[uG:] Kein Gott, kein Staat, kein Kalifat?

Unse­re Genoss*innen von der Basis­grup­pe Anti­fa­schis­mus (BA) Bre­men haben nach län­ge­rer Dis­kus­si­on ein lesens­wer­tes “Zwi­schen­stand­pa­pier” zum Stand ihrer Debat­te zum Isla­mis­mus ver­öf­fent­licht.
Den Kampf gegen die reli­giö­se Rech­te wol­len sie in Zukunft zu einem ihrer Schwer­punk­te machen, so schrei­ben sie.


Paradise now!

Es ist mehr als nur ärger­lich: Reli­giö­se Rech­te sind immer noch eine der größ­ten, reak­tio­nä­ren Bewe­gun­gen. Dies gilt nicht nur für Bre­men, son­dern welt­weit. Wir haben uns in den letz­ten Jah­ren aber nur spo­ra­disch mit ihnen aus­ein­an­der­ge­setzt. So haben wir bei­spiel­haft bereits mehr­fach gegen christ­li­che Fun­dis beim soge­nann­ten 1000-Kreu­ze-Marsch in Müns­ter – aber auch anders­wo – pro­tes­tiert. Haben Hass­pre­di­gern wie dem Bre­mer Evan­ge­li­ka­len Olaf Lat­zel und dem Isla­mis­ten Pierre Vogel etwas ent­ge­gen­ge­setzt. All das natür­lich immer nicht allein, son­dern mit vie­len ande­ren zusam­men.
Es fehl­te uns aber bis­her eine sowohl ana­ly­ti­sche als auch poli­tisch-stra­te­gi­sche Bestim­mung die­ses Pra­xis­felds. Die­se wer­den wir nun gezielt ange­hen, damit wir nicht von Anlass zu Akti­on stol­pern, son­dern grob eine stra­te­gi­sche Rich­tung für uns bestim­men kön­nen. Das Ziel die­ser Ana­ly­se ist außer­dem, dass wir nicht jedes Mal unse­re Argu­men­te neu fin­den müs­sen. Wie wir uns all­ge­mei­ne, prak­tisch-poli­ti­sche, Reli­gi­ons­kri­tik vor­stel­len, haben wir hier nun am Bei­spiel des Isla­mis­mus auf­ge­schrie­ben. Der fol­gen­de Text ist in Fol­ge einer Ver­an­stal­tungs­rei­he von uns zum The­ma Isla­mis­mus Anfang 2019 mit dem Titel “Kein Gott. Kein Staat. Kein Kali­fat.” ent­stan­den.

Wir wer­den jetzt dar­auf auf­bau­en und den Kampf gegen die reli­giö­se Rech­te in Zukunft zu einem unse­rer Schwer­punk­te machen. Stay tun­ed.


Kein Gott, kein Staat, kein Kalifat?Zwischenstandpapier zum Stand unserer Debatte zum Islamismus

Isla­mis­ten sind Fein­de der befrei­ten Gesell­schaft – wie Nazis, Evan­ge­li­ka­le und vie­le ande­re auch – und dem gilt es etwas ent­ge­gen zu setz­ten. Und es ist kein Zufall, dass die isla­mis­ti­schen Bewe­gun­gen im Kapi­ta­lis­mus so stark sind – dies ist aber auch kein Natur­ge­setz, son­dern men­schen­ge­macht. Die­se Posi­ti­on ist nicht neu, vie­le cle­ve­re Leu­te haben das schon häu­fig erklärt. Es ist uns aber wich­tig, dass die­se Kri­tik einen Ein­zug in die Pra­xis lin­ker Struk­tu­ren nimmt und nicht immer wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwin­det, sobald Ereig­nis­se wie die welt­wei­ten isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlä­ge und Kriegs­hand­lun­gen der letz­ten Jah­re erneut aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gera­ten.

Isla­mis­mus ist kein Nischen­the­ma, son­dern seit nun fast zwei Jahr­zehn­ten eine bestim­men­de Erzäh­lung gro­ßer Tei­le der Welt­po­li­tik. Und auch in Deutsch­land, spä­tes­tens mit dem Auf­kom­men von Pegi­da und Co., wird Isla­mis­mus sowohl auf der Stra­ße als auch als Gegen­stand einer zuneh­mend repres­si­ven Innen­po­li­tik ver­han­delt. Von Sei­ten der radi­ka­len Lin­ken in Bre­men gibt es aller­dings kaum kla­re State­ments gegen Isla­mis­mus, sei­ne Inhal­te, sei­ne kon­kre­ten Erschei­nungs­for­men oder sei­ne Akteur*innen. Ras­sis­ti­sche Nationalist*innen auf der einen Sei­te und kul­tu­ra­li­sie­ren­de Libe­ra­le auf der ande­ren Sei­te bestim­men, jen­seits der Fans des Isla­mis­mus selbst, sowohl den Dis­kurs als auch das gesell­schaft­li­che Kräf­te­ver­hält­nis. Ihre jewei­li­gen Per­spek­ti­ven aber, völ­kisch-natio­na­lis­ti­scher Kapi­ta­lis­mus und „vielfältig“-pluralistischer Kapi­ta­lis­mus, sind bei­de nur zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le. Sie bei­de eint die natu­ra­li­sie­ren­de Ein­tei­lung der Men­schen nach ver­meint­li­cher Her­kunft, Kul­tur und Nati­on. Auch plu­ra­lis­ti­sche Posi­tio­nen lau­fen Gefahr, Gesell­schaft als etwas star­res zu begrei­fen und las­sen dabei außen vor, dass bei­spiels­wei­se Kul­tur nichts genu­in Schüt­zens­wer­tes ist und die­se zudem nicht auto­ma­tisch das Leben der Per­so­nen bestimmt, die in ihr sozia­li­siert wur­den. Eine drit­te Posi­ti­on, die die Ent­schei­dungs­fä­hig­keit von Indi­vi­du­en jen­seits ihrer gesell­schaft­li­chen Posi­tio­nie­run­gen berück­sich­tigt, wie sie schon die Genoss*innen der „Lin­ken Arbei­ter­kom­mu­nis­ti­schen Par­tei des Irak” und der „Arbei­ter­kom­mu­nis­ti­schen Par­tei des Iran” 2007, auch in Bre­men, ver­geb­lich als eman­zi­pa­to­ri­sche, lin­ke Alter­na­ti­ve gefor­dert hat­ten, lässt lei­der bis heu­te auf sich war­ten.

1. War­um wir jetzt und mit wel­chem Anspruch die­sen Text ver­öf­fent­li­chen

Die­ser Text bil­det den Zwi­schen­stand unse­rer Debat­ten und die Refle­xi­on unse­rer bis­her beschränk­ten Pra­xis zu die­sem The­ma ab, nicht mehr und nicht weni­ger. Er hat damit für uns einen Dop­pel­cha­rak­ter: Der Selbst­zweck liegt und lag für uns in der Pra­xis des Erstel­lens, der gemein­sa­men Dis­kus­si­on, Refle­xi­on und der Erar­bei­tung einer kol­lek­ti­ven Posi­ti­on. Der Zweck besteht für uns dar­in, unse­re inhalt­li­chen Posi­tio­nen und stra­te­gi­schen Bestim­mun­gen, die für uns dar­aus fol­gen­den Tak­ti­ken und Pra­xen für ande­re nach­voll­zieh­bar und dis­ku­tier­bar zu machen. Zudem sind ins­be­son­de­re in den letz­ten Jah­ren vie­le rele­van­te Bei­trä­ge rund um eine theo­re­ti­sche Ein­ord­nung und his­to­ri­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung des Isla­mis­mus erschie­nen, an denen wir uns bei der Arbeit an die­sem Text ori­en­tie­ren konn­ten. Unser Ziel ist es jedoch die­sen Tex­ten nicht, mit einer eige­nen Ana­ly­se nach­zu­ei­fern, son­dern statt­des­sen den Fokus auf eine not­wen­di­ger­wei­se aus­ste­hen­de Pra­xis der radi­ka­len Lin­ken zu set­zen.

Wir wen­den uns also an alle, die eben­so wie wir zwei­felnd und fra­gend auf der Suche nach einem Pra­xis­an­satz gegen Isla­mis­mus sind, der die Per­spek­ti­ve einer gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Eman­zi­pa­ti­on mit­ein­schließt – jen­seits von Kul­tu­ra­li­sie­run­gen jeg­li­cher Cou­leur. Wir wen­den uns an alle, die sich ver­un­si­chert füh­len durch mora­li­sche Ver­bo­te, Pole­mi­sie­run­gen und Zuspit­zun­gen, gera­de in der radi­ka­len Lin­ken, und des­we­gen lie­ber einen mög­lichst gro­ßen Bogen um die­ses The­ma machen, um sich nicht sel­ber zur Ziel­schei­be von Zuschrei­bun­gen zu machen. Und wir wen­den uns nicht zuletzt auch an alle, die durch die Dis­kus­sio­nen über unse­re Ver­an­stal­tun­gen im Früh­jahr 2019 auf das The­ma und auf uns auf­merk­sam gewor­den sind und die sich für unse­re Inhal­te und Metho­den inter­es­sie­ren.

2. Fra­gend schrei­ten wir vor­an – dis­ku­tier mit uns!

Im Fol­gen­den wer­den wir erst ver­su­chen, abs­trakt unse­re Metho­de – den his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus – und die von uns ver­wen­de­ten Kate­go­rien zu bestim­men und nach­voll­zieh­bar zu machen. Danach wer­den wir ver­su­chen, sie auf den Gegen­stand – den Isla­mis­mus – anzu­wen­den. Einen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhe­ben wir aber auch hier­bei natür­lich nicht. Wir haben ver­sucht, den Text so ver­ständ­lich und vor­aus­set­zungs­frei zu hal­ten wie mög­lich. Das konn­te uns natür­lich nicht gelin­gen, dafür ist das The­ma zu kom­plex. Aus Grün­den der Les­bar­keit haben wir zudem ver­sucht, uns so kurz wie mög­lich zu hal­ten. Wir freu­en uns des­we­gen über Nach­fra­gen und Ver­ständ­nis­fra­gen jeg­li­cher Art. Ger­ne tref­fen wir uns auch mit allen, die an einer wirk­li­chen inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung und Kri­tik jen­seits mora­li­scher oder iden­ti­tä­rer Anwür­fe und Zuschrei­bun­gen inter­es­siert sind. In die­sem Sin­ne hof­fen wir auch, mit die­sem Text einen kon­struk­ti­ven Bei­trag zu einer Ver­in­halt­li­chung lin­ker Debat­ten zu die­sem The­ma leis­ten zu kön­nen.

3. Weit aus­ge­holt: His­to­ri­scher Mate­ria­lis­mus als tool, um die Gesell­schaft zu ver­ste­hen

Die Metho­de, mit der wir uns die Welt, die Gesell­schaft, die Men­schen und wie sie mit­ein­an­der umge­hen, erklä­ren, ist der his­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus. Wir ver­wen­den die­se Metho­de, um die Ver­mitt­lung zwi­schen gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren und den je indi­vi­du­el­len Hand­lun­gen der Men­schen bes­ser zu ver­ste­hen. Dabei ist es zunächst wich­tig, zu bestim­men, wie ein­zel­ne indi­vi­du­el­le Hand­lun­gen all­ge­mein wer­den kön­nen und schließ­lich zu einer objek­tiv bestimm­ba­ren gesell­schaft­li­chen Form wer­den. Mit For­men mei­nen wir Hand­lun­gen die von Men­schen, zum Bei­spiel in einer kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaft ganz selbst­ver­ständ­lich und all­täg­lich voll­zo­gen wer­den. Wir gehen zum Bei­spiel in den Super­markt und bezah­len dort ganz selbst­ver­ständ­lich mit Geld die Lebens­mit­tel, die wir zum Leben brau­chen.

Dass die Gesell­schaft so struk­tu­riert ist wie sie ist, ist weder ein natur­wüch­si­ger Pro­zess oder eine „Wesens­ei­gen­schaft“ des Men­schen an sich. Viel­mehr wur­den Men­schen in bereits bestehen­de gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren hin­ein­ge­bo­ren, haben sich, indem sie Ver­hal­tens­wei­sen gelernt haben, dort ori­en­tiert und muss­ten, um in die­sen Ver­hält­nis­sen leben zu kön­nen, Struk­tu­ren wei­ter (re)produzieren. Dabei sind sie durch die­se nicht völ­lig bestimmt. In ihnen haben sie (zum Glück) einen frei­en Wil­len.

Gesell­schaft gibt es in unse­rem Ver­ständ­nis nicht abs­trakt, son­dern immer nur kon­kret, denn sie ist nicht geschichts­los vom Him­mel gefal­len. Die Gesell­schaft wird geprägt von mensch­li­chen Hand­lun­gen – inklu­si­ve der jahr­hun­der­te­lan­gen Kämp­fe zahl­lo­ser Genoss*innen um Befrei­ung sowie der Rück­schlä­ge durch Staat, Kapi­tal und reak­tio­nä­re Kräf­te. Sie ist dem­entspre­chend auch wie­der ver­än­der­bar – die sozia­len Kämp­fe und das Rin­gen um gesell­schaft­li­che Macht fin­den wei­ter­hin statt, hier und heu­te.

Unab­hän­gig von den jewei­li­gen sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mun­gen und Erfah­run­gen der Ein­zel­per­son gibt es den objek­ti­ven gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang, gebil­det durch und als Resul­tat aller sub­jek­ti­ven Hand­lun­gen. Wenn wir zum Bei­spiel sagen, dass die­se Gesell­schaft eine Klas­sen­ge­sell­schaft ist, in der alle durch den Staat und sein Gewalt­mo­no­pol gezwun­gen sind, das Eigen­tum als ein­zi­ges Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen zu wäh­len, dann mei­nen wir damit, dass dies objek­tiv so ist. Dass die sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen und Wahr­neh­mun­gen dem ent­ge­gen­ste­hen kön­nen – „beim Ein­kauf im Super­markt zwingt mich doch nie­mand, zu bezah­len, ich mach das doch „frei­wil­lig“ – steht unse­rer Auf­fas­sung nach dazu nicht im Wider­spruch, ganz im Gegen­teil. Ohne die­se sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen und Wahr­neh­mun­gen wür­de das Gan­ze nicht so weit­ge­hend rei­bungs­los funk­tio­nie­ren. Sonst müss­te der Staat bei REWE in jedem Gang Bul­len auf­stel­len. Nicht bewusst, aber mit Bewusst­sein „machen“ die Men­schen also all­täg­lich mit ihrem Han­deln die­se Gesell­schaft und (re)produzieren ihre objek­ti­ven Struk­tu­ren. Ver­än­dern lässt sich eine Gesell­schaft aber nicht von „außen“ – zumal sie ja all­um­fas­send ist, es also für keine*n von uns ein „Außen“ geben kann – son­dern nur durch die Men­schen in ihr selbst. Um die objek­ti­ven Umstän­de aber ziel­ge­rich­tet ver­än­dern zu kön­nen, müs­sen sie erst ein­mal erkannt wer­den. Ein Teil die­ser objek­ti­ven Umstän­de sind immer auch die ver­schie­de­nen Sub­jek­ti­vi­tä­ten und Erfah­run­gen der Men­schen, die in die­sen Umstän­den han­deln und ihnen Bedeu­tun­gen zuwei­sen. Wol­len wir also die Ver­mitt­lung zwi­schen gesell­schaft­li­cher Struk­tur und indi­vi­du­el­lem Han­deln bes­ser ver­ste­hen – immer mit dem Ziel, eine bes­se­re Pra­xis der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung ent­wi­ckeln zu kön­nen – kom­men wir nicht umhin, bei­des in unse­re Ana­ly­se mit ein­zu­be­zie­hen.

4. Isla­mis­mus­kri­tik in einer ras­sis­ti­schen Gesell­schaft

Vie­le poli­ti­sche Akteur*innen ver­wen­den den Begriff „Isla­mis­mus“. Eine ein­heit­li­che, über­grei­fen­de Defi­ni­ti­on gibt es aber nicht. Wir sel­ber kön­nen kei­ne gro­ße Debat­te über Begriffs­her­kunft und Ver­wen­dung des Begriffs füh­ren. Er ist für uns ein Werk­zeug, um ein Phä­no­men zu ver­ste­hen. Uns ist bewusst, dass er von ande­ren Akteur*innen, die deut­lich dis­kurs­mäch­ti­ger sind als wir (zum Bei­spiel die poli­ti­sche Rech­te), auch ver­wen­det wird. Das Pro­blem unse­rer Dis­kur­sohn­macht bekom­men wir aber nicht über die Ver­wen­dung ande­rer, neu­er Begrif­fe gelöst. Dis­kurs­macht oder Dis­kur­sohn­macht stellt sich nicht über Begrif­fe her. Sie sind das Resul­tat gesell­schaft­li­cher Kräf­te­ver­hält­nis­se. Die Dis­kurs­macht der Rech­ten wer­den wir des­halb nicht mit ande­ren Begrif­fen zurück­drän­gen – auch wenn es im Umkehr­schluss nicht heißt, dass wir uns vor ihren dis­kur­si­ven Kar­ren span­nen las­sen wol­len. Wir müs­sen aber fest­stel­len, dass der Dis­kurs geprägt ist durch Ras­sis­mus, der dazu führt, dass Men­schen nicht als Indi­vi­du­en in ihren kon­kre­ten sozia­len Lagen und Posi­tio­nie­run­gen gese­hen wer­den, son­dern ihnen auf­grund der (zuge­schrie­be­nen) Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit sozia­le, kul­tu­rel­le und eth­ni­sche Eigen­schaf­ten unter­stellt wer­den. Doch nicht nur inner­halb rech­ter Dis­kur­se las­sen sich kul­tu­ra­li­sie­ren­de Posi­tio­nen fin­den. Auch libe­ra­le Strö­mun­gen han­tie­ren oft­mals mit einer Essen­tia­li­sie­rung von „den Muslim*innen“ bezie­hungs­wei­se Men­schen, die sie für Muslim*innen hal­ten. Dies kann sogar zu einer posi­tiv gewen­de­ten Repro­duk­ti­on ras­si­fi­zie­ren­der Zuschrei­bun­gen füh­ren.

Wir sind der Auf­fas­sung, dass das Phä­no­men Isla­mis­mus nur in Zusam­men­hang mit und aus der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schafts­struk­tur her­aus ver­stan­den wer­den kann. Die für uns span­nen­de Fra­ge ist, wie es dazu kommt, dass sich Men­schen dafür ent­schei­den, sich in Syri­en dem IS oder in Bre­men-Blu­men­thal Sala­fis­tIn­nen à la Pierre Vogel anzu­schlie­ßen – trotz krass unter­schied­li­cher Bedin­gun­gen vor Ort. Aller­dings: Wäh­rend wir noch dar­über phi­lo­so­phie­ren und strei­ten, ob man welt­weit die glei­chen Erkennt­nis­ka­te­go­rien anwen­den kann, tun das die Isla­mis­tIn­nen bereits ganz prak­tisch.

5. Kul­tur-reli­giö­se Kon­tex­te wir­ken gesell­schaft­lich – jen­seits von indi­vi­du­el­lem Glau­ben

Für uns stellt sich die Fra­ge, in wel­chen his­to­risch gewach­se­nen Kon­tex­ten Men­schen auf­wach­sen, sozia­li­siert wer­den und vor wel­chen Hin­ter­grün­den sie ihre sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen mit Bedeu­tun­gen fül­len. In ihrer Sozia­li­sie­rung wer­den Men­schen nicht nur in der Fami­lie und im Schul­sys­tem zu nütz­li­chen Mit­glie­dern im Kapi­ta­lis­mus erzo­gen, son­dern auch „kul­tur-reli­gi­ös“ geprägt; auch wenn sie nicht in einem gläu­bi­gen Umfeld auf­wach­sen. Durch eine spe­zi­fi­sche his­to­ri­sche Ent­wick­lung, die immer auch hät­te anders sein kön­nen, exis­tie­ren auf der Welt unter­schied­lichs­te kul­tu­rell-reli­giö­se Kon­tex­te. Das heißt, Men­schen erle­ben und erfah­ren eine bestimm­te kul­tu­rel­le Pra­xis und Zuge­hö­rig­keit, je nach dem in wel­chem Kon­text sie auf­wach­sen. Das muss jedoch noch nicht hei­ßen, dass sie eine bestimm­te Reli­gi­on auch prak­ti­zie­ren. So fei­ert zum Bei­spiel in der BRD der Groß­teil der kul­tur-reli­gi­ös christ­lich sozia­li­sier­ten Men­schen Weih­nach­ten. Oder in Anti­ab­trei­bungs­ge­set­zen fin­den sich kul­tur-reli­gi­ös christ­li­che Ver­satz­stü­cke. Aber nur die wenigs­ten Leu­te gehen auch regel­mä­ßig zur Kir­che. Die­se kul­tur-reli­giö­se Pra­xis der gesell­schaft­li­chen Mehr­heit ist nicht vom Him­mel gefal­len, son­dern Resul­tat poli­ti­schen Han­delns. Dabei ist uns bewusst, dass die­se Sor­te kul­tur-reli­giö­ser, christ­li­cher Prä­gung für Deutsch­land für das Gebiet der ehe­ma­li­gen DDR nur ein­ge­schränkt gilt. Dort ver­brei­te kul­tu­rel­le Pra­xen wie die Jugend­wei­he sind aller­dings trotz­dem Resul­tat der his­to­risch christ­li­chen Prä­gung.

6. Gemein­sam in der Dif­fe­renz – Der Kapi­ta­lis­mus als welt­wei­tes Aus­beu­tungs- und Herr­schafts­ver­hält­nis

Schein­bar ken­nen die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten, Men­schen welt­weit in elen­di­gen Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen zu knech­ten, kaum eine Gren­ze. Bei­spie­le hier­für las­sen sich vie­le nen­nen: Von Textilarbeiter*innen in den Phil­ip­pi­nen, skla­ven­ar­ti­gen Lohn­ar­beits­be­din­gun­gen in Bra­si­li­en, Hausarbeitssklav*innen in vie­len Staa­ten der ara­bi­schen Halb­in­sel, den elen­den Arbeits­be­din­gun­gen in den Staa­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on…. Die­se Lis­te lie­ße sich wohl belie­big fort­set­zen. Und auch hier­zu­lan­de, trotz fast 150 Jah­re Sozi­al­staat und DGB-Gewerk­schaf­ten, herrscht nicht eitel Son­nen­schein. Wer es nicht glaubt, dem sei ein Abste­cher ins Hoch­re­gal­la­ger von Tschi­bo in Bre­men-Strom oder zum „Arbei­ter­stra­ßen­strich“ in Bre­men-Grö­pe­lin­gen und ‑Oslebs­hau­sen emp­foh­len.
Bei allen Unter­schie­den zwi­schen den genann­ten Bei­spie­len, allen ist gemein, dass sie an der­sel­ben Ursa­che lei­den, am kapi­ta­lis­tisch-patri­ar­cha­len Welt­zu­sam­men­hang. His­to­risch betrach­tet ist die­ser spä­tes­tens mit dem Ein­set­zen des Impe­ria­lis­mus welt­weit durch­ge­setzt. Jedoch drückt sich der Kapi­ta­lis­mus lokal unter­schied­lich aus und steht auch nicht im Wider­spruch zu ande­ren, „älte­ren“ tra­dier­ten For­men des Wirt­schaf­tens, wenn die­se nicht im Wider­spruch zur kapi­ta­lis­ti­schen Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on ste­hen. Eine kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se liegt vor, sobald sie den Zweck des Staa­tes und damit der Gesell­schaft bestimmt.
In den ehe­ma­li­gen Kolo­nien und ähn­lich beherrsch­ten Regio­nen neh­men die kapi­ta­lis­ti­schen Zumu­tun­gen ganz ande­re For­men der Exis­tenz­be­dro­hung an als bei­spiels­wei­se in der BRD. Das bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­sche Glücks­ver­spre­chen dage­gen gilt glo­bal: Frei­heit, Gleich­heit, Soli­da­ri­tät und es mit genü­gend Wil­lens­kraft „vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lio­när“ schaf­fen zu kön­nen. In den Län­dern außer­halb des glo­ba­len Wes­tens wird dage­gen beson­ders dra­ma­tisch deut­lich, dass die­ses Glücks­ver­spre­chen vor allem nur für eine Klas­se ein­ge­löst wer­den kann – und die ist dort auch quan­ti­ta­tiv beson­ders klein. Im glo­ba­len Wes­ten – in Fol­ge der welt­wei­ten Pro­duk­ti­ons- und Herr­schafts­ver­hält­nis­se – rea­li­siert es sich dage­gen für mehr Men­schen.

Es ist also die­ser kapi­ta­lis­tisch-patri­ar­cha­le Zusam­men­hang, die all­täg­li­chen Lebens­um­stän­de, der welt­weit Leu­te dazu bringt, sich zusam­men­zu­schlie­ßen, um ihre Umstän­de ver­än­dern zu kön­nen. Des­we­gen ent­wi­ckeln sich über­all auf der Welt auch Bewe­gun­gen wie bei­spiels­wei­se unter­schied­lichs­te Arbeiter*innenbewegungen oder femi­nis­ti­sche Zusam­men­schlüs­se. Die jewei­li­gen Gegen­be­we­gun­gen äußern sich auf­grund der unter­schied­li­chen loka­len Umstän­de immer ver­schie­den und wäh­len dafür die For­men und Mit­tel, die sie vor Ort vor­fin­den: Bio­gra­fisch, kul­tu­rell, his­to­risch.

7. Der „lan­ge Arm“ der Geschich­te

Spä­tes­tens seit 1991, mit dem Ende der Sowjet­uni­on, sind welt­weit lin­ke Bewe­gun­gen, egal ob sie sie sich posi­tiv auf den Staats­so­zia­lis­mus bezo­gen haben oder nicht, in die Defen­si­ve gera­ten und mas­siv dis­kre­di­tiert. Die­se his­to­ri­sche Dis­kre­di­tie­rung schließt all­ge­mein jeg­li­che lin­ken, eman­zi­pa­to­ri­schen Gesell­schafts­ver­än­de­rungs­stra­te­gien ein und mar­kiert den Anfang der welt­wei­ten Erzäh­lung vom alter­na­tiv­lo­sen „Ende der Geschich­te“.
Die­ses „Ende der Geschich­te“ ist aber auch der Auf­takt für den welt­wei­ten Auf­schwung des Isla­mis­mus. In einer Welt, in der es wei­ter­hin nötig ist, sich gegen ihre Zumu­tun­gen zur Wehr zu set­zen und ohne eine lin­ke, eman­zi­pa­to­ri­sche Alter­na­ti­ve, ist Isla­mis­mus eine mög­li­che Opti­on. Gera­de in den mehr­heit­lich ara­bisch­spra­chi­gen Staa­ten Nord­afri­kas und des „Nahen Ostens“ wur­de dies noch ver­stärkt durch die beson­de­re Per­spek­tiv­lo­sig­keit der dor­ti­gen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en und Bewe­gun­gen. Meist gebun­den und ein Spiel­ball der sowje­ti­schen Außen­po­li­tik, hat­ten sie sich ent­we­der oft schon weit vor 1991 selbst dis­kre­di­tiert (die Erge­ben­heit der Syri­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (KP) für Assad bis heu­te steht dafür bei­spiel­haft) oder wur­den von Mos­kau wie vie­le tau­send Genoss*innen der KP des Irak den Win­kel­zü­gen der Außen­po­li­tik der UdSSR geop­fert.

Gleich­zei­tig zeigt aber auch das Bei­spiel der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei im Nord-Sudan und ihrer beson­de­ren Rol­le in den Pro­tes­ten Anfang 2019, dass es sich hier­bei nicht um his­to­ri­sche Not­wen­dig­kei­ten han­delt. Auch die Pro­tes­te in Ägyp­ten, die zum Sturz des Muba­rak-Regimes im „Ara­bi­schen Früh­ling“ und die wich­ti­ge Rol­le sowohl lin­ker Ultras als auch Gewerk­schaf­ten hier­in zei­gen die Mög­lich­keits­fens­ter die­ser Bewe­gun­gen.

8. Der Isla­mis­mus: Uni­ver­sa­lis­tisch reak­tio­när

Dem Isla­mis­mus dage­gen ist es gelun­gen an vie­len Orten den berech­tig­ten Wider­stand der Men­schen gegen ihre lebens­feind­li­chen sozia­len Umstän­de mit­tels der jeweils vor­ge­fun­de­nen sozi­al-kul­tu­rel­len For­men, also dem Islam in sei­nen jewei­li­gen Aus­prä­gun­gen, in sei­nem Sin­ne zu poli­ti­sie­ren. Der Isla­mis­mus ist aber kei­ne „Poli­ti­sie­rung” einer vor­mals „unpo­li­ti­schen” Reli­gi­on, wie es manch­mal dar­ge­stellt wird. Reli­gio­nen sind immer poli­tisch. Reli­gi­on ist der Ver­such, sich das eige­ne Leben samt sei­nen sozia­len Umstän­den ver­ständ­lich, Ängs­te und Schmerz aus­halt­bar zu machen und der eige­nen Exis­tenz end­lich einen Sinn zu geben. War­um gibt es so viel Armut und Elend, war­um sind die Welt und mein Leben so wie sie sind? Die Reli­gi­on hat auf all die­se Fra­gen nur fal­sche Ant­wor­ten. Sie erkennt die Welt, die Gesell­schaft und unse­re aller Leben nicht als men­schen­ge­macht. Statt­des­sen behaup­tet sie als Ursa­che und Zweck für alles eine „höhe­re Macht”. Mensch­li­ches Han­deln hat sich in der Reli­gi­on also nach dem gött­li­chen Wort zu rich­ten. Hier­in liegt der prin­zi­pi­ell poli­ti­sche Cha­rak­ter jeder Reli­gi­on und hier­in unter­schei­det sich der Islam auch nicht vom Chris­ten­tum, dem Bud­dhis­mus oder dem Glau­ben an Engel und Tarot­kar­ten.
Die Beson­der­heit des Isla­mis­mus besteht in der mas­sen­mör­de­ri­schen Kon­se­quenz, mit der er ver­sucht, sein poli­ti­sches Pro­gramm, sei­ne Vor­stel­lung von Gesell­schaft durch­zu­set­zen. Des­halb müs­sen für den Isla­mis­mus auch poli­ti­sche und reli­giö­se Macht in einer Hand lie­gen. Sei­ne Attrak­ti­vi­tät resul­tiert viel­leicht des­halb auch genau dar­aus: Nicht nur zu quat­schen, son­dern auch mit selbst­mör­de­ri­schem Ein­satz alles dar­an zu set­zen, den Vor­stel­lun­gen der höhe­ren Macht zu ent­spre­chen. Er ist so eine mög­li­che Ant­wort auf die Ent­täu­schun­gen an der kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne und ihrem Glücks­ver­spre­chen und ein Orga­ni­sie­rungs­an­ge­bot. Bei allen kras­sen Unter­schie­den in den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen rea­li­siert sich der Uni­ver­sa­lis­mus des Isla­mis­mus prak­tisch: Unter einem isla­mi­schen Label fin­det Mobi­li­zing und Orga­ni­zing statt: Isla­mis­mus bie­tet auch Men­schen, die auf­grund ihrer Klas­sen­la­ge an den Rand der Gesell­schaft gedrängt wer­den, sozia­le Räu­me und einen gemein­sa­men (wenn auch reak­tio­nä­ren) poli­ti­schen Zweck – die reli­giö­se Gemein­schaft tat­säch­lich prak­tisch umzu­set­zen.

9. Kul­tur und Reli­gi­on sind nichts per se Schüt­zens­wer­tes

Struk­tu­rell unter­schei­det sich damit der Isla­mis­mus nicht viel zum Bei­spiel von Evan­ge­li­ka­len und ihren Mili­zen in Nige­ria, ihrer Ver­floch­ten­heit mit dem Staats­ap­pa­rat in Bra­si­li­en oder ihren sozi­al­po­li­ti­schen Orga­ni­sie­rungs­ver­su­chen in Bre­men-Blu­men­thal im Rah­men eines „Sozi­al­werks“. Wei­te­re Bei­spie­le hier­für lie­ßen sich noch an vie­len Orten der Welt auf­zei­gen. Reli­giö­se Rech­te fal­len nicht vom Him­mel. Als Bewe­gun­gen ent­ste­hen sie nicht aus sich selbst her­aus, son­dern haben mate­ri­el­le Ursa­chen: Die sozia­len Kämp­fe, die wir alle täg­lich füh­ren müs­sen. Für alle, die die­se Kämp­fe reak­tio­när wen­den wol­len, ist ein Griff in die Spuk­kis­te der Reli­gio­nen seit Lan­gem ein trau­ri­ges Erfolgs­re­zept – egal ob es dabei kon­kret um Hin­du­fa­schis­mus, Isla­mis­mus, Evan­ge­li­ka­le oder fun­da­men­ta­lis­ti­schen Katho­li­zis­mus geht.

Men­schen, die mit einer bestimm­ten kul­tur-reli­giö­sen Zuge­hö­rig­keit auf­ge­wach­sen sind und an den Zumu­tun­gen des Kapi­ta­lis­mus lei­den, haben vie­le Mög­lich­kei­ten, sich zu ihrer objek­ti­ven Posi­ti­on in der Gesell­schaft zu ver­hal­ten. Sie kön­nen Atheist*innen wer­den, oder Lin­ke, sie kön­nen kul­tur-reli­gi­ös blei­ben oder streng gläu­big wer­den ohne poli­ti­sche Pra­xis, oder mit poli­ti­scher Pra­xis wie im Fal­le des Isla­mis­mus.
Unser Gegen­pro­gramm gegen den Isla­mis­mus sind gemein­sa­me sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, soli­da­ri­sche und femi­nis­ti­sche Kämp­fe. Wenn wir uns zusam­men­tun, weil wir gemein­sam für gesell­schaft­li­che Befrei­ung strei­ten, Empa­thie für ein­an­der zulas­sen und prak­ti­sche Soli­da­ri­tät erpro­ben, braucht es auch kei­nen Isla­mis­mus, kei­nen star­ken Staat mit Ver­bo­ten und kein „Bewah­ren von Kul­tu­ren“ mehr, um uns einen Hoff­nungs­schim­mer in die­sen elen­di­gen Ver­hält­nis­sen zu bie­ten.

10. Fazit: Hea­ven is a place on earth

Kommunist*innen soll­ten das Pro­blem Isla­mis­mus weder abtun, noch mit den west­li­chen Nationalist*innen in ein Horn sto­ßen, indem sie „den Islam“ zum Feind erklä­ren, son­dern den Isla­mis­mus als glo­ba­le rech­te Bewe­gung und als Geg­ner ernst neh­men.
Dabei lie­gen jene Lin­ke falsch, die kul­tur-reli­giö­se Kon­tex­te nicht nur in ihre Ana­ly­se ein­be­zie­hen, son­dern zum zen­tra­len Moment ihrer Gesell­schafts­ana­ly­se schlecht­hin machen. Sie ver­ra­ten damit fak­tisch das, was eigent­lich Aus­gangs­punkt und Ziel lin­ker Kri­tik sein soll­te, die Über­win­dung von Staat, Nati­on, Kapi­tal, Patri­ar­chat und allen ande­ren Zumu­tun­gen und Schwei­ne­rei­en, die die­se Gesell­schaft tag­täg­lich her­vor­bringt. „Kul­tu­ren“ sind weder etwas Abge­schlos­se­nes noch etwas, dass Men­schen wie natür­li­che Eigen­schaf­ten zukommt und daher nichts per se Schüt­zens­wer­tes. Wer „die Kultur(en)” schüt­zen will, begibt sich gefähr­lich nahe an ras­sis­ti­sche Denk­fi­gu­ren.

Des­halb dür­fen wir im Kampf gegen reli­giö­se Rech­te nicht die­je­ni­gen allei­ne las­sen, die – ob gewollt oder unge­wollt – in die jeweils pas­sen­den kul­tur-reli­giö­sen Kon­tex­ten ein­sor­tiert wer­den. Klar, wir als Grup­pe begeg­nen die­sen Rech­ten in unse­rem All­tag häu­fig weni­ger, ver­ste­hen vie­le Din­ge viel­leicht nicht sofort. Aber das nimmt uns nicht aus der Ver­ant­wor­tung, klar Stel­lung gegen Fein­de des guten Lebens zu bezie­hen.

In Bre­men sind Men­schen gezwun­gen, sich gegen Isla­mis­tIn­nen zur Wehr zu set­zen und tun dies bereits auch schon. Die­se Leu­te und natür­lich die Genoss*innen aus ande­ren Län­dern, die sich im Exil in Bre­men befin­den, sind des­halb für uns prak­tisch unse­re ers­ten Anknüp­fungs­punk­te und Ansprechpartner*innen beim Ver­such, eine gemein­sa­me Pra­xis gegen Isla­mis­mus in Bre­men zu ent­wi­ckeln.

Ein Aspekt die­ser Lösung besteht dar­in, Teil einer über­haupt erst wie­der zu schaf­fen­den Bewe­gung zu sein, die das Ziel hat, dass die Men­schen ihre Geschich­te selbst machen. Die­se Bewe­gung nen­nen wir Kom­mu­nis­mus. Sie müss­te die Fes­seln kul­tur-reli­giö­ser Tra­di­tio­nen, von Nati­on, Staat und Kapi­tal über­win­den wol­len. Wir machen uns kei­ne Illu­sio­nen dar­über, dass es um den Kom­mu­nis­mus als Bewe­gung der­zeit schlecht bestellt ist. Wir sind aber nicht bereit, ihn an einen „Kul­tur­kampf“ zu ver­ra­ten oder gegen­über den Geg­nern der befrei­ten Gesell­schaft zu kapi­tu­lie­ren.

Unse­re Genoss*innen von der Basis­grup­pe Anti­fa­schis­mus (BA) Bre­men haben nach län­ge­rer Dis­kus­si­on ein lesens­wer­tes “Zwi­schen­stand­pa­pier” zum Stand ihrer Debat­te zum Isla­mis­mus ver­öf­fent­licht.
Den Kampf gegen die reli­giö­se Rech­te wol­len sie in Zukunft zu einem ihrer Schwer­punk­te machen, so schrei­ben sie.


Paradise now!

Es ist mehr als nur ärger­lich: Reli­giö­se Rech­te sind immer noch eine der größ­ten, reak­tio­nä­ren Bewe­gun­gen. Dies gilt nicht nur für Bre­men, son­dern welt­weit. Wir haben uns in den letz­ten Jah­ren aber nur spo­ra­disch mit ihnen aus­ein­an­der­ge­setzt. So haben wir bei­spiel­haft bereits mehr­fach gegen christ­li­che Fun­dis beim soge­nann­ten 1000-Kreu­ze-Marsch in Müns­ter – aber auch anders­wo – pro­tes­tiert. Haben Hass­pre­di­gern wie dem Bre­mer Evan­ge­li­ka­len Olaf Lat­zel und dem Isla­mis­ten Pierre Vogel etwas ent­ge­gen­ge­setzt. All das natür­lich immer nicht allein, son­dern mit vie­len ande­ren zusam­men.
Es fehl­te uns aber bis­her eine sowohl ana­ly­ti­sche als auch poli­tisch-stra­te­gi­sche Bestim­mung die­ses Pra­xis­felds. Die­se wer­den wir nun gezielt ange­hen, damit wir nicht von Anlass zu Akti­on stol­pern, son­dern grob eine stra­te­gi­sche Rich­tung für uns bestim­men kön­nen. Das Ziel die­ser Ana­ly­se ist außer­dem, dass wir nicht jedes Mal unse­re Argu­men­te neu fin­den müs­sen. Wie wir uns all­ge­mei­ne, prak­tisch-poli­ti­sche, Reli­gi­ons­kri­tik vor­stel­len, haben wir hier nun am Bei­spiel des Isla­mis­mus auf­ge­schrie­ben. Der fol­gen­de Text ist in Fol­ge einer Ver­an­stal­tungs­rei­he von uns zum The­ma Isla­mis­mus Anfang 2019 mit dem Titel “Kein Gott. Kein Staat. Kein Kali­fat.” ent­stan­den.

Wir wer­den jetzt dar­auf auf­bau­en und den Kampf gegen die reli­giö­se Rech­te in Zukunft zu einem unse­rer Schwer­punk­te machen. Stay tun­ed.


Kein Gott, kein Staat, kein Kalifat?Zwischenstandpapier zum Stand unserer Debatte zum Islamismus

Isla­mis­ten sind Fein­de der befrei­ten Gesell­schaft – wie Nazis, Evan­ge­li­ka­le und vie­le ande­re auch – und dem gilt es etwas ent­ge­gen zu setz­ten. Und es ist kein Zufall, dass die isla­mis­ti­schen Bewe­gun­gen im Kapi­ta­lis­mus so stark sind – dies ist aber auch kein Natur­ge­setz, son­dern men­schen­ge­macht. Die­se Posi­ti­on ist nicht neu, vie­le cle­ve­re Leu­te haben das schon häu­fig erklärt. Es ist uns aber wich­tig, dass die­se Kri­tik einen Ein­zug in die Pra­xis lin­ker Struk­tu­ren nimmt und nicht immer wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwin­det, sobald Ereig­nis­se wie die welt­wei­ten isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlä­ge und Kriegs­hand­lun­gen der letz­ten Jah­re erneut aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gera­ten.

Isla­mis­mus ist kein Nischen­the­ma, son­dern seit nun fast zwei Jahr­zehn­ten eine bestim­men­de Erzäh­lung gro­ßer Tei­le der Welt­po­li­tik. Und auch in Deutsch­land, spä­tes­tens mit dem Auf­kom­men von Pegi­da und Co., wird Isla­mis­mus sowohl auf der Stra­ße als auch als Gegen­stand einer zuneh­mend repres­si­ven Innen­po­li­tik ver­han­delt. Von Sei­ten der radi­ka­len Lin­ken in Bre­men gibt es aller­dings kaum kla­re State­ments gegen Isla­mis­mus, sei­ne Inhal­te, sei­ne kon­kre­ten Erschei­nungs­for­men oder sei­ne Akteur*innen. Ras­sis­ti­sche Nationalist*innen auf der einen Sei­te und kul­tu­ra­li­sie­ren­de Libe­ra­le auf der ande­ren Sei­te bestim­men, jen­seits der Fans des Isla­mis­mus selbst, sowohl den Dis­kurs als auch das gesell­schaft­li­che Kräf­te­ver­hält­nis. Ihre jewei­li­gen Per­spek­ti­ven aber, völ­kisch-natio­na­lis­ti­scher Kapi­ta­lis­mus und „vielfältig“-pluralistischer Kapi­ta­lis­mus, sind bei­de nur zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le. Sie bei­de eint die natu­ra­li­sie­ren­de Ein­tei­lung der Men­schen nach ver­meint­li­cher Her­kunft, Kul­tur und Nati­on. Auch plu­ra­lis­ti­sche Posi­tio­nen lau­fen Gefahr, Gesell­schaft als etwas star­res zu begrei­fen und las­sen dabei außen vor, dass bei­spiels­wei­se Kul­tur nichts genu­in Schüt­zens­wer­tes ist und die­se zudem nicht auto­ma­tisch das Leben der Per­so­nen bestimmt, die in ihr sozia­li­siert wur­den. Eine drit­te Posi­ti­on, die die Ent­schei­dungs­fä­hig­keit von Indi­vi­du­en jen­seits ihrer gesell­schaft­li­chen Posi­tio­nie­run­gen berück­sich­tigt, wie sie schon die Genoss*innen der „Lin­ken Arbei­ter­kom­mu­nis­ti­schen Par­tei des Irak” und der „Arbei­ter­kom­mu­nis­ti­schen Par­tei des Iran” 2007, auch in Bre­men, ver­geb­lich als eman­zi­pa­to­ri­sche, lin­ke Alter­na­ti­ve gefor­dert hat­ten, lässt lei­der bis heu­te auf sich war­ten.

1. War­um wir jetzt und mit wel­chem Anspruch die­sen Text ver­öf­fent­li­chen

Die­ser Text bil­det den Zwi­schen­stand unse­rer Debat­ten und die Refle­xi­on unse­rer bis­her beschränk­ten Pra­xis zu die­sem The­ma ab, nicht mehr und nicht weni­ger. Er hat damit für uns einen Dop­pel­cha­rak­ter: Der Selbst­zweck liegt und lag für uns in der Pra­xis des Erstel­lens, der gemein­sa­men Dis­kus­si­on, Refle­xi­on und der Erar­bei­tung einer kol­lek­ti­ven Posi­ti­on. Der Zweck besteht für uns dar­in, unse­re inhalt­li­chen Posi­tio­nen und stra­te­gi­schen Bestim­mun­gen, die für uns dar­aus fol­gen­den Tak­ti­ken und Pra­xen für ande­re nach­voll­zieh­bar und dis­ku­tier­bar zu machen. Zudem sind ins­be­son­de­re in den letz­ten Jah­ren vie­le rele­van­te Bei­trä­ge rund um eine theo­re­ti­sche Ein­ord­nung und his­to­ri­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung des Isla­mis­mus erschie­nen, an denen wir uns bei der Arbeit an die­sem Text ori­en­tie­ren konn­ten. Unser Ziel ist es jedoch die­sen Tex­ten nicht, mit einer eige­nen Ana­ly­se nach­zu­ei­fern, son­dern statt­des­sen den Fokus auf eine not­wen­di­ger­wei­se aus­ste­hen­de Pra­xis der radi­ka­len Lin­ken zu set­zen.

Wir wen­den uns also an alle, die eben­so wie wir zwei­felnd und fra­gend auf der Suche nach einem Pra­xis­an­satz gegen Isla­mis­mus sind, der die Per­spek­ti­ve einer gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Eman­zi­pa­ti­on mit­ein­schließt – jen­seits von Kul­tu­ra­li­sie­run­gen jeg­li­cher Cou­leur. Wir wen­den uns an alle, die sich ver­un­si­chert füh­len durch mora­li­sche Ver­bo­te, Pole­mi­sie­run­gen und Zuspit­zun­gen, gera­de in der radi­ka­len Lin­ken, und des­we­gen lie­ber einen mög­lichst gro­ßen Bogen um die­ses The­ma machen, um sich nicht sel­ber zur Ziel­schei­be von Zuschrei­bun­gen zu machen. Und wir wen­den uns nicht zuletzt auch an alle, die durch die Dis­kus­sio­nen über unse­re Ver­an­stal­tun­gen im Früh­jahr 2019 auf das The­ma und auf uns auf­merk­sam gewor­den sind und die sich für unse­re Inhal­te und Metho­den inter­es­sie­ren.

2. Fra­gend schrei­ten wir vor­an – dis­ku­tier mit uns!

Im Fol­gen­den wer­den wir erst ver­su­chen, abs­trakt unse­re Metho­de – den his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus – und die von uns ver­wen­de­ten Kate­go­rien zu bestim­men und nach­voll­zieh­bar zu machen. Danach wer­den wir ver­su­chen, sie auf den Gegen­stand – den Isla­mis­mus – anzu­wen­den. Einen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhe­ben wir aber auch hier­bei natür­lich nicht. Wir haben ver­sucht, den Text so ver­ständ­lich und vor­aus­set­zungs­frei zu hal­ten wie mög­lich. Das konn­te uns natür­lich nicht gelin­gen, dafür ist das The­ma zu kom­plex. Aus Grün­den der Les­bar­keit haben wir zudem ver­sucht, uns so kurz wie mög­lich zu hal­ten. Wir freu­en uns des­we­gen über Nach­fra­gen und Ver­ständ­nis­fra­gen jeg­li­cher Art. Ger­ne tref­fen wir uns auch mit allen, die an einer wirk­li­chen inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung und Kri­tik jen­seits mora­li­scher oder iden­ti­tä­rer Anwür­fe und Zuschrei­bun­gen inter­es­siert sind. In die­sem Sin­ne hof­fen wir auch, mit die­sem Text einen kon­struk­ti­ven Bei­trag zu einer Ver­in­halt­li­chung lin­ker Debat­ten zu die­sem The­ma leis­ten zu kön­nen.

3. Weit aus­ge­holt: His­to­ri­scher Mate­ria­lis­mus als tool, um die Gesell­schaft zu ver­ste­hen

Die Metho­de, mit der wir uns die Welt, die Gesell­schaft, die Men­schen und wie sie mit­ein­an­der umge­hen, erklä­ren, ist der his­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus. Wir ver­wen­den die­se Metho­de, um die Ver­mitt­lung zwi­schen gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren und den je indi­vi­du­el­len Hand­lun­gen der Men­schen bes­ser zu ver­ste­hen. Dabei ist es zunächst wich­tig, zu bestim­men, wie ein­zel­ne indi­vi­du­el­le Hand­lun­gen all­ge­mein wer­den kön­nen und schließ­lich zu einer objek­tiv bestimm­ba­ren gesell­schaft­li­chen Form wer­den. Mit For­men mei­nen wir Hand­lun­gen die von Men­schen, zum Bei­spiel in einer kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaft ganz selbst­ver­ständ­lich und all­täg­lich voll­zo­gen wer­den. Wir gehen zum Bei­spiel in den Super­markt und bezah­len dort ganz selbst­ver­ständ­lich mit Geld die Lebens­mit­tel, die wir zum Leben brau­chen.

Dass die Gesell­schaft so struk­tu­riert ist wie sie ist, ist weder ein natur­wüch­si­ger Pro­zess oder eine „Wesens­ei­gen­schaft“ des Men­schen an sich. Viel­mehr wur­den Men­schen in bereits bestehen­de gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren hin­ein­ge­bo­ren, haben sich, indem sie Ver­hal­tens­wei­sen gelernt haben, dort ori­en­tiert und muss­ten, um in die­sen Ver­hält­nis­sen leben zu kön­nen, Struk­tu­ren wei­ter (re)produzieren. Dabei sind sie durch die­se nicht völ­lig bestimmt. In ihnen haben sie (zum Glück) einen frei­en Wil­len.

Gesell­schaft gibt es in unse­rem Ver­ständ­nis nicht abs­trakt, son­dern immer nur kon­kret, denn sie ist nicht geschichts­los vom Him­mel gefal­len. Die Gesell­schaft wird geprägt von mensch­li­chen Hand­lun­gen – inklu­si­ve der jahr­hun­der­te­lan­gen Kämp­fe zahl­lo­ser Genoss*innen um Befrei­ung sowie der Rück­schlä­ge durch Staat, Kapi­tal und reak­tio­nä­re Kräf­te. Sie ist dem­entspre­chend auch wie­der ver­än­der­bar – die sozia­len Kämp­fe und das Rin­gen um gesell­schaft­li­che Macht fin­den wei­ter­hin statt, hier und heu­te.

Unab­hän­gig von den jewei­li­gen sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mun­gen und Erfah­run­gen der Ein­zel­per­son gibt es den objek­ti­ven gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang, gebil­det durch und als Resul­tat aller sub­jek­ti­ven Hand­lun­gen. Wenn wir zum Bei­spiel sagen, dass die­se Gesell­schaft eine Klas­sen­ge­sell­schaft ist, in der alle durch den Staat und sein Gewalt­mo­no­pol gezwun­gen sind, das Eigen­tum als ein­zi­ges Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen zu wäh­len, dann mei­nen wir damit, dass dies objek­tiv so ist. Dass die sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen und Wahr­neh­mun­gen dem ent­ge­gen­ste­hen kön­nen – „beim Ein­kauf im Super­markt zwingt mich doch nie­mand, zu bezah­len, ich mach das doch „frei­wil­lig“ – steht unse­rer Auf­fas­sung nach dazu nicht im Wider­spruch, ganz im Gegen­teil. Ohne die­se sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen und Wahr­neh­mun­gen wür­de das Gan­ze nicht so weit­ge­hend rei­bungs­los funk­tio­nie­ren. Sonst müss­te der Staat bei REWE in jedem Gang Bul­len auf­stel­len. Nicht bewusst, aber mit Bewusst­sein „machen“ die Men­schen also all­täg­lich mit ihrem Han­deln die­se Gesell­schaft und (re)produzieren ihre objek­ti­ven Struk­tu­ren. Ver­än­dern lässt sich eine Gesell­schaft aber nicht von „außen“ – zumal sie ja all­um­fas­send ist, es also für keine*n von uns ein „Außen“ geben kann – son­dern nur durch die Men­schen in ihr selbst. Um die objek­ti­ven Umstän­de aber ziel­ge­rich­tet ver­än­dern zu kön­nen, müs­sen sie erst ein­mal erkannt wer­den. Ein Teil die­ser objek­ti­ven Umstän­de sind immer auch die ver­schie­de­nen Sub­jek­ti­vi­tä­ten und Erfah­run­gen der Men­schen, die in die­sen Umstän­den han­deln und ihnen Bedeu­tun­gen zuwei­sen. Wol­len wir also die Ver­mitt­lung zwi­schen gesell­schaft­li­cher Struk­tur und indi­vi­du­el­lem Han­deln bes­ser ver­ste­hen – immer mit dem Ziel, eine bes­se­re Pra­xis der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung ent­wi­ckeln zu kön­nen – kom­men wir nicht umhin, bei­des in unse­re Ana­ly­se mit ein­zu­be­zie­hen.

4. Isla­mis­mus­kri­tik in einer ras­sis­ti­schen Gesell­schaft

Vie­le poli­ti­sche Akteur*innen ver­wen­den den Begriff „Isla­mis­mus“. Eine ein­heit­li­che, über­grei­fen­de Defi­ni­ti­on gibt es aber nicht. Wir sel­ber kön­nen kei­ne gro­ße Debat­te über Begriffs­her­kunft und Ver­wen­dung des Begriffs füh­ren. Er ist für uns ein Werk­zeug, um ein Phä­no­men zu ver­ste­hen. Uns ist bewusst, dass er von ande­ren Akteur*innen, die deut­lich dis­kurs­mäch­ti­ger sind als wir (zum Bei­spiel die poli­ti­sche Rech­te), auch ver­wen­det wird. Das Pro­blem unse­rer Dis­kur­sohn­macht bekom­men wir aber nicht über die Ver­wen­dung ande­rer, neu­er Begrif­fe gelöst. Dis­kurs­macht oder Dis­kur­sohn­macht stellt sich nicht über Begrif­fe her. Sie sind das Resul­tat gesell­schaft­li­cher Kräf­te­ver­hält­nis­se. Die Dis­kurs­macht der Rech­ten wer­den wir des­halb nicht mit ande­ren Begrif­fen zurück­drän­gen – auch wenn es im Umkehr­schluss nicht heißt, dass wir uns vor ihren dis­kur­si­ven Kar­ren span­nen las­sen wol­len. Wir müs­sen aber fest­stel­len, dass der Dis­kurs geprägt ist durch Ras­sis­mus, der dazu führt, dass Men­schen nicht als Indi­vi­du­en in ihren kon­kre­ten sozia­len Lagen und Posi­tio­nie­run­gen gese­hen wer­den, son­dern ihnen auf­grund der (zuge­schrie­be­nen) Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit sozia­le, kul­tu­rel­le und eth­ni­sche Eigen­schaf­ten unter­stellt wer­den. Doch nicht nur inner­halb rech­ter Dis­kur­se las­sen sich kul­tu­ra­li­sie­ren­de Posi­tio­nen fin­den. Auch libe­ra­le Strö­mun­gen han­tie­ren oft­mals mit einer Essen­tia­li­sie­rung von „den Muslim*innen“ bezie­hungs­wei­se Men­schen, die sie für Muslim*innen hal­ten. Dies kann sogar zu einer posi­tiv gewen­de­ten Repro­duk­ti­on ras­si­fi­zie­ren­der Zuschrei­bun­gen füh­ren.

Wir sind der Auf­fas­sung, dass das Phä­no­men Isla­mis­mus nur in Zusam­men­hang mit und aus der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schafts­struk­tur her­aus ver­stan­den wer­den kann. Die für uns span­nen­de Fra­ge ist, wie es dazu kommt, dass sich Men­schen dafür ent­schei­den, sich in Syri­en dem IS oder in Bre­men-Blu­men­thal Sala­fis­tIn­nen à la Pierre Vogel anzu­schlie­ßen – trotz krass unter­schied­li­cher Bedin­gun­gen vor Ort. Aller­dings: Wäh­rend wir noch dar­über phi­lo­so­phie­ren und strei­ten, ob man welt­weit die glei­chen Erkennt­nis­ka­te­go­rien anwen­den kann, tun das die Isla­mis­tIn­nen bereits ganz prak­tisch.

5. Kul­tur-reli­giö­se Kon­tex­te wir­ken gesell­schaft­lich – jen­seits von indi­vi­du­el­lem Glau­ben

Für uns stellt sich die Fra­ge, in wel­chen his­to­risch gewach­se­nen Kon­tex­ten Men­schen auf­wach­sen, sozia­li­siert wer­den und vor wel­chen Hin­ter­grün­den sie ihre sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen mit Bedeu­tun­gen fül­len. In ihrer Sozia­li­sie­rung wer­den Men­schen nicht nur in der Fami­lie und im Schul­sys­tem zu nütz­li­chen Mit­glie­dern im Kapi­ta­lis­mus erzo­gen, son­dern auch „kul­tur-reli­gi­ös“ geprägt; auch wenn sie nicht in einem gläu­bi­gen Umfeld auf­wach­sen. Durch eine spe­zi­fi­sche his­to­ri­sche Ent­wick­lung, die immer auch hät­te anders sein kön­nen, exis­tie­ren auf der Welt unter­schied­lichs­te kul­tu­rell-reli­giö­se Kon­tex­te. Das heißt, Men­schen erle­ben und erfah­ren eine bestimm­te kul­tu­rel­le Pra­xis und Zuge­hö­rig­keit, je nach dem in wel­chem Kon­text sie auf­wach­sen. Das muss jedoch noch nicht hei­ßen, dass sie eine bestimm­te Reli­gi­on auch prak­ti­zie­ren. So fei­ert zum Bei­spiel in der BRD der Groß­teil der kul­tur-reli­gi­ös christ­lich sozia­li­sier­ten Men­schen Weih­nach­ten. Oder in Anti­ab­trei­bungs­ge­set­zen fin­den sich kul­tur-reli­gi­ös christ­li­che Ver­satz­stü­cke. Aber nur die wenigs­ten Leu­te gehen auch regel­mä­ßig zur Kir­che. Die­se kul­tur-reli­giö­se Pra­xis der gesell­schaft­li­chen Mehr­heit ist nicht vom Him­mel gefal­len, son­dern Resul­tat poli­ti­schen Han­delns. Dabei ist uns bewusst, dass die­se Sor­te kul­tur-reli­giö­ser, christ­li­cher Prä­gung für Deutsch­land für das Gebiet der ehe­ma­li­gen DDR nur ein­ge­schränkt gilt. Dort ver­brei­te kul­tu­rel­le Pra­xen wie die Jugend­wei­he sind aller­dings trotz­dem Resul­tat der his­to­risch christ­li­chen Prä­gung.

6. Gemein­sam in der Dif­fe­renz – Der Kapi­ta­lis­mus als welt­wei­tes Aus­beu­tungs- und Herr­schafts­ver­hält­nis

Schein­bar ken­nen die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten, Men­schen welt­weit in elen­di­gen Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen zu knech­ten, kaum eine Gren­ze. Bei­spie­le hier­für las­sen sich vie­le nen­nen: Von Textilarbeiter*innen in den Phil­ip­pi­nen, skla­ven­ar­ti­gen Lohn­ar­beits­be­din­gun­gen in Bra­si­li­en, Hausarbeitssklav*innen in vie­len Staa­ten der ara­bi­schen Halb­in­sel, den elen­den Arbeits­be­din­gun­gen in den Staa­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on…. Die­se Lis­te lie­ße sich wohl belie­big fort­set­zen. Und auch hier­zu­lan­de, trotz fast 150 Jah­re Sozi­al­staat und DGB-Gewerk­schaf­ten, herrscht nicht eitel Son­nen­schein. Wer es nicht glaubt, dem sei ein Abste­cher ins Hoch­re­gal­la­ger von Tschi­bo in Bre­men-Strom oder zum „Arbei­ter­stra­ßen­strich“ in Bre­men-Grö­pe­lin­gen und ‑Oslebs­hau­sen emp­foh­len.
Bei allen Unter­schie­den zwi­schen den genann­ten Bei­spie­len, allen ist gemein, dass sie an der­sel­ben Ursa­che lei­den, am kapi­ta­lis­tisch-patri­ar­cha­len Welt­zu­sam­men­hang. His­to­risch betrach­tet ist die­ser spä­tes­tens mit dem Ein­set­zen des Impe­ria­lis­mus welt­weit durch­ge­setzt. Jedoch drückt sich der Kapi­ta­lis­mus lokal unter­schied­lich aus und steht auch nicht im Wider­spruch zu ande­ren, „älte­ren“ tra­dier­ten For­men des Wirt­schaf­tens, wenn die­se nicht im Wider­spruch zur kapi­ta­lis­ti­schen Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on ste­hen. Eine kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se liegt vor, sobald sie den Zweck des Staa­tes und damit der Gesell­schaft bestimmt.
In den ehe­ma­li­gen Kolo­nien und ähn­lich beherrsch­ten Regio­nen neh­men die kapi­ta­lis­ti­schen Zumu­tun­gen ganz ande­re For­men der Exis­tenz­be­dro­hung an als bei­spiels­wei­se in der BRD. Das bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­sche Glücks­ver­spre­chen dage­gen gilt glo­bal: Frei­heit, Gleich­heit, Soli­da­ri­tät und es mit genü­gend Wil­lens­kraft „vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lio­när“ schaf­fen zu kön­nen. In den Län­dern außer­halb des glo­ba­len Wes­tens wird dage­gen beson­ders dra­ma­tisch deut­lich, dass die­ses Glücks­ver­spre­chen vor allem nur für eine Klas­se ein­ge­löst wer­den kann – und die ist dort auch quan­ti­ta­tiv beson­ders klein. Im glo­ba­len Wes­ten – in Fol­ge der welt­wei­ten Pro­duk­ti­ons- und Herr­schafts­ver­hält­nis­se – rea­li­siert es sich dage­gen für mehr Men­schen.

Es ist also die­ser kapi­ta­lis­tisch-patri­ar­cha­le Zusam­men­hang, die all­täg­li­chen Lebens­um­stän­de, der welt­weit Leu­te dazu bringt, sich zusam­men­zu­schlie­ßen, um ihre Umstän­de ver­än­dern zu kön­nen. Des­we­gen ent­wi­ckeln sich über­all auf der Welt auch Bewe­gun­gen wie bei­spiels­wei­se unter­schied­lichs­te Arbeiter*innenbewegungen oder femi­nis­ti­sche Zusam­men­schlüs­se. Die jewei­li­gen Gegen­be­we­gun­gen äußern sich auf­grund der unter­schied­li­chen loka­len Umstän­de immer ver­schie­den und wäh­len dafür die For­men und Mit­tel, die sie vor Ort vor­fin­den: Bio­gra­fisch, kul­tu­rell, his­to­risch.

7. Der „lan­ge Arm“ der Geschich­te

Spä­tes­tens seit 1991, mit dem Ende der Sowjet­uni­on, sind welt­weit lin­ke Bewe­gun­gen, egal ob sie sie sich posi­tiv auf den Staats­so­zia­lis­mus bezo­gen haben oder nicht, in die Defen­si­ve gera­ten und mas­siv dis­kre­di­tiert. Die­se his­to­ri­sche Dis­kre­di­tie­rung schließt all­ge­mein jeg­li­che lin­ken, eman­zi­pa­to­ri­schen Gesell­schafts­ver­än­de­rungs­stra­te­gien ein und mar­kiert den Anfang der welt­wei­ten Erzäh­lung vom alter­na­tiv­lo­sen „Ende der Geschich­te“.
Die­ses „Ende der Geschich­te“ ist aber auch der Auf­takt für den welt­wei­ten Auf­schwung des Isla­mis­mus. In einer Welt, in der es wei­ter­hin nötig ist, sich gegen ihre Zumu­tun­gen zur Wehr zu set­zen und ohne eine lin­ke, eman­zi­pa­to­ri­sche Alter­na­ti­ve, ist Isla­mis­mus eine mög­li­che Opti­on. Gera­de in den mehr­heit­lich ara­bisch­spra­chi­gen Staa­ten Nord­afri­kas und des „Nahen Ostens“ wur­de dies noch ver­stärkt durch die beson­de­re Per­spek­tiv­lo­sig­keit der dor­ti­gen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en und Bewe­gun­gen. Meist gebun­den und ein Spiel­ball der sowje­ti­schen Außen­po­li­tik, hat­ten sie sich ent­we­der oft schon weit vor 1991 selbst dis­kre­di­tiert (die Erge­ben­heit der Syri­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (KP) für Assad bis heu­te steht dafür bei­spiel­haft) oder wur­den von Mos­kau wie vie­le tau­send Genoss*innen der KP des Irak den Win­kel­zü­gen der Außen­po­li­tik der UdSSR geop­fert.

Gleich­zei­tig zeigt aber auch das Bei­spiel der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei im Nord-Sudan und ihrer beson­de­ren Rol­le in den Pro­tes­ten Anfang 2019, dass es sich hier­bei nicht um his­to­ri­sche Not­wen­dig­kei­ten han­delt. Auch die Pro­tes­te in Ägyp­ten, die zum Sturz des Muba­rak-Regimes im „Ara­bi­schen Früh­ling“ und die wich­ti­ge Rol­le sowohl lin­ker Ultras als auch Gewerk­schaf­ten hier­in zei­gen die Mög­lich­keits­fens­ter die­ser Bewe­gun­gen.

8. Der Isla­mis­mus: Uni­ver­sa­lis­tisch reak­tio­när

Dem Isla­mis­mus dage­gen ist es gelun­gen an vie­len Orten den berech­tig­ten Wider­stand der Men­schen gegen ihre lebens­feind­li­chen sozia­len Umstän­de mit­tels der jeweils vor­ge­fun­de­nen sozi­al-kul­tu­rel­len For­men, also dem Islam in sei­nen jewei­li­gen Aus­prä­gun­gen, in sei­nem Sin­ne zu poli­ti­sie­ren. Der Isla­mis­mus ist aber kei­ne „Poli­ti­sie­rung” einer vor­mals „unpo­li­ti­schen” Reli­gi­on, wie es manch­mal dar­ge­stellt wird. Reli­gio­nen sind immer poli­tisch. Reli­gi­on ist der Ver­such, sich das eige­ne Leben samt sei­nen sozia­len Umstän­den ver­ständ­lich, Ängs­te und Schmerz aus­halt­bar zu machen und der eige­nen Exis­tenz end­lich einen Sinn zu geben. War­um gibt es so viel Armut und Elend, war­um sind die Welt und mein Leben so wie sie sind? Die Reli­gi­on hat auf all die­se Fra­gen nur fal­sche Ant­wor­ten. Sie erkennt die Welt, die Gesell­schaft und unse­re aller Leben nicht als men­schen­ge­macht. Statt­des­sen behaup­tet sie als Ursa­che und Zweck für alles eine „höhe­re Macht”. Mensch­li­ches Han­deln hat sich in der Reli­gi­on also nach dem gött­li­chen Wort zu rich­ten. Hier­in liegt der prin­zi­pi­ell poli­ti­sche Cha­rak­ter jeder Reli­gi­on und hier­in unter­schei­det sich der Islam auch nicht vom Chris­ten­tum, dem Bud­dhis­mus oder dem Glau­ben an Engel und Tarot­kar­ten.
Die Beson­der­heit des Isla­mis­mus besteht in der mas­sen­mör­de­ri­schen Kon­se­quenz, mit der er ver­sucht, sein poli­ti­sches Pro­gramm, sei­ne Vor­stel­lung von Gesell­schaft durch­zu­set­zen. Des­halb müs­sen für den Isla­mis­mus auch poli­ti­sche und reli­giö­se Macht in einer Hand lie­gen. Sei­ne Attrak­ti­vi­tät resul­tiert viel­leicht des­halb auch genau dar­aus: Nicht nur zu quat­schen, son­dern auch mit selbst­mör­de­ri­schem Ein­satz alles dar­an zu set­zen, den Vor­stel­lun­gen der höhe­ren Macht zu ent­spre­chen. Er ist so eine mög­li­che Ant­wort auf die Ent­täu­schun­gen an der kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne und ihrem Glücks­ver­spre­chen und ein Orga­ni­sie­rungs­an­ge­bot. Bei allen kras­sen Unter­schie­den in den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen rea­li­siert sich der Uni­ver­sa­lis­mus des Isla­mis­mus prak­tisch: Unter einem isla­mi­schen Label fin­det Mobi­li­zing und Orga­ni­zing statt: Isla­mis­mus bie­tet auch Men­schen, die auf­grund ihrer Klas­sen­la­ge an den Rand der Gesell­schaft gedrängt wer­den, sozia­le Räu­me und einen gemein­sa­men (wenn auch reak­tio­nä­ren) poli­ti­schen Zweck – die reli­giö­se Gemein­schaft tat­säch­lich prak­tisch umzu­set­zen.

9. Kul­tur und Reli­gi­on sind nichts per se Schüt­zens­wer­tes

Struk­tu­rell unter­schei­det sich damit der Isla­mis­mus nicht viel zum Bei­spiel von Evan­ge­li­ka­len und ihren Mili­zen in Nige­ria, ihrer Ver­floch­ten­heit mit dem Staats­ap­pa­rat in Bra­si­li­en oder ihren sozi­al­po­li­ti­schen Orga­ni­sie­rungs­ver­su­chen in Bre­men-Blu­men­thal im Rah­men eines „Sozi­al­werks“. Wei­te­re Bei­spie­le hier­für lie­ßen sich noch an vie­len Orten der Welt auf­zei­gen. Reli­giö­se Rech­te fal­len nicht vom Him­mel. Als Bewe­gun­gen ent­ste­hen sie nicht aus sich selbst her­aus, son­dern haben mate­ri­el­le Ursa­chen: Die sozia­len Kämp­fe, die wir alle täg­lich füh­ren müs­sen. Für alle, die die­se Kämp­fe reak­tio­när wen­den wol­len, ist ein Griff in die Spuk­kis­te der Reli­gio­nen seit Lan­gem ein trau­ri­ges Erfolgs­re­zept – egal ob es dabei kon­kret um Hin­du­fa­schis­mus, Isla­mis­mus, Evan­ge­li­ka­le oder fun­da­men­ta­lis­ti­schen Katho­li­zis­mus geht.

Men­schen, die mit einer bestimm­ten kul­tur-reli­giö­sen Zuge­hö­rig­keit auf­ge­wach­sen sind und an den Zumu­tun­gen des Kapi­ta­lis­mus lei­den, haben vie­le Mög­lich­kei­ten, sich zu ihrer objek­ti­ven Posi­ti­on in der Gesell­schaft zu ver­hal­ten. Sie kön­nen Atheist*innen wer­den, oder Lin­ke, sie kön­nen kul­tur-reli­gi­ös blei­ben oder streng gläu­big wer­den ohne poli­ti­sche Pra­xis, oder mit poli­ti­scher Pra­xis wie im Fal­le des Isla­mis­mus.
Unser Gegen­pro­gramm gegen den Isla­mis­mus sind gemein­sa­me sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, soli­da­ri­sche und femi­nis­ti­sche Kämp­fe. Wenn wir uns zusam­men­tun, weil wir gemein­sam für gesell­schaft­li­che Befrei­ung strei­ten, Empa­thie für ein­an­der zulas­sen und prak­ti­sche Soli­da­ri­tät erpro­ben, braucht es auch kei­nen Isla­mis­mus, kei­nen star­ken Staat mit Ver­bo­ten und kein „Bewah­ren von Kul­tu­ren“ mehr, um uns einen Hoff­nungs­schim­mer in die­sen elen­di­gen Ver­hält­nis­sen zu bie­ten.

10. Fazit: Hea­ven is a place on earth

Kommunist*innen soll­ten das Pro­blem Isla­mis­mus weder abtun, noch mit den west­li­chen Nationalist*innen in ein Horn sto­ßen, indem sie „den Islam“ zum Feind erklä­ren, son­dern den Isla­mis­mus als glo­ba­le rech­te Bewe­gung und als Geg­ner ernst neh­men.
Dabei lie­gen jene Lin­ke falsch, die kul­tur-reli­giö­se Kon­tex­te nicht nur in ihre Ana­ly­se ein­be­zie­hen, son­dern zum zen­tra­len Moment ihrer Gesell­schafts­ana­ly­se schlecht­hin machen. Sie ver­ra­ten damit fak­tisch das, was eigent­lich Aus­gangs­punkt und Ziel lin­ker Kri­tik sein soll­te, die Über­win­dung von Staat, Nati­on, Kapi­tal, Patri­ar­chat und allen ande­ren Zumu­tun­gen und Schwei­ne­rei­en, die die­se Gesell­schaft tag­täg­lich her­vor­bringt. „Kul­tu­ren“ sind weder etwas Abge­schlos­se­nes noch etwas, dass Men­schen wie natür­li­che Eigen­schaf­ten zukommt und daher nichts per se Schüt­zens­wer­tes. Wer „die Kultur(en)” schüt­zen will, begibt sich gefähr­lich nahe an ras­sis­ti­sche Denk­fi­gu­ren.

Des­halb dür­fen wir im Kampf gegen reli­giö­se Rech­te nicht die­je­ni­gen allei­ne las­sen, die – ob gewollt oder unge­wollt – in die jeweils pas­sen­den kul­tur-reli­giö­sen Kon­tex­ten ein­sor­tiert wer­den. Klar, wir als Grup­pe begeg­nen die­sen Rech­ten in unse­rem All­tag häu­fig weni­ger, ver­ste­hen vie­le Din­ge viel­leicht nicht sofort. Aber das nimmt uns nicht aus der Ver­ant­wor­tung, klar Stel­lung gegen Fein­de des guten Lebens zu bezie­hen.

In Bre­men sind Men­schen gezwun­gen, sich gegen Isla­mis­tIn­nen zur Wehr zu set­zen und tun dies bereits auch schon. Die­se Leu­te und natür­lich die Genoss*innen aus ande­ren Län­dern, die sich im Exil in Bre­men befin­den, sind des­halb für uns prak­tisch unse­re ers­ten Anknüp­fungs­punk­te und Ansprechpartner*innen beim Ver­such, eine gemein­sa­me Pra­xis gegen Isla­mis­mus in Bre­men zu ent­wi­ckeln.

Ein Aspekt die­ser Lösung besteht dar­in, Teil einer über­haupt erst wie­der zu schaf­fen­den Bewe­gung zu sein, die das Ziel hat, dass die Men­schen ihre Geschich­te selbst machen. Die­se Bewe­gung nen­nen wir Kom­mu­nis­mus. Sie müss­te die Fes­seln kul­tur-reli­giö­ser Tra­di­tio­nen, von Nati­on, Staat und Kapi­tal über­win­den wol­len. Wir machen uns kei­ne Illu­sio­nen dar­über, dass es um den Kom­mu­nis­mus als Bewe­gung der­zeit schlecht bestellt ist. Wir sind aber nicht bereit, ihn an einen „Kul­tur­kampf“ zu ver­ra­ten oder gegen­über den Geg­nern der befrei­ten Gesell­schaft zu kapi­tu­lie­ren.