[ak:] Export! Export!

Wenn es nach den Vertreter*innen der deut­schen Wirt­schaft geht, dann ist eigent­lich immer ein biss­chen Kri­se. 2006 hieß es, die Wett­be­werbs­fä­hig­keit deut­scher Pro­duk­te ste­he eben­so auf dem Spiel wie tau­sen­de Arbeits­plät­ze. Die IG Metall hat­te da gera­de fünf Pro­zent Tarif­lohn­er­hö­hung gefor­dert. Das Zau­ber­wort, mit dem der­art »über­zo­ge­ne Erwar­tun­gen« der Beleg­schaf­ten zurück­ge­wie­sen wur­den, hieß »Stand­ort­ver­la­ge­rung«. Die Kos­ten der Unter­neh­men in Deutsch­land sei­en zu hoch, Arbeits­kraft zu teu­er und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der export­ab­hän­gi­gen deut­schen Indus­trie auf den Welt­märk­ten in Gefahr. Lohn­ver­zicht oder Arbeits­zeit­ver­län­ge­run­gen sei­en unum­gäng­lich, mehr Arbeits­ein­satz für weni­ger Geld das Gebot der Stun­de. Andern­falls blie­be den Unter­neh­men eben nur eine Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on ins kos­ten­güns­ti­ge­re Aus­land.

2006, da war Hartz-IV bereits ein Jahr in Kraft, hat­te den Lohn­druck nach unten erheb­lich ver­stärkt und eine mas­si­ve Aus­wei­tung des Nied­rig­lohn­sek­tors und ande­rer For­men pre­kä­rer Beschäf­ti­gung in Gang gesetzt. 2006, da war Deutsch­land zum vier­ten Mal in Fol­ge Export­welt­meis­ter und Indus­trie­un­ter­neh­men fuh­ren Mil­li­ar­den­ge­win­ne ein.

Krise, immer Krise

2010, im Jahr nach der welt­wei­ten Finanz­kri­se, ver­zich­te­te die IG Metall auf die Bezif­fe­rung einer Lohn­for­de­rung und kon­zen­trier­te sich auf Arbeits­platz­er­halt. 2010, da war der »Export­mo­tor« schon wie­der ange­sprun­gen und Ende des Jah­res beweg­te sich der Wert der Aus­fuh­ren auf die Rekord­mar­ke von einer Bil­li­on Euro zu.

Auch 2014 mach­ten Expor­teu­re hier­zu­lan­de Rekord­um­sät­ze. Die 5,5‑Prozent-Forderungen der IG Metall pas­se den­noch nicht in die »der­zei­ti­ge fra­gi­le öko­no­mi­sche Land­schaft«, befand damals das Insti­tut der deut­schen Wirt­schaft.

2020, im Jahr der Coro­na-Pan­de­mie, ver­such­te die IG Metall gar nicht erst, mit Lohn­for­de­run­gen zu lan­den. Man einig­te sich mit den Arbeit­ge­bern (wie­der) auf einen »Soli­dar­ta­rif­ver­trag«, um Arbeits­plät­ze zu sichern und Lohn­sen­kun­gen zu ver­hin­dern.

Und 2021? Ins­be­son­de­re die ver­ar­bei­ten­de Indus­trie, die zum Kern-Orga­ni­sa­ti­ons­be­reich der IG Metall gehört, hat das Kri­sen­jahr bis jetzt deut­lich bes­ser über­stan­den, als zwi­schen­durch befürch­tet. Auch dank staat­li­cher Mil­li­ar­den­hil­fen, etwa im Rah­men von Kurz­ar­beit. Die Wirt­schafts­leis­tung erleb­te im zwei­ten Quar­tal 2020 zwar einen his­to­ri­schen Ein­bruch von 10,2 Pro­zent, auf das Gesamt­jahr 2020 bezo­gen, ergibt sich aller­dings nur ein Minus von 5,3 Pro­zent und damit ein ähn­li­cher Wert wie in der letz­ten Finanz­kri­se (5,1 Pro­zent). Auch heu­te pro­gnos­ti­zie­ren Wirt­schafts­in­sti­tu­te eine bal­di­ge Erho­lung.

Dabei erweist sich der Export erneut als Stüt­ze des Auf­schwungs. Im zwei­ten Lock­down gab es kaum Ein­schrän­kun­gen bei der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on, trotz Coro­na stan­den die Bän­der nicht still. Das export­star­ke ver­ar­bei­ten­de Gewer­be ver­zeich­ne­te ab Novem­ber ein Plus-Wachs­tum von 6,7 Pro­zent. Die Auf­trags­bü­cher der deut­schen Indus­trie sind seit der Jah­res­wen­de gut gefüllt. Wäh­rend die Expor­te etwa in die Staa­ten der Euro­zo­ne mit 38,1 Mil­li­ar­den Euro noch 6,5 Pro­zent gegen­über dem Vor­jah­res­mo­nat zurück­la­gen, konn­te Deutsch­land auf dem wich­ti­ger wer­den­den chi­ne­si­schen Markt sogar schon wie­der Rekord­um­sät­ze ver­bu­chen.

Nichts zu verteilen

In die­ser Situa­ti­on geht die IG Metall nun mutig in gleich meh­re­re Tarif­aus­ein­an­der­set­zun­gen: neben der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie auch in der Eisen- und Stahl­in­dus­trie sowie bei Volks­wa­gen. Käme die Gewerk­schaft mit ihrer Vier-Pro­zent-For­de­rung durch, läge die Real­lohn­stei­ge­rung – ange­sichts der Lohns­ta­gna­ti­on im letz­ten Jahr – ver­mut­lich gera­de mal knapp über der Infla­ti­ons­ra­te. Zu viel, befin­det die Arbeit­ge­ber­sei­te und beeil­te sich in Per­son von Ste­fan Wolf, Prä­si­dent der Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung Gesamt­me­tall, ihre übli­che Bot­schaft zu ver­brei­ten: »Es gibt abso­lut nichts zu ver­tei­len«, ver­kün­de­te der Boss der Bos­se in einem Inter­view mit der WELT. »Wenn wir so wei­ter machen und immer teu­rer wer­den«, ja dann blie­be den Unter­neh­men nur die Mög­lich­keit, ihre Pro­duk­ti­on ins Aus­land ver­la­gern und Stel­len zu strei­chen.

Jahr für Jahr brin­gen die Tarif­par­tei­en also das glei­che Stück auf die Büh­ne. Die Gewerk­schaf­ten for­dern mehr Geld für die Beleg­schaf­ten und die Arbeit­ge­ber­ver­bän­de schmet­tern ihnen im Chor mit der Poli­tik und dem Gros der Wirt­schafts­in­sti­tu­te eine sehr alte Erzäh­lung ent­ge­gen: Deutsch­land lebe vom Export, des­halb dürf­ten die Löh­ne nicht zu stark stei­gen, sonst ver­liert »Made in Ger­ma­ny« sei­ne Wett­be­werbs­fä­hig­keit auf den Welt­märk­ten und Deutsch­land tau­sen­de Jobs. War es frü­her die »Bil­lig­kon­kur­renz« aus Ost­eu­ro­pa, ist es heu­te der Auf­stieg Chi­nas, der Han­dels­krieg mit den USA oder eben die Coro­na-Kri­se, die die­se Wett­be­werbs­po­si­ti­on mas­siv gefähr­de und die Unter­neh­men im Zwei­fel zwin­ge, den Stand­ort Deutsch­land zu ver­las­sen.

Gewerk­schafts­na­he For­schungs­in­sti­tu­te und Wirtschaftswissenschaftler*innen hal­ten mit ihrer Ver­si­on der Geschich­te dage­gen. Höhe­re Löh­ne wären auch wirt­schaft­lich sinn­voll, weil sie den Bin­nen­kon­sum stär­ken und dadurch die ein­sei­ti­ge Abhän­gig­keit und Kri­sen­an­fäl­lig­keit der Wirt­schaft abschwä­chen wür­den.

Win win win

Man könn­te es als das ritu­el­le Säbel­ras­seln zwei­er Inter­es­sen­grup­pen abtun, tat­säch­lich aber gelingt es der Kapi­tal­sei­te mit ihrer »Deutsch­land ist eine Exportnation«-Geschichte seit Jahr­zehn­ten, Lohn­an­sprü­che der Arbeiter*innen abzu­weh­ren und ein Gesell­schafts­mo­dell am Leben zu hal­ten, das nichts als Schief­la­gen pro­du­ziert. So waren die durch­schnitt­li­chen Real­löh­ne hier­zu­lan­de seit Mit­te der 1990er Jah­re kaum noch gestie­gen oder sogar zurück­ge­gan­gen. Zwi­schen 2000 und 2008 betrug die­ser Rück­gang im Durch­schnitt 0,8 Pro­zent. So sicher­te die Export­in­dus­trie die hohe preis­li­che Wett­be­werbs­fä­hig­keit ihrer Pro­duk­te. Erst nach der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se 2008/​2009, als Deutsch­land erneut einen star­ken, export­in­du­zier­ten Wachs­tums­schub erleb­te, nor­ma­li­sier­te sich das Lohn­ni­veau. Eini­ge Jah­re konn­ten Beschäf­tig­te in der ver­ar­bei­ten­den Indus­trie spür­ba­re Lohn­er­hö­hun­gen um drei Pro­zent ver­zeich­nen. Dies gilt aller­dings nur für eine immer klei­ner wer­den­de Grup­pe an tarif­lich erfass­ten Beschäf­tig­ten. 2020 lag die­ser in Gesamt­deutsch­land bei nur noch bei 56 Pro­zent.

Die Erzäh­lung hält sich hart­nä­ckig, das deut­sche Export­mo­dell stel­le eine gera­de­zu magi­sche Win-Win-Situa­ti­on her.

Aber auch die euro­päi­schen Nach­bar­staa­ten zah­len einen hohen Preis für die enor­me Kon­kur­renz­fä­hig­keit deut­scher Indus­trie­pro­duk­te, wur­den die­se auf den Export­märk­ten von Deutsch­land doch regel­recht nie­der kon­kur­riert. Grie­chen­land, Frank­reich, Por­tu­gal oder Ita­li­en büß­ten kon­se­quent Export­an­tei­le ein. Und ver­schul­de­ten sich dann – finan­ziert über­wie­gend mit deut­schen Kre­di­ten – um deut­sche Export­pro­duk­te kau­fen zu kön­nen. Eine Kon­stel­la­ti­on, die 2008/​2009 in eine beson­ders hef­ti­ge Kri­se der Euro­zo­ne führ­te.

Trotz­dem hält sich die Erzäh­lung hart­nä­ckig, das deut­sche Export­mo­dell stel­le eine gera­de­zu magi­sche Win-Win-Situa­ti­on her: Wirt­schaft und Gesell­schaft sei­en kla­re Gewin­ne­rin­nen der Glo­ba­li­sie­rung. Jeder vier­te Arbeits­platz sei in Deutsch­land mit dem Export ver­bun­den, wie der Bund der deut­schen Indus­trie (BDI) auf sei­ner Inter­net­sei­te ver­kün­det. »Kon­su­men­ten pro­fi­tie­ren von einer gro­ßen Pro­dukt­pa­let­te; und Unter­neh­men kön­nen alle Arten von Vor­pro­duk­ten aus aller Her­ren Län­der bezie­hen.«

Schöne Geschichte

Tat­säch­lich hat­ten Lohn­ab­hän­gi­ge in den 1950er und 1960er Jah­ren, als auch vom »Export­wun­der« die Rede war, deut­lich vom wirt­schaft­li­chen Auf­schwung pro­fi­tiert. Die Wachs­tums­be­din­gun­gen nach dem Zwei­ten Welt­krieg waren güns­tig, der Kapi­tal­stock lag zwar brach, war im Rah­men der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kriegs­wirt­schaft aber deut­lich ver­grö­ßert und moder­ni­siert wor­den. Es gab in den 1950er Jah­ren aus­rei­chend Arbeits­kräf­te und unan­ge­tas­te­te Real­ver­mö­gen. Und stark export­ori­en­tier­te Unter­neh­men wie Bay­er, BASF, Sie­mens, AEG oder MAN hat­ten schon im Kai­ser­reich die Bild­flä­che betre­ten. Sie wur­den nun zu Speer­spit­zen des Export­sek­tors.

Die­se bil­de­ten die inter­nen Start­be­din­gun­gen für den Wie­der­auf­bau der Export­in­dus­trie. Eine wesent­li­che Stüt­ze waren außer­dem die Bemü­hun­gen einer poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen »West­in­te­gra­ti­on« der Bun­des­re­pu­blik von Sei­ten der USA – ins­be­son­de­re die Ein­glie­de­rung in das neue Wäh­rungs- und Finanz­sys­tem und der Bei­tritt zum All­ge­mei­nen Zoll- und Han­dels­ab­kom­men. Bei­des erleich­ter­te den Zugang zum Welt- und zum immer wich­ti­ger wer­den­den euro­päi­schen Markt erheb­lich. Der Korea­krieg (1950–53) ver­half der deut­schen Export­wirt­schaft dann zu ihrem end­gül­ti­gen Durch­bruch: Sie pro­fi­tier­te mas­siv von der welt­wei­ten Rüs­tungs­kon­junk­tur und der sprung­haft ange­stie­ge­nen Nach­fra­ge nach Pro­duk­ti­ons- und Inves­ti­ti­ons­gü­tern. 

Im Inland erleich­ter­te die Schaf­fung tau­sen­der neu­er Arbeits­plät­ze in der stark export­ori­en­tier­ten Automobil‑, Elek­tro- und Che­mie­in­dus­trie, der Aus­bau des Sozi­al- und Wohl­fahrts­staa­tes, die Mög­lich­kei­ten zum Mas­sen­kon­sum und eine ten­den­zi­el­le Anglei­chung des Lebens­stils die gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­te, poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Inte­gra­ti­on der Arbei­ter­schaft in das Export­mo­dell. Zugleich beför­der­ten auch die engen kapi­tal­struk­tu­rel­len und per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen zwi­schen den wich­tigs­ten Indus­trie­un­ter­neh­men, Ban­ken und Ver­si­che­run­gen die Ent­wick­lung des Export­sek­tors. Die gro­ßen Ban­ken sicher­ten sich in die­sem oft als »Deutsch­land AG« bezeich­ne­ten Modell über den Kauf von Akti­en den Zugriff auf die Unter­neh­mens­füh­rung. Und sie finan­zier­ten die indus­tri­el­le Expan­si­on mit lang­fris­ti­gen Kre­di­ten.

Aber auch die Geld­po­li­tik dien­te in hohem Maße außen­wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen: Um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit von »Made in Ger­ma­ny« zu sichern, hielt die Bun­des­bank den DM-Kurs künst­lich unter­be­wer­tet (wenn­gleich sie auf poli­ti­schen Druck hin immer wie­der Auf­wer­tun­gen vor­neh­men muss­te). Zugleich ver­folg­te sie einen strik­ten Anti-Infla­ti­ons­kurs. Bei­des begrenz­te in Kom­bi­na­ti­on mit den nur mode­rat stei­gen­den Löh­nen die Kauf­kraft im Inne­ren und ver­teu­er­te die Impor­te. So soll­te ein Export­druck erzeugt und die Indus­trie auf die Aus­lands­märk­te ver­wie­sen wer­den.

Auf die schiefe Bahn

Schon in den 1960ern, vor allem aber ab Mit­te der 1970er Jah­re wur­den struk­tu­rel­le Pro­blem- und Kon­flikt­la­gen als Ergeb­nis die­ser Poli­tik sicht­bar: Die Wachs­tums­res­sour­cen waren zuneh­mend erschöpft, weder die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät noch der Bedarf an wei­te­ren Arbeits­plät­zen konn­te unend­lich gestei­gert wer­den. Bei gerin­ge­rer Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung stieg jedoch der Kapi­tal­ein­satz pro Arbeits­platz. Die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on wur­de also teu­rer für die Unter­neh­men. Die­se reagier­ten mit Spar­maß­nah­men und Stel­len­ab­bau. Unter­neh­mens­fu­sio­nen setz­ten schließ­lich wei­te­re Arbeits­kräf­te frei. Als ers­te beka­men das die vor­her umwor­be­nen »Gastarbeiter*innen« zu spü­ren.

Aber auch für die ver­blei­ben­den Beleg­schaf­ten fie­len die Lohn­zu­wäch­se ent­spre­chend nied­ri­ger aus. Eine Wel­le von Streiks und wil­den Aus­stän­den brach­te den kämp­fen­den Arbeiter*innen Anfang der 1970er Jah­re noch­mals Erfol­ge. Struk­tu­rell war ihre Ver­hand­lungs­po­si­ti­on aber bereits geschwächt. In den Jah­ren 1974 und 1975 erreich­te die Zahl der Arbeits­lo­sen in Deutsch­land erst­mals über eine Mil­li­on.

Der deut­schen Indus­trie gelang es den­noch, kon­ti­nu­ier­lich ihren Anteil am Welt­ex­port­vo­lu­men zu stei­gern. 1989 war Deutsch­land erst­mals »Export­welt­meis­ter«. Die preis­li­che Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Pro­duk­te wur­de nun zuneh­mend nicht mehr nur über die Höhe der Löh­ne, son­dern auch über die Qua­li­tät der Arbeits­be­din­gun­gen regu­liert. Die Schaf­fung neu­er Stel­len ging, zumal im Zuge der soge­nann­ten Hartz-IV-Refor­men ab 2005, im Bereich ein­fa­cher Pro­duk­ti­ons- und Dienst­leis­tungs­tä­tig­kei­ten mit einer mas­si­ven Aus­wei­tung des Nied­rig­lohn­sek­tors und der Leih­ar­beit ein­her. Im Rah­men des weit ver­zweig­ten Vor­leis­tungs­be­zugs und durch die zuneh­men­de Aus­la­ge­rung von Hoch­lohn­tä­tig­kei­ten in Nied­rig­lohn­be­rei­che (Out­sour­cing) pro­fi­tier­te die Export­bran­che hier­von erheb­lich. In kei­nem ande­ren Land der EU gibt es heu­te eine der­art star­ke Ver­flech­tung der Indus­trie mit dem Dienst­leis­tungs­sek­tor. Von den hier deut­lich nied­ri­ge­ren Arbeits­kos­ten etwa für For­schung, aber auch für Trans­port und Logis­tik, Wer­bung, Markt­for­schung oder Rei­ni­gungs­tä­tig­kei­ten pro­fi­tiert die Export­in­dus­trie in hohem Maße. 

Mit dem Aus­bau des Nied­rig­lohn­sek­tors ent­schie­den sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se wei­ter zuguns­ten des Kapi­tals.

Mit dem Aus­bau des Nied­rig­lohn­sek­tors ent­schie­den sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se wei­ter zuguns­ten des Kapi­tals. Den Gewerk­schaf­ten gelingt es bis heu­te nicht, nen­nens­wer­te Tei­le der grö­ßer wer­den­den Grup­pe an Zeit- und Leiharbeiter*innen sowie Beschäf­tig­te der indus­trie­na­hen Dienst­leis­tungs­bran­che, die mit­un­ter zu Dum­ping­löh­nen arbei­ten, zu orga­ni­sie­ren und in ihre Kon­flikt­stra­te­gien ein­zu­bin­den. Den Job­ver­lust inner­halb ihrer Bran­che bezif­fert die IG Metall seit Aus­bruch der Coro­na-Pan­de­mie auf etwa 120.000, die meis­ten davon Leiharbeiter*innen. Ins­be­son­de­re in der Auto­mo­bil­in­dus­trie hat­te sich aber schon vor der Coro­na-Kri­se ein mas­si­ver struk­tu­rel­ler Stel­len­ab­bau ange­kün­digt. Die Kos­ten für die not­we­ni­ge Trans­for­ma­ti­on in Rich­tung Elek­tro­mo­bi­li­tät sei­en ein­fach zu hoch. Die IG Metall befürch­tet den Ver­lust von bis zu 300.000 Arbeits­plät­zen.

Nicht zuletzt setzt aber auch die zuneh­men­de Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Export­un­ter­neh­men und die damit real ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten des Out­sour­cings die Gewerk­schaf­ten unter Druck. Vie­le Auto­mo­bil­un­ter­neh­men pro­du­zie­ren mitt­ler­wei­le bei­spiels­wei­se direkt in Chi­na, wo sie sich auch erhöh­te Absatz­chan­cen erwar­ten.

Keine Diskussion

Trotz der Tat­sa­che, dass also ein immer klei­ner wer­den­der Anteil von Beschäf­tig­ten heu­te noch in nen­nens­wer­tem Umfang von Export­erfol­gen pro­fi­tiert und trotz der inter­na­tio­na­len Schief­la­gen sowie einer hohen Kri­sen­an­fäl­lig­keit des Modells, trägt die posi­ti­ve Erzäh­lung von der »Export­na­ti­on« immer noch in wei­ten Tei­len der Öffent­lich­keit. Peri­odi­sche Debat­ten über Wohl und Wehe der damit ver­bun­de­nen Welt­markt­ab­hän­gig­keit wer­den wahl­wei­se mit dem Ver­weis auf die ver­meint­li­chen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Glo­ba­li­sie­rungs­ge­win­ne oder die Alter­na­tiv­lo­sig­keit des Modells beant­wor­tet.

Und bekann­ter­ma­ßen trägt auch die Poli­tik – quer durch alle Regie­run­gen – die­se Linie mit. Eine Abkehr von der star­ken Export­ori­en­tie­rung ist also kaum zu erwar­ten. Wäh­rend etwa im Kri­sen­jahr 2009 kurz­fris­tig sehr wohl auch bin­nen­markt­ori­en­tier­te, keyne­sia­nisch gepräg­te Anti­kri­sen­maß­nah­men zum Ein­satz kamen (Kurz­ar­beit, Abwrack­prä­mie etc.), war damit kei­nes­wegs ein gene­rel­ler Kurs­wech­sel ver­bun­den. 

Auch aktu­ell ist es mehr als unwahr­schein­lich, dass sich an dem deut­schen Modell etwas grund­le­gend ändern wird. Die zu Beginn viel­be­schwo­re­ne »Gefahr« einer Deglo­ba­li­sie­rung und Debat­ten um eine not­wen­di­ge Aus­ba­lan­cie­rung der Wirt­schafts­ar­chi­tek­tur, sind wie­der ein­mal dem uner­schüt­ter­li­chen Glau­ben an den star­ken »Export­mo­tor« gewi­chen, der das Land aus der Kri­se brin­gen wer­de. Zu wel­chem Preis inter­es­siert dabei wenig.

Eine Win-Win-Situa­ti­on ist die­ses Modell jeden­falls nur für die Indus­trie selbst. Die Unter­neh­men haben sich nicht nur ein extrem lukra­ti­ves Geschäfts­mo­dell geschaf­fen, sie sind schein­bar auch nie­man­dem mehr Rechen­schaft schul­dig für die Schief­la­ge, in die sie die hie­si­ge Wirt­schaft und Gesell­schaft gebracht haben. 

So kün­dig­te der Auto­bau­er Daim­ler an, sei­nen Aktionär*innen für das Coro­na­jahr 2020 eine Mil­li­ar­den­di­vi­den­de aus­zu­schüt­ten. Dar­auf ange­spro­chen erklär­te Gesamt­me­tall-Prä­si­dent Wolf: Daim­ler hät­te zwar Umsatz­ein­bu­ßen zu ver­zeich­nen, die für 2020 prä­sen­tier­ten Ergeb­nis­se vie­ler Unter­neh­men spie­gel­ten jedoch nicht deren tat­säch­li­che Lage wie­der. Schließ­lich habe es deut­li­che Kos­ten­ein­spa­run­gen ins­be­son­de­re beim Per­so­nal gege­ben, bei­spiels­wei­se durch die Kurz­ar­beit oder bei den Rei­se­kos­ten. Von öffent­li­cher Hand sub­ven­tio­nier­te Kos­ten­ein­spa­run­gen, die den Gewinn von Daim­ler 2020 um knapp 50 Pro­zent stei­gen lie­ßen.

Lene Kempe

Lene Kem­pe ist Redak­teu­rin bei ak.

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