[SAV:] Der Kapitalismus bietet nur leere Versprechungen – kämpfen wir für eine sozialistische Alternative!

Anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung für die COP 26

von Phil­ipp Chmel

Heu­te fin­det der nächs­te glo­ba­le Kli­ma­st­reik statt und die ISA wird wie immer ein Teil davon sein. Die neue, welt­wei­te Kli­ma­be­we­gung hat sich zur größ­ten Jugend­be­we­gung seit den 1960er Jah­ren ent­wi­ckelt. Ihren vor­läu­fi­gen Höhe­punkt erreich­te sie in den gigan­ti­schen Kli­ma­st­reiks im Sep­tem­ber 2019. Es ist bemer­kens­wert, dass die Bewe­gung, zwei Jah­re nach dem ers­ten glo­ba­len Kli­ma­st­reik, immer noch aktiv ist, vor allem ange­sichts der zusätz­lich erschwer­ten Bedin­gun­gen durch die Pan­de­mie, wie Iso­la­ti­on und Ein­schrän­kun­gen bei öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen. Das zeigt sowohl, dass ins­be­son­de­re die jun­ge Genera­ti­on die zuneh­men­de Schwe­re der Kli­ma­kri­se und die drin­gen­de Not­wen­dig­keit eines radi­ka­len Wan­dels ver­steht, als auch ihr tie­fes Miss­trau­en und ihre Wut gegen­über dem Sys­tem.

Die Not­wen­dig­keit einer Fort­set­zung der Bewe­gung und eines Wie­der­auf­le­bens im Jahr 2021 ist mehr als deut­lich. Aber trotz der beein­dru­cken­den Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen des Jah­res 2019, die das Bewusst­sein der Men­schen in Bezug auf den Kli­ma­wan­del enorm beein­flusst haben, und den jüngs­ten dra­ma­ti­schen Aus­wüch­sen der schreck­li­chen Fol­gen der Kli­ma­kri­se – die Dür­ren in Afri­ka, die Busch­brän­de in Aus­tra­li­en und Kali­for­ni­en, die Tai­fu­ne in Süd­ost­asi­en und die Hur­ri­ka­ne in Ame­ri­ka – ist die herr­schen­de Klas­se abso­lut nicht in der Lage, die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen vor­an­zu­trei­ben.

Infol­ge­des­sen ver­steht ein wich­ti­ger und wach­sen­der Teil der Bewe­gung immer mehr, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Herr­schaft und Pro­duk­ti­ons­wei­se die Wur­zel der Kli­ma- und Umwelt­kri­se ist. Die­ses Ver­ständ­nis spie­gelt sich in immer radi­ka­le­ren For­men des Pro­tests wider – und die­se müs­sen wie­der­um mit radi­ka­le­ren, das heißt anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen, Inhal­ten und einer Stra­te­gie gefüllt wer­den, um die Bewe­gung im Jahr 2021 wei­ter auf­zu­bau­en. Dabei ist es ent­schei­dend, dass sich die Bewe­gung nicht von eta­blier­ten (auch „grü­nen“) Par­tei­en und NGO-ähn­li­chen Tak­ti­ken ver­ein­nah­men lässt, son­dern sich auf die Basis­ar­beit und den Bewe­gungs­auf­bau kon­zen­triert.

Als revo­lu­tio­nä­re Sozialist*innen sind wir Teil der Bewe­gung und erken­nen den Mut, die Ener­gie und das Enga­ge­ment der Aktivist*innen und die Errun­gen­schaf­ten der Bewe­gung an. Wir wol­len aber auch einen Weg über die aktu­el­len Gren­zen der Bewe­gung hin­aus auf­zei­gen und erklä­ren, war­um es drin­gend not­wen­dig ist, den Kampf gegen die Kli­ma­kri­se mit dem Kampf gegen das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem zu ver­bin­den, und kon­kre­te Vor­schlä­ge machen, um die Bewe­gung vor­an­zu­brin­gen.

Der Slo­gan für die­sen glo­ba­len Kli­ma­st­reik – kei­ne lee­ren Ver­spre­chun­gen mehr – ist genau rich­tig. Jetzt ist es mehr denn je an der Zeit, die Art von poli­ti­schem und wirt­schaft­li­chem Druck auf­zu­bau­en, die die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen erzwin­gen kann. Wie wich­tig wirt­schaft­li­che Streiks der Arbeiter*innen sind, haben wir bei den Auf­stän­den in Bela­rus, in Chi­le, in Myan­mar und vie­len ande­ren Län­dern gese­hen. Das Glei­che gilt für das Kli­ma: Kämp­fen und strei­ken für Umwelt- und Natur­schutz in Kom­bi­na­ti­on mit sozia­len Ver­bes­se­run­gen ist die mäch­tigs­te Metho­de, um Ver­än­de­run­gen zu errei­chen. Die his­to­ri­schen Sie­ge der Arbeiter*innenbewegung, wie der 8‑Stun­den-Arbeits­tag, das Frau­en­wahl­recht und demo­kra­ti­sche Rech­te, sind Bei­spie­le dafür. Die­se Errun­gen­schaf­ten wur­den nicht dadurch erkämpft, dass man „nicht zu radi­kal“ war und an die Medi­en und die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger appel­lier­te, son­dern durch kol­lek­ti­ve Streik- und Pro­test­ak­tio­nen.

Vie­le argu­men­tie­ren, dass eine Ver­än­de­rung des Sys­tems unrea­lis­tisch ist und zu lan­ge dau­ert und wir uns daher auf die Ver­bes­se­rung des Sys­tems kon­zen­trie­ren soll­ten. Doch wäh­rend “Sys­tem Chan­ge” zwei­fels­oh­ne eine gro­ße Her­aus­for­de­rung ist, ist die Lösung der Kli­ma­kri­se inner­halb der Gren­zen des Kapi­ta­lis­mus schlicht­weg unmög­lich. Im Kapi­ta­lis­mus müs­sen Unter­neh­men kurz- und lang­fris­tig nach dem maxi­ma­len Pro­fit stre­ben, was unwei­ger­lich zur Aus­beu­tung von Mensch und Umwelt führt. Um die Pro­fi­te zu stei­gern, ver­su­chen Unter­neh­men zwei Din­ge: 1) ihre Pro­duk­ti­on und ihren Markt­an­teil zu erhö­hen – der Vor­stands­vor­sit­zen­de von BMW sag­te wäh­rend der Auto­ver­kaufs­kri­se in den 1970er Jah­ren, es gäbe “viel­leicht zu vie­le Autos auf die­ser Welt, aber nicht genug BMWs“ – und 2) ihre Kos­ten zu sen­ken. Das bedeu­tet: Löh­ne drü­cken; gegen höhe­re Steu­ern und stren­ge­re Umwelt- und Arbeits­schutz­maß­nah­men lob­by­ie­ren; oft die Pro­duk­ti­on in Län­der mit nied­ri­ge­ren Umwelt­stan­dards und Arbeits­kos­ten ver­la­gern.

Die­se Dyna­mik, die durch den Wett­be­werb ver­stärkt wird, kann nicht ein­fach durch ein net­te­res und umwelt­freund­li­che­res Manage­ment über­wun­den wer­den. Wenn die Chefs von Shell oder Apple plötz­lich beschlie­ßen wür­den, die Inter­es­sen der Arbeiter*innen, der Gesell­schaft und der Natur über die pri­va­ten Gewin­ne der Aktienbesitzer*innen zu stel­len, wären sie ihren Job bald los. Und auch „grü­ner“ Kapi­ta­lis­mus kann die Kli­ma­kri­se sicher­lich nicht lösen, son­dern zielt dar­auf ab, neue Märk­te zu erschlie­ßen, einen Wett­be­werbs­vor­teil zu erzie­len – „grün“ ver­kauft sich bes­ser – und die Legi­ti­mi­tät des Sys­tems wie­der­her­zu­stel­len, also das Ver­trau­en der jun­gen Genera­ti­on zurück­zu­ge­win­nen. Dar­um kämp­fen wir natür­lich immer für Ver­bes­se­run­gen im Hier und Jetzt, müs­sen dies aber auch mit For­de­run­gen, Kampf­me­tho­den und einem Pro­gramm ver­bin­den, das über das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem hin­aus­führt. Nur eine demo­kra­ti­sche sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft ermög­licht die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen zur Lösung der Kli­ma- und Umwelt­kri­se.

Den Kampf von unten aufbauen – mit den Methoden der Arbeiter*innenklasse!

Neben der Kli­ma­ka­ta­stro­phe ist das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem auch auf Ras­sis­mus, Sexis­mus und ande­re For­men der Unter­drü­ckung ange­wie­sen und repro­du­ziert die­se stän­dig wie­der. Es gibt nicht nur kei­nen Kapi­ta­lis­mus ohne Ras­sis­mus, wie Mal­com X fest­stell­te, son­dern es gibt den Kapi­ta­lis­mus auch nicht ohne Sexis­mus, Unter­drü­ckung, Gesund­heits­de­sas­ter und Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Die Ant­wort auf die­se Viel­zahl von Pro­ble­men und Kata­stro­phen ist die Über­win­dung unse­rer Spal­tun­gen, indem wir unse­re Kräf­te bün­deln und Kämp­fe mit­ein­an­der ver­bin­den. Wir alle sind Teil der 99% – der­je­ni­gen, die arbei­ten müs­sen, um zu über­le­ben, der Arbeiter*innenklasse und ande­rer unter­drück­ter Grup­pen.

Wäh­rend die natio­na­len herr­schen­den Klas­sen, die die Inter­es­sen ihrer jewei­li­gen natio­na­len kapi­ta­lis­ti­schen Eli­te ver­tre­ten, die inter­na­tio­na­len Kon­flik­te und die impe­ria­lis­ti­sche Kon­kur­renz nicht über­win­den kön­nen, muss unse­re Ant­wort inter­na­tio­nal sein. An vie­len Stel­len haben wir bereits gese­hen, wie sich jun­ge Men­schen in der Kli­ma­be­we­gung zusam­men­ge­schlos­sen und soli­da­ri­siert haben: Vie­le Aktivist*innen gin­gen auch zu Black Lives Matter‑, Geflüch­te­ten­so­li­da­ri­täts- und 8. März-Pro­tes­ten. In den USA hat das Sun­ri­se Move­ment offi­zi­ell für Black Lives Mat­ter-Pro­tes­te mobi­li­siert, und kürz­lich haben die indi­sche Kli­ma­ak­ti­vis­tin Disha Ravi, Gre­ta Thun­berg und ande­re die Pro­test- und Streik­be­we­gung der indi­schen Bau­ern und Bäue­rin­nen unter­stützt.

Dies weist in die not­wen­di­ge Rich­tung – die Kli­ma­be­we­gung muss Koope­ra­ti­on und Soli­da­ri­tät mit ande­ren sozia­len Bewe­gun­gen auf­bau­en. Der nächs­te Schritt ist nun, die­se Zusam­men­ar­beit und Soli­da­ri­tät mit der Arbeiter*innenbewegung auf­zu­bau­en, und zwar nicht in ers­ter Linie durch Stra­te­gie­tref­fen mit den Gewerk­schafts­füh­run­gen, son­dern vor allem durch die Zusam­men­ar­beit mit und Unter­stüt­zung von bestehen­den Basis­or­ga­ni­sa­tio­nen der Arbeiter*innenklasse, die bereits Kämp­fe füh­ren, zum Bei­spiel im Sozi­al- und Gesund­heits­be­reich. Men­schen aus der Arbeiter*innenklasse sind nicht nur am stärks­ten von der Kli­ma­kri­se betrof­fen, son­dern sie sind auch die Expert*innen, die wis­sen, wie man die Pro­duk­ti­on so ver­än­dern kann, dass sie nach­hal­tig und öko­lo­gisch ist. Und was am wich­tigs­ten ist: sie haben die Macht, die kapi­ta­lis­ti­sche Maschi­ne­rie zu stop­pen. Die herr­schen­den Klas­sen ver­su­chen, unse­re Arbeits­plät­ze gegen die Umwelt aus­zu­spie­len. Gewerkschafter*innen, Betriebs­rä­te und Ver­trau­ens­leu­te müs­sen die­ser Lüge ent­ge­gen­tre­ten, indem sie erklä­ren, dass nicht die kli­ma­freund­li­che Pro­duk­ti­on, son­dern die pro­fit­ori­en­tier­te Aus­beu­tung die Arbeits­plät­ze bedroht – und indem sie die Kämp­fe mit­ein­an­der ver­bin­den.

Als Teil des Auf­baus der Bewe­gung im Jahr 2021 ist eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung für die COP 26 (inter­na­tio­na­ler Kli­ma­gip­fel im Novem­ber) der Schlüs­sel um die Stra­ßen zurück­zu­er­obern, mit einem mas­si­ven Gegen­gip­fel in Glas­gow sowie Mas­sen­pro­tes­ten auf der gan­zen Welt. Lasst uns den glo­ba­len Kli­ma­st­reik jetzt nut­zen und die Bewe­gung in den kom­men­den Mona­ten um eine Rei­he von anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen For­de­run­gen her­um auf­zu­bau­en, die das Sys­tem her­aus­for­dern! Und laden wir alle sozia­len Bewe­gun­gen, ins­be­son­de­re die Arbeiter*innen- und Gewerk­schafts­be­we­gung, ein, mit ins Boot zu kom­men!

Vorschläge für Forderungen

Wäh­rend die Bewe­gun­gen in ver­schie­de­nen Län­dern und Regio­nen jeweils ihre eige­nen spe­zi­fi­schen For­de­run­gen haben wer­den, gibt es den­noch eini­ge uni­ver­sel­le Kern­punk­te, für die wir glo­bal kämp­fen müs­sen. In einem frü­he­ren Arti­kel haben wir sie­ben all­ge­mei­ne For­de­run­gen auf­ge­stellt, die immer noch sehr rele­vant sind; hier wol­len wir zwei davon her­vor­he­ben.

Die Coro­na-Kri­se hat die tiefs­te Wirt­schafts­kri­se seit 100 Jah­ren aus­ge­löst. Aber anstatt zum „Nor­mal­zu­stand“ zurück­zu­keh­ren, kann das auch eine Chan­ce sein, kom­plett zu ver­än­dern was und wie pro­du­ziert wird. Es ist deut­lich gewor­den, wel­che Berei­che für die Gesell­schaft wich­tig sind und wel­che nicht. Wäh­rend wir zum Bei­spiel im Gesund­heits­we­sen, im Bil­dungs­we­sen und im öffent­li­chen Ver­kehr viel mehr Per­so­nal brau­chen, brau­chen wir auch eine Ver­kür­zung des Arbeits­ta­ges ohne Lohn­ein­bu­ßen. Das wür­de nicht nur das Leben der Arbeiter*innenklasse direkt ver­bes­sern, son­dern auch hel­fen, kli­ma­schäd­li­che Emis­sio­nen zu sen­ken, und wür­de den Men­schen mehr Zeit für Frei­zeit, Kul­tur und poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten geben.

Ein gutes Leben für alle bei gleich­zei­ti­gem Schutz des Pla­ne­ten ist sicher­lich mach­bar, aber um es mög­lich zu machen, müs­sen wir drin­gend die Schlüs­sel­sek­to­ren – wie Ener­gie, Mobi­li­tät und Ver­kehr, Sozia­les und Gesund­heit, Land­wirt­schaft und Phar­ma – in demo­kra­ti­sches öffent­li­ches Eigen­tum über­füh­ren. Wir müs­sen den Pro­fitzwang aus der Glei­chung neh­men und statt­des­sen die Bedürf­nis­se der Men­schen in den Mit­tel­punkt stel­len und das Markt­cha­os durch demo­kra­ti­sche Pla­nung erset­zen. Die wahn­sin­ni­gen Preis­er­hö­hun­gen der texa­ni­schen Ener­gie­kon­zer­ne in den letz­ten Wochen und die Kon­flik­te um Paten­te für Coro­na-Impf­stof­fe sind nur die jüngs­ten Bei­spie­le für das end­lo­se Ver­sa­gen des pro­fit­ge­trie­be­nen Markt­sys­tems.

Um die­se For­de­run­gen und vie­les mehr durch­zu­set­zen, müs­sen wir die Gewerk­schaf­ten zurück­ge­win­nen und Arbeiter*innen-Massenparteien auf­bau­en, die kom­pro­miss­los für die not­wen­di­gen Umwelt- und Kli­ma­schutz­maß­nah­men sowie gegen Arbeits­lo­sig­keit, Arbeits­platz­ab­bau und für sozia­le Ver­bes­se­run­gen kämp­fen. Das Geld ist da – las­sen wir die Rei­chen zah­len! Das ist die Auf­ga­be von uns allen, von jun­gen Men­schen, von Frau­en, von LGBTQI+-Menschen, von Schwar­zen, Indi­ge­nen und Peop­le of Color, von Antifaschist*innen, von Gewerkschafter*innen – gemein­sam sind wir die Arbeiter*innenklasse und die Unter­drück­ten, gemein­sam haben wir eine Welt zu gewin­nen.

Schlie­ße dich unse­rem Kampf an – tritt der SAV und der Inter­na­tio­nal Socia­list Alter­na­ti­ve bei!

Den Arti­kel im Ori­gi­nal auf Eng­lisch lesen.

Bild: Rufus46, CC BY-SA 3.0 https://​crea​ti​vecom​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​3.0, via Wiki­me­dia Com­mons

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