[LCM:] Autoritärer Wind unter der Akropolis

Die Jugend in Grie­chen­land rebel­liert. Obwohl seit Janu­ar mehr­mals wöchent­lich tau­sen­de Men­schen auf die Stra­ße gehen, berich­ten bür­ger­li­che Medi­en in Deutsch­land prak­tisch gar nicht dar­über. Die auto­ri­tä­re Ent­wick­lung des grie­chi­schen Staa­tes hat seit letz­tem Jahr beson­ders Fahrt auf­ge­nom­men – sie stößt aber auch auf erheb­li­chen Wider­stand.

2020 – „Über­all Poli­zei, nir­gend­wo Inten­siv­sta­tio­nen.“

Seit über zehn Jah­ren steckt die Bevöl­ke­rung Grie­chen­lands in der Kri­se. Mit der Covid-19-Pan­de­mie ver­schärf­te sich die sozia­le Lage wie­der: Hun­dert­tau­sen­de Arbeiter:innen ver­lo­ren ihren Job und zahl­rei­che klei­ne Selbst­stän­di­ge gin­gen plei­te. So waren Janu­ar 2021 offi­zi­ell 16,2 Pro­zent der Bevöl­ke­rung erwerbs­los und gan­ze 34 Pro­zent der Jugend, was bei­des jeweils dop­pelt so hoch ist wie der Durch­schnitt in der Euro­zo­ne. Staat­li­che Absi­che­run­gen für Erwerbs­lo­se gibt es kaum und die Höhe des Kurz­ar­beits­gel­des liegt bei 60 Pro­zent des Lohns – wobei die­ser regu­lär schon meist unter 800 Euro liegt. Gleich­zei­tig blei­ben gro­ße Ver­mö­gen und Kon­zer­ne unan­ge­tas­tet. Die Flug­ge­sell­schaft Aege­an Air­lines bekam sogar staat­li­che Unter­stüt­zung in Höhe von 120 Mil­lio­nen Euro.

Schon früh kri­ti­sier­ten Gewerk­schaf­ten und Lin­ke die­se Poli­tik, die die Kos­ten der Kri­se auf die Bevöl­ke­rung abwäl­ze. Es bil­de­ten sich neue lin­ke Netz­wer­ke und neue Mög­lich­kei­ten lin­ker Poli­tik erga­ben sich. Ein Bei­spiel ist die Bewe­gung Sup­port Art Workers. Mit ihr for­dern Kunst­schaf­fen­de unter ande­rem eine staat­li­che Bei­hil­fe von 530 Euro pro Monat für die­je­ni­gen unter ihnen, die ihren Job ver­lo­ren haben. Beson­ders um das Gesund­heits­we­sen gibt es seit Beginn der Pan­de­mie Kämp­fe. Beschäf­tig­te und ihre Gewerk­schaf­ten for­dern, Geld für Kran­ken­häu­ser aus­zu­ge­ben statt für Mili­tär und Poli­zei. Ein ver­brei­te­ter Spruch der letz­ten Mona­te ist: „Über­all Poli­zei – nir­gend­wo Inten­siv­sta­tio­nen.“

Den soge­nann­ten “Ein­hei­ten zur Wie­der­her­stel­lung der Ord­nung” (MAT) wird ein beson­ders hoher Anteil von Faschis­ten nach­ge­sagt

Im Okto­ber 2020 errang die anti­fa­schis­ti­sche Bewe­gung einen wich­ti­gen Sieg: Die Neo­na­zi-Par­tei Gol­de­ne Mor­gen­rö­te wur­de gericht­lich zur ille­ga­len Orga­ni­sa­ti­on erklärt und ihre Anfüh­rer zu Gefäng­nis­stra­fen ver­ur­teilt. Jahr­zehn­te­lang durf­te die Par­tei faschis­ti­sche Pro­pa­gan­da betrei­ben und Ver­bre­chen bege­hen, ohne vom Staat ein­ge­schränkt zu wer­den. Wäh­rend der Kri­se gewann die Par­tei an Popu­la­ri­tät und kam 2014 sogar auf 9,4 Pro­zent der Wähler:innenstimmen. Gleich­zei­tig beging die Par­tei ver­mehrt gewalt­sa­me Über­fäl­le auf Migrant:innen und Lin­ke – dar­un­ter fal­len auch die Mor­de am paki­sta­ni­schen Arbei­ter Shehzad Luq­man und dem anti­fa­schis­ti­schen Rap­per Pav­los Fys­sas. Durch den Kampf der brei­ten anti­fa­schis­ti­schen Bewe­gung wur­de die Gol­de­ne Mor­gen­rö­te zurück­ge­drängt und der Staat unter Druck gesetzt, Maß­nah­men zu ergrei­fen.

Die kon­ser­va­ti­ve Regie­rung möch­te der lin­ken Bewe­gung und vor allem kom­mu­nis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Kräf­ten jedoch kei­nen Raum für ihre poli­ti­schen Kämp­fe und Erfol­ge geben. So schränk­te sie bereits im Juli 2020 das Ver­samm­lungs­recht ein. Im Novem­ber und Dezem­ber wur­den zwei jähr­li­che Groß­de­mons­tra­tio­nen ver­bo­ten. Begrün­det wur­den die Ver­bo­te damit, dass sie auf­grund der Coro­na-Situa­ti­on zu gefähr­lich sei­en – was offen­sicht­lich als Vor­wand beur­teilt wer­den kann, da Sicher­heits­kon­zep­te vor­la­gen. Unter ande­rem Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei und der kämp­fe­ri­sche Gewerk­schafts­ver­band PAME rie­fen am 17. Novem­ber den­noch zur Demons­tra­ti­on auf, wobei alle Teilnehmer:innen Mas­ken tru­gen und weit mehr als den gefor­der­ten Abstand von­ein­an­der hiel­ten. Unter Beru­fung auf das Ver­bot griff die Poli­zei die Demonstrant:innen mit Knüp­peln, Trä­nen­gas und Was­ser­wer­fern an und nahm zahl­rei­che Ver­haf­tun­gen vor.

Die Demo­kra­tie betritt die Uni­ver­si­tä­ten“ – in Poli­zei­uni­form

Anfang 2021 ging es naht­los wei­ter mit dem auto­ri­tä­ren Vor­stoß der Regie­rung, unter ande­rem indem sie ein neu­es Uni­ver­si­täts­ge­setz im Par­la­ment beschlie­ßen ließ. Das Gesetz sieht unter ande­rem die Ein­füh­rung einer Uni­ver­si­täts­po­li­zei vor, die ver­meint­li­che Kri­mi­na­li­tät und lin­ke „Kra­wall­ma­cher“ an Uni­ver­si­tä­ten bekämp­fen sol­le. In ers­ter Linie geht es wohl dar­um, die poli­ti­sche Akti­vi­tät kom­mu­nis­ti­scher Stu­die­ren­den­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­zu­schrän­ken. Der kon­ser­va­ti­ve Minis­ter­prä­si­dent Kyria­kos Mit­sota­kis for­mu­liert das so: „Nicht die Poli­zei, son­dern die Demo­kra­tie betritt die Uni­ver­si­tä­ten.“ Der Auf­bau der Spe­zi­al­trup­pe soll 30 Mil­lio­nen Euro kos­ten.

Außer­dem sol­len zukünf­tig Stu­die­ren­de von der Uni­ver­si­tät geschmis­sen wer­den, wenn sie die Regel­stu­di­en­zeit um 50 Pro­zent über­schrei­ten. Da ein Bache­lor­stu­di­um in Grie­chen­land vier Jah­re dau­ert, ist also nur eine Ver­län­ge­rung um zwei Jah­re erlaubt. Ein gro­ßer Teil der Stu­die­ren­den in Grie­chen­land ist wegen der kri­ti­schen sozia­len Lage dar­auf ange­wie­sen, neben dem Stu­di­um zu arbei­ten, um über die Run­den zu kom­men – wes­halb vie­le ihr Stu­di­um ver­län­gern müs­sen. Somit ver­un­mög­licht das neue Uni­ver­si­täts­ge­setz vie­len jun­gen Men­schen ein Stu­di­um, wenn sie aus finan­zi­ell beson­ders benach­tei­lig­ten Umstän­den kom­men.

Beson­ders iro­nisch ist dabei, dass der kon­ser­va­ti­ve Pre­mier­mi­nis­ter Kyria­kos Mit­sota­kis als Sohn des frü­he­ren Pre­mier­mi­nis­ters Kon­stan­ti­nos Mit­sota­kis in Reich­tum hin­ein­ge­bo­ren wur­de und nie­mals Geld­sor­gen hat­te. Er besuch­te auch nie eine grie­chi­sche Uni­ver­si­tät, son­dern nur US-ame­ri­ka­ni­sche Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten wie Har­vard und Stan­ford.

Das neue Uni­ver­si­täts­ge­setz wur­de ver­ab­schie­det, doch die Stu­die­ren­den­be­we­gungfor­dert sei­ne Rück­nah­me und mobi­li­siert wei­ter zu Pro­tes­ten

Seit Janu­ar gehen lan­des­weit mehr­mals pro Woche tau­sen­de Stu­die­ren­de auf die Stra­ßen, um gegen das Gesetz pro­tes­tie­ren – auch nach­dem es im Febru­ar vom Par­la­ment ver­ab­schie­det wur­de. Stu­die­ren­de besetz­ten außer­dem die Uni­ver­si­tät in Thes­sa­lo­ni­ki. Die Stu­die­ren­den­be­we­gung sieht das Gesetz als auto­ri­tä­ren Ein­griff in ihre Uni­ver­si­tä­ten. Dabei gibt es auch immer wie­der Bezü­ge zur Wider­stands­be­we­gung an der Boğa­zi­çi-Uni­ver­si­tät in İstanb­ul, die eben­falls gegen Ein­fluss­nah­me der Poli­tik auf Uni­ver­si­tä­ten kämpft.

Poli­ti­scher Gefan­ge­ner im Hun­ger­streik

Gro­ße Auf­merk­sam­keit erlang­te auch der Hun­ger­streik des poli­ti­schen Gefan­ge­nen Dimi­tris Kou­fon­ti­nas, der Mit­glied der mili­tan­ten links­ra­di­ka­len Revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­ti­on 17. Novem­ber (17N) war. Die Orga­ni­sa­ti­on ver­üb­te von 1975 bis 2000 Anschlä­ge vor allem auf Ein­rich­tun­gen und Füh­rungs­per­so­nen, die sie dem US-Impe­ria­lis­mus und der Mili­tär­dik­ta­tur von 1967 bis 1974 zuord­ne­te. Kou­fon­ti­nas stell­te sich 2002, war bis 2018 in Athen inhaf­tiert und wur­de dann nach Volos ver­legt, wo sei­ne Haft­be­din­gun­gen leicht gelo­ckert wur­den. Aller­dings wur­den ihm wie­der­holt Haft­er­leich­te­run­gen ver­wehrt, die ihm gesetz­lich zuste­hen.

Schon vor sei­ner Wahl 2019 hat­te der jet­zi­ge Minis­ter­prä­si­dent Kyria­kos Mit­sota­kis ange­kün­digt, Kou­fon­ti­nas‘ Haft­be­din­gun­gen ver­schlech­tern zu wol­len. Da Mit­sota­kis mit einem Opfer des 17N ver­schwä­gert ist, wird ihm vor­ge­wor­fen, in die­ser Fra­ge per­sön­lich befan­gen zu sein. Dezem­ber 2020 setz­te die Regie­rung schließ­lich ein Gesetz durch, das allein Kou­fon­ti­nas betrifft und vor­sieht, ihn in ein Gefäng­nis mit schlech­te­ren Haft­be­din­gun­gen zu ver­le­gen. Laut dem erlas­se­nen Gesetz müss­te Kou­fon­ti­nas aller­dings in das Athe­ner Gefäng­nis zurück­ver­legt wer­den. Statt­des­sen wur­de er in eine ande­re Haft­an­stalt ver­legt, in der er weit von Athen und damit sei­nen Ange­hö­ri­gen ent­fernt ist.

Vie­le bür­ger­li­che Politiker:innen und Medi­en füh­ren in der Debat­te um Kou­fon­ti­nas‘ Haft­be­din­gun­gen sei­ne poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen an, die in Bezug auf die betref­fen­den recht­li­chen Fra­gen aller­dings kei­ne Rol­le spie­len soll­ten. Um gegen die Will­kür zu pro­tes­tie­ren und sei­ne Ver­le­gung nach Athen zu for­dern, begann Kou­fon­ti­nas des­halb am 8. Janu­ar einen Hun­ger­streik. In den fol­gen­den Wochen soli­da­ri­sier­ten sich brei­te Tei­le der Lin­ken und mobi­li­sier­ten zu teil­wei­se täg­lich statt­fin­den­den Demons­tra­tio­nen. Dabei unter­stüt­zen bei Wei­tem nicht alle Teilnehmer:innen die Metho­den des 17N – schon zu Zei­ten ihrer Akti­vi­tät gab es Kri­tik von Lin­ken an der Orga­ni­sa­ti­on.

Doch selbst nach über neun Wochen Hun­ger­streik und Pro­tes­ten mit gro­ßer Teilnehmer:innenzahl gin­gen weder Regie­rung noch Behör­den auf Kou­fon­ti­nas‘ For­de­rung ein, der am 14. März in gesund­heit­lich lebens­be­droh­li­cher Ver­fas­sung erst­mals wie­der Nah­rung zu sich nahm.

#MeToo

Ein wei­te­res The­ma, das die grie­chi­sche Öffent­lich­keit seit Anfang 2021 beschäf­tigt, sind Ver­ge­wal­ti­gungs- und Miss­brauchs­vor­wür­fe gegen bekann­te Per­sön­lich­kei­ten vor allem in den Berei­chen von Kunst, Kul­tur und Sport. Aus­ge­löst wur­de die­se #MeToo-Wel­le von der Segel­sport­le­rin Sofia Beka­to­rou, die angab, 1998 von einem Funk­tio­när des Grie­chi­schen Segel­ver­ban­des ver­ge­wal­tigt wor­den zu sein.

Beson­ders gro­ße Auf­merk­sam­keit bekam der Fall des Schau­spie­lers und Inten­dan­ten des Natio­nal­thea­ters Dimi­tris Ligna­dis. Ihm wird vor­ge­wor­fen, meh­re­re min­der­jäh­ri­ge Jun­gen ver­ge­wal­tigt zu haben. Da die kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­mi­nis­te­rin Lina Men­do­ni nach den ers­ten Vor­wür­fen gegen Ligna­dis im Febru­ar nichts unter­nom­men hat­te, wur­de sie scharf kri­ti­siert und zum Rück­tritt auf­ge­for­dert. Gegen sie und die gesam­te Regie­rung wird der Vor­wurf erho­ben, ver­sucht zu haben, die Vor­fäl­le zu ver­tu­schen.

Es ist das ers­te Mal, dass sexu­el­ler Miss­brauch und Ver­ge­wal­ti­gung in Grie­chen­land medi­al breit debat­tiert wer­den. Wäh­rend ein Teil die Betrof­fe­nen unter­stützt und es für wich­tig hält, dass dem The­ma Auf­merk­sam­keit zukommt, wird die sexu­el­le Gewalt von ande­rer Sei­te rela­ti­viert. Häu­fig wird ein­ge­bracht, war­um Betrof­fe­ne teils meh­re­re Jah­re war­ten, bis sie an die Öffent­lich­keit gehen – doch eben sol­che miss­traui­schen, rela­ti­vie­ren­den und teils anfein­den­den Reak­tio­nen sind ein Grund dafür.

KEERFA ist die “Bewe­gung gegen Ras­sis­mus und die faschis­ti­sche Bedro­hung”, in der sich vie­le Migrant:innen für ihre Reche orga­ni­sie­ren

Poli­zei­ge­walt – „Es tut weh – aber wir fürch­ten uns nicht!“

Am 7. März kam eine Video­auf­nah­me von Poli­zei­ge­walt an die Öffent­lich­keit: Im Athe­ner Stadt­teil Nea Smir­ni woll­te eine Grup­pe Poli­zis­ten einer Fami­lie eine Stra­fe wegen ver­meint­lich nicht ein­ge­hal­te­ner Lock­down-Regeln ertei­len. Auf­grund des aggres­si­ven Vor­ge­hens der Poli­zis­ten gegen­über der Fami­lie kamen Passant:innen dazu und for­der­ten die Poli­zis­ten ver­bal auf, sich ruhig zu ver­hal­ten. Ein Poli­zist ging dann auf einen fried­li­chen jun­gen Mann zu und schlug ohne Vor­war­nung mit dem Schlag­stock auf ihn ein. Der Pas­sant schrie: „War­um schla­gen Sie mich?“ und „Es tut weh!“

Das Video ging inner­halb weni­ger Stun­den viral und die ein­deu­tig grund­lo­se Gewalt erzeug­te Empö­rung. Wegen der gro­ßen Auf­merk­sam­keit muss­ten auch alle Mas­sen­me­di­en den Vor­fall auf­grei­fen. Dort wur­de aller­dings mehr dar­über dis­ku­tiert, was womög­lich vor dem Video vor­ge­fal­len sein könn­te, sodass der Poli­zist den jun­gen Mann zurecht ver­prü­ge­le. Ein zwei­tes Video zeig­te aller­dings, dass es vor dem Angriff des Poli­zis­ten kei­ne Gewalt und kei­ne Pro­vo­ka­ti­on sei­tens des Pas­san­ten gab. Oder es wur­de ange­führt, dass der Betrof­fe­ne poli­tisch links gesinnt sei und eini­ge Tage vor­her an einer Demons­tra­ti­on teil­ge­nom­men hät­te – was für eini­ge eine Recht­fer­ti­gung für Poli­zei­ge­walt zu sein scheint.

Als Reak­ti­on auf den Vor­fall rie­fen Gewerk­schaf­ten und ande­re Orga­ni­sa­tio­nen zu einer Demons­tra­ti­on gegen Poli­zei­ge­walt im Stadt­teil Nea Smir­ni auf. Tau­sen­de Men­schen nah­men teil und rie­fen Paro­len wie „Die Bul­len raus aus unse­ren Nach­bar­schaf­ten!“

Im Lau­fe des Abends kam es zu zahl­rei­chen wei­te­ren Vor­fäl­len von Poli­zei­ge­walt, von denen eini­ge Vide­os schnell in Sozia­len Medi­en kur­sier­ten. Eini­ge der Vor­fäl­le sind hier zusam­men­ge­fasst: Eine Grup­pe Poli­zis­ten rief, bevor sie zum Ein­satz los­fuhr: „Lasst uns sie ficken gehen! Es ist aus mit ihnen, wir wer­den sie umbrin­gen!“; ein Poli­zist schlug einer fried­li­chen Demons­tran­tin ins Gesicht; ein ande­rer warf einen Molo­tow-Cock­tail auf Demonstrant:innen; eine Motor­rad­ein­heit fuhr einen Demons­tran­ten absicht­lich von hin­ten um; ein Mann wur­de von Poli­zis­ten umge­wor­fen, die dann auf ihn ein­tra­ten, als er am Boden lag. Außer­dem gibt es zahl­rei­che Vide­os von Bewohner:innen des Stadt­teils, die von Bal­ko­nen und Fens­tern aus die Poli­zei­ein­hei­ten beschimpf­ten und ihnen zurie­fen, dass sie ihr Vier­tel ver­las­sen sol­len.

Noch am sel­ben Abend ver­öf­fent­lich­te Minis­ter­prä­si­dent Mit­sota­kis eine Anspra­che, in der er sag­te, die Gewalt müs­se auf­hö­ren. Damit rich­te­te er sich jedoch nicht an die Polizist:innen, son­dern aus­schließ­lich an die Demonstrant:innen – wobei die­se sich zum größ­ten Teil nur gegen die Angrif­fe der Poli­zei ver­tei­dig­ten.

Angrif­fe der Poli­zei auf Pro­tes­tie­ren­de oder Reporter:innen gehö­ren zur Tages­ord­nung

Eure Poli­zei spricht durch die Nach­rich­ten­sen­dun­gen.“

In den gro­ßen Fern­seh­sen­dern lag der Fokus auf den ver­meint­lich gewalt­tä­ti­gen Demonstrant:innen. Die vie­len Vide­os von Poli­zei­ge­walt wur­den weit­ge­hend igno­riert – was eine bewuss­te Ent­schei­dung sein muss­te, weil die Vide­os in sozia­len Medi­en bereits viral gegan­gen waren. Die kom­mu­nis­ti­sche Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te Lia­na Kanel­li kri­ti­sier­te das in einer Fern­seh­sen­dung des Sen­ders SKAI und zitier­te die Aus­sa­gen der Poli­zis­ten, die sag­ten: „Lasst uns sie ficken gehen! Es ist aus mit ihnen, wir wer­den sie umbrin­gen!“ Unter der Begrün­dung, es sei nicht erlaubt, in der Sen­dung so zu spre­chen, wur­de das Gespräch abrupt been­det und eine Wer­be­pau­se geschal­tet. Von vie­len wird der Vor­fall als Teil sys­te­ma­ti­scher Zen­sur beur­teilt. Ein wei­te­res Bei­spiel ist der Raus­wurf eines Jour­na­lis­ten aus dem Radio Thes­sa­lo­ni­ki, weil er in sei­ner Sen­dung auch über Poli­zei­ge­walt reden woll­te.

Dar­über hin­aus ver­brei­te­ten gro­ße Medi­en Fake News. So wur­de das oben genann­te Video vom Sen­der STAR zuge­schnit­ten und mit gefälsch­ten Unter­ti­teln ver­öf­fent­licht. Nun war zu lesen: „Sie [die Demonstrant:innen] wer­den ihn umbrin­gen.“ In einem ande­ren Fall zeig­te der Sen­der SKAI ein Video, das ein Jour­na­list auf­ge­nom­men hat­te, der von Poli­zis­ten gejagt wur­de – er schrie mehr­fach, dass er Jour­na­list sei und einen Pres­se­aus­weis besit­ze. Der Sen­der aller­dings schnitt den Ton raus und der Mode­ra­tor behaup­te­te, es hand­le sich um Auf­nah­men der Poli­zei selbst, die Kame­ras an der Uni­form ange­bracht habe.

Auf­grund die­ser und wei­te­rer Vor­fäl­le in der ver­gan­ge­nen Zeit wuchs die Empö­rung über die sys­te­ma­ti­sche Ver­brei­tung von Fake News und Zen­sur. Auf Twit­ter war der meist­be­nutz­te Hash­tag in Grie­chen­land sogar für eini­ge Zeit #Boy­cott­Greek­Me­dia. Im Gegen­satz dazu sprach sich Minis­ter­prä­si­dent Mit­sota­kis im Par­la­ment am 12. März gegen sozia­le Medi­en aus. Die­se wür­den kei­ne dif­fe­ren­zier­te Infor­ma­ti­on ermög­li­chen, die Jugend fehl­lei­ten und schlecht für die Demo­kra­tie sein. Kritiker:innen behaup­ten, dass es Mit­sota­kis‘ nur dar­um gehe, dass er sozia­le Medi­en weni­ger kon­trol­lie­ren kön­ne als die tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­di­en, von denen fast alle sei­ne Regie­rung unter­stüt­zen. Bereits im Jahr 2020 zahl­te die Regie­rung 20 Mil­lio­nen Euro an grie­chi­sche Medi­en, um Wer­be­an­zei­gen für die Kam­pa­gne „Wir blei­ben zuhau­se“ zu schal­ten, was von Kritiker:innen als poli­ti­sche Ein­fluss­nah­me beur­teilt wird.

Die Per­spek­ti­ve – „Die Geschich­te wird mit Unge­hor­sam geschrie­ben!“

Die auto­ri­tä­re Ent­wick­lung des grie­chi­schen Staats spie­gelt einen inter­na­tio­na­len Trend wider. So wur­den bei­spiels­wei­se in den letz­ten Jah­ren die neu­en Poli­zei­ge­set­ze in Deutsch­land durch­ge­setzt, die die här­tes­ten in der Geschich­te der BRD sind, und aktu­ell gibt es Geset­zes­ent­wür­fe, die lin­ke Pro­tes­te ein­schrän­ken sol­len. Ange­sichts der Ver­schär­fung der kapi­ta­lis­ti­schen Kri­se und dem ver­mehr­ten Auf­kom­men inter­na­tio­na­ler Pro­test­be­we­gun­gen, ver­su­chen die Herr­schen­den Wider­stand gegen den Kapi­ta­lis­mus und sei­ne Fol­gen so zu erschwe­ren.

Die kon­ser­va­ti­ve Regie­rung in Grie­chen­land ist dabei beson­ders unter Druck, da sie die Bevöl­ke­rung die Kos­ten der aktu­el­len Kri­se tra­gen lässt und die sozia­le Lage sich ver­schlech­tert. Die Ein­schrän­kun­gen des öffent­li­chen und vor allem des uni­ver­si­tä­ren Lebens im Rah­men der Pan­de­mie sind dabei gute Bedin­gun­gen, um unbe­lieb­te Geset­ze durch­zu­brin­gen.

Trotz die­ser Umstän­de stel­len sich brei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung gegen die aktu­el­le Poli­tik. Vor allem die Stu­die­ren­den­be­we­gung wächst im Kampf gegen das neue Uni­ver­si­täts­ge­setz. Aller­dings spielt sich aktu­ell auch die „Links­par­tei“ SYRIZA als Oppo­si­ti­on auf, obwohl sie in ihrer Regie­rungs­zeit von 2015 bis 2019 kei­ner­lei lin­ke Poli­tik mach­te. Ganz im Gegen­teil: Sie fun­gier­te als zuver­läs­si­ge Ver­wal­te­rin von Kapi­tal­in­ter­es­sen und trug zum Nie­der­gang sozia­ler Bewe­gun­gen bei.

Die Sozi­al­de­mo­kra­tie bie­tet kei­nen Aus­weg aus dem Hams­ter­rad der Kri­se. Wenn die Bevöl­ke­rung nicht wei­ter Spiel­ball grie­chi­scher und inter­na­tio­na­ler Kon­zer­ne sein soll, muss sie die Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus orga­ni­sie­ren.

# Text: Resis­tance Inter­na­tio­nal ver­an­stal­tet am Frei­tag, dem 19. März um 18 Uhr, einen tie­fer­ge­hen­den Vor­trag mit Dis­kus­si­on unter dem Titel: Die Jugend rebel­liert! Grie­chen­land zwi­schen Kri­se und Poli­zei­staat. Mehr Infor­ma­tio­nen und den Link zur Online-Ver­an­stal­tung gibt es auf den Kanä­len von Resis­tance Inter­na­tio­nal (Face­book, Insta­gram).

# Titel­bild: Demo am 03.03.2021 in Soli­da­ri­tät mit Dimi­tris Kou­fon­ti­nas. Auf dem Ban­ner steht “Gebo­ren am 17. Novem­ber”, was auch der Titel von Kou­fon­ti­nas Auto­bio­gra­fie ist.

Alle hier zu sehen­den Fotos sind vom Athe­ner Foto­jour­na­lis­ten Mari­os Rafail Bikos.

Der Bei­trag Auto­ri­tä­rer Wind unter der Akro­po­lis erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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