[EMRAWI:] Corona im Notquartier: Fehlende Hilfeleistung

Wir wis­sen bis­lang von vier grö­ße­ren Clus­tern, die sich in den Quar­tie­ren des Win­ter­pa­kets erge­ben haben. Dazu kom­men vie­le wei­te­re „Ein­zel­fäl­le“. Einer der grö­ße­ren Clus­ter ereig­ne­te sich im Jän­ner die­sen Jah­res im Not­quar­tier Gud­run­stra­ße. Dort waren zunächst immer mehr Nut­zer der Ein­rich­tung und schließ­lich auch Mitarbeiter_​innen von der Anste­ckung betrof­fen. Die Kolleg_​innen des NQ Gud­run­stra­ße hat­ten bereits seit Herbst zuneh­mend unter mas­si­ver Unter­be­set­zung gelit­ten. Die regu­lä­re Beset­zung war um vier Teil­zeit­stel­len zu knapp berech­net – dazu kamen Kran­ken­stän­de, die nicht zuletzt Fol­ge der star­ken Belas­tung und der vie­len geleis­te­ten Über­stun­den waren. Auf­grund die­ser Belas­tun­gen begann sich die Basis zu orga­ni­sie­ren, die Zustän­de zunächst trä­ger­intern anzu­spre­chen und mit Unter­stüt­zung des Betriebs­ra­tes Gesprä­che mit den Ver­ant­wort­li­chen des Trä­gers und des Fonds Sozia­les Wien ein­zu­for­dern. Als sich schließ­lich die posi­ti­ven Fäl­le stark häuf­ten, gin­gen die Mitarbeiter_​innen an die Öffent­lich­keit.

Seit letz­ter Woche ist nun klar, dass das Not­quar­tier Gud­run­stra­ße als ein­zi­ges des Win­ter­pa­ke­tes nicht ver­län­gert wird.

Viel zu wenig wur­de bis­lang zum Schutz obdach­lo­ser Men­schen unter­nom­men.

Die Not­quar­tie­re des Win­ter­pa­kets bie­ten grund­sätz­lich kaum Schutz. Die Regel sind Mehr­bett­zim­mer. Nur in einer Ein­rich­tung gab es Ein­zel­zim­mer, und selbst die­se wur­den im Lau­fe des Win­ters zu Dop­pel­zim­mern umfunk­tio­niert. Nicht sel­ten müs­sen obdach­lo­se Per­so­nen mit bis zu acht ande­ren Men­schen auf weni­gen Qua­drat­me­tern schla­fen. Es gibt nur eine Essens­aus­ga­be­stel­le, an der in lan­gen Schlan­gen ange­stan­den wird. Sani­tär­an­la­gen wer­den mit ande­ren geteilt. Zu weni­ge Auf­ent­halts­räu­me bie­ten zu weni­ge Sitz­mög­lich­kei­ten. Das hat zur Fol­ge, dass vie­le Men­schen ihre Mahl­zeit in ihren Bet­ten zu sich neh­men müs­sen. In man­chen Ein­rich­tun­gen las­sen sich Fens­ter „aus Sicher­heits­grün­den“ nicht öff­nen, son­dern nur kip­pen, was die not­wen­di­ge Belüf­tung unmög­lich macht. Das Ein­hal­ten der Abstands­re­gel ist sowie­so unmög­lich. Was also für den Rest der Bevöl­ke­rung gilt, kann unter den Bedin­gun­gen der der­zei­ti­gen Not­schlaf­stel­len nicht ein­mal ange­dacht wer­den. Dies führt die struk­tu­rel­le Ungleich­heit von Krank­heits­ri­si­ko und Gesund­heits­chan­cen wei­ter fort und führt zu Angst und Ver­un­si­che­rung unter den Betrof­fe­nen.

Immer mehr Men­schen zie­hen es daher vor, auf der Stra­ße zu schla­fen. Gera­de die­ser Umstand zeigt das Schei­tern des Sys­tems auf!

Als Reak­ti­on auf die Pan­de­mie wur­de bereits im Früh­ling 2020 die Anzahl der zur Ver­fü­gung gestell­ten Bet­ten redu­ziert, wodurch es ins­ge­samt weni­ger Schlaf­plät­ze gibt. Die Hür­den, einen Platz in einem Not­quar­tier zu bekom­men, wur­den höher. Schlaf­plät­ze, die ohne grö­ße­ren büro­kra­ti­schen Auf­wand ver­ge­ben wer­den kön­nen (soge­nann­te Not­bet­ten), gibt es seit bald einem Jahr so gut wie kei­ne mehr. Dazu kommt die stän­di­ge Gefahr der Qua­ran­tä­ne. Wir ken­nen Fäl­le, in denen Nächtiger_​innen drei­mal als K1-Per­so­nen abge­son­dert wur­den, weil sie in den über­be­leg­ten Mehr­bett­zim­mern dem engen Kon­takt zu Ande­ren nicht ent­ge­hen konn­ten.

Auch in den Qua­ran­tä­ne­quar­tie­ren scheint vie­les nicht so glatt zu lau­fen. So waren in Fol­ge des Covid-19-Clus­ters im Not­quar­tier Pav. VIII sucht­kran­ke Per­so­nen zum Teil tage­lang ohne medi­ka­men­tö­se Ver­sor­gung in Qua­ran­tä­ne. Dazu kommt ein mas­si­ves Infor­ma­ti­ons­pro­blem, da es de fac­to kei­ne mehr­spra­chi­gen Infor­ma­tio­nen zur Abson­de­rung gibt. Die­ser Umstand führt immer wie­der zu Ver­un­si­che­rung.

Die weni­gen Schutz­maß­nah­men, die es gibt, gehen also auf Kos­ten der Betrof­fe­nen.

Aber auch für uns Basismitarbeiter_​innen ist die Situa­ti­on eine Zuspit­zung der ohne­hin schon pre­kä­ren Lage. Unter­be­set­zun­gen gab es schon lan­ge vor der Pan­de­mie. Sie sind auf­grund ver­mehr­ter Kran­ken­stän­de aber ver­stärkt zu spü­ren. Psy­chi­sche Belas­tun­gen stei­gen unter den Bedin­gun­gen der Pan­de­mie. War unser Job davor schon nicht viel mehr als Elends­ver­wal­tung, sehen wir jetzt, dass selbst die­se immer öfter schei­tert. Ins­ge­samt ist die Lage deut­lich ange­spann­ter: Für schlech­ten Lohn müs­sen wir unse­re Gesund­heit aufs Spiel set­zen, für ein teils man­gel­haf­tes Manage­ment unse­re Sozi­al­kon­tak­te mas­siv ein­schrän­ken. Den­noch bleibt immer die Gefahr, dass wir uns nicht nur selbst, son­dern auch unse­re Fami­lie, Freund_​innen, WG anste­cken.

All die­se Pro­ble­me waren durch­wegs vor­aus­seh­bar. Den­noch wur­de letz­tes Jahr im Som­mer, als unge­ach­tet der Pan­de­mie die meis­ten Not­quar­tie­re für drei Mona­te schlos­sen, nichts unter­nom­men, die Situa­ti­on zu ver­bes­sern. Die Entscheidungsträger_​innen mach­ten ihre PR-Ver­an­stal­tun­gen im ein­zi­gen Nacht­quar­tier mit Ein­zel­zim­mern und prie­sen die (ver­meint­li­chen) Ver­bes­se­run­gen. Die Spen­den soll­ten beson­ders in die­sen Not­zei­ten üppig flie­ßen. Die Rea­li­tät vor Ort stört da nur.

Kurz­fris­tig getrof­fe­ne Ent­schei­dun­gen prä­gen unse­ren Arbeits­all­tag seit Beginn der Pan­de­mie.

Zuerst die kurz­fris­ti­ge Umstel­lung auf den 24-Stun­den-Betrieb, für den die Räum­lich­kei­ten nicht geeig­net waren und sind. Dann die Ver­län­ge­rung des Win­ter­pa­kets 2020, das aber im August schon wie­der geschlos­sen wur­de. Der 24-Stun­den-Betrieb wur­de im Herbst zurück­ge­nom­men und kurz dar­auf wie­der ein­ge­führt. Mit dem Käl­te­ein­bruch im Febru­ar wur­de kurz­fris­tig die Bet­ten­an­zahl eines Quar­tiers erhöht, obwohl auch dort die Räum­lich­kei­ten dafür nicht geeig­net sind – die Anzahl der Mitarbeiter_​innen blieb dabei die glei­che.

Vor etwa einer Woche kam nun die Nach­richt, dass der Groß­teil der Ein­rich­tun­gen des Win­ter­pak­tes ver­län­gert wird. Aller­dings, so wie schon letz­tes Jahr, wie­der nur bis Anfang August. Zu etwas Sta­bi­li­tät und Plan­bar­keit für alle (!) Betei­lig­ten kann sich offen­bar nicht durch­ge­run­gen wer­den.

Men­schen in Pan­de­mie­zei­ten in Mas­sen­quar­tie­ren unter­zu­brin­gen ist nicht beson­ders schlau – das soll­te offen­sicht­lich sein. Die­se Pro­ble­ma­tik betrifft nicht nur Obdach­lo­sen­quar­tie­re, son­dern auch Quar­tie­re für Geflüch­te­te oder Saisonarbeiter*innen. Am gefähr­lichs­ten sind Mas­sen­hei­me für Men­schen mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen, mit Pfle­ge­be­darf und für alte Men­schen. Bis­lang gab es in mehr als einem Drit­tel der Alten- und Pfle­ge­hei­me Clus­ter, nahe­zu die Hälf­te der durch Covid-19 gestor­be­nen Men­schen kommt von dort. Das zeigt deut­lich, dass die­se Art der Unter­brin­gung ein Brand­be­schleu­ni­ger der Pan­de­mie ist.

Mas­sen­un­ter­künf­te zu betrei­ben soll­te eigent­lich nicht ein­mal mehr denk­bar sein.

Eine der ers­ten und wich­tigs­ten Ad-hoc-Maß­nah­men der Pan­de­mie­be­kämp­fung in die­sen Berei­chen soll­te es sein, für klei­ne, dezen­tra­le Unter­künf­te mit gutem Betreu­ungs­schlüs­sel zu sor­gen, die aus­rei­chend Schutz vor wei­te­rer gesund­heit­li­cher Gefähr­dung bie­ten.

Ange­sichts der Untrag­bar­keit der Zustän­de sowie der stark gestie­ge­nen Arbeits­be­las­tung und Gesund­heits­ge­fähr­dung ist der Unmut unter den Basisarbeiter_​innen groß. Nicht nur in der Gud­run­stra­ße, auch in ande­ren Ein­rich­tun­gen wur­de begon­nen, sich zu orga­ni­sie­ren. Offe­ne Brie­fe wer­den geschrie­ben, Betriebs­ver­samm­lun­gen abge­hal­ten, Ver­net­zung mit ande­ren Ein­rich­tun­gen orga­ni­siert, Pro­test­ak­tio­nen geplant.

Wir wol­len, dass sich etwas ändert – und zwar jetzt!

Mög­li­che Wege zu die­sem Ziel sind die Orga­ni­sie­rung inner­halb der ein­zel­nen Ein­rich­tun­gen, das Ein­for­dern bes­se­ren Arbeits­schut­zes, gemein­sam geschrie­be­ne offe­ne Brie­fe an die Trä­ger­ver­ant­wort­li­chen oder die Ver­ant­wort­li­chen beim FSW und bei der Stadt Wien und vie­les mehr.

Von den Ver­ant­wort­li­chen kön­nen wir kei­ne Ver­än­de­rung erwar­ten. Des­we­gen liegt es an uns, Sachen ins Rol­len zu brin­gen – und das kön­nen wir nur gemein­sam schaf­fen!

https://​som​mer​pa​ket​.noblogs​.org

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