[gfp:] Gemeinsam gegen China

EU-Sanktionen

Die EU schließt sich der US-Sank­ti­ons­po­li­tik gegen Chi­na an und ver­hängt zum ers­ten Mal seit mehr als drei Jahr­zehn­ten neue Zwangs­maß­nah­men gegen Bei­jing. Dar­auf haben sich die EU-Bot­schaf­ter aller 27 Mit­glied­staa­ten ges­tern geei­nigt. Den förm­li­chen Beschluss wer­den die Außen­mi­nis­ter am Mon­tag fällen.[1] Betrof­fen sind dem­nach vier chi­ne­si­sche Regie­rungs­ver­tre­ter und eine noch nicht näher benann­te Insti­tu­ti­on. Sofern sie Ver­mö­gen in der EU haben, wird es ein­ge­fro­ren; zudem dür­fen sie künf­tig weder in die EU ein­rei­sen noch Geschäf­te mit EU-Bür­gern machen.[2] Begrün­det wird das mit ihrer Betei­li­gung an angeb­li­chen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen im Uigu­ri­schen Auto­no­men Gebiet Xin­jiang, der nord­west­lichs­ten Regi­on der Volks­re­pu­blik. Bei­jing strei­tet die Vor­wür­fe ab. Juris­ti­sche Basis ist das neue Sank­ti­ons­ge­setz, das die EU Ende 2020 ver­ab­schie­det hat (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [3]). Offi­zi­ell dient es vor allem der Bestra­fung schwe­rer Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Sei­ne prak­ti­sche Nut­zung – gegen­über ver­bün­de­ten Staa­ten wird es weder bei exzes­si­ver Poli­zei­ge­walt noch bei Droh­nen­mor­den oder ande­ren Ver­bre­chen ange­wandt – zeigt jedoch, dass sei­ne eigent­li­che Auf­ga­be dar­in besteht, als Mit­tel im Macht­kampf gegen staat­li­che und nicht­staat­li­che Geg­ner zu die­nen.

US-Sanktionen

Wäh­rend­des­sen haben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten am gest­ri­gen Mitt­woch eben­falls neue Sank­tio­nen gegen Chi­na ver­hängt. Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te Washing­ton – neben diver­sen Sank­tio­nen gegen chi­ne­si­sche Unter­neh­men – in meh­re­ren Wel­len Zwangs­maß­nah­men gegen hoch­ran­gi­ge Funk­tio­nä­re aus der Volks­re­pu­blik in Kraft gesetzt, dar­un­ter Ein­rei­se­sper­ren sowie das Ein­frie­ren von Ver­mö­gens­wer­ten. Zur öffent­li­chen Legi­ti­ma­ti­on hat­te die Trump-Admi­nis­tra­ti­on gleich­falls men­schen­recht­li­che Vor­wän­de vor­ge­tra­gen. Ges­tern teil­te die Biden-Admi­nis­tra­ti­on mit, sie wer­de 24 chi­ne­si­sche Amts­trä­ger mit Finanz­sank­tio­nen bele­gen, dar­un­ter sämt­li­che 14 stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des Stän­di­gen Aus­schus­ses des Natio­na­len Volks­kon­gres­ses. Hat­te Washing­ton sie bereits im Dezem­ber mit Ein­rei­se­sper­ren und ande­ren Restrik­tio­nen belegt [4], so wer­den nun sämt­li­che Finanz­in­sti­tu­te welt­weit mit Stra­fen bedroht, soll­ten sie Geschäf­te mit den betrof­fe­nen chi­ne­si­schen Amts­trä­gern täti­gen [5]. Es han­delt sich zum wie­der­hol­ten Male um extra­ter­ri­to­ria­le Sank­tio­nen, die sou­ve­rä­ne Rech­te frem­der Staa­ten bre­chen und damit völ­ker­rechts­wid­rig sind. Die Zwangs­maß­nah­men wur­den die­ses Mal als Ant­wort auf Chi­nas Vor­ge­hen in Hong­kong legi­ti­miert; sie stel­len damit zudem eine Ein­mi­schung in inne­re Ange­le­gen­hei­ten der Volks­re­pu­blik dar.

„Wir werden nicht nachgeben“

Ob und, wenn ja, wie Bei­jing reagie­ren wird, ist noch unklar. Chi­nas EU-Bot­schaf­ter Zhang Ming hat­te bereits am Diens­tag vor Sank­tio­nen gewarnt: „Wenn eini­ge auf Kon­fron­ta­ti­on bestehen – wir wer­den nicht nach­ge­ben“, kün­dig­te Zhang an und for­der­te die Uni­on auf, es sich „zwei­mal zu über­le­gen“, ob sie den Kon­flikt tat­säch­lich noch wei­ter ver­schär­fen wolle.[6] Bei­jing hat­te zuletzt am 20. Janu­ar Gegen­maß­nah­men ergrif­fen und Sank­tio­nen gegen 28 füh­ren­de Mit­ar­bei­ter der schei­den­den Trump-Admi­nis­tra­ti­on ver­hängt, dar­un­ter Ex-Außen­mi­nis­ter Mike Pom­peo, Trumps Ex-Han­dels­be­ra­ter Peter Navar­ro, den Natio­na­len Sicher­heits­be­ra­ter Robert O’Bri­en sowie des­sen Stell­ver­tre­ter Mat­thew Pot­tin­ger. Sie wur­den nicht nur mit einer Ein­rei­se­sper­re belegt; ihnen ist zudem künf­tig jeg­li­ches Chi­na­ge­schäft unter­sagt. Letz­te­res gilt zudem für sämt­li­che Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen, die in irgend­ei­ner Form mit ihnen ver­bun­den sind.[7] Das ist des­halb rele­vant, weil US-Regie­rungs­mit­ar­bei­ter nach ihrem Aus­schei­den übli­cher­wei­se gut­be­zahl­te Tätig­kei­ten in Denk­fa­bri­ken oder der Pri­vat­wirt­schaft anneh­men; dies kön­ne jetzt für die sank­tio­nier­ten Poli­ti­ker schwie­ri­ger wer­den, weil zahl­rei­che US-Unter­neh­men ihr Chi­na­ge­schäft nicht gefähr­den woll­ten, wird eine Exper­tin des Cen­ter for Stra­te­gic and Inter­na­tio­nal Stu­dies (CSIS) zitiert.[8]

Der asiatisch-pazifische Anti-China-Pakt

Die neu­en Sank­tio­nen sind Teil einer neu­en Offen­si­ve gegen Chi­na, die von den USA for­ciert und von den Mäch­ten West­eu­ro­pas zumin­dest teil­wei­se mit­ge­tra­gen wird. Die Biden-Admi­nis­tra­ti­on hält nicht nur an Trumps Sank­ti­ons­po­li­tik gegen Hua­wei und zahl­rei­che wei­te­re chi­ne­si­sche High-Tech-Kon­zer­ne fest; sie dehnt sie sogar wei­ter aus: Ver­gan­ge­ne Woche wur­de etwa mit Hyte­ra ein Unter­neh­men auf eine Sank­ti­ons­lis­te gesetzt, des­sen Tech­no­lo­gie unter ande­rem von Poli­zei und Ret­tungs­diens­ten der Nie­der­lan­de, von diver­sen Ver­kehrs­be­trie­ben in Deutsch­land und von der Bun­des­wehr genutzt wird. Die Fol­gen der US-Lis­tung für die EU sind unklar.[9] Dar­über hin­aus setzt die Biden-Admi­nis­tra­ti­on die unter Trump gestar­te­ten Bestre­bun­gen fort, mit dem „Quad“ („Qua­dri­la­te­ral Secu­ri­ty Dia­lo­gue“) ein hart anti­chi­ne­si­sches Bünd­nis in der Asi­en-Pazi­fik-Regi­on zu schmie­den. Ver­gan­ge­nen Frei­tag kamen die Staats- und Regie­rungs­chefs der vier betei­lig­ten Staa­ten online zum ers­ten Quad-Gip­fel­tref­fen zusam­men. Beschlos­sen wur­de unter ande­rem, eine Mil­li­ar­de Impf­do­sen des US-Vak­zins von John­son & John­son in Indi­en zu pro­du­zie­ren und sie gemein­sam bis Ende 2022 in der Asi­en-Pazi­fik-Regi­on zu ver­tei­len, erklär­ter­ma­ßen, um Chi­na als Vak­zin­lie­fe­rant das Was­ser abzugraben.[10] Wei­te­re gemein­sa­me Maß­nah­men sol­len fol­gen.

Die Pacific Deterrence Initiative

Auch mili­tä­risch knüpft die Biden-Admi­nis­tra­ti­on an den von Trump for­cier­ten Auf­marsch der US-Streit­kräf­te im „Indo-Pazi­fik“ [11] an. Die Trump-Admi­nis­tra­ti­on hat unter ande­rem die Patrouil­len von US-Kriegs­schif­fen im Süd­chi­ne­si­schen Meer aus­ge­wei­tet; in den Jah­ren 2019 und 2020 fuh­ren US-Mari­ne­schif­fe dort jeweils zehn­mal in die Zwölf-Mei­len-Zonen vor von Chi­na bean­spruch­ten Inseln ein, dop­pelt so oft wie im Jahr 2014. Zudem durch­quer­ten US-Kriegs­schif­fe die Tai­wan-Stra­ße 13 Mal – die höchs­te Zahl in den ver­gan­ge­nen 14 Jahren.[12] Anfang März wur­de bekannt, dass der Kom­man­deur des U.S. Indo-Paci­fic Com­mand, Admi­ral Phil­ip David­son, dem US-Kon­gress einen 27,3 Mil­li­ar­den US-Dol­lar teu­ren Plan vor­ge­legt hat, des­sen Erstel­lung noch unter Trump begon­nen wur­de und der nun unter Biden ener­gi­sche Schrit­te zur Mili­ta­ri­sie­rung des Pazi­fik vor­sieht. Eines der dar­in ent­hal­te­nen Pro­gram­me („Paci­fic Deter­rence Initia­ti­ve“) ist dem zen­tra­len US-Pro­gramm für den Auf­marsch gegen Russ­land nach­emp­fun­den („Euro­pean Deter­rence Initiative“).[13] Geplant ist unter ande­rem die Sta­tio­nie­rung von US-Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten auf der soge­nann­ten Ers­ten Insel­ket­te von Japan über Tai­wan und die Phil­ip­pi­nen bis nach Borneo.[14]

Wer auf wen verzichten kann

Die Bun­des­re­gie­rung betei­ligt sich an dem mili­tä­ri­schen Auf­marsch gegen Chi­na vor allem mit der Ent­sen­dung der Fre­gat­te Bay­ern nach Ost­asi­en, wo sie auch das Süd­chi­ne­si­sche Meer durch­que­ren soll.[15] Hem­mend wirkt sich frei­lich aus, dass die deut­sche Wirt­schaft – for­ciert durch die Coro­na­kri­se – stär­ker denn je auf das Chi­na­ge­schäft ange­wie­sen ist und ihre Akti­vi­tä­ten in der Volks­re­pu­blik immer wei­ter aus­wei­tet. Die Volks­re­pu­blik kön­ne es sich „sehr wohl leis­ten, not­falls auf den deut­schen Markt zu ver­zich­ten“, urteil­te vor kur­zem der frü­he­re Sie­mens-Chef Joe Kae­ser: „Umge­kehrt ist das nicht der Fall.“[16]

[1] EU will Sank­tio­nen gegen Chi­na ver­hän­gen. tages​schau​.de 17.03.2021.

[2] Maas für Sank­tio­nen gegen Chi­na. sued​deut​sche​.de 15.03.2021.

[3] S. dazu Die Wel­ten­rich­ter (II).

[4] Aus­tin Ram­zy, Tif­fa­ny May: U.S. Impo­ses Sanc­tions on Chi­ne­se Offi­cials Over Hong Kong Crack­down. nyti​mes​.com 08.12.2020.

[5] Hong Kong Auto­no­my Act Update. Press State­ment. Ant­o­ny J. Blin­ken, Secreta­ry of Sta­te. March 17, 2021.

[6] Chi­ne­se envoy warns EU against sanc­tions over Xin­jiang. news​.cgtn​.com 17.03.2021.

[7] For­eign Minis­try Spo­kes­per­son Announ­ces Sanc­tions on Pom­peo and Others. fmprc​.gov​.cn 20.01.2021.

[8] Deme­tri Sevas­to­pu­lo, Yuan Yang: Chi­na impo­ses sanc­tions on Trump offi­cials inclu­ding Mike Pom­peo. ft​.com 22.01.2021.

[9] Nele Hus­mann: So tref­fen US-Sank­tio­nen gegen Chi­na die deut­sche Bun­des­wehr. wiwo​.de 17.03.2021.

[10] Abhi­j­n­an Rej: In ‚His­to­ric’ Sum­mit Quad Com­mits to Mee­ting Key Indo-Paci­fic Chal­len­ges. the​di​plo​mat​.com 13.03.2021.

[11] Zum Begriff „Indo-Pazi­fik“ s. auch Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (I).

[12] Loli­ta C. Bal­dor: Sharp jump in US navy tran­sits to coun­ter Chi­na under Trump. apnews​.com 15.03.2021.

[13] Paul McLea­ry: Indo-Paci­fic Com­man­der Deli­vers $27 Bil­li­on Plan to Con­gress. brea​king​de​fen​se​.com 01.03.2021.

[14] US to build anti-Chi­na mis­si­le net­work along first island chain. asia​.nik​kei​.com 05.03.2021.

[15] S. dazu Die neue deut­sche Kano­nen­boot­po­li­tik (II).

[16] S. dazu Das asia­ti­sche Jahr­hun­dert.

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