[gfp:] Das Impfdesaster der EU (II)

Die Reichen zuerst

Die Span­nun­gen in der EU im Kon­text mit der dra­ma­tisch miss­lun­ge­nen Covid-19-Impf­kam­pa­gne hat­ten sich erst Ende ver­gan­ge­ner Woche ein wei­te­res Mal zuge­spitzt. Aus­lö­ser war die unglei­che Ver­tei­lung der ohne­hin all­zu knap­pen Vak­zi­ne unter den Mit­glied­staa­ten der Uni­on, die die Staats- und Regie­rungs­chefs Öster­reichs, Bul­ga­ri­ens, Lett­lands, Slo­we­ni­ens und Tsche­chi­ens in einem Brief an Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en und Rats­prä­si­dent Charles Michel ange­pran­gert hat­ten; spä­ter hat­te sich noch Kroa­ti­en ange­schlos­sen. Die Ver­tei­lungs­re­geln der EU sehen vor, dass jedes Mit­glied Anspruch auf einen Anteil an den gemein­sam beschaff­ten Vak­zi­nen hat, der sei­nem Anteil an der EU-Gesamt­be­völ­ke­rung ent­spricht. Brüs­sel preist dies als gerech­te Ver­tei­lung an – ver­schweigt dabei aller­dings, dass die teu­ers­ten Impf­stof­fe, ins­be­son­de­re der­je­ni­ge von BioNTech/​Pfizer, für die ärme­ren Mit­glied­staa­ten kaum erschwing­lich sind. So hat etwa Bul­ga­ri­en sein Bio­N­Tech/P­fi­zer-Kon­tin­gent auch nicht annä­hernd aus­ge­schöpft; die Dosen, die übrig blie­ben, konn­ten von den rei­chen Mit­glied­staa­ten erwor­ben wer­den. So kommt es, dass etwa die Nie­der­lan­de, Deutsch­land oder Frank­reich pro Kopf der Bevöl­ke­rung eine teils erheb­lich grö­ße­re Zahl an Impf­do­sen zur Ver­fü­gung haben als ärme­re Län­der der EU.[1]

Gegen WHO und EMA

Ver­schärft wird die Lage wei­ter­hin dadurch, dass Ber­lin und Brüs­sel gegen den preis­güns­tigs­ten Impf­stoff – das zu Pro­duk­ti­ons­kos­ten ver­kauf­te Vak­zin von Astra­Ze­ne­ca – kam­pa­gnen­haft agi­tiert haben (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [2]), was die Bereit­schaft in der Bevöl­ke­rung, sich Astra­Ze­ne­ca-Dosen ver­ab­rei­chen zu las­sen, deut­lich ein­ge­schränkt hat. Dies hat dazu bei­getra­gen, dass von den mehr als 62 Mil­lio­nen Dosen, die bis ges­tern in der EU aus­ge­lie­fert wur­den, nach Anga­ben des Euro­pean Cent­re for Dise­a­se Pre­ven­ti­on and Con­trol (ECDC) bis­her weni­ger als 47 Mil­lio­nen ver­impft wer­den konn­ten. Hin­zu kommt die gest­ri­ge Ent­schei­dung Deutsch­lands, Frank­reichs und wei­te­rer Mit­glied­staa­ten, die Ver­ab­rei­chung von Astra­Ze­ne­ca wegen meh­re­rer Fäl­le von Blut­ge­rinn­seln in zeit­li­chem Zusam­men­hang mit der Imp­fung aus­zu­set­zen, was wei­te­re Ver­zö­ge­run­gen mit sich bringt. Der Beschluss wur­de gegen die Emp­feh­lun­gen der WHO und der zustän­di­gen EU-Behör­de EMA (Euro­pean Medi­ci­nes Agen­cy) gefällt; dabei ist ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen Imp­fun­gen und Blut­ge­rinn­seln bis heu­te nicht nach­ge­wie­sen.

Die Folgen der Verzögerung

Viel­mehr tre­ten Blut­ge­rinn­sel ganz unab­hän­gig von Imp­fun­gen nicht sel­ten auf; für Groß­bri­tan­ni­en etwa spre­chen Exper­ten von mehr als 1.250 pro Woche.[3] Dort wur­den bis­her über elf Mil­lio­nen Astra­Ze­ne­ca-Dosen ver­impft; die Zahl der danach auf­ge­tre­te­nen Blut­ge­rinn­sel ist laut Anga­ben der Auf­sichts­be­hör­de MHRA (Medi­ci­nes and Health­ca­re pro­ducts Regu­la­to­ry Agen­cy) „nicht grö­ßer als die Zahl, die auf natür­li­che Wei­se in der geimpf­ten Bevöl­ke­rung auf­ge­tre­ten wäre“.[4] Der Aus­set­zung der Imp­fun­gen in Deutsch­land lie­gen sie­ben Fäl­le von Blut­ge­rinn­seln bei ins­ge­samt 1,6 Mil­lio­nen ver­ab­reich­ten Dosen zugrun­de – viel weni­ger als die Zahl, die laut Sta­tis­tik ohne­hin zu erwar­ten gewe­sen wäre. Ent­spre­chend hat die Aus­set­zung der Imp­fun­gen hef­ti­gen Unmut aus­ge­löst. So wies die Euro­pa­par­la­ments-Vize­prä­si­den­tin Katha­ri­na Bar­ley (SPD) dar­auf hin, „die neu­es­te Genera­ti­on der Anti­ba­by­pil­le“ habe „als Neben­wir­kung Throm­bo­sen bei acht bis zwölf von 10.000 Frau­en“: „Hat das bis­her irgend­wen gestört?“[5] Völ­lig unab­hän­gig davon kos­tet jeder wei­te­re Tag Impf­ver­zö­ge­rung Men­schen­le­ben: Aktu­ell ste­cken sich in Deutsch­land wie­der um die 10.000 Men­schen pro Tag mit dem Covid-19-Virus an; bei einer Sterb­lich­keits­ra­te von 1,4 Pro­zent, wie sie in jün­ge­ren Stu­di­en errech­net wur­de, könn­ten 140 von ihnen die Krank­heit nicht über­le­ben.

Überversorgt

Par­al­lel zur Zuspit­zung der Aus­ein­an­der­set­zun­gen inner­halb der EU neh­men auch die Span­nun­gen zwi­schen der Uni­on und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu. Aus­lö­ser ist, dass die USA Impf­stof­fe hor­ten, wäh­rend in der EU Man­gel herrscht. So lagern, wie die New York Times ver­gan­ge­ne Woche berich­te­te, Astra­Ze­ne­ca-Impf­do­sen in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­zahl in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten – und wer­den nicht genutzt, weil das Vak­zin dort noch gar nicht zuge­las­sen ist.[6] Astra­Ze­ne­ca hat in Washing­ton um Erlaub­nis gebe­ten, die Dosen der EU zur Ver­fü­gung stel­len zu dür­fen, hat­te damit aber genau­so­we­nig Erfolg wie die EU, die sich eben­falls um die US-Vor­rä­te bemüh­te. Wie Bidens Spre­che­rin Jen Psa­ki ver­gan­ge­ne Woche bekräf­tig­te, legt die Admi­nis­tra­ti­on dezi­diert Wert dar­auf, „über­ver­sorgt und über­vor­be­rei­tet zu sein“ – um „maxi­ma­le Fle­xi­bi­li­tät“ bei der Imp­fung der eige­nen Bevöl­ke­rung zu haben: Das sei die „Prio­ri­tät“ der USA.[7] Dar­über hin­aus sind Sor­gen nicht aus­ge­räumt, die kürz­lich der Chef des Serum Insti­tu­te of India (SII) äußer­te, das bis­her unter ande­rem mehr als 90 Mil­lio­nen Astra­Ze­ne­ca-Dosen in Lizenz pro­du­ziert und an über 50 Län­der gelie­fert hat: dass ein glo­ba­ler Man­gel an Vor­pro­duk­ten droht, die für die Vak­zin­her­stel­lung unver­zicht­bar sind, weil Washing­ton ihren Export ver­bie­tet (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [8]).

China ausstechen

Wäh­rend die Ver­ei­nig­ten Staa­ten Impf­do­sen hor­ten, wird Indi­en, auch auf Druck aus Washing­ton, eine Mil­li­ar­de Impf­do­sen her­stel­len und sie vor allem in die Län­der Süd­ost­asi­ens lie­fern – mit dem Ziel, dort Chi­na als Lie­fe­ran­ten von Vak­zi­nen aus­zu­ste­chen. Dies ist ein Ergeb­nis des „Quad“-Gipfeltreffens vom ver­gan­ge­nen Frei­tag. „Quad“ („Qua­dri­la­te­ral Secu­ri­ty Dia­lo­gue“) ist ein loser Pakt, den die USA, Japan, Aus­tra­li­en und Indi­en geschlos­sen haben, um gemein­sam gegen Chi­na Front zu machen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]). Die Staats- und Regie­rungs­chefs der vier Län­der, die am Frei­tag erst­mals vir­tu­ell zusam­men­tra­fen, einig­ten sich, die Phar­ma­fir­ma Bio­lo­gi­cal E aus der indi­schen Metro­po­le Hyder­abad mit der Lizenz­pro­duk­ti­on von einer Mil­li­ar­de Dosen des Vak­zins von John­son & John­son (USA) bis Ende 2022 zu beauf­tra­gen; finan­ziert wird das Pro­jekt von den USA und Japan, wäh­rend Aus­tra­li­en bei der Ver­tei­lung des Impf­stoffs die Logis­tik übernimmt.[10] Aus­lö­ser für das Vor­ha­ben ist nicht die Not­la­ge der Län­der Süd­ost­asi­ens, son­dern die Tat­sa­che, dass bis­lang Chi­na der maß­geb­li­che Impf­stoff­lie­fe­rant unter ande­rem für Indo­ne­si­en und die Phil­ip­pi­nen ist.[11] Um Ein­fluss­ge­win­ne für Bei­jing zu ver­hin­dern, wird nicht das rei­che Washing­ton, son­dern New Delhi ein­sprin­gen – und dies, obwohl die Impf­kam­pa­gne in Indi­en selbst nur schlep­pend Fort­schrit­te macht: Ver­impft wur­den bis­lang 2,17 Dosen pro 100 Ein­woh­ner bei einer Bevöl­ke­rung von 1,3 Mil­li­ar­den Men­schen.

Mehr zum The­ma: Das Impf­de­sas­ter der EU, Euro­päi­sches Rou­let­te und Im Aus­nah­me­zu­stand.

[1] Nie­der­lan­de bestrei­ten unrecht­mä­ßi­ge Impf­stoff­be­schaf­fung. faz​.net 13.03.2021.

[2] S. dazu Die Impf­stoff­knapp­heit der EU (II) und Impf­stoff-Export­hin­der­nis­se in der Pan­de­mie.

[3] Sarah Knap­ton: Should Bri­tons be worried if they have had the Astra­Ze­ne­ca jab? The num­bers sug­gest not. tele​graph​.co​.uk 15.03.2021.

[4] MHRA respon­se to the pre­cau­tio­na­ry sus­pen­si­ons of COVID-19 Vac­ci­ne Astra­Ze­ne­ca. gov​.uk 15.03.2021.

[5] Spahn: „Uns ist die Trag­wei­te die­ser Ent­schei­dung bewusst“. t‑online.de 15.03.2021.

[6] Noah Wei­land, Rebec­ca Rob­bins: The U.S. Is Sit­ting on Tens of Mil­li­ons of Vac­ci­ne Doses the World Needs. nyti​mes​.com 11.03.2021.

[7] Press Brie­fing by Press Secreta­ry Jen Psa­ki and Natio­nal Secu­ri­ty Advi­ser Jake Sul­li­van, March 12, 2021. white​house​.gov 12.03.2021.

[8] S. dazu Euro­päi­sches Rou­let­te.

[9] S. dazu Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (IV) und Chi­nas Gegen­spie­ler (II).

[10] Joe Wal­len: ‚Quad’ alli­an­ce to dis­tri­bu­te one bil­li­on doses of vac­ci­ne to coun­ter Chi­ne­se influ­ence. tele​graph​.co​.uk 13.03.2021.

[11] Eliza­beth Roche: Quad Vac­ci­ne Part­ners­hip: Hyderabad’s Bio­lo­gi­cal E to make 1 bn doses. livem​int​.com 13.03.2021.

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