[gfp:] Kein Lockdown für Militärs

An Russlands Südwestflanke

Die US-Streit­kräf­te haben in der ver­gan­ge­nen Woche neue Details zum dies­jäh­ri­gen Groß­ma­nö­ver Defen­der Euro­pe 21 bekannt­ge­ge­ben. Dem­nach neh­men mehr als 30.000 Sol­da­ten aus 26 Län­dern an der Kriegs­übung teil, dar­un­ter neben 21 NATO-Staa­ten auch Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na und das Koso­vo, die Ukrai­ne und Mol­da­wi­en sowie Geor­gi­en. Die zunächst ver­brei­te­te Behaup­tung, auch Arme­ni­en sei ein­ge­bun­den, trifft nicht zu: Wie das arme­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um bestä­tigt, betei­ligt sich das Land nur dann an mul­ti­na­tio­na­len Manö­vern, wenn die­se der „Auf­recht­erha­tung des inter­na­tio­na­len Frie­dens und der Sta­bi­li­tät“ dienen.[1] Dies aber ist bei Defen­der Euro­pe 21 erkenn­bar nicht der Fall. Die Bun­des­wehr stellt die­ses Jahr 430 Soldaten.[2] Im Kern geht es bei dem Manö­ver – wie bei Defen­der Euro­pe 20 – dar­um, die Über­füh­rung einer gro­ßen Anzahl US-Sol­da­ten nach Euro­pa und dann wei­ter in Rich­tung rus­si­sche Gren­ze zu pro­ben, wobei der Schwer­punkt – im Unter­schied zu 2020 – nicht auf Russ­lands nord­west­li­cher, son­dern auf sei­ner süd­west­li­chen Flan­ke liegt: in Süd­ost­eu­ro­pa und am Schwar­zen Meer. Dies ist der Grund, wes­halb die Betei­li­gung der Front­staa­ten Ukrai­ne und Geor­gi­en die­ses Jahr ganz beson­de­re Bedeu­tung hat.

Die Truppenverlegung

Aktu­ell ist laut US-Berich­ten [3] die Ver­le­gung von US-Ver­bän­den über den Atlan­tik nach Euro­pa ein­ge­lei­tet wor­den. Zu den fünf Län­dern, in deren Häfen US-Trup­pen anlan­den oder aus denen sie spä­ter wie­der able­gen sol­len, gehört Deutsch­land; die vier ande­ren lie­gen dies­mal am Mit­tel­meer (Slo­we­ni­en, Kroa­ti­en, Alba­ni­en, Grie­chen­land). Auch deut­sche Flug­hä­fen wer­den von den US-Streit­kräf­ten für Defen­der Euro­pe 21 genutzt. Auf dem Kon­ti­nent ange­kom­men, wird ein Teil der Ein­hei­ten Kriegs­ge­rät auf­neh­men, das in gro­ßen US-Waf­fen­la­gern (Army Pre­po­si­tio­ned Stock, APS) gehor­tet wird; Zweck des APS ist es, im Ernst­fall die benö­tig­ten Rüs­tungs­gü­ter bereits in Euro­pa zur Ver­fü­gung zu haben und nur noch die Trup­pen ein­flie­gen zu müs­sen. In die­sem Jahr ist die Ver­wen­dung von APS aus Eygels­ho­ven (Nie­der­lan­de), aus Ita­li­en (Livor­no) sowie aus Deutsch­land geplant; in der Bun­des­re­pu­blik kom­men Bestän­de aus Dül­men oder aus Mann­heim in Betracht. Anschlie­ßend ist die Wei­ter­ver­le­gung in Rich­tung Osten bzw. Süd­os­ten vor­ge­se­hen; die Rou­ten sind im Detail noch nicht bekannt. Aller­dings ist Deutsch­land den US-Streit­kräf­ten zufol­ge eines der Län­der, deren Trup­pen­übungs­plät­ze bei Defen­der Euro­pe 21 für Teil­übun­gen genutzt wer­den.

Mit scharfem Schuss

Nach der Trup­pen­ver­le­gung, die vor­wie­gend im April statt­fin­den wird, sind im Mai Teil­ma­nö­ver auf über 30 Trai­nings­area­len in zwölf Län­dern geplant. Acht Län­der lie­gen in Süd­ost­eu­ro­pa und erstre­cken sich von Kroa­ti­en über wei­te­re Nach­fol­ge­staa­ten Jugo­sla­wi­ens sowie Alba­ni­en bis Rumä­ni­en, Bul­ga­ri­en und Grie­chen­land. Wie bereits im ver­gan­ge­nen Jahr sehen die Plä­ne vor, grö­ße­re Manö­ver, die schon seit län­ge­rer Zeit jähr­lich abge­hal­ten wer­den, in Defen­der Euro­pe 21 ein­zu­bin­den; dabei han­delt es sich zum Bei­spiel um „Swift Respon­se“, eine Luft­lan­de­übung, die die­ses Jahr mit mehr als 7.000 Sol­da­ten aus elf Län­dern in Rumä­ni­en und Bul­ga­ri­en sowie in Est­land statt­fin­den soll, und um „Saber Guar­di­an“, ein Teil­ma­nö­ver, bei dem mehr als 13.000 Sol­da­ten aus 19 Län­dern mit schar­fem Schuss trai­nie­ren und Ope­ra­tio­nen zur Luft- und Rake­ten­ab­wehr sowie eine medi­zi­ni­sche Eva­ku­ie­rung im gro­ßen Stil pro­ben. Nicht for­mell ein‑, aber doch ange­glie­dert ist das seit knapp zwei Jahr­zehn­ten abge­hal­te­ne Manö­ver „Afri­can Lion“, das auf eine Koope­ra­ti­on der Streit­kräf­te der USA und Marok­kos zurück­geht; an der Übung sind knapp 5.000 Sol­da­ten betei­ligt. Im Juni soll eine Simu­la­ti­ons­übung die Füh­rung von Trup­pen in über 100 Län­dern auf zwei Kon­ti­nen­ten pro­ben, bevor die US-Mili­tärs zurück­ver­legt werden.[4]

Die NATO im Schwarzen Meer

In der Schwarz­meer­re­gi­on, die – zusam­men mit Süd­ost­eu­ro­pa – den Schwer­punkt des dies­jäh­ri­gen Defen­der Euro­pe-Manö­vers bil­det, baut die NATO ihre Prä­senz seit gerau­mer Zeit ähn­lich wie im Bal­ti­kum aus. So ist im rumä­ni­schen Craio­va eine mul­ti­na­tio­na­le NATO-Bri­ga­de sta­tio­niert. Von der Air Base Mihail Kogăl­ni­cea­nu bei Con­stan­ţa aus füh­ren NATO-Flug­zeu­ge regel­mä­ßi­ge Patrouil­len­flü­ge („Air Poli­cing“) durch. Dar­über hin­aus inten­si­viert das west­li­che Mili­tär­bünd­nis sei­ne Mari­ne­prä­senz. Die­se muss den Ver­trag von Mon­treux aus dem Jahr 1936 berück­sich­ti­gen, der den Zugang zum Schwar­zen Meer durch die Dar­da­nel­len, das Mar­ma­ra­meer sowie den Bos­po­rus regelt: Dem­nach dür­fen sich Kriegs­schif­fe aus Nicht-Anrai­ner­staa­ten maxi­mal 21 Tage lang im Schwar­zen Meer auf­hal­ten; Über­was­ser­kriegs­schif­fe mit einer Ver­drän­gung von über 10.000 Ton­nen, Flug­zeug­trä­ger und U‑Boote von Nicht-Anrai­ner­staa­ten sind prin­zi­pi­ell nicht zur Ein­fahrt in das Gewäs­ser zuge­las­sen. Den­noch ope­rie­ren, wie die NATO berich­tet, die Mari­nen ihrer Mit­glied­staa­ten ins­ge­samt über zwei Drit­tel des Jah­res im Schwar­zen Meer [5]; auch die NATO selbst wei­tet aktu­ell die Prä­senz ihrer Mari­ne­ver­bän­de aus [6]. Dem Bünd­nis gehö­ren drei Anrai­ner­staa­ten (Rumä­ni­en, Bul­ga­ri­en, Tür­kei) an; zwei wei­te­re sind enge Ver­bün­de­te (Ukrai­ne, Geor­gi­en).

An beiden Fronten zugleich

Defen­der Euro­pe 21 wird unge­ach­tet der sowohl in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wie auch in Euro­pa unver­min­dert wüten­den Covid-19-Pan­de­mie abge­hal­ten. Wäh­rend die Frei­zü­gig­keit in der EU für Zivil­per­so­nen emp­find­lich ein­ge­schränkt ist, haben invol­vier­te Mili­tärs freie Fahrt; wäh­rend Impf­do­sen in der EU selbst für Risi­ko­grup­pen wei­ter­hin Man­gel­wa­re sind, wur­den US-Ein­hei­ten, die an dem Manö­ver betei­ligt sind, bereits zum zwei­ten Mal geimpft.[7] Und wäh­rend es der Bun­des­re­gie­rung bis heu­te nicht gelingt, eine auch nur halb­wegs genü­gen­de Men­ge an Impf­do­sen zu beschaf­fen, finan­ziert sie Defen­der Euro­pe 21 mit 2,9 Mil­lio­nen Euro sowie wei­te­re Manö­ver eben­falls mit Mil­lio­nen­sum­men; ins­ge­samt ver­an­schlagt das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um die Mit­tel, die die­ses Jahr für Kriegs­übun­gen aus­ge­ge­ben wer­den, auf rund 164,5 Mil­lio­nen Euro.[8] Dazu zählt erst­mals auch die Ent­sen­dung eines deut­schen Kriegs­schiffs in das Süd­chi­ne­si­sche Meer (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]): Wäh­rend sich die NATO und ihre Mit­glied­staa­ten – Deutsch­land inklu­si­ve – dort gegen Chi­na in Stel­lung brin­gen, pro­ben sie in den nächs­ten Wochen und Mona­ten den Auf­marsch gegen Russ­land; sie ope­rie­ren inzwi­schen gegen bei­de Mäch­te, an bei­den Fron­ten zugleich.

[1] Arme­nia does­n’t plan to par­ti­ci­pa­te in NATO Defen­der Euro­pe 21 exer­ci­ses, says Defen­se Minis­try. armen​press​.am 18.03.2021.

[2] S. dazu Kriegs­übung trotz Pan­de­mie (III).

[3] Todd South: Mas­si­ve, Army-led NATO exer­cise Defen­der Euro­pe kicks off. army​ti​mes​.com 16.03.2021.

[4] DEFEN­DER-Euro­pe 21 Fact Sheet. euro​peaf​ri​ca​.army​.mil.

[5] NATO Allied ships, air­craft patrol the Black Sea. nato​.int 28.01.2021.

[6] Gerd Por­tu­gall: Wie­der­hol­te NATO-Prä­senz im Schwar­zen Meer. beho​er​den​-spie​gel​.de 12.02.2021.

[7] DEFEN­DER-Euro­pe Vide­os: Second COVID vac­ci­ne dose pre­pa­res Cou­gar Bat­tali­on for Defen­der Euro­pe 21. euro​peaf​ri​ca​.army​.mil 11.03.2021.

[8] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Schrift­li­che Fra­ge 2/​360 der Abge­ord­ne­ten Sevim Dağ­de­len vom 19. Febru­ar 2021. Ber­lin, 01.03.2021.

[9] S. dazu Die neue deut­sche Kano­nen­boot­po­li­tik (II).

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