[KgK:] Not even close to Breaking Even

Wann wur­de im deut­schen Fern­se­hen zum letz­ten Mal ein fik­tio­na­ler deut­scher Fami­li­en-Clan so psy­cho­pa­thisch dar­ge­stellt wie die Lin­de­manns in Brea­king Even? Wann gab es zuletzt eine Schwar­ze Prot­ago­nis­tin in einer deut­schen Fern­seh­se­rie, deren Funk­ti­on nicht war, Schwarz zu sein, um Diver­si­tät abzu­de­cken, son­dern gegen die deut­schen Clan­struk­tu­ren der hie­si­gen poli­ti­schen Öko­no­mie zu ermit­teln? Wann wur­de deut­scher Akti­vis­mus ein­mal so unter­halt­sam demas­kiert wie bei dem jun­gen Erben des Fami­li­en-Clans?

Die Fern­seh­se­rie Brea­king Even von Boris Kunz und Rafa­el Paren­te soll trotz posi­ti­ven Kri­ti­ken und viel Zuspruch in sozia­len Medi­en kei­ne zwei­te Staf­fel bekom­men. Im Spie­gel schrieb Oli­ver Kae­ver, ZDF­neo gelän­ge mit der „wuch­ti­gen und düs­te­ren“ Kri­mi­nal­se­rie Serie end­lich ein „Net­flix-Moment“. Auch auf ande­ren online Por­ta­len fällt die Kri­tik zuguns­ten der Hor­ror-Thril­ler-Serie aus, das unter ande­rem für Span­nung, Zeit­geist Refle­xi­on, Musik und Ästhe­tik gelobt wird. ZDF­neo spricht indes davon, dass die „Erwar­tun­gen weder im TV noch in der Media­thek erfüllt“ wer­den konn­ten. Die Kritiker:innen, die mit #Save­Brea­kin­gE­ven neben­bei eine krea­ti­ve Kam­pa­gne für den Erhalt der Serie auf Twit­ter und Insta­gram gestar­tet haben, wen­den dem­ge­gen­über ein, dass die Serie weder rich­tig bewor­ben noch die neu­en Auf­ru­fe seit der Kam­pa­gne berück­sich­tigt wur­den.

Die unter­halt­sams­te Kri­tik zu Brea­king Even gab es in der FAZ von Hei­ke Hupertz mit „O schaut, die­se ruch­lo­sen Kapi­ta­lis­ten“, die sich unter ande­rem dar­an stör­te, dass im Fami­li­en-Clan Lin­de­mann mal der „Vor­stand und mal der Auf­sichts­rat“ ent­schei­de. „Haupt­sa­che, sie sind alle grund­bö­se oder strunz­dumm, die­se eis­kal­ten Kapi­ta­lis­ten mit ihren Lei­chen im Kel­ler und dem Dau­er­är­ger mit dem Per­so­nal, das unprak­ti­scher­wei­se frucht­ba­rer scheint als die eige­ne Sip­pe.“ Wenn das deut­sche Klein­bür­ger­tum sich bemü­ßigt sieht, einen der­ar­ti­gen Ver­riss über die nega­ti­ve Dar­stel­lung kapi­ta­lis­ti­scher Clan­struk­tu­ren zu publi­zie­ren, kann man sicher sein, dass die Serie trotz eini­gen offen­sicht­li­chen for­ma­len Schwä­chen genau ins Wei­ße trifft.

Der Auto­mo­bil­clan Lin­de­mann, der lose dem zeit­wei­se größ­ten Kon­zern Euro­pas Thys­sen­Krupp nach­emp­fun­den ist, sieht sich bei sei­ner 100-Jahr-Fei­er mit eini­gen Pro­ble­men kon­fron­tiert. Der aktu­el­le Patri­arch Bene­dikt Lin­de­mann setzt auf eine Trans­for­ma­ti­on des Unter­neh­mens durch selbst­fah­ren­de Tech­no­lo­gien in Rich­tung grü­ner Kapi­ta­lis­mus. Sei­ne Toch­ter Char­lot­te Lin­de­mann lei­tet das Pro­jekt selbst­fah­ren­des Auto unter dem Mar­ken­na­me „Lin­di“ per­fek­tio­nis­tisch, über­fährt jedoch bei einer Test­fahrt eine Fahr­rad­fah­re­rin. Es kommt zum Skan­dal, der von Bene­dikts exzen­tri­scher Mut­ter Leo­no­re und sei­nem hedo­nis­ti­schen Bru­der Maxi­mi­li­an für einen Macht­kampf um das Unter­neh­men genutzt wird. Sie wol­len die Aus­rich­tung des Kon­zerns ver­än­dern und stre­ben eine Fokus­sie­rung auf Ver­bren­nungs­mo­tor und Koh­le-Kapi­ta­lis­mus an. Zum Lin­de­mann-Clan gehö­ren zudem Bene­dikts Vater, der seni­le Alt­pa­tri­arch Jakob, Bene­dikts Schwes­ter Vik­to­ria, die sich um ihn küm­mert, sowie sei­ne Ehe­frau und sein Sohn.

Die Kri­tik der FAZ hat mit Sicher­heit Recht, wenn sie sagt, dass die Serie in der Beschrei­bung des Fami­li­en­clans eini­ge vul­gär­mar­xis­ti­schen Zeich­nun­gen vor­nimmt. Ange­sichts von Skan­da­len bei VW oder Tön­nies stellt sich aller­dings die Fra­ge, ob die Rea­li­tät nicht noch um eini­ges „vul­gä­rer“ ist als die pla­ka­ti­ve Dar­stel­lung der Lin­de­manns. Die eher düs­te­re Thril­ler-Serie über­dreht die Kli­schees mit einem iro­ni­schen Augen­zwin­kern, das bei etwas weni­ger pedan­ti­schen Zuschauer:innen bestimmt für unbe­hag­li­ches Lachen sor­gen wird. So die inzes­tuö­se Bezie­hung zwi­schen Leo­no­re und ihrem Lieb­lings­sohn Maxi­mi­li­an, den sie zum Bei­spiel beim pro­vo­ka­ti­ven Sex mit der Freun­din auf ihrem Lieb­lings­tisch beglück­wünscht, end­lich in eine puber­tär-rebel­li­sche Pha­se ein­ge­tre­ten zu sein.

Die Ant­ago­nis­tin­nen des Auto­mo­bil-Impe­ri­ums sind die mit ihrem Groß­va­ter David in Armut leben­de Jen­ny Rös­ner (Sin­je Irs­lin­ger), deren Mut­ter als Ange­stell­te des Clans ermor­det wur­de, und die Schwar­ze Juris­tin Nora Shaheen (Lor­na Ishe­ma), die bei den Lin­de­manns zunächst Kar­rie­re machen will. Im Lau­fe der Serie fin­den die bei­den unor­tho­do­xen Ermitt­le­rin­nen her­aus, dass Jakob Lin­de­mann in Wahr­heit im KZ ermor­det wur­de und ein deut­scher KZ-Auf­se­her sei­ne Iden­ti­tät annahm. Der zunächst vage als jüdisch dar­ge­stell­te Fami­li­en­clan dekon­stru­iert sich als post­na­zis­ti­sches Unter­neh­men. Der erst­ge­bo­re­ne Sohn von Jakob Lin­de­mann David wur­de von der Fami­lie gemobbt, sys­te­ma­tisch gegas­ligh­ted und ver­sto­ßen. Er lebt mit sei­ner Enke­lin in einem her­un­ter­ge­kom­men Wohn­wa­gen und ver­sucht die Wahr­heit, an der sei­ne Toch­ter starb, durch Alko­hol weg­zu­drü­cken. Jen­ny, so stellt sich her­aus, ist eine Art spät­ge­bo­re­ne jüdi­sche Par­ti­sa­nin, die sich an der deut­schen Erfolgs­sto­ry vom KZ-Auf­se­her zum Mil­li­ar­där rächen will. Brea­king even.

Der seni­le Alt­pa­tri­arch und ehe­ma­li­ge KZ-Auf­se­her ver­spürt in den spä­te­ren Fol­gen Reue und möch­te sich das schlech­te Gewis­sen über ein Geständ­nis auf dem Toten­bett erleich­tern. Der aktu­el­le Patri­arch Bene­dikt erstickt ihn aller­dings zuvor mit einem Kis­sen und erläu­tert gelang­weilt, dass nur er ver­stan­den habe was es bedeu­te „Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men“. Die­se For­mu­lie­rung weckt Asso­zia­tio­nen an das, was Anna Arendt über Adolf Eich­mann in Jeru­sa­lem geschrie­ben hat­te: Die „Bana­li­tät des Bösen“ bestehe dar­in, nur ein Zahn­rad der faschis­ti­schen Ver­nich­tungs­ma­schi­ne gewe­sen zu sein. Auch der – nun post­na­zis­ti­sche – deut­sche Kapi­ta­list erfüllt nur sei­ne Funk­ti­on in der Auf­recht­erhal­tung des Unter­neh­mens, auch wenn dies bedeu­tet, die Nach­kom­men des wirk­li­chen Jakob Lin­de­manns zu ermor­den oder eben den eige­nen Vater.

Kaum eine Figur ver­kör­pert so den funk­tio­na­len Psy­cho­pa­then des kapi­ta­lis­ti­schen Wes­tens wie Bene­dikt Lin­de­mann: ange­se­hen, höf­lich, weni­ger „mora­lisch“ ver­dor­ben als sei­ne deka­den­te Mut­ter und sein Bru­der, ein­fach, effi­zi­ent. Sei­ne Toch­ter Char­lot­te ist sei­ne Wahl­nach­fol­ge­rin, die als funk­tio­na­le Psy­cho­path­in aller­dings zer­bricht, weil sie den auf­er­leg­ten Per­fek­tio­nis­mus nicht erfül­len kann, letzt­lich weil ihr Vater es nicht schafft, das not­wen­di­ge Min­dest­maß an emo­tio­na­ler Für­sor­ge zu leis­ten. Sie flüch­tet in den spä­te­ren Fol­gen nach ihrer Ent­las­sung im Zuge der Lin­di-Kri­se nach Chi­na, um einen von chi­ne­si­schen Inves­to­ren gestütz­ten Über­nah­me­ver­such gegen ihre Groß­mutter, ihren Onkel und den im Ver­lauf des Macht­kampfs geschass­ten Vater zu exe­ku­tie­ren. Klar, kapi­ta­lis­ti­sche Fami­li­en-Clans kön­nen so viel Unter­ge­be­ne ein­stel­len wie sie wol­len, aber für ihre Repro­duk­ti­on ist letzt­lich auch eine gewis­se emo­tio­na­le Für­sor­ge not­wen­dig.

Die mit Sicher­heit inter­es­san­tes­te Figur der Serie ist Nora Shaheen, die zwar als Juris­tin bei den Lin­de­manns ein­ge­stellt wur­de, aber bald schon eine eige­ne Agen­da ver­folgt. Ihre letzt­end­li­chen Moti­ve wer­den in der ers­ten Staf­fel nicht erklärt, sie erscheint jedoch nur auf den ers­ten Blick als „unan­fecht­ba­re Mora­lis­tin“. Viel eher ent­wi­ckelt die Figur einen neu­en Typ Kom­mis­sa­rin, die aus prak­ti­scher Klug­heit Kar­rie­re­an­sprü­che mit non­kon­for­men Hand­lun­gen abwägt. Eine unan­fecht­ba­re Mora­lis­tin wür­de wohl kaum für solch einen Fami­li­en­clan arbei­ten wol­len; Nora Shaheen ist kei­ne Hel­din der Schwar­zen Arbeiter:innenklasse. Die Per­son, die den akti­vis­ti­schen „mora­li­schen“ Ges­tus ver­kör­pert, ist Bene­dikt Lin­de­manns Sohn Kon­stan­tin; die­ser wird aber durch sei­ne Heu­che­lei schnell als Teil deut­scher Bewusst­seins­er­leich­te­rung demas­kiert.

Nora Shaheen räumt dem­ge­gen­über mit ver­dräng­ter deut­scher Geschich­te auf, nicht pri­mär aus mora­li­schen Grün­den, son­dern nur aus prag­ma­ti­schen, um zu hel­fen und weil es sonst nie­mand macht: nicht die Poli­zei, nicht Journalist:innen und auch kei­ne Zivil­ge­sell­schaft oder Gewerk­schaft. Die Kon­trol­le kapi­ta­lis­ti­scher Clans exis­tiert schlicht nicht.

So wenig die Dar­stel­lung ihrer Per­son und ihrer Fami­lie gän­gi­gen Kli­schees ent­spricht und eine Rei­fi­zie­rung von abge­wer­te­tem Schwarz-Sein vor­ge­nom­men wird, so kann man doch fra­gen, ob ein Kon­trast von ego­zen­tri­schen Wei­ßen und sich um ande­re sor­gen­de Schwar­zen gezeich­net wird. Damit wird die Tro­pe „der auf­op­fe­runs­vol­len Schwar­zen Frau, die den Tag ret­tet“ (re)produziert, dass die Funk­ti­on der Schwar­zen Hel­din ist, das Cha­os der Wei­ßen auf­zu­räu­men. Und wei­ter gefasst könn­te der Lin­de­mann-Clan ja eine Ret­tung des deut­schen Kapi­ta­lis­mus durch „Diver­si­tät“ pro­jek­tie­ren.

In die­sem Sinn ist die Serie nicht scha­blo­nen­haft, auf der einen Sei­te das gute ras­si­fi­zier­te Sur­plus-Pro­le­ta­ri­at, auf der ande­ren die bösen wei­ßen Kapitalist:innen. son­dern bil­det rea­le Kon­flik­te und auch kom­ple­xe Fra­gen von Reprä­sen­ta­ti­on und Teil­ha­be ab. Nora möch­te eigent­lich nur Kar­rie­re machen, aber sie merkt, dass das nicht mög­lich ist. Aus mar­xis­ti­scher Per­spek­ti­ve wis­sen wir, dass nicht eine ein­zel­ne Anwäl­tin mit den kapi­ta­lis­ti­schen Clan-Struk­tu­ren auf­räu­men kann, son­dern nur ein Bünd­nis aus Arbeiter:innen und Aus­ge­schlos­se­nen. Die Serie geht von einem libe­ra­len Set­ting aus und ver­han­delt den Lin­de­mann-Clan im Regis­ter von mora­li­scher Ver­kom­men­heit. Aber über die Serie hin­aus­ge­hen wis­sen wir ja, dass die­se mora­li­sche Ver­kom­men­heit und Kor­rup­ti­on auch ein Aus­druck objek­ti­ver Ver­hält­nis­se ist. Dass nicht ein bes­se­re Unter­neh­mens­füh­rung braucht, son­dern eine Ent­eig­nung durch die Arbeiter:innen.

Wich­tig wäre es, die bis­her dar­ge­stell­ten Span­nun­gen wei­ter zu ent­wi­ckeln, weil weder in der Serie noch in der Rea­li­tät ein „Brea­king Even“ zwi­schen den Herr­schen­den und den Unter­drück­ten auch nur in Sicht ist. Not even clo­se to brea­king even. Fol­ge­rich­tig ver­sucht der Pro­test in den sozia­len Medi­en sich für eine Wei­ter­füh­rung der Serie ein­set­zen. Die Kam­pa­gne #Save­Brea­kin­gE­ven von @MCCharpentiee und @_fl_Ash bemüht sich des­we­gen jeden Abend auf Twit­ter in krea­ti­ver Wei­se mit dem The­men von Brea­king Even, aber auch mit den Ent­schei­dungs­struk­tu­ren des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Auch hier­bei gilt es ja im All­ge­mei­nen Hege­mo­nie­ver­hält­nis­se zu ver­än­dern, Fern­seh­an­stal­ten zu ver­ge­sell­schaf­ten und mehr Seri­en im Sin­ne der unter­drück­ten Klas­sen zu för­dern. Damit der Fami­li­en­clan Lin­de­mann von einer Arbeiter:innen-Einheitsfront mit Ent­eig­nung bedroht wird, fehlt noch ein biss­chen etwas.

Klas­se Gegen Klas­se