 24 Jah­re alt, kei­nen Pfen­nig in der Tasche, ohne Aus­weis und auch noch in einem frem­den Land „über die Büh­ne“ gezo­gen habe, dann erschre­cke ich noch nach­träg­lich, dann stau­ne ich immer wie­der dar­über, dass und wie ich das alles nerv­lich über­haupt durch­zu­ste­hen in der Lage war, denn eines war mir von Anbe­ginn klar: Ich wer­de viel­leicht spei­sen wie einst nur die Köni­ge in Frank­reich von damals und wie die Rei­chen von heu­te in Lau­sanne und über­all dort, wo der Wohl­stand blüht, wer­de die kuli­na­ri­sche Pro­ze­dur so lan­ge wie nur mög­lich in die Län­ge zie­hen, bis, ja bis …

Als ich dann schliess­lich auch den letz­ten Käse­h­ap­pen und das letz­te klei­ne Stück­chen Weiss­brot ver­zehrt und das Des­sert (fri­sche und feins­te Him­bee­ren aus der Regi­on mit heis­ser Vanil­le­sos­se) genüss­lich ver­zehrt hat­te, da wur­de es mir nun doch so lang­sam recht mul­mig ums Herz, wozu gewiss auch das Lee­ren einer Fla­sche Wein bei­getra­gen hat­te, war ich es damals doch noch nicht gewohnt, bereits zum Mit­tag­essen Wein zu trin­ken, schon gar nicht eine gan­ze Fla­sche. Mitt­ler­wei­le war es fast 15.00 Uhr, aus­ser mir befan­den sich jetzt nur noch acht Gäs­te auf der von der Mit­tags­son­ne über­flu­te­ten See­ter­ras­se: fünf recht hüb­sche älte­re Damen, die meh­re­re Male ihre Gesprä­che unter­bra­chen, um mir, so jeden­falls glaub­te ich es wahr­zu­neh­men, einen sehr freund­li­chen, eben­so koket­ten wie auch etwas ver­schäm­ten Blick zuzu­wer­fen, eine jede von ihnen nach neu­es­ter Mode recht vor­nehm geklei­det, mit pom­pö­sen gol­de­nen Rin­gen an fei­nen Fin­gern, mit in der Son­ne glit­zern­dem Schmuck aus Gold und Sil­ber und mit gros­sen weis­sen, in der Mit­tags­son­ne leuch­ten­den Per­len in Fül­le behan­gen, an einem ande­ren Tisch hat­ten drei sehr noble Her­ren ihre opu­len­te Mahl­zeit gera­de wort-und ges­ten­reich been­det und mit auf­fal­lend gros­sen Schei­nen ihre gewiss recht hohen Rech­nun­gen begli­chen.

Kei­ner die­ser in mei­nen Augen viel­leicht glück­li­chen Men­schen schien Geld­pro­ble­me zu ken­nen, sie alle ver­ström­ten fast schon pro­vo­zie­rend einen Geruch von herz­lo­sem Reich­tum und dia­bo­li­scher Sorg­lo­sig­keit. Wäh­rend mir die­se nicht gera­de sehr freund­li­chen Gedan­ken durch den Kopf gin­gen, schäm­te ich mich zugleich dafür, so abfäl­lig über die hüb­schen und mir unbe­kann­ten Damen und über die vor­neh­men Her­ren gedacht zu haben.

Ich spiel­te dann kurz mit dem abson­der­li­chen Gedan­ken, einem die­ser noblen Gäs­te mei­ne pre­kä­re Lage in aller Auf­rich­tig­keit zu schil­dern, getra­gen von der ganz lei­sen Hoff­nung, erhört, ver­stan­den und viel­leicht sogar geret­tet zu wer­den, mög­li­cher­wei­se hät­te einer oder eine von ihnen wider Erwar­ten ja doch ein mit­füh­len­des Herz und eine Pri­se Ver­ständ­nis für mei­ne gewiss nicht ganz nor­ma­le Situa­ti­on. Rasch glaub­te ich dann aber zu spü­ren: Sie tru­gen zwar alle strah­len­des Gold an den viel­leicht längst rheu­ma­ti­schen Fin­gern, am noch fast fal­ten­lo­sen Hals und über dem hoch­ge­wölb­ten Busen, doch kei­ner und kei­ne sah danach aus, als hät­ten sie auch noch ein Herz aus Gold hin­ter jenem irdi­schen Gold, das seit uralten Zei­ten in allen Men­schen immer wie­der ein so immenses Begeh­ren aus­löst. Nein, nein, bei die­sen glit­zern­den Damen und wür­dig drein schau­en­den Her­ren mit den grau­silb­ri­gen Schlä­fen aus der wahr­schein­lich aller­feins­ten Lau­san­ner Gesell­schaft nach­zu­fra­gen und Ret­tung zu erwar­ten, ich ver­scheuch­te die­sen törich­ten Gedan­ken blitz­schnell wie­der aus mir, viel­leicht fehl­te mir aber auch nur der Mut, die­se noblen Herr­schaf­ten anzu­spre­chen.

Als ich schliess­lich bereits den drit­ten Kaf­fee bestellt und dann auch noch um einen vier­ten gebe­ten hat­te (nun war ich tat­säch­lich der letz­te Gast, der Zei­ger der Uhr beweg­te sich in Rich­tung 15.30 Uhr), da sah ich so lang­sam und ganz bru­tal den eiser­nen Vor­hang fal­len über mei­ne impro­vi­sier­te Gala-Vor­stel­lung auf der schö­nen Ter­ras­se die­ses edlen Lau­san­ner See­re­stau­rants. Nun war es nur noch eine Fra­ge von Minu­ten oder Sekun­den gar, bis mir der freund­li­che Ober die Rech­nung für mei­ne „Hen­kers­mahl­zeit“ prä­sen­tie­ren wird, bis ich klein­laut Far­be beken­nen muss­te: Kein Geld, kei­nen Pass vor­wei­send, also kei­ne glaub­haf­te natio­na­le Iden­ti­tät bewei­sen kön­nend und dann auch noch keck als Zech­prel­ler auf­tre­ten, das konn­te doch nicht gut (aus)gehen, der gros­se Knall, er wird, er muss­te kom­men, das war mir völ­lig klar.

Ich über­leg­te plötz­lich, ob mich ein ehr­lich gespro­che­nes Gebet viel­leicht ret­ten wür­de. Doch zugleich frag­te ich mich: War­um soll­te Gott aus­ge­rech­net einem Athe­is­ten Glau­ben schen­ken und Hil­fe gewäh­ren und ihn aus einer Situa­ti­on ret­ten, die er sich selbst ein­ge­brockt hat? Nein, nein und wie­der nein, sol­che Göt­ter gibt es nicht. Also blieb ich mir treu und fal­te­te nicht die Hän­de zum Gebet. Die psy­chi­sche Span­nung in mir war plötz­lich kaum noch zu ertra­gen, sie wuchs von Sekun­de zu Sekun­de, mein Herz poch­te laut, mein Puls ras­te immer schnel­ler und über­tön­te alle irdi­schen Geräu­sche um mich her, Schweiss rann heiss und kalt zugleich aus all mei­nen erreg­ten Poren.

Ich wuss­te bis zu die­sem Augen­blick nicht, was von Aus­sen nach Innen hin­ein strö­men­de Ängs­te, was Pein­lich­keit und was Ernied­ri­gung in einem Men­schen aus­lö­sen kön­nen. Wäh­rend ich mir, dabei immer unru­hi­ger wer­dend, selbst­quä­le­risch aus­mal­te, was da jetzt gleich gesche­hen wird, gesche­hen muss, wie unan­ge­nehm mir alles sein wird, wenn die Schwei­zer Poli­zei erscheint, mich in Hand­schel­len wie einen Schwer­ver­bre­cher abführt durch ein Spa­lier von höh­nisch lachen­den und gaf­fen­den Neu­gie­ri­gen, wenn ich bei Brot und Was­ser in eine kal­te, dunk­le Zel­le gesperrt wer­de, wie ein Lau­san­ner Rich­ter kei­ne Gna­de kennt und nach kur­zem Pro­zess mit har­ten Wor­ten das Urteil „Lebens­läng­lich“ ver­kün­det, vom Publi­kum im Gerichts­saal fre­ne­tisch beju­belt, da kam über­ra­schen­der­wei­se eine selt­sa­me Ruhe über mich, eine unheim­li­che Ruhe sogar, die mich ängs­tig­te, mich fast erschau­ern liess: Ich stand plötz­lich vol­ler Neu­gier, wie ein Voy­eur, wie ein ande­rer Mensch, wie ein Frem­der neben mir, hör­te und schau­te über­rascht und amü­siert zu, wie ich (war es viel­leicht mein zwei­tes ICH?) eis­kalt, auf­merk­sam und auch mit sich stei­gern­dem dia­bo­li­schen Genuss das Ver­hal­ten mei­nes ers­ten ICH‚s auf­merk­sam beob­ach­tet, gar nicht mehr abwar­ten kann, sich zu berau­schen an dem, was sich da gleich abspie­len wird, wenn erst ein­mal die Bom­be explo­diert und wenn von dem, der ich gera­de eben noch gewe­sen bin, dann nichts mehr übrig ist, ein gräss­li­cher Gedan­ke, es frös­tel­te mich.

Doch eben­so plötz­lich war ich dann wie­der der, den ich zuvor als einen ande­ren mit gros­sem Inter­es­se und kal­ten Gefüh­len beob­ach­tet hat­te. Und da wuss­te ich dann auch nicht mehr so recht, ob ich das wirk­lich bin oder ob es tat­säch­lich ein ande­rer, ein mir unbe­kann­ter Mensch gewe­sen war, dem ich da unver­hofft gegen­über geses­sen habe. Wie auch immer: Gleich, in ein paar Sekun­den schon, da muss­te es nun end­gül­tig zum gros­sen Knall kom­men, zum Ur-Knall mit schau­ri­gem Aus­gang, mein künf­ti­ges Leben in eine gefähr­li­che Rich­tung, viel­leicht sogar in den Unter­gang trei­bend. Was für eine schmerz­haf­te Demü­ti­gung, wel­che Ernied­ri­gung wird mich da bis ins Mark und bis ins Herz tref­fen?

Noch wäh­rend mir die­se Gedan­ken wie bren­nen­de Nadeln durch den Kopf schwirr­ten und all mei­ne Ner­ven­strän­ge pisack­ten, da hör­te ich mich zu mei­nem gros­sen Erstau­nen plötz­lich rufen: „Mon­sieur, ich hät­te bit­te noch einen Kaf­fee und dann bit­te die Rech­nung, ich möch­te zah­len“. Was mich tat­säch­lich ver­an­lass­te, nun end­lich die Rech­nung anzu­for­dern, das ver­mag ich mir bis heu­te nicht so recht zu erklä­ren. Es war wohl eben­so Ver­zweif­lung wie Über­mut, viel­leicht auch die vage Hoff­nung, mit einem gemäch­li­chen Aus­schlür­fen der aller­letz­ten Kaf­fee­tas­se noch ein ganz klein wenig Zeit zu gewin­nen, es könn­te ja viel­leicht doch noch ein Wun­der gesche­hen, Ret­tung nahen in aller­letz­ter Sekun­de und sei es auch nur, um plötz­lich und für alle Zei­ten im Erd­bo­den ver­sin­ken zu kön­nen, wor­um ich das Schick­sal und alle Mäch­te des Uni­ver­sums in die­sem Augen­blick fle­hent­lich bat. Aber die Erde unter mei­nen Füs­sen öff­ne­te sich nicht, ich ver­sank auch nicht im Nichts, nein, das von mir so sehn­süch­tig her­bei­ge­sehn­te Wun­der geschah.

„Axel Micha­el, was machst Du denn hier?“

Ich erkann­te die­se Stim­me zunächst nicht. Dann erblick­te ich den „Trä­ger“ die­ser Stim­me: Es war die Stim­me eines ande­ren Schwei­zers aus mei­nem Ber­li­ner Bekann­ten-und Freun­des­kreis, des­sen Eltern­haus sich eben­falls hier in Lau­sanne befand. Er war hier, um sei­nen alten Vater zu besu­chen, so wie er es jedes Jahr in den Som­mer­fe­ri­en tat.

„Pierre“, rief ich laut und mei­ne Stim­me über­schlug sich dabei, „Dich hat der Him­mel mir gesandt“. Wenn ich damals nicht bereits ein fast schon sat­tel­fes­ter Athe­ist gewe­sen wäre, wer weiss, wer weiss, viel­leicht hät­te ich in die­sem Augen­blick doch an die Exis­tenz eines Got­tes glau­ben wol­len. Wie rasch ver­mag das Leug­nen und die Nicht­ak­zep­tanz eines Got­tes oder einer irra­tio­na­len Schick­sals­macht ins Gegen­teil umzu­schla­gen: Es sind die uner­war­te­ten, nie­mals bere­chen­ba­ren Lebens­um­stän­de, die da mit­spie­len und Glau­bens­sät­ze im Hand­um­dre­hen in eine ande­re Wirk­lich­keit ver­wan­deln. Ich schil­der­te mei­nem „mut­mass­li­chen Ret­ter“ aus­führ­lich, was mir wider­fah­ren war. Pierre, Leh­rer an einem Ber­li­ner Gym­na­si­um, ein schlan­ker Mann von Anfang vier­zig mit schüt­te­rem Blond­haar, war ein eher unauf­fäl­li­ger Mensch, den man aus­ser­halb sei­nes Freun­des­krei­ses eigent­lich kaum wahr zu neh­men pflegt.

Er gehör­te zu jenen Men­schen, die wie Schat­ten an einem vor­über eilen, es gab nichts an ihm, was einen zwin­gen könn­te, sei­net­we­gen ste­hen zu blei­ben oder den Wunsch auf­kom­men zu las­sen, sei­ne Bekannt­schaft zu machen oder ein Gespräch mit ihm begin­nen zu wol­len. Ich hat­te ihn eines Tages in einem Ber­li­ner Künst­ler­lo­kal ken­nen gelernt und ihn dann mal hier, mal dort auf Par­tys oder auf Ate­lier­fes­ten bei gemein­sa­men Freun­den wie­der getrof­fen. Wir moch­ten uns, doch das Wort „Freund“ war nicht die rech­te Benen­nung unse­rer Bezie­hung.

Wie auch immer, ich hat­te bis­her kei­nen Grund, mich inten­si­ver mit ihm zu befas­sen oder ernst­haft über ihn nach­zu­den­ken. Und aus­ge­rech­net die­ser Mensch soll­te nun viel­leicht mein Ret­ter sein? Selt­sam und immer wie­der rät­sel­haft ist das Leben. Pierre hör­te mir auf­merk­sam und ungläu­big zu, bedau­er­te das unfass­ba­re Ver­hal­ten sei­ner Lands­leu­te, die mich in ihrem Hau­se nicht haben woll­ten und ver­ur­teil­te das ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Plün­dern mei­ner Brief­ta­sche durch den flüch­ti­gen Dieb. Und er bewun­der­te vor allem mei­nen „Mut“, mich so ein­fach, ohne einen Pfen­nig in der Tasche und ohne Papie­re am hell­lich­ten Tag in ein so vor­neh­mes Restau­rant zu bege­ben, um dar­in ein üppi­ges Mit­tags­mahl zu bestel­len. Er schau­te mich fas­sungs­los, mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen immer wie­der an, als kön­ne er es nicht glau­ben, was ich ihm da gera­de erzählt habe, er schüt­tel­te nur immer wie­der den Kopf und mur­mel­te mehr­fach: „Nein, nein, das hät­te ich nicht gewagt, nein, das hät­te ich nie und nim­mer hin­be­kom­men, nie­mals, nein, nie­mals, ich bewun­de­re dich“.

Der Ober, (der von all dem ent­we­der nichts mit­be­kom­men hat­te oder sein Erstau­nen dis­kret zu ver­ber­gen wuss­te), brach­te die Rech­nung, die sich inner­halb von fast zwei­ein­halb Stun­den in recht beacht­li­che Höhen hin­auf geschau­kelt hat­te. Pierre lös­te mich aus (sogar ein fürst­li­ches Trink­geld war noch drin), bewahr­te mich damit vor gros­sen Unan­nehm­lich­kei­ten und einem unge­wis­sen Schick­sal. Kein Schwei­zer Rich­ter hat­te mich zu lebens­lan­ger Haft oder zum Tode ver­ur­tei­len müs­sen, mei­ne Mut­ter und mein jün­ge­rer Bru­der im fer­nen Ham­burg muss­ten nicht um mich wei­nen, ich war der Welt und vie­len Men­schen dar­in erhal­ten geblie­ben, sowohl jenen, die ich bereits damals kann­te als auch jenen, denen ich erst nach die­sem Inter­mez­zo und vie­le Jah­re spä­ter irgend­wo in der Welt begeg­nen soll­te. Ich umarm­te Pierre, ver­moch­te ob die­ses unglaub­li­chen Glü­ckes mei­ne Trä­nen nicht ganz zurück zu hal­ten. Pierre beru­hig­te mich mit den Wor­ten, dass er mir selbst­ver­ständ­lich und mit gros­ser Freu­de gehol­fen habe und ich das glei­che doch wohl gewiss auch für ihn getan hät­te, falls er in eine ähn­li­che Situa­ti­on gera­ten wäre. Ich wider­sprach nicht, war abso­lut fest davon über­zeugt, dass auch ich ihm natür­lich gehol­fen hät­te.

Das Schick­sal hat­te mir in Gestalt von Pierre also zur rech­ten Zeit einen Ret­ter geschickt. Ich wage auch heu­te noch nicht so recht dar­an zu den­ken, was mir tat­säch­lich geblüht hät­te, wenn Pierre (ich spür­te bereits den Strick um mei­nen Hals) nicht recht­zei­tig am rich­ti­gen Ort erschie­nen wäre. Da tauch­te noch ein­mal kurz die Fra­ge in mir auf: Hat­te ihn viel­leicht doch Gott zu mir geschickt, womit für mich die Exis­tenz eines Got­tes zumin­dest für einen Augen­blick also doch bewie­sen wäre? Ich blieb, obwohl von Dank­bar­keit erfüllt und kurz schwan­kend, den­noch Athe­ist und schrieb die Ret­tung in aller­letz­ter Sekun­de nicht Gott zu, son­dern mehr dem Schick­sal, das mir offen­sicht­lich einen kur­ven­rei­chen und dra­ma­ti­schen Lebens­weg zuge­dacht hat­te.

Pierre bot mir dann auch noch spon­tan Quar­tier in sei­nem Eltern­haus an, was ich mit gros­ser Dank­bar­keit annahm. Und so leb­te ich dann über­ra­schend fast drei Mona­te in einer wun­der­schö­nen Grün­der­zeit-Vil­la mit Blick auf den Gen­fer See und lern­te in die­sem pracht­vol­len Haus einen aus­ser­ge­wöhn­li­chen Mann ken­nen, näm­lich Pier­res Vater. Die­sen lie­bens­wür­di­gen Men­schen, neun­zig Jah­re alt und fast blind, einst Ger­ma­nist und Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor, seit zehn Jah­ren Wit­wer, Autor meh­re­rer Bücher, ihn wer­de ich nie­mals ver­ges­sen, er lebt in mei­nen Erin­ne­run­gen als der gröss­te Geist und Huma­nist, dem ich per­sön­lich jemals begeg­net bin.

Als Pierre mich sei­nem Vater vor­stell­te und ich zum ers­ten Mal in das mar­kan­te und so güti­ge Gesicht die­ses alten, hoch gewach­se­nen Man­nes schau­te, da glaub­te ich, ich stün­de Ger­hart Haupt­mann (den ich natür­lich nur auf Foto­gra­fien gese­hen hat­te) per­sön­lich gegen­über. Die Ähn­lich­keit, vor allem der Kopf mit dem vol­len weis­sen Haupt­haar und den strah­lend blau­en Augen, war ein­fach umwer­fend. Als ich kurz dar­auf dann auch noch erfuhr, dass Haupt­mann (neben Goe­the, Zola, Flau­bert, Pla­ton, Hei­ne und Nietz­sche) einer der Lieb­lings-Autoren des Pro­fes­sors war, da muss­te ich mich mei­nes ers­ten Ein­drucks wäh­rend der Begrüs­sung also nicht schä­men.

Ich soll­te recht bald vie­le Grün­de fin­den, die­sen alten Mann zu lie­ben und zu ver­eh­ren. Man begeg­net sol­chen Men­schen nicht oft im Leben. Ich hat­te das gros­se Glück. Bereits am zwei­ten Abend frag­te er mich, ob ich ihm die Freu­de machen wür­de, ihm hin und wie­der eini­ge von ihm beson­ders gelieb­te Stel­len aus Goe­thes „Wahl­ver­wandt­schaf­ten“, aus „Faust“ und aus Wer­ken ande­rer Schrift­stel­ler vor­zu­le­sen. Die mit einer lei­sen, melo­diö­sen Stim­me an mich gerich­te­te Fra­ge klang in mir selt­sa­mer­wei­se nicht nur wie eine höf­lich an mich her­an getra­ge­ne Bit­te, nein, ich glaub­te dar­in auch einen heim­li­chen Hil­fe­ruf wahr­zu­neh­men, der mich hell­hö­rig mach­te.

Als ich sein Haus dann nach einem Vier­tel­jahr uner­war­tet ver­las­sen muss­te (war­um, das wer­de ich ein wenig spä­ter erzäh­len), da wuss­te ich, war­um ich sei­ne Bit­te als Hil­fe­ruf und als nichts ande­res erken­nen muss­te: Vor etwa acht Jah­ren ver­schlech­ter­te sich der Zustand sei­ner Augen rapi­de, er sah von Tag zu Tag weni­ger, die Umris­se aller ihn umge­ben­den und ihm ver­trau­ten Gegen­stän­de nahm er zwar noch etwas wahr, die klei­nen Buch­sta­ben hin­ge­gen in den Büchern sei­ner von ihm gelieb­ten Schrift­stel­ler, die konn­te er nicht mehr erken­nen, alles war ver­schwom­men, es war, so erzähl­te er mir, als hät­te sich ein grau­er, undurch­dring­li­cher, ein sich nicht mehr auf­lö­sen­der Nebel­schlei­er über alles und für immer gelegt, was ihm zuvor die Welt und vor allem die Lite­ra­tur in all ihrer Schön­heit, in ihrer Bunt­heit und in ihrer Wider­sprüch­lich­keit offen­bart hat­ten. Sehr bald schon sah er das Buch dann nur noch als dif­fu­sen Gegen­stand, doch selbst der etwas grös­se­re Text auf dem Umschlag war für ihn eines Tages nicht mehr ent­zif­fer­bar.

Das war für ihn, der die Spra­che, jedes ein­zel­ne geschrie­be­ne, mal lei­se in sich hin­ein gele­se­ne oder laut in die Welt gespro­che­ne Wort lieb­te, dem es noch immer aller­höchs­te Lust war, ein Buch (vor allem anti­qua­ri­sche, aber auch neue, nach Fri­sche duf­ten­de Aus­ga­ben) in die Hand zu neh­men, jede Sei­te dar­in befüh­len, so als wür­de er die Wan­ge sei­ner ver­stor­be­nen Frau lie­be­voll strei­cheln, auf­ge­regt dar­in zu blät­tern, den Text in sich auf­zu­sau­gen, die Bot­schaft des Autors emp­fan­gend, ja, für ihn war sei­ne Erblin­dung ein gros­ses Unglück (das gilt natür­lich für alle vor dem Blind­wer­den ste­hen­den und bereits erblin­de­ten Men­schen). Nicht mehr sehen kön­nen, die Welt um sich her­um nicht mehr wahr­neh­men, für immer auf Hil­fe ange­wie­sen zu sein, auch das ist eine Art des lang­sa­men Abschied­neh­mens vom Leben, es ist ein schmerz­haf­ter Gang in die Ein­sam­keit und in eine immer wäh­ren­de Dun­kel­heit, in der der Tod auf Beu­te war­tet. Alle ärzt­li­chen Ver­su­che von renom­mier­ten Exper­ten in der Schweiz, in Frank­reich und in Deutsch­land ver­moch­ten nichts mehr für ihn zu tun. Die Pro­gno­se lau­te­te Maku­la-Dege­ne­ra­ti­on. Was für ein Urteil: Lebens­läng­lich!

Als nahe­zu tota­le Dun­kel­heit über ihn her­ein gebro­chen war, hat­te er Pierre, sei­nen ein­zi­gen Sohn mehr­fach dar­um gebe­ten, ja fast schon ange­fleht, ihm anläss­lich sei­ner all­jähr­li­chen und regel­mäs­si­gen Besu­che doch hin und wie­der etwas aus den Wer­ken der von ihm gelieb­ten Schrift­stel­ler vor­zu­le­sen. Pierre kam dem Wunsch sei­nes Vaters nicht ein ein­zi­ges Mal nach, was mich selt­sam berühr­te und was ich mir nicht zu erklä­ren wuss­te. Ich hin­ge­gen erfüll­te ihm in aller Ahnungs­lo­sig­keit sei­ne Bit­te bereits kurz nach unse­rer ers­ten Begeg­nung, tat es mit gros­sem Ver­gnü­gen, mach­te ich dabei über­ra­schend doch (was ich zum Zeit­punkt mei­ner Zusa­ge nicht wis­sen konn­te) die auf­re­gends­ten Bekannt­schaf­ten mit eini­gen Schrift­stel­lern und Phi­lo­so­phen, deren Namen und Wer­ke mir bis dahin völ­lig unbe­kannt gewe­sen waren.

So zum Bei­spiel auch Nietz­sches Gedich­te, von deren Exis­tenz ich kei­ner­lei Ahnung hat­te. Des­sen selt­sa­me Bal­la­de „Der Wan­de­rer und sein Schat­ten“ muss­te ich dem Pro­fes­sor wäh­rend mei­nes Auf­ent­hal­tes in sei­nem Haus weit über ein Dut­zend Mal vor­le­sen. Eben­so oft bat er mich, ihm den „Oster­spa­zier­gang“ vor­zu­tra­gen, wobei er sich wäh­rend des Lese-Vor­trags manch­mal dis­kret schnäuz­te. Wahr­schein­lich tat er das, um sei­ne star­ken Emo­tio­nen vor mir zu ver­ber­gen, hat­te er mir doch zuvor ein­mal erklärt, dass die­ser „Oster­spa­zier­gang“ für ihn ein wun­der­vol­les Gleich­nis sei, so etwas wie die schöns­te Lie­bes­er­klä­rung an die Natur und an das Leben, zugleich aber auch der end­gül­ti­ge Abschied von eben die­sem Leben selbst.

Da auch ich beim Vor­le­sen jedes Mal auf‚s Neue fas­zi­niert war von der Macht und Magie der Wor­te und von der dar­in auf­blü­hen­den Poe­sie und den „Oster­spa­zier­gang“ mitt­ler­wei­le nahe­zu aus­wen­dig vor­tra­gen konn­te (was ich mit gros­sem Pathos auch tat), führ­te ich die sich bei mei­nem Pro­fes­sor auf­wüh­len­den Emp­fin­dun­gen eines Tages nicht allein auf den phi­lo­so­phi­schen und so viel­deu­ti­gen Text und auf die Schön­heit der Goe­thi­schen Spra­che zurück, nein, ich war sogar ganz fest davon über­zeugt, dass es gewiss auch mei­ne Art des Vor­tra­gens und des arti­ku­lier­ten Spre­chens war, die ihn in sei­ner gros­sen Lie­be zur deut­schen Spra­che und in der Ver­eh­rung zu Goe­the bestä­tig­ten (man möge mir die­se Über­heb­lich­keit ver­zei­hen, doch jun­ge Men­schen haben ein Recht dar­auf).

Ja, es waren wirk­lich hei­li­ge Stun­den für ihn und noch viel mehr für mich. So ging es über zwölf Wochen lang, in denen ich als Vor­le­ser täg­lich ein Ren­dez­vous mit den gröss­ten Geis­tern aus meh­re­ren Jahr­hun­der­ten hat­te, was ich wohl nicht hät­te erle­ben dür­fen, wenn ich nicht im Juni 1963 mit mei­nem Freund Pas­cal nach Lau­sanne gereist, son­dern in Ber­lin geblie­ben wäre. Ja, rät­sel­haft ist immer wie­der das, was wir da leicht­hin Schick­sal nen­nen. Bis heu­te ist Dank­bar­keit in mir gegen­über eben die­sem mei­nem Schick­sal, das mich auf selt­sa­men Wegen iin mein Leben geführt und mich so oft und so reich beschenkt hat.

So wie beim Mit­tag­essen, das stets pünkt­lich um 12.30 begann und um 14.00 Uhr been­det wur­de, so tra­fen wir uns täg­lich eben­so pünkt­lich um 17.00 Uhr in sei­ner Biblio­thek (ich schätz­te deren Bestand auf gut 20.000 Bücher). Dort las ich ihm dann bis 19.00 Uhr vor, wonach es ihn stim­mungs­mäs­sig gera­de ver­lang­te: Les­sing, Schil­ler, Goe­the, Nietz­sche, Fon­ta­ne, Ger­hart Haupt­mann, Tol­stoi, Tur­gen­jew, Pas­sa­gen aus Wag­ners Auto­bio­gra­phie, „Mein Leben“, Hein­rich Hei­ne, Ste­fan Zweig, die Gebrü­der Mann und vie­les mehr. Ger­hart Haupt­manns ergrei­fen­des Sozi­al-Dra­ma „Vor Son­nen­auf­gang“ schätz­te er ganz beson­ders, auch aus die­sem Thea­ter­stück muss­te ich ihm meh­re­re Male bestimm­te Sze­nen immer wie­der vor­le­sen. Sei­ne so über­aus gros­se Lie­be und sei­ne tie­fe Ver­eh­rung für Ger­hart Haupt­mann beruh­te wohl auch dar­auf, so liess er es mich ein­mal wis­sen, dass er dem Dich­ter einst wäh­rend einer spon­tan ange­tre­te­nen Deutsch­land­rei­se Anfang der Dreis­si­ger Jah­re per­sön­lich begeg­net war: Er hat­te den von ihm ver­göt­ter­ten Dra­ma­ti­ker ganz ein­fach unan­ge­mel­det auf Hid­den­see auf­ge­sucht.

Als er dem berühm­ten Autor plötz­lich gegen­über stand und ihm als ers­tes gesagt hat­te, dass auch er an einem 15. Novem­ber gebo­ren sei, nur eben elf Jah­re spä­ter, da lud Haupt­mann ihn mit gros­ser Herz­lich­keit zu Kaf­fee und Kuchen ein, wobei ihm über­ra­schend auch noch das Glück zuteil wur­de, des Dra­ma­ti­kers Ehe­frau Mar­ga­re­te und den ältes­ten Sohn Ivo ken­nen gelernt zu haben. Das in die­ser über­ra­schend zusam­men gekom­me­nen Run­de geführ­te Gespräch über die Bedeu­tung von Lite­ra­tur und Kunst im Leben eines jeden Men­schen konn­te der Pro­fes­sor nach all den Jah­ren noch immer bis in kleins­te Detail nahe­zu aus­wen­dig wie­der­ge­ben, was ihn mit kind­li­chem Stolz erfüll­te.

Mit nicht weni­ger Stolz zeig­te er mir dann eines Tages auch eine wert­voll gerahm­te Por­trät-Foto­gra­fie, die der Dra­ma­ti­ker ihm über­reicht hat­te und die mit einer freund­li­chen hand­schrift­li­chen Wid­mung samt Signa­tur und Datum ver­se­hen war. Die­ses Foto mit hand­schrift­li­chem Text war das ers­te Auto­graph, das ich mit gros­sen Augen und ehr­furchts­voll bestau­nen durf­te. Vie­le Jah­re spä­ter war ich dann selbst ein lei­den­schaft­li­cher Samm­ler und nach und nach auch glück­li­cher Besit­zer vor allem von musi­ka­li­schen Auto­gra­phen aller Arten. Das wert­volls­te auto­gra­phi­sche und musik­his­to­risch bedeut­sams­te Doku­ment in mei­ner einst umfang­rei­chen Samm­lung war ein Beet­ho­ven-Brief mit Unter­schrift (an sei­nen Nef­fen Karl), den ich (lei­der zu früh) in den acht­zi­ger Jah­ren bei Sothe­bys‚ in Lon­don ver­stei­gern liess (für 17.000 eng­li­sche Pfund, umge­rech­net etwa 55.000 deut­sche Mark).

Wenn ich damals ver­nünf­tig gewe­sen wäre oder gewusst hät­te, was ich heu­te weiss und über die Fähig­keit ver­fügt hät­te, in die Zukunft schau­en zu kön­nen (nicht nur in mei­ne eige­ne, son­dern auch in die Zukunft der Welt und in die noch vor mir lie­gen­de Zeit von heu­te), dann hät­te ich mir mit dem Erlös bereits damals ein statt­li­ches Anwe­sen in Ita­li­en oder in Frank­reich kau­fen kön­nen (was damals zu dem Preis noch mög­lich war) oder die­ses Beet­ho­ven-Auto­graph erst heu­te ver­stei­gern müs­sen zu einem wesent­lich höhe­ren Preis. Doch ich war unver­nünf­tig genug, wert­vol­le Auto­gra­phen bereits damals zu ver­kau­fen und alle erziel­ten Erlö­se dann spä­ter in die Grün­dung und in den Unter­halt mei­ner Ham­bur­ger AMSA-Gale­rie am Mit­tel­weg 44 (1987 bis 1998) zu ste­cken, an deren Exis­tenz und Über­le­ben ich damals noch ganz fest geglaubt hat­te.

Doch zurück ins Haus mei­nes Pro­fes­sors in Lau­sanne. Nach dem täg­li­chen Vor­le­se-Ritu­al, das der Pro­fes­sor (wie bereits ein­mal erwähnt) einen „hei­li­gen Akt“ nann­te, bega­ben wir uns dann gemein­sam zur Nacht­mahl­zeit, die jeden Tag pünkt­lich um 19.15 Uhr im „Grü­nen Salon“ ein­ge­nom­men wur­de. Die­ser „Grü­ne Salon“ war ein etwa 70 Qua­drat­me­ter gros­ses Zim­mer, des­sen Wän­de mit pracht­vol­len grü­nen Stoff­ta­pe­ten bespannt waren.

An drei Wän­den befan­den sich in Augen­hö­he sechs wun­der­vol­le Land­schafts­bil­der aus dem 19. Jahr­hun­dert mit reiz­vol­len roman­ti­schen Moti­ven, gemalt von mir unbe­kann­ten Schwei­zer Künst­lern. An der hohen, weis­sen Stuck­de­cke, direkt über der Mit­te eines Maha­go­ni-Ess­ti­sches für zwölf Per­so­nen hing ein sil­bern glän­zen­der Kris­tall­leuch­ter, der mit sei­nen zehn Glüh­bir­nen den gesam­ten Raum in ein wei­ches, leicht gelb­li­ches und geheim­nis­vol­les Licht hüll­te. Der „Grü­ne Salon“ war bis in die vier­zi­ger Jah­re das Jagd­zim­mer des vor­neh­men Hau­ses und wur­de danach zum Spei­se­raum umfunk­tio­niert und war (neben der Biblio­thek) das Herz­stück des prunk­vol­len Grün­der­zeit­hau­ses.

So wie beim Ritu­al des täg­li­chen Vor­le­sens bestand der Pro­fes­sor auch hier auf abso­lu­te pünkt­li­che Ein­nah­me des stets mehr­gän­gi­gen Abend­essens, das seit vie­len Jah­ren von einer nicht mehr ganz jun­gen, her­zens­gu­ten Ita­lie­ne­rin lie­be­voll zube­rei­tet wur­de. Sie hiess Maria-Gio­van­na, war fast eben­so hoch wie breit, ihr dich­tes, sil­ber­grau­es Haar wur­de hin­ten von einem gewal­ti­gen schwar­zen Kno­ten aus sam­te­nen Stoff zusam­men gehal­ten, was sie wie eine Respekts­per­son aus­se­hen liess. Sie hat­te ein freund­li­ches, offe­nes, meis­tens ein leicht gerö­te­tes Gesicht, aus dem zwei schwar­ze und kecke, immer strah­len­de und lachen­de Augen jeden Besu­cher über­aus auf­merk­sam von oben bis unten mus­ter­ten. Die­sem her­aus­for­dern­den Blick, so fiel mir auf, ver­moch­te nicht jeder Besu­cher im Hau­se des Pro­fes­sors län­ge­re Zeit stand zu hal­ten.

Maria-Gio­van­na war also nicht nur eine Meis­ter­kö­chin, nein, sie war auch eine Men­schen­ken­ne­rin, die viel­leicht weit­aus mehr vom Leben und von den Men­schen wuss­te und erken­nen konn­te als so man­cher der so über­aus gelehr­ten und mit viel Lebens­er­fah­rung aus­ge­stat­te­ten Freun­de des Pro­fes­sors. Ihr konn­te kei­ner etwas vor­ma­chen, sie wuss­te die mensch­li­che Spreu vom mensch­li­chen Wei­zen blitz­schnell zu tren­nen. Und sie, die ener­gisch wal­ten­de Haus­häl­te­rin und gött­li­che Köchin, sie hat­te, nach­dem sie ihre Hei­mat­stadt Vero­na ver­las­sen hat­te, ihr Leben ganz dem Pro­fes­sor geweiht, sie war der gute, alles sehen­de und alles auch spü­ren­de Geist des Hau­ses, wofür der Pro­fes­sor sich täg­lich nach jeder Mahl­zeit und an jedem Abend bei ihr von Her­zen und mit schö­nen Wor­ten bedank­te.

Ihr stan­den als Köchin Hun­der­te von ihr selbst zusam­men­ge­stell­te und auch aus ihrer ita­lie­ni­schen Hei­mat mit­ge­brach­te „gehei­me Fami­li­en­re­zep­te“ aus vie­len Genera­tio­nen zur Ver­fü­gung, aus denen sie sich die Inspi­ra­ti­on für ihre viel­fäl­ti­gen kuli­na­ri­schen Köst­lich­kei­ten hol­te, die sie dann jedes­mal mit Gran­dez­za (mit­tags und abends) ser­vier­te und dabei stets und streng von allen am Tisch sit­zen­den Per­so­nen ver­lang­te, dass alles auf­ge­ges­sen wer­den müs­se. Wäh­rend der zwölf Wochen, in denen ich an die­sem Tisch sass, hielt sich (aus­ser Pierre) ein jeder an die­se Mass­ga­be.

Das höchs­te Lebens­glück der Maria-Gio­van­na bestand also vor allem dar­in, ihren Pro­fes­sor (beson­ders nach dem Tod sei­ner Frau) und die weni­gen, immer älter wer­den­den Gäs­te hin und wie­der wäh­rend der Woche, doch häu­fi­ger erst am Wochen­en­de stets auf‚s Neue mit den aller­schöns­ten Spei­sen aus ihrer ita­lie­ni­schen Zau­ber­kü­che zu ver­wöh­nen. Da ich ihr offen­sicht­lich sym­pa­thisch war und bei den Mahl­zei­ten stets alles mit gros­sem Appe­tit ver­speis­te, also nie­mals (im Gegen­satz zu Pierre) etwas auf mei­nem Tel­ler lie­gen liess, war sie selt­sa­mer­wei­se zu der für sie schlüs­si­gen Über­zeu­gung gelangt, dass ich wohl stets Hun­ger haben müs­se und über­haupt viel zu dünn sei, um in die­ser Welt über­le­ben zu kön­nen. So hat­te sie sich in ihren ita­lie­ni­schen Kopf gesetzt, sich mei­ner per­sön­lich auf ihre Art anzu­neh­men und mich ein wenig „auf­zu­päp­peln“.

Nach etwa zwei Wochen nahm sie mich daher dis­kret bei­sei­te und frag­te mich in ihrem put­zi­gen Kau­der­welsch aus Ita­lie­nisch, Fran­zö­sisch und Deutsch, ob ich nicht irgend­wel­che Lieb­lings­spei­sen aus mei­ner deut­schen Hei­mat hät­te und ob sie mir viel­leicht hin und wie­der mal eine davon zube­rei­ten dür­fe, was sie mit gros­ser Freu­de täte, ich müs­se ihr nur die Spei­sen und die dazu pas­sen­den Zuta­ten nen­nen. Ich fühl­te mich geehrt und nann­te ihr spon­tan eini­ge jener himm­li­schen Gerich­te, für die ich damals (also wäh­rend mei­ner Kind­heit) und jeder­zeit mein jun­ges Leben geop­fert hät­te, wie zum Bei­spiel ech­ten Tafel­spitz, Kar­tof­fel­puf­fer mit Apfel­mus, „Blut­pflin­sen“ (das waren Pfann­ku­chen, in deren Teig man fri­sches Blut aus einer gera­de geschlach­te­ten Ente giesst), das war gegar­ter Och­sen­schwanz in Meer­ret­tich-Sah­ne­sos­se und Pell­kar­tof­feln oder „Spirr­gel“ (gebra­te­ner, sehr fet­ter Schwei­ne­bauch), „Königs­ber­ger Fleck“ (eine ost­preus­si­sche Spe­zia­li­tät aus der Haut eines Kuh­ma­gens) und vie­les mehr aus der Hei­mat und erd­ver­bun­de­nen Küche mei­ner ost­preus­si­schen Mut­ter und ihrer Vor­fah­ren.

Als ich Maria-Gio­van­na die soeben genann­ten und auch noch ande­re mei­ner Lieb­lings­spei­sen auf­ge­zählt und sie mich auch eini­ger­mas­sen ver­stan­den hat­te, da schau­te sie mich zunächst etwas ent­geis­tert, fast schon ent­setzt an und sag­te nur: „O Dio, ques­ta é la cuci­na dei bar­ba­ri, ma faró il mio meglio e poveró di pre­para­re ques­ti pia­t­ti per te“ (zu Deutsch: „Mein Gott, das ist ja die Küche von Bar­ba­ren, aber ich will ver­su­chen, die­se Gerich­te für dich zu kochen“). Und sie­he da: Bereits nach dem am ers­ten Abend ser­vier­ten Gericht (Och­sen­schwanz) hät­te ich tat­säch­lich glau­ben kön­nen, dass Maria-Gio­van­na in ihrem Leben nie etwas ande­res gekocht und gebra­ten habe als die ech­te, die mir so ver­trau­te und von mir heiss begehr­te ost­preus­si­sche Haus­manns­kost.

Auf die­se Wei­se mach­te der Pro­fes­sor auf sei­ne alten Tage über­ra­schend Bekannt­schaft mit eini­gen mei­ner Lieb­lings­spei­sen. Und spä­tes­tens nach einer Woche schien der Pro­fes­sor die vie­len klei­nen Ver­än­de­run­gen im her­kömm­li­chen Spei­se­plan bemerkt und sei­ne anfäng­li­chen Irri­ta­tio­nen über­wun­den zu haben und war plötz­lich voll des Lobes für Maria-Gio­van­nas „vor­züg­li­che, neue Küche“. Beson­ders, so ver­kün­de­te er ver­zückt, gefal­len ihm die Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit und der unglaub­li­che Ein­falls­reich­tum von ihr, die sie befä­hi­gen, jeden Tag ein ande­res, ihm bis­her noch unbe­kann­tes, so köst­li­ches Gericht auf den Tisch zu brin­gen. Er füh­le sich, wenn er speist, so liess er uns alle am Tisch ver­sam­mel­ten Gour­mets plötz­lich wis­sen, wie im „Him­mel der Köst­lich­kei­ten“.

Die so hoch gelob­te Koch­künst­le­rin schau­te mich dabei ver­schmitzt an, als woll­te sie mir sagen: Wie du siehst, lohnt es sich immer wie­der, klei­ne Erneue­run­gen und Ver­än­de­run­gen im täg­li­chen Leben vor­zu­neh­men, in wel­chem Bereich auch immer. Ich muss­te ihr zustim­men, war über­glück­lich, dass sie mir mei­ne Lieb­lings­spei­sen auf so köst­li­che Art und so lie­be­voll zube­rei­tet hat­te. Ich muss aber auch geste­hen, dass ich mich nach eini­gen Wochen bereits auf die nächs­ten Göt­ter-Spa­ghet­ti á la Maria-Gio­van­na freu­te. War ich des­halb undank­bar oder gar ein „Ver­rä­ter“ an der guten ost­preus­si­schen Küche mei­ner Mut­ter?

Der Pro­fes­sor und sei­ne ver­stor­be­ne Frau Eleo­nor hat­ten Maria-Gio­van­na vor 45 Jah­ren wäh­rend einer Rei­se durch Ita­li­en bei einem Abend­essen in einer Trat­to­ria in Vero­na ken­nen gelernt. Bereits dort (das Restau­rant befand sich seit vier Genera­tio­nen in Fami­li­en­be­sitz) war Maria-Gio­van­na in der Trat­to­ria jener gute Geist, der sie dann spä­ter auch im Hau­se des Pro­fes­sors wer­den soll­te. Obwohl sie in ihrer gros­sen Fami­lie auf das Schöns­te ein­ge­bet­tet und im Fami­li­en-Restau­rant (in dem nur ihr Vater das Sagen hat­te) sehr glück­lich war, träum­te sie den­noch heim­lich von einem Leben als Köchin in Deutsch­land oder in der Schweiz. Die­ser Traum stell­te sich aber erst über­deut­lich bei ihr ein (so erzähl­te mir es der Pro­fes­sor eines Tages), als ihr Ver­lob­ter zwei Tage vor der Hoch­zeit bei einem Motor­rad-Unfall ums Leben gekom­men und für sie eine Welt zusam­men gebro­chen war. Das Kapi­tel Lie­be, Hei­rat und Zukunft war für Maria-Gio­van­na, obwohl sie damals erst 22 Jah­re alt war, von einem Tag zum ande­ren erle­digt.

Die Begeg­nung zwi­schen ihr und dem Pro­fes­sor deu­te­te Maria-Gio­van­na, die sehr gläu­big war, dann spä­ter nicht als Zufall. Nein, für sie war es Schick­sal, Gott selbst (davon war sie fest über­zeugt) hat­te es so ein­ge­rich­tet und sie mit dem Pro­fes­sor und des­sen Frau noch recht­zei­tig zusam­men geführt, um ein noch grös­se­res Unglück zu ver­hin­dern.

Die­se drei schein­bar zufäl­lig zusam­men getrof­fe­nen Men­schen, sie kamen ins Gespräch, man wur­de sich nach mehr­ma­li­gem Wie­der­se­hen immer sym­pa­thi­scher und so war der für alle schick­sal­haf­te Pakt schliess­lich geschlos­sen. Auf die­se Wei­se kam Maria-Gio­van­na als fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Frau in das Haus des Pro­fes­sors. Das war vor 45 Jah­ren. Für Maria-Gio­van­na waren es 45 Jah­re vol­ler Glück und Dank­bar­keit, brach­ten der Pro­fes­sor und sei­ne Frau ihr doch von Anfang an Freund­schaft und aller­gröss­ten Respekt ent­ge­gen und bald schon gehör­te Maria-Gio­van­na ein­fach und für immer zur Fami­lie.

Beim täg­li­chen Mit­tags­mahl und beim Abend­essen wäh­rend der Woche waren sein Sohn Pierre und ich zumeist die ein­zi­gen Gäs­te am Tisch des Pro­fes­sors. Bis­wei­len kamen aber auch (vor allem an Wochen­en­den und an Fei­er­ta­gen) alte Freun­de zu Besuch, dar­un­ter ein rus­si­scher Maler und Bild­hau­er mit dem Vor­na­men Ser­ge sowie Kol­le­gen aus uralten Zei­ten. Was mich beson­ders fas­zi­nier­te und zugleich ver­wirr­te, das war bei sol­chen sel­te­nen Anläs­sen das gigan­ti­sche Spra­chen­ge­wirr aus Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch und Deutsch, bis­wei­len kamen noch Spa­nisch und Rus­sisch hin­zu.

Letz­te­res konn­te ich manch­mal sogar in Ansät­zen ver­ste­hen, wuchs ich doch in der DDR mit Rus­sisch als ein­zi­ger Fremd­spra­che auf und war die­ser Spra­che damals noch ein wenig mäch­tig. Als der Pro­fes­sor sei­nen 91.Geburtstag fei­er­te, da hat­te er zehn Freun­de zu einem Fest­essen in sein Haus ein­ge­la­den, vier Damen und sechs Her­ren, alles noch leben­de ehe­ma­li­ge Kol­le­gen aus Uni-Zei­ten, ein jeder und eine jede von ihnen tru­gen min­des­tens einen Dok­tor-oder Pro­fes­so­ren-Titel wür­de­voll mit sich her­um, eini­ge unter ihnen durf­ten sich gleich mit meh­re­ren Dok­tor­ti­teln und inter­na­tio­na­len ehren­vol­len Aus­zeich­nun­gen schmü­cken, zwei ergrau­te Her­ren sogar mit dem Orden der fran­zö­si­schen Ehrenlegion.(Chevalier de la Légi­on d‚Honneur). Mon Dieu, was für eine impo­san­te Anhäu­fung von euro­päi­scher Kul­tur, von Welt­geist und mich ver­blüf­fen­der Lebens­er­fah­rung und Intel­lek­tua­li­tät in einem ein­zi­gen Raum. Ich fühl­te mich in die­sem exqui­si­ten Dunst­kreis sehr klein, fast so klein, als wäre ich über­haupt nicht vor­han­den.

Mit dem Pro­fes­sor, mit sei­nem Sohn und mit mir waren es drei­zehn Per­so­nen, die an die­sem Tag an der fest­lich geschmück­ten Tafel zum Abend­essen Platz genom­men hat­ten. Kei­ner der gela­de­nen Gäs­te war jün­ger als 85. War es rei­ner Über­mut oder war es Bewun­de­rung für so viel Geist und Kul­tur, was mich plötz­lich ver­an­lass­te, Pierre dar­um zu bit­ten, das Alter eines jeden Gas­tes zu ermit­teln und mir dann zu nen­nen? Ich weiss es nicht. Jeden­falls flüs­ter­te mir Pierre das Alter aller Gäs­te lei­se zu. Ich addier­te dann rasch deren Lebens­da­ten und kam auf 855 Jah­re. Als ich die­ser unglaub­li­chen Zahl dann auch noch mein Alter (24), das von Pierre (42) und das des Pro­fes­sors (91) hin­zu füg­te, da kam ich auf 1012 Jah­re.

Mon Dieu, ein gan­zes Jahr­tau­send und zwölf (12) Jah­re sas­sen fried­lich und freund­lich im Raum, ver­teilt auf 13 Per­so­nen, wobei ich ganz gewiss das geis­ti­ge Schluss­licht war, da ich mich Licht­jah­re von so viel Bil­dung und Kul­tur ent­fernt wähn­te. Ich staun­te nur noch und woll­te nicht so recht glau­ben, dass ich wirk­lich dabei sein durf­te. Ich ver­stand vie­les in den Reden der in Ehren ergrau­ten klu­gen Män­ner nicht, doch eines begriff ich sehr wohl: Das Schick­sal mein­te es gut mit mir, denn einem Mann wie dem Pro­fes­sor zu begeg­nen, den ich ver­ehr­te und der mir sei­ne Freund­schaft und ein wenig auch von sei­ner Weis­heit schenk­te, ein grös­se­res Glück konn­te es für mich damals nicht geben. An die­ser Ein­schät­zung hat sich bis heu­te nichts geän­dert. Ja, der alte Pro­fes­sor aus Lau­sanne und ich, der neu­gie­ri­ge, wis­sens­durs­ti­ge jun­ge Deut­sche, stau­nend über so viel Wis­sen und mensch­li­che Güte, ver­eint in nur einer Per­son, also in einem ein­zi­gen Men­schen aus Fleisch und Blut, die­ser alte Mann und ich, wir wur­den Freun­de.

Viel­leicht wäre ich vie­le Jah­re oder gar mein gan­zes Leben bei ihm geblie­ben, denn nie zuvor und nie mehr danach traf ich einen so güti­gen, gebil­de­ten und cha­ris­ma­ti­schen Men­schen. Es scheint ein Pri­vi­leg der Jugend zu sein, schwär­men zu dür­fen, schwär­men zu kön­nen für einen gros­sen Geist, des­sen phi­lo­so­phi­sche Dimen­si­on und mensch­li­che Grös­se man bereits zu erah­nen, aber viel­leicht erst vie­le Jah­re spä­ter so recht zu begrei­fen ver­mag. So erging es auch mir. Pierre, der Sohn die­ses lie­bens­wür­di­gen und aus­ser­ge­wöhn­li­chen alten Man­nes, der mich aus einer für mich zunächst aus­weg­lo­sen Situa­ti­on geret­tet hat­te, erwies sich schliess­lich nicht als der auf­rich­ti­ge Freund und gros­se Mensch, den ich nach der Begeg­nung mit sei­nem Vater auch in ihm ver­mu­tet habe und hat­te sehen wol­len. Väter und Söh­ne, Müt­ter und Töch­ter, wie ver­schie­den sie mit­un­ter doch sein kön­nen.

Als sein Vater mir nach etwa zehn Wochen aus Dank­bar­keit für das abend­li­che Vor­le­sen eine sechs­bän­di­ge, in hell­brau­nes Leder gebun­de­ne Goe­the-Aus­ga­be aus dem Jah­re 1909 schenk­te, ver­däch­tig­te mich Pierre (welch Absur­di­tät), dass ich mich bei sei­nem Vater gewiss nur des­halb als Vor­le­ser ein­ge­schmei­chelt habe, um an eben die­se wert­vol­le Goe­the-Aus­ga­be zu gelan­gen. Kein Erleb­nis zuvor in mei­nem Leben hat­te mich so erschreckt wie die­se Beschul­di­gung aus dem Mun­de eines ver­meint­li­chen Freun­des. So streu­te der klei­ne Sohn eines gros­sen Vaters Gift in unse­re wun­der­vol­le Freund­schaft, die auf­rich­ti­ger nicht hät­te sein kön­nen, beim alten Pro­fes­sor eben­so wie bei mir.

Ich quäl­te mich tage­lang mit der Fra­ge, war­um sich Pierre mir gegen­über so bös­ar­tig ver­hielt, war­um er mich ver­däch­tig­te, mich bewusst bei sei­nem grei­sen Vater ein­ge­schmei­chelt zu haben wegen einer alten Goe­the-Aus­ga­be, von deren Vor­han­den­sein und angeb­li­chen Wert ich kei­ne Ahnung hat­te in jenem Augen­blick, in dem mich der Pro­fes­sor dar­um gebe­ten hat­te, ihm mal aus dem, mal aus einem ande­ren Werk Goe­thes vor­zu­le­sen und ich ihm die­se Bit­te nicht abschla­gen konn­te. Nein, das freund­schaft­li­che Band zwi­schen mir und Pier­res Vater, das fühl­te und das wuss­te ich, das war nicht zer­ris­sen, unse­re Freund­schaft wird im Pro­fes­sor eben­so wei­ter leben wie in mir, aber das Umfeld war ver­gif­tet, die von mir gera­de erst ent­deck­te Leich­tig­keit des Seins in den ehr­wür­di­gen Räu­men des alten, so vor­neh­men Hau­ses und des dar­in resi­die­ren­den gros­sen Geis­tes hat­ten ihre Unschuld ver­lo­ren, waren durch das abstru­se, fast schon krank­haf­te Den­ken und Ver­hal­ten von Pierre ent­weiht.

So kün­dig­te sich uner­war­tet die Stun­de mei­nes Abschieds an. Das Schick­sal kann oft­mals sehr, sogar sehr lau­nisch sein, man wird des­sen Gesetz­mäs­sig­kei­ten nie­mals so recht ergrün­den kön­nen, die­se ent­zie­hen sich der mensch­li­chen Logik und aller damit ver­bun­de­nen rea­len Erwar­tungs­hal­tun­gen. Und kei­ne zuvor selbst gemach­ten Erfah­run­gen und dar­aus sich erge­ben­den Erkennt­nis­se kön­nen das ver­hin­dern, ist und bleibt der Mensch (was ich bereits zu jener Zeit erfah­ren muss­te) doch stets das schwächs­te und somit auch das gefähr­lichs­te und (lei­der) auch das häss­lichs­te Teil­chen in der, von wem auch immer so wun­der­schön zusam­men gefüg­ten Schöp­fungs­ge­schich­te.

Und das Motiv von Pierre? Es war Eifer­sucht. Eifer­sucht hat bekann­ter­wei­se vie­le, bis­wei­len recht extre­me, absur­de und krank­haf­te Facet­ten. Pierre war auf all das eifer­süch­tig, was mich emo­tio­nal und intel­lek­tu­ell mit sei­nem Vater ver­band, er benei­de­te mich um mei­ne Fröh­lich­keit und um mei­ne Lebens­freu­de, die sich (was Pierre nicht ent­ging) von Tag zu Tag mehr auch auf sei­nen Vater über­trug, er gönn­te mir nicht die Freund­schaft, die sein grei­ser Vater mir geschenkt hat­te und die ich erwi­der­te. Pierre hat­te jedoch nie­mals bemerkt, wie sehr sich sein Vater nach der Lie­be und nach der Freund­schaft zu sei­nem ein­zi­gen Sohn gesehnt hat­te. Gro­tes­ker­wei­se betraf Pier­res Eifer­sucht auch mein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis zu Maria-Gio­van­na, die mich auf ewig in ihr über­gros­ses ita­lie­ni­sches Herz geschlos­sen hat­te und sich auch nicht scheu­te, das alle Welt wis­sen zu las­sen.

Und es kam noch etwas hin­zu: Natür­lich war es mir nicht ver­bor­gen geblie­ben, dass Pierre homo­se­xu­ell war und offen­sicht­lich an mir Gefal­len gefun­den hat­te, war ich zu jener Zeit doch ein recht hüb­sches Kerl­chen, dem sich die Mäd­chen (so jeden­falls stell­te es sich mir damals dar) ohne gros­se Gegen­wehr nur all­zu gern erga­ben. Mehr­fach hat­te Pierre, so ganz neben­bei und wie zufäl­lig mich kör­per­lich berührt, so auch ein­mal bei der Betrach­tung eines Bil­des im holz­ge­tä­fel­ten Foy­er sei­nes Vater­hau­ses, wo er plötz­lich sei­ne Arme um mei­nen Hals gelegt hat­te, um mir mit sei­ner lei­sen, etwas nasa­len Stim­me die Geschich­te die­ses schö­nen Land­schafts­bil­des aus dem 17. Jahr­hun­dert zu erzäh­len, was ich zunächst, in aller Unschuld und Unbe­küm­mert­heit der Jugend als freund­schaft­li­che Ges­te emp­fand, der ich mich nicht zu ent­zie­hen ver­an­lasst sah.

Pierre aber hat­te mein Still­hal­ten offen­sicht­lich miss­deu­tet, hat­te sich wohl etwas ande­res erhofft, viel­leicht weil er der Mei­nung war, dass ich ihm gros­sen Dank schul­dig sei, hat­te er mich doch schliess­lich vor einem unge­wis­sen Schick­sal, vor Schmach und Schan­de bewahrt. Mein Dank ihm gegen­über, das kann ich beschwö­ren, war in der Tat sehr gross, doch mei­ne Lie­be zu schö­nen Mäd­chen und zu rei­fen Frau­en, so liess ich es Pierre unmiss­ver­ständ­lich wis­sen, sei weit­aus grös­ser als der Dank, den ich ihm schul­de­te.

Das nahm er mir offen­sicht­lich übel, was ich zunächst nicht bemerk­te. Er ver­streu­te dann täg­lich sein unsicht­ba­res Gift raf­fi­niert immer wie­der mit klei­nen süf­fi­san­ten Zwi­schen­be­mer­kun­gen, mal hin­ter mei­nem Rücken, mal direkt vor mir und vor zufäl­lig anwe­sen­den Gäs­ten mit vagen, nebu­lö­sen Andeu­tun­gen und der­glei­chen mehr. Erst eini­ge Tage spä­ter wur­de mir alles klar, die Zei­chen an der Wand des Abschieds waren über­deut­lich gewor­den, ein Ver­blei­ben für immer nun­mehr aus­ge­schlos­sen.

So ster­ben Träu­me, die doch so schön begon­nen hat­ten. So stand für mich fest, dass es wie­der mal soweit war, wei­ter zie­hen zu müs­sen. Für das von Men­schen in ent­spre­chen­den Kon­stel­la­tio­nen immer wie­der so teuf­lisch gemisch­te und so raf­fi­niert in die See­le und in das Bewusst­sein geträu­fel­te Gift der Eifer­sucht gab es und wird es in der Geschich­te der Mensch­heit nie­mals ein Gegen­gift geben, zählt doch gera­de die Eifer­sucht zu den mar­kan­tes­ten Bestand­tei­len aller mensch­li­chen Gefüh­le, die sich stets zwi­schen Lie­be und Hass, zwi­schen Gut und Böse, zwi­schen Hell und Dun­kel, zwi­schen Wahr­heit und Lüge bewe­gen. So also nah­men wir, mein alter Freund und ich schliess­lich trau­rig Abschied von­ein­an­der.

Wir wuss­ten bei­de, obwohl wir das Gegen­teil erhoff­ten und auch aus­spra­chen, dass wir uns nie wie­der sehen wer­den. Sei­ne Stim­me beb­te, als er mir sag­te, dass ich ihm mit mei­nem Vor­le­sen sei­ner lite­ra­ri­schen Lieb­lin­ge ein sehr gros­ses Geschenk gemacht habe und beson­de­re Geschen­ke emp­fan­ge man eben nur ein­mal im Leben. Er sprach es nicht aus, aber es blieb mir nicht ver­bor­gen, wie sehr er in die­sem Augen­blick sei­nen Sohn ver­ach­te­te, zumin­dest zutiefst von ihm ent­täuscht war, er hat­te gespürt, dass ein böser Geist Ein­zug in sein schö­nes Haus gehal­ten hat­te. Es schmerz­te ihn sehr, als er erken­nen muss­te, dass die­ser „böse Geist“ aus der ver­bit­ter­ten See­le sei­nes Soh­nes kam, nach des­sen Lie­be sich sein Vater­herz so sehr gesehnt hat­te.

Auch der Abschied von Maria-Gio­van­na fiel mir sehr schwer, auch sie hat­te längst einen Ehren­platz in mei­nem Her­zen ein­ge­nom­men. So ging ich plötz­lich fort. Ohne Goe­the-Aus­ga­be, aber um vie­les mehr berei­chert, nahm ich doch ein weit­aus wert­vol­le­res Geschenk mit, näm­lich die nie­mals ver­blas­sen­de Erin­ne­rung an eine schick­sal­haf­te Begeg­nung mit einem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Men­schen und das unver­hoff­te Erleb­nis einer wun­der­ba­ren Freund­schaft, getra­gen und beglei­tet von der Güte und dem Ver­trau­en eines von mir ver­ehr­ten alten Man­nes, des­sen Weis­heit mich auf mei­nem wei­te­ren Lebens­weg stets als treu­er Weg­ge­fähr­te beglei­te­te.

So man­ches lie­be­voll und schein­bar nur so neben­bei zu mir gespro­che­ne Wort und so manch unver­gleich­lich schö­ner, aber eben­so kri­ti­scher Gedan­ke von ihm (zum Bei­spiel im Leben alles mutig zu hin­ter­fra­gen und nicht fei­ge zu schwei­gen), vie­les davon erwies sich dann spä­ter gleich eini­ge Male als der ein­zig pas­sen­de Schlüs­sel, mit dem ich die Türen zu neu­en Gedan­ken, zu tie­fe­ren Ein­sich­ten und auch zu mich erschre­cken­den Erkennt­nis­sen zu öff­nen ver­moch­te, dabei auf Wege stiess, auf denen ich gehen muss­te, mei­nem Schick­sal fol­gend, zumeist nicht wis­send, war­um es genau so und auf kei­nen Fall anders sein durf­te. Ich habe den Pro­fes­sor nicht wie­der gese­hen.

Als ich nach zwei Mona­ten sei­ne Num­mer anwähl­te, da war Maria-Gio­van­na am Tele­fon und teil­te mir wei­nend mit, dass der Pro­fes­sor sechs Wochen nach mei­nem Weg­gang aus Lau­sanne gestor­ben sei, er habe oft mit ihr über mich gespro­chen und dabei stets gelä­chelt. Zu wis­sen, dass er lächel­te, wenn er an mich dach­te und über mich sprach, ja, die­ses Wis­sen half mir über mei­ne gros­se Trau­er hin­weg. Adieu, du wun­der­vol­ler alter Mann, du wirst dei­nen fes­ten Platz im Tre­sor mei­ner Erin­ne­run­gen für immer behal­ten.

Schick­sal hin, Schick­sal her: Als ich das gast­li­che und bis­her licht­vol­le, über Nacht in see­li­sche und geis­ti­ge Düs­ter­nis gehüll­te Haus mei­nes alten Freun­des in Lau­sanne so plötz­lich ver­las­sen hat­te, noch immer mit­tel­los und ohne Pass (ich hat­te auf der deut­schen Bot­schaft in Genf natür­lich einen neu­en Rei­se­pass bean­tragt, doch der liess auf sich war­ten), da beweg­te mich aus nahe lie­gen­den Grün­den zunächst nur eine ein­zi­ge Fra­ge: Was nun, Axel Micha­el Sal­low­sky? Wie soll es, wie wird es die­ses Mal wei­ter gehen, was hat das Schick­sal mit mir vor, will es mich erneut auf die Pro­be stel­len, wer­de ich die­se Pro­be bestehen, will es, dass ich mich nicht allein auf mei­ne phy­si­schen Kräf­te und auf den Bonus der Jugend ver­las­se, son­dern all mei­ne geis­ti­gen und men­ta­len Kräf­te zur Bewäl­ti­gung und der Neu­ge­stal­tung mei­ner Zukunft in mir abru­fe? Wie auch immer.

Ich muss­te rasch eine Ant­wort auf die­se so über­aus wich­ti­gen Fra­gen und eine sofor­ti­ge Lösung fin­den. Natür­lich muss­te ich mir in die­ser Situa­ti­on auch die Fra­ge stel­len, ob es nicht ver­nünf­tig und über­haupt das Aller­bes­te wäre, nun end­gül­tig nach Ber­lin zurück zu keh­ren und in mein dor­ti­ges Leben wie­der ein­zu­tau­chen. Doch der neue Rei­se­pass, der liess noch auf sich war­ten, wie aber soll ich ohne Pass offi­zi­ell denn rei­sen, wenn doch ein Mensch ohne Pass gar kein „rich­ti­ger Mensch“ ist, so wie es der bedau­erns­wer­te „Haupt­mann von Köpe­nick“ einst so schmerz­voll erfah­ren hat?

Gleich­zei­tig aber ent­deck­te ich zu mei­ner Über­ra­schung, dass mich mei­ne augen­blick­li­che Situa­ti­on und die damit ver­bun­de­nen Pro­ble­me zwar plag­ten, mich jedoch in kei­ner Wei­se zu ent­mu­ti­gen ver­moch­ten, im Gegen­teil, hat­te sich in mir doch mitt­ler­wei­le die Über­zeu­gung fest gesetzt, dass es für alles im Leben und für jedes Pro­blem stets auch eine Lösung gibt, man muss nur dar­an glau­ben und natür­lich etwas tun. Erst vie­le Jah­re spä­ter wur­de mir klar, dass es der wei­te Geist des Pro­fes­sors gewe­sen sein muss­te, der mir damals heim­lich und unsicht­bar als freund­schaft­li­cher „Ein­flüs­te­rer“ zur Sei­te gestan­den hat. His­to­ri­sche Tat­sa­che ist, dass ich noch am sel­ben Tag Unter­schlupf gefun­den habe bei Ser­ge, jenem rus­si­schen Bild­hau­er, den ich (wie bereits erwähnt) bei einem der Abend­essen im Hau­se mei­nes alten Pro­fes­sors ken­nen gelernt hat­te.

Ja, wenn das so oft zitier­te Wört­chen „wenn“ nicht wäre: Ser­ge, ein Gran­de mit edlen Manie­ren und mar­kan­tem Gesicht, das stets zu lächeln schien, freund­lich und hin­ter­grün­dig zugleich, gross gewach­sen, ein schö­ner Mann mit weis­sen Haa­ren und mit sil­ber­grau­en Schlä­fen zu bei­den Sei­ten eines gött­li­chen Kop­fes, aus des­sen Innen­räu­men es nur so spru­del­te von Geist und Witz, von auf­re­gen­den revo­lu­tio­nä­ren Gedan­ken und künst­le­ri­schen Visio­nen, er trat über­ra­schend nun in der Rol­le eines Deus ex machi­ma aktiv an mei­ne Sei­te und öff­ne­te mir eine wich­ti­ge Zwi­schen­tür zu mei­nem noch vor mir lie­gen­den Leben an der Schwel­le zu einer völ­lig unge­wis­sen Zukunft.

Ser­ge, 88 Jah­re alt und an Leib, See­le und Geist kern­ge­sund, künst­le­risch noch immer tätig, war seit über 50 Jah­ren mit mei­nem Pro­fes­sor befreun­det, er ent­stamm­te einem alten rus­si­schen Adels­ge­schlecht, das zum gröss­ten Teil wäh­rend der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on ums Leben kam, wäh­rend sei­nen Eltern (zusam­men mit ihm und zwei klei­nen Schwes­tern) 1918 eine aben­teu­er­li­che Flucht nach Paris gelang, von dort sie­del­te die Fami­lie in den zwan­zi­ger Jah­ren nach Lau­sanne über. Ser­ge hiess mich in sei­nem Haus will­kom­men (war ich doch ein Freund sei­nes bes­ten Freun­des), er hör­te sich in sei­nem gros­sen Freun­des­kreis für mich um.

Da such­te gera­de ein pro­tes­tan­ti­scher Bischof einen Sekre­tär, befris­tet aller­dings nur für ein hal­bes Jahr. Ich such­te den hohen Wür­den­trä­ger auf, war ihm wohl sym­pa­thisch, wir wur­den uns nach einem halb­stün­di­gen, sehr inten­siv geführ­ten Gespräch schliess­lich einig. Eine Woche spä­ter soll­te ich mei­ne Arbeit bei ihm auf­neh­men, die dar­in bestehen wür­de, ein paar Tau­send Bücher in sei­ner recht umfang­rei­che Biblio­thek zu archi­vie­ren. Doch einen Tag vor Antritt mei­nes Enga­ge­ments als „Archi­var“ bestieg der Bischof eine Lei­ter, um sich ein Buch zu holen, in dem er an einer beson­de­ren Stel­le etwas nach­le­sen woll­te. Das hät­te er nicht tun sol­len, denn er fiel von der alten höl­zer­nen Lei­ter direkt in die weit geöff­ne­ten Arme des ihn stets unsicht­bar beglei­ten­den Todes. Sei­ne Haus­häl­te­rin fand ihn am nächs­ten Mor­gen. Mei­ne Arbeit als Archi­var ende­te also noch bevor ich damit begin­nen konn­te.

Ser­ge such­te wei­ter für mich. Und sie­he da: Plötz­lich hat­te ich, Mon Dieu, eine Arbeit, einen Job als „Dach­de­cker“ bei einer Lau­san­ner Bau­fir­ma. Es war zwar nicht gera­de das, was ich mir vor­ge­stellt hat­te, doch ich sag­te mir: lie­ber auf einem heis­sen Dach sich abra­ckern als viel­leicht unter einer kal­ten Brü­cke hun­gern und näch­ti­gen zu müs­sen. Aber die­ses Gast­spiel dau­er­te nur eine Woche und brach­te mir zu mei­nem Leid­we­sen kei­nen ein­zi­gen Fran­ken ein, da mir auf dem hohen Dach eines schö­nen, gelb gestri­che­nen Hau­ses im aller­feins­ten Lau­san­ner Vil­len­vier­tel ein „klei­nes Miss­ge­schick“ pas­sier­te, wor­auf ich (es gab kei­ne Alter­na­ti­ve) unbe­dingt die Flucht ergrei­fen muss­te.

War­um?

Ich hat­te nach sechs Tagen viel­leicht gera­de mal von ins­ge­samt 300 Qua­drat­me­tern Dach­flä­che dreis­sig mit kochen­dem Teer bestri­chen, da stol­per­te ich über einen Ham­mer, den ich über­se­hen hat­te und fiel gegen den gera­de erst wie­der von einem ande­ren Hilfs­dach­de­cker auf­ge­füll­ten Eimer mit kochen­dem Teer, der kipp­te um, der Teer lief aus und bahn­te sich unauf­halt­sam auf dem leicht abge­schräg­ten Dach sei­nen Weg in Rich­tung Dach­rin­ne, über­wand die­se mühe­los und floss dann im Sekun­den­takt an der Haus­wand zur Stras­sen­sei­te hin­un­ter. Ich stand wie erstarrt, wäre am liebs­ten vor Pein im Erd­bo­den ver­sun­ken, doch das war aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den auf einem Dach natür­lich nicht mög­lich. Ich dach­te fie­ber­haft nach, über­leg­te, was ich machen kann, was ich unbe­dingt machen muss, um die sich ankün­di­gen­de Kata­stro­phe auf­zu­hal­ten, doch es fiel mir nichts ein, die Flut des zur Erde stre­ben­den Teers war nicht mehr auf­zu­hal­ten, alle mei­ne dies­be­züg­li­chen Ver­su­che, die­sen Vor­gang stop­pen zu wol­len waren ver­ge­bens.

Der Teer war stär­ker als ich. So blieb mir nichts ande­res übrig, als mei­ne Wir­kungs­stät­te sofort zu ver­las­sen, um die zu erwar­ten­de und gewiss sehr hef­tig aus­fal­len­de Kon­fron­ta­ti­on mit mei­nem Arbeit­ge­ber zu ver­mei­den. Die erhoff­te „Gage“, also der Lohn für ein­wö­chi­ge, har­te kör­per­li­che Arbeit, so drin­gend benö­tigt, fand sei­nen Weg nicht in die alte leder­ne Brief­ta­sche, die mir mein Gross­va­ter einst geschenkt hat­te. C´est la vie.

Kurz dar­auf befand ich mich, ich hat­te den Weg vom Dach auf die Stras­se wie ein Schlaf­wand­ler über­wun­den, inmit­ten unter jenen bereits vor dem Haus ste­hen geblie­be­nen Pas­san­ten, die erstaunt, viel­leicht auch amü­siert und fas­sungs­los beob­ach­te­ten, wie sich die dicke Teer­spur auf der gel­ben Haus­wand immer mehr ver­zweig­te und in Sechser­bah­nen Rich­tung Erd­bo­den Fahrt auf­nahm. Das aus dem Bauch des Zufalls gekro­che­ne Kunst­werk nahm lang­sam die Form eines auf dem Kopf ste­hen­den, rie­sen­gros­sen Bau­mes an, des­sen Geäst in weni­gen Minu­ten über­di­men­sio­na­le Aus­mas­se ange­nom­men hat­te.

Es war ein­fach gött­lich, es war abs­trak­te Male­rei, eine gigan­ti­sche Schwarz-Gelb-Gra­fik in Voll­endung, deko­ra­tiv, avant­gar­dis­tisch, wild und viel­deu­tig, Beuys, so ging es mir durch den Kopf, hät­te an die­ser Schöp­fung gewiss sei­ne Freu­de gehabt. Natür­lich kam mir kurz der fre­vel­haf­te Gedan­ke, die­ses ori­gi­nel­le Kunst­werk, das ich der Welt unfrei­wil­lig geschenkt hat­te, zu signie­ren. Das schien mir dann aber doch zu keck zu sein und so nahm ich, nach­dem mein „Gemäl­de“ immer mehr Stras­sen­pu­bli­kum gefun­den und hör­ba­res Ent­zü­cken aus­ge­löst hat­te, ja, da nahm ich dann doch Abstand von die­ser Signier-Akti­on und über­leg­te statt­des­sen fie­ber­haft, was ich jetzt machen kann und wie es nun mal wie­der wei­ter gehen soll. Ich ging also erst ein­mal zu Ser­ge und berich­te­te ihm in aller Aus­führ­lich­keit von mei­nem Miss­ge­schick. Ser­ge hör­te mir auf­merk­sam zu, kein Wort des Tadelns kam aus sei­nem adli­gen Mund, er trös­te­te mich und ver­sprach mir, sich aber­mals umzu­hö­ren.

Am Abend die­ses ereig­nis­rei­chen Tages fiel mir (immer wie­der grüsst und küsst mich das Wört­chen WENN im Namen eines mir offen­sicht­lich zuge­neig­ten Schick­sals) die klei­ne Sze­ne ein, die ich bereits am zwei­ten Tag mei­nes Dach­de­cker-Enga­ge­ments auf dem Dach eben die­ses vor­neh­men Hau­ses erlebt hat­te. Ich war gera­de damit beschäf­tigt, die Mit­tags­son­ne stand hoch und heiss am hell­blau­en, abso­lut wol­ken­frei­en Him­mel, die Regen­rin­nen zu säu­bern, muss­te mich aus die­sem Grun­de flach auf das Dach legen, um auf dem Bauch lie­gend an die zu säu­bern­den Stel­len der Dach­rin­ne zu gelan­gen, ohne mich in Absturz-Gefahr zu brin­gen. Wäh­rend die­ser nicht ganz unge­fähr­li­chen Akti­on summ­te und sang ich so gedan­ken­los vor mich hin (ich glau­be, es war Gra­na­da) und das hat­te dann für mich über­ra­schen­de, höchst erfreu­li­che Fol­gen, was ich zu dem Zeit­punkt aller­dings noch nicht ahnen, geschwei­ge denn wis­sen konn­te.

Ja, wie schön ist es doch, nicht immer bereits alles sofort ver­ste­hen zu kön­nen und im Vor­aus wis­sen zu müs­sen, was da mit einem bereits im nächs­ten Augen­blick und dar­über hin­aus gesche­hen wird und wohin die Rei­se in das Unbe­kann­te gehen könn­te. Plötz­lich erschien auf dem zum obers­ten Stock­werk gehö­ren­den ter­ras­sen­för­mi­gen Bal­kon, auf dem sich drei Dut­zend rote und rosa­far­be­ne Rosen und eine fast zwei Meter hohe Pal­me gen Him­mel reck­ten, eine etwa 40jährige Frau, eine auf­re­gend schö­ne Brü­net­te, die zu mir rauf schau­te, mich dabei freund­lich anlä­chel­te und laut (auf Fran­zö­sisch) frag­te: „Wer singt denn da so schön?“ Obwohl der fran­zö­si­schen Spra­che nicht mäch­tig, die­sen Satz, den hat­te ich sehr wohl ver­stan­den.

Ich ant­wor­te­te auf Deutsch, beug­te mich dabei etwas wei­ter über die Dach­rin­ne hin­aus, sag­te ihr, dass ich es bin, der da Töne von sich gibt, doch von Gesang kön­ne kei­ne Rede sein. Die schö­ne Dame, deren wohl geform­ter, zart braun gefärb­ter Kör­per nur mit einem schwar­zen Mini-Biki­ni bedeckt war, sag­te dann in flies­sen­dem Deutsch mit einem ent­zü­cken­den Akzent zu mir: „Ach, Sie sind Deut­scher, mei­ne Gross­mutter war auch Deut­sche, sie kam aus Han­no­ver, ken­nen Sie Han­no­ver?“ Ich erklär­te der Dame, dass ich aus Ham­burg käme, das liegt ganz nah bei Han­no­ver.

Mei­ne Ant­wort schien ihr zu gefal­len, gab es doch über den Umweg namens Gross­mutter und über die Nach­bar­schaft zwi­schen Ham­burg und Han­no­ver über­ra­schend eine klei­ne geo­gra­phi­sche und eine fei­ne mensch­li­che Ver­bin­dung zwi­schen ihr und mir. Nach­dem sie mir eine Wei­le auf­merk­sam bei mei­ner Arbeit zuge­schaut hat­te, sprach sie wei­ter (sie hat­te eine sehr melo­di­sche, wei­che, etwas dunk­le Stim­me, die mich an die ero­ti­sie­ren­de Stim­me von Zarah Lean­der erin­ner­te),: “Was machen Sie denn da auf dem Dach, das ist doch eine viel zu schwe­re Arbeit für Sie, das kön­nen Sie doch in die­ser Hit­ze gar nicht lan­ge durch­hal­ten“.

Die schö­ne Bru­net­te hat­te selbst­ver­ständ­lich Recht mit ihrer Ein­schät­zung, denn ich fühl­te mich in der Tat nicht gera­de sehr wohl in der mir von Ser­ge ver­mit­tel­ten und vom Schick­sal kurz­fris­tig zuge­dach­ten Rol­le als unge­lern­ter Dach­de­cker. Ich erzähl­te der so über­aus freund­li­chen Dame kurz, was mir wider­fah­ren sei (sie sag­te mehr­fach „Mon Dieu, mon Dieu“), dass ich, Kunst­stu­dent aus Ber­lin, hier nur arbei­te, weil ich drin­gend Geld zum Über­le­ben brau­che, da mir am Ufer des Gen­fer Sees ein ruch­lo­ser Dieb mei­nen Pass und mei­ne Bar­schaft geraubt hat­te. Sie hör­te vol­ler Anteil­nah­me zu und sag­te dann: „Das ist ja furcht­bar und wenn ich Sie so recht betrach­te, so muss ich sagen, dass Sie nun wirk­lich nicht für eine sol­che har­te und pri­mi­ti­ve Arbeit von Gott erschaf­fen wor­den sind, hät­ten Sie nicht Lust, für mich zu arbei­ten, ich habe einen gros­sen Fri­seur­sa­lon, einen Damen-Salon“.

Ich war erstaunt über ihre wohl gesetz­ten Wor­te („von Gott erschaf­fen“), so etwas hat­te ich bis­her noch nie aus einem Frau­en­mund und auch aus kei­nem ande­ren Men­schen­mund jemals ver­nom­men. Ich bedank­te mich artig für die­ses freund­li­che, wenn auch unge­wöhn­li­che Ange­bot und sag­te ihr, dass ich dar­über nach­den­ken wol­le. Sie nann­te mir ihren Namen (sie hiess Yvonne), ver­trau­te mir auch ihre Tele­fon­num­mer an und ver­ab­schie­de­te sich mit einer Kuss­hand. Auch das erleb­te ich zum ers­ten Male in mei­nem Leben, denn bis dahin hat­te mir noch nie eine erwach­se­ne und so schö­ne Frau eine Kuss­hand zuge­wor­fen. Bevor sie mei­nem Blick­feld ent­schwand, warf sie mir aber­mals einen ver­füh­re­ri­schen Blick zu, der mich, den 24jährigen jun­gen Mann sehr erreg­te und errö­ten liess, was ihr offen­sicht­lich nicht ent­gan­gen war und ihr zu gefal­len schien. Ich beschloss, dass es auch mir gefal­len hat.

Nach zwei Tagen hat­te ich es mir über­legt (was hät­te ich auch ande­res tun kön­nen?) und rief sie an. Ich ver­nahm im Hörer zunächst erst ein­mal ein auf­ge­reg­tes, lau­tes Atmen, des­sen wär­men­den Hauch ich durch den Hörer zu spü­ren ver­mein­te. Als sie dann auch noch sprach, da klang ihre Stim­me wie Him­mels­mu­sik in mei­nen Ohren. Sie sag­te nur fünf Wor­te: „Ich freue mich auf Sie“. Es waren die schöns­ten fünf Wor­te in mei­nem bis­he­ri­gen Leben. Bereits einen Tag spä­ter (ich wohn­te noch immer bei Ser­ge, dem rus­si­schen Bild­hau­er) stand ich am frü­hen Abend aber­mals vor die­sem herr­schaft­li­chen Haus, das mit­ten in einem präch­ti­gen Gar­ten stand, der nur aus rosa­ro­ten Rosen zu bestehen schien, was ich beim dama­li­gen Durch­lau­fen des Gar­tens und bei Antritt mei­nes Gast­spiels als Dach­de­cker nicht bemerkt hat­te. Zu mei­ner gros­sen Über­ra­schung schmück­te mein „Kunst­werk“ noch immer die Haus­wand zur Stras­sen­sei­te, grad so, als gehö­re es dazu, qua­si als „Kunst am Bau“. Und ich war der begna­de­te Künst­ler, der die­ses gewal­ti­ge Werk der Welt geschenkt hat­te.

Nach­dem ich eine schwe­re, kunst­voll geschmie­de­te Gar­ten­pfor­te geöff­net, die­se durch­schrit­ten und mich recht auf­ge­regt dem herr­schaft­li­chen Haus­ein­gang genä­hert hat­te, da staun­te ich noch mehr, denn wohin ich jetzt auch schau­te, über­all Rosen, nichts als Rosen, eine gan­ze Welt aus Rosen, Rosen in den schöns­ten Farb­ab­stu­fun­gen, deren Leucht­kraft mich blen­de­te und deren süs­se Düf­te mei­ne Nase erfreu­ten und mei­ne Sin­ne zu betäu­ben began­nen. Und alles wur­de dann auch noch über­stahlt von einer glut­ro­ten Abend­son­ne am west­li­chen Him­mel, die den Rosen­gar­ten, das gel­be Haus und alles um mich her­um minu­ten­lang in eine über­ir­di­sche Zau­ber­welt ver­wan­del­te.

Mon Dieu, wie schön kann das Leben doch immer wie­der sein. Ich hat­te nur eine ein­zi­ge, lang­stie­li­ge dun­kel­ro­te, unter­wegs in einem klei­nen Blu­men­la­den erwor­be­ne Rose in der Hand, was mir beim Anblick der vie­len exo­ti­schen Rosen in die­sem Para­dies­gar­ten höchst pein­lich war und so fiel es mir natür­lich auch nicht leicht, mich selbst­be­wusst in der Rol­le eines feschen Rosen­ka­va­liers zu sehen, der mit einer ein­zi­gen, bereits etwas zer­knit­ter­ten Rose das Herz einer schö­nen Frau zu erobern gedenkt. Aber hat­te ich das an die­sem Abend über­haupt gewollt? Mit einem Fahr­stuhl erreich­te ich das obers­te (drit­te) Stock­werk des Hau­ses, die Dame erwar­te­te mich lächelnd, läs­sig, ver­füh­re­risch im Tür­ein­gang ste­hend, ich über­reich­te ihr etwas ver­le­gen die Rose.

Sie bedank­te sich artig, nahm die mitt­ler­wei­le bereits erschlaff­te Rose so vol­ler Freu­de ent­ge­gen, dass ich glau­ben muss­te, ich hät­te ihr soeben einen über­di­men­sio­na­len Strauss aus hun­dert roten Rosen über­reicht, dazu einen wert­vol­len gol­de­nen Ring oder gar einen noch wert­vol­le­ren Dia­man­ten. Sie hiess mich mit wohl gesetz­ten Wor­ten und mit von Sekun­de zu Sekun­de zärt­li­cher wer­den­der Stim­me herz­lich will­kom­men, führ­te mei­ne so lang­sam ster­ben­de Rose an ihre roten, leicht geöff­ne­ten Lip­pen, küss­te die­se und plötz­lich auch mich lei­den­schaft­lich auf den Mund, was mir, ich muss es geste­hen, sehr gefiel und ich die Göt­ter daher anfleh­te, die­sen Kuss nie mehr enden zu las­sen. Sie bat mich dann, eben­so atem­los wie ich mit immer noch zärt­li­cher wer­den­den Wor­ten in die Woh­nung, die mir (was ich natür­lich noch nicht wis­sen konn­te) zur sechs­mo­na­ti­gen Hei­mat wer­den soll­te, ja, ich folg­te ihr nur gar zu gern, schritt wie in Tran­ce daher, sie nahm mei­ne zit­tern­de Hand und führ­te mich in ihr Hei­lig­tum, gelei­te­te mich wie eine Köni­gin in wun­der­sa­me Räu­me, nach deren Betre­ten ich glau­ben muss­te, dass ich mich jetzt und für alle Zeit in einem Mär­chen aus „Tau­send und einer Nacht“ befin­de.

Nie zuvor hat­te ich eine sol­che Woh­nung betre­ten und auch in mei­nem spä­te­ren Leben habe ich dann nie wie­der etwas Ver­gleich­ba­res ange­trof­fen. Es gibt wohl Momen­te im Leben eines jeden Men­schen, das glaub­te ich an die­sem Abend ver­stan­den zu haben, die ihre beson­de­re Schön­heit, ihre tie­fe­re Bedeu­tung und Magie allein aus ihrer Ein­ma­lig­keit, also aus der abso­lu­ten Nicht­wie­der­hol­bar­keit eines freud­vol­len Augen­blicks bezie­hen.

So wie ein gewal­ti­ges Meer von Rosen im Gar­ten in berau­schen­den rot-lila-rosa Farb­tö­nen schim­mer­te, so war auch hier in der Woh­nung alles rosa, die zier­li­chen Ses­sel mit rosa Samt über­zo­gen, ein pracht­vol­les Empi­re-Sofa mit einem Dut­zend rosa­far­be­nen, klei­nen und gros­sen Sei­den­kis­sen mit Abbil­dun­gen von sich paa­ren­den schö­nen Mäg­den und edlen Jüng­lin­gen dar­auf, auch die lan­gen, bis zum Boden rei­chen­den Vor­hän­ge aus schwe­rem Velours schim­mer­ten in einem mat­ten Braun-Rosa, die trans­pa­ren­ten Lam­pen­schir­me, die Wän­de, der flau­schi­ge Tep­pich unter mei­nen Füs­sen, ein­fach alles, was mein Auge stau­nend erspäh­te, alles war in ein leuch­ten­des Rosa getunkt.

Aus einem leich­ten, dezen­ten Rosa schien mir auch die Far­be ihres fein geschnit­te­nen Gesichts zu sein, rosa, so glaub­te ich zudem wahr­zu­neh­men, leuch­te­ten sogar ihre strah­len­den Augen und ihre sam­te­ne Haut, rosa war eben­falls ihr auf­re­gen­des Kleid mit einem noch auf­re­gen­de­ren, mei­ne Bli­cke wie magisch auf sich zie­hen­den Dekol­le­té, das zwei rosa­far­be­ne, run­de und fes­te Brüs­te demons­tra­tiv mehr offen zeig­te als ver­deck­te, rosa war auch ihr gewal­ti­ger Rücken­aus­schnitt und rosa schien dann auch noch der dar­un­ter befind­li­che wohl pro­por­tio­nier­te Kör­per die­ser Göt­ter-Frau zu sein, die sich mir dann nach dem lust­vol­len Ver­zehr feins­ter Köst­lich­kei­ten, bestehend aus rus­si­schem Kavi­ar, aus rosa­far­be­nen Shrimps und zar­ter, aus leicht rosa­ro­ter Enten­brust und dem Lee­ren zwei­er Fla­schen Cham­pa­gner auf ver­lo­cken­de und aller­schöns­te Wei­se dar­bot.

Ich wähn­te mich im Zen­trum aller nur ange­dach­ten Para­die­se ange­kom­men, schweb­te durch magi­sche Räu­me, aus denen die Zeit der Ent­sa­gung für immer ent­flo­hen war, ich ver­lor wahr­schein­lich mehr­fach die Besin­nung, erwach­te dar­aus dann stets wie aus einem hun­dert­jäh­ri­gen Traum. Mon Dieu, wie schön und auf­re­gend das Leben doch immer wie­der sein kann, wenn man sich zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort auf­hält. Und wenn man sich spä­ter noch immer fragt, wie das alles über­haupt gesche­hen konn­te, gesche­hen muss­te. Nennt man das nicht Kar­ma?

Ja, was für eine uner­war­te­te, zuvor kaum vor­stell­ba­re Wen­dung hat­te mein jun­ges Leben genom­men, in wel­che Rol­le war ich da unver­hofft geschlüpft (wer hat mir die­se Rol­le ange­bo­ten?) nach mei­nem plötz­li­chen Aus­zug aus dem durch­geis­tig­ten Haus des Pro­fes­sors und aus dem avant­gar­dis­ti­schen Kunst­tem­pel von Ser­ge? Ich schwelg­te in Selig­keit, ohne zu begrei­fen, was da gera­de mit mir geschah, ich war in einer ande­ren Welt ange­kom­men, in einer Welt der fleisch­li­chen und töd­li­chen Lüs­te. In die­ser nie enden­den Lie­bes­nacht beschloss ich, für immer in die­ser wun­der­sa­men Woh­nung zu ver­wei­len und mein noch vor mir lie­gen­des Leben im heis­sen Schoss die­ser unge­wöhn­li­chen Frau aus­klin­gen zu las­sen.

Eine Stei­ge­rung von sexu­el­ler Lust, von Glück, von Wohl­be­ha­gen und auch von Hei­mat hielt ich in den dar­auf fol­gen­den Tagen und Näch­ten für undenk­bar, konn­te es nach der Begeg­nung mit die­ser Frau für mich wohl nicht mehr geben. Soll­te das mein mir zuge­dach­tes Schick­sal sein? Ich beschloss, es genau so zu sehen. Schick­sal, ja, was ist das über­haupt? Ich blieb fast ein hal­bes Jahr in die­sem so bun­ten, lebens­fro­hen Haus, in dem die fleisch­li­che Lust und die Lie­be zu allem, was das Schick­sal mir an Genuss damals her­zu geben ver­moch­te abso­lu­ten Vor­rang vor allen mir bis­lang ver­trau­ten bür­ger­li­chen Regeln und noch nicht bekann­ten Lebens­ge­wohn­hei­ten hat­te.

Es waren für mich dra­ma­ti­sche und rosi­ge Zei­ten, in jeder Hin­sicht, ich leb­te wie in einem mich über­rum­pel­ten Traum, dem ich nicht ent­kom­men konn­te, auch nicht ent­flie­hen woll­te, total berauscht und glück­lich, ich spa­zier­te durch blü­hen­de und nach Leben duf­ten­de Gär­ten der Lie­be und der Lüs­te, alles um mich her­um war ein rosa­ro­tes Mär­chen, unwirk­lich und doch immer wie­der aller­schöns­te Wirk­lich­keit, der ich mich mit Won­ne aus­lie­fer­te.

Tags­über stand ich im mon­dä­nen Fri­seur-Salon mei­ner schö­nen Brü­net­te, wusch die Köp­fe und färb­te die Haa­re rei­cher, meist älte­rer Damen, tat das offen­sicht­lich so geschickt und zur vol­len Zufrie­den­heit der Damen, was sie mich wis­sen lies­sen, indem sie mir offen ihr schöns­tes Lächeln schenk­ten, heim­lich und sehr dis­kret bis­wei­len klei­ne, mitt­le­re und auch grös­se­re Fran­ken-Schei­ne zusteck­ten samt Tele­fon­num­mer und Visi­ten­kar­ten. Letz­te­res sah mei­ne Yvonne nicht sehr gern, doch ihr Geschäfts­sinn hin­der­te sie offen­kun­dig dar­an, zu pro­tes­tie­ren. Ich hin­ge­gen fühl­te mich sehr wohl dabei, von die­sen nicht mehr ganz jun­gen, auch noch nicht ganz alten, aber immer noch schö­nen Damen ver­wöhnt und gelockt zu wer­den, was mich zwangs­läu­fig zu der Über­zeu­gung gelan­gen liess, ein­fach unwi­der­steh­lich zu sein. Und des Nachts, nun ja, da lag ich ver­rückt nach ihr und und immer wie­der berauscht an der Sei­te mei­ner uner­sätt­li­chen Lie­bes­göt­tin, schlief selig ermat­tet und meis­tens erst im frü­hen Mor­gen­grau­en ein.

Ich genoss die­sen Zustand des sich tota­len Aus­lie­ferns, des Hin­ein­krie­chens in den Leib, in die See­le und in alle Blut­bah­nen eines sich hin­ge­ben­den, zunächst noch frem­den, dann plötz­lich so ver­trau­ten Kör­pers, der mich lock­te und an dem in jeder Lie­bes­nacht alles noch schö­ner und begeh­rens­wer­ter wur­de. Und noch bevor ich es voll­ends begrif­fen hat­te, da muss­te ich mir ein­ge­ste­hen, dass es nicht allein die Lie­bes- und Ver­füh­rungs­küns­te mei­ner dem Leben zuge­wand­ten Yvonne waren, die mich an sie, an die rei­fe, alles wis­sen­de, sech­zehn Jah­re älte­re Frau fes­sel­ten, nein, ich hat­te mich von Tag zu Tag und von Nacht zu Nacht immer hef­ti­ger in eine Frau ver­liebt, die es mir leicht mach­te, mir tat­säch­lich ein Leben zu zweit vor­zu­stel­len und an eine gemein­sa­me Zukunft auch ganz fest zu glau­ben, was noch ein paar Tage zuvor über­haupt nicht denk­bar war.

Es mag durch­aus zutref­fen, dass Lie­be bis­wei­len blind macht und den Ver­stand immer wie­der mal etwas ver­ne­belt, mit­un­ter sogar völ­lig aus­ser Kraft setzt. Die­sen wahn­wit­zi­gen und so auf­re­gen­den Zustand eines kurz­fris­ti­gen Blind­seins, den hat­te ich bereits eini­ge Male zuvor erlebt und stets auch ohne grös­se­re Schä­den im Her­zen, am Leib und in der See­le über­stan­den. Nun aber ging ich als 24jähriger Mann zum ers­ten mal in mei­nem Leben mit offe­nen Augen und mit wachen Sin­nen, also „bei vol­lem Ver­stand“ und mit eben­so vol­lem Ver­trau­en in ein auf­re­gen­des Aben­teu­er hin­ein, kann­te weder Zwei­fel noch Ängs­te, sah am Hori­zont mei­nes noch vor mir lie­gen­den Lebens nur Hoff­nung, war an der Sei­te von Yvonne zu allem bereit, auch an eine gemein­sa­me Zukunft zu glau­ben und begann die­se sogar her­bei zu seh­nen und sie gegen alle bösen Mäch­te zu ver­tei­di­gen. Und als Yvonne mich nach einem ful­mi­nan­ten Abend­essen (mei­ne Lie­bes­göt­tin war auch eine vor­züg­li­che Köchin) über­ra­schend frag­te, ob ich sie hei­ra­ten wol­le, da war ich selbst erstaunt über die so kraft­voll und so rasch aus mir her­aus gerutsch­ten Wor­te „ja, ich möch­te dich hei­ra­ten, ich will dein Mann wer­den.“

Erst vie­le Jah­re spä­ter, als ich über die­se Sze­ne und mei­ne Reak­ti­on auf den „Hei­rats­an­trag“ von Yvonne nach­ge­dacht und auch begrif­fen hat­te, wie ernst es ihr und auch mir damals war und wie sehr ich es mir gewünscht hat­te, mit die­ser wun­der­vol­len Frau ein Leben lang zusam­men blei­ben zu wol­len, da wur­de mir klar: Die Jugend in jeder Genera­ti­on ist ver­pflich­tet, dabei bis an den Rand der Selbst­zer­stö­rung gehend, alles erfah­ren zu wol­len und erfah­ren zu müs­sen, jede Ver­su­chung an sich her­an zu las­sen und all das aus­zu­pro­bie­ren, was ihr dazu ver­hilft, ihren Weg ins Leben zu fin­den, um ihre emo­tio­na­len, intel­lek­tu­el­len und phy­si­schen Kräf­te zu ent­de­cken und zu kräf­ti­gen, sie muss alle von der Gesell­schaft dik­tier­ten Regeln für angeb­lich unver­zicht­ba­re Tra­di­tio­nen und Denk­mus­ter und vor allem nebu­lö­se Tabus sehr auf­merk­sam und kri­tisch betrach­ten, not­falls dage­gen revol­tie­ren, sie muss ihre Welt und alle Men­schen dar­in und sich selbst immer wie­der her­aus for­dern, sie muss an alles glau­ben und zugleich alles in Fra­ge stel­len, um die Fähig­keit zu erlan­gen, zumin­dest ein wenig ver­ste­hen und lie­ben zu kön­nen, was da draus­sen in der Welt und was in ihr selbst geschieht.

So erging es auch mir. Ich hat­te die ers­te gros­se Her­aus­for­de­rung die­ser Art mutig ange­nom­men, doch nach sechs herr­li­chen Lie­bes­mo­na­ten wur­de mir alles doch ein wenig unheim­lich, mei­ne emo­tio­na­len Kräf­te waren erschöpft, ich leb­te in einem gol­de­nen Käfig und genoss die­sen mich immer wie­der beglü­cken­den und ver­stö­ren­den Zustand auch, doch zugleich sah ich mich zuneh­mend mei­ner Frei­heit und mei­nes Wil­lens beraubt, ich spür­te schmerz­haft, wie sich lei­se, ganz lang­sam und zunächst kaum merk­bar eine nicht mehr zer­reiss­ba­re Ket­te von Erwar­tun­gen und For­de­run­gen immer fes­ter um mei­nen Hals gelegt hat­te und mich zu erwür­gen droh­te, so dass ich immer häu­fi­ger schweiss­ge­ba­det aus dunk­len Träu­men hoch­schreck­te, bis­wei­len dabei auch nicht mehr in der Lage war, mich quä­len­de, mich bedro­hen­de Alb­träu­me und mich zugleich noch immer beglü­cken­de Wirk­lich­keit von­ein­an­der sofort unter­schei­den zu kön­nen.

Hin­zu kam dann beim alles ernüch­tern­den Tages­licht auch noch die Ent­de­ckung, dass mei­ne Fin­ger­nä­gel und auch mei­ne Hän­de vom Waschen und Fär­ben vie­ler pracht­vol­ler Frau­en­köp­fe mitt­ler­wei­le par­ti­ell auch schon leich­te blau-rosa-rote und nicht mehr so leicht zu ent­fer­nen­de Farb­tö­ne ange­nom­men hat­ten, ich begann dar­un­ter zu lei­den, dass mei­ne schö­ne Yvonne sich mit jedem Tag und in jeder Nacht noch hef­ti­ger an mich klam­mer­te und ich mit Genuss und zugleich mit Angst erle­ben muss­te, wie sich eine Göt­tin in eine Schlan­ge ver­wan­del­te und zum töd­li­chen Biss bereit war.

Sie saug­te mich aus, gera­de so, als woll­te sie mich eher töten als fort gehen las­sen. Soviel emo­tio­na­le, sexu­el­le Wild­heit und kör­per­li­che Nähe hat­te ich bis­her noch nicht ken­nen gelernt, die­se dia­bo­li­sche Lust mei­ner Gespie­lin begann mich zu bedro­hen, nahm mir den Atem und liess mich plötz­lich nicht län­ger glau­ben, dass wir eine Zukunft haben könn­ten, was mich sehr trau­rig mach­te. Als sich die­ser alles in mei­ner Gefühls­welt zer­stö­ren­de Gedan­ke des Abschied­neh­mens ein­ge­nis­tet hat­te, da spür­te ich, wie ein gros­ser Riss durch mein Herz ging. Da wuss­te ich aber auch, dass die uns zube­stimm­te und so herr­li­che Zeit abge­lau­fen war und dass ich mich ret­ten, also sofort gehen muss­te. Mei­ne „rote-rosa Bril­le“, die ich als ver­lieb­ter jun­ger Mann ein hal­bes Jahr lang nicht abge­nom­men und nahe­zu wie ein Held stolz auf mei­ner Nase getra­gen hat­te, sie fiel unver­hofft zu Boden und zer­brach dabei mit lau­tem Getö­se in tau­sen­de grell ein­ge­färb­te rosa-rote Scher­ben.

Als ich die vie­len klei­nen bun­ten Glas­scher­ben auf dem Boden der Wirk­lich­keit betrach­te­te und mei­ne Bli­cke durch die magi­schen Räu­me wan­dern liess, in denen ich so glück­lich und lie­bes­trun­ken gelebt hat­te, da erschrak ich wohl eben­so hef­tig wie einst der Dich­ter Hoff­mann im Zau­ber­ka­bi­nett des Pro­fes­sors Spa­lan­za­ni, als des­sen über­ir­disch schön sin­gen­de und tan­zen­de „Toch­ter“ Olym­pia nach dem Vor­trag einer kunst­vol­len Kolo­ra­tur-Arie in vie­le Stü­cke zer­brach, schliess­lich am Boden liegt und Hoff­mann erken­nen muss, dass er sich nicht in eine Frau aus Fleisch und Blut, son­dern in eine Pup­pe, in eine Illu­si­on ver­liebt hat­te. Auch Hoff­mann hat­te sich zuvor eine rosa-rote Bril­le auf­ge­setzt.

Konn­te ich aber mein Schick­sal mit dem des Dich­ters Hoff­mann aus Jac­ques Offen­bachs wun­der­sa­mer Oper „Hoff­manns Erzäh­lun­gen“ tat­säch­lich ver­glei­chen? Fest steht nur: Auch ich trug eine „rosa-rote Bril­le“, wobei ich nicht weiss, ob ich allein es war, der sich die­se, die wirk­li­che Welt um mich her­um so sehr ver­än­dern­de und alles ver­schö­nern­de Bril­le für sechs Mona­te auf­ge­setzt hat­te oder ob es das lau­ni­sche Schick­sal gewe­sen ist, um mich im Lie­bes­rausch zu nar­ren oder mir aber­mals eine wei­te­re Lek­ti­on samt wich­ti­ger Lebens­er­fah­rung zukom­men zu las­sen. Ja, so enden oft­mals Mär­chen und ganz gewiss alle Kitsch­ro­ma­ne.

Und so nahm ich, wenn auch noch immer mit gros­ser Trau­er im Her­zen über­stürzt Abschied von mei­ner schö­nen Yvonne, die nicht ver­ste­hen konn­te, war­um ich gehen woll­te, war­um ich gehen muss­te. Ich wuss­te es ja selbst nicht so genau. Ich frag­te mich aller­dings bereits kurz nach mei­ner „Flucht“, ob (Kitsch oder nicht Kitsch, das ist hier nicht mehr die Fra­ge), ja, ob ich die­ses plötz­li­che Davon­lau­fen eines Tages nicht als einen gra­vie­ren­den Feh­ler im ers­ten Vier­tel mei­nes Lebens bezeich­nen wer­de, hat­te ich mich doch mit die­sem Schritt zum ers­ten Mal aus dem Her­zen, aus den Armen und aus dem Schoss einer mich lie­ben­den Frau geschli­chen und mich damit mög­li­cher­wei­se selbst aus einem Para­dies ver­trie­ben, in dem ich doch nur gar zu gern hun­dert Jah­re und noch län­ger habe ver­wei­len wol­len. Wird mir das Schick­sal die­se viel­leicht törich­te und uner­laub­te Ent­schei­dung jemals ver­zei­hen? Ich weiss es nicht, aber ich baue fest dar­auf, denn eines spür­te ich sehr wohl, dass näm­lich mei­ne Neu­gier­de auf das noch vor mir lie­gen­de Leben ganz ein­fach zu gross war.

Und so konn­te die Fra­ge in mir doch nur lau­ten: Wie vie­le neue, mir noch unbe­kann­te und auf­re­gen­de­re Para­die­se als das soeben hin­ter mir gelas­se­ne Eiland der Glück­se­lig­keit wer­de ich künf­tig ent­de­cken und auch dort immer wie­der freu­dig Ein­zug hal­ten, um aber­mals aus Lebens­freu­de oder nach dem Auf­set­zen einer neu­en „rosa­ro­ten Bril­le“ aus­zu­ru­fen, so wie es einst Goe­thes Dr. Faus­tus getan hat­te: „Werd ich zum Augen­bli­cke sagen, ver­wei­le doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Fes­seln schla­gen, dann will ich gern zugrun­de gehn“. Ja, wie schön ist es doch, jung zu sein und das Tor zur Welt so weit geöff­net vor sich zu sehen und den Mut zu haben, durch die­ses Tor in eine viel­leicht unge­wis­se, zugleich aber auch in eine auf­re­gen­de Zukunft zu gehen. Genau das woll­te ich nun tun.

Axel Micha­el Sal­low­sky

Aus­zug aus „Treib­gut nur im Strom der Zeit“

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