[gfp:] Europas erstes Weltraummanöver

AsterX

Im Rah­men der Übung „AsterX“ [1], des ers­ten Welt­raum­ma­nö­vers in Euro­pa über­haupt, das ver­gan­ge­ne Woche vier Tage lang in Tou­lou­se durch­ge­führt wur­de, trai­nier­ten rund 60 Sol­da­ten ver­schie­de­ne Maß­nah­men zum Schutz vor Angrif­fen im All. So habe man etwa die Atta­cke eines feind­li­chen Satel­li­ten abzu­weh­ren trai­niert, der einen Satel­li­ten eines ver­bün­de­ten Staa­ten­bun­des habe zer­stö­ren sol­len, hieß es anschließend.[2] Dar­über hin­aus habe man einen über­ra­schen­den Über­fall von zwei Nano­sa­tel­li­ten auf­ge­deckt, die jeweils – bei einem Gewicht von nur eini­gen hun­dert Gramm – die Fähig­keit beses­sen hät­ten, einen feind­li­chen Satel­li­ten zu ver­nich­ten. Es sei dabei gelun­gen, den von ihnen bedroh­ten eige­nen Flug­kör­per durch die Ände­rung sei­ner Umlauf­bahn in Sicher­heit zu brin­gen. AsterX habe nicht nur dazu bei­getra­gen, die Fähig­keit zur Ana­ly­se eines unbe­kann­ten Objekts im Welt­raum zu trai­nie­ren; man habe auch die Stö­rung von geg­ne­ri­schen Signa­len durch das Blen­den eines feind­li­chen Geräts durch­ge­spielt, wird berich­tet. Betei­ligt waren neben den zustän­di­gen Ein­hei­ten aus Frank­reich Mili­tärs aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, aus Ita­li­en und aus der Bun­des­re­pu­blik – Ver­bin­dungs­be­am­te des deut­schen Welt­raum­la­ge­zen­trums in Uedem am Niederrhein.[3]

Deutschlands Weltraumoperationszentrum

Die deut­sche Betei­li­gung an AsterX ist auch des­halb von Bedeu­tung, weil die Bun­des­wehr seit gerau­mer Zeit ihre eige­nen Welt­raum­ak­ti­vi­tä­ten aus­wei­tet. Das „Welt­raum­la­ge­zen­trum“ in Uedem, das bereits 2009 ein­ge­rich­tet wur­de, ist vor allem mit der Beob­ach­tung des Welt­raums und dem Auf­spü­ren mög­li­cher Gefah­ren für Deutsch­lands zivi­le und mili­tä­ri­sche Welt­raumin­fra­struk­tur befasst. Dazu gehört neben der Beob­ach­tung von Welt­raum­schrott, der Satel­li­ten durch Kol­li­si­on beschä­di­gen oder sogar zer­stö­ren kann, auch das Aus­spio­nie­ren poten­zi­ell geg­ne­ri­scher Flug­kör­per im All. Das Welt­raum­la­ge­zen­trum kann dazu inzwi­schen auch Daten des ers­ten deut­schen Welt­raum­ra­dars (GESTRA, Ger­man Expe­ri­men­tal Space Sur­veil­lan­ce and Tracking Radar) nut­zen, das im Herbst 2020 bei Koblenz auf­ge­stellt wur­de und Welt­raum­ob­jek­te im nied­ri­gen Erdor­bit auf­spü­ren kann.[4] Es trägt zur erstreb­ten Unab­hän­gig­keit Deutsch­lands von US-Welt­raum­da­ten bei. Ergän­zend hat die Bun­des­wehr im Sep­tem­ber 2020, gleich­falls in Uedem, eine Zen­tra­le für die Füh­rung künf­ti­ger deut­scher Welt­raum­ope­ra­tio­nen (ASOC, Air and Space Ope­ra­ti­ons Cent­re) in Dienst gestellt. Bereits zuvor hat­te das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um im März 2017 eine eige­ne „Stra­te­gi­sche Leit­li­nie Welt­raum“ verabschiedet.[5]

Frankreichs Luft- und Weltraumstreitkräfte

In der EU kon­kur­riert die Bun­des­wehr bei der mili­tä­ri­schen Nut­zung des Alls vor allem mit den Streit­kräf­ten Frank­reichs. Paris hat am 3. Sep­tem­ber 2019, auf­bau­end auf dem 2010 geschaf­fe­nen Com­man­de­ment inter­ar­mées de l’e­space (CIE), ein neu­es Welt­raum­kom­man­do (Com­man­de­ment de l’e­space, CDE) gegrün­det, das spä­tes­tens 2025 mit rund 500 Sol­da­ten voll ein­satz­fä­hig sein soll. Dafür stellt die Regie­rung 4,3 Mil­li­ar­den Euro bereit. Das CDE nimmt alle inzwi­schen bestehen­den Welt­raum­ein­rich­tun­gen der fran­zö­si­schen Streit­kräf­te auf, etwa das Cent­re mili­taire d’ob­ser­va­ti­on par satel­li­tes (CMOS) und das Cent­re opé­ra­ti­on­nel de sur­veil­lan­ce mili­taire des objets spa­ti­aux (COSMOS). Es ist sei­ner­seits in die Luft­waf­fe inte­griert, die dazu am 11. Sep­tem­ber 2020 in „Luft- und Welt­raum­streit­kräf­te“ (Armée de l’air et de l’e­space) umbe­nannt wor­den ist. Die­se sol­len in Zukunft Welt­raum­waf­fen erhal­ten – etwa Laser­ka­no­nen zur Aus­schal­tung feind­li­cher Solar­an­la­gen und Sen­so­ren, aber auch Waf­fen, die mit Mikro­wel­len­bün­deln oder elek­tro­ma­gne­ti­schen Impul­sen ope­rie­ren; zudem ist die Beschaf­fung von Welt­raum­droh­nen im Gespräch.[6] Errich­tet wird das CDE in Tou­lou­se, dem Zen­trum der fran­zö­si­schen Welt­raum­for­schung (Cent­re Natio­nal d’Étu­des Spa­tia­les, CNES) und ‑indus­trie (Air­bus, Tha­les).

NATO: das fünfte Operationsgebiet

Die Maß­nah­men Deutsch­lands und Frank­reichs sind Teil einer sys­te­ma­ti­schen Aus­wei­tung der west­li­chen Mili­tär­ak­ti­vi­tä­ten im All. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben im Dezem­ber 2019 ihre Space For­ce aus der Air For­ce aus­ge­glie­dert und sie zu einer eige­nen Teil­streit­kraft auf­ge­wer­tet. Sie ver­fügt die­ses Jahr über Mit­tel in Höhe von 15,4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar; in den kom­men­den Jah­ren soll ihr Bud­get Insi­dern zufol­ge wei­ter auf­ge­stockt werden.[7] Groß­bri­tan­ni­ens Pre­mier­mi­nis­ter Boris John­son hat am 18. Novem­ber 2020 die Grün­dung eines eige­nen Welt­raum­kom­man­dos in Aus­sicht gestellt; zudem ist die mili­tä­ri­sche Nut­zung eines künf­ti­gen Welt­raum­bahn­hofs in Schott­land im Gespräch.[8] Die NATO wie­der­um hat bereits 2019 eine neue „Welt­raum­po­li­tik“ beschlos­sen und auf ihrem Gip­fel­tref­fen am 3./4. Dezem­ber 2019 den Welt­raum offi­zi­ell zu ihrem fünf­ten Ope­ra­ti­ons­ge­biet erklärt – neben Land, Was­ser, Luft und Cyber. Dar­über hin­aus rich­tet die NATO ein neu­es „Cen­ter of Excel­lence“ für die Krieg­füh­rung im Welt­raum ein. Wie alle ande­ren Cen­ters of Excel­lence hat es die Auf­ga­be, Ana­ly­sen zu erstel­len, Stra­te­gien zu ent­wi­ckeln und Trai­nings­pro­gram­me durch­zu­füh­ren. Bewor­ben hat­te sich Deutsch­land, wo auf der U.S. Air Base Ram­stein ein NATO Space Cen­ter errich­tet wird.[9] Den Zuschlag ging dann aber an Tou­lou­se.

Satelliten im Fokus

Die aktu­el­len Pla­nun­gen für etwai­ge Welt­raum­krie­ge kon­zen­trie­ren sich stark auf Satel­li­ten. Zur Zeit schwe­ben laut Schät­zung von Exper­ten bereits mehr als 3.000 Satel­li­ten im Orbit; in den kom­men­den Jah­ren wird ihre Zahl vor­aus­sicht­lich stark zuneh­men. Sie wer­den sowohl zivil wie auch mili­tä­risch genutzt und sind schon im heu­ti­gen zivi­len All­tag fak­tisch unver­zicht­bar: Auf ihnen beru­hen zahl­lo­se Anwen­dun­gen von der Navi­ga­ti­on über die Kom­mu­ni­ka­ti­on bis zur Wet­ter­be­ob­ach­tung. Wer­den sie beschä­digt oder gar zer­stört, dro­hen dra­ma­ti­sche Fol­gen. Bis­her sind zumin­dest die USA, Russ­land und Chi­na schon in der Lage, sie mit Cyber­at­ta­cken, durch Jam­men oder auch durch Blen­den per Laser aus­zu­schal­ten. Exper­ten hal­ten es für denk­bar, sie künf­tig auch durch Besprü­hen ihrer Lin­sen oder ihrer Solar­mo­du­le zu neutralisieren.[10] Zudem sind meh­re­re Staa­ten, etwa auch Indi­en, in der Lage, geg­ne­ri­sche Satel­li­ten mit Rake­ten zu zer­stö­ren. Dabei ent­stün­de Welt­raum­schrott – im All her­um­flie­gen­de Trüm­mer -, der womög­lich ande­re Satel­li­ten tref­fen und ver­nich­ten könn­te; unkon­trol­lier­ba­re Ket­ten­re­ak­tio­nen sind nicht aus­zu­schlie­ßen. Wegen der Fol­ge­schä­den bei den mili­tä­ri­schen wie auch bei den zivi­len Anwen­dun­gen ist das Zer­stö­rungs­po­ten­zi­al unkal­ku­lier­bar.

[1] Der Manö­ver­na­me „AsterX“ ist an den Namen des ers­ten Satel­li­ten ange­lehnt, den Frank­reich 1965 ins All schick­te („Aste­rix“).

[2] Opé­ra­ti­on réus­sie pour le pre­mier exer­ci­ce mili­taire spa­ti­al fran­çais, bap­ti­sé « AsterX ». lemon​de​.fr 12.03.2021.

[3] S. dazu Bun­des­wehr­ope­ra­tio­nen im Welt­raum.

[4] Mehr Sicher­heit im All – Welt­raum­ra­dar GESTRA ist start­klar. dlr​.de 13.10.2021.

[5] S. dazu Krieg im Welt­raum.

[6] Guer­ric Pon­cet: La Fran­ce crée offi­ci­el­lement son com­man­de­ment de l’e­space. lepoint​.fr 03.09.2019.

[7] Nathan Strout: Pen­ta­gon expec­ted to incre­a­se Space For­ce fun­ding in com­ing years. c4isr​net​.com 20.11.2020.

[8] Geor­ge Alli­son: New RAF space com­mand to launch rockets from Scot­land. ukde​fen​ce​jour​nal​.org​.uk 19.11.2020.

[9] S. dazu Ein mili­tä­ri­scher „Kom­pe­tenz­clus­ter Welt­raum“.

[10] Ramin Skib­ba, Undark: The Ripp­le Effects of a Space Skir­mish. the​at​lan​tic​.com 12.07.2020.

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