[UG-Blättle:]Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra

Kein Pate, kein Scar­face, kein Good­Fel­las. Der Film von Matteo Gar­ro­ne über die ita­lie­ni­sche Mafia Camor­ra wirkt doku­men­ta­risch. Mit gutem Grund.

Bild: Im sozia­len Brenn­punkt Scam­pìa in Nea­pel lie­fern sich die Clans eine erbit­ter­te Feh­de. /​Fede­ri­ca Zap­pa­là (CC BY-SA 3.0 crop­ped)

Das Dreh­buch basiert auf dem Best­sel­ler­ro­man von Rober­to Savia­no dem die meis­ten der Figu­ren im ech­ten Leben ent­we­der selbst begeg­net oder Schick­sals­be­rich­te über sie zu Ohren gekom­men sind (Savia­no steht nach Mord­dro­hun­gen unter Per­so­nen­schutz und hat kei­nen offi­zi­el­len Wohn­ort). Die Fak­ten sind wohl auch zu tra­gisch um sie noch zusätz­lich zu dra­ma­ti­sie­ren oder gar zu roman­ti­sie­ren.

Die Camor­ra, eine Mafia mit Haupt­sitz in Nea­pel deren Ursprün­ge ins 15 Jhdt. zurück­rei­chen wur­de wäh­rend des zwei­ten Welt­krie­ges durch die Faschis­ten fast aus­ra­diert, fei­er­te aber 1970 ihre Wie­der­auf­er­ste­hung als Nuo­va Camor­ra Orga­niz­za­ta (NCO). Seit dem hat sie sich durch ille­ga­le und lega­le Geschäf­te zu einer der wirt­schaft­lich bedeu­tends­ten Orga­ni­sa­tio­nen Ita­li­ens ent­wi­ckelt. 4000 Men­schen­le­ben sind in die­ser Zeit von der Camor­ra aus­ge­löscht und um das zig­fa­che ande­re zer­stört wor­den. Der Ter­ror den die­se Mafia ver­brei­tet wur­de von kei­ner poli­ti­schen oder reli­giö­sen Orga­ni­sa­ti­on jemals mit die­ser alle Lebens­be­rei­che durch­drin­gen­den Aus­weg­s­lo­sig­keit erzeugt. In den Gebie­ten in denen die Clans ihre Geschäf­te abwi­ckeln hat sich der Staat zurück­ge­zo­gen oder wird durch Kor­rup­ti­on unter­wan­dert. Die Poli­zei wird zwar gefürch­tet ist aber gegen die gut orga­ni­sier­ten Ban­den macht­los.

Die Rei­se in das Reich der Camor­ra besitzt kei­nen Unter­hal­tungs­wert. Viel­mehr erzeugt sie Wut, Abscheu, fast Ekel vor der gna­den­lo­sen Rea­li­tät in der sich gros­se Tei­le der Bevöl­ke­rung Nea­pels befin­den. Der Plot besteht aus 5 Hand­lungs­strän­gen die grund­sätz­lich nichts mit­ein­an­der zu tun haben aus­ser, dass sie im sel­ben Umfeld (Nea­pel und Umge­bung) und wärend der Zeit eines Krie­ges zwi­schen den sich kon­kur­rie­ren­den Ban­den Scis­sio­nis­ti di Secon­diglia­no und Clan Di Lau­ro statt­fin­den:

Toto (Sal­va­to­re Abruz­ze­se) lebt im Stadteil Scam­pia. Sein Vater sitzt im Gefäng­nis und sei­ne Mut­ter wird von den Scis­sio­nis­ti finan­zi­ell unter­stützt. Der fast noch kind­lich wir­ken­de Jun­ge setzt aber mehr Ver­trau­en in den Clan Di Lau­ro und beginnt Kurier­tä­tig­kei­ten für die­sen zu über­neh­men. Dadurch gerät er zwi­schen die Fron­ten und als bei einer Schies­se­rei ein Mit­glied sei­ner Grup­pe getö­tet wird set­zen ihn sei­ne „Freun­de“ so unter Druck, dass er schliess­lich sei­ne eige­ne Mut­ter in eine töt­li­che Fal­le lockt.

Im sel­ben Krieg ist Don Ciro (Gian­fe­li­ce Impa­ra­to) gefan­gen. Er ist Buch­hal­ter und über­bringt Witt­wen und Ange­hö­ri­gen von Inhaf­tier­ten eine Art Pen­si­ons­zah­lung (die aber meist kaum zum Leben aus­reicht). Nach dem er selbst Mord­dro­hun­gen und Ein­schüch­te­run­gen erdul­den muss­te traut er sich nur mehr mit kugel­si­che­rer Wes­te auf die Stras­se und ver­mei­det jedes unö­ti­ge Gespräch. Der Mann, der ein Leben lang ohne viel nach­zu­fra­gen sei­ne Diens­te für die Mafia verich­tet hat will nun aus­tei­gen. Sein Boss lässt ihn aber nicht gehn. Schliess­lich ver­rät Don Ciro der geg­ne­ri­schen Sei­te den Ort und Zeit­punkt einer Geld­aus­zah­lung. Bei dem Über­fall wer­den alle Anwe­sen­den bis auf ihn erschos­sen und er ver­lässt blut­ver­schmiert und unter Schock den Tat­ort.

Rober­to (Car­mi­ne Pater­nos­ter) ist in der „glück­li­chen“ Lage eine höhe­re Posi­ti­on in der Camor­ra bekom­men zu haben. Der jun­ge Mann wird Sekre­tär des Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die Gift­müll­ent­sor­gung. Ein lukra­ti­ves Geschäft in dem Gift­müll von Fir­men aus ganz Euro­pa abge­nom­men und in ille­ga­len Depo­nien ver­scharrt wird (Wür­de man den Gift­müll, der in den letz­ten 30 Jah­ren „ent­sorgt“ wur­de auf einer Flä­che von drei Hekt­ar sta­peln, dann ent­stün­de ein Gebir­ge, das dop­pelt so hoch wie der Mt. Ever­est wäre). Nach eini­gen Wochen Ein­ar­bei­tungs­zeit erkennt Rober­to die gan­ze Trag­wei­te sei­ner Tätig­keit und wen­det sich ange­wi­dert von sei­nem Arbeit­ge­ber ab, wel­cher ihn unter Beschimp­fun­gen und Vor­wür­fen gehn lässt.

Der Schnei­der Pas­ca­le (Sal­va­to­re Can­talu­po) arbei­tet Tag und Nacht als Desi­gner von Ball­klei­dern für die gros­sen Mode­häu­ser. Die Gewin­ne streift aller­dings sein Boss ein der wie­der­um der Mafia Abga­ben leis­ten muss. Eines Tages wird er von einem chi­ne­si­schen Fabriks­be­sit­zer ange­wor­ben für 2000 Euro pro Stun­de des­sen Arbei­ter im Schnei­dern zu unter­rich­ten. Die chi­ne­si­schen Ein­wan­de­rer sind Kon­kur­ren­ten der Mafia, des­halb muss alles in der Nacht unter Sicher­heits­vor­keh­run­gen pas­sie­ren. Die Mafia erfährt trotz­dem davon und Pas­ca­le über­lebt mit schwe­ren Ver­let­zun­gen einen Mord­an­schlag. Schliess­lich gibt er sei­nen Job auf und arbei­tet als LKW Fah­rer.

Zu „guter“ Letzt sind da noch die bei­den jugend­li­chen Dumm­köp­fe Mar­co (Mar­co Macor) und Ciro (Ciro Petro­ne). Sie gehö­ren kei­nem Clan an, träu­men aber davon als Gangs­ter ihr Vier­tel zu beherr­schen. Es gelingt ihnen ein Waf­fen­de­pot zu plün­dern und Dro­gen zu erbeu­ten. Die­ses Ver­hal­ten unter­gräbt natür­lich die Macht­po­si­ti­on der dort ansäs­si­gen Bos­se, die sie vor­erst mit Schlä­ger­kom­man­dos dazu brin­gen wol­len die Waf­fen zurück­zu­ge­ben. Als sie selbst nach einer Ein­la­dung für den Clan zu arbei­ten arro­gant ableh­nen, wer­den sie in eine Fal­le gelockt und erschos­sen.

Tro­cken und ner­ven­auf­rei­bend schlep­pen sich die 135 Minu­ten lang­sam dahin. Die Kame­ra (Mar­co Ono­ra­to) schafft es im Zuse­her ein Stress­mo­ment auf­recht zu erhal­ten, ansons­ten kann man nicht von Span­nungs­bö­gen spre­chen. Die Schau­spie­ler sind gross­teils Lai­en aus der Umge­bung der Dreh­or­te. Von den Pro­fis ist bis auf Sal­va­to­re Can­talu­po (Pas­qua­le) und Gian­fe­li­ce Impa­ra­to (Don Ciro) auch kei­ne schau­pie­le­ri­sche Hoch­leis­tung zu erwar­ten.

Den­noch ist Gomor­rah ein Film den man sich ansehn soll­te wenn man von poli­ti­schen und sozia­len Kon­flikt­her­den eine Ahnung haben will. Die Machen­schaf­ten einer Mafia wur­den wohl noch nie so rea­lis­tisch in einem Film umge­setzt. Zu erwäh­nen ist viel­leicht noch das selbst in der Ori­gnal­spra­che (Ita­lie­nisch) Unter­ti­tel ein­ge­blen­det sind, weil gross­teils in Dia­lekt und den Slangs der Ban­den gespro­chen wird. Der Film wur­de mit zahl­rei­chen Aus­zeich­nun­gen geehrt und in der inter­na­tio­na­len Pres­se nur posi­tiv bewer­tet.

Als Film­lieb­ha­ber ste­he ich Gomor­rah zwie­ge­spal­ten gegen­über. Einer­seits bemäng­le ich die kaum vor­han­de­nen künst­le­ri­schen Ele­men­te und erwar­te mir von einem Spiel­film auch mehr als nur eine scho­nungs­lo­se Dar­stel­lung der Rea­li­tät. Ande­rer­seits bin ich froh so vie­le Details über die Camor­ra erfah­ren zu haben und bewun­de­re den Mut und die Ent­schlos­sen­heit des Regis­seurs wie auch des Roman­au­tors so eine Erzäh­lung umzu­set­zen. Also unbe­dingt ansehn, aber viel­leicht nicht wenn man sich gra­de auf einen Block­bus­ter ein­ge­stellt hat!

Par­ker
film​-rezen​sio​nen​.de

Gomor­rha. Rei­se in das Reich der Camor­ra

Ita­li­en

2008

135 min.

Regie: Matteo Gar­ro­ne

Dreh­buch: Matteo Gar­ro­ne, Rober­to Savia­no, Mau­ri­zio Brauc­ci, Ugo Chi­ti, Gian­ni Di Gre­go­rio, Mas­si­mo Gau­dio­so

Dar­stel­ler: Sal­va­to­re Abruz­ze­se, Sal­va­to­re Ruoc­co, Gian­fe­li­ce Impa­ra­to

Pro­duk­ti­on: Dome­ni­co Pro­cac­ci

Kame­ra: Mar­co Ono­ra­to

Schnitt: Mar­co Spo­le­ti­ni

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