[gfp:] Deutsch-russische Brückenenergien

Berlin macht Druck

Für Kurs­kor­rek­tu­ren in der Russ­land­po­li­tik hat sich am Mon­tag ver­gan­ge­ner Woche der EU-Bot­schaf­ter in Mos­kau, Mar­kus Ede­rer, aus­ge­spro­chen. Ede­rer, der im Lauf sei­ner Kar­rie­re unter ande­rem als Lei­ter des Pla­nungs­stabs (2005 bis 2010) sowie als Staats­se­kre­tär (2014 bis 2017) im Aus­wär­ti­gen Amt gear­bei­tet hat, hat mit sei­nem im Okto­ber 2017 ange­tre­te­nen Mos­kau­er Pos­ten schon die zwei­te bedeu­ten­de Funk­ti­on in der EU-Diplo­ma­tie nach sei­ner Tätig­keit als Bot­schaf­ter der Uni­on in Chi­na (Janu­ar 2011 bis Janu­ar 2014) inne; er kann in Ber­lin wie in Brüs­sel als diplo­ma­ti­sches Schwer­ge­wicht gel­ten. Bei einer Zusam­men­kunft mit dem EU-Außen­be­auf­trag­ten Josep Bor­rell, dem Gene­ral­se­kre­tär des Euro­päi­schen Aus­wär­ti­gen Diensts, Ste­fa­no San­ni­no, des­sen Stell­ver­tre­ter Pedro Ser­ra­no sowie dem Lei­ter der Russ­land­ab­tei­lung, Luc Pierre Devi­g­ne, setz­te sich Ede­rer am Mon­tag, wie berich­tet wird, für mehr Koope­ra­ti­on mit Mos­kau ein: Es gel­te sich aus der Fixie­rung auf den Ukrai­ne-Kon­flikt zu lösen, wird der Diplo­mat zitiert.[1] Am Mitt­woch hät­ten sich dann, heißt es wei­ter, auf dem Tref­fen der EU-Bot­schaf­ter meh­re­re Staa­ten ähn­lich geäu­ßert; Ita­li­en etwa habe eine enge­re Wirt­schafts­ko­ope­ra­ti­on vor­ge­schla­gen. Eini­ge Staa­ten Ost­eu­ro­pas hin­ge­gen hät­ten auf der Ver­schär­fung der Aggres­si­ons­kur­ses beharrt.

„Schwierig, aber unverzichtbar“

Bereits zuvor war ein Papier mit ähn­li­cher Stoß­rich­tung bekannt­ge­wor­den, das Ber­lin in Brüs­sel in Umlauf gebracht hat­te, wobei es offi­zi­ell als nicht unter­zeich­ne­tes und nicht for­mal zuzu­ord­nen­des „non-paper“ fir­miert – eine übli­che Metho­de, Debat­ten anzu­sto­ßen, ohne sich offi­zi­ell fest­zu­le­gen. Das „non-paper“ sieht zwar eine enge trans­at­lan­ti­sche Abstim­mung gegen­über Russ­land vor und beinhal­tet kei­ne Abkehr von den jüngs­ten Sank­tio­nen und ande­ren Aggres­sio­nen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [2]). Es plä­diert aber dafür, in bestimm­ten Berei­chen die Koope­ra­ti­on zu suchen und damit die Eska­la­ti­ons­spi­ra­le, in die die Bezie­hun­gen zu Mos­kau aktu­ell zu gera­ten dro­hen, zumin­dest zu brem­sen. Als Motiv wird genannt, dass Russ­land in meh­re­ren Welt­re­gio­nen, etwa in Nord­afri­ka sowie im Nahen und Mitt­le­ren Osten, eine zwar „oft schwie­ri­ge“, aber doch „unver­zicht­ba­re“ Rol­le spielt, wes­halb die EU nicht umhin­kom­me, in gewis­sem Maß mit ihm zu koope­rie­ren, wol­le sie selbst dort Ein­fluss nehmen.[3] Die Uni­on sol­le des­halb auf bestimm­ten Fel­dern die Zusam­men­ar­beit mit Russ­land suchen, so zum Bei­spiel in der Kli­ma­po­li­tik. In die­sem Zusam­men­hang nennt das deut­sche „non-paper“ aus­drück­lich eine inten­si­ve­re Koope­ra­ti­on etwa in Sachen Was­ser­stoff.

Folgen der Energiewende

Hin­ter­grund ist auf deut­scher Sei­te der wegen der Ener­gie­wen­de abseh­bar stei­gen­de Bedarf an Was­ser­stoff als Ener­gie­trä­ger. Allein bis 2030 sagt die Bun­des­re­gie­rung einen Was­ser­stoff­be­darf von 90 bis 110 TWh vor­aus. Davon wer­de der über­wie­gen­de Teil impor­tiert wer­den müs­sen, heißt es in der „Natio­na­len Was­ser­stoff­stra­te­gie“ der Regie­rung vom Juni 2020.[4] Dabei hat­te Ber­lin zunächst vor allem son­nen- und wind­rei­che Gebie­te in Nord­afri­ka als Pro­duk­ti­ons­stät­ten „grü­nen“ Was­ser­stoffs im Visier, der dann per Tan­ker antrans­por­tiert wer­den soll; ein Abkom­men mit Marok­ko vom 29. Novem­ber 2019 sieht unter ande­rem eine sol­che Koope­ra­ti­on vor.[5] Russ­land wie­der­um nimmt seit ver­gan­ge­nem Jahr eben­falls neue Was­ser­stoffak­ti­vi­tä­ten in den Blick. Grund dafür ist, dass die Ener­gie­wen­de in der EU zu einem nach 2030 per­spek­ti­visch klar sin­ken­den Bedarf an Erd­öl und Erd­gas füh­ren und damit Russ­lands wich­tigs­te Expor­te stark redu­zie­ren wird. Als Alter­na­ti­ve bewirbt Russ­lands neue Ener­gie­stra­te­gie aus dem Jahr 2020 den Ein­stieg in die Pro­duk­ti­on „blau­en“ und „tür­ki­sen“ Was­ser­stoffs aus Erd­gas; zudem ist „grü­ner“ Was­ser­stoff aus Wind­ener­gie im Gespräch. Ab spä­tes­tens 2035 wer­de man zwei Mil­lio­nen Ton­nen Was­ser­stoff im Jahr expor­tie­ren kön­nen, spe­ku­lie­ren Wirtschaftskreise.[6]

„Zukunftstechnologie Wasserstoff“

Mitt­ler­wei­le sind kon­kre­te Pro­jek­te gestar­tet wor­den. Auf rus­si­scher Sei­te wol­len unter ande­rem Gaz­prom und der größ­te pri­va­te Ener­gie­kon­zern des Lan­des, Nova­tek, in die Pro­duk­ti­on von Was­ser­stoff ein­stei­gen. Gaz­prom hat dazu beim Karls­ru­her Insti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) eine Mach­bar­keits­stu­die in Auf­trag gege­ben [7], wäh­rend Nova­tek mit Sie­mens koope­rie­ren will; die bei­den Kon­zer­ne, die schon jetzt bei Nova­tek-Flüs­sig­gas­pro­jek­ten in der rus­si­schen Ark­tis eng zusam­men­ar­bei­ten, haben im Dezem­ber 2020 eine Über­ein­kunft unter­schrie­ben, die auch ein Vor­ha­ben zur Umstel­lung von Flüs­sig­gas auf Was­ser­stoff umfasst [8]. Auf deut­scher Sei­te wirbt neben dem Ost-Aus­schuss der deut­schen Wirt­schaft mitt­ler­wei­le auch die Bun­des­re­gie­rung für „Zusam­men­ar­beit in For­schung und Indus­trie“ bezüg­lich der „Zukunfts­tech­no­lo­gie Was­ser­stoff“, wie es kürz­lich der Regie­rungs­ko­or­di­na­tor für zwi­schen­ge­sell­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit mit Russ­land, Johann Saat­hoff, for­mu­lier­te. Saat­hoff, der zugleich als ener­gie­po­li­ti­scher Koor­di­na­tor der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on fun­giert, kün­dig­te an, Ber­lin wer­de im Rah­men des im Novem­ber gestar­te­ten Deutsch-Rus­si­schen The­men­jah­res „Wirt­schaft und nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung 2020–2022“ „eine neue Struk­tur schaf­fen, die den Dia­log … zum The­ma Was­ser­stoff bele­ben wird“.[9]

Nord Stream 2

Saat­hoff wies nicht nur dar­auf hin, dass Russ­land neben sei­nen Erd­gas­vor­rä­ten auch exzel­len­te Vor­aus­set­zun­gen für die Nut­zung von Wind­ener­gie auf­weist: „Die rech­ne­ri­sche Kapa­zi­tät für die Onshore-Wind­kraft liegt bei min­des­tens dem Tau­send­fa­chen der heu­te in Deutsch­land instal­lier­ten Windenergie“.[10] Der Ber­li­ner Regie­rungs­ko­or­di­na­tor erin­ner­te auch dar­an, dass – anders als im Fal­le Marok­kos – „schon heu­te die Trans­port-Infra­struk­tur“ zur Lie­fe­rung des Was­ser­stoffs nach Deutsch­land exis­tiert: „Die Pipe­lines, durch die heu­te Öl und Gas zu uns strö­men, kön­nen auf Was­ser­stoff umge­stellt wer­den.“ Die deutsch-rus­si­schen Plä­ne zur Was­ser­stoff­ko­ope­ra­ti­on gehen ent­spre­chend mit dem Behar­ren der Bun­des­re­gie­rung auf dem Bau der Gas­pipe­line Nord Stream 2 ein­her. Jüngst hat etwa der Staats­se­kre­tär im Aus­wär­ti­gen Amt Miguel Ber­ger auf dem vir­tu­el­len Jah­res­auf­takt des Ost-Aus­schus­ses der Deut­schen Wirt­schaft bekräf­tigt: „Wir haben kein Inter­es­se dar­an, dass die­ses Pro­jekt [Nord Stream 2] zu einer Inves­ti­ti­ons­rui­ne wird“.[11] Zwar sei man bereit, mit der Biden-Admi­nis­tra­ti­on über gewis­se Zuge­ständ­nis­se zu ver­han­deln; klar sei jedoch: „Am Ende die­ses Dia­logs muss die Fina­li­sie­rung der Pipe­line ste­hen.“ Ent­spre­chend hat­te sich zuvor auch Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas festgelegt.[12]

[1] Alber­to Nar­del­li: EU Offi­cials Plot Ligh­ter Touch on Rus­sia But It’s a Tough Sell. bloom​berg​.com 13.03.2021.

[2] S. dazu In der Eska­la­ti­ons­spi­ra­le.

[3] Micha­el Peel: Ger­ma­ny urges new out­re­ach to Moscow on cli­ma­te chan­ge. ft​.com 07.03.2021.

[4] Die Natio­na­le Was­ser­stoff­stra­te­gie. Ber­lin, Juni 2020.

[5] S. dazu Die Geo­öko­no­mie des Was­ser­stoffs.

[6] Hans-Jür­gen Witt­mann: Russ­land möch­te bis 2035 Welt­markt­füh­rer bei Was­ser­stoff wer­den. gtai​.de 25.12.2020. S. auch Die Geo­po­li­tik des Euro­pean Green Deal (II).

[7] Hans-Jür­gen Witt­mann: Russ­land ent­wi­ckelt eige­ne Was­ser­stoff­tech­no­lo­gien. gtai​.de 01.07.2020.

[8] Lydia Woell­warth: Nova­tek and Sie­mens Ener­gy sign agree­ment. lng​indus​try​.com 11.12.2021.

[9], [10] Johann Saat­hoff: Die Bun­des­re­pu­blik soll­te ihre Koope­ra­ti­on mit Russ­land und sei­nen Nach­barn aus­bau­en. han​dels​blatt​.com 08.02.2021.

[11] Vir­tu­el­ler Jah­res­auf­takt mit Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er und 350 Gäs­ten. ost​-aus​schuss​.de 26.02.2021.

[12] S. dazu Trans­at­lan­ti­sche Sank­tio­nen (III).

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