[UG-Blättle:]Noam Chomsky: „Über Anarchismus. Beiträge aus vier Jahrzehnten“

Im Dezem­ber 2020 erschien das Buch von Noam Chom­sky: „Über Anar­chis­mus. Bei­trä­ge aus vier Jahr­zehn­ten. Aus­ge­wählt, über­setzt und kom­men­tiert von Rai­ner Bar­bey“.

Bild: Noam Chom­sky in einem Inter­view für den Doku­men­tar­film «The Invi­si­ble Class», März 2011. /​Joshua Hayes (CC BY-SA 4.0 crop­ped)

Der fol­gen­de Text erschien ursprüng­lich als Vor­wort zur zwei­bän­di­gen, von Rudolf Riz­mann her­aus­ge­ge­be­nen Anto­lo­gi­ja anar­hiz­ma.

Der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­sche Den­ker Rudolf Rocker beschrieb den moder­nen Anar­chis­mus als das Zusam­men­tref­fen der „zwei grosse[n] Strö­mun­gen …, die vor und nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on einen sehr gros­sen Aus­druck im geis­ti­gen Leben Euro­pas gefun­den haben: Sozia­lis­mus und Libe­ra­lis­mus“. Dem­entspre­chend gin­gen die kon­struk­tivs­ten Ele­men­te des moder­nen Anar­chis­mus, sowohl in der Theo­rie als auch in der Pra­xis, aus einer Kri­tik des libe­ra­len Kapi­ta­lis­mus und aus ande­ren Ten­den­zen her­vor, die sich selbst als sozia­lis­tisch beschrei­ben.

Die libe­ra­len Idea­le der Auf­klä­rung konn­ten in der ent­ste­hen­den kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung nur auf sehr par­ti­el­le und ein­ge­schränk­te Wei­se ver­wirk­licht wer­den: „Demo­kra­tie mit ihrem Mot­to der ‚Gleich­heit aller Bür­ger vor dem Gesetz’, und der Libe­ra­lis­mus mit sei­nem ‚Recht des Men­schen auf sei­ne Per­son’ schei­ter­ten bei­de an den Rea­li­tä­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft“, stell­te Rocker zutref­fend fest.

Den­je­ni­gen, die gezwun­gen sind, sich an die Kapi­tal­be­sit­zer zu ver­kau­fen, um zu über­le­ben, wird eines der wich­tigs­ten Grund­rech­te geraubt: das Recht auf pro­duk­ti­ve, schöp­fe­ri­sche und erfül­len­de Arbeit, selbst­be­stimmt und in Soli­da­ri­tät mit ande­ren. Und unter den ideo­lo­gi­schen Zwän­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie ist es obers­tes Gebot, die Bedürf­nis­se jener zu befrie­di­gen, die in der Posi­ti­on sind, über Inves­ti­tio­nen zu ent­schei­den; wenn deren For­de­run­gen nicht erfüllt wer­den, wird es kei­ne Pro­duk­ti­on, kei­ne Arbeit, kei­ne Sozi­al­leis­tun­gen, kei­ne Über­le­bens­grund­la­ge geben.

Not­ge­drun­gen stel­len alle sich selbst und ihre Inter­es­sen zuguns­ten des vor­ran­gi­gen Bedürf­nis­ses zurück, den Inter­es­sen der Eigen­tü­mer und Füh­rungs­kräf­te in der Gesell­schaft zu die­nen, die dar­über hin­aus auf­grund ihrer wirt­schaft­li­chen Mög­lich­kei­ten ohne wei­te­res in der Lage sind, das ideo­lo­gi­sche Sys­tem (die Medi­en, Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten und so wei­ter) in ihrem Inter­es­se zu for­men, die Rah­men­be­din­gun­gen des poli­ti­schen Gesche­hens, sei­ne Para­me­ter und Grund­satz­pro­gram­me zu bestim­men und bei Bedarf über die Mit­tel staat­li­cher Gewalt zu ver­fü­gen, um jeg­li­chen Angriff auf die eta­blier­ten Mäch­te zu unter­bin­den.

In den Anfän­gen der libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Revo­lu­tio­nen wur­de dies durch John Jay, den Prä­si­den­ten des Kon­ti­nen­tal­kon­gres­ses und ers­ten Obers­ten Rich­ter des Obers­ten Gerichts­ho­fes der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, prä­gnant auf den Punkt gebracht: „Die Men­schen, denen das Land gehört, soll­ten es regie­ren“. Und dies tun sie selbst­ver­ständ­lich auch, egal wel­che poli­ti­sche Frak­ti­on jeweils an der Macht sein mag. Die Din­ge könn­ten kaum anders sein, wenn sich wirt­schaft­li­che Macht auf engs­tem Raum kon­zen­triert und die wesent­li­chen Ent­schei­dun­gen über die Lebens­qua­li­tät, die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen, grund­sätz­lich der demo­kra­ti­schen Kon­trol­le ent­zo­gen sind.

Eben­so kann das Prin­zip der Gleich­heit vor dem Gesetz in der kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie nur teil­wei­se ver­wirk­licht wer­den. Rechts­staat­lich­keit exis­tiert in unter­schied­li­chen Abstu­fun­gen, aber all­zu oft wird Frei­heit im wirk­li­chen Betrieb wie alles ande­re in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zu einer Art Ware: Man bekommt soviel, wie man sich leis­ten kann. In einer rei­chen Gesell­schaft kann ein Gross­teil der Bevöl­ke­rung Frei­heit in einer nicht uner­heb­li­chen Men­ge erwer­ben, aber für die­je­ni­gen, denen die wirt­schaft­li­chen Mit­tel feh­len, sie in Anspruch zu neh­men, haben die for­ma­len Rechts­ga­ran­tien wenig Bedeu­tung.

Im All­ge­mei­nen kön­nen die Idea­le der Auf­klä­rung nur auf eine Art und Wei­se ver­wirk­licht wer­den, die ein schwa­cher Abglanz ihrer huma­nen Bedeu­tung ist. Der Begriff „kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie“ ist eigent­lich ein Wider­spruch in sich, wenn wir unter „Demo­kra­tie“ ein Sys­tem ver­ste­hen, in dem ein­fa­che Bür­ger die Mit­tel besit­zen, tat­säch­lich an den Ent­schei­dun­gen mit­zu­wir­ken, die ihr Leben bestim­men und ihre Gemein­den betref­fen.

[…]

Eine gros­se Errun­gen­schaft des 18. Jahr­hun­derts war es, die Idee und teil­wei­se sogar die Grund­for­men der poli­ti­schen Demo­kra­tie zu kon­zi­pie­ren, die den Schutz der Per­sön­lich­keits­rech­te gegen auto­ri­tä­re Herr­schaft mit­ein­schlies­sen. Aber es bleibt ein uner­reich­tes Ziel, die Demo­kra­tie über den eng umgrenz­ten Schau­platz hin­aus, in dem sie halb­wegs funk­tio­niert, auf alle Berei­che des gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Lebens aus­zu­deh­nen, mit ech­ter Kon­trol­le der Pro­du­zen­ten über Pro­duk­ti­on und Inves­ti­tio­nen und der Besei­ti­gung von Hier­ar­chien und Herr­schafts­struk­tu­ren inner­halb des Staats­we­sens, der Pri­vat­wirt­schaft und wei­ter Tei­le des gesell­schaft­li­chen Lebens.

In den meis­ten Län­dern der Welt wur­den die revo­lu­tio­nä­ren Ideen des 18. Jahr­hun­dert noch nicht ver­wirk­licht, ganz zu schwei­gen von der Über­win­dung von Not, Hun­ger und Ver­skla­vung durch ein­hei­mi­sche oder aus­län­di­sche Mäch­te. Kon­struk­ti­ve Anstren­gun­gen, Elend und Unter­drü­ckung zu über­win­den, wer­den natur­ge­mäss von den­je­ni­gen blo­ckiert, die von deren Fort­be­stehen pro­fi­tie­ren, die nicht enden­de Tra­gö­die der Moder­ne.

Die Grund­sät­ze des wah­ren Sozia­lis­mus blei­ben eine Visi­on und ein gros­ses Ziel für zukünf­ti­ge Kämp­fe. Um sie anzu­ge­hen oder auch nur die Pro­ble­me zu ver­ste­hen, die ange­spro­chen wer­den müs­sen, muss man in der Lage sein, sich aus einem Netz aus Lüge und Ent­stel­lung zu befrei­en, in dem der Gebrauch des Begriffs „Sozia­lis­mus“ zur Bezeich­nung eines Sys­tems, das sei­nen Grund­prin­zi­pi­en eine ener­gi­sche Absa­ge erteilt, nur einen wich­ti­gen Bau­stein dar­stellt.

Die Tra­di­ti­on anar­chis­ti­scher Ideen und, mehr noch, der inspi­rie­ren­den Kämp­fe der Men­schen, die sich von Herr­schaft und Unter­drü­ckung zu befrei­en such­ten, muss bewahrt und erhal­ten wer­den, nicht um Gedan­ken und Vor­stel­lun­gen in neu­er Form ein­zu­frie­ren, son­dern als Basis für das Ver­ständ­nis der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit und das Enga­ge­ment, sie zu ver­än­dern. Es gibt kei­nen Grund anzu­neh­men, dass die Geschich­te an ein Ende gekom­men ist, dass die auto­ri­tä­ren Herr­schafts­struk­tu­ren der Gegen­wart in Stein gemeis­selt sind. Auch wäre es ein gros­ser Feh­ler, die Stär­ke der gesell­schaft­li­chen Kräf­te zu unter­schät­zen, die für den Erhalt von Macht und Pri­vi­le­gi­en kämp­fen wer­den.

Die heu­ti­ge Wis­sen­schaft ist weit davon ent­fernt, die­sen Sach­ver­halt bewei­sen zu kön­nen, aber wir kön­nen nur hof­fen, dass Bakunins „Frei­heits­in­stinkt“ wirk­lich ein zen­tra­ler Bestand­teil der mensch­li­chen Natur ist, und zwar einer, der nicht lan­ge von auto­ri­tä­ren Glau­bens­leh­ren und der durch sie ver­ur­sach­ten Hoff­nungs­lo­sig­keit, von den Macht­ver­hält­nis­sen und den durch sie ange­rich­te­ten Ver­hee­run­gen unter Was­ser gehal­ten und beherrscht wer­den kann.

Noam Chom­sky

Noam Chom­sky: „Über Anar­chis­mus. Bei­trä­ge aus vier Jahr­zehn­ten. Aus­ge­wählt, über­setzt und kom­men­tiert von Rai­ner Bar­bey“ ca. 270 Sei­ten. ca. 24,00 SFr. ISBN 978–3‑939045–42‑7.

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