[UG-Blättle:]Lost Highway

Es gibt Kri­ti­ker der Fil­me von David Lynch, die mei­nen, die­se wür­den sich ein­fa­chen Inter­pre­ta­tio­nen ent­zie­hen, sie sei­en schwer zugäng­lich und bedürf­ten sozu­sa­gen des päd­ago­gi­schen Begleit­hef­tes.

Bild: Pro­fi­le von David Lynch, Janu­ar 2007. /​repo­se (CC BY-SA 2.0 crop­ped)

„Die Unschuld wird vor allem von einem getö­tet –
der Angst. Meine›unschuldigen‹ Figu­ren fal­len
irgend­wann vom Him­mel und müs­sen die Höl­le
durch­que­ren, um wie­der mit einer gewis­sen Unschuld
über­le­ben zu kön­nen” (David Lynch in einem
Inter­view im Film­bul­le­tin 2/​1997, Heft 211).

Ich wür­de sagen: Jeder sieht sei­nen eige­nen Film, wie jeder auch sein eige­nes Buch liest. An Lynchs Fil­men wird – ob er das beab­sich­tigt oder nicht – zumin­dest das ganz deut­lich, unab­hän­gig davon, was Lynch selbst in sei­ne Wer­ke hin­ein­ge­packt hat bzw. hin­ein­pa­cken woll­te. Tau­sen­de von Inter­pre­ta­tio­nen zu einem Film sind mög­lich. Bei Lynch ist nur beson­ders auf­fäl­lig, was bei ande­ren Fil­men eher als „guter” Film kon­tra „schlech­ter” Film an der Ober­flä­che zu beob­ach­ten ist. Lynchs Fil­me machen offen­bar, wel­che Band­brei­te an Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten Fil­me an sich zulas­sen: so vie­le, wie die Zahl der Per­so­nen, die sei­ne Film gese­hen haben (von über­schnei­den­den Ansich­ten und Emp­fin­dun­gen ein­mal abge­se­hen).

Zunächst aber zum Inhalt, den ich knapp hal­te ange­sichts der Fül­le der Ereig­nis­se in „Lost High­way”.

Als ob er auf die­se Ansa­ge durch die Tür­sprech­an­la­ge gewar­tet habe, doch gleich­zei­tig nicht weiss, was die­se Nach­richt bedeu­ten soll, hört der Saxo­pho­nist Fred Madi­son (Bill Pull­man) eine Stim­me mit der Nach­richt „Dick Lau­rent ist tot”. Madi­son steckt in einer Ehe­kri­se, schaut zu, wie sei­ne Frau Renee (Patri­cia Arquet­te) eine Affä­re nach der ande­ren hat, ohne das vor Fred gross zu ver­heim­li­chen.

Zwei Video­fil­me, die dem Paar anonym geschickt wer­den, zei­gen Auf­nah­men ihres Hau­ses und von ihnen selbst, wie sie schla­fen. Die Poli­zei kann nichts Ver­däch­ti­ges fest­stel­len. Noch mys­te­riö­ser geht es auf einer Par­ty von Andy (Micha­el Mas­see), einem Bekann­ten von Dick Lau­rent (Robert Log­gia) zu. Ein Unbe­kann­ter (Robert Bla­ke) spricht Fred an und behaup­tet, zur glei­chen Zeit in Freds Haus zu sein. Er gibt Fred eine Han­dy, mit dem er bei sich zu Hau­se anruft und die­sel­be Stim­me am Tele­fon hört. „Wie sind Sie in mein Haus gekom­men?”, fragt Fred. Ant­wort: „Sie haben mich ein­ge­la­den. Es ist nicht mei­ne Art, dort­hin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin.”

Andern­tags erhält Fred ein wei­te­res Video­band, auf dem er neben der blut­über­ström­ten, zer­stü­ckel­ten Lei­che sei­ner Frau zu sehen ist.

Fred wird ver­haf­tet und zum Tode ver­ur­teilt. In der Zel­le hat er immer wie­der Phan­ta­sien an die Video­bän­der und die ande­ren merk­wür­di­gen Ereig­nis­se, bekommt star­ke Kopf­schmer­zen. Als eini­ge Zeit spä­ter ein Gefäng­nis­wär­ter in sei­ne Zel­le schaut, sieht er eine völ­lig ande­re Per­son. Fred ist ver­schwun­den. Statt des­sen sitzt Pete Day­ton (Balt­ha­zar Get­ty) dort, der kei­ne Erin­ne­rung mehr hat, wie er dort­hin gekom­men ist. Die Poli­zei muss Pete lau­fen las­sen, da nichts gegen ihn vor­liegt, lässt ihn aber durch zwei Beam­te stän­dig beob­ach­ten.

Pete arbei­tet als Auto­me­cha­ni­ker. Stamm­kun­de in der Werk­statt ist auch Mr. Eddy (Robert Log­gia), ein Gangs­ter, der mit Por­no­fil­men Geld macht. Eines Tages erscheint Mr. Eddy mit einer blon­den schö­nen jun­gen Frau, Ali­ce (Patri­cia Arquet­te), die Renee fast wie aus dem Ei gepellt ähn­lich sieht, nur dass letz­te­re schwar­ze Haa­re hat(te). Pete ver­liebt sich sofort in sie, lässt sei­ne Freun­din Shei­la (Nata­sha Greg­son Wag­ner) fal­len und ver­bringt meh­re­re Näch­te mit Ali­ce, die für Mr. Eddie als Por­no­star arbei­tet. Da der von der Affä­re mit Pete nichts erfah­ren darf, über­re­det Ali­ce Pete, Andy in des­sen Haus zu über­fal­len, ihn zu berau­ben und zu flüch­ten.

Pete schleicht sich in Andys Haus und schlägt ihn nie­der. Als Andy sich halb benom­men auf Pete stür­zen will, weicht die­ser aus und Andy fällt mit dem Kopf so auf die Ecke eines Tisches, dass die Tisch­plat­te ihm den Schä­del spal­tet.

Ali­ce und Pete flüch­ten in die Wüs­te zu einem Haus, schla­fen noch­mals mit­ein­an­der. Andys Wunsch „Ich will Dich! Ich will Dich!” beant­wor­tet Ali­ce mit einem har­ten, kal­ten: „Du wirst mich nie­mals krie­gen” und ver­schwin­det.

Kaum hat sie dies gesagt, ver­wan­delt sich Pete in Fred. Als er ihr fol­gen will, steht plötz­lich der mys­te­riö­se Mann mit der Video­ka­me­ra vor ihm. „Wo ist Ali­ce?” fragt er: „Ihr Name ist Ren­ne”, bekommt er harsch zur Ant­wort. Fred fährt mit dem Auto weg, wird dabei von dem Unbe­kann­ten auf Video gefilmt und sieht sich wie­der im „Lost High­way Hotel” bei Dick Lau­rent, der gera­de mit Renee schla­fen will. Fred packt Dick, schlägt ihn zusam­men, lädt ihn in den Kof­fer­raum sei­nes Autos und bringt ihn hin­aus in die Wüs­te. Als er Lau­rent aus dem Kof­fer­raum zerrt, kommt es zu einem Hand­ge­men­ge.

Plötz­lich gibt der Unbe­kannt Fred ein Mes­ser in die Hand, mit dem Fred Lau­rent die Keh­le auf­schlitzt. Doch Lau­rent lebt noch. Er kann dem unbe­kann­ten Zwerg noch ins Gesicht sehen und sagen: „Sie und ich, Mis­ter, wir stel­len all die ande­ren Scheiss­ker­le bei wei­tem in den Schat­ten.” Dann erschiesst der Unbe­kann­te Lau­rent. Fred sitzt einen Moment bei der Lei­che. Am Mor­gen fährt er nach Hau­se, drückt die Klin­gel und spricht in die Tür­sprech­an­la­ge: „Dick Lau­rent ist tot.”

Die Mög­lich­kei­ten, einen Film wie „Lost High­way” zu ver­ste­hen, sind viel­fäl­tig, je nach Blick­win­kel und Art der Per­spek­ti­ve, intel­lek­tu­ell oder – was Lynch selbst bevor­zugt – intui­tiv. Dabei ist kei­ne die­ser Per­spek­ti­ven „die rich­ti­ge”; und es ist auch mög­lich, dass eine Per­son aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven „gleich­zei­tig” beob­ach­tet, wer­tet, erfühlt.

Die Handlungsperspektive …

… behaup­tet: Zen­tral in „Lost High­way” ist eine Hand­lung, die sich sozu­sa­gen im Kreis ver­liert. Die­ser Kreis schliesst sich zum Anfang hin zurück oder vor­an. Die zeit­li­che Per­spek­ti­ve scheint auf­ge­ho­ben. Die Hand­lung vor­an treibt ein mys­te­riö­ser Mann, nicht Fred /​Pete oder Renee /​Ali­ce. Er nimmt Fred /​Pete die Mög­lich­keit, aus sich her­aus zu han­deln. Er bestimmt ihr Schick­sal. Renee /​Ali­ce ist nur der sexu­el­le Lock­vo­gel, das Zug­pferd. Damit kann man die Hand­lung ein­deu­tig zur Traum­land­schaft erklä­ren, die kei­nen rea­len Gesche­hens­ab­läu­fen ent­spre­chen kann. Die Logik der Hand­lung ergibt sich aus­schliess­lich aus der Logik des Traums.

Die psychoanalytische Perspektive …

… ergänzt: Es kann sich also nicht um eine rea­le Hand­lung dre­hen, da es kei­ne Mög­lich­keit gibt, die Zeit zu mani­pu­lie­ren. Also muss es sich bei Fred /​Pete um einen psy­chisch gestör­ten Men­schen han­deln, der in einer extre­men Angst­si­tua­ti­on lebt und damit nicht fer­tig wer­den kann. Er ist bereit, einen Men­schen zu töten, weil Ali­ce es von ihm ver­langt, das bedeu­tet aus sexu­el­ler Obses­si­on her­aus, die puber­tär wirkt, da Pete aber ein erwach­se­ner Mensch ist, krank­haft sein muss, viel­leicht sogar auf sei­nen schi­zo­iden Cha­rak­ter ver­weist.

Die soziologische Perspektive …

… stimmt dem nur bedingt zu. Denn als Fred befin­det sich Pete in einer Situa­ti­on, die durch­aus auf vie­le Men­schen zutref­fen könn­te, die sich in einer ernst­haf­ten Lebens-/Ehe­kri­se befin­den, die wie­der­um gros­sen­teils Aus­druck his­to­risch gewach­se­nen sozia­len Rol­len­ver­hal­tens ist. Von die­sem Blick­win­kel aus könn­te man den Schluss des Films auch anders deu­ten, näm­lich als ein Zurück zur Aus­gangs­si­tua­ti­on, aber auf einer qua­li­ta­tiv höhe­ren Ebe­ne. Fred durch­läuft Höl­len­qua­len auf einem Weg, der ihn selbst vor Mord nicht zurück­schre­cken lässt. Er hal­lu­zi­niert sei­ne Frau Renee als Ali­ce, um sich für sein „Fremd­ge­hen” zu legi­ti­mie­ren, gleich­zei­tig aber zu demons­trie­ren, dass er aus Lie­be zu sei­ner Frau bereit ist, alles zu tun.

Der Satz „Dick Lau­rent ist tot” hat damit am Ende des Films eine ande­re Bedeu­tung. Fred ist nun bewusst, dass sei­ne Lie­be eine Art falsch ver­stan­de­ne Lie­be ist, die tra­gisch enden muss­te. Die­se „Tra­gik nach der Höl­le” gibt ihm die Chan­ce, un-tra­gi­scher wei­ter­zu­le­ben. Der Satz „Dick Lau­rent ist tot” ist die nüch­ter­ne Form des Ein­ge­ständ­nis­ses eines Mor­des aus einer Obses­si­on her­aus, die er nun erkannt hat. Der Film besteht also durch­aus aus Traum­se­quen­zen, ent­hält aber auch Gescheh­nis­se aus der rea­len Welt, die sich für sei­ne Haupt­fi­gur nicht mehr dif­fe­ren­zie­ren las­sen.

Die intuitive Perspektive …

… meint, dass das ja alles ganz gut und schön ist, aber aus­schliess­lich logisch her­ge­lei­tet und nicht erfühlt, also nicht aus einer Art inne­ren Erkennt­nis des eige­nen Ichs her­aus intui­tiv erschlos­sen ist. „Lost High­way” ver­sucht Bil­der zu pro­du­zie­ren, die auf die „vie­len Men­schen” in uns ver­wei­sen, vor allem aber die poten­ti­el­len Abgrün­de, die in uns allen schlum­mern. So mag der Film von einem Psy­cho­pa­then han­deln oder auch nicht. Wir will das schon ent­schei­den?

Wich­ti­ger ist, was der Betrach­ter der fast schon gemal­ten Bil­der dabei selbst, aus sich her­aus emp­fin­det. Gewalt ent­steht aus Frus­tra­tio­nen, die wie­der­um nicht erfüll­ten Wün­schen ent­sprin­gen. Trotz­dem ist die Gewalt, die Fred /​Pete aus­üben, kein „rein” logisch erschliess­ba­rer und logisch durch­dach­ter Akt, den man auf eben die­se Logik, auf Erklär­ba­res redu­zie­ren könn­te. Es sei denn, man woll­te die Hand­lungs­ket­te des Films für bare Mün­ze neh­men und damit ver­hin­dern, unter die Ober­flä­che des Gesche­hens zu schau­en. Viel­mehr ist es bedeu­tend, durch einen Ver­gleich von Erfah­rungs­ho­ri­zon­ten zwi­schen den Bil­dern des Films und dem eige­nen Inne­ren, das sich aus Bil­dern der Erin­ne­rung speist, sich dem Gezeig­ten intui­tiv zu nähern. Der Mys­te­ry Man reisst die Bil­der der Erin­ne­rung an sich, um Fred /​Pete zu zwin­gen, dort­hin zu schau­en, wo er nor­ma­ler­wei­se nicht hin­se­hen wür­de.

„Lost High­way” erschliesst sich nicht aus einer ein­zi­gen Per­spek­ti­ve. Das The­ma des Films sind nicht nur die mensch­li­chen Abgrün­de. Lynch führt uns vor – uns, die wir zumeist mei­nen, kul­tu­rell ein­ge­übt dar­in sind zu den­ken, es gebe für alles eine ver­ständ­li­che, logisch dedu­zier­ba­re Erklä­rung, die jeden „Fall” abschlies­sen kön­ne. Poli­zei und Staats­an­walt ermit­teln, die Ver­hand­lung beweist, der Rich­ter spricht das Urteil, das wird rechts­kräf­tig, der Fall wird ad acta gelegt. So in etwa funk­tio­niert unser Ver­stand, aber nicht unser Innen­le­ben.

„Lost High­way” ist daher auch in einem auf­klä­re­ren­den Sin­ne anti-auf­klä­re­risch. Er zwei­felt an einer Men­ta­li­tät objek­ti­vier­ba­rer Wahr­hei­ten, bebil­dert ein Gesche­hen gegen eine Ideo­lo­gie, die im Brust­ton der Selbst­herr­lich­keit dekla­miert, man kön­ne die Welt durch und durch ratio­na­li­sie­ren. Ver­stand kann töten.

Wo der Verstand versagt …

… lau­fen wir vor uns selbst davon: „Ich füh­le mich gut. Ich betre­te ein Café, in dem ich wäh­rend mei­nes Urlaubs schon öfter sass, ein Café, in dem Men­schen sit­zen, die ich nicht ken­ne, set­ze mich an die Bar und bestel­le einen Per­nod. Plötz­lich beschleicht mich ein ungu­tes Gefühl. Die Leu­te im Bis­tro reden wei­ter, als wenn nichts wäre. Mich beschleicht eine leich­te Angst. Ich spü­re eine Atmo­sphä­re, die Unheil her­auf­zu­be­schwö­ren scheint. Nie­mand sagt etwas zu mir. Kei­ner küm­mert sich um mich, kei­ner bedroht mich. Der Mann hin­ter der The­ke ist freund­lich wie sonst auch, fragt, ob ich noch einen Per­nod wün­sche. Ich ver­nei­ne. Mir ist unwohl. Nichts ist vor­her gesche­hen, aus dem ich mir die­ses Unwohl­sein, die Angst erklä­ren könn­te. Als ich das Café wie­der ver­las­se, geht es mir merk­lich bes­ser. Bis heu­te kann ich mir die­sen Vor­gang nicht erklä­ren.”

Sol­che recht tri­vi­al anmu­ten­den Erleb­nis­se hat wahr­schein­lich schon jeder ein­mal gehabt. Ob sie vor allem mit der Situa­ti­on aus­ser­halb von mir, die sich mir nicht erschloss, zusam­men­hing, d.h. mit dem intui­ti­ven Spü­ren einer Atmo­sphä­re, die sich nicht aus Gesag­tem oder Beob­acht­ba­rem ergab, oder aus­schliess­lich mit mir, ohne dass mir bewusst war, war­um und woher, ist nicht zu ergrün­den. Aber selbst wenn es zu ergrün­den wäre, blei­ben sol­che Situa­tio­nen dem Ver­stand meist nicht zugäng­lich.

Fred /​Pete durch­läuft eine sol­che Situa­ti­on, aber in dras­ti­sche­ren Aus­mas­sen. Der unbe­kann­te mys­te­riö­se Mann, eine Art Mephis­to, lässt Fred eine fast schon kaf­ka­es­ke Wand­lung zu Pete und „zu sich” zurück durch­lei­den, ohne dass Fred begreift, was mit ihm geschieht. Jeder stel­le sich selbst eine Situa­ti­on vor, in der er die Höl­le von Leid, Gewalt, Alp­träu­men oder ähn­li­chem durch­läuft und am Ende um die inne­re Erkennt­nis rei­cher ist, dass er es war, der die­se Gewalt ver­ur­sacht hat. Fred steht am Anfang in sei­nem bun­ker­ähn­li­chen Haus. Ein­ge­sperrt in sei­ne Ängs­te hört er durch die Sprech­an­la­ge „Dick Lau­rent ist tot” und weiss nichts damit anzu­fan­gen. Am Ende steht er vor dem Haus und spricht die­sen Satz. Er hört sich selbst die­sen Satz sagen, aber jetzt kann er viel­leicht „mit einer gewis­sen Unschuld” über­le­ben. Eine fast Nietz­sche-ähn­li­che Pro­phe­zei­ung der Wie­der­kehr des immer glei­chen.

Lynch arbei­tet mit Bil­dern, Gemäl­den gleich, führt uns über den dunk­len High­way in die Fins­ter­nis, durch die Höl­le, manch­mal in die Ver­damm­nis der See­le. Trotz­dem ist Lynch kein Kul­tur­pes­si­mist, son­dern „nur” Fra­gen­der, der nichts aus­sen vor las­sen will, kein kon­ser­va­tiv-trüb­sin­ni­ger Phi­lo­soph des Unter­gangs, son­dern Suchen­der, Ana­ly­ti­ker, aber trotz aller Skep­sis hof­fen­der Opti­mist. Beson­ders in „Strai­ght Sto­ry” kommt das zum Tra­gen.

Die auf­ge­klär­te Gesell­schaft ist eine ratio­na­li­sier­te Gesell­schaft, die sich vor allem selbst gerecht ist. Der Ver­stand scheint mäch­ti­ger als alles ande­re. Doch die­ser Trug­schluss, den wir seit der Auf­klä­rung mit uns her­um­tra­gen, ist eher tra­gisch; das spür­ten schon die Roman­ti­ker. Lynchs Fil­me wer­fen die­se Fra­gen nicht in gros­sen Zusam­men­hän­gen der Poli­tik, der Öko­no­mie usw. auf, son­dern auf der „unters­ten” Ebe­ne des Indi­vi­du­ums, in „ein­fa­chen” Kon­tex­ten. Lynchs Mephis­to, der Mys­te­ry Man, der Zwerg mit der Video­ka­me­ra stösst uns mit der Nase drauf, sogar in schein­bar Unschein­ba­rem. Er hält uns den Spie­gel unse­rer eige­nen Abgrün­de vor die Augen. Wir äch­ten die Gewalt, ver­ban­nen den Tod aus dem Leben, so als ob bei­de nicht wirk­lich, wahr­haf­tig und prä­sent wären. Wir waschen uns rein von die­ser Pest der zivi­li­sier­ten Mensch­heit und glau­ben dem Schnit­ter ein Schnipp­chen schla­gen zu kön­nen. Nur in den visu­el­len Medi­en scheint es noch Gewalt zu geben – Gewalt ohne Schmerz.

Den Ver­stand und die Ver­nunft erklä­ren wir zu Mäch­ti­gen unse­res Daseins. Die „instru­men­tel­le Ver­nunft” herrscht. Dabei kön­nen wir noch nicht ein­mal erklä­ren, war­um uns das Zwit­schern von Vögeln ein ange­neh­mes Gefühl berei­tet.

Ulrich Beh­rens

Lost High­way

USA

1997

135 min.

Regie: David Lynch

Dreh­buch: David Lynch, Bar­ry Gif­ford

Dar­stel­ler: Bill Pull­man, Patri­cia Arquet­te, Balt­ha­zar Get­ty

Pro­duk­ti­on: Dee­pak Nayar, Tom Stern­berg, Mary Sweeney

Musik: Trent Rez­nor, Ange­lo Bada­la­men­ti, Ramm­stein

Kame­ra: Peter Deming

Schnitt: Mary Sweeney

Ulrich Beh­rens

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