[KgK:] Zwangsräumung aus sozialem Wohnheim – Interview mit einer Betroffenen

Hal­lo D., du hast uns kon­tak­tiert, weil du kurz vor einer Zwangs­räu­mung stehst. Du wohnst bei einem sozia­len Trä­ger. Wel­che Rol­le spielt er dabei?

Der Trä­ger hat­te und hat kein Inter­es­se, mich zu schüt­zen. Man sieht es an einem Fall von mut­maß­li­cher Lärm­be­läs­ti­gung durch mich. Es gab Lärm­pro­to­kol­le, die nicht stim­men konn­ten, denn ich war zu den Lärm­zei­ten nicht anwe­send. Das hät­te auch die Sozi­al­ar­bei­te­rin der Nach­barn bestä­ti­gen kön­nen. Doch der Trä­ger hielt es nicht für nötig, sich für den Schutz mei­ner Per­son ein­zu­set­zen. Im Gegen­teil, man sag­te mir, die Sozi­al­ar­bei­te­rin der Nach­barn dür­fe sowie­so kei­ne Aus­sa­ge machen. Mir wur­de auf allen erdenk­li­chen Wegen erklärt, ich brau­che mich gar nicht weh­ren. Begrün­det wur­de dies damit, dass der Trä­ger dann alle sei­ne Woh­nun­gen ver­lie­ren wür­de. Man erwar­te­te also von mir, auf mei­ne Rech­te ver­zich­ten, damit der Trä­ger sei­ne Miet­ver­trä­ge schüt­zen kann.

Der Trä­ger bie­tet Unter­stüt­zung für Men­schen mit psy­chi­schen Schwie­rig­kei­ten. Die voll­stän­di­ge Kün­di­gung mei­ner Woh­nung wur­de mir aus­ge­spro­chen, nach­dem ich einen Sui­zid­ver­such unter­nom­men hat­te. Dazu kam noch ein sexu­el­ler Über­griff gegen mich bei einem Job in einer Knei­pe.

Der heu­te stell­ver­tre­ten­de Lei­ter die­ses Trä­gers war damals mein Sozi­al­ar­bei­ter, der mir half, die­se Woh­nung beim Trä­ger zu bekom­men. Er selbst hör­te schon cho­le­ri­sche Aus­brü­che des Nach­barn, die die­ser nun ver­sucht, mir anzu­las­ten. Von dort kommt jetzt nur noch betre­te­nes Schwei­gen, obwohl er damals mit mir noch eine Ant­wort auf einen Brief vol­ler Belei­di­gun­gen und Dis­kri­mi­nie­run­gen ver­fass­te. Er ist Jurist, riet mir aber damals schon, als neue Bewoh­ne­rin im Haus die Füße still zu hal­ten.

So wur­de mir nahe­ge­legt, gar nicht anzu­spre­chen, wie sich die Nach­barn hier mir gegen­über beneh­men, denn das wür­de nichts brin­gen. Die emo­tio­na­le Erpres­sung wur­de mir erst im Nach­hin­ein bewusst, denn er sag­te mehr­fach: das inter­es­sie­re die Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft alles gar nicht und wenn ich da jetzt durch eine Aus­sa­ge gegen die Nach­barn Unru­he rein­brin­gen wür­de, wür­de ich ja woh­nungs­los wer­den.

Obwohl mir auch durch einen Betreu­ungs­ver­trag ein gewis­ser Schutz mei­ner Per­son durch den Trä­ger zusteht, hat er von Anfang an ver­sucht, sein Miet­ver­hält­nis zu schüt­zen. Dass dar­an mein Leben und das mei­nes Soh­nes hängt, scheint irrele­vant für den Trä­ger. Wobei die­ser neu­er­dings meint, ich müs­se mei­ne Anwäl­tin ver­kla­gen, denn die­se habe sich nicht um die Papie­re für eine neue Woh­nung bemüht. Lus­tig dar­an: Die Anwalts­ge­hil­fin die­ser Dame sucht selbst auch schon seit über einem Jahr eine Woh­nung.

Woh­nungs­not und Obdach­lo­sig­keit sind auch in einer rot-rot-grün regier­ten Stadt wie Ber­lin extrem. Wel­che Ver­ant­wor­tung trägt die Regie­rung dei­ner Mei­nung nach?

Die Regie­rung trägt mei­ner Mei­nung nach einen gro­ßen Teil Mit­schuld, an der stark wach­sen­den Woh­nungs­lo­sig­keit. Es ist ja der Senat, der sol­che Men­schen, wie mei­nen ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­ber deckeln. Ja, ich selbst war Heim­lei­tung in einem Wohn­heim und es ist nicht nur in der Fir­ma üblich, die Not der Men­schen zu nut­zen, um sich selbst zu berei­chern, wäh­rend die Men­schen in Not in einem Schim­mel­kom­plex leben müs­sen.

Ich kann schon ver­ste­hen, wie­so woh­nungs­lo­se Men­schen nicht in so einer Ein­rich­tung leben wol­len. Wobei ich auch das Sys­tem unmög­lich fin­de, denn wäh­rend die Job­cen­ter für ein Bett in einem Mehr­bett­zim­mer bis zu 900€ bezah­len, bekommt man bei einer Woh­nung von 520€ Warm­mie­te zu hören, das sei zu teu­er.

Ich habe mich auch an einen Poli­ti­ker in Neu­kölln gewandt, der sich mit dem The­ma befasst. Die­ser gab mei­ne Geschich­te auch an eine Kol­le­gin hier in mei­nem Bezirk wei­ter. Was tat die­se? Es an das Sozi­al­amt schi­cken, doch dort ist mein Fall schon bekannt und man gab mir fol­gen­de Mög­lich­keit: Ein Bett in einem Wohn­heim­zim­mer, was ich wegen mei­nem Sohn und mei­nem Part­ner nicht anneh­men kann. Außer­dem könn­te ich mei­ne Kat­zen nicht mit­neh­men, was für mich kei­ne Opti­on ist.

So hal­ten mich der Senat, bzw. die Behör­de in einem Kreis­lauf, den ich laut Psy­cho­lo­gen durch­bre­chen soll­te. Ein Kreis­lauf, den der Senat da för­dert. Es geht ja nicht nur mir so, son­dern auch Men­schen mit Sucht­pro­ble­ma­tik sind von die­sem Para­do­xon betrof­fen. Man lernt ja schon sehr schnell, dass man sich vom alten Umfeld fern­hal­ten soll, wenn man das Alko­hol­pro­blem in den Griff bekom­men will. Gleich­zei­tig steckt man aber in sol­chen Ein­rich­tun­gen drei bis vier Alko­ho­li­ker zusam­men. Man hat also kei­ner­lei Chan­ce, sich aus einem Tief­punkt raus zu arbei­ten. Selbst mit einer The­ra­pie nicht, denn der Staat lässt einem gar nicht die Mög­lich­kei­ten, das gelern­te aus der The­ra­pie dann auch umzu­set­zen.

Wie kann man dich unter­stüt­zen?

Gute Fra­ge, denn auch ihr wer­det mir kei­nen Wohn­raum bie­ten kön­nen, in dem ich end­lich zur Ruhe kom­men kann. Das wünsch­te ich mir ja mit die­ser Woh­nung, doch dann bekam ich Nach­barn, die mir erklär­ten, ich sei bloß eine Asy­lan­tenhu­re, die ver­gast gehört. Haupt­sa­che ich höre auf die Sozi­al­ar­bei­ter und die Behör­den, die mir erzäh­len wol­len, das es doch ganz ande­re Din­ge sei­en, wes­halb ich psy­chisch sol­che Pro­ble­me habe.

Ich stel­le nach all dem, was ich so durch­ma­chen muss­te, noch nicht mal gro­ße Ansprü­che. Zwei klei­ne Zim­mer, eines für mich und eines für mei­nen Sohn, mit einem klei­nen Bal­kon für mei­ne bei­den Kat­zen, das wäre schon nett. Einen Ort, wo ich mich nicht angrei­fen las­sen muss, weil ich welt­of­fen bin und wo ich mit mei­nem Sohn dann hof­fent­lich ganz neu anfan­gen kann. Er woll­te Abitur machen und jetzt sieht es so aus, als schaf­fe er noch nicht mal den nor­ma­len Abschluss.

Viel­leicht habe ich ja Glück und da drau­ßen gibt es irgend­wo einen Ver­mie­ter mit Herz, der weiß, das man Men­schen manch­mal ein­fach nur eine Chan­ce geben muss, damit sie wie­der in das Leben zurück fin­den. Ich habe mir nicht selbst aus­ge­sucht, so aus der Bahn gewor­fen zu wer­den. Dafür mache ich eine Mit­ar­bei­te­rin vom Jugend­amt, die ent­schied, dass mein Sohn nicht bei mir leben kann und Sozi­al­ar­bei­ter bei denen ich mir Hil­fe erhoff­te, ver­ant­wort­lich. Ich will ein­fach nur noch raus aus die­sem Kreis­lauf und das Gefühl haben, end­lich wie­der Atmen zu kön­nen, wobei ich die Hoff­nung eigent­lich schon auf­ge­ge­ben habe. Ich bin kein Glücks­kind und selbst beim Lose Zie­hen kann ich fünf Fami­li­en­tü­ten kau­fen, um am Ende den­noch nur einen Trost­preis zu bekom­men.

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