[UG-Blättle:]Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling

„Erzie­hung ist sich erzie­hen, Bil­dung ist sich bil­den.” (1)

Bild: Der süd­ko­rea­ni­sche Regis­seur Kim Ki-duk, Sep­tem­ber 2011. /​Ivan Bes­se­din (CC BY 2.0 crop­ped)

Der Mensch teilt sich – in eine leh­ren­de und eine ler­nen­de Hälf­te. Die Gesell­schaft redu­ziert sich auf zwei Men­schen und das Wesent­li­che zum Leben. Da ist kei­ne hoch­mo­der­ne Tech­nik, da ist kei­ne Stadt. Es gibt kei­nen Ver­kehr, kei­ne Behör­den, kei­ne Staat­lich­keit – nichts von all­dem. Man kann es auch anders aus­drü­cken: Alles, was sich in der Moder­ne diver­si­fi­ziert, ent­fal­tet hat, ist hier noch Teil von zwei Men­schen – das Poli­ti­sche, das Sozia­le, das Kul­tu­rel­le, das Wirt­schaft­li­che kon­zen­triert sich in ihnen, sozu­sa­gen zwei Urbil­dern von Mensch.

Und doch ist in ihnen eben auch die Erin­ne­rung und das Wis­sen der Moder­ne. Es liegt hin­ter ihnen, vor ihnen, neben ihnen. Sie sind nur abseits davon, aber im Gedächt­nis hat sich die Moder­ne mani­fes­tiert. Nur, dass bei­de von ihr abs­tra­hie­ren, weil sie einen Raum zum Leben gewählt haben, der dies alles weit von sich lässt. Bis einer von bei­den in die Moder­ne zurück­kehrt.

Es ist FRÜHLING. Ein klei­ner See mit­ten in den Nebel­schwa­den des frü­hen Mor­gens. Auf dem See sehen wir einen Tem­pel auf einem Floss – das Zen­trum alles Leben­di­gen, alles Mensch­li­chen. Ein alter Mönch (Yeong-su Oh) hat einen Schü­ler, viel­leicht vier, fünf Jah­re alt (Jong-ho Kim). Der Jun­ge lernt beim Alten, fast unmerk­lich, lei­se, behut­sam. Wel­che Kräu­ter sind ess­bar, wel­che gif­tig. Als der Jun­ge nach­ein­an­der einer Schlan­ge, einem Frosch und einem Fisch einen Stein mit Schnur an den Leib bin­det und sich an der Qual der Tie­re erfreut, schaut der Alte nur ruhig zu.

Doch in der Nacht bin­det er dem Jun­gen einen schwe­ren Stein auf den Rücken, und am Mor­gen, als sich der Jun­ge über die Last beschwert, for­dert der Alte ihn auf, die Tie­re von ihrer Last zu befrei­en, denn auch sie lit­ten wie er unter den Stei­nen. Wenn nur eines der Tie­re an den Qua­len gestor­ben sei, müs­se der Jun­ge sein Leben lang die­sen Stein in sei­nem Her­zen tra­gen. Der Fisch und die Schlan­ge sind tot. Den Frosch kann der Jun­ge lebend befrei­en.

Der jun­ge Mönch ist inzwi­schen zu einem jun­gen Mann her­an­ge­reift ( Jae-kye­ong Seo, dann Young-min Kim). Als eine Mut­ter im SOMMER ihre kran­ke Toch­ter dem Alten bringt, der sie hei­len soll, ver­liebt sich der Jun­ge in das schö­ne Mäd­chen (Yeo-jin Ha), begehrt es, berührt es, kas­siert eine Ohr­fei­ge. Doch auch das jun­ge Mäd­chen begehrt schliess­lich den jun­gen Mönch, und sie ver­brin­gen eini­ge Näch­te und Tage zusam­men, schla­fen mit­ein­an­der – bis der Alte erklärt, die See­le des Mäd­chens sei nun befreit und ihre Krank­heit geheilt. Der Jun­ge will nicht, dass sie wie­der geht. Und als sie geht, packt er sei­ne Bud­dha­sta­tue und folgt ihr. Der Alte bleibt allein, und sei­ne Mah­nung an den jun­gen Mönch ver­hallt:

„Aus Begier­de ent­steht Abhän­gig­keit.
Und aus Abhän­gig­keit en ent­ste­hen
Mord­ge­dan­ken.”

Es ist HERBST und der alte Mönch muss in einer Zei­tung, in der Fisch ein­ge­packt war, lesen: „30jähriger Mann bringt Ehe­frau um und flüch­tet.” Er weiss genau, dass dies der jun­ge Mönch war, und er weiss, dass er bald auf dem See bei ihm auf­tau­chen wird. Aus Eifer­sucht hat der jun­ge Mönch sei­ne Frau getö­tet, die sich mit einem ande­ren Mann ein­ge­las­sen hat­te. „Das Leben da draus­sen ist so”, sagt der Alte, „das, was du begehrst, begeh­ren auch ande­re.” Um die Wut und den Zorn des jun­gen Mönchs aus ihm her­aus zu trei­ben, zwingt ihn der Alte, eine Unmen­ge von Schrift­zei­chen, die er auf dem Floss gemalt hat, aus­zu­schnei­den – bis zum Mor­gen­grau­en. Und die bei­den Poli­zis­ten, die inzwi­schen ange­kom­men sind, neh­men den jun­gen Mönch schliess­lich mit.

Der alte Mönch aber, der weiss, dass sein Leben zu Ende geht, ver­brennt sich auf dem Boot, das ihn und den Jun­gen stets ans Ufer gebracht hat­te.

Der jun­ge Mönch ist inzwi­schen – es ist WINTER – so alt (gespielt vom Regis­seur selbst), wie der alte Mönch war, als er selbst noch ein klei­ner Jun­ge war. Und der Kreis­lauf des Lebens beginnt erneut. Eine ver­mumm­te Frau bringt ihr Klein­kind zu ihm, damit es von dem „neu­en” alten Mön­che ler­ne. Und wie­der beginnt der FRÜHLING …

Es ist nicht nur ein­fach irgend­ein Kreis­lauf des Lebens, den Ki-duk Kim in sei­ner „traum­haf­ten”, in wun­der­schö­nen Bil­dern fest­ge­hal­te­nen Geschich­te dar­ge­stellt hat. Die Jah­res­zei­ten ste­hen für das Alter, erzählt wird nicht im Rhyth­mus von fünf hin­ter­ein­an­der fol­gen­den Jah­res­zei­ten. Sie ste­hen aber auch für bestimm­te Erfah­run­gen, weni­ger in unse­rem Sin­ne von Erzie­hung, denn erzie­hen im euro­päi­schen Sinn ist nicht die Absicht des alten Mönchs. Der Früh­ling könn­te auch über­schrie­ben wer­den mit: „Ach­tung vor dem Leben” – vor dem eige­nen wie vor dem frem­den wie vor allem Leben – und den Kon­se­quen­zen der Miss­ach­tung des Leben­di­gen.

Der Som­mer steht für die Begier­de, nicht so sehr für die Lie­be. Der alte Mönch kann dem jun­gen nur die Wege zei­gen, die er gehen kann: den der Begier­de mit allen Kon­se­quen­zen wie den der Ach­tung. Zwin­gen, das weiss der Alte genau, kann er den Jun­gen nicht – und er kann ihn nicht auf­hal­ten. Der Herbst zeigt die Fol­gen des­sen, was der Alte mein­te, als er den Weg der Begier­de als den Weg zu Mord­ge­dan­ken cha­rak­te­ri­sier­te. In dem inzwi­schen 30jährigen Mönch ist nichts als Wut und Zorn. Erst im Win­ter kehrt er zurück und weiss jetzt, wel­cher Weg der rich­ti­ge ist.

„Es geht dar­um, dass der Mensch
sich sel­ber ein­haust.” (1)

Man mag die­se Geschich­te für ein Lehr­stück hal­ten. Doch das ist sie kei­nes­wegs. Wie der alte Mönch den jun­gen auf die Kon­se­quen­zen sei­nes Tuns hin­weist, gelas­sen, ruhig und in dem Gefühl, dass er gar nicht mehr tun kann, weist der Film in die­sel­be Rich­tung. Und wenn von der Begier­de die Rede ist, dann nicht von der Lie­be, son­dern vom Besitz­ergrei­fen, vom Sich-Bemäch­ti­gen eines ande­ren. Ki-duk Kim erteilt damit aller­dings eben jeder uns so geläu­fi­gen Päd­ago­gik eine Abfuhr. Der Film tut dies von Anfang bis Ende. Damit ver­bun­den ist, dass Erzie­hung vor allem auf Erfah­rung und Selbst­er­zie­hung beruht – so schwer einem die Kon­se­quen­zen die­ses auch erschei­nen mögen. Die­se tie­fe Ein­sicht, hier des alten Mön­ches, besteht vor allem dar­in, dass alle heh­ren Grund­sät­ze, päd­ago­gi­schen „Richt­li­ni­en”, mora­li­schen Gebo­te usw. das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrie­ben ste­hen, wenn das Gegen­über, hier der jun­ge Mönch, sie nicht aus frei­em wil­len, tie­fer Über­zeu­gung, wach­sa­mem Emp­fun­den usw. selbst in sich auf­nimmt.

Dass dies durch „Ver­kün­dung” die­ser „Prin­zi­pi­en”, Zwang, oder gar ande­re gewalt­tä­ti­ge For­men der Erzie­hung (man den­ke an die Geschich­te in „Der Club der toten Dich­ter”) nicht von­stat­ten gehen kann, müss­te eigent­lich jeder­mann ein­leuch­ten. Wir wis­sen näm­lich ande­rer­seits nur zu gut, in wel­cher Wei­se gera­de alle mög­li­chen For­men des Zwangs bzw. der sog. „Indok­tri­na­ti­on” eben gera­de bewir­ken kön­nen, dass Men­schen an etwas glau­ben und auch danach han­deln, was wir alle hof­fent­lich als zutiefst inhu­man emp­fin­den.

Der alte Mönch bleibt ruhig, als er sieht, wie sein klei­ner Schü­ler Tie­re quält. Er weiss, dass er nur eine Chan­ce hat, dem Jun­gen deut­lich zu machen, was er getan hat. Die­se Art von „Lern­pro­zess” gebiert kei­ne abso­lu­te Chan­ce auf Erfolg. Aber sie impli­ziert die Demut und die Ach­tung vor jeg­li­chem Leben, auch und vor allem des Jun­gen selbst, der sei­ne eige­nen Erfah­run­gen machen muss, um zu erken­nen.

Der alte Mönch weiss, dass die Ach­tung vor dem Leben auch impli­ziert, dass Lie­be etwas ist, was nicht an Ansprü­che und For­de­run­gen gebun­den sein kann. Er lässt ihn zie­hen – wis­send, dass am Ende etwas Schreck­li­ches pas­sie­ren könn­te, weil der jun­ge Mönch Lie­be mit Begier­de und Ego­is­mus „ver­wech­selt”.

Ki-duk Kims Film ist kei­ne Pre­digt irgend­ei­ner Reli­gi­on. Er lässt uns hin­ein füh­len in zwei Men­schen, und, wenn man sich dem Film hin­gibt, auch in uns selbst. Und zwar auf eine Wei­se, in der der Gegen­satz zwi­schen der Moder­ne und unse­ren ursprüng­li­chen Emp­fin­dun­gen, unse­ren anthro­po­lo­gi­schen Ur-Kon­stan­ten – wenn wir sie denn wahr­neh­men – immer gegen­wär­tig ist.

(1) Hans-Georg Gada­mer: Erzie­hung ist sich erzie­hen. Vor­trag, gehal­ten am 19.5.1999, Hei­del­berg 2000, hier: S. 11 und 21.

Ulrich Beh­rens

Früh­ling, Som­mer, Herbst, Win­ter … und Früh­ling

Süd­ko­rea

2003

103 min.

Regie: Ki-duk Kim

Dreh­buch: Ki-duk Kim

Dar­stel­ler: Yeong-su Oh, Ki-duk Kim, Young-min Kim

Pro­duk­ti­on: Karl Baum­gart­ner, Lee Seung-jae

Musik: Park Ji-woong

Kame­ra: Baek Dong-hye­on

Schnitt: Kim Ki-duk

Ulrich Beh­rens

(1) Hans-Georg Gada­mer: Erzie­hung ist sich erzie­hen. Vor­trag, gehal­ten am 19.5.1999, Hei­del­berg 2000, hier: S. 11 und 21.

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