[gfp:] Global Britain und die EU

Kampagne gegen AstraZeneca

Für hef­ti­gen Unmut sorgt im Ver­ei­nig­ten König­reich zum einen die anhal­ten­de Kam­pa­gne in der EU gegen den Impf­stoff von Astra­Ze­ne­ca (Haupt­sitz: Cam­bridge). Die Uni­on und meh­re­re Mit­glied­staa­ten, nicht zuletzt Deutsch­land, haben den Kon­zern wegen Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen scharf atta­ckiert, die Nut­zung des Vak­zins zunächst mit einer Alters­be­schrän­kung ver­se­hen sowie sei­ne – im Ver­gleich zum Bio­N­Tech/P­fi­zer-Vak­zin (Deutschland/​USA) – etwas gerin­ge­re Wirk­sam­keit regel­mä­ßig abwer­tend betont; jüngst kam ein Impf­stopp wegen Unklar­hei­ten bei meh­re­ren Fäl­len von Blut­ge­rinn­seln nach der Imp­fung hin­zu. Die EU-Beschwer­den lösen in Groß­bri­tan­ni­en umso mehr Ärger aus, als auch ande­re Impf­stof­fe (BioNTech/​Pfizer, Moder­na oder John­son & John­son) immer wie­der mit Ver­spä­tung aus­ge­lie­fert wer­den und Neben­wir­kun­gen – auch Blut­ge­rinn­sel – teil­wei­se mit Todes­fol­ge her­vor­ru­fen, ohne dass dies zu ver­gleich­ba­ren Atta­cken führt; die Alters­be­schrän­kung für das Astra­Ze­ne­ca-Vak­zin muss­te nach einer Wei­le klein­laut auf­ge­ho­ben wer­den. Den­noch hat die EU-Kam­pa­gne den Ruf des bri­ti­schen Impf­stoffs, der – nicht zuletzt von der WHO emp­foh­len – vom Serum Insti­tu­te of India (SII) in Lizenz auch für vie­le ärme­re Län­der pro­du­ziert wird, gra­vie­rend beschä­digt.

Ins Außenministerium einbestellt

Die Span­nun­gen ver­schärft hat die EU zum ande­ren dadurch, dass sie mitt­ler­wei­le – ein Ver­such, von ihrem Ver­sa­gen bei der Beschaf­fung von Impf­stof­fen abzu­len­ken – zu Export­stopps über­geht; im Zen­trum ste­hen erneut Astra­Ze­ne­ca und Groß­bri­tan­ni­en. Bereits der ers­te Fall vom 4. März hat für inter­na­tio­na­le Pro­tes­te gesorgt: Ita­li­en hat­te in Abspra­che mit der EU-Kom­mis­si­on den Export von 250.000 Astra­Ze­ne­ca-Impf­do­sen, die in Ana­gni süd­öst­lich von Rom abge­füllt wur­den, nach Aus­tra­li­en unter­sagt – mit der Begrün­dung, die EU benö­ti­ge das Vak­zin selbst (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [1]). Tat­säch­lich lie­gen aktu­ell, weil die EU-Kam­pa­gne gegen Astra­Ze­ne­ca die Akzep­tanz für den Impf­stoff in der Bevöl­ke­rung beträcht­lich redu­ziert hat, EU-weit knapp acht Mil­lio­nen Dosen unge­nutzt in den Lagern.[2] Die jüngs­te Dro­hung von Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en, Impf­stoff­ex­por­te nach Groß­bri­tan­ni­en zu ver­bie­ten, hat Außen­mi­nis­ter Domi­nic Raab mit der Äuße­rung kom­men­tiert, man ken­ne „die­se Art gewag­te Poli­tik“ eigent­lich von „Län­dern mit weni­ger demo­kra­ti­schen Regimes“.[3] Raab hat­te schon zuvor wegen der in der EU pene­trant wie­der­hol­ten Falsch­be­haup­tung, Lon­don habe sei­ner­seits ein Vak­zinex­port­ver­bot ver­hängt, den Bot­schaf­ter der EU in Groß­bri­tan­ni­en ins Außen­mi­nis­te­ri­um einbestellt.[4]

Streit um Nordirland

Haben die Atta­cken aus der EU auf Astra­Ze­ne­ca und auf die bri­ti­sche Impf­kam­pa­gne sogar in bis­lang EU-loya­len „Remain“-Milieus für Ent­set­zen und Empö­rung gesorgt und die Posi­ti­on der Uni­on in Groß­bri­tan­ni­en geschwächt, so bringt jetzt der Streit um die Belie­fe­rung Nord­ir­lands mit bri­ti­schen Waren wei­te­re Span­nun­gen mit sich. Hin­ter­grund ist, dass laut dem Bre­x­it-Abkom­men eini­ge Regeln des EU-Bin­nen­markts in Nord­ir­land wei­ter­hin gel­ten; da dies in Groß­bri­tan­ni­en seit dem Aus­tritt aus der Uni­on nicht mehr der Fall ist, müs­sen Waren, die von dort nach Nord­ir­land gelie­fert wer­den, auf Kon­for­mi­tät mit die­sen Regeln geprüft wer­den. Dies bringt ins­be­son­de­re bei der Lie­fe­rung von Lebens­mit­teln erheb­li­che prak­ti­sche Pro­ble­me mit sich, wes­halb Lon­don, weil Gesprä­che mit Brüs­sel bis­lang noch kei­ne Lösung erbracht haben, eine Ende März ablau­fen­de Über­gangs­frist nun bis Ende Sep­tem­ber ver­län­gert hat, um lee­re Super­markt­re­ga­le zu ver­hin­dern. Die EU betrach­tet dies als Bruch des Bre­x­it-Ver­trags – und hat ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren beim Euro­päi­schen Gerichts­hof ein­ge­lei­tet; Maroš Šefčo­vič, Vize­prä­si­dent der EU-Kom­mis­si­on, beschwert sich, Lon­don „[unter­gra­be] das Ver­trau­en zwi­schen uns“.[5] Aller­dings sind Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren in der EU nicht unüb­lich; Mit­te 2020 etwa lie­fen 81 allein gegen die Bundesrepublik.[6]

Wachstumsregion Asien-Pazifik

Par­al­lel zur Zunah­me der poli­ti­schen Span­nun­gen wer­den die wirt­schaft­li­chen Bin­dun­gen Groß­bri­tan­ni­ens an die EU schwä­cher. Dabei han­delt es sich offen­kun­dig um einen lang­fris­ti­gen Trend. So geht der Anteil der EU-27 am bri­ti­schen Waren- und Dienst­leis­tungs­ex­port bereits seit 2002, als er mit 54,9 Pro­zent den his­to­ri­schen Höchst­wert erreich­te, zurück: Im Vor­kri­sen­jahr 2019 lag er nur noch bei 42,6 Pro­zent. Auch der Anteil der EU-27 an den bri­ti­schen Impor­ten sinkt auf lan­ge Sicht; seit Errei­chen sei­nes Maxi­mal­werts mit 58,4 Pro­zent im Jahr 2002 ist er ste­tig gefal­len und erreich­te im Jahr 2019 51,8 Pro­zent. Umge­kehrt gewinnt zugleich der Han­del mit Nicht-EU-Staa­ten für das Ver­ei­nig­te König­reich immer mehr an Bedeu­tung – eine Ten­denz, die Tei­le der bri­ti­schen Eli­ten für den Bre­x­it ein­nahm und nun noch stär­ker wer­den dürf­te: Lon­don hat in den ver­gan­ge­nen Mona­ten Frei­han­dels­ab­kom­men mit Japan sowie mit meh­re­ren Staa­ten Süd­ost­asi­ens geschlos­sen, strebt ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit Indi­en an und will sich künf­tig noch stär­ker auf die Asi­en-Pazi­fik-Regi­on fokus­sie­ren, die bereits die Regi­on mit dem größ­ten Anteil (35 Pro­zent) an der Welt­wirt­schafts­leis­tung ist und zudem öko­no­misch am schnells­ten wächst.

Bröckelnder Absatzmarkt

Dass die Bedeu­tung der EU für die bri­ti­sche Wirt­schaft lang­fris­tig schrumpft, trifft vor allem die deut­sche Indus­trie, den mit Abstand größ­ten Lie­fe­ran­ten Groß­bri­tan­ni­ens auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent. War das Ver­ei­nig­te König­reich im Vor-Bre­x­it-Jahr 2015 noch der dritt­größ­te Abneh­mer deut­scher Expor­te nach den USA und Frank­reich (mit einem Volu­men von 89,2 Mil­li­ar­den Euro), so belie­fen sich die deut­schen Aus­fuh­ren auf die bri­ti­schen Inseln bereits 2019, im Jahr vor der Coro­na­kri­se, auf nur noch knapp 79 Mil­li­ar­den Euro – zehn Mil­li­ar­den weni­ger, obwohl die deut­schen Expor­te ins­ge­samt im sel­ben Zeit­raum deut­lich gestie­gen waren. Der Rück­gang ist nur zum Teil durch die Abwer­tung des Pfunds gegen­über dem Euro bedingt. Für die­sen Janu­ar, den ers­ten Monat, in dem das Post-Bre­x­it-Frei­han­dels­ab­kom­men zwi­schen der EU und Groß­bri­tan­ni­en ange­wandt wird, mel­de­te das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt einen dra­ma­ti­schen Ein­bruch der deut­schen Expor­te in das Ver­ei­nig­te König­reich um 29,0 Pro­zent und der Impor­te um sogar 56,2 Pro­zent gegen­über Janu­ar 2020.[7] Zwar geht ein Teil auf die Coro­na­kri­se und Umstel­lungs­pro­ble­me nach dem Aus­lau­fen der Bre­x­it-Über­gangs­re­ge­lun­gen zurück; doch kam kürz­lich eine an der Lon­don School of Eco­no­mics (LSE) erstell­te Unter­su­chung zu dem Resul­tat, der Han­del der EU mit Groß­bri­tan­ni­en kön­ne bis 2030 um ein Drit­tel schrumpfen.[8]

Schwenk zum „Indo-Pazifik“

Groß­bri­tan­ni­ens öko­no­mi­sche Umori­en­tie­rung geht mit einem poli­ti­schen Para­dig­men­wech­sel ein­her, den ein am Diens­tag von Pre­mier­mi­nis­ter Boris John­son prä­sen­tier­tes Stra­te­gie­pa­pier näher skiz­ziert. Das Papier („Glo­bal Bri­tain in a com­pe­ti­ti­ve age“), das im Lauf des ver­gan­ge­nen Jah­res erar­bei­tet wor­den ist, sieht ins­be­son­de­re einen Schwenk der bri­ti­schen Außen­po­li­tik zur „Indo-Pazifik“-Region vor, die Lon­don als neu­es Zen­trum der Welt­po­li­tik begreift. Es gel­te enger mit den pro­west­li­chen Staa­ten dort zu koope­rie­ren, heißt es in dem Doku­ment – nicht zuletzt mit Blick auf den Macht­kampf des Wes­tens gegen Chi­na. Dazu soll mas­siv auf­ge­rüs­tet wer­den, ins­be­son­de­re die Marine.[9] Exper­ten dis­ku­tie­ren bereits, wie sich Groß­bri­tan­ni­ens Schwenk nach Asi­en auf die außen- und mili­tär­po­li­ti­sche Koope­ra­ti­on mit der EU aus­wir­ken wird, auf die Ber­lin grund­sätz­lich gro­ßen Wert legt – nicht zuletzt, um bei den zukünf­ti­gen Mili­tär­ein­sät­zen der EU das Poten­zi­al der bri­ti­schen Streit­kräf­te nut­zen zu kön­nen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [10]). Ob dafür künf­tig genug über­ein­stim­men­de Inter­es­sen vor­han­den sind, wird inzwi­schen von man­chen bezwei­felt.

[1] S. dazu Euro­pa zuerst.

[2] Jakob Blu­me, Tho­mas Hanke, Hans-Peter Sie­ben­haar, Chris­ti­an Wermke: Stopp für Astra-Zene­ca: In der EU wird Impf­stoff zur Man­gel­wa­re. han​dels​blatt​.com 17.03.2021.

[3] Kate Dev­lin, Tom Bat­che­lor, Jon Stone: Raab com­pa­res EU to dic­ta­tor­s­hip as row over access to vac­ci­nes esca­la­tes. inde​pen​dent​.co​.uk 18.03.2021.

[4] Jes­si­ca Elgot: Raab sum­mons EU offi­cial as anger grows over UK vac­ci­ne export claims. the​guar​di​an​.com 09.03.2021.

[5] Ver­fah­ren gegen Lon­don. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 16.03.2021.

[6] S. dazu Deut­sche Son­der­we­ge.

[7] Expor­te im Janu­ar 2021: +1,4% zum Dezem­ber 2020. desta​tis​.de 09.03.2021.

[8] Chris Mor­ris: Why has UK tra­de with Ger­ma­ny fal­len so dra­ma­ti­cal­ly? bbc​.co​.uk 10.03.2021.

[9] Glo­bal Bri­tain in a com­pe­ti­ti­ve age. Lon­don, March 2021.

[10] S. dazu Das euro­päi­sche Mili­tär­drei­eck und Die Zukunft der Krieg­füh­rung.

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