[Freiheitsliebe:] Die Labour Party ein Jahr nach ihrer letzten Wahlniederlage

Inmit­ten der medi­zi­nisch-huma­ni­tä­ren Kri­se mit ihren weit über 100.000 Coro­na-Ster­be­fäl­len in Groß­bri­tan­ni­en, der schar­fen Zuspit­zung sozia­ler sowie regio­na­ler Ungleich­hei­ten, der öko­no­mi­schen Ver­wer­fun­gen und inmit­ten der innen- und außen­po­li­ti­schen Tur­bu­len­zen als Fol­gen der Coro­na-Pan­de­mie und des Bre­xits ver­sucht die bri­ti­sche Labour Par­ty als zwar geschrumpf­te, aber den­noch größ­te Oppo­si­ti­ons­par­tei im Ver­ei­nig­ten König­reich sich neu zu posi­tio­nie­ren.

Bei der Par­la­ments­wahl im Dezem­ber 2019 hat­te die Par­tei der Arbeit mit ihrem auf eine gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on aus­ge­rich­te­ten Wahl­pro­gramm („Die Zeit ist reif für einen grund­le­gen­den Rich­tungs­wech­sel“) eine her­be Nie­der­la­ge ein­ste­cken müs­sen. Den vor­ge­zo­ge­nen Wahl­ter­min hat­te nach eini­gen Ver­fas­sungs­deh­nun­gen die rechts­po­pu­lis­tisch-natio­na­lis­ti­sche Kern­mann­schaft der noch jun­gen Regie­rung von Boris John­son durch­ge­setzt. Zuvor hat­ten sich weder die Mit­glie­der der Labour-Par­la­ments­frak­ti­on noch jene libe­ra­len und kon­ser­va­ti­ven Abge­ord­ne­ten, die einem har­ten Bre­x­it ableh­nend gegen­über­stan­den, dar­auf ver­stän­di­gen kön­nen, den dama­li­gen Oppo­si­ti­ons­füh­rer und Vor­sit­zen­den der Labour Par­ty, Jere­my Cor­byn, in einem Miss­trau­ens­an­trag gegen den Bre­x­it-Hard­li­ner und Pre­mier­mi­nis­ter John­son zu unter­stüt­zen.[1] Damit blieb die ein­zi­ge par­la­men­ta­ri­sche Kon­stel­la­ti­on zur Ver­hin­de­rung des har­ten Bre­xits unge­nutzt. Statt­des­sen wur­de mit einer wei­te­ren Auf­la­ge der fak­ti­schen Koali­ti­on von Tory-Par­tei und Bre­x­it-Par­tei der Weg gebahnt für den erneu­ten Wahl­sieg des Rechts­po­pu­lis­mus. Die Vor­stel­lung der libe­ra­len Kräf­te, die Wucht des seit Jah­ren ent­fach­ten eng­li­schen Natio­na­lis­mus mit einer unver­än­der­ten Poli­tik von Aus­teri­tät und Welt­of­fen­heit parie­ren zu kön­nen, erwies sich als Illu­si­on. Eben­so erwies sich die Labour-Per­spek­ti­ve eines – inner­par­tei­lich in sei­ner Aus­ge­stal­tung umstrit­te­nen – Arran­ge­ments des Lan­des mit der EU zu Beginn eines grund­le­gen­den Poli­tik­wech­sels als nicht trag­fä­hig. Das Ver­spre­chen, den har­ten Bre­x­it umzu­set­zen und ein neu­es Zeit­al­ter des Glo­ba­len Bri­tan­ni­ens ein­zu­lei­ten, war ver­lo­cken­der als die Aus­sicht auf eine grund­le­gen­de gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on, so kon­kret auch die Reform­schrit­te waren, die im Wahl­pro­gramm und Wahl­kampf prä­sen­tiert wur­den.

Die Grün­de für die Nie­der­la­ge der Labour Par­ty waren und sind umstrit­ten.[2] Zumeist wer­den dabei die Gewich­te unter­schied­lich ver­teilt zwi­schen Struk­tur­ver­än­de­run­gen und damit ver­bun­de­nen Ver­schie­bun­gen im gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein, auf die Labour kei­ne aus­rei­chen­den Ant­wor­ten gefun­den hat, und zwi­schen Grün­den, die in der Per­son des dama­li­gen Vor­sit­zen­den gesucht wur­den. Dabei ist weit­ge­hend unum­strit­ten, dass das Wahl­er­geb­nis in einen län­ge­ren Trend von Nie­der­la­gen seit 2010 ein­zu­rei­hen ist. Fakt ist auch, dass Cor­byn und der von ihm reprä­sen­tier­te Erneue­rungs­kurs der Labour Par­ty von fast allen bri­ti­schen Medi­en und von der poli­ti­schen Klas­se seit sei­ner Wahl zum Vor­sit­zen­den 2015 nicht nur poli­tisch bekämpft wur­de, son­dern dass er zugleich ver­stärkt seit dem Som­mer 2018 einer umfas­sen­den Kam­pa­gne zur Dif­fa­mie­rung sei­ner Per­son aus­ge­setzt war.

Neben der Ver­ächt­lich­ma­chung sei­ner Metho­dik poli­ti­scher Arbeit wegen ver­meint­li­cher Füh­rungs­schwä­che gip­fel­te die Kam­pa­gne in dem Vor­wurf, Cor­byn wür­de den struk­tu­rel­len Anti­se­mi­tis­mus in der bri­ti­schen Gesell­schaft und der Labour Par­ty ver­harm­lo­sen, weil er selbst anti­se­mi­ti­schen Ten­den­zen anhän­ge. Nicht nur aus den Rei­hen der Kon­ser­va­ti­ven Par­tei, son­dern auch aus der eige­nen Par­tei her­aus wur­de die­ses Nar­ra­tiv bedient. Mehr oder weni­ger laut wur­de wäh­rend der Zuspit­zung der par­la­men­ta­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung um die Bre­x­it-Ver­trä­ge und dann im Wahl­kampf Ende 2019 der Vor­wurf erho­ben, dass der von Labour im Wahl­pro­gramm vor­ge­schla­ge­ne Weg zur Erneue­rung nicht nur kei­ne Lösung für den Bre­x­it und des­sen Fol­ge­pro­ble­me dar­stel­len wür­de, son­dern in der Per­son des Vor­sit­zen­den mit einer anti­se­mi­ti­schen Kon­no­ta­ti­on ver­bun­den sei.

Nach der Wahl­nie­der­la­ge ist die­ses Nar­ra­tiv einer Ver­bin­dung von sozia­lis­ti­scher Erneue­rung und Anti­se­mi­tis­mus zwecks Denun­zie­rung eines alter­na­ti­ven gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­wegs und einer demo­kra­ti­schen Erneue­rung von Par­tei­struk­tu­ren und Gesell­schaft offen­siv wei­ter vor­ge­tra­gen wor­den, wenn auch nun­mehr vor dem Hin­ter­grund der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um poli­ti­sche Ant­wor­ten auf die Coro­na-Pan­de­mie und um die Umset­zung und Fol­gen des Bre­xits. Die Kam­pa­gne erreich­te mit Cor­byns Aus­schluss aus Par­tei und Frak­ti­on Ende Okto­ber 2020 einen ers­ten Tief­punkt,[3] auf den zahl­rei­che Par­tei­ord­nungs- und Aus­schluss­ver­fah­ren gegen jene Mit­glie­der in Wahl­kreis- und Orts­ver­bands­vor­stän­den folg­ten, die das Ver­fah­ren der neu­en Par­tei­füh­rung kri­ti­sier­ten.

Unmit­tel­bar nach der Wahl­nie­der­la­ge hat­ten Jere­my Cor­byn und John McDon­nell ihren Rück­tritt von ihren Ämtern und ihren Rück­zug aus der Par­tei­füh­rung ange­kün­digt und den Weg frei gemacht für die Neu­be­set­zung der Füh­rungs­gre­mi­en. Der per­so­nel­le Umbau ist im Novem­ber 2020 mit der Neu­wahl der 15 Vertreter:innen der rund 630 auf Wahl­kreis­ebe­ne gebil­de­ten Kreis­ver­bän­de (Con­sti­tu­en­cy Labour Par­ties – CLPs) im 39 Mit­glie­der umfas­sen­den Par­tei­vor­stand (Natio­nal Exe­cu­ti­ve Com­mit­tee – NEC) abge­schlos­sen wor­den.

Zuvor hat­te im April der Jurist Sir Keir Star­mer die wäh­rend der ers­ten Pha­se der Coro­na-Pan­de­mie ange­setz­te Wahl zum neu­en Labour-Par­tei­vor­sit­zen­den für sich ent­schie­den. Star­mer war von 2009 bis 2013 Direk­tor der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den in Eng­land und Wales. Nach sei­ner Wahl ins Unter­haus 2015 wur­de er in Cor­byns Schat­ten­ka­bi­nett zunächst migra­ti­ons­po­li­ti­scher Spre­cher und dann ab 2016 zustän­dig für die kri­ti­sche Beglei­tung der Umset­zung des Bre­x­it-Refe­ren­dums sei­tens der kon­ser­va­ti­ven Kabi­net­te von May und John­son. Als stell­ver­tre­ten­de Par­tei­vor­sit­zen­de war die ehe­ma­li­ge Gewerk­schafts­funk­tio­nä­rin Ange­la Ray­ner gewählt wor­den, die in Cor­byns Schat­ten­ka­bi­nett bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­che­rin war. Auf Vor­schlag Star­mers wur­de zudem Ende Mai 2020 der New-Labour-Poli­ti­ker David Evans als neu­er Gene­ral­se­kre­tär vom Par­tei­vor­stand koop­tiert; des­sen Wahl muss noch vom nächs­ten Labour-Par­tei­tag bestä­tigt wer­den, vor­aus­sicht­lich im Sep­tem­ber 2021.

Waren bei der Wahl der neu­en Par­tei­spit­ze noch 553.000 Mit­glie­der wahl­be­rech­tigt, war es bei der Wahl der Vertreter:innen der Wahl­kreis­or­ga­ni­sa­tio­nen im Par­tei­vor­stand ein hal­bes Jahr spä­ter mit 497.000 Wahl­be­rech­tig­ten schon ein Zehn­tel weni­ger. Die ers­te Sit­zung des neu for­mier­ten Par­tei­vor­stands fand wäh­rend der par­tei­in­ter­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Sus­pen­die­rung Jere­my Cor­byns statt und war von einem Eklat beglei­tet. Ein Drit­tel der Mit­glie­der schal­te­te sich aus dem Online-Mee­ting ab. Sie wand­ten sich mit die­ser Akti­on dage­gen, dass Star­mer erneut Cor­byns Aus­schluss aus der Par­la­ments­frak­ti­on ver­häng­te, obwohl die Schieds­kom­mis­si­on sei­ne Sus­pen­die­rung als Par­tei­mit­glied als unbe­grün­det auf­ge­ho­ben hat­te. Und sie pro­tes­tier­ten damit gegen die zahl­rei­chen Par­tei­ord­nungs­ver­fah­ren, mit denen der Gene­ral­se­kre­tär Evans Hun­der­te von Funktionsträger:innen in den loka­len Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen über­zog, weil sie auf Par­tei­ver­samm­lun­gen Soli­da­ri­täts­adres­sen für Cor­byn oder Reso­lu­tio­nen gegen den Ver­such zur Ein­schrän­kung der inner­par­tei­li­chen Dis­kus­si­on sei­tens der neu­en Par­tei­spit­ze zur Abstim­mung brach­ten. Im Par­tei­vor­stand hat die neue Par­tei­füh­rung nun eine kom­for­ta­ble Mehr­heit, und aus dem Frak­ti­ons­vor­stand, dem „Schat­ten­ka­bi­nett“, ist der lin­ke Flü­gel der Par­la­ments­frak­ti­on, immer­hin ein Fünf­tel der 200 Abge­ord­ne­ten, voll­stän­dig ver­bannt und damit mehr als die Hälf­te der akti­ven Par­tei­ba­sis nicht mehr reprä­sen­tiert.

Ambitiöses Programm, aber zögerliche Konkretisierung

Wäh­rend des par­tei­in­ter­nen Wahl­kampfs hat­te Star­mer ange­kün­digt, er wer­de an den Kern­punk­ten des Labour-Pro­gramms fest­hal­ten. In sei­ner spe­zi­fi­schen Inter­pre­ta­ti­on der über vier Jah­re hin­weg in einem brei­ten Kon­sens gefun­de­nen Pro­gram­ma­tik, die in zwei Wahl­pro­gram­men zusam­men­ge­fasst wor­den war, benann­te er unter Weg­las­sung der trans­for­ma­to­ri­schen Aspek­te zehn Punk­te,[4] die wei­ter­hin im Zen­trum der Labour-Poli­tik nach sei­ner Wahl zum Par­tei­vor­sit­zen­den ste­hen soll­ten:

1. Wirt­schaft­li­che Gerech­tig­keit: Erhö­hung der Ein­kom­mens­steu­er für die obers­ten 5% der Ver­die­ner, Rück­gän­gig­ma­chung der Sen­kung der Kör­per­schafts­steu­er und har­tes Durch­grei­fen gegen Steu­er­ver­mei­dung.

2. Sozia­le Gerech­tig­keit: Abschaf­fung des neu ein­ge­führ­ten Unter­stüt­zungs­sys­tems („uni­ver­sal credit“) und des Sank­ti­ons­sys­tems im Sozi­al­be­reich; Ergän­zung der volk­wirt­schaft­li­chen Gesamt­rech­nung (BIP) um ein neu­es Maß sozia­len Fort­schritts; Ver­tei­di­gung des Natio­na­len Gesund­heits­sys­tems NHS und Abschaf­fung der Stu­di­en­ge­büh­ren an den Uni­ver­si­tä­ten.

3. Kli­ma­ge­rech­tig­keit: Ein grü­ner New Deal; ein Emis­si­ons­schutz­ge­setz, um die Umwelt­ver­schmut­zung vor Ort zu bekämp­fen; inter­na­tio­na­le Maß­nah­men für Kli­ma­ge­rech­tig­keit.

4. För­de­rung von Frie­den und Men­schen­rech­ten: Ver­bot völ­ker­rechts­wid­ri­ger Krie­ge; ein Gesetz zur Ver­hin­de­rung mili­tä­ri­scher Inter­ven­tio­nen ein­füh­ren, die Men­schen­rech­te in den Mit­tel­punkt der Außen­po­li­tik stel­len und alle bri­ti­schen Waf­fen­ver­käu­fe über­prü­fen.

5. Gemein­ei­gen­tum: För­de­rung von gesell­schaft­li­chem Eigen­tum an Bahn, Post, Ener­gie und Was­ser; Abschaf­fung von Out­sour­cing an Pri­vat­un­ter­neh­men im NHS, in den Kom­mu­nen und im Jus­tiz­voll­zugs­sys­tem.

6. Ver­tei­di­gung der Rech­te von Migran­ten: Vol­les Wahl­recht für EU-Bürger:innen, Ver­tei­di­gung der Frei­zü­gig­keit nach dem Bre­x­it, Schaf­fung eines Ein­wan­de­rungs­sys­tems, das auf Wür­de und Empa­thie grün­det, Been­di­gung unbe­fris­te­ter Inhaf­tie­rung und Schlie­ßung von Depor­ta­ti­ons­ge­fäng­nis­sen.

7. Stär­kung der Rech­te von Beschäf­tig­ten und Gewerk­schaf­ten: Koope­ra­ti­on mit den Gewerk­schaf­ten; Kampf gegen pre­kä­re Arbeit und nied­ri­ge Löh­ne, Auf­he­bung des restrik­ti­ven Gewerk­schafts­ge­set­zes und Abwehr wei­te­rer Angrif­fe der Tories auf die Rech­te der Arbeitnehmer:innen.

8. Dezen­tra­li­sie­rung und Ver­fas­sungs­re­form: Ein­füh­rung eines föde­ra­len Sys­tems ein­schließ­lich eines regio­nal struk­tu­rier­ten Inves­ti­ti­ons­ban­ken­ver­bunds sowie Kon­trol­le der Indus­trie­po­li­tik durch die Regio­nen; Erset­zung des Ober­hau­ses durch eine gewähl­te Kam­mer.

9. Gleich­stel­lungs­ge­setz: Besei­ti­gung bestehen­der Hin­der­nis­se vor allem im Bereich des Geset­zes zur Siche­rung glei­cher Löh­ne (Equal Pay Act), der früh­kind­li­chen Erzie­hung (Sure Start) und bei der Gleich­stel­lung eth­ni­scher Min­der­hei­ten.

10. Eine wirk­sa­me Oppo­si­ti­on gegen die Tories: Eine „foren­si­sche Oppo­si­ti­on im Par­la­ment in Koope­ra­ti­on mit der Par­tei­ba­sis und einer „pro­fes­sio­nel­len Vor­be­rei­tung auf die nächs­te Wahl“; Eini­gung der Par­tei, För­de­rung des Plu­ra­lis­mus und Ver­bes­se­rung der inner­par­tei­li­chen Kul­tur; robus­te Maß­nah­men zur Aus­rot­tung des Anti­se­mi­tis­mus in der Par­tei und effek­ti­ve Ver­bin­dun­gen zu den Gewerk­schaf­ten.

Die­ses Ver­spre­chen, die bis­he­ri­ge Poli­tik inhalt­lich in einem „pro­fes­sio­nel­le­ren Gewand“ fort­zu­set­zen, war aus­schlag­ge­bend dafür, dass ein Groß­teil der Par­tei­mit­glie­der, die 2016 Cor­byn gewählt hat­ten, nicht Rebec­ca Long-Bai­ley als Kan­di­da­tin der Lin­ken, son­dern Star­mer unter­stütz­ten, der mit 56% der Stim­men gegen­über 28% für Long-Bai­ley gewählt wur­de.

In sei­ner Antritts­re­de nach der Wahl hat­te Star­mer dann die Her­stel­lung der Regie­rungs­fä­hig­keit als wich­tigs­tes Ziel for­mu­liert. An Metho­de und Erfol­ge der drei Labour-Pre­mier­mi­nis­ter, die nach dem Zwei­ten Welt­krieg im Anschluss an erfolg­rei­che Wahl­kämp­fe Regie­run­gen bil­den konn­ten, sei anzu­knüp­fen. Eine Refle­xi­on zu den jeweils unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen von 1945 (Cle­ment Att­lee), 1964 (Harold Wil­son) und 1997 (Tony Blair) im Ver­gleich zur heu­ti­gen Situa­ti­on blieb aus. Die kri­ti­sche Beglei­tung der anfangs bru­tal nach­läs­si­gen, dann erra­ti­schen Bekämp­fung der Coro­na-Pan­de­mie sei­tens der Tory-Regie­rung bezeich­ne­te Star­mer als „kon­struk­ti­ve“ Oppo­si­ti­ons­ar­beit. Die The­men Bre­x­it-Fol­gen und Neu­ge­stal­tung der EU-UK-Bezie­hun­gen erklär­te er zum Tabu­the­ma. Trotz der Stör­ma­nö­ver der Tory-Regie­rung mit ihren Bre­x­it-Hard­li­nern bei den Ver­hand­lun­gen für ein neu­es Han­dels- und Kooperations­abkommen mit der EU ord­ne­te er für die Zustim­mung beim Schluss­vo­tum Frak­ti­ons­zwang an.

Für die Bekannt­ga­be von „Kor­rek­tu­ren“ an sei­nem 10-Punk­te-Plan waren ande­re Sprecher:innen des Schat­ten­ka­bi­netts zustän­dig. Bei der Über­ar­bei­tung[5] des Vor­schlags für einen Green New Deal wur­den die mas­si­ven Inves­ti­tio­nen und Staats­in­ter­ven­tio­nen gekappt, die erfor­der­lich sind, um die Klima‑, Gesund­heits- und Wirt­schafts­kri­sen zu bewäl­ti­gen. Auch die not­wen­di­ge Stär­kung des Gemein­ei­gen­tums bei Ener­gie, Was­ser, Breit­band und ande­ren öffent­li­chen Infra­struk­tu­ren als Kern des lin­ken Green New Deal wur­de aus­ge­blen­det.[6] Der Bericht zur Ver­fas­sungs­re­form und Stär­kung der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen[7] wur­de nicht zur Kennt­nis genom­men. Er war noch von Cor­byn in Auf­trag gege­ben wor­den und zeigt einen Weg auf, wie durch eine Insti­tu­tio­nen­re­form die struk­tu­rel­len regio­na­len Ungleich­hei­ten ver­rin­gert und das Aus­ein­an­der­fal­len des Königs­reichs infol­ge der Bre­x­it-Dis­rup­tio­nen ver­hin­dert wer­den könn­ten. Statt­des­sen wird bei Ver­laut­ba­run­gen aus der Par­tei­zen­tra­le jetzt die Natio­nal­flag­ge als Hin­ter­grund­dra­pie­rung genutzt. Ein Kom­men­ta­tor des Wochen­ma­ga­zins The Eco­no­mist höhn­te, es sei schon eine beson­de­re Leis­tung, wenn die Unfä­hig­keit einer Tory-Regie­rung, die sich als die inkom­pe­ten­tes­te der Nach­kriegs­zeit prä­sen­tie­re, noch vom Schat­ten­ka­bi­nett über­bo­ten wer­de.

Star­mers ers­te Grund­satz­re­de[8] als Par­tei­vor­sit­zen­der am 18. Febru­ar, die als sei­ne per­sön­li­che wirt­schafts­po­li­ti­sche Visi­on ange­kün­digt war, geriet – gemes­sen an der von ihm ver­or­te­ten his­to­ri­schen Dimen­si­on „sei­ner Auf­ga­be“ – zum Desas­ter. Die Zustim­mungs­wer­te in den Wochen zuvor waren gesun­ken, die Kri­tik an sei­ner Poli­tik der Unbe­stimmt­heit war in der Gesamt­par­tei lau­ter gewor­den und die Medi­en äußer­ten Zwei­fel an sei­ner poli­ti­schen Füh­rungs­fä­hig­keit. Die bevor­ste­hen­de Haus­halts­de­bat­te über das ers­te Post-Coro­na-Bud­get nahm er daher zum Anlass, um vor­ab Grund­zü­ge der Neu­aus­rich­tung der Labour-Wirt­schafts­po­li­tik vor­zu­stel­len. Die Regie­rung kön­ne zwar Erfol­ge bei ihrer Impf­kam­pa­gne ver­zeich­nen, aber schon aus ideo­lo­gi­schen Grün­den sei sie nicht in der Lage, nach einem Jahr­zehnt har­ter Aus­teri­tät einen Aus­weg aus der durch die Pan­de­mie ver­stärk­ten Ungleich­heit zu orga­ni­sie­ren.

Nicht „Build Back Bet­ter“ sei ange­sagt, son­dern Vor­an­schrei­ten in die Zukunft. Die Her­aus­for­de­rung ent­sprä­che der­je­ni­gen von 1945, die die dama­li­ge Labour-Regie­rung mit dem Aus­bau des moder­nen Sozi­al­staats und der Ver­ge­sell­schaf­tung von Schlüs­sel­in­dus­trien erfolg­reich bestan­den habe. Star­mer zog also erneut die Linie zu Att­lee und Beve­r­idge, um dann als Lösung für die neue his­to­ri­sche Auf­ga­be zwei kon­kre­te Maß­nah­men vor­zu­schla­gen:

 Ers­tens die Aus­wei­tung des bestehen­den Kre­dit­pro­gramms für Exis­tenz­grün­der: Die Inves­ti­tio­nen von 100.000 Start­up-Unter­neh­men sol­len regio­nal gleich­ge­wich­tig über einen Zeit­raum von fünf Jah­ren finan­ziert wer­den. Die­ses Pro­gramm wur­de 2012 von der dama­li­gen kon­ser­va­tiv-libe­ra­len Koali­ti­ons­re­gie­rung zwecks Flan­kie­rung ihrer har­ten Aus­teri­täts­po­li­tik auf­ge­legt und seit­dem von 9.500 Klein­un­ter­neh­men pro Jahr in Anspruch genom­men.

 Zwei­tens die Aus­ga­be von Wie­der­auf­bau-Anlei­hen (Bri­tish Reco­very Bond), orga­ni­siert durch die Natio­na­le Spar­bank N&SI. Star­mers Begrün­dung: Durch den Pan­de­mie-beding­ten Kon­sum­auf­schub haben die Pri­vat­haus­hal­te Erspar­nis­se in Höhe von 120 Mrd. Pfund ange­sam­melt, mit denen sie zur Erho­lung der Öko­no­mie bei­tra­gen könn­ten. Die­ser Vor­schlag von „Coro­na-Bonds“ war zuvor schon von der Grup­pe kon­ser­va­ti­ver Abge­ord­ne­ter aus Nord­eng­land ins Gespräch gebracht wor­den.

Jeg­li­cher Rück­be­zug auf einen Umbau von indus­tri­el­ler Basis und Infra­struk­tur sowie Neu­or­ga­ni­sa­ti­on sozia­ler Dienst­leis­tun­gen fehl­te in Star­mers Visi­on. Die Dis­kre­panz zwi­schen dem Ver­weis auf die aktua­li­sier­ten Ergeb­nis­se[9] der Ungleich­heits-Stu­die des Epi­de­mio­lo­gen Micha­el Mar­mot und Star­mers Post-Coro­na-Per­spek­ti­ve war groß. Mar­mot hat­te nach­ge­wie­sen, dass ein Jahr­zehnt har­ter Aus­teri­tät den Anstieg der Lebens­er­war­tung zum ers­ten Mal seit mehr als 100 Jah­ren zum Still­stand gebracht und für die am meis­ten benach­tei­lig­ten Frau­en sogar umge­kehrt hat. Die Coro­na-Pan­de­mie, so argu­men­tier­te Star­mer, ist „in die Ris­se und Spal­ten unse­rer Gesell­schaft ein­ge­drun­gen“ und hat die Ungleich­hei­ten mit tra­gi­schen Fol­gen zug­spitzt. Die­sem ana­ly­ti­schen Schwer­punkt der Rede folg­te als Kri­tik an dem kon­ser­va­ti­ven „Build back bet­ter“ nur ein schwa­ches, pla­ka­ti­ves „Go for­ward fai­rer“. Statt­des­sen beschwor Star­mer als „Essenz mei­ner Füh­rung“ eine „neue star­ke Part­ner­schaft von Labour Par­ty und Wirt­schaft“ als Vor­aus­set­zung für eine neue Pro­spe­ri­täts­kon­stel­la­ti­on, ergänzt um die scho­nen­de Nut­zung staat­li­cher Res­sour­cen: „Unter mei­ner Füh­rung wird in der Labour Par­ty die finan­zi­el­le Ver­ant­wor­tung immer Prio­ri­tät haben.“ Der lapi­da­re Kom­men­tar der Grü­nen-Abge­ord­ne­ten Caro­li­ne Lucas zur Rede lau­te­te: Wir als Oppo­si­ti­on „befin­den uns in grö­ße­ren Schwie­rig­kei­ten, als ich dach­te“.

Die Labour-Linke: marginalisiert und zersplittert

Star­mers aktu­el­le Posi­ti­ons­be­stim­mung rich­tet sich an die Wechselwähler:innen. Mit ihr for­mu­liert er eine Alter­na­ti­ve zur kon­ser­va­ti­ven Per­spek­ti­ve einer gra­du­ell geläu­ter­ten Rück­kehr zur Vor­kri­sen­si­tua­ti­on. Er ist in der Lage, inter­es­san­te und inno­va­ti­ve poli­ti­sche Ideen auf­zu­grei­fen. Eine Alter­na­ti­ve zum kon­ser­va­ti­ven „So-Wei­ter“ for­mu­lie­ren aber auch die bri­ti­schen Libe­ral­de­mo­kra­ten. Bei aller Offen­heit für eine ent­schie­de­ne­re Schutz­po­li­tik für benach­tei­lig­te sozia­le Grup­pen ist Star­mers Rede ein Doku­ment der inhalt­li­chen Distan­zie­rung zum Cor­by­nis­mus, des­sen Kern­punk­te – so sein Wahl­ver­spre­chen – er ver­tei­di­gen woll­te. Aber Struk­tur­re­for­men sind ihm fremd. Wäh­rend es bei ihm dar­um geht, den bri­ti­schen Kapi­ta­lis­mus gerech­ter und funk­tio­na­ler zu machen, ziel­ten die Vor­schlä­ge des Cor­by­nis­mus dar­auf ab, den Staat als Hebel zu nut­zen, um dort demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dun­gen ein­zu­füh­ren, wo sie den kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen ein Gräu­el sind: am Arbeits­platz und bei den Ent­schei­dun­gen dar­über, was, wie und wo pro­du­ziert wer­den soll, also eine Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft und damit eine grund­sätz­li­che Her­aus­for­de­rung der aktu­el­len Struk­tu­ren in Indus­trie und Dienst­leis­tun­gen. Die­ser Inhalt des Cor­by­nis­mus fehlt bei Star­mer nicht nur, son­dern er ist ihm eben­so fremd wie der Mehr­heit der Labour-Par­la­men­ta­ri­er, die in der Tra­di­ti­on des Fabia­nis­mus ste­hen.

Die Labour-Lin­ke hat es bis­her nicht geschafft, ein neu­es Zen­trum für die poli­tisch-theo­re­ti­sche Debat­te und zur Abstim­mung poli­ti­scher Initia­ti­ven auf­zu­bau­en. Im Gegen­teil, die Zer­split­te­rungs­ten­den­zen über­wie­gen. Das zeigt sich nicht nur an den Abwan­de­rungs­ten­den­zen bei der par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken, der Socia­list Cam­pai­gn Group, son­dern auch bei den Schwer­punkt­set­zun­gen der bis­he­ri­gen Exponent:innen der Lin­ken.

Unter ihnen hat Rebec­ca Long-Bai­ley sich bis­her kei­nem neu­en Arbeits­zu­sam­men­hang zuge­ord­net. Im Schat­ten­ka­bi­nett hat­te Star­mer zunächst auf ihre wirt­schafts­po­li­ti­sche Kom­pe­tenz, die sie bei der Aus­ar­bei­tung von Labours Green New Deal erwor­ben hat­te, ver­zich­tet und sie als bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­che­rin beru­fen; in die­ser Funk­ti­on wur­de sie unter einem Vor­wand vor die Tür gesetzt, nach­dem sie ent­ge­gen der von ihm unter­stütz­ten Öff­nungs­po­li­tik wäh­rend der ers­ten Pha­se der Coro­na-Pan­de­mie den Beden­ken von Beschäf­tig­ten und Gewerk­schaf­ten im Bil­dungs­sek­tor Gel­tung ver­schaf­fen woll­te. Jon Tri­ckett hat sich mit dem Pro­jekt „No Hol­ding Back“[10] der Auf­ga­be ver­schrie­ben, die Labour Par­ty im pro­le­ta­ri­schen Nord­eng­land zu stär­ken. John McDon­nell ver­sucht zusam­men mit Andrew Fisher, dem Koor­di­na­tor der Cor­byn­schen Wahl­pro­gram­me, das in sei­ner Zeit als Schat­ten­schatz­kanz­ler nicht gelun­ge­ne Pro­jekt am Leben zu hal­ten, ein Netz­werk von Think-Tanks auf­zu­bau­en, um gegen­über der Über­macht kon­ser­va­ti­ver Insti­tu­te eine grö­ße­re Aus­strah­lungs­kraft für trans­for­ma­to­ri­sche Poli­tik­ent­wür­fe zu errei­chen. Jere­my Cor­byn hat die Stif­tung „Pro­ject Peace and Jus­ti­ce“[11] ins Leben geru­fen, einer­seits um demo­ti­vier­ten oder aus­ge­tre­te­nen Labour-Mit­glie­dern eine Per­spek­ti­ve für poli­ti­sche Betä­ti­gung zu bie­ten, ande­rer­seits um eine Ver­net­zung von Pro­tes­t­in­itia­ti­ven auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne vor­an­zu­brin­gen. Über sei­nen Sta­tus als Mit­glied der Labour-Par­la­ments­frak­ti­on ent­schei­det dem­nächst ein ordent­li­ches Gericht.

Alle eint, dass sie vehe­ment dafür wer­ben, dass auch jene Mit­glie­der die Par­tei nicht ver­las­sen, die den poli­ti­schen Kurs­wech­sel der neu­en Par­tei­füh­rung und vor allem ihr adminis­tratives Vor­ge­hen zwecks Ein­schrän­kung der inner­par­tei­li­chen Dis­kus­si­on nicht mehr mit­tra­gen wol­len. Auch die Momen­tum-Grup­pe als per­so­nell größ­te poli­ti­sche Strö­mung hat nach Neu­wahl ihres Vor­stands ver­schie­de­ne Initia­ti­ven gestar­tet, um die Abwan­de­rung abzu­wen­den. Hier fällt ihr die Par­tei­füh­rung in den Rücken, indem sie „Labour’s com­mu­ni­ty orga­ni­sing unit“ ersatz­los auf­ge­löst hat – ein Orga­ni­sa­ti­ons­zu­sam­men­hang, über den sich beim letz­ten Wahl­kampf 20.000 Aktivist:innen enga­giert hat­ten. Es sind nicht weni­ge Mit­glie­der, die sich pas­siv durch Rück­zug oder aktiv durch Aus­tritt von der Par­tei abwen­den oder sus­pen­diert wor­den sind.

Neue Führung ohne Orientierung

Nach sei­ner Wahl zum Par­tei­vor­sit­zen­den war Star­mer mit viel Vor­schuss­lor­beer bedacht wor­den. Zumeist unter Igno­rie­rung sei­ner bis­he­ri­gen Lauf­bahn im Staats­ap­pa­rat bis 2013 und sei­ner poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung als Labour-Abge­ord­ne­ter seit 2015 wur­de von ihm unrea­lis­ti­scher­wei­se erwar­tet, dass er die Labour Par­ty wie­der als eine „broad church“ auf­stel­len wür­de. In Abset­zung zum ver­meint­lich ein­ge­eng­ten Weg, den Cor­byn zur Akti­vie­rung poli­ti­scher Arbeit und Erneue­rung von Reprä­sen­ta­ti­ons­struk­tu­ren auf­ge­grif­fen hat­te, wird dar­un­ter ein Par­tei­mo­dell ver­stan­den, das eine brei­te Koali­ti­on von Inter­es­sen, Wer­ten und Grup­pen umfasst und eine star­ke, expli­zit sozia­lis­ti­sche Lin­ke ein­schließt, aber ideo­lo­gisch ins­ge­samt brei­ter auf­ge­stellt ist. „Auf­fäl­li­ger­wei­se haben in den frü­hen 1980er Jah­ren tra­di­tio­nell lin­ke Reprä­sen­tan­ten um Tony Benn als auch spä­ter Tony Blair und Peter Man­del­son auf dem ›rech­ten‹ Flü­gel die­ses Par­tei­mo­dell abge­lehnt. Doch nur so, nicht als markt­kon­for­mer Wahl­ver­ein zur Unter­stüt­zung des Pre­mier­mi­nis­ters (Blair) oder als ideo­lo­gisch geschlos­se­ne links­so­zia­lis­ti­sche Par­tei, kann Labour im bri­ti­schen poli­ti­schen Sys­tem im neu­en Jahr­zehnt mehr­heits­fä­hig wer­den.“[12] Wenn Star­mer „weder Cor­byn noch Blair“ nach­fol­gen wer­de, son­dern einen Mit­tel­weg ein­schla­gen wür­de, sei er auf dem rich­ti­gen Kurs.

Dass Star­mer kein Cor­byn war und ist, wird nach einem Jahr der De-Cor­by­ni­sie­rung nie­mand mehr bestrei­ten. Er ist aber auch kein Blair. Denn „ein erfolg­rei­ches poli­ti­sches Pro­jekt muss einen intel­lek­tu­el­len Kern haben. Es ver­langt eine Ana­ly­se der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on und einen Weg nach vor­ne für das Land in den kom­men­den Jah­ren … In jeder wich­ti­gen Rede hat­te Blair die Wer­te, Prin­zi­pi­en und Posi­tio­nen des New-Labour-Pro­jekts dar­ge­legt, die die Par­tei in die Regie­rung tra­gen soll­ten und dann den Modus bestimm­ten, mit dem sie über zehn Jah­re lang regier­te. Im Gegen­satz dazu setzt Star­mer, genau wie Ed Mili­band von 2010 bis 2015, unbe­hol­fen auf eine Umar­mung der zu den Kon­ser­va­ti­ven gewech­sel­ten Arbei­ter­schich­ten (›Blue Labour‹) mit­hil­fe einer Poli­tik, in der Reli­gi­on, Nati­on und Fami­lie im Mit­tel­punkt ste­hen. Tei­le sei­ner Ana­ly­se sind über­zeu­gend – dass die Men­schen sich nach star­ken Bezie­hun­gen, einem Gefühl der Zuge­hö­rig­keit und Wür­de am Arbeits­platz seh­nen –, aber ins­ge­samt weist er nur auf Pro­ble­me hin, zeigt aber kei­ne Per­spek­ti­ven auf. Es ist eine poli­ti­sche Sack­gas­se. Wenn Star­mer mor­gen als Vor­sit­zen­der abtre­ten wür­de, wür­de er nicht die Spur eines ein­zi­gen sinn­vol­len poli­ti­schen Pro­jekts hin­ter­las­sen.“[13]

Um nicht ganz hin­ter dem Schat­ten Blairs zu ver­schwin­den, greift Star­mer nun mit der Ein­bin­dung von Baron Man­del­son auf die Exper­ti­se eines New-Labour-Akteurs zurück, der am Ende sei­ner Regie­rungs­tä­tig­keit immer­hin selbst­kri­tisch ein­ge­stan­den hat­te, Labour in einen Wahl­ver­ein ver­wan­delt zu haben. Man­del­son ist jener „Fürst der Fins­ter­nis“, der als enger Ver­trau­ter Blairs und als Mit­au­tor des Schrö­der-Blair-Papiers einer der Initia­to­ren der Stra­te­gie neo­li­be­ra­ler Wirt­schafts- und Gesell­schafts­po­li­tik mit sozia­lem Ant­litz war; der sein pri­vat­wirt­schaft­li­ches nicht vom öffent­li­chen Inter­es­se trenn­te; der nach der Wahl Cor­byns zum Par­tei­vor­sit­zen­den die Selbst­ak­ti­vie­rung der Labour-Basis als links­sek­tie­re­ri­schen Aktio­nis­mus dis­kre­di­tier­te; und der mit sei­nen Invek­ti­ven den Kampf der Mehr­heit der Labour-Par­la­ments­frak­ti­on gegen Cor­byn von Anfang an beför­dert hat­te. Bis­her steht die „New Lea­ders­hip“ des jetzt ein Jahr amtie­ren­den Labour-Vor­sit­zen­den Star­mer für eine har­te Aus­gren­zung des sozia­lis­ti­schen Flü­gels der Par­tei; für eine Oppo­si­ti­ons­po­li­tik gegen­über der rechts­po­pu­lis­tisch-natio­na­lis­ti­schen Regie­rung, die selbst unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Erfor­der­nis­se auf­grund der Pan­de­mie nur als nach­sich­tig zu bezeich­nen ist; und für eine poli­ti­sche Vag­heit, nach­dem zen­tra­le Punk­te der bis­he­ri­gen Pro­gram­ma­tik nicht mehr wei­ter ver­folgt wer­den, ohne dass zumin­dest in Umris­sen eine ande­re Reform­alternative ent­wi­ckelt wor­den ist. Eine Par­tei­füh­rung, die inner­par­tei­li­che Zer­strit­ten­heit als Aus­weis von Füh­rungs­stär­ke prä­sen­tiert, wird in der Wäh­ler­schaft kein neu­es Ver­trau­en und kei­ne Zuver­sicht gewin­nen und auch nicht als Pro­mo­tor für Soli­da­ri­tät mit sozia­ler Kom­pe­tenz wahr­ge­nom­men.

Bei den Regio­nal- und Kom­mu­nal­wah­len Anfang Mai steht der neue Kurs der Par­tei erst­mals auf dem Prüf­stand. Die Par­la­ments­wah­len in Schott­land und Wales wer­den nach einem erwei­ter­ten Ver­hält­nis­wahl­recht durch­ge­führt. In Schott­land geht es für Labour dar­um, ob die Par­tei mehr als 10% der Stim­men holt; im klei­nen Wales steht die Ent­schei­dung an, ob sie an der neu­en Regie­rung betei­ligt bleibt. In Lon­don ist unklar, ob die Par­tei wie­der den Bür­ger­meis­ter stel­len und die Mehr­heit im Stadt­par­la­ment ver­tei­di­gen kann. In vie­len Städ­ten und Metro­pol­re­gio­nen wer­den die Wahl­kampf­ak­ti­vi­tä­ten nicht nur wegen der Pan­de­mie, son­dern auch wegen der admi­nis­tra­ti­ven Demo­ti­vie­rung der Par­tei­ba­sis ein­ge­schränkt sein – ein star­kes Han­di­cap, weil hier die Man­da­te nach dem Mehr­heits­wahl­recht ver­ge­ben wer­den. Am ehes­ten wer­den Labour-Politiker:innen, die sich in Metro­pol­re­gio­nen als Bürgermeister:in bewer­ben, ver­ein­zel­te Erfol­ge erzie­len kön­nen.

Es ist abseh­bar, dass selbst bei einem in der Sum­me nega­ti­ven Wahl­er­geb­nis im Mai die Gefahr einer „Pas­oki­fi­zie­rung“ der Labour Par­ty von der Par­tei­füh­rung ver­neint wird. In einem Land, das sein natio­na­les Par­la­ment nach dem Mehr­heits­wahl­recht wählt, und wo Labour immer noch mit den Gewerk­schaf­ten struk­tu­rell eng ver­bun­den ist, sei ein wei­te­rer rapi­der Bedeu­tungs­ver­lust wegen schwin­den­den Rück­halts in der Wäh­ler­schaft bei die­ser Par­tei sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Typs nicht denk­bar. Das jedoch ist ein Irr­glau­be.

Ein Bei­trag von Hin­rich Kuhls lebt in Düs­sel­dorf und arbei­tet in der Sozia­lis­ti­schen Stu­di­en­grup­pe (SOST) mit. Zuletzt schrieb er in Heft 2–2021 von Sozia​lis​mus​.de 2–2021 zu „›Good­bye Euro­pe‹. Groß­bri­tan­ni­en als neu­er Kri­sen­herd nach dem har­ten Bre­x­it.“

Der Arti­kel erschien ursprüng­lich in der aktu­el­len Dezem­ber-Aus­ga­be von Sozia​lis​mus​.de. Kos­ten­lo­se Pro­be­hef­te und (Probe-)Abos gibt’s auf www​.sozia​lis​mus​.de

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[1] Hin­ge­gen hat­ten die Unter­haus-Frak­tio­nen der schot­ti­schen und wali­si­schen Volks­par­tei­en (Scot­tish Natio­nal Par­ty und Plaid Cym­ru) sowie die Grü­nen-Abge­ord­ne­te Lucas geschlos­sen ihre Unter­stüt­zung eines Miss­trau­ens­an­trags und des damit ange­streb­ten Regie­rungs­wech­sels zuge­sagt.

[2] Sie­he z.B. die Wahl­ana­ly­sen in Heft 1–2020 die­ser Zeit­schrift: Hin­rich Kuhls: Har­ter Bre­x­it schlägt pro­gres­si­ve Trans­for­ma­ti­on. Zur Wahl­nie­der­la­ge der Labour Par­ty, S. 2–4, und Flo­ri­an Weis: Old Bri­tain has gone. Doch Vor­sicht vor all­zu ein­fa­chen Erklä­run­gen der Nie­der­la­ge von Cor­byns Labour Par­ty, S. 7–12. Eine umfas­sen­de Stu­die hat Owen Jones (This Land. The Sto­ry of a Move­ment, Lon­don 2020: Allen Lane) vor­ge­legt. Eine über­frak­tio­nell zusam­men­ge­setz­te Kom­mis­si­on (Labour Tog­e­ther) hat im Juni 2020 den »Elec­tion 2019 Review« abge­schlos­sen; www​.labour​tog​e​ther​.uk/​r​e​v​iew und Bericht

[3] Sie­he hier­zu Hin­rich Kuhls: Bür­ger­krieg in der Labour Par­ty. Jere­my Cor­byns Sus­pen­die­rung. Sozialismus.deAktuell, 2.11.2020; /​

[4] Sien­ne Rod­gers: »They remain my prio­ri­ties«. Star­mer recom­mits to lea­ders­hip cam­pai­gn pled­ges. Labour List, 2.10.2020;

[5] The Labour Par­ty (2020): Labour’s Green Eco­no­mic Reco­very;

[6] Angus Satow: Labour back­tracks on its green agen­da. Labour Hub, 16.11.2020;

[7] Seán Patrick Grif­fin (2020): Rema­king the Bri­tish Sta­te: For the Many, Not the Few. A report pro­du­ced on behalf of the Labour Par­ty;

[8] Keir Star­mer: Speech on A New Chap­ter for Bri­tain. The Labour Par­ty, 18.2.2021;

[9] Dan Lewer, Micha­el Mar­mot et al. (2020): Pre­ma­tu­re mor­ta­li­ty attri­bu­ta­ble to socio­eco­no­mic ine­qua­li­ty in Eng­land bet­ween 2003 and 2018: an obser­va­tio­nal stu­dy. In: The Lan­cet Public Health 5 (1), e33-e41. DOI: 10.1016/S2468-2667(19)30219–1. Vgl. auch den Kurz­be­richt: Sarah Bose­ley: Aus­teri­ty bla­med for life expec­tancy stal­ling for first time in cen­tu­ry. In: The Guar­di­an vom 25.2.2020;

[10] Web­site: nohol​ding​back​.org​.uk/ Vgl. dort Jon Trickett/​Ian Lavery/​Laura Smith: The Chal­len­ge for Labour. Autumn 2020.

[11] Web­site: thecor​byn​pro​ject​.com/ Vgl. Jere­my Cor­byn: Why I’m Laun­ching a Pro­ject for Peace and Jus­ti­ce. Jaco­bin, 13.12.2020;

[12] Flo­ri­an Weis: Weder Cor­byn noch Blair. Labours Neu­an­fang mit Keir Star­mer und Ange­la Ray­ner. In: Sozia​lis​mus​.de, Heft 5–2020, S. 57.

[13] Tom Kiba­si: Keir Starmer’s lea­ders­hip needs an urgent cour­se cor­rec­tion. In: The Guar­di­an vom 16.2.2021;

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