[perspektive:] Die Geschichte selbst in die Hand nehmen – 150 Jahre Revolution in Paris

„Kommune“ – Bei vielen weckt das Wort Assoziationen mit langen Haaren, freier Liebe und Drogenkonsum. Doch vor 150 Jahren wurde in Paris eine ganz andere Kommune gegründet – eine Kommune, die nicht nur das Leben in einer Wohnung verkollektivierte, sondern das gesellschaftliche Leben in der ganzen Stadt. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Die „Pari­ser Kom­mu­ne“ war der ers­te Ver­such der Arbeiter:innenklasse, eine Gesell­schaft jen­seits des Kapi­ta­lis­mus zu erkämp­fen. Die Pariser:innen bil­de­ten einen Rat, in dem sie ihre Ange­le­gen­hei­ten end­lich selbst regeln woll­ten. Die For­de­run­gen waren viel­fäl­tig, und eine ein­heit­li­che poli­ti­sche Ori­en­tie­rung gab es nicht. Ein paar Grund­sät­ze aber teil­ten die Kommunard:innen.

Sie woll­ten die Mon­ar­chie los­wer­den, Kir­che und Staat strikt tren­nen, Volks­be­waff­nung statt einem ste­hen­den Heer und die Tau­sen­den und Aber­tau­sen­den fran­zö­si­schen Beamt:innen durch ein­fa­che Bediens­te­te der Gesell­schaft erset­zen.

Die Kom­mu­ne wur­de am 18. März 1871 gegrün­det, an dem Tag, der 1923 zum „Inter­na­tio­na­len Tag der Poli­ti­schen Gefan­ge­nen“ erklärt wur­de. Sie ent­stand nicht von lan­ger Hand geplant, auch wenn die Arbeiter:innen in Paris schon im Herbst 1870 ihre Grün­dung for­der­ten.

Ein Frühling der Freiheit und Gleichheit…

Viel­mehr war die Geburts­stun­de der Pari­ser Kom­mu­ne der Moment, in dem die kon­ser­va­ti­ve Regie­rung um Adol­phe Thiers einen Schritt zu weit ging.

Frank­reich hat­te den Krieg gegen Preu­ßen ver­lo­ren. Um Paris zu ver­tei­di­gen, hat­ten sich gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung in der Natio­nal­gar­de zusam­men­ge­schlos­sen. Die­se nun woll­te Thiers nun nach der fran­zö­si­schen Kapi­tu­la­ti­on schnellst­mög­lich ent­waff­nen, waren doch die meis­ten Mit­glie­der der Natio­nal­gar­de Arbei­ter, unter denen sich kom­mu­nis­ti­sche und anar­chis­ti­sche Ideen schnell ver­brei­te­ten.

Die Kano­nen, die sie zur Ver­tei­di­gung ihrer Stadt nut­zen woll­ten, woll­ten die Pariser:innen aber nicht wider­stands­los abge­ben, und so ström­ten sie mas­sen­wei­se auf die Stra­ßen, um die Sol­da­ten auf­zu­hal­ten. Am Ende wech­sel­te die Ein­heit, die von Thiers beauf­tragt wor­den war, die Kano­nen abzu­ho­len, die Sei­ten und die Kom­mu­ne war gebo­ren.

Schon in den ers­ten Tagen ihrer Tätig­keit beschloss die Pari­ser Kom­mu­ne Din­ge, die der Kapi­ta­lis­mus in über hun­dert Jah­ren nicht fer­tig­ge­bracht hat­te – und eini­ges bis heu­te nicht fer­tig brin­gen konn­te.

So wur­de der Erlass von nicht gezahl­ten Mie­ten beschlos­sen und die Rück­ga­be von ver­pfän­de­ten Gegen­stän­den. Auch wur­den die Frau­en den Män­nern erst­ma­lig gleich gestellt, sie erhiel­ten das Recht auf Arbeit und glei­chen Lohn. Unehe­li­che Kin­der wur­den ehe­li­chen recht­lich gleich gestellt.

…und sein blutiges Ende

Die fran­zö­si­schen Mon­ar­chis­ten und Groß­un­ter­neh­mer aber fürch­te­ten die Kom­mu­ne mit vol­lem Recht: Es droh­te die Aus­brei­tung auf ande­re gro­ße Städ­te Frank­reichs.

Die kon­ser­va­ti­ve Zen­tral­re­gie­rung, die sich nach der Revo­lu­ti­on bezeich­nen­der­wei­se in den Sitz der fran­zö­si­schen Köni­ge, das Schloss Ver­sailles, zurück­ge­zo­gen hat­te, über­zog die Kom­mu­ne mit Lügen und Ver­leum­dun­gen. Sie erreich­te beim preu­ßi­schen Kanz­ler Bis­marck, dass die­ser in weni­gen Tagen über hun­dert­tau­send Kriegs­ge­fan­ge­ne frei­ließ, um die eigent­lich auf 40.000 Mann begrenz­te fran­zö­si­sche Armee wie­der auf­zu­sto­cken und die ver­hass­te Kom­mu­ne damit aus­zu­lö­schen.
Ab Ende April wur­de die Stadt bestän­dig mit Artil­le­rie beschos­sen. Am 21. Mai dran­gen die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Trup­pen in die Stadt ein und ein zäher Häu­ser­kampf begann.

Es dau­er­te eine Woche, bis der Wider­stand der Kommunard:innen gebro­chen war. Auch Frau­en kämpf­ten auf den Bar­ri­ka­den für die gera­de erst gewon­ne­ne Frei­heit. Dann aber – am Ende der blu­ti­gen Mai­wo­che – nahm die fran­zö­si­sche Kon­ter­re­vo­lu­ti­on grau­sam Rache. In Mas­sen­hin­rich­tun­gen wur­den zehn­tau­sen­de Men­schen ermor­det.

Die Pari­ser Kom­mu­ne hat gezeigt, dass die Herr­schen­den der Welt ihre Strei­tig­kei­ten bei­sei­te legen kön­nen, sobald sie ihre Macht bedroht sehen. Aber sie hat uns auch die Klar­heit hin­ter­las­sen, dass eine ande­re Welt mög­lich ist. Ver­ewigt wur­de ihr Erbe auch in der welt­weit bekann­ten Hym­ne der Arbeiter:innenbewegung „Die Inter­na­tio­na­le“, ihr Text wur­de von einem der Kom­mu­nar­den auf sei­ner Flucht ins Exil geschrie­ben.

Der Bei­trag Die Geschich­te selbst in die Hand neh­men – 150 Jah­re Revo­lu­ti­on in Paris erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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