[Autonomie Mag.:] Guangzhou 1927: Die Pariser Commune des Ostens

Der Arti­kel wur­de ursprüng­lich in Auf­trag gege­ben und ver­öf­fent­licht von The Funam­bu­list 34 (Mär-Apr 2021) und erneut ver­öf­fent­licht auf Eng­lisch in People’s Dis­patch.


Zum 150. Jah­res­tag des Beginns der Pari­ser Kom­mu­ne sei an ihr Erbe im Guang­zhou-Auf­stand erin­nert, bei dem Arbei­ter und Bau­ern 1927 in der süd­chi­ne­si­schen Haupt­stadt eine Volks­re­pu­blik errich­te­ten.

Von: Tings Chak

Es war im rus­si­schen Herbst 1920, als Qu Qiubai zum ers­ten Mal L’Internationale hör­te – die sozia­lis­ti­sche Hym­ne, die der Pari­ser Kom­mu­ne von 1871 ent­stammt. Eugè­ne Pot­tier, der Autor des Lied­tex­tes, war Kom­mu­nar­de und gewähl­tes Mit­glied des Arbei­ter­staa­tes, der 72 Tage in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt bestand. Obwohl das Lied fast ein hal­bes Jahr­hun­dert zuvor geschrie­ben wur­de, wur­de es als Hym­ne der bol­sche­wis­ti­schen Par­tei ange­nom­men. Bis heu­te ist die­ses Lied eine der am meis­ten über­setz­ten und gesun­ge­nen Hym­nen der Unter­drück­ten auf der Welt. Qu nahm an der Fei­er zum drit­ten Jah­res­tag der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on teil, nach­dem er über Har­bin – Chi­nas nörd­lichs­te Pro­vinz­haupt­stadt – nach Russ­land gereist war. Er sprach flie­ßend Fran­zö­sisch und Rus­sisch und wur­de als Kor­re­spon­dent für die Bei­jing Morning News (晨报) nach Mos­kau geschickt, um über die frü­hen Jah­re der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on zu berich­ten.

Im Jahr 1920 hat­te die kom­mu­nis­ti­sche Bewe­gung in Chi­na gera­de erst begon­nen, aber die Nati­on brann­te auf ihre Ideen. Die kolo­nia­len Plün­de­run­gen zwei­er Opi­um­krie­ge mar­kier­ten den Beginn des „Jahr­hun­derts der Demü­ti­gung“, in wel­chem Hong­kong an die Bri­ten abge­tre­ten wur­de und anglo-fran­zö­si­sche Trup­pen den Alten Som­mer­pa­las­tes plün­der­ten. Die Qing-Dynas­tie stürz­te 1911 und wur­de von einer repu­bli­ka­ni­schen Mario­net­ten­re­gie­rung abge­löst. Das Land war geteilt, Feu­da­lis­mus und War­lor­dis­mus waren weit ver­brei­tet. Das chi­ne­si­sche Volk war hung­rig – phy­sisch und geis­tig – nach der Befrei­ung sei­ner Nati­on.

Wie Tau­sen­de jun­ger Radi­ka­ler jener Zeit, wur­de Qu in der Bewe­gung des Vier­ten Mai von 1919 poli­ti­siert. Die Pari­ser Frie­dens­kon­fe­renz am Ende des Ers­ten Welt­kriegs, war der end­gül­ti­ge Ver­rat an den Inter­es­sen Chi­nas – statt der Rück­ga­be sei­ner Ter­ri­to­ri­en stimm­ten die west­li­chen Alli­ier­ten zu, die Pro­vinz Shan­dong aus der kolo­nia­len Hand Japans an Deutsch­land zu über­tra­gen. Als Reak­ti­on dar­auf ent­stand eine natio­na­le Bewe­gung, die von Stu­den­ten in Bei­jing ange­führt wur­de und die in einer anti­im­pe­ria­lis­ti­schen, anti­feu­da­len und anti­pa­tri­ar­cha­len Poli­tik ver­an­kert war. Aus die­sem Erwa­chen ent­stand die Neue-Kul­tur-Bewe­gung – mit der Neue Jugend als Schlüs­sel­pu­bli­ka­ti­on – und ein Auf­bruch neu­er Ideen, zur Gestal­tung der Trans­for­ma­ti­on des Lan­des. Unter ihren Anfüh­rern waren die Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät Bei­jing, Chen Duxiu und Li Dazhao, die ent­schei­dend dazu bei­tru­gen, mar­xis­ti­sche Ideen nach Chi­na zu brin­gen. Bei­de waren Grün­dungs­mit­glie­der der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas (KPCh) im Jahr 1921.

Der Ver­rat durch die west­li­chen Alli­ier­ten wog nach den Bei­trä­gen, die das chi­ne­si­sche Volk zum Gro­ßen Krieg leis­te­te, umso stär­ker. Um ihren wach­sen­den Arbeits­kräf­te­man­gel zu decken, stütz­ten sich die fran­zö­si­schen und bri­ti­schen Staa­ten stark auf die Kolo­nien in Afri­ka, Indo­chi­na und Chi­na. 140.000 Chi­ne­sen – meist Bau­ern – schlos­sen sich den fran­zö­si­schen und bri­ti­schen Kriegs­be­mü­hun­gen an, wäh­rend wei­te­re 200.000 an der Ost­front mit der rus­si­schen Roten Armee kämpf­ten. Die chi­ne­si­schen Arbeits­korps erle­dig­ten jede Auf­ga­be – außer Waf­fen zu tra­gen. Sie gru­ben Schüt­zen­grä­ben, arbei­te­ten in Muni­ti­ons­fa­bri­ken, repa­rier­ten Aus­rüs­tung an der Front und beer­dig­ten die Toten. Tau­sen­de star­ben, doch die­ser Teil der Geschich­te wird im Wes­ten kaum erzählt. Etwa zur glei­chen Zeit mach­te sich eine ande­re Grup­pe jun­ger Chi­ne­sen auf den Weg nach Frank­reich. Ursprüng­lich 1908 von chi­ne­si­schen Anar­chis­ten initi­iert, wur­de das „Flei­ßi­ge Arbeit – spar­sa­me Studien“-Programm 1919 for­ma­li­siert. Es brach­te 2.000 chi­ne­si­sche Arbei­ter und Bau­ern nach Paris, wo sie in Fabri­ken arbei­ten soll­ten und im Gegen­zug eine west­li­che Aus­bil­dung erhiel­ten. Die schlech­ten Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen poli­ti­sier­ten vie­le die­ser Stu­den­ten. Am 28. Febru­ar 1921 demons­trier­ten 400 chi­ne­si­sche Werks­stu­den­ten gegen wei­te­re Kür­zun­gen der Sti­pen­di­en. Ereig­nis­se wie die­se brach­ten die Bewe­gung näher an die Arbei­ter der Ers­ten Welt­kriegs­ge­nera­ti­on her­an, als sie began­nen, sich gemein­sam in den Renault-Fabri­ken von den Indus­trie­vor­or­ten Bou­lo­gne-Bil­lan­court bis La Garen­ne-Colom­bes zu orga­ni­sie­ren. Es waren die Fabrik­hal­len und die Uni­ver­si­täts­sä­le, von wo aus der Mar­xis­mus in das chi­ne­si­sche revo­lu­tio­nä­re Den­ken ein­drin­gen soll­te. Unter den Stu­den­ten waren Zhou Enlai und Deng Xiao­ping, die Grün­der der euro­päi­schen Abtei­lung der KPCh. Zhou Enlai soll­te spä­ter 26 Jah­re lang als Pre­mier­mi­nis­ter die­nen und Deng Xiao­ping, der chi­ne­si­sche Füh­rer, der Mao Zedong bei der Grün­dung der Volks­re­pu­blik Chi­na (VRC) folg­te.

Leuch­ten­de Blu­me, fro­he Frucht

Obgleich die Pari­ser Com­mu­ne der chi­ne­si­schen Öffent­lich­keit bis zu die­sem Zeit­punkt weit­ge­hend unbe­kannt war, tru­gen die­ser Aus­tausch zwi­schen Arbei­tern und Intel­lek­tu­el­len in Frank­reich und die ideo­lo­gi­sche Öff­nung, wel­che die Bewe­gung des Vier­ten Mai schuf, dazu bei, ihre Geschich­te bekannt zu machen. Meh­re­re frü­he kom­mu­nis­ti­sche Füh­rer haben die Geschich­te des Arbei­ter­staa­tes stu­diert, dar­über geschrie­ben und sie popu­lär gemacht. Im Jahr 1920 schrieb Li Da – eines der 12 Grün­dungs­mit­glie­der der KPCh – über die Not­wen­dig­keit, dass die chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on den Weg des bewaff­ne­ten Kamp­fes ein­schla­gen müs­se. Im Jahr 1922 schrieb Zhou Enlai in Neue Jugend (新靑年) über die “kurz­le­bi­ge Blü­te” der Pari­ser Com­mu­ne und ihre Fort­füh­rung in der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on. Im dar­auf­fol­gen­den Jahr, in der 50. Jubi­lä­ums­aus­ga­be von Shen Bao (申報) – einer der ers­ten moder­nen Zei­tun­gen Chi­nas – erklär­te Li Dazhao das Kon­zept der „Com­mu­ne“ erst­mals einer chi­ne­si­schen Öffent­lich­keit. Zunächst als kang­miao­en (康妙恩) wie­der­ge­ge­ben, erhielt das revo­lu­tio­nä­re Kon­zept sei­ne eige­ne Form in der chi­ne­si­schen Spra­che, gong­s­he (公社) – Arbei­ter­re­pu­blik.

Qu Qiubai gehör­te zu den Kom­mu­nis­ten, die nicht nur wesent­li­che Tex­te zur Geschich­te der Com­mu­ne, son­dern auch als ers­te L’Internationale ins Chi­ne­si­sche über­setz­ten – das Lied, das er drei Jah­re zuvor in Russ­land zum ers­ten Mal gehört hat­te. Wäh­rend er die Orgel spiel­te, über­ar­bei­te­te er akri­bisch den Text, um eine Über­set­zung des Wor­tes „inter­na­tio­nal“ – das im Chi­ne­si­schen nur zwei Sil­ben hat (国际) – zu fin­den, die zur Melo­die pas­sen könn­te. Er einig­te sich schließ­lich auf das trans­li­te­rier­te ying te na xiong nai er (英特纳雄耐尔), um der Akkord­fol­ge des Lie­des treu zu blei­ben, die bis heu­te in der offi­zi­ell ange­nom­me­nen Ver­si­on geblie­ben ist.

Zu die­sem Zeit­punkt war Qu bereits der KPCh bei­getre­ten, auf Ein­la­dung von Zhang Tail­ei im Jahr 1922. Ein Jahr zuvor hat­te Qu auch den bol­sche­wis­ti­schen Staats­chef Lenin ken­nen­ge­lernt, der die Leh­ren der Pari­ser Com­mu­ne ein­ge­hend stu­diert hat­te. Nur weni­ge Mona­te, bevor er sein eige­nes Land in die Revo­lu­ti­on führ­te, wid­met Lenin ihr ein Kapi­tel in Staat und Revo­lu­ti­on (1917):

Die Kom­mu­ne ist der ers­te Ver­such der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on, die bür­ger­li­che Staats­ma­schi­ne­rie zu zer­schla­gen, ist die „end­lich ent­deck­te“ poli­ti­sche Form, durch die man das Zer­schla­ge­ne erset­zen kann und muß.

Wir wer­den in der wei­te­ren Dar­le­gung sehen, daß die rus­si­schen Revo­lu­tio­nen von 1905 und 1917 in einer ande­ren Situa­ti­on, unter ande­ren Umstän­den, das Werk der Kom­mu­ne fort­set­zen und die genia­le his­to­ri­sche Ana­ly­se von Marx bestä­ti­gen.“

Eini­ge kur­ze Mona­te nach der Ver­öf­fent­li­chung soll­te die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on tat­säch­lich die Arbeit der Com­mu­ne fort­set­zen und Marx’ Ana­ly­se bestä­ti­gen. In die­ser Tra­di­ti­on führ­ten auch die chi­ne­si­schen Kom­mu­nis­ten das Erbe die­ser bei­den revo­lu­tio­nä­ren Erfah­run­gen fort.

Am 18. März 1926 fand in Chi­na die ers­te Mas­sen­ge­denk­fei­er zum 55. Jah­res­tag der Pari­ser Com­mu­ne statt. 10.000 Men­schen ver­sam­mel­ten sich in der süd­li­chen Haupt­stadt Guang­zhou. Sie san­gen L’Internationale und skan­dier­ten „Vive la Com­mu­ne de Paris!“ trotz des Regens. Zu die­sem Anlass schrieb Mao Zedong, wenn die Pari­ser Com­mu­ne eine „leuch­ten­de Blu­me“ sei, dann sei die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on die „fro­he Frucht“, aus der wei­te­re Früch­te gebo­ren wer­den könn­ten. Zur end­gül­ti­gen Nie­der­la­ge der Com­mu­ne führt Mao zwei Grün­de an: das Feh­len einer ein­heit­li­chen und zen­tra­li­sier­ten Par­tei, die die Arbei­ter anführt, und den Kom­pro­miss, dem Feind zu viel Gna­de zu erwei­sen. In sei­ner Grund­satz­re­de auf der Fei­er, wies der kan­to­ne­si­sche Füh­rer Zhang Tail­ei auf die kon­kre­te Erfah­rung hin, wel­che die Pari­ser Com­mu­ne den chi­ne­si­schen Arbei­tern für die Über­nah­me der Macht lie­fer­te – eine Vor­ah­nung des­sen, was im fol­gen­den Jahr kom­men wür­de.

Brief­mar­ken zu 100 Jah­re Pari­ser Com­mu­ne

Von der Stadt aufs Land

Die 1920er Jah­re waren geprägt von einer rasan­ten Expan­si­on der städ­ti­schen Arbei­ter­klas­se – die Gewerk­schaf­ten ver­viel­fach­ten sich, Streiks waren häu­fi­ger und die Rei­hen der KPCh wuch­sen mit der Orga­ni­sa­ti­on der Mas­sen. Allein im Indus­trie­zen­trum Shang­hai gab es 1926, 169 Streiks in 165 Fabri­ken, an denen über 200.000 Arbei­ter betei­ligt waren. In Guang­dong war der See­manns­streik von 1922 sieg­reich, der Gene­ral­streik in Guang­zhou-Hong­kong von 1925 dau­er­te 16 Mona­te und erhielt eine nie dage­we­se­ne Mas­sen­un­ter­stüt­zung von Haus­an­ge­stell­ten, Hafen­ar­bei­tern, Rik­scha­fah­rern und „Kulis“. Die­se Erfah­run­gen zeig­ten, wie orga­ni­sier­te Arbeit das kolo­nia­le Leben und die kapi­ta­lis­ti­sche Ord­nung bedro­hen konn­te.

Trotz der Indus­tria­li­sie­rung war Chi­na immer noch eine über­wie­gend bäu­er­li­che Gesell­schaft. In „Über die Klas­sen der chi­ne­si­schen Gesell­schaft“ von 1926 unter­such­te Mao die Zusam­men­set­zung der 450 Mil­lio­nen Ein­woh­ner Chi­nas. Das städ­ti­sche Pro­le­ta­ri­at, so schnell es auch wuchs, umfass­te immer noch nur zwei Mil­lio­nen Men­schen – die über­wie­gen­de Mehr­heit der Chi­ne­sen waren Bau­ern. Mao schätz­te 400 Mil­lio­nen Men­schen als „Halb­pro­le­ta­ri­at“, die ihr eige­nes Land bewirt­schaf­te­ten, aber auch als Pacht­bau­ern oder Lohn­ar­bei­ter Geld ver­dien­ten – er nann­te sie „unse­re engs­ten Freun­de“ (Über die Klas­sen der chi­ne­si­schen Gesell­schaft, 1926).

In die­sem vor­aus­sa­gen­den Text warn­te Mao auch, dass man den Kräf­ten der natio­na­len Bour­geoi­sie nicht trau­en kön­ne. Zu die­sem his­to­ri­schen Zeit­punkt befand sich die KPCh in einem Bünd­nis mit der natio­na­len Bour­geoi­sie unter Füh­rung der Natio­na­lis­ti­schen Par­tei (KMT) in einer „Ein­heits­front“ gegen War­lor­dis­mus und Impe­ria­lis­mus. In die­sem ent­schei­den­den Jahr kam es zu einem abrup­ten Ende die­ses Bünd­nis­ses und in der Fol­ge zum „Wei­ßen Ter­ror“ mit Mas­sen­mor­den an Kom­mu­nis­ten durch die Natio­na­lis­ten und ihre Hand­lan­ger. Die Mas­sen­auf­stän­de von 1927 waren der Ver­such, das Sym­bol der Pari­ser Com­mu­ne in Chi­na in eine leben­di­ge Pra­xis umzu­wan­deln, was eine stra­te­gi­sche Ver­schie­bung des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses erfor­der­te.

Die Gedenk­fei­er an die Pari­ser Com­mu­ne im Jahr 1927, nahm an Grö­ße zu und zog bis zu einer Mil­li­on Arbei­ter und Bau­ern im gan­zen Land an. Bei der Fei­er in Wuhan rief der Arbei­ter­füh­rer Liu Shao­qi die Arbei­ter dazu auf, den Geist der Pari­ser Com­mu­ne gemein­sam mit dem Kampf gegen Impe­ria­lis­mus und War­lor­dis­mus wei­ter­zu­füh­ren. Drei Tage spä­ter star­te­ten 800.000 Arbei­ter unter der Füh­rung von Zhou Enlai einen Gene­ral­streik in Shang­hai, der die von den War­lords kon­trol­lier­te Regie­rung stürz­te und eine pro­vi­so­ri­sche Stadt­re­gie­rung ein­setz­te. Shang­hai wur­de die ers­te gro­ße Stadt unter der Füh­rung der KPCh. Am 12. April jedoch insze­nier­te die KMT unter Chiang Kais­hek, ent­ge­gen der Stra­te­gie der Ein­heits­front, einen Putsch und ord­ne­te die Ermor­dung und das Ver­schwin­den­las­sen von Tau­sen­den von Kom­mu­nis­ten mit Hil­fe der Poli­zei der vom Aus­land besetz­ten Gebie­te und kri­mi­nel­ler Orga­ni­sa­tio­nen an. Die KPCh-KMT-Alli­anz war vor­bei. Die fol­gen­den kom­mu­nis­tisch geführ­ten städ­ti­schen Auf­stän­de von Nan­chang (1. August) bis Hun­an (7. Sep­tem­ber) und schließ­lich bis Guang­zhou (11. Dezem­ber) soll­ten alle bru­tal nie­der­ge­schla­gen wer­den.

Alle Macht den Arbeiter‑, Bau­ern- und Sol­da­ten­so­wjets!

Um 3:30 Uhr am 11. Dezem­ber begann der ers­te Angriff auf die Poli­zei­sta­tio­nen. Er wur­de vom Kom­man­dan­ten Zhang Tail­ei ange­führt, der am nächs­ten Tag in einem Hin­ter­halt getö­tet wur­de – er war 29 Jah­re alt. Eine Rei­he von koor­di­nier­ten Aktio­nen über­nah­men die Stadt. Die For­de­run­gen waren: Reis für die Arbei­ter, Land für die Klein­bau­ern! Nie­der mit den mili­ta­ris­ti­schen Krie­gen! Alle Macht den Arbeiter‑, Bau­ern- und Sol­da­ten­so­wjets! Hin­ter die­ser Mobi­li­sie­rung stand der Guang­zhou-Sowjet, der ein Gebiet von einer hal­ben Mil­li­on Bau­ern abdeck­te und mit den städ­ti­schen Arbei­ter­ge­werk­schaf­ten zusam­men­ar­bei­te­te. Ein Kriegs­rat mit einem 10:3:3‑Verhältnis von Arbei­tern, Sol­da­ten und Bau­ern führ­te den drei­tä­gi­gen Auf­stand an. Nach der Ein­nah­me der Stadt erließ die­ses Gre­mi­um acht Dekre­te, die mas­sen­haft gedruckt und ver­teilt wur­den.

Die ers­ten drei betra­fen die Errich­tung der Sowjet­macht, die Bewaff­nung des Vol­kes und die Ver­gel­tung gegen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re. Das vier­te sicher­te einen Acht-Stun­den-Arbeits­tag und Rech­te für die Lohn­ab­hän­gi­gen und Arbeits­lo­sen. Das fünf­te befass­te sich mit der Wirt­schaft und der Ver­staat­li­chung der Indus­trie. Die sechs­te For­de­rung befass­te sich mit dem Eigen­tum der Bour­geoi­sie. Die sieb­te mit den Löh­nen und der Umstruk­tu­rie­rung der Armee. Die ach­te und letz­te for­der­te die Reor­ga­ni­sa­ti­on der Gewerk­schaf­ten. Zu die­sem Zeit­punkt war die mili­tä­ri­sche Orga­ni­sa­ti­on der Bour­geoi­sie jedoch noch zu stark. Hät­ten sie die Stadt lan­ge genug für die bäu­er­li­che Ver­stär­kung gehal­ten – ein Sechs-Tage-Marsch ent­fernt – wäre die Geschich­te viel­leicht anders aus­ge­gan­gen. Ralph Fox – bri­ti­scher Jour­na­list und Kom­mu­nist, der spä­ter im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg fiel – schrieb über die Bedeu­tung der „Com­mu­ne von Guang­zhou“:

Drei Tage lang wur­de eine gro­ße Stadt in einem vom Impe­ria­lis­mus beherrsch­ten Land im Osten von den unter­drück­ten Klas­sen, die durch ihren Sowjet herrsch­ten, ein­ge­nom­men und gehal­ten. Es gab tech­ni­sche und mili­tä­ri­sche Feh­ler, aber poli­tisch wur­den kei­ne Feh­ler gemacht. Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas, die den Auf­stand anführ­te und orga­ni­sier­te, hat Grund, stolz auf ihre Anwen­dung der Leh­ren Lenins unter den schwie­ri­gen Umstän­den in Chi­na zu sein. Die Arbeit der Par­tei im Auf­stand zeig­te nicht nur, dass sie die engs­ten Kon­tak­te zu Arbei­tern, Bau­ern, Klein­bür­gern und Sol­da­ten hat­te, son­dern auch, dass sie es ver­stand, die brei­tes­ten Mas­sen all die­ser Klas­sen durch rich­ti­ge Losun­gen und eine kla­re poli­ti­sche Linie zur Unter­stüt­zung der Revo­lu­ti­on zu mobi­li­sie­ren. (Die Kom­mu­ne von Kan­ton, 1928)“

1927 war ein Wen­de­punkt für die chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on. Dass die Auf­stän­de bru­tal nie­der­ge­schla­gen wur­den, war aus­schlag­ge­bend für die stra­te­gi­sche Ver­la­ge­rung der KPCh von den Städ­ten aufs Land – hin zur Schaf­fung einer Volks­ar­mee und zur Bau­ern­schaft – „unse­ren engs­ten Freun­den“. In „Leh­ren der Kom­mu­ne“ (1908) schrieb Lenin: „Sind die­se bei­den gewal­ti­gen Auf­stän­de der Arbei­ter­klas­se auch nie­der­ge­schla­gen – es kommt ein neu­er Auf­stand, dem gegen­über die Kräf­te der Fein­de des Pro­le­ta­ri­ats sich als zu schwach erwei­sen wer­den und aus dem das sozia­lis­ti­sche Pro­le­ta­ri­at mit einem vol­len Sieg her­vor­ge­hen wird.“

Etwas Ähn­li­ches könn­te man auch von den chi­ne­si­schen Auf­stän­den sagen. Nach jenem Jahr des Wei­ßen Ter­rors wur­de auf dem Sechs­ten Par­tei­tag der KPCh 1928 der 11. Dezem­ber offi­zi­ell als Jah­res­tag des Guang­zhou-Auf­stan­des began­gen, der „nicht nur ein neu­es Kapi­tel für die chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on eröff­ne­te, son­dern auch in der Geschich­te der Welt­re­vo­lu­ti­on eine gro­ße Bedeu­tung hat, mit dem glei­chen Wert wie die gro­ße Pari­ser Com­mu­ne“. Getreu die­sem Mot­to wird seit­her die Com­mu­ne von Guang­zhou erforscht, geehrt und an sie erin­nert.

2020 war der 93. Jah­res­tag des Guang­zhou-Auf­stan­des, der als „Pari­ser Com­mu­ne des Ostens“ bekannt wur­de. Zu die­sem Anlass wur­de ein neu­es „rotes Dra­ma“ in Ver­bin­dung mit einer Aus­stel­lung in der Guang­zhou-Auf­stands-Gedenk­hal­le pro­du­ziert. Das Gebäu­de aus der spä­ten Qing-Dynas­tie wur­de einst als Poli­zei­aka­de­mie genutzt, bevor es zum Sitz des Guang­zhou­er Sowjets umfunk­tio­niert wur­de. Im Jahr 1987 wur­de die­ser Ort in eine offi­zi­el­le Gedenk­stät­te umge­wan­delt. Bei der Gedenk­ver­an­stal­tung am 12. Dezem­ber tru­gen Stu­den­ten der Schu­le der Volks­be­frei­ungs­ar­mee die Geschich­te von Zhang Tail­ei vor, ein Pup­pen­spiel erzähl­te die Geschich­te der weib­li­chen Anfüh­rer des Auf­stands und die Uren­ke­lin des Hel­den Yang Yin band einem Stu­den­ten ein rotes Band um den Kra­gen – die sym­bo­li­sche Wei­ter­ga­be des revo­lu­tio­nä­ren Erbes von einer Genera­ti­on zur nächs­ten.


Tings Chak ist Künst­le­rin, Autorin und Orga­ni­sa­to­rin, die mit ihrer Arbeit zu Volks­kämp­fen im gesam­ten Glo­ba­len Süden bei­trägt. Ihre aktu­el­le For­schung kon­zen­triert sich auf die Kunst der natio­na­len Befrei­ungs­kämp­fe. Sie erhielt ihren Mas­ter of Archi­tec­tu­re an der Uni­ver­si­ty of Toron­to und ist Autorin und Illus­tra­to­rin von Undo­cu­men­ted: The Archi­tec­tu­re of Migrant Detenti­on (2017). Sie lei­tet die Kunst­ab­tei­lung des Tricon­ti­nen­tal: Insti­tu­te for Social Rese­arch, ist Redak­teu­rin der Dong­s­heng News und lebt in Shang­hai.

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