[PK:] Neue Broschüre: Die Pariser Kommune 1871

Anfang der 1870er war der Kapi­ta­lis­mus in (fast) ganz Euro­pa hege­mo­ni­al. Die Ereig­nis­se von Paris, damals eine der größ­ten Städ­te der Welt, auf die wir im Fol­gen­den ein­ge­hen wol­len, zei­gen jedoch, dass dies nicht so blei­ben muss­te. „Marx und Engels hat­ten in dem Mani­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei geschrie­ben, die Bour­geoi­sie schaf­fe sich ´ihren eige­nen Toten­grä­ber´. Am 18. März 1871 konn­te sich das fran­zö­si­sche Bür­ger­tum davon über­zeu­gen, wie recht sie gehabt hat­ten.“

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72 Tage lang hat die Pari­ser Arbeiter:innenklasse die Initia­ti­ve ergrif­fen, sich bewaff­net, in einer pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on die herr­schen­de Klas­se aus der Stadt gejagt und die poli­ti­sche Macht erobert. In rasend schnel­ler Zeit wur­de der alte Appa­rat zer­schla­gen und die Umris­se einer ganz neu­en Staats­form ent­wi­ckelt: ein revo­lu­tio­nä­rer Staat, eine Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, ein räte­de­mo­kra­ti­sches Modell, das das Poten­zi­al hat­te, den Weg zur Befrei­ung der Bevöl­ke­rung von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung zu bestrei­ten. Ein wider­sprüch­li­cher und unfer­ti­ger Staat, der gleich­zei­tig das hand­fes­te Macht­in­stru­ment der Arbeiter:innen, aber auch poli­ti­scher Aus­druck unrei­fer uto­pi­scher und klein­bür­ger­li­cher Befrei­ungs­vor­stel­lun­gen war. Die Pari­ser Kom­mu­ne war ein dyna­mi­sches revo­lu­tio­nä­res Expe­ri­ment, das in kur­zer Zeit so wich­ti­ge grund­sätz­li­che Erfah­run­gen, Leh­ren und Fra­ge­stel­lun­gen her­vor­ge­bracht hat, dass wir heu­te noch davon ler­nen kön­nen.
Eine detail­lier­te Betrach­tung ist auch des­halb so wert­voll, weil hier Marx und Engels noch zu Leb­zei­ten den Revo­lu­ti­ons­ver­lauf, sowie die gemach­ten Fort­schrit­te, Erfah­run­gen und Feh­ler kom­men­tie­ren konn­ten. Karl Marx erkann­te, dass die Kom­mu­ne „die bis­her größ­te Bedro­hung für die Welt des Kapi­tals gewe­sen war – und die größ­te Inspi­ra­ti­on für die neue Klas­se, die das Kapi­tal zwar erschaf­fen hat­te, aber im Wider­spruch zu ihm stand. Sei­nem Freund Lud­wig Kugel­mann schrieb Marx, die Kom­mu­nar­den sei­en ‚Him­mels­stür­mer‚ und ‚ein neu­er Aus­gangs­punkt von welt­his­to­ri­scher Wich­tig­keit ist gewon­nen´“ Es gibt zur Kom­mu­ne eine viel­fäl­ti­ge Bezug­nah­me von Marx und Engels, spä­ter auch von Lenin. Der rus­si­sche Revo­lu­tio­när nutz­te die Erfah­run­gen der Kom­mu­ne – im beson­de­ren die Betrach­tun­gen von Karl Marx und Fried­rich Engels – zur Ein­schät­zung der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 und zur Begrün­dung der bedeu­tends­ten Ele­men­te im Auf­bau eines neu­en pro­le­ta­ri­schen Staa­tes.

Die Tage der Pari­ser Kom­mu­ne waren eines der bedeu­tends­ten Ereig­nis­se des 19. Jahr­hun­derts. Der Kampf gegen die Dik­ta­tur und für Demo­kra­tie, für Sozia­lis­mus, Säku­la­ri­sie­rung und Eman­zi­pa­ti­on der Frau mar­kiert den Beginn einer neu­en Epo­che und gilt als Mani­fes­ta­ti­ons­punkt der Moder­ne. Doch war­um erfah­ren wir im Schul­un­ter­richt und in den Ver­öf­fent­li­chun­gen der bür­ger­li­chen Geschichts­schrei­bung von der Pari­ser Kom­mu­ne bes­ten­falls als Rand­no­tiz? War­um wird die Grün­dung des deut­schen Rei­ches 1871 der­ma­ßen her­aus­ge­stellt und der Kampf der Kom­mu­ne im sel­ben Jahr in die Schmu­del­lecke gestellt?

Weil dass Kapi­tal und die herr­schen­de Klas­se nach wie vor davor zit­tern, dass wir uns orga­ni­sie­ren, erhe­ben und nach der Macht grei­fen könn­ten, davor, dass sich die Ereig­nis­se in ähn­li­che Form wie­der­ho­len könn­ten. Weil sie befürch­ten, dass wir aus den gemach­ten Feh­lern ler­nen kön­nen und die Sache dies­mal zu Ende brin­gen. Fried­rich Engels rief schon 1891, zum 20. Jah­res­tag der Pari­ser Kom­mu­ne: „Der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Phi­lis­ter ist neu­er­dings wie­der in heil­sa­men Schre­cken gera­ten bei dem Wort: Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Nun, ihr (…) wollt ihr wis­sen, wie die­se Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats aus­sieht? Seht euch die Pari­ser Kom­mu­ne an. Das war die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats.“
Die Kom­mu­ne ist letzt­end­lich geschei­tert, damit ist wohl nicht zu viel vor­weg­ge­nom­men. Protagonist:innen wie Unbe­tei­lig­te wur­den von den Trup­pen der Bour­geoi­sie gna­den­los nie­der­ge­met­zelt, das Blut floss durch die Stra­ßen von Paris. Als revo­lu­tio­nä­re Insel in einer kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Umge­bung konn­te die Kom­mu­ne nicht über­le­ben. Sie ist aber eben­so an ihren inne­ren Wider­sprü­chen geschei­tert, aus deren Betrach­tung wir auch für unse­re heu­ti­gen Anstren­gun­gen noch viel ablei­ten können.“Dennoch war die Kom­mu­ne die gro­ße Schu­le des inter­na­tio­na­len Pro­le­ta­ri­ats, die ent­schei­den­de theo­re­ti­sche Erkennt­nis­se und prak­ti­sche Erfah­run­gen ver­mit­tel­te.“

Am 18.03.1872 fand in Lon­don eine Fest­ver­an­stal­tung zu Ehren des 1. Jah­res­ta­ges der Pari­ser Com­mu­ne statt. Dar­aus hat sich die bis heu­te andau­ern­de Tra­di­ti­on des Tages der poli­ti­schen Gefan­ge­nen am 18. März ent­wi­ckelt. Wer­fen wir auf den fol­gen­den Sei­ten einen Blick auf Ent­ste­hung, Bestehen, Kampf und Nie­der­wer­fung der Kom­mu­ne und zie­hen unse­re Schlüs­se für Theo­rie und Pra­xis dar­aus!

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